Archiv der Kategorie: Bernd Watzka

Rudolph das Rentier

Ich bin ein altes Rentier;
Rudolph werd ich genannt,
und meine Säufernase
ist im ganzen Land bekannt.

Sie leuchtet nachts im Dunkeln,
dennoch riss ich einen Stern;
seitdem bin ich traurig,
niemand hat mich seither gern.

Es war ein blöder Unfall
im Nebel der Weihnachtsnacht.
Bin damals sturzbesoffen
in einen Schlitten gekracht.

Am Kutschbock saß Santa Claus,
selbst auch schon illuminiert,
er erwachte im Krankenhaus,
Weihnachten war ruiniert.

Bernd Watzka
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 22128

Die Turritopsis-Qualle

Es jammert Falter Walter
wieder einmal übers Alter.
„Ich bin schon vierzehn Tage alt,
bald werden meine Fühler kalt.“

„Und ich“, beklagt sich Hausmaus Klaus
„Bin seit elf Monat’ hier im Haus.
Wie ich’s drehe oder wende,
es naht mein vorbestimmtes Ende!“

Da kommt Gelbbrust-Ara Clara
aus dem Dschungeldorf Tapara.
„Ich zähle hundertzwanzig Jahr,
das ist ein Jammer, ehrlich wahr!“

„Hey! Habt ihr sie noch alle?“,
fragt Turritopsis-Qualle Kalle.
„Ich bin die Ärmste weit und breit –
ich leide an Unsterblichkeit.“

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23017

Das weiße Kaninchen

„O weh, o weh, ich komm zu spät“,
seufzt das Wunderland-Kaninchen,
und seine roten Augen
leuchten im Kaninchenbau.

Kurz hält es inne und denkt nach.
,Was ist eigentlich mein Ziel?
Warum dieser Zeitkomplex?
Und wer zum Henker ist Alice?‘

Dann läuft’s Kaninchen weiter,
wie es im Buch geschrieben steht.
Da nähert sich mit einem Mal
eine Hand mit kleinen Fingern.

Das Kaninchen, es will schreien,
doch dafür ist es längst zu spät.
Die Hand greift nach der Bücherseite
und blättert das Kaninchen um!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23016

Der Brillenbär und der Python des Kleinen Prinzen

Der junge Brillenbär verliert
im Regenwald Brasiliens
–­ man ahnt es schon – die Brille.

Er donnert gegen Dattelpalmen,
gegen Felsgestein und Eisenkräne.
Das bricht dem brillenlosen Tier
Herz und Genick.

Da kommt der Python angekrochen
und blickt ihn an, den toten Bären.
„Man sieht nur mit der Brille gut!“

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23015

Der Shell-Fisch

Der frisch geschlüpfte Shell-Fisch
hat drei Augen und neun Flossen.
Den Nobelpreis für Medizin
kriegt Shell trotzdem nicht.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23014

Die Raupe im Tequila

„Wünsch dir nichts, denn Wünsche
können in Erfüllung gehen“,
sprach der Schmetterling
zur trinkfreudigen Raupe,
deren Traum es war, einmal im Leben
in Tequila ein Bad zu nehmen.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22142

Das falsche Glühwürmchen

Lars der läufige Leuchtkäfer umgarnt
ein Glühwürmchen, das heller leuchtet
als das Sternenzelt am Himmel.

Lars tanzt und balzt – und sein Verlangen
wächst; und wächst.
Das Glühwürmchen jedoch
zeigt ihm die kalte Schulter
und rührt sich nicht vom Fleck.

Da wird’s dem Lars zu blöd.
Verrückt vor Lust stürzt er aufs Würmchen
und sieht zu spät: Es ist ein Birnchen!
Sein letztes Wort, das ist ein „Pfff“.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23013

Die alten Dichter-Tiere

Das Wiesel verstummt auf seinem Kiesel.
Der Panther im Jardin des Plantes erstarrt,
und die Vögelein schweigen im Walde –
als Amanda Gorman mit gelbem Mantel
und rotem Haarreif die Bühne betritt
und ihre Gedichte ins Mikrofon
der Weltöffentlichkeit schmettert.

Wiesel, Panther und die Vögelein
kehren frustriert beim Branntweiner ein.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23012

Die Rentiere

Im eisigen Wind
des Hamburger Tiergartens
träumt ein verschlepptes Rentierehepaar
von seinem Zuhause:
dem Münchner Tiergarten.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23024

Planet der Asseln

Längst ausgestorben sind
Mensch, Hauskatze und Rind.

Wer hätte das gedacht:
heut’ sind wir Asseln an der Macht.

Statt zu hungern in den Kellern
speisen wir aus gold’nen Tellern

Spinneneier, frischen Kot,
Flöhe, lebendig oder tot.

Wir sind heute auch sehr klug
kennen längst schon Lug und Trug.

Wir legen gegenseitig uns rein –
warum sollen wir was Bess’res sein!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23010