Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Stellvertreter

Ich weiß nicht ganz genau, wann es geschah, dass ich ersetzt wurde, doch ich erinnere mich genau, wie es vor sich ging.

Morgens vor einigen Monaten zog ich mich an, Hemd, Anzughose, Krawatte, Sakko, da stand er zirka einen Meter links von mir und sah mir zu. Er war durchsichtig, an seinen Konturen war er erkenntlich. Er war so groß wie ich. Als ich den Raum verließ, verschwand er.

Aber er kam wieder. Nächsten Abend saß er neben meiner Frau auf dem Sofa und sah anscheinend mit ihr fern. Ich hörte währenddessen in der Küche mit meinem Laptop und Kopfhörern Musik. Diesmal war er etwas weniger durchsichtig. Er sprach nicht, er bewegte sich nicht viel. Gerrit, meine Frau, reagierte nicht auf ihn. Auch unser fünfjähriger Sohn Mickie nahm keine Notiz von ihm. Offensichtlich sah nur ich ihn. Er war der Eindringling.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich wollte einiges im Büro erledigen, bevor das Tagesgeschäft losgehen würde. Gerrit schlief noch. Als ich das Schlafzimmer verlassen und die Tür hinter mir geschlossen hatte, erblickte ich ihn, den Eindringling. Er war halb durchsichtig. Er versperrte mir den Weg ins Badezimmer. „Geh weg!“, sagte ich, worauf er ins Wohnzimmer ging und sich auf einen Stuhl setzte.

„Warum löst er sich nicht einfach auf?“, fragte ich mich. „Weil er es nicht will“, antwortete ich mir selbst. „Er beabsichtigt zu bleiben.“ Ich hatte aber gerade nicht den Kopf, mich um den Eindringling zu kümmern. Ich musste mich fertigmachen, ich sollte möglichst früh im Büro sein. Bevor ich die Wohnung verließ, bemerkte ich, dass der Eindringling immer noch auf dem Stuhl saß. Er hatte die Stehlampe eingeschaltet und las ein Buch.

Ich tat mir schwer beim Arbeiten im Büro. Ich wurde nicht fertig mit dem, was ich mir vorgenommen hatte. Dabei sollte ich mich ranhalten, ich bin nicht der Überflieger unter den Büroangestellten, sondern derjenige, der seinen Arbeitsplatz verteidigen muss. Aber mir war bewusst, dass der Eindringling eine wachsende Gefahr darstellte. Natürlich konnte ich mich unter diesen Umständen schwer konzentrieren. Ich durfte über ihn klarerweise auch kein Wort verlieren. Was sollte ich auch sagen: „Mein Alter Ego ist im Begriff, bei mir einzuziehen. Und ich bin im Begriff, aus unserer Wohnung auszuziehen?“ Das Mindeste, was mir dann gedroht hätte, wäre wohl die Nervenheilanstalt gewesen.

Gegen achtzehn Uhr war ich wieder zuhause. Auch der Eindringling war anwesend, er spielte mit Mickie in seinem Zimmer Lego. Nun war er gänzlich sichtbar, und – er sah aus wie ich, genau gleich. Er sprach mit Mickie mit einer Stimme, die genau klang wie meine. Ich stand in der offenen Tür zu Mickies Zimmer und sagte: „Hallo!“ Mickie sagte auch: „Hallo!“, ebenso wie der Eindringling, der sich zu meinem Stellvertreter weiterentwickelt hatte. Mickie wunderte sich gar nicht, dass mein Stellvertreter mit ihm spielte, genauso wenig, wie sich Gerrit beim Abendessen wunderte, dass es da nicht nur mich, sondern auch meinen Stellvertreter gab, der mitaß und Gespräche führte. Es war, als wäre er schon immer hier gewesen.

Am nächsten Morgen, als ich gerade den Wagen startete, klopfte er an das Fenster der Beifahrerseite. Er war gekleidet wie ich. Was sollte ich tun? Ich ließ ihn einsteigen. Er wollte sogar mit mir plaudern, da fiel mir auf, dass seine Zähne besser waren als meine, weißer und vor allem vollständig. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich dachte auch, dass ich das Recht hätte, auf den Smalltalk aus Höflichkeit verzichten zu dürfen.

In der Firma begleitete er mich auf allen Wegen. Er lernte, was ich arbeitete. Ich hatte die Vermutung, besser gesagt die Befürchtung, dass er sehr sich schnell und exakt mein Wissen und meine Tätigkeiten aneignete.

Niemand nahm Notiz von ihm. Ich weiß nicht, wie das funktionierte, ich habe keine Ahnung. Es geht offensichtlich automatisch: Wo mein Stellvertreter unsichtbar sein soll, ist er unsichtbar. Wo man ihn sehen soll, ist er sichtbar.

Würde es jetzt so laufen, dachte ich am Abend, dass er statt mir meine Arbeit im Büro erledigte? Es gäbe Schlimmeres als das, logisch, doch ich vermutete nicht, dass ich mir die Rosinen aus dieser Situation herauspicken können würde.

Nach dem Abendessen blieb Gerrit mit ihm am Tisch sitzen. Er erzählte ihr von Reisen, die er unternommen haben wollte, als jugendlicher Tramper und zuletzt mit dem Motorrad. Er sprach mit ihr über Mode und über Musik, er kannte sich dabei augenscheinlich sehr gut aus. Gerrit saß ihm gegenüber, ihre Augen strahlten.

Je stärker er wird, desto schwächer werde ich.

Ich sitze nun vor meinem Computer und bemerke, als ich an mir heruntersehe, dass ich durchscheinend werde.

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22146

Mein Land

Mein Land ist nicht auf diesem Boden.
Es liegt über den Gipfeln, über den höchsten Wolken.
Ich bin sein einziger Bewohner.
Die Winde sind schnell.
Wenn ich weiter steige, lebe ich in der ewigen Nacht.
Und ich benötige keine Luft, weil ich nicht atme.

Der Blick über Klagenfurt bis nach Lipizach am 6. Juli 2022

Der Blick über Klagenfurt bis nach Lipizach am 6. Juli 2022

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 23018

Komm zurück!

Angeregt von Brigitte Kranz

Komm zurück!
Du bist im Himmel,
aber in keinem schönen, sondern im schwarzen.
Komm zurück!
Und in welcher Zeit lebst du überhaupt, 1967 oder 2092?
Heute ist der 14. August 2022.
Da solltest du sein.
Geh dorthin!,
sonst verschwindest du in Zeit und Raum.

galaktisch

galaktisch

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22133

Meine Königin

Ich bin der Richtige für dich, Baby.
Lass mich es dir beweisen.
Du wirst meine Königin sein.
Hundertzwanzig Lakaien werden dich bedienen.
Dir wird es an nichts mangeln.
Und du wirst dir nichts mehr wünschen,
weil du schon alles hast.

JACK’S BURGER

JACK’S BURGER

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 22132

Ag

Sie war nicht, wie sie schien. Die Stadt aus Silber und Licht war eine andere. Sie war die aus Dunkelheit und Unrat.

Wie konntest du dich nur so täuschen? Weil man sieht, was man sehen will, nicht? Die Hoffnung sucht immer fettes Futter. Die Stadt sollte sein, wie du sie am liebsten hättest. Von Weitem leuchtete sie. Damit zog sie dich an. Du durchquertest die Wüste, warst durstig und hungrig, und da erschien sie am Horizont. Du nähertest dich ihr, und die Stadt blieb. Sie war keine Lichtspiegelung, sie war real. Du konntest deine Freude mit niemandem teilen, weil du allein in deinem Geländewagen saßt, mit vielen Kanistern Benzin. Vor fünfzig Jahren wärst du vielleicht noch auf einem Kamel gesessen, ja, kann gut sein, doch diese Zeiten sind vorüber. Du fuhrst in die Stadt hinein, alle paar Meter wurde sie dunkler. Als du deinen Wagen abstelltest, gab es keine Straßenbeleuchtung mehr.

Besonders merkwürdig war, dass du niemanden verstehen konntest. Wie beim Turmbau zu Babel, wo jeder seine eigene Sprache hatte. Dort wird es wohl deshalb gewesen sein, weil viele ausländische Arbeitskräfte angereist waren.

Hoffentlich werden sie meine Währung akzeptieren, dachtest du. Du brauchtest ja einen Schlafplatz. Du sahst dich um. Seltsam, dachtest du, kein Hotel, keine Pension. Es muss doch Bedarf an Übernachtungsmöglichkeiten herrschen. Was tun denn all die Leute auf der Straße? Es kann ja nicht sein, dass jeder hier einen Wohnsitz hat. Dir fielen auch keine Lokale auf, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Keine Geselligkeit, keine Möglichkeit, seinen Durst und seinen Hunger zu stillen. Das konnte doch nicht sein!

Welch seltsame Stadt war das hier? Die Kennzeichen der Autos, Lkws und Motorräder waren auch alle unterschiedlich. Hier war anscheinend niemand heimisch. Gesetzt den Fall, überlegtest du, die Stadt hätte mich bewusst angelockt wie eine fleischfressende Pflanze, wobei ich dann das fleischige Opfer wäre, was hätte sie dann vor? Hinter dem Licht war nur noch Dunkelheit. Hier wirkte die Stadt wie ein riesiges Grab.
Manche Männer, Frauen und Kinder sprachen dich an, in flehendem Ton. Gelegentlich zeigten sie Fotos von ihnen wichtigen Menschen. Auch ohne die Sprachen zu verstehen, war dir klar, dass diese Menschen abgängig waren. So abgängig, dass sie geradezu von der Oberfläche verschwunden waren? Ist gut möglich, dachtest du. Wie soll ich wissen, wo jemand ist, überlegtest du, ich bin doch fremd hier? Und nicht nur etwas fremd, sondern völlig fremd. Kann man hier überhaupt ein normales Leben führen? Sicherlich nicht leicht, und wenn, wäre es ein low life, ein Leben, das niemand will.

Bin ich seit fünftausendsechshundert Kilometern unterwegs, um hier zu landen?, dachtest du. Nein, ganz bestimmt nicht! Nur, ganz am Anfang, also außen war diese Stadt ja wirklich jene aus Licht und silbrig glänzenden Oberflächen. Die Stadt lud ein, sie zu betreten. Um realistisch zu bleiben, musste man in Betracht ziehen, dass diese Stadt die einzige im Umkreis von zirka tausend Kilometern war. Sehr außergewöhnlich war jedoch, dass diese Stadt weder in einer elektronischen Landkarte noch in einer aus Papier eingetragen war.

Wie hieß sie überhaupt?, dachtest du. Nirgendwo stand ihr Name. Hätte dich jetzt jemand gefragt, wo du bist, was hättest du antworten sollen? Ich bin in der Stadt, die keinen Namen trägt, wäre die korrekte Antwort gewesen.
Hätte der Fragensteller dir nicht geglaubt und hättest du ihm die Koordinaten deines Standortes, dieser Stadt, durchgegeben, was hätte er auf seinem Bildschirm gesehen? Er hätte Wüste gesehen und sonst nichts, nicht einmal eine Oase, nichts außer Wüste. Du überlegtest noch einmal, wie du hier sein konntest, und in dir stieg der Gedanke hoch, dass du möglicherweise gestorben warst, und hier fand dein Leben danach statt, dein Nicht-Leben. Das klang sogar recht plausibel, fandst du. Doch du verspürtest Durst und hattest Hunger, was bedeutete, dass du noch über deinen Körper verfügtest. Also war es wahrscheinlich, dass du noch am Leben warst, am Leben vor dem Tod.
Müde warst du übrigens nicht, du standst wohl unter Adrenalin. Viele der Bewohner dieser Stadt wirkten bedrohlich. Wenn du dich einfach irgendwohin gelegt hättest, hättest du damit rechnen müssen, zumindest ausgeraubt zu werden. Oder jemand hätte dich über den Fluss geschickt, der von deinem Leben zu deinem Tod führte.

Du beschlossest, diese Stadt zu verlassen, und gingst dorthin zurück, wo du annahmst, deinen Geländewagen abgestellt zu haben. Doch die Stadt war zu groß, es waren zu viele Straßen und Plätze. Und dann war da noch etwas: Diese Stadt wirkte, als hätte sie sich verändert, nicht nur an einer Seite gestaucht und an einer anderen verlängert, sondern als wäre sie tatsächlich eine andere geworden. Du setztest dich einfach irgendwo auf den Bürgersteig. Wie geht es weiter?, fragtest du dich, worauf die Antwort war: keine Ahnung.
Du sahst dein Smartphone an. Kein Empfang. Das passt ins Bild, dachtest du. Die Zeitanzeige auf dem Smartphone lief, 16 Uhr, 17 Uhr bis 24 Uhr, dann wieder 1 Uhr und so fort. Auf deiner Armbanduhr überholte der lange immer wieder den kurzen Zeiger.

Rötliche und weißgelbe Lichter hinter den ÖBB-Lärmschutzwänden mit Vögeln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf

Rötliche und weißgelbe Lichter hinter den ÖBB-Lärmschutzwänden mit Vögeln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22101

Das Tiny House

Du willst in einem Tiny House in Schleswig-Holstein wohnen?
In einem Tiny House?
In Schleswig-Holstein?
Na, dann wünsche ich dir viel Spaß dabei und alles Gute auf deinem zukünftigen Lebensweg.

Holstein-Kühe auf der Weide nahe Wolfsberg im Juli 2021

Holstein-Kühe auf der Weide nahe Wolfsberg im Juli 2021

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 22100