Archiv der Kategorie: Verena Tretter

Lügen

„Schade, jetzt ist es weg“, sage ich zu meiner kleinen Tochter, als sie freudestrahlend ins Zimmer läuft, um das Christkind zu sehen. Solche und mehr Lügen über Osterhase, Nikolaus, Krampus und Co. hab ich ihr seit frühester Kindheit aufgetischt, und ich hoffe inständig, dass mir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird.
Aber ehrlich gesagt bin ich sogar noch schlimmer: Eines Tages, als wir im Wald spazieren gingen, funkelte etwas zwischen den Bäumen, und als sie mich fragte, was das sei, erwiderte ich verträumt: „Vielleicht sind das kleine Elfen, die gerade im Sonnenschein tanzen.“ Sie freute sich wahnsinnig über das, was ihre kleine Fantasie – angefixt durch Mamas Lüge – ihr da zu sehen ermöglichte.

Ich freute mich auch, nämlich über die Grenzenlosigkeit, die meine süße Kleine noch erlebt. Über das Glück in ihren Augen, während sie in dieser „alles ist möglich“-Welt lebt, die neben Hexen und Zauberschülern auch das Christkind und den Osterhasen beherbergt. Ich frage mich manchmal, ob ich traurig war, als ich erfahren habe, dass diese Wesen nicht existieren. Leider habe ich keine Erinnerung mehr an diesen Tag, aber mir ist heute noch sehr bewusst, dass der Zauber von damals weg ist – gefressen von bösen Monstern, wie „Geldsorgen“ oder einer allzu nüchternen „Realität“. Vielleicht sind diese Lügen, die wir Kindern auftischen, in Wirklichkeit kleine Zugeständnisse. Wir gestehen ihnen damit eine Art Galgenfrist zu, bevor für sie der Ernst des Lebens beginnt und aus fantasievollen kleinen Leuten, die weltverbessernde Ideen entwickeln, funktionierende Retorten-Bürger werden.

Ich finde es schade, dass die Grenzenlosigkeit dieser kindlichen Zauberwelt weichen muss, wenn man als mündiger Mensch in die Strukturen dieser Gesellschaft gepresst wird. Es darf nicht sein, dass man über den Tellerrand hinaus an etwas glaubt, das vielleicht sehnsüchtig in einem schlummert und das einem vielleicht sogar das Gefühl gibt, ein Stück weit frei zu sein.

Obwohl wir den Kindern, wenn sie größer sind, nach und nach ihre Kindlichkeit aberziehen und die anfänglichen Lügen dann wieder zurücknehmen, gibt es doch noch Institutionen, die sich das Recht vorbehalten, ihre sogenannten Wahrheiten in die Welt hinaus zu blasen.
Da wird dann von fünf Pflichten, einem dreifaltigen Gott, dem Messias, einer ewigen Ordnung oder von vier Ausfahrten gesprochen – schlicht, die fünf Weltreligionen. Der Glaube an diese Religionen ist laut unseren gesellschaftlichen Normen anerkannt.

Nun frage ich mich aber doch, warum der kindliche Glaube an Elfen, Zauberer und Co. als falsch betrachtet wird, während der Glaube an die fünf Weltreligionen anerkannt ist. Ich denke, dass jeder Mensch auf dieser Welt das glauben sollte, was tief in ihm schlummert. Es sollte keine Prediger geben, die den Menschen ihre Ansichten einimpfen und ihnen überlieferte Lügen ohne jegliche Beweiskraft auftischen.
Ebenso sollten jene Menschen, die auf diese Lügen angesprungen sind, sich fragen, weshalb sie sich auf der Suche nach Spiritualität nicht einfach auf ihre Kindheit besinnen, um den Zauber dieser Tage wieder entstehen zu lassen. Lügen sind also relativ, obwohl das Wort für sich einen äußerst kraftvollen und im negativen Sinne dominanten Charakter aufweist.

Leider muss ich meine Kleine nach den derzeitigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen anlügen, wenn ich ihr den Glauben an ihre Zauberwelt nicht nehmen will. Schade, dass es sowas wie eine globale Fairness nicht gibt – eine Ethik der Superlative – wo alles wahr sein darf, was in unschuldiger Verträumtheit wahr sein will, und nichts als Lüge beschimpft wird, was in edler Gesinnung mündet.

Ich wünsche mir, dass meine Kleine auch mit dreißig oder gar hundert Jahren noch verträumt durch den Wald spaziert und sich bei einem Funkeln insgeheim denkt, sie hätte dort oben wieder eine Elfe im Augenwinkel gesehen. Ich wünsche mir eine Welt, die sie in diesem Glauben belässt, ohne ein selbsternanntes Recht auf Zuerkennung und Benennung von Wahrheit oder Lüge. Ich wünsche mir eine Welt, die erkennt, dass auch das Verschweigen von Wahrheit eine Lüge ist, wenn dadurch – und wenn auch nur in kollateraler Form – jemand geschädigt wird. Schlussendlich wünsche ich mir noch eine Welt, die Kinder nicht anlügt, sondern ihnen statt Lügen die Möglichkeit gibt, ihre Fantasie durch Vermutungen wachsen zu lassen. Ich vermute also, dass Elfen existieren – bitte verzeihen Sie mir diese Lüge.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16067

Ballonfahrer

„Verständnisvoll“ ist einer dieser unfassbaren Begriffe… Ein Wort, das nicht klar darstellt, wie viele Opfer man tatsächlich dafür erbringen, oder wie viel Groll man dafür hinunterschlucken muss, um eben für sich selbst als verständnisvoll zu gelten. Wie sehr man sich innerlich auch verbiegt, um Verständnis zu zeigen, das Wort selbst verändert sich nicht. Selbst Adjektive wie: „sagenhaft“ oder „unsagbar“, die man davorstellt, um die Intension zu betonen, bringen den tatsächlichen Sachverhalt oft nicht zum Vorschein. Manchmal ist es eine Kleinigkeit und mit einer einfachen Entschuldigung ist wieder alles im Lot – so als würde man in einer vollgestopften U-Bahn angerempelt, woraufhin der Rempler sich entschuldigt und man selbst gar nicht auf die Idee gekommen wäre, mit der Erwiderung: „nichts passiert“ Verständnis gezeigt zu haben.
Doch in gewissen Angelegenheiten dehnt und wächst dieser Verständnisbegriff auf Ballongröße heran. Nicht auf Luftballongröße, sondern auf die eines Heißluftballons, der schnell mal einen Korb mit Elefanten über die Alpen schleppen muss. Das sind genauer gesagt solche Situationen, die einen zutiefst verletzt haben, man aber trotz allem versucht, die Perspektive oder noch präziser, das Motiv des Gegenübers nachzuvollziehen. Wenn man dann dahinterkommt, dass man im Zusammenspiel der Ereignisse eigentlich nur ein Kollateralschaden war, ist es eigentlich noch einigermaßen verzeihbar. Wenn so eine Verletzung aber aus reiner Nachlässigkeit, Ignoranz oder gar Böswilligkeit passiert, stürzen plötzlich ganze Konstrukte diverser Weltanschauungen – die Freundschaft betreffend – in sich zusammen und der metaphorische Verständnis-Ballon wächst in schmerzhafte Dimensionen.

Leider habe ich in meinem Leben schon einige dieser Verständnis-Ballons wachsen lassen, um Konflikte mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht zu eskalieren. Genau diese Menschen, die einem so nahestehen, dass man einen mietfreien Fixplatz in seinem Herzen für sie reserviert hat, verletzen einen dann am härtesten, und selten aber doch hält der Ballon die Spannung nicht mehr aus und explodiert, einem Weltuntergangsszenario nahe, in tausend blutende Stücke. Katastrophal ist für dieses Szenario nur ein Hilfsausdruck, weil ringsum sämtliches emotionale Leben ausgelöscht wird. Die weltliche Übersetzung dieses Infernos,nennt man auch „in einen Blutrausch verfallen“ oder wenn es einem schlicht „die Sicherungen raushaut“.

Nun kann man sich unter einem Blutrausch so einiges vorstellen, doch Anna, die vor kurzem exakt so einen am eigenen Leib erlebte – es waren tatsächlich fast alle Sicherungen in ihrem Hirn geflogen – beschrieb ihn in einer späteren Erzählung wie folgt: „Als ich an diesem Abend nichtsahnend in mein Stammlokal ging, um mir nach der unfreiwilligen Trennung von meinem Exfreund in aller – passiv-aggressiven – Seelenruhe einen in die Rübe zu kippen, hätte ich niemals gedacht, dass ich an diesem Abend auch meine damals beste Freundin, zusammen mit dem Ex, verabschieden würde. Ich saß an der Bar und wartete auf Betty, weil meine erste Wahl, Christina, seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar war. Etwas enttäuscht über Christinas Verhalten – da ich sie als offiziell ernannte „beste Freundin“ nach der Trennung dringend als Anker gebraucht hätte – war ich Betty sehr dankbar für ihren Solidaritätsakt, sich mit mir an diesem Abend zu betrinken.
Nach zwei Gläsern Wein wurde das Gesprächsthema immer brisanter, denn Betty hatte sich schlichtweg verplappert und nach meiner selbstmitleidigen Anklage, Christina sei seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar, emsig geantwortet, dass diese mit T…horsten um die Häuser ziehen würde. Als ich sie ungläubig ansah, da ich meinte, sie nach ihrer „T-Pause“ entlarvt zu haben, und sie dabei auch noch beschämt errötete, war meine Vermutung also richtig: Sie traf sich mit Tim, meinem Tim, meinem „Wir-sollten-künftig-getrennte-Wege-gehen-Tim“, schlicht, meinem EX! Betty sah mich aus Hundeaugen an und sagte: „Bitte verrate mich nicht, ich habe geschworen, dir nichts davon zu sagen!“ Ich blickte Betty weiter an, nahm ihre Hand und begann leise draufloszuheulen, zum Glück befanden wir uns mittlerweile an einem versteckten Tischchen im hinteren Eck des Gastraumes, so konnte man mich zumindest nicht gleich auf den ersten Blick bei meinem Gefühlsausbruch erkennen.

Der Gefühlscocktail, der sich nun in mir zusammenbraute, bestand aus: 10 cl Trauer, 5 cl Empörung, 4 cl Ärger über meine eigene Dummheit, einem Dash Machtlosigkeit, einer gehörigen Portion Wut als Filler und einer hübschen Garnitur aus zerbrochenen Herzstückchen – feinsäuberlich aufgespießt und drapiert, versteht sich. Ob ich wollte oder nicht, ich trank das giftige Gebräu auf ex und was dann folgte, war ein Gefühls-Kater, der sich über Wochen hinweg bemerkbar machte. Ich konnte der armen Betty dann noch entlocken, dass die Geschichte zwischen ihr und Tim wohl schon während unserer Beziehung begonnen hatte, was mir dann emotional tatsächlich noch den Rest gab. Der Abend mit Betty war natürlich nach weiteren fünfzehn Minuten vorbei und ich schnappte mir das nächste Taxi nach Hause, wo ich sämtliche Hemmungen fallen ließ und ein Heulkonzert der Sonderklasse anstimmte.

Nach einigen Tagen des Grübelns war für mich klar: Der Abschied von meinem Exfreund war nicht der einzige in dieser Phase meines Lebens. Auch meine beste und langjährige Freundin hatte sich mit ihrem Handeln aus meiner Welt und meinem Herzen nicht nur verabschiedet, sondern geradewegs hinauskatapultiert. Nun war mir auch klar, weshalb sie sich immer weiter zurückgezogen hatte und zum Ende hin auch kaum mehr erreichbar war. Nun wurde ich also doppelt sitzengelassen, dachte ich – „großartig, einfach nur großartig.“

Nach etwa sechs Wochen, in denen ich, von innerlichen Höhen und Tiefen gebeutelt, meinen Alltag bestritt, konnte ich meine sogenannte Freundin, die von meinem Wissen über ihren Verrat noch nicht informiert war, zu einem Treffen überreden. Mir war in erster Linie wichtig, ihr meine Meinung ins Gesicht zu sagen, um meinen Gefühlen damit ein Ventil zu verschaffen. Als ich sie an diesem Abend traf, machte ich keinen Hehl aus meiner Enttäuschung und konfrontierte sie umgehend mit den Infos, die Betty mir mit alkoholgelockerter Zunge verraten hatte – allerdings ließ ich Betty wie versprochen außen vor. Christina versuchte im ersten Moment, die Flucht nach vorne anzutreten und war empört darüber, „dass ich sie so in die Falle gelockt hatte“, da ich diesen Abend im Vorfeld jedoch tatsächlich akribisch – fast schon wie besessen – geplant hatte, fiel es mir relativ leicht, im entscheidenden Moment die Ruhe zu bewahren.

Irgendwann begann Christina zu weinen, da Tim sie offenbar eiskalt hatte stehen lassen. Doch um ehrlich zu sein, interessierte mich das nicht im Geringsten. Ich rief den Kellner, bezahlte meine Rechnung und ließ meine beste Ex-Freundin alleine im Lokal zurück. Sobald ich die Türe des Lokals geschlossen hatte, atmete ich tief ein, brachte meine hängenden „Trauerschultern“ der letzten Wochen wieder in Position und ging erhobenen Hauptes zurück in mein neues Leben.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16061

Zehn Minuten

In zehn Minuten kann vieles geschehen.
Ich kann ein Stück Land bebauen und mit Leben versehen.
Ich kann mit dir sprechen, dir zuhören und dir Mut machen.
Ich kann ein Gedicht schreiben, dabei weinen oder lachen.
Ich kann auf meine große Liebe warten und mich auf sie freuen,
kann dabei schlechte Gedanken und Zweifel zerstreuen.

In zehn Minuten kann vieles geschehen.
Du kannst deinen letzten Weg ohne Abschied begehen.
Du kannst in deine Ewigkeit schreiten, doch ich hätt´ gern die Ehre gehabt,
dich dabei zu  begleiten.

In zehn Minuten kann vieles geschehen.
Ich kam zu spät, um dich gehen zu sehen,
um deine Hand zu berühren und unser letztes „Lebwohl“ mit dir – mein Herz – zu vollführen.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 16045