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Die Fährte

Sie saß auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvertäfelung und schloss die Augen. Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden Händen umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte.  Es war Samstag und ihr Mann war auf Geschäftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. Nur der Anwesenheit des Hundes, der neben ihr in der Wiese lag, war es zu verdanken, dass sie sich nicht einsam fühlte. „Er wird an deiner Seite sein, wenn ich unterwegs bin“, meinte er damals, als er mit dem kleinen Welpen im Arm in der Tür stand. Sie hatte Freude an dem Hund, vom ersten Tag an. Doch der Ehemann war nun immer öfter für Tage unterwegs.

Der Ruf des jungen Mäusebussards im angrenzenden Wald ließ sie aufhorchen. Sie hob die rechte Hand und beschattete ihre Augen. „Was will er uns wohl mitteilen, Hank?!“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zum Hund. Dieser hob den Kopf, den er vorher auf seine Vorderpfoten abgelegt hatte, und spitzte die Ohren.

Hank erhob sich und trabte Richtung Waldrand. Sein dunkelbraunes Fell glänzte in der Sonne, seine Bewegungen waren elegant, beinahe katzenhaft. „Hank, bleib hier! Du sollst nicht alleine in den Wald!“, rief sie ihm hinterher. Doch Hank war nicht beeindruckt. Dies war völlig untypisch für den normalerweise sehr folgsamen Hund. Sie erhob sich von der Bank, stellte die Kaffeetasse ab, pfiff auf zwei Fingern und wartete. Nichts.

Plötzlich nahm sie es wahr. Der Wald, die Stimmung, das Licht – alles war anders an diesem Morgen. Obwohl ein lauer Wind wehte, rührten sich die Blätter der Laubbäume nicht. Alles schien erstarrt, der Wald lag ruhig vor ihr, der Mäusebussard war verstummt und der Hund verschwunden. Die zarte Frühlingssonne tauchte alles in samtig gelbes Licht, die Umgebung schien von einer hauchdünnen Seidendecke eingehüllt. „Wie die Ruhe vor dem Sturm“, dachte sie.
„Hank!“, rief sie – doch sogar ihre Stimme schien von dem Licht verschluckt zu werden.

Sie holte den Mantel vom Haken in der Garderobe, schloss die Tür ab und ging in den Wald. Ihre Schritte auf dem Schotterweg waren kaum zu hören, als ob sie mit Schalldämpfern an den Schuhen unterwegs wäre. Sie folgte dem üblichen Weg, den sie sonst gerne mit dem Hund spazierte. Irgendwo musste er doch zu finden sein? An der Weggabelung angelangt, blieb sie stehen und schaute in beide Richtungen. „Hank?“ Es war nun kein Rufen mehr, eher ein fragendes Flüstern. Und dann sah sie ihn! Die Rute des Hundes war noch zu erkennen in der Ferne, als er um eine Baumgruppe bog. Er trabte den Hügel hoch, der in ein ziemliches Dickicht führen würde.

Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz pochte und nun wurde sie nervös. Sie kannte ihren Hund nicht mehr, er war die ganzen Jahre noch nie weggelaufen. Der Aufstieg erwies sich als sehr mühsam, der Waldboden war locker und teilweise rutschte sie weg. Manchmal musste sie sich an einem Baum hochhanteln, so steil war es. Aber nun war wenigstens der Hund nicht mehr weit von ihr entfernt. Manchmal drehte er sich um, wartete ein Weilchen und lief dann wieder voran.

Endlich war sie bei ihm angekommen. Noch nie war sie in dieser Gegend gewesen. Sie spürte einen leichten Windhauch in ihrem schweißnassen Nacken, doch auch hier war der Wald lautlos, regungslos. Sie lehnte sich an einen Baum, musste tief Luft holen und stützte sich mit den Händen auf ihren Knien ab. „Hank, was ist heute los mit dir?“ Der Hund hechelte ein wenig, sah sie an, machte dann auf den Hinterläufen kehrt und trabte einen schmalen Pfad entlang, der zu einem großen, spitzen Felsvorsprung führte. Dann blieb er abrupt stehen, verharrte, hob gleichzeitig einen Vorderlauf und winkelte diesen an. Sie dachte, er hätte wohl Wild entdeckt in der Ferne und folgte ihm langsam. Hank starrte in eine Richtung, die für sie noch nicht frei einzusehen war. Dann war ein leises Winseln von Hank zu vernehmen, nur kurz. Hank ging vier oder fünf Schritte rückwärts, zog die Rute ein und legte sich hin.

Aufmerksam folgte sie dem Pfad – dann stand er plötzlich vor ihr, etwa vier Meter höher auf dem Felsvorsprung. Ein beeindruckendes Tier. Die bernsteinfarbigen Augen fixierten sie, ihre Blicke trafen sich. Sie blieb stehen und hielt gleichzeitig den Atem an. Der Wolf hatte graubraunes Fell, einen kräftigen Nacken, er war gut genährt und strahlte Dominanz aus. Der Wind streifte über sein Fellkleid und malte Schattierungen. Sie konnte sich nicht losreißen von seinen Augen, sie schienen so klug, so allwissend und doch auch warnend. In ihren Adern pulsierte es, ihr ganzer Körper schien zu glühen. Es war keine Angst, die sie verspürte, es war eine freudige Erwartung von etwas Unbekanntem. Ganz langsam und ruhig näherte sich dem Wolf nun von der hinteren Seite ein weiteres Tier. Es war etwas kleiner und nicht ganz so imposant, aber mit ebenso wunderschönen, bernsteinfarbigen Augen. Dahinter waren nun auch drei oder vier Welpen zu sehen, ganz jung mussten sie noch sein. Es war also die Fähe, die dem Rüden neugierig folgte, jedoch respektvolle Distanz hielt.

Der Wolf fixierte sie noch eine Weile, leckte sich dann die Schnauze und wandte sich ab. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Es kam ihr vor, als wären es Stunden gewesen. Als sie sich zu Hank umdrehte, lag dieser immer noch unterwürfig auf dem Pfad. Sie flüsterte: „Hank, komm, wir gehen.“ Er erhob sich ruhig und ging langsamen Schrittes voraus.

Nun war das Blätterrauschen wieder zu hören, ihre Schritte waren nicht mehr gedämpft, ein helles Licht durchflutete die Bäume. Als würde der Wald nun wieder atmen.

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. „Hallo mein Schatz, wo warst du bloß so lange? Ich hab dich schon ein paar Mal am Handy angerufen. Du hast es daheim liegen lassen!“ Ihr Mann drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich konnte schon das frühere Flugzeug nehmen. Na, ist das eine freudige Überraschung?“ Er half ihr aus dem Mantel und genau in diesem Moment nahm ihre Nase Witterung auf! Wie ein Blitz durchdrang dieses fremde Parfum ihre Riechsinneszellen. Er ließ den Mantel fallen und wich zurück. Sie stand imposant vor ihm, mit gekräuseltem Nasenrücken, bebenden Nasenflügeln und bernsteinfarbene Augen starrten ihn durchdringend an.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18027

Von Göttinnen und Hausfrauen

Unruhig glitt ihr Blick zur Uhr an der Wand. Nicht mehr lange. Jeden Abend beendete dieses eine Geräusch den Tag und die Hölle brach los. Der Schlüssel drehte sich im Schloss und die Meute ließ alles fallen und rannte, wie eine Herde tollwütiger Wildschweine, zur Eingangstür, um ihren Vater zu empfangen. Er widmete sich freundlich, wenn auch leicht überfordert, seinem überdrehten Nachwuchs, ehe er sich seiner Frau zuwandte und sich nach ihrem Tag erkundigte.
Sie versuchte fieberhaft den Eindruck loszuwerden, dass er sie nur routinemäßig fragte und gar nicht an ihrer Antwort interessiert war. Anfangs hatte sie ihm noch ausschweifend die Wahrheit erzählt, zum Beispiel, dass sie es an diesem Tag schon am Vormittag geschafft hatte, sich die Zähne zu putzen, anstatt erst am Nachmittag oder überhaupt nicht. Sie hatte ihm verraten, dass sie vor Erschöpfung und Verzweiflung eine halbe Stunde auf dem Küchenboden geweint hatte und die Kleinen sie dabei nur verwundert angeglotzt hatten. Er hatte sie nur bestürzt betrachtet und später seiner Mutter berichtet, dass seine Frau wohl etwas überfordert mit der Gesamtsituation sei.
Also zog sie es vor, ihm freudestrahlend von ihrem tollen Tag zu erzählen und die kleinen Erfolge zu feiern. „Heute ist die Windel des Kleinen mal nicht mit Kacke übergegangen, heute hatte die Große nur zwei kleine Wutanfälle, als ich den schwerwiegenden Fehler gemacht habe, die Milch nicht richtig einzuschenken und die Straße an der falschen Stelle zu überqueren!“

Er wirkte zufrieden und begann von seinem Tag zu erzählen und sie lauschte ihm höflich, auch wenn ihre Gedanken immer wieder abdrifteten.
Hatte sie genug Milch eingekauft? Wenn er und die Kinder heute noch übermäßiges Verlangen danach bekämen, würde sich das bis morgen nicht ausgehen. Was könnte sie morgen kochen, irgendwas, was alle gern aßen und darüber hinaus noch gesund war? Nein, so etwas existierte nur in einem weit entfernten Paralleluniversum. Die Wahrscheinlichkeit für eine Pizza mit Nuggets und Pommes-Belag lag höher. Außer natürlich ihr Mann hätte wieder das Bedürfnis, auf seine Figur zu achten, dann durfte es nur Salat mit Putenstreifen sein, was die Kinder nicht mal mit der Kneifzange anfassten. Der Kleine war zwei, die Große viereinhalb und beide so unberechenbar wie Nonnen bei einem Auftritt der Chippendales.

Als sie hörte, dass die Stimme ihres Gatten lauter und seine Gesichtsfarbe dunkler wurde, fühlte sie sich genötigt ein „Boa, du Armer!“, dazwischenzuwerfen, was immer passte, weil er war auch immer so arm und unverstanden in der Arbeit, denn keiner erkannte sein Potenzial und niemand wollte auf seine Verbesserungsvorschläge hören. Sichtlich zufrieden mit ihrer Reaktion setzte er seinen Monolog fort und sie erhaschte aus dem Augenwinkel eine verdächtige Bewegung. Offenbar versuchte die Große, den Kleinen unter einer Mehllawine zu begraben, vermutlich in der Hoffnung, dass nicht einmal der gewiefteste Bernhardiner ihn jemals wieder finden würde. Natürlich hätte sie jetzt aufschreien und versuchen können, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, aber das Malheur war längst geschehen und sie waren so angenehm ruhig und beschäftigt. So lange der Junge noch atmete, wollte sie sich nicht einmischen.
Wie war das Mädchen überhaupt an das Mehl gekommen, das war doch im oberen Schrank – ah, sie hatte eine Spielzeugkiste herangeschoben und war hochgeklettert, verdammt cleveres, kleines Biest. In Sachen kriminelle Energie konnte sie wirklich stolz auf ihre Tochter sein, sie würde vermutlich eine steile Karriere in der örtlichen Mafiaorganisation hinlegen. Der Schrecken der Unterwelt, Paula, die Berserkerin. Nein, da müsste es etwas Besseres geben, Paula, die Piratin? Paula, die Prämenstruelle? Oh, Gott, wenn dieses Kind in die Pubertät kam und seinen Hormonen vollkommen ausgeliefert war, würde sie das Land verlassen müssen. Eventuell würde sie ihren Sohn mitnehmen, kam ganz auf seine weitere Entwicklung an, aber letztendlich … Nein. Im Krieg war jeder sich selbst der Nächste und der kleine Kacker würde sie nur aufhalten. Eine Frage ihres Gatten warf sie aus ihrer Gedankenbahn.
„Äh, Menstruation, Tampons?“, erwiderte sie gekonnt, doch der betretene Gesichtsausdruck ihres Mannes brachte sie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.
„Ich meine, Mozzarella mit Tomaten.“
Er nickte wohlmeinend und sie fühlte sich metaphorisch auf die Schulter geklopft.

Das eine Kind aß nur Mozzarella, das andere nur Tomaten und ihr Mann schlug sich den Magen mit den beiliegenden Butterbroten voll. Also ein Familienessensvolltreffer, den sie unglücklicherweise nicht jeden Tag bringen konnte. In diesem eher unpassenden Moment wandte sich ihr Mann den Kindern zu.
„Monika!“, entfuhr es ihm und das war ihr Name und nicht der ihrer Tochter. Die Anklage richtete sich also gezielt gegen die Mutter und die Verantwortung wurde somit erfolgreich auf sie abgeschoben. Sie seufzte und versuchte nicht ertappt, sondern bestürzt auszusehen, und grub den kleinen Zögling aus dem Mehlberg aus. Was natürlich Schreikonzerte von beiden Seiten zur Folge hatte. Während die Große erschüttert war, ihr Vorhaben nicht zu Ende bringen zu können, war der Kleine untröstlich, dass er die Aufmerksamkeit seiner Schwester nicht mehr genießen durfte.
Nebenbei erkundigte sich ihr Mann, wieso denn das Mehl nicht sicher weggeschlossen worden war. Aus seinem Unterton konnte sie heraushören, dass er Gluten mit Pflanzengift und Handfeuerwaffen gleichsetzte und dass alles in einem Safe mit meterdicken Stahlwänden verwahrt gehörte. In der Mitte dieses Tribunals sitzend, mittlerweile selber mit einer Mehlschicht bedeckt, fragte sie sich, wann sie denn zum Arschloch der Nation ausgerufen worden war. Sie hatte immer die Vorstellung gehabt, dass Arschlöcher ein recht angenehmes Leben führten, da sie sich um nichts und niemanden, außer sich selbst kümmerten und so frei von Verantwortung und Schuldgefühlen waren, aber sie, sie fühlte sich weder frei noch schuldlos. Eher als steckbrieflich gesuchte Berufsverbrecherin.

Nachdem sie die Kinder in die Dusche gepackt und den Boden staubgesaugt hatte, röhrten alle vor Hunger und als sie ihren Mann fragte, warum er denn den Käse und das Gemüse nicht schon vorbereitet hatte, antwortete der, er hatte dabei nichts falsch machen wollen. Mit dem tiefen Wissen, dass ein Kissen aufs Gesicht noch zu gut für ihn wäre, brachte sie das Essen auf den Tisch. Noch bevor sie richtig mit ihrem Teller begonnen hatte, hatten die anderen schon alles hinuntergeschlungen und das Esszimmer in den glitschigen Bodensatz einer öffentlichen Mülltonne verwandelt. Sie stopfte sich noch schnell ein paar Bissen in den Mund, bevor sie das ausgespuckte Essen vom Parkett aufwischte. Der Kleine beschäftigte sich mit seinem Lego, die Große durfte fernsehen und ihr Mann lag auf der Couch und starrte reglos in sein Smartphone, während sein Daumen unablässig von unten nach oben wischte. Für einen Moment beobachtete sie ihn wie hypnotisiert von ihrer Position unter dem Tisch.

Machte er nicht auch immer dieselbe Bewegung, wenn er versuchte, sie in Stimmung zu bringen? Und hatte sie sich nicht schon unzählige Male gefragt, was das eigentlich sollte und schnell selbst die Führung übernommen, bevor sie noch die Lust an der Sache verlor? Sie betrachtete ihn eingehend und wog ab, ob sie ihn wohl heute noch dazu bringen könnte, oben zu liegen. Denn da sie beide von ihrem jeweiligen Tag und der Quälerei, die Kinder ins Bett zu bugsieren, schon vollkommen gerädert waren, stellte sich öfters die Frage, wer den Großteil der Arbeit beim Liebesspiel übernehmen musste. Letztendlich wurde es zu einem Tauziehen, wer gerade größere Lust hatte und wer dabei besser bluffen konnte. Ein Pokerspiel mit hohen Einsatz, sozusagen, denn wenn beide sich blöd genug anstellten, blieben alle unbefriedigt zurück. Nein, er wirkte erschöpft, die Falten um seine Augen waren tiefer und die Ringe dunkler. Das hieß, entweder aus der Puste kommen oder enthaltsam bleiben. Schwere Entscheidung  …

Glücklicherweise musste sie sich dieser schwierigen Frage nicht mehr stellen, denn als sie den Kleinen ins Bett brachte, ließ der sich nur beruhigen, indem sie sich zu ihm legte. Seine Finger hatten sich in ihren Oberarm gekrallt und bei jedem Versuch sich freizumachen, quakte er lautstark und hielt sie noch fester. Sie hätte ein Exempel statuieren, sich von ihm losreißen und hinausgehen oder wenigstens nur neben dem Bett stehen bleiben können. Aber sie war so erleichtert, dass er endlich still war. Und kaum hatte er aufgehört, sich wie eine Kobra im Sack zu winden, war auch sie eingeschlafen. Als sie aufwachte, dachte sie für einen Moment, sie sei querschnittsgelähmt, doch dann stellten sich nach und nach die nadelstichartigen Schmerzen in ihren Extremitäten ein und sie wusste, sie befand sich im Gitterbett, zusammengefaltet wie ein Akkordeon. Sie glitt mit angehaltenem Atem aus dem Griff ihres Sohnes heraus und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Das Wohnzimmer war dunkel und leer. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr auch warum. Es war 2:30 morgens und sie war hellwach. Verdammt. Morgen früh würde sie fix und fertig sein, was den Tag nicht davon abhalten würde, über sie herzufallen. Resigniert holte sie sich einen Schokoriegel und schaltete den Fernseher an. Wenigstens konnte sie selber über das Programm entscheiden und keiner versuchte, ihr die Süßigkeit zu klauen. Da war es nebensächlich, dass es um diese Uhrzeit nur Dauerwerbesendungen und Wiederholungen von erbärmlichen Scripted Reality Soaps gab. Es war ruhig und niemand wollte etwas von ihr und sie konnte entspannen, sie fühlte sich beinahe als Single in ihrer eigenen Wohnung. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln und sie beschloss sich, ein kleines Gläschen Whiskey zu gönnen. Vielleicht auch ein Größeres zur Feier ihrer ungeplanten, plötzlichen Freiheit.

Auf dem Bildschirm pries eine stark geschminkte Amerikanerin mit wallender dunkler Mähne ein Wundergetränk an, mit dem man in kürzester Zeit zehn Kilo abnehmen konnte. Monika prostete ihr zu und murmelte ein „Wer’s glaubt, wird selig!“, als ein heller Blitz, gefolgt von einen „Plopp“ sie aufschrecken ließ. Im ersten Moment hatte sie gedacht, dass es einen Kurzschluss, wie schon vor ein paar Wochen, gab. Allerdings hatte sie da ein Messer in den Toaster gesteckt, um ein hängengebliebenes Stück Waffel herauszuholen, und damit sämtliche Sicherungen der Wohnung herausfliegen lassen. Sie war dabei einen halben Meter zurückgeschleudert worden und hatte neben einem gehörigen Schock und leichten Schmerzen eine gute Portion Schamgefühl mitbekommen. Dass sie sich aus reiner Gier beinahe umgebracht hätte, wollte sie ihrem Mann lieber nicht auf die Nase binden.

Aber diesmal war es kein Kurzschluss, der Fernseher lief noch und obwohl das Wohnzimmerlicht kurz geflackert hatte, war es immer noch an. Dafür stand neben der Couch plötzlich eine hochgewachsene, rothaarige Frau in einem grünen Kleid, und hätte sie nicht so verwirrt und verkniffen dreingesehen, hätte man sie auch sicherlich als schön bezeichnen können. Monika warf einen Blick auf die Erscheinung und dann auf ihr Glas. Sie hatte erst einen Schluck gemacht und so gut war der Whiskey nun auch wieder nicht. Die Rothaarige schien sich gefangen zu haben und wandte sich anmutig Monika zu. Ihre grünen Augen ruhten gnädig auf der Hausfrau, als sie sprach: „Ich bin Brigid, Göttin der -“, ein ohrenbetäubender Hustenanfall beendete ihre Ansprache und Monika ließ ihren Blick unruhig Richtung Tür gleiten. Sie räusperte sich zurückhaltend: „Ähm, Entschuldigung, geht das auch leiser? Nicht dass die Kinder aufwachen  …“
Die Göttin hielt sich mit einer Hand an ihrem Oberschenkel fest, während sie den Zeigefinger der anderen hochhielt, um noch ein paar Sekunden zu bekommen. Schließlich richtete sie sich auf, und während sie sich Tränen aus den Augen wischte, krächzte sie: „Keine Sorge! Du bist die Einzige, die mich sehen oder hören kann!“
„Oh!“, war im Moment alles, was Monika dazu einfiel.
Die Erscheinung räusperte sich ein paar Mal und spuckte dann auf den Boden. Monika hoffte inständig, dass auch die Spucke für alle anderen unsichtbar war.
„Ach, Entschuldigung, ich komme gerade aus einem starken Raucherhaushalt. Ich hab kaum was sehen können, durch die ganzen Nebelschwaden!“ Sie lachte, und das war ein derart helles, fröhliches Geräusch, dass auch Monika nicht anders konnte, als zu lächeln.
„Also“, sie warf ihre rote Mähne zurück und nahm wieder Haltung an.
„Ich bin Brigid, die Muttergöttin, Göttin des Herdfeuers, der Frauen, der Schmiedekunst und der Poeten. Der Familien, der Wahrheit und der Heiler.“
„Wow, du bist aber vielseitig!“, stieß Monika bewundernd hervor und nahm noch einen Schluck von dem Whiskey. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie träumte oder halluzinierte, aber im Moment genoss sie einfach das Gespräch mit einer Erwachsenen, ohne dass die Kinder ständig „Mama! MAMA!“, dazwischenkreischten.
Brigid nickte erhaben und lächelte milde.
„Ich komme heute zu dir, Monika, weil deine verzweifelten Hilferufe zu mir gedrungen sind. Ich habe dich erhört und bin hier, um -“
„Da hast du aber auch verdammt viel zu tun, oder? Ich mein, all die Leute, denen du erscheinen musst und die was von dir wollen, mit so unterschiedlichen Bedürfnissen …“
Monika wusste, was es für ein Kampf war mit ihren drei Kindern, den beiden Kleinen und dem Großen, und empfand tiefstes Mitgefühl mit Brigid.
„Äh, nun ja …“

Die Göttin war sichtlich aus dem Konzept gebracht und auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Falten.
„Ich mein, das müssen ja Hunderttausende sein, oder? Und jeder braucht was, will was, ist unzufrieden, heult herum und zerrt an deinem Rockzipfel, bis er kurz davor ist zu reißen.“ Das war nicht einmal eine Metapher, letzte Woche hatte die Große tatsächlich so unnachgiebig an ihrem Kleid gezogen, bis der Saum gerissen war. Monika nahm noch einen tiefen Schluck.
„Naja, es geht“, murmelte die Göttin. „Wirklich anstrengend sind eigentlich nur die Mütter und Poeten.“
„Möchtest du auch einen Whiskey, Brigid?“, fragte Monika, während sie sich auf den Weg in die Küche machte.
„Ja, warum nicht?“, sagte die Muttergöttin und blickte sich unschlüssig um.
„Setz dich doch, du musst ja hundemüde sein! Ich bin ja sicher nicht die Erste heute Nacht, oder?“, stellte Monika fest, als sie zurückkehrte und ihrem Gast ein volles Glas in die Hand drückte.
„Naja, nein, aber …“, stammelte Brigid. „Aber, normalerweise läuft das etwas anders ab, weißt du? Ich … also ich hab da so eine Rede und dann stell ich dir Fragen und dann musst du Entscheidungen treffen und … so. Weißt du?“

Monika, ungefähr eineinhalb Köpfe kleiner als ihr Gegenüber, starrte für einige Momente hinauf in diese schönen, leicht geröteten Augen und legte dann den Kopf schief. „Also … Sitzen?“, fragte sie mit einem Lächeln.
„Ja, bitte, ja!“, hauchte die Hünin und ließ sich etwas undamenhaft in die Polster plumpsen. Die beiden Frauen prosteten sich zu und genossen schweigend den irischen Whiskey, den Monika zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte. Ihre Tante hatte ihn ihr feierlich überreicht, mit den Worten: „Jetzt kannst du ja wieder sämtliche Freiheiten genießen, nachdem du nicht mehr stillst!“ Und Monika hatte sich nur gedacht: „Sowas kann auch wirklich nur ein kinderloser Mensch sagen“, sich aber dennoch über das Geschenk gefreut.

Im Fernsehen hatte sich zu der Amerikanerin eine blonde Deutsche gesellt und während beide einen potthässlichen Ring in die Kamera hielten, lachten sie wie Seehunde und zeigten der Nation ihre gebleichten Zähne. Monika griff nach der Fernbedienung und bereitete dem Treiben ein Ende. Die Göttin hatte ihren Kopf auf ein Kissen, das schon dreimal angekotzt und zweimal angepinkelt worden war, gebettet und lächelte sanft. Sie hatte ihre Augen geschlossen und war in diesem Moment der friedlichen Ruhe so unbeschreiblich schön, dass Monika vor Glück weinen wollte. Brigid öffnete ein Auge und als sie ihr Gegenüber sah, richtete sie sich gemächlich auf und legte eine Hand auf Monikas Arm.
„Ich denke, die Förmlichkeiten können wir uns jetzt sparen.“
Sie dehnte ihre Nackenmuskeln, indem sie ihren Kopf von rechts nach links rollte und grunzte entspannt, als sie ihre Arme in die Höhe streckte.
„Also, normalerweise würde ich jetzt eine beeindruckende Ansprache halten, hauptsächlich über mich und das Mutter- und Frausein an sich und dann -“
„Willst du sie halten? Deine Ansprache?“, unterbrach sie Monika.
Brigid hob eine perfekte, rote Augenbraue. „Willst du sie denn unbedingt hören?“
Nach kurzem Überlegen schüttelte die Hausfrau den Kopf.
„Dann, nein danke, ich muss sie nicht unbedingt halten. Letztendlich läuft es dann darauf hinaus, dir aufzuzeigen, wie wichtig und sinnvoll das ist, was du tust und dass all die Anstrengungen und Entbehrungen sich eines Tages lohnen werden. Und dann werde ich dich vor die Wahl stellen: weiterzumachen und bei deiner Familie zu bleiben oder alles aufzugeben und ein neues Leben woanders anzufangen, ohne deine Lieben.“

Die Göttin nahm einen großen Schluck Whiskey und ließ sich wieder auf die Polster zurücksinken.
„Okay. Lass uns gehen!“, verkündete Monika und stand auf.
Brigid riss die Augen auf und schüttelte leicht den Kopf, als ob sie nicht richtig gehört hatte.
„Was … Was meinst du?“, fragte sie verdutzt.
„Naja, was du gesagt hast. Fortgehen, ein neues Leben anfangen. Klingt gut!“
„Warte, warte! So läuft das normalerweise nicht!“
„Gibt‘s ein Drehbuch für solche Dinge?“
„Nein, aber …“, mit einem frustrierten Stöhnen setzte sie sich aufrecht hin und stellte das Glas auf den Couchtisch. „Jetzt nimm bitte wieder Platz, Monika!“
Die Angesprochene folgte widerwillig und legte trotzig die Stirn in Falten.
Brigid räusperte sich und legte erneut ihre Hand auf Monikas Arm.
„Das ist alles falsch gelaufen. Ich hätte das nicht abkürzen dürfen! Wenn du meine leidenschaftlichen Worte zu deiner Familie und deinem Leben gehört hättest, dann würdest du heulend auf die Knie sinken und dankbar sein für alles, das du hast!“
„Mag sein, mag sein …“, überlegte Monika, „Und glaub mir, ich liebe sie, ich finde sie alle großartig, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Und ich würde sie jeden Tag schrecklich vermissen, wenn ich fortgehen würde. Aber wenn das jetzt der Moment ist, wo ich mir was wünschen kann … Also, wenn ich jetzt die Wahl habe zwischen es bleibt alles so wie es ist oder was anderes, dann nehm ich das andere.“
„Oj!“, rief die Göttin aus. „Das ist mir ja noch nie passiert!“
„Tut mir leid!“ Nun legte Monika ihre Hand auf Brigids Arm und drückte sanft zu. „Ich wollte dir keinen Ärger bereiten!“

Brigid schüttelte den Kopf und lächelte müde.
„Mach dir keine Gedanken um mich! Also ist es das, was du wirklich willst? Fortgehen und sie zurücklassen?“
„Um Himmels Willen, nein! Aber ich will, ich kann so auch nicht weitermachen. Über kurz oder lang werd ich durchdrehen und Gott weiß was machen!“
„In Ordnung. Aber was willst du?“
Monika blickte auf den Boden und dachte angestrengt nach. Diese Frage schien einfach und sie hatte sie sich schon selber oft genug gestellt. Aber eine Antwort darauf zu finden, war alles andere als selbstverständlich. Sie wurde ungeduldig und zornig auf sich selbst. Einerseits konnte sie nicht schnell genug diesem Leben entkommen, einfach um wieder durchatmen und so Kleinigkeiten, wie allein aufs Klo gehen, zu können. Andererseits wusste sie, dass sie die Sehnsucht nach ihrer Familie umbringen würde. Entmutigt warf sie die Hände in die Höhe und zischte: „Ich weiß es nicht! Verdammt!“, und trank mit einem großen Schluck den Rest ihres Whiskeys aus. Brigid setzte gerade an etwas zu sagen, als Monika erregt fortfuhr.
„Weißt du, wie anstrengend das ist? Ständig DA zu sein, geistig wie auch körperlich? Nie eine Auszeit zu haben, weil du ständig mit einem Ohr hören musst, was die kleinen Scheißer so treiben?“

Die Muttergöttin betrachtete sie mit einem zarten Lächeln und antwortete: „Ja. Ja, ich denke, ich weiß, wie das ist.“
„Und dass ich hier mit dir sitze und Whiskey trinke … Ich … ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal mit einer normalen Erwachsenen einfach nur einen getrunken und mich einfach nur unterhalten habe?!“
Brigids Lächeln wurde breiter. „Einer normalen Erwachsenen?“
„Weißt du was? Im Grunde will ich einfach nur in den Arm genommen werden. Nicht weil jemand was von mir braucht oder will, sondern einfach nur, um mich zu halten. Und mir zuzuhören, ohne über mich zu urteilen. Das hatte ich, ich glaube, das hatte ich das letzte Mal als ich ein Kind war und im Schoß meiner Mutter gelegen bin. Das Gefühl hätt ich gern wieder!“

Monika schnaufte und starrte auf das leere Glas. Eine zarte, blasse Hand umfasste ihr Kinn und hob es vorsichtig an. Als sie das Grinsen ihres Gegenübers sah, musste sie lachen.
„Bei allen Göttern, ich weiß, wie du dich fühlst!“, versicherte ihr Brigid. „Manchmal könnte ich nur schreien und diesen ganzen undankbaren Haufen mit einem Fingerzeig in Asche verwandeln! Natürlich mach ich das nicht. Aber der Gedanke ist schön …“, sie kicherte und breitete die Arme aus.
„Wenn ich sonst auch nichts für dich tun kann, ich kann dich halten. Und dir zuhören. Und mit dir trinken!“, fügte sie noch schnell hinzu und beide Frauen lachten.
Nach kurzem Zögern kuschelte sich Monika an ihre Göttin und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Ob sie so mehrere Stunden oder nur Minuten verbrachten, war ihr bald nicht mehr klar, sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und die Uhr an der Wand hatte aufgehört zu ticken. Sie war nur noch einmal aufgestanden, um die Whiskey Flasche herzuholen. Und so hatten sie geredet, getrunken und geschwiegen.
„Das könnte ich gut und gerne öfter haben!“, murmelte Monika verträumt.
„Weißt du was, Monika?“, bemerkte Brigid entspannt, „Ich auch!“
„Gut!“, entgegnete die Hausfrau und Mutter. „Aber nächstes Mal bringst du den Alkohol mit!“

Constanze Scheib

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 17203

Summer of deaths 2002

Bericht von Marina L.-L.

Ich kenne Viki schon lange und mag sie sehr. Sie ist sicher die verrückteste Diplomatin in ganz Moskau. Und ich kenne genügend frei herumlaufende verrückte Zeitgenossen, ich bin selber eine von ihnen.
Aber damit ging sie zu weit, fand sogar ich, die ihr bisher alles nachgesehen hatte. Schon als sie sich vor zwei Jahren in den schönsten, aber dümmsten Mann von Moskau verliebte, tuschelte die ganze Gesellschaft. Aber sie lässt sich nie von etwas abbringen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Oder in ihrem Herzen verankert. Bei Lew, dem Flieger, machten wir alle Ohren zu, um möglichst wenig von seiner Dummheit mitzukriegen. Eigentlich nicht dumm, sondern einfältig.

In unserem Kreis von blitzender Intellektualität und Kultiviertheit fiel er auf wie ein Nackter unter Angezogenen. Zugegeben, zum Ansehen angenehm, ein gestandener Mann mit dem Flair eines Hollywood-Schauspielers. Vielleicht war’s das Bett. Das soll ja vorkommen, überhaupt wenn einem nicht mehr allzu lang Zeit bleibt. Viki war verrückt nach ihm, da konnte man nichts machen. Um das Außenbild kümmerte sie sich nicht. So war sie verfasst, das machte sie in meinen Augen noch reizender. Viele zerrissen sich den Mund über sie, aber sie hatte irgendwie Narrenfreiheit, war niemandem als sich selbst verantwortlich. Man konnte ihr ja auch nichts vorwerfen. Im Job extrem erfolgreich, gesellschaftlich sowieso bei diesem Auftreten und Aussehen. Intellektuell fast allen überlegen, dabei tief emotional, sozial wach, unterhaltsam und optimistisch. Wie viele Menschen hat sie nicht moralisch aufgerichtet oder ihnen praktisch geholfen. Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin eine von ihnen, vielleicht an erster Stelle.

Alles selbst erwirtschaftet, an keinem Gängelband, nicht hier und nicht bei sich zu Hause. Eine rundum perfekte Person, wenn sie nicht zu Narreteien geneigt hätte. Aber auch diese betrieb sie mit Konsequenz, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, eine selbstlose, natürliche, selbstverständliche Großzügigkeit konnte ihr niemand abstreiten. Einen großzügigeren Menschen hat die Stadt noch nicht gesehen. Manche nennen sie hinter vorgehaltener Hand „unsere Florence Nightingale“. Sie hatte einen angeborenen Helfertrieb. Innerlich vollkommen unabhängig mit standfesten Meinungen und klaren Einschätzungen. Mit einem immer gut gefüllten Konto.
Den einfältigen Lew konnten wir ihr noch verzeihen, eine sexuelle Narretei, den leistete sie sich eben, sie durfte das.

Aber in diesem Sommer übertrieb sie es. Da begann sie, wirklich verrückt zu werden. Aber wir alle wurden fast verrückt. Es war der Sommer des Todes, Sommer 2002, leto smerti. So schrien es die Medien heraus, und wir übernahmen das.

Die Todesserie begann im Mai. Islamistische Terroristen warfen in Dagestan einige Bomben in eine Militärparade, 70 Tote, viele davon Kinder. Dann stürzte im Juni ein mit Kindern, Eltern und Lehrern besetztes Flugzeug über Deutschland ab. 154 Tote, große Spannungen zwischen Moskau und Berlin, Attentat, die ewigen Feinde, aber wahrscheinlich ein technisches Gebrechen bei der alten sowjetischen Antonow.
Im August dann der Abschuss eines russischen Militärhubschraubers in Tschetschenien, 119 russische Soldaten sterben.
Das alles sind Nachrichten aus dem Fernsehen mit den entsprechend schrecklichen Bildern. Viele entschieden, den Apparat nicht mehr aufzudrehen. Es war zu viel an Unglück und Schrecken mit den entsprechenden Verschwörungstheorien und Verdächtigungen in alle Richtungen. Es war Krieg, auch wenn das Wort niemand aussprechen wollte. Wir konnten das einfach nicht mehr ertragen. Aber doch war alles ziemlich fern, niemand kannte jemand direkt Betroffenen, wir waren alle nur fern-betroffen. Es war auch ein ungewöhnlich langer und heißer Sommer. Die ansonsten immer sommerhungrigen Russen hatten die Nase schon voll und sehnten den Regen herbei.

Diese Brände, die Moorbrände, die um Moskau schwelten, den Himmel verdunkelten und das Atmen erschwerten, zehrten an den Nerven. Das war die Apokalypse. Dazu brauchten wir kein Fernsehen und keine Zeitungen. Die kannten wir alle und litten ganz direkt, jeden Tag und jede Nacht. Niemand schien in der Lage zu sein, diesem Grauen ein Ende zu setzen. Erst der erste lange Septemberregen machte dieser Hölle ein Ende, ein erstes Aufatmen.

Da kam aus dem Kaukasus die Nachricht von der Katastrophe. Der Regisseur und Schauspieler Sergej Bodrow wurde von einer Lawine verschüttet, zusammen mit 130 Menschen seiner Crew. Vorerst wusste man nichts von Überlebenden.

So, jetzt muss ich mit meiner Erzählung über Viki etwas in der Zeit zurückgehen. Sie hat mich eingeweiht, dass sie sich in Sergej Bodrow verliebt hat, aus der Ferne, am Bildschirm, in seiner Rolle als Brat I (Bruder) und Brat II, in den Jungen im französisch-russischen Film „Ost-West“ mit Sandrine Bonnaire. Viki hat sich in die Kinos gesetzt, die Videokassetten gekauft und glotzt seither zu Hause auf dem Sofa immer nur noch Sergej Bodrow. Sie hat sich in diesen Schauspieler verschaut. Vernarrt war sie in diesen jungen Mann mit den dunklen Haaren und den veilchenblauen Augen, leicht schräg gestellt von seiner burjatischen Mutter. 31 Jahre alt, großgewachsen mit einem wunderschönen Körper gesegnet, Sohn des berühmten Regisseurs Wladimir Bodrow, schon längst in die USA ausgewandert. Auch in ihn war sie schon verliebt, eine Generation früher.

Viki hatte es schwer erwischt. Sergej Bodrow war wirklich sehr schön, ein neuer russischer Superstar mit eigener TV-Sendung über die russische-sowjetische Filmkunst, sehr klug. „The hottest young russian moviestar today“, schrieb der englischsprachige „Ekran“.
Viki saß nächtelang gebannt vor der Glotze, ich war öfters dabei und wunderte mich über ihre extreme Begeisterung.
Bewunderte ihre Bewunderung. Sie war so begeisterungsfähig, aufnahme- und lernbereit, wie ich in Moskau keinen anderen Menschen kenne, ausländischen, westlichen.
Aber mit diesem jungen Sergej, da hatte sie einen Knall weg. Sie schrieb Briefe an ihn, sie ging auf seine Filmsets, drängte sich an ihn heran. Eine echte Närrin, mit ihren 51 Jahren, er ein junger Vater von zwei Kindern mit einer attraktiven Ehefrau im Alter ihrer eigenen Kinder. Welche Chancen rechnete sie sich aus? Sie rechnete nicht. Sie machte. So war sie, so kannte ich sie.

Dann kam die Katastrophe. Es war der 20. September. Sergej drehte gerade im Kaukasus seinen neuen Film „Zvjasnoj“, Verbindungsmann, Kontaktmann, Bote oder Messenger. Eine aktuelle Geschichte über den tschetschenischen Konflikt mit Wurzeln tief in der russischen Geschichte und Literatur, in Puschkins und Tolstojs Erzählungen vom kaukasischen Gefangenen. Andere übersetzen sie mit „Gefangener in den Bergen“.

Was war passiert?
Regisseur Bodrow hat gerade den letzten Drehtag hinter sich, im Dorf Karmadon auf 2000 Meter Höhe in einem engen Tal auf der nordossetischen Seite des Kasbek. Es war ein Freitag, das Wochenende wollte er schon wieder mit der Familie in Moskau verbringen.
Der Gipfel des Maili ragt über dem Drehplatz in einer engen Schlucht bis zur Höhe von 5300 Meter hoch.
Da löst sich ein Drittel des Gipfels, wahrscheinlich wegen des Klimawandels, und rast in das Tal, in dem sich gerade die 130 Filmleute zum Aufbruch bereit machen.
Eine 150 Meter dicke Eis- und Geröllschicht schiebt sich über das schmale Tal, dreißig Millionen Tonnen Eis und Fels, zehn bis dreißig Meter breit. Zwischen den Dörfern Tschartali und Waschloba war die Baidara-Schlucht auf sieben Kilometer verschüttet. Bis zur 300 Meter hohen, senkrechten Felswand, wo der Sage nach der Titan Prometheus angeschmiedet worden sein soll. Zeus hat ihn dafür bestraft, dass er den Menschen das Feuer brachte.
Die Rettungsmannschaften kamen nur schwer voran. Sie fanden erst nach drei Tagen acht Tote und 27 Überlebende. Sergej Bodrow war nicht darunter. 97 Menschen sind vermisst.

Da drehte Viki vollkommen durch. Sie hatte natürlich wie alle Menschen im Lande die Sendungen im Fernsehen verfolgt. Sie ließ alles liegen und stehen, nahm sich eine Woche Urlaub und wollte in den Kaukasus fahren.
Niemand konnte sie davon abbringen. Sie nahm eine Maschine nach Krasnodar, den nächst gelegenen Flughafen innerhalb Russlands.
Niemand konnte sie davon abhalten, obwohl sie als Diplomatin genau wusste, welch heißes Gebiet zwischen Russland, Georgien und Nordossetien das war.
Sie wollte ihren Sergej mit eigenen Händen selbst ausgraben. Sie wollte nicht an seinen Tod glauben, nicht anerkennen. Das kann nicht möglich sein. Wer hat das gemacht? Sie zürnte mit allen Schicksalen und Göttern, an die sie nicht glaubte, aber dafür verantwortlich machte. Sie war einfach verrückt geworden um diesen Sergej Bodrow, treffend im Russischen vom Verstand verlassen, ona ssuma ssoschla.

Trotz ihres österreichischen Diplomatenpasses wurde sie am Flughafen gestoppt, sie hatte keinen offiziellen Auftrag. Außerdem war das nordossetische Gebiet um den Kasbek gesperrt, man fürchtete neue Gletscherstürze vom Maili und anderen Gipfeln. Die Miliz setzte die Verwirrte in das nächste Flugzeug zurück nach Moskau. Alles lief zum Glück ohne weitere diplomatische Verwicklungen ab.
Die Botschaft schwieg über den Vorfall und schickte sie in unbefristeten Krankenstand.

Danach habe ich Viki nur noch selten getroffen. Keine großen Gesellschaften mehr, wofür sie früher bekannt und begehrt war. Ihren sagenhaften Atom-Piloten hat sie auch ins Ausgedinge geschickt, er diente ihr in stummer Treue als Chauffeur, hörte man. Er durfte sie und ihre Gäste in seinem alten Wolga herumkutschieren.
Sie zog ganz auf ihre Datscha in Abramcewo.
Immer mehr eine komische Alte. Die Dörfler akzeptierten sie. Sie hatten eigene Verrückte. Die russische Kultur achtete sie als Narren in Christo. Sie flüsterten darüber, dass sich die Diplomatin mit der Ziegenhirtin Fronja aus Bykowo angefreundet hat und mit ihr über die Weiden streunt. Viel hält sie sich bei heiligen Quelle von Radonesch auf und beim ehemaligen Gutshaus von Glebowo. Dort sitzt sie mit ihrer Mundharmonika auf einem Grabstein des aufgelassenen Friedhofs, wie immer begleitet von Laika und Tuman. Sie sah immer mehr aus wie die Frauenfigur in Wrubels Gemälde von der Undine, das im Museum von Abramcewo ausgestellt ist.

Einmal nahm ich all meinen Mut zusammen und fuhr spontan zu ihr nach Abramcewo hinaus. Ich dachte, nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht hatten, durfte ich mir das leisten. Ich wusste, das war ihr Refugium, ihr Heiligtum, mein Paradies, wie sie selbst den Flecken Erde nannte. Ich drang ein, ich kannte das Türchen mit der Nummer 9. Es klappte hinter mir zurück zu wie früher immer bei meinen Besuchen mit einem schlappen Knall.
Über den schmalen Steig, durch das Wäldchen zur Wiese vor dem Haus. Da lag sie hingestreckt in einem Liegestuhl, vollkommen bedeckt von weißem Leinen und einem ausladenden Strohhut. Schlummernd, die Katzen und der Hund irgendwo zwischen Gras und Farnen. Auf sich und rundherum Zeitungsblätter ausgebreitet.
Ein Bild des Friedens in der milden Augustsonne.
Ich trete näher an sie heran, sie atmet, die Lippen bewegen sich und sie murmelt abgerissene Worte vor sich hin. Mit Mühe kann ich etwas verstehen.

Retten, ich hätte ihn retten … Rettung, wenn ich früher dort, sie haben ihn nicht gerettet, im Stich gelass … retten … aber er lebt, das kann nicht sein … ich, retten, er muss leben …
Sie war so verliebt, dass sie einen Ausweg für ihn suchte, der sein Überleben sicherte.

Viki war ernsthaft krank. Sie erholte sich nie wieder ganz. Die Nachbarn erzählten, dass sie manchmal in wallenden weißen Kleidern durch die Siedlung und die Wälder läuft und mit sich spricht. Immer an ihrer Seite Laika, ihre Schäferhündin, manchmal auch der Streuner Tuman, ein sibirischer Huskymischling. Laika und Tuman hatten sich schon im ersten Sommer ihres Lebens auf der Datscha angefreundet, Tuman hat sich in die Familie hineinadoptiert.
Sie wurde auf ihren eigenen Wunsch aus dem diplomatischen Dienst entlassen, kehrte aber nicht nach Hause zurück, sondern entschied sich dafür, in Abramcewo zu bleiben. Für immer. So verschwand sie von der Bildfläche der Stadt.

Aber einmal hörte ich doch noch von ihr, wenn auch nur indirekt. In meinem Friseursalon nahm ich während des Wartens das Moskauer Boulevard-Blatt Bliz zur Hand und fand einen reich bebilderten Bericht über das Unglück am Kazbek.
Es waren die alten Bilder, die damals durch die Medien gegangen waren. Aber der Text war neu und mit Viki F. S. gezeichnet, das waren Vikis Initialen.
Die Autorin bringt alle bekannten Fakten und Daten über die Katastrophe und folgert daraus, dass die 97 Vermissten mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lebten. Sie hatten sich knapp bevor die Lawine ins Tal raste, in einer Höhle befunden, wo der letzte Dreh stattgefunden hatte. Das gaben die acht Überlebenden unisono an. In dieser Höhle entspringen heiße Mineralquellen, die die rostbraune Färbung des eisenhaltigen Gesteins kennzeichnen. Das alles ist nichts Neues, denn in dieser Höhle hat auch nach dem Drehbuch der Held des Filmes einige Zeit Zuflucht vor seinen Verfolgern gefunden.

Aber das Geschick dieser Höhle ist viel älter. Sie geht auf das finsterste Kapitel der georgischen Geschichte zurück.
Im Jahr 1739 überfielen muselmanische Horden aus Südossetien, die Lesgier unter dem Eristaw Schanse III., die christlichen Chewsuren. Die Überlebenden retteten sich in diese Höhle in 2000 Metern Höhe und gruben sich durch den Berg bis zur Tschabaruchi-Schlucht auf der Nordseite des Kasbek. Die für ihre Reitkunst und Architektur berühmten Chewsuren errichteten aus Dank für ihre Rettung ein Höhlenkloster mit den Kirchen Spas und Uspenie. Beide Basiliken in der landesüblichen Ziegelbauweise mit Kuppeln, zweischiffig die eine, dreischiffig die größere, mit Polygonpfeilern als Stützen für die nach Osten ausgerichteten Apsiswände.
Viele Details zur Baugeschichte, zu den Fresken und kulturhistorischen Bedeutungszusammenhängen. Das war die echte Viki mit ihrem alten, immer wallenden Journalistenblut.

Gleichzeitig bauten die Chewsuren den hinteren Ausgang der Höhle zu einer uneinnehmbaren Festungsanlage aus, dem Ananuri, die man noch heute besichtigen kann. Sie ist ein beliebter Ausflugspunkt von Tbilisi aus, das nur 50 Kilometer entfernt liegt im wildromantischen Tal des Aragwi. In der Festung hatten Sergej Bodrow und sein Team schon im August mehrere Drehtage zugebracht. Das ging ganz klar aus dem Filmtagebuch hervor. Allerdings hat das Rechercheteam nichts von einem Hinterausgang der Höhle erwähnt. Sie mussten die Flucht und Rettung des Helden vor der russischen Armee simulieren, für das Medium Film kein Problem, es lebt ja von der Simulation.

Wie aber konnte die angeblich verwirrte und kranke Viki das alles recherchiert und folgerichtig aufgezeichnet haben? Jede einzelne Angabe ist überprüfbar. Das hat die Redaktion von Bliz offenbar auch getan. Sie versieht den Bericht mit zahlreichen Zitaten, von den Überlebenden bis zu den Rettungsmannschaften und Anwohnern des Kasbek. Aus dem Artikel geht auch hervor, dass die Autorin vor Ort war und mit vielen Menschen gesprochen hat. Alles fein säuberlich garniert mit Ort- und Zeitangaben, georgischer und ossetischer Geschichte, Architektur und Kunstgeschichte.

Die Folgerungen, die sie zieht, sind aber wieder typisch Viki: ihre überbordende Fantasie, ihr profundes Wissen über historische Zusammenhänge und ihr leichter Hang zur Mystik. Die 97 Vermissten konnten sich nicht nur physisch in die Aragwi-Höhle retten, sie hatten auch genügend Wasser, Luft und Vorräte. Viki ist überzeugt, so schreibt sie, dass die Überlebenden auch Hilfe bekamen. Nicht von außen, denn die Suche wurde nach zwei Wochen als aussichtslos eingestellt und das ganze Tal gesperrt.
Sie nennt konkret drei Frauen: Medea, die Tochter des Königs von Kolchis Medea, Tamar, die legendäre Königin von Georgien und die griechische Dichterin Sappho haben Bezüge zu dieser Landschaft. Nicht vollständig nachweisen kann sie die Anwesenheit von Antigone, aber ihre Argumentation ist bestechend und die Vorstellung reizvoll. Antigone hat sich nach dem Todesurteil ihres Onkels Kreon, des Königs von Theben, laut Sophokles in einer Höhle einmauern lassen. Ist also eine ausgewiesene Höhlenspezialistin. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich auch noch die burjatische Großmutter um Sergej kümmert.

Aber warum hat es diese Ausländerin gebraucht, um diese Informationen ans Tageslicht zu bringen? Das verheimlicht der Artikel; die Autorin, ganz Journalistin, gibt ihre Quellen nicht preis.
Und wo sind die 97 Überlebenden geblieben? Auch das verrät der verwirrte Geist nicht, geht über Andeutungen nicht hinaus. Als Parallele zieht sie dabei die alte Erzählung von der versunkenen Stadt Kitesh heran. Beim Ansturm der Goldenen Horde hätten sich die Bewohner von Kitesh in einen See zurückgezogen. Nur wer eine reine Seele habe, könne die Glocken am Grunde des Sees hören. Diese mittelalterliche Sage aus dem Historienbuch des Nestor kennt in Russland jedes Kind, und jeder Russe hofft, diese unschuldige Seele zu sein.
Die Crewmitglieder hätten nicht mehr in ihre früheren Leben zurückkehren können, ohne sofort ins Irrenhaus gesperrt zu werden. Das versteht jeder Russe sofort. Also seien sie nach ihrer Rettung heimlich an einen unbekannten Ort geflohen.

Viki, die Kennerin der russischen Geschichte und der deutschen Literatur, gibt noch einen kleinen Hinweis.
Er ist so versteckt, dass er nur von einem Teilnehmer selbst kommen kann. Ich vermute, sie hat die 97 gefunden und mit ihnen gesprochen. Ihre angebliche Verwirrtheit ist nur vorgetäuscht, um ihre Schützlinge nicht zu gefährden.
Den Schauernimbus hatte sie sich zugelegt, damit sie sich nicht selbst verriet. Denn wenn sie sich verplappern sollte, wer würde so einer Figur schon Glauben schenken. Plemplem, eh klar.

Ihr Fingerzeig besteht in der Erwähnung des Schicksals von Zar Alexander I. Der offiziellen Geschichtsschreibung nach ist er am 1. Dezember 1825 in Taganrog am Asowschen Meer gestorben. In Wirklichkeit hat er sich aber in fremden Kleidern davongestohlen und ist zu den Altgläubigen in die sibirischen Wälder gegangen. Eine andere Volksweisheit will wissen, dass er sich in Rostow am Don unter einen Sträflingszug mischte und mit ihm in die Katorga marschierte. Warum er das gemacht haben soll, das weiß das weise Volk natürlich nicht, sondern nur der deutsche Schriftsteller Reinhold Schneider. In seiner Erzählung „Taganrog“ gibt er das Geheimnis preis.
Alexander I. wurde 1801 Ohrenzeuge der Ermordung seines Vaters, des Zars Paul I., welche ihm den Zarenthron einbrachte. Im Laufe der Jahre litt Alexander immer mehr unter dieser Schuld, bis er der Melancholie anheimfiel und sich nicht mehr für regierungsfähig hielt. Als seine Frau Elisabeth erkrankt und zur Genesung den Süden aufsucht, findet er die Gelegenheit zur Flucht.
Schneider hält beide Möglichkeiten offen und lässt den Leser wählen.

Es gibt zwischen Radonesch und Sergijew Posad tatsächlich noch undurchdringliche Urwälder, die seit dem Heiligen Sergej niemand betreten hat. Meine private Vorstellung ist, dass Viki ihren Sergej Bodrow an der Quelle getroffen und von ihm alle diese Informationen bekommen hat.
Da ich Viki wirklich gut kenne, weiß ich, dass sie seit vielen Jahren das Innere Russlands sucht, eigentlich ihr ganzes Leben schon. Sie glaubt ja, dass sie selbst eine Wiedergeburt der Bojarin Morozowa ist. Ihre innere Blindheit war unheilbar.
Sergej Bodrow hat den Film im Kloster fertiggestellt, er wurde bekehrt und ist dort geblieben. Frau und Kinder besuchen den Mönch einmal im Monat. Er heißt jetzt Bruder Sawwati und gilt als heiligmäßig, vielleicht wird er sogar einmal Starez des Klosters. Die Menschen pilgern jetzt schon zu diesem Sawwati, ohne zu wissen, wen sie vor sich haben. Die Mönche können schweigen.

Vielleicht wird man mehr erfahren, wenn der neue Film von Sergej Bodrow demnächst herauskommt.
„Messenger“ ist schon für das nächste Cannes-Festival angemeldet, heißt es im Bliz.

14.7.17

Veronika Seyr
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Ersterscheinen in der Märzausgabe 2004 von „Literatur und Kritik“

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Der Prinz

Ein Prinz verließ das Schloss seines Vaters, um im nahegelegenen Wald Pilze zu sammeln. Es war ein sommerlich warmer Tag, also trug er dünne Kleidung, auf dem Kopf die goldene Krone, die seinen Rang symbolisierte. Er brach auf, ohne Waffen zu tragen, die letzten Wölfe waren Jahre zuvor erlegt worden, und nachdem es keine Banditen mehr gab, sein Vater hatte alle henken lassen, verzichtete er auch darauf, sich von der ihm zugeteilten Leibwache eskortieren zu lassen.
Er ging durch den Wald, den Kopf zu Boden gesenkt, um nur ja keinen Pilz zu übersehen, als er plötzlich Schritte hinter sich wahrnahm. Er wandte sich um und erblickte den für seine Grausamkeit und Unerbittlichkeit bekannten und gefürchteten Zauberer Gordon. Der Prinz wollte davonlaufen, doch der Zauberer packte ihn am Genick und hielt ihn zurück. Der Prinz weinte, schrie, flehte um Gnade, doch der Magier sagte bloß: „Wer einmal Gordons Weg kreuzt, ist verloren!“ Der Prinz bot ihm Gold an, Edelsteine, die schönste Jungfrau im Lande, jedoch er hatte keinen Erfolg.

Gordon erhob sich, den armen Prinzen an der Hand, in die Luft und flog viele Meilen weit zu einem Turm, welcher einsam und verlassen auf einer Lichtung an der dunkelsten Stelle des Waldes stand. Allein, der Turm hatte keine Türen, lediglich ein Fenster knapp unterhalb der Spitze, vergittert und angsteinflößend. Gordon schwebte durch die Mauer hindurch in einen kleinen Raum. Er warf den Prinzen auf den Boden und machte ihm deutlich, dass sein Leben an diesem Ort ein Ende finden würde.
Er warf dem Königskind einen Kürbis vor die Füße und sagte, dass dieser für die nächsten drei Tage vorhalten müsse. Er würde von nun an jeden dritten Tag kommen, um der armen Seele einen Kürbis und einen Eimer Wasser, für die Körperpflege und um den Durst zu löschen, zu bringen. Er entschwebte und ließ den jungen Mann zurück. Der Prinz versuchte, zu dem vergitterten Fenster zu gelangen, jedoch war dieses unerreichbar. Er schrie und weinte, doch niemand hörte ihn.

Ein Gewitter zog auf, es stürmte und hagelte, zumindest das Dach hielt dicht, der Prinz betete, doch wurde er nicht erhört. Er aß ein Stück vom Kürbis, trank wenige Schlucke Wasser und schlief auf dem Stroh, welches den Boden bedeckte, ein. Am nächsten Morgen wachte er schreiend auf im Glauben, einen Albtraum durchlitten zu haben, jedoch war es kein Traum. Er schrie sich die Seele aus dem Leib, er schlug gegen die Wand aus Stein, versuchte sie zu zerkratzen. Schließlich brach er blutend und weinend nieder.
Der Zauberer hielt Wort und brachte ihm wortlos jeden dritten Tag Speise und Trank. Es war ein sehr frugales kulinarisches Vergnügen, doch es hielt den Prinzen am Leben. Dieser hatte die Idee, die Schalen der Kürbisse zu trocknen und aufzuschichten, um so zum Fenster zu gelangen und Hilfe herbeizurufen. Nach vielen Monaten gelang ihm dies, und er klammerte sich an die Gitterstäbe und schrie sich die Seele aus dem Leib. Allein, es hörte ihn niemand.

Eines Tages, er schlug gerade mit seinem Kopf gegen die Wand, bis diese blutrot war, dachte er an das Geräusch, welches Metall verursacht, wenn es gegen Metall geschlagen wird. Er hatte dies oft gehört, beim Fechtunterricht, den er gemeinsam mit seiner Jugendliebe erhalten hatte. Beim Gedanken an diese und an die geringe Wahrscheinlichkeit, sie jemals wieder im Arm halten zu können, brach er erneut in Tränen aus. Aber er musste stark sein.

Er stieg auf den Haufen aus getrockneten Kürbisschalen und schlug mit seiner goldenen Krone, die der Zauberer Gordon ihm gelassen hatte, gegen die Gitterstäbe. Es war ein lautes, metallisches Geräusch, und durch die Höhe, in welcher das Fenster gelegen war, war es weithin zu hören. Er schlug von nun an jeden Tag viele Stunden mit der Krone gegen das Eisen, doch er erhielt niemals Antwort. Die Bauern auf den Feldern hielten in ihrer Arbeit inne, sobald dieses Geräusch ertönte, etwas Schöneres und Lieblicheres hatten sie noch nie zuvor gehört. Es war Musik in ihren Ohren, vorgetragen von Engelschören. Sie fragten sich, woher es wohl kam, doch sie hatten Angst, sich dem Wald zu nähern. So erfreuten sie sich viele Jahre an diesen Klängen, ohne sich bewusst zu sein, wessen Schicksal sie ihnen bescherte.

Eines Tages waren die Klänge nicht mehr zu hören. Sie ertönten niemals wieder. Der Prinz hatte aufgegeben, er hatte sich in sein Schicksal ergeben.

Michael Timoschek

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Die Eule und der Bussard

An einem Maitag saß die Eule auf dem starken Ast eines alten Baumes, ihrem liebsten Platz, um den Tag, der sich im dichten Wald keineswegs durch große Helligkeit erkennbar machte, zu verbringen und auf die Nacht zu warten, die Zeit, zu welcher Nachtgreifvögel aktiver sind als während des Tages, wo sie, wenn nicht schlafend, so doch dösend auf einem Ast sitzen, und um einen guten Platz zu haben für das Warten auf unter dem Baum vorbeilaufende Beutetiere, auf welche sie sich stürzen würde, lautlos, ohne dass die Mahlzeit durch von dem Vogel verursachte Geräusche gewarnt werden könnte, wie Flügelschlag oder gar Lautäußerungen, denn das Gefieder von Eulen und Käuzen ist so beschaffen, dass es kein Geräusch erzeugt.

Zur selben Zeit flog der Bussard gemächlich, mit langsamen Flügelschlägen durch das Waldstück, als tagaktiver Raubvogel war er auf der Jagd nach Beute, seine orangen Augen suchten den von Fichtennadeln bedeckten Boden nach solcher ab, gleichzeitig musste der Bussard achtgeben, sich nicht zu sehr auf seine Suche nach Nahrung zu konzentrieren, zu dicht war das Stück Wald bewachsen, durch das er flog, die Gefahr, sich an einem Ast zu verletzen oder im Flug gegen einen Baum zu prallen, war groß und die Folge eines durch Unachtsamkeit hervorgerufenen Unfalls wäre gewesen, dass der Bussard ernstlich verletzt oder gar flügellahm zu Boden fiele, wo er ein gefundenes Fressen für vorbeilaufende Raubtiere sein würde.

Der Bussard erspähte eine Maus, und als er sie im schnellen Flug verfolgte, prallte er gegen den Baum, auf dem die Eule saß. Benommen vom Aufprall stürzte der Bussard zu Boden, die Eule, nun hellwach, beäugte das Schauspiel mit Interesse und schwebte schließlich zu Boden, um sich dem Bussard vorsichtig zu nähern, fürchtend, dieser könnte entweder aufgrund seiner Benommenheit oder aus simplem Frust über sein Missgeschick aggressiv reagieren und sie attackieren. Diese Furcht erwies sich als unbegründet, vielmehr starrte der Bussard die große Eule ängstlich an, wohl fürchtend, von ihr getötet und aufgefressen zu werden, doch machte sie keine diesbezüglichen Anstalten, vielmehr hockte sie neben dem schwarzen Taggreifvogel und sah ihm interessiert aus ihren großen Augen in seine orangen Augen, krächzte halblaut auf eine den Bussard beruhigende Art und Weise und als seine Benommenheit verschwunden war, erkannte der Schwarze die Schönheit und Sanftmut, die die Eule ausstrahlte. Sie flog zurück auf ihren bevorzugten Ast und er, der sich die Flügel nicht verletzt hatte, folgte ihr.

Der Bussard und die Eule bildeten von nun eine Art Gemeinschaft von Tag und Nacht. Der schwarze Vogel, dem an der Jagd gelegen war, sie bereitete ihm Freude, schlug die doppelte Anzahl an Beutetieren, solange es Tag war, und wenn die Dämmerung hereinbrach, saßen sie auf dem Ast des Baumes, der ihre Bekanntschaft eingeleitet hatte, er liebte es, ihren Rufen zu lauschen, die ab und an von männlichen Vertretern der Gattung Strigiformes beantwortet wurden, doch als diese herangeflogen kamen und des schwarzen Taggreifvogels ansichtig wurden, der neben der vermeintlich paarungswilligen Eule auf dem Ast saß, flogen sie verstört und wohl auch mit dem Gefühl, zum Narren gehalten worden zu sein, keine einzige männliche Eule ließ sich ein zweites Mal blicken, davon.

Im Fall des Bussards verhielt es sich ähnlich, jedes Mal, wenn ein Bussardweibchen dem Bussard ihre Aufwartung machen wollte, und die Eule in dessen Nähe erblickte, stieß es gellende Schreie aus und ward nicht mehr gesehen.
Die Eule, die herausgefunden hatte, dass es unmöglich war, Nachwuchs mit dem Bussard zu haben, stellte die Nahrungssuche fast zur Gänze ein, nur ab und an brachte sie eine Maus oder ein Eichhörnchen, eine Krähe oder ein Rehkitz an den Horst, und verlegte sich an Mordes statt auf das nächtliche In-den-Schlaf-Singen ihres Gefährten, der tagsüber die Nahrung beschaffte und den Horst sauber hielt. Mit der Zeit begann auch der Bussard, einen Hang zu nächtlichen Aktivitäten zu entwickeln, welcher ihn den Horst verlassen ließ, sobald die Dämmerung hereinbrach und ihn oftmals erst spätnachts zurückkehren ließ. Es ergab sich einige Male, dass er in bemitleidenswertem Zustand wiederkehrte, was die Eule anfangs hinnahm, doch mit der Zeit wurde sie seines Verhaltens überdrüssig, und um herauszufinden, was er trieb, während er weg war, was die Ursache für sein zerzaustes Gefieder und seine fallweise abgebrochenen Federn war, folgte sie ihm eines Abends heimlich, was ihr ein Leichtes war mit ihrem kein Geräusch verursachenden Gefieder und ihren an das Sehen in der Dunkelheit angepassten und gewöhnten Augen, und was sie da sehen musste, verstörte sie.

Er flog zu einem vom gemeinsamen Horst ein gutes Stück entfernten Baum, auf welchem sich eine große Anzahl Raben niedergelassen hatte, um auf diesem die Nacht zu verbringen. Er suchte sich einen ausgewachsenen Raben aus, nicht viel kleiner als ein Bussard, und lieferte sich mit diesem einen mit Klauen und Schnäbeln geführten Kampf auf Leben und Tod. Der Bussard siegte, doch ließ er seinen im Kampf getöteten Kontrahenten einfach liegen, er fraß nicht von ihm, und flog zurück in Richtung des gemeinsamen Horstes. Als die Eule die nähere Umgebung des Schlafbaumes der Raben in Augenschein nahm, entdeckte sie etliche Kadaver von Raben auf dem Boden verstreut, offenbar alles Opfer ihres Gefährten. Auf dem Weg zurück zum Horst schlug die Eule einen Fuchs, der aufgrund seiner Jugend noch unerfahren, was die Gefahren des nächtlichen Waldes anlangt, und dementsprechend unvorsichtig war, um sich den Anschein zu geben, als wäre sie gerade von der Jagd zurückgekommen. Sie fraßen den Fuchs, der Bussard glättete mit dem Schnabel sein zerzaustes Federkleid und strahlte dabei eine Art Zufriedenheit aus, die die Eule ängstigte.

Der Bussard setzte seine nächtlichen Aktivitäten fort und die Eule konnte sich diese nicht so recht erklären, bis er einmal mit einer klaffenden Wunde auf seiner Brust in den Horst zurückkehrte. Da war ihr klar, aus welchem Grund er sich beinahe allabendlich mit den Raben einließ. Er musste seines Daseins überdrüssig geworden sein.
Diesen Umstand konnte und wollte die Eule weder ignorieren noch hinnehmen. Sie dachte daran, mitten in der Nacht zu dem Baum, auf dem die Raben schliefen, zu fliegen und die Stärksten von ihnen zu töten, um ihrem Gefährten die gefährliche Beschäftigung zu verunmöglichen, doch verwarf sie diesen Plan. Einige Male rückte sie dicht an ihren Gefährten heran, wenn dieser arg mitgenommen an den Horst kam, versuchte auf diese Art und Weise Nähe zwischen ihnen beiden herzustellen, doch nachdem dies keinen Erfolg einbrachte, verwies sie ihn des Horstes.

Ein weiteres Mal war er schlimm verwundet angeflogen gekommen, schon aus der Ferne hatte die Eule erkennen können, dass es ihn arg erwischt haben musste, denn sein Flug war ungleichmäßig, er taumelte in der Luft, und als er Anstalten machte, sich im Horst niederzulassen, verhinderte sie dies, indem sie ihre Flügel spreizte, sodass er nicht hätte landen können, ohne sie dabei mit seinen Krallen zu verletzen, was er keinesfalls wollte, ihn mit ihren großen Augen, die sie überdies weit aufgerissen hatte, anstarrte und ihn anfauchte, so furchteinflößend, dass er im Flug wendete und sich auf einem Ast niederließ, der aus einem Baum neben dem wuchs, auf dem sich der ehemals gemeinsam bewohnte Horst befand. Der Bussard saß auf dem Ast, sah die Eule an, die sich beinahe demonstrativ abwandte und verbrachte die Nacht dort sitzend.

In den Nächten, die auf seine Abweisung folgten, verzichtete er darauf, mit den Raben zu kämpfen, er ließ diese intelligenten Vögel in Ruhe auf ihrem Baum schlafen. Er kam oft an den Horst, ließ stets zwei Beutetiere, meist handelte es sich bei diesen um Mäuse, die er sorgfältig ausgeweidet und deren Fell er abgezogen hatte, in den Horst fallen und nahm wieder Platz auf seinem Ast des Nachbarbaumes. Die Eule nahm die Mäuse mit ihrem Schnabel auf, schleuderte sie aus dem Horst und wandte sich um, um den Bussard nicht sehen zu müssen. Nach vielen Versuchen, sie doch noch umzustimmen, verschwand der Bussard.

Nach einer Weile begann die Eule, nach ihm zu rufen, sie suchte in den Nächten die Umgebung nach ihm ab, doch konnte sie ihn nicht finden. Sie begann, die Sache als erledigt abzutun und lernte eine männliche Eule kennen. Bald jedoch war sie sich der Tatsache bewusst, dass diese männliche Eule dem schwarzen Bussard in mehrerlei Hinsicht unterlegen war. Zum einen hatte sie den Eindruck, dass der Bussard über ein größeres Denkvermögen verfügte, zum anderen hatte dieser Euler die Angewohnheit, zwar sich selbst mit Nahrung zu versorgen, ihr jedoch nichts von dieser abzugeben, außerdem war er, was die Reinhaltung des Horstes anlangte, ein wenig aktiver Vogel. Die Eule verwies ihn auf die selbe Art des Horstes, die sie im Fall des Bussards zur Anwendung gebracht hatte, noch bevor sich hätte Nachwuchs einfinden können.

Sie begann abermals den Bussard zu vermissen und suchte erneut nach ihm. In einer tiefen Schlucht wurde sie schließlich fündig. Von ihrem Bussard war nur noch das Gefieder übrig, verstreut auf dem Grund der Schlucht, zwischen den Federn fand sie Bruchstücke zerschmetterter Knochen. Die Eule konnte die Umstände seines Todes nicht erkennen, doch sie hatte da so eine Vermutung.

Michael Timoschek

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Ziehen

Ein Mann erwachte aus seinem Schlaf, er hatte von grünen Wiesen und lieblichen Seen, von lauschigen Lichtungen im Walde und von Vögeln geträumt, welche die Szenerie mit ihrem Gesang erfüllt hatten. Er wollte sich zur Seite drehen, so wie jeden Morgen, ein Ritual, das ihm das Aufstehen immer erleichtert hatte, doch er fühlte, dass er nicht auf dem gewohnt weichen Bett lag, sondern in einer Pfütze, modriger Geruch drang in seine Nase, ein beißender, übel riechender Dunst ließ seine Nase brennen und seine Augen tränen. Er fühlte einen stechenden Schmerz in seinem Rücken, genau an der Stelle, die hinter seinem Herzen lag. Mit den Händen versuchte er zu ertasten, ob irgendwo eine offene Wunde zu erfühlen sei, doch fand er keine, die Haut war an dieser Stelle zerschunden.
Er fragte sich, wo er aufgewacht sei, an welch dunklem Ort, und musste erkennen, dass er in einem tiefen Loch gefangen war. In seiner Verzweiflung begann er laut zu schreien, auf dass irgendjemand auf seine missliche Lage aufmerksam werden würde, doch nach wenigen Minuten schon war er heiser geworden und er stellte das Schreien ein, zumal er noch nicht einmal wusste, wo sich das Loch, in dem er gefangen war, überhaupt befand. Hungrig versuchte er, den Boden des Lochs abzutasten, ob irgendetwas Essbares zu finden sei, doch außer ein paar Regenwürmer fand er nichts, also nahm er mit diesen vorlieb.

Das Loch begann sich zu erhellen, die Sonne ließ ein klein wenig Licht auf den Boden fallen, schwach nur, aber doch genug, um schemenhafte Umrisse dieses Gefängnisses zu erkennen. Es war ein im Durchmesser nur wenige Quadratmeter großes Loch, der Boden war an einigen Stellen feucht, es tummelten sich Unken und Regenwürmer an diesen feuchten Stellen, eine kleine Pfütze stand in einer Ecke, und die Tiefe des Lochs schätzte er auf dreißig Meter. Nach kurzer Zeit zog die Sonne weiter, nahm ihr Licht mit sich und überließ ihn wieder der Dunkelheit.
Durstig und hungrig machte er sich über das Wasser der Pfütze her und scheute nicht davor zurück, eine Unke zu verzehren, nachdem er sie getötet und ihr mit bloßen Händen notdürftig die Haut abgezogen hatte, schließlich hatte er keine Wahl, konnte in dieser Situation keine Rücksicht auf die Gefahren für seine Gesundheit nehmen, die eine solche Nahrung mit sich bringen würde. Nach einigen Stunden schlief er erschöpft ein und träumte wieder von lieblichen Wiesen und Vögeln.

Als er erwachte, wagte er nicht, die Augen zu öffnen, zu groß war seine Angst, immer noch in diesem Loch gefangen zu sein. Er zwang sich doch dazu und stellte fest, dass sich an seiner Lage nichts geändert hatte. Wieder rief er laut um Hilfe, doch wieder blieben seine Rufe unbeantwortet. Er nahm ein paar Würmer zu sich, trank aus der Pfütze und zwang sich dazu, sein Gehirn zu beschäftigen, indem er ihm gleichsam befahl, einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Er versuchte, mit bloßen Händen die Wände zu erklimmen, das einzige Resultat waren jedoch abgerissene Fingernägel und blutige Fingerglieder. Er versuchte immer wieder, Anlauf zu nehmen und ein wenig höher Halt zu finden in dieser Wand, die ihn umgab, doch er glitt immer wieder ab und zerschnitt sich die Oberarme.
Zitternd und blutend saß er verzweifelt auf dem Boden seines  Gefängnisses, nachdenkend, was ihn wohl in diese Haft gebracht haben mochte. Keine Antwort darauf findend, nahm er sich vor, jeden Tag, den er hier unten verbringen sollte, eine Episode seines bisherigen Lebens sich in Erinnerung zu rufen und zu analysieren, sodass er in der Einsamkeit nicht verrückt werden würde.

Auf diese Weise verbrachte er etliche Tage, um doch nur zum Ergebnis zu gelangen, dass eine neuerliche Analyse ohnehin keinen Zweck hätte, denn das Erlebte war ihm durchaus in Erinnerung geblieben und egal von welcher Seite er es immer wieder analysieren mochte, es änderte nichts an seinen damaligen Eindrücken und Empfindungen. Der Vorrat an Unken, Regenwürmern und modrigem Pfützenwasser versiegte nicht, und so begann er, der gewöhnt war, nur einmal am Tag feste Nahrung zu sich zu nehmen, diese Lebewesen abwechselnd zu verspeisen. Mit der Dauer seines Verweilens in diesem Gefängnis wuchsen in ihm die Angst vor der Dauer seines Aufenthaltes hier unten, seine Einsamkeit und seine Verzweiflung. Er begann damit, Namen von Menschen zu rufen, die er gekannt hatte, bevor er an diesem dunklen Ort aufgewacht war, er rief sie laut, schrie sie richtiggehend aus sich heraus, er flüsterte sie, hoffend, sie würden auf irgendeine Weise Gehör finden, doch bedingt durch die Tiefe des Schachtes wurden sie zu stummen Schreien.
Tag um Tag, Woche um Woche verbrachte er auf diese Weise, verzweifelt und ungehört. In seiner Not und Einsamkeit hatte er sogar den Entschluss gefasst, sein Leiden zu beenden, indem er die Haut der Unken ebenfalls aß, doch erwies er sich als immun gegen das schwache Gift, welches darin enthalten war. Er fragte sich, wie lange seine Haft schon andauerte, doch gelangte er zu keiner Antwort. Er hatte die Hoffnung auf Rettung aufgegeben, als er eines Morgens erwachte und ein sonderbares Kribbeln auf seiner Nase wahrnahm. Er fasste sich an die Nase und fühlte ein Stück Draht in seiner Hand. Unschlüssig was er tun sollte, beschloss er zu warten, bis die Sonne sein Gefängnis wie jeden Tag für ein paar Minuten erhellen würde. Die Sonne kam und als er seinen Blick zum Himmel wandte, sah er einen Balken quer über den Schacht liegen.

Er beschloss, diese Chance wahrzunehmen und zog am Draht. Höchst euphorisch, bemerkte er die Schmerzen in seinen Händen nicht, welche ungeschützt am Metall zogen. Die ersten Meter des Ziehens fielen ihm leicht, nach ungefähr zwanzig Metern jedoch wurden die Schmerzen in seinen Händen unerträglich und ihm wurde schwarz vor Augen, er hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Er dachte nach; er hatte die Möglichkeit, loszulassen und viele Meter tief zu fallen, oder er konnte sich dafür entscheiden, weiterzumachen, unter Schmerzen diesem Loch zu entkommen. Er entschied sich für Letzteres und bald hatte er es geschafft, seine Arme um den Balken zu legen, nun konnte er durchatmen.
Er blickte um sich und musste erkennen, dass der Schacht in einer lieblichen Landschaft gelegen war, doch war er von mehreren Reihen Stacheldraht umgeben. Er schaffte es, sich am Balken hochzuziehen und setzte sich auf diesen. Vor ihm der Stacheldraht, unter ihm das Loch. Als sich seine Augen an das Sonnenlicht, welches er viele Monate bloß für wenige Minuten täglich wahrgenommen hatte, gewöhnt hatten, blickte er über den Rand des Stacheldrahtes und bemerkte, dass er bereits erwartet worden war. Etliche Bussarde saßen vor dem Draht. Sie sahen ihn mit gierigen Augen an, welche sich beinahe menschlich ausnahmen. Ihre Blicke schienen ihm, als wollten sie ihm mitteilen, er solle nur den Stacheldraht passieren, sie würden ihn schon zerfleischen.

Ängstlich ließ er seinen Blick von den Bussarden weg, hin zu den Wesen schweifen, die hinter den Bussarden hockten. Er erkannte zwei Werwölfe, die auf der Erde saßen, ihre grün leuchtenden Augen und ihre ihm durchaus bekannten Gesichtszüge schienen ihm sagen zu wollen, er würde als der Versager aufgefressen werden, als den sie ihn einschätzten. Er wollte den Bestien etwas zurufen, da ließ sich ein großer Schwarm Vögel auf dem Stacheldraht nieder. Nicht die Art von Vögeln, von der er immer geträumt hatte, es waren unscheinbare Raben männlichen Geschlechts sowie schön anzusehende Amazonen, die aus dem Regenwald zu kommen schienen, weiblichen Geschlechts. Diese Vögel blickten völlig unbeteiligt auf die Szenerie, so als wollten sie lediglich als interessierte Beobachter am Geschehen teilhaben. Die Werwölfe erhoben sich und er befürchtete, sie würden mit einem Satz über den Stacheldraht springen, um ihn zu töten, jedoch sah er, dass sie einem Einhorn Platz machten, welches zu ihnen gestoßen war.
Sie schienen sich gut zu verstehen und das Einhorn kam nahe an den Stacheldraht heran. Es war weiß, von wunderschönem Körperbau, jedoch hatte es schwarze Augen. Es neigte den Kopf, so als wollte es den Mann dazu bringen, das Horn näher zu betrachten. Er tat dies und entdeckte an dessen Spitze Hautfetzen. Er begriff, dass es diese schöne Tier mit den schwarzen Augen gewesen sein musste, das ihn in sein Loch gestoßen hatte. Er blickte dem Einhorn ins Antlitz und erstarrte vor Schreck. Es öffnete sein Maul und zum Vorschein kamen die Fangzähne eines Wolfes, geeignet, Beute zu ergreifen, festzuhalten und erst dann wieder freizulassen, wenn der Wolf es möchte. Das Einhorn hatte jedoch nicht bloß Fangzähne, die übrigen Zähne im Maul dieses Wesens waren merkwürdig dreieckig geformt und hatten Zacken an den Rändern, wie kleine Sägen. Er dachte sofort an die Zähne des Tigerhais, geeignet dazu, möglichst große Stücke aus seinem Opfer zu reißen.

Obwohl er Panik in sich hochsteigen fühlte, zwang er sich, Ruhe zu bewahren und die Situation zu analysieren. Er erkannte, dass er zwei Möglichkeiten hatte. Die eine war, sich durch den Stacheldraht zu kämpfen, um danach kriechend und verletzt von den Kreaturen zerrissen zu werden, die Reste vertilgt von den Bussarden und die anderen Vögel als Zaungäste. Die andere war, sich wieder in das Loch fallen zu lassen und nie mehr zurückzukommen. Er überlegte kurz, er zögerte, das Einhorn hatte sein Maul geschlossen und wälzte sich einladend auf seinem Rücken, so als ob es meinte, er solle doch zu dem Wesen kommen, welches ihn hinuntergestoßen hatte in sein Verlies, er würde es ohnehin nicht schaffen, und falls doch, dann verbraucht und zerschunden. Er fragte sich, ob er immer noch ein Märtyrer wäre, würde er dem weißen Fabeltier mit den Wolfszähnen Genugtuung geben, erkannte die Unwichtigkeit dieser Frage und sprang.

Michael Timoschek

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Die neuen Welten der Maria Knehs

Am fünfzehnten April des Jahres 2013 hatte Maria Knehs endgültig genug von dieser Welt. An diesem Tag, exakt zwei Wochen vor ihrem sechzigsten Geburtstag, war ihr Hund gestorben.
»Frau Knehs«, sagte der Tierarzt, »Ihr Spitz hat Krebs. Es ist für Benni das Beste, wenn ich ihn einschläfere. So ersparen wir ihm Schmerzen.«
›Mach nur!‹, dachte sie, zu sprechen war sie nicht in der Lage. ›Wenigstens muss mein Benni nicht leiden, so wie ich. Ach, ich wünschte, ich könnte für immer woanders leben.‹
Mit ›woanders‹ meinte sie keineswegs einen anderen Ort als den kleinen im steirischen Hügelland, in dem sie zur Welt und aus dem sie nie wirklich herausgekommen war. Sie meinte eine andere Welt, einen anderen Planeten gar.

Sie ließ ihren toten Hund in der Praxis des Veterinärs und fuhr zu ihrem kleinen Haus am Rande der Ortschaft. Dort angekommen, rief sie ihre Tochter Monika an, die in Graz lebte.
»Moni, der Benni ist tot. Er wurde eingeschläfert«, weinte sie in den Hörer. »Wann fliegen wir wieder? Ich denke, dieses Mal bleibe ich oben.«
Monika Knehs seufzte. »Das tut mir leid für dich, Mama«, sagte sie halblaut. »Ich kann im Augenblick nicht mit dir reden. Manfred ist gerade eingeschlafen und du weißt ja, was für ein Theater er macht, wenn ich ihn wecke.«

Manfred war Monikas elfjähriger Sohn, der geistig behindert zur Welt gekommen war und der es überhaupt nicht schätzte, bei etwas gestört zu werden, egal, was er gerade machte. Sie hatte sich drei Monate nach seiner Geburt von seinem Vater getrennt, da dieser seinen Sohn weder akzeptieren konnte noch wollte. Nachdem erwiesen war, dass die Behinderung des Kindes schwer ausfallen würde, machte der Mann Monika Vorwürfe, sie wäre schuld an diesem Unglück. Bald jedoch ließ er das bleiben und ging dazu über, ihr Ohrfeigen zu verabreichen, worauf sich Maria Knehs gezwungen sah einzuschreiten.
Ihre Tochter hatte sie weinend angerufen und um Hilfe gebeten. Maria stieg sogleich in ihren Kleinwagen und fuhr zu ihrem hochschwangeren Kind. Mit tatkräftiger Unterstützung der als ruppig bekannten Grazer Polizei wies sie den Unhold aus der Wohnung und blieb drei Tage lang bei Monika.

Diese Zeit belastete Maria Knehs sehr. Zum einen, weil sie in all die Vorkommnisse eingeweiht wurde, die sich zwischen Monika und diesem Mann zugetragen hatten, zum anderen hatte sich Michael, ihr Sohn, soeben ein weiteres Mal auffällig verhalten.
Während Monika, die um drei Jahre jünger war als ihr Bruder, ihre Arbeit als Krankenschwester vorbildlich verrichtete, war Michael ein problematischer Fall. Er betrachtete sich nämlich als Künstler und führte ein entsprechendes Leben. Er hatte keine Arbeit, kein Geld und keine Frau. Er trank, schlief bei Freunden auf dem Sofa und bat seine Mutter in regelmäßigen Abständen um Geld.

»Es ist zum Verzweifeln mit dem Buben!«, sagte sie oft. »Klar, er hatte nie ein männliches Vorbild, weil er ohne Vater aufwachsen musste. Aber irgendwann muss er doch vernünftig werden! Nur Skulptur, Malerei und Alkohol ist zu wenig!«
Gustav Knehs, Marias Ehemann, war kurze Zeit nach Monikas Geburt bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Daraufhin hatte sie ihre beiden Kinder alleine großgezogen. Da ihr Mann eine gute Lebensversicherung abgeschlossen hatte und ihre Eltern ihr eine hübsche Summe hinterlassen hatten, konnte sie es sich leisten, ihren Job als Volksschullehrerin aufzugeben, um sich ganz ihrem Nachwuchs zu widmen.

Jedenfalls war Michael auffällig geworden. Wieder einmal. Er hatte sich als Nacktkünstler versucht und unbekleidet eine Aktion auf dem Grazer Hauptplatz zelebriert, als dort gerade einige Klosterschwestern friedlich gegen die Kriege und für Gott demonstrierten. Es kostete Maria viele Worte und einige Scheine, ihren Sohn aus den Fängen der Polizisten freizukaufen. Eine Entschuldigung bei den Ordensfrauen war auch vonnöten. Die versprachen, für Michael zu beten.
»Frau Knehs, ich muss Sie aber bitten, sich keine allzu großen Hoffnungen zu machen«, sagte die Äbtissin. »Ich fürchte nämlich, dass Michaels Zug schon zu weit gefahren ist, als dass Gebete ihn noch aufhalten könnten. Meiner Ansicht nach kann bloß noch die Schulmedizin Ihrem Sohn die Hilfe geben, die er offensichtlich benötigt.«
Daraufhin konnte sie ihren Sohn überreden, seine Tabletten wieder zu nehmen, und bald legte sich sein Wahnsinn.
›Er ist ja ein guter Junge‹, dachte sie oft. ›Er scheint halt nicht für diesen Planeten geschaffen zu sein. Er müsste auf einem anderen leben dürfen, dann wäre er sicherlich ein anerkannter Künstler, von mir aus auch nackt.‹

Zu dieser Zeit dachte Maria Knehs oft über ihr Leben nach. Sie hatte, das Wort ›eigentlich‹ kam ihr dabei häufig in den Sinn, alles richtig gemacht, oder wenigstens nichts allzu falsch. Sie war eine hübsch anzusehende, einigermaßen gut situierte Frau, die zwei erwachsene Kinder hatte. Eines von diesen war sogar, und das wurde ihr von sämtlichen Bewohnern des Dorfes bestätigt, wohlgeraten. Sie war gutherzig, großzügig und ihren Mitmenschen gegenüber stets freundlich und zuvorkommend. Schlechte Manieren waren ihr nämlich ein Graus. Dass ausgerechnet ihr Erstgeborener solche gerne und oft an den Tag legte, erfüllte sie mit Trauer. Nie hatte sie sich etwas zuschulden kommen lassen, von der Sache mit Willibald einmal abgesehen.

Willibald Grampert war ein übel beleumundeter Geselle, ein echter Nichtsnutz. Ein Tischler, gemacht aus dem schlechtesten Holz, das war er. Nicht nur, dass er seinen Lehrbuben ihre Ausbildungszeit ganz und gar vergällte durch Tritte, Schläge und unflätiges Geschrei, er hatte auch den Hang dazu, Frauen nicht eben gut zu behandeln. Grampert war ein im ganzen Ort verhasster Mann, doch wagte niemand, etwas gegen ihn zu sagen, war er doch der Ortsparteiobmann der Rechten.
Eines Tages erfuhr Maria Knehs, dass er sich mit Jennifer Wildbolz eingelassen hatte. Sie, die fünfzehnjährige Tochter des Betreibers mehrerer Solarien, hatte sich den dreiundvierzigjährigen Tischler angelacht. Maria dachte zwei Tage lang über dieses Gespann nach, dann informierte sie den Landesparteichef der Rechten, der ein widerlicher Ingenieur mit Schmissen im Gesicht war, persönlich über die Vorlieben seines Ortsobmannes. Willibald Grampert beendete die Mesalliance und wurde, auch was seine politische Gesinnung anging, katholisch.

Es waren die Umstände und die Zustände, auf die sie keinen Einfluss hätte nehmen können, die Maria Knehs verzweifeln ließen. Die Menschen reagieren in solchen Situation auf unterschiedliche Arten. Manche flüchten sich in den Rausch, andere in die Nervenheilanstalt und ein paar scheiden gar aus dem Leben. Nicht so Maria.
Wurde ihr die Verzweiflung unerträglich, stellte sie sich einfach vor, auf einem anderen Planeten zu leben. Und zwar auf einem, wo alles gut war. ›Omega‹ hieß dieser, doch wusste seine Erdenkerin nicht, wie sie auf diesen Namen gekommen war.
Auf Omega schien, wenn es nicht gerade Nacht war, stets die Sonne, und obwohl es ein von blühenden Bäumen und Sträuchern bestandener Planet war, regnete es dort nie. Kein Wölkchen trübte das Blau des Himmels. Es gab viele Tiere, doch befanden sich unter ihnen keine Beutegreifer allzu brutaler Wesensart. Maria bewohnte ein weiß gekalktes geräumiges Haus, dessen Zimmer schlicht, aber schön möbliert waren. Es gab einen großen Schwimmteich, eine Sauna und einen Pferdestall, doch Zaun gab es keinen. Ein solcher wäre auch gar nicht notwendig gewesen, denn es musste niemand davon abgehalten werden, ihren Rückzugsort zu betreten.

Auf Omega war Maria Knehs alleine.
Er war ein Planet des Glücks für sie. Keine Kriege wurden dort geführt, keine Verbrechen begangen, und die Kunst war Kunst im besten Sinne. Ihre Tage auf Omega brachte sie mit Lesen und Kochen zu, und wenn sie informiert und satt war, dann steigerte sie ihr ohnehin vollständiges Glück um noch ein kleines bisschen, indem sie es auf dem Rücken ihres Schimmels in sich sog.
Wann immer es ihr auf der Erde zu viel wurde, flog sie auf Omega. Bereits in der ersten Minute nach ihrer Ankunft dort fielen alle Sorgen von ihr ab, Rindenbrocken gleich, die von einem Baumstamm fallen.
Auch am letzten Tag, den sie auf Omega verbrachte, der gleichzeitig der letzte der Existenz dieses imaginären Planeten war, verhielt es sich so.
›Nun stehe ich wieder auf deinem Boden, mein Omega!‹, dachte sie. Sie entkleidete sich und öffnete die Türe ihrer Sauna.

Diesen Besuch hatte sie auch bitter nötig, denn Michael hatte wieder einmal einen Skandal provoziert, oder besser gesagt: eine ganze Reihe von Skandalen.
Irgendwie hatte Michael es fertiggebracht, als Künstler durchzugehen. Sogar in der Zeitung war er ein paarmal erwähnt worden, wenngleich diese Aufmerksamkeit eher seinem Hang zur Nacktheit geschuldet war als seiner Kunst.
Jedenfalls, alles begann mit einem Kunstwerk, das er erschaffen hatte. In einem riesigen Aquarium, voll mit Formaldehyd, wurde ein Bullenhai von einem Schwarm Karpfen mit Piranhazähnen attackiert. ›Die große Rache der Karpfen‹ hieß das Werk, das den ersten Eklat auslöste. ›Der Nacktkünstler als exemplarischer Wahnsinniger‹, so betitelte ein Magazin einen Artikel, in welchem Michaels Fischwerk analysiert wurde.

Maria Knehs las diesen Artikel und wagte zwei Tage lang nicht, ihr Haus zu verlassen, so groß war ihre Furcht vor hämischen Kommentaren der Leute im Dorf. Also flog sie auf ihren Planeten.
Nur zwei Wochen nach diesem Vorfall wurde der Künstler Michael Knehs weit über die Grenzen der Steiermark hinaus bekannt und berüchtigt.
Das Grazer Frauenkloster hatte ihn beauftragt, eine Skulptur für den Klostergarten zu erschaffen. Die Nonnen, die seine Nacktaktion keineswegs vergessen hatten, hatten ihm mit diesem Auftrag unter die Arme greifen wollen. Es kam der Tag der Enthüllung. Eine Klosterschwester fiel sofort in Ohnmacht, den anderen trieb es die Schamesröte ins Gesicht beim Anblick dessen, was sich da vor ihnen entphallte.

Maria Knehs bat ihren Sohn, doch wieder seine Pillen zu schlucken, doch dieser lehnte mit der Begründung ab, dass ein Drogenfreak, und ein solcher wäre er mittlerweile, keine herkömmlichen Medikamente bräuchte. Dann forderte er Geld von ihr.
»Ich weiß nicht, wie ich Michael noch helfen kann!«, sagte sie zu ihrer Tochter.
»Vergiss ihn. Der wird nicht mehr«, lautete deren Antwort.
Auf Omega fand Maria Trost.
Als Michael öffentlich ankündigte, die Paarung eines Ebers mit einem Stier filmisch dokumentieren zu wollen, wobei er den Eber an des Stiers Kehrseite platzieren wollte, war das Maß voll und des Künstlers Belohnung die Zwangseinweisung in die Grazer Irrenanstalt.

Maria Knehs besuchte ihren Sohn dort mehrere Male, konnte sich jedoch kaum mit ihm unterhalten, so sediert war er von den schweren Medikamenten.
Nach ihrem letzten Besuch beschloss sie, dass es an der Zeit war, eine ganze Woche auf Omega zuzubringen.
Sie öffnete also die Saunatüre auf ihrem perfekten Planeten. ›Das wird mir guttun‹, dachte sie noch. Dann schrie sie laut auf. In ihrer Sauna saß Michael, nackt, grinsend und die ausgestreckte rechte Hand vor ihr Gesicht haltend, offensichtlich in Erwartung einer gewissen Summe an Bargeld. Dann sprach er auch noch.
»Hallo, Mama. Schön hast du es hier! Ich denke, ich werde für eine Weile« – weiter kam er nicht.
Maria Knehs packte ihren verrückten Sohn an der Hand und flog mit ihm zur Erde zurück. Über der Klapsmühle ließ sie ihn los. Er fand den Weg an den Ort seiner Bestimmung, sie den zurück in ihr Haus.

Omega, ihren Planeten, ließ Maria in der Sonne verglühen. Eine gleißende Explosion von Licht, und alles war vorbei.
»Monika, mein imaginärer Planet ist verglüht!«, schluchzte sie ins Telefon.
»Das macht nichts, Mama«, beruhigte Monika Knehs ihre Mutter. »Dann kommst du mit auf Epsilon. Alleine wird es mir dort allmählich langweilig.«

Michael Timoschek

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Das Häuschen im Wald

In den Tiefen des Landes gab es einen großen, dunklen Wald. Er war voller kräftiger Bäume und an mancher Stelle wurde er von saftigen, grünen Wiesen unterbrochen. Dennoch wagten sich die Menschen nicht tiefer als ein paar hundert Meter hinein. Sobald die Kinder laufen konnten, wurde ihnen eingebläut, niemals den Wald zu betreten, von jeher kursierten Schauergeschichten, um dieses Verbot zu untermauern. Sie handelten von ungezogenen Mädchen und Jungen, die nicht auf die Erwachsenen hören wollten, in den Wald gegangen und niemals zurückgekehrt waren. Manchmal saß man am Lagerfeuer, lauschte den Geräuschen der Nacht und jemand sagte: „Hört ihr das? Das ist der kleine Lukas, der sein Leid klagt. Wäre er nur damals nicht in den Wald gegangen!“ oder: „Das sind Marias Schreie, sie fleht, dass ihr jemand zur Hilfe kommt, doch jeder, der ihr folgt, ist genauso verloren wie sie!“

Allerdings konnte man sich nicht wirklich auf eine gemeinsame Ursache dieses Schreckens einigen. Die einen meinten, es handle sich um einen riesigen, menschenähnlichen Wolf, der von Menschenfleisch lebte, andere wiederum waren sich sicher, dass im Wald der Schlund der Hölle lag, der alles verschluckte, das in seine Nähe kam. Dann gab es natürlich auch die Traditionalisten, die von Hexen, Monstern und Kobolden sprachen.

Jeder Landstrich, der einen schönen, großen Wald sein Eigen nennt und etwas auf sich hält, hat solche Geschichten. Tatsache ist, dass es schon einige gab, die tiefer in den Wald eingedrungen waren, um wertvolle Rohstoffe oder sich selbst zu finden, und die auch heil wieder zurückgekehrt waren. Tatsache ist auch, dass es einige gab, die nicht wiederkamen, aber auch dafür existierten rationale Erklärungen. Immerhin, es war ein verdammt großer und dunkler Wald, da konnte man sich schon leicht verirren. Unter den Jugendlichen gab es andere Theorien. Die gängigste war, dass sich die „Verlorenen“ einfach aus dem Staub gemacht hatten, um diesem Kaff zu entfliehen und irgendwo ein besseres, aufregenderes Leben anzufangen. Die Wahrheit lag wie so oft irgendwo in der Mitte.

Der Wald war größtenteils eine ganz normale Ansammlung von Bäumen, nicht anders als andere. Vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass die Tiere hier ein friedlicheres, ruhigeres Leben führten, da die Menschen, dank ihres Aberglaubens, nicht das Bedürfnis hatten, die Gegend zu zivilisieren.

Jedoch gab es ungefähr in der Mitte des Waldes ein kleines Häuschen, das von außen unscheinbar wirkte. Zu jeder Tages- und Nachtzeit quoll Rauch aus dem gemauerten Schornstein, ein beeindruckender Kräutergarten erstreckte sich auf der Rückseite, und die Fensterläden waren fast immer geschlossen. Hervorzuheben wäre auch, dass es den Anschein hatte, als würde das Häuschen immer im Schatten stehen, obwohl es auf einer Lichtung erbaut wurde. Jeder Wanderer, der sich ihm näherte, ward nicht mehr gesehen, jedes Kind, das sich hierher verirrte, kehrte nicht mehr heim.

Die Bewohnerin dieses Häuschens war eine Hexe wie sie im Buche stand. Sie war alt und hässlich, hatte einen Buckel und eine Warze auf der Nase und war von so einer abgrundtiefen Bosheit erfüllt, dass sich selbst Werwölfe und Kobolde vor ihr fürchteten. Verirrte, die eine unsichtbare Grenze überschritten, wurden in ihren Bann gezogen und konnten sich nicht mehr wehren. Manche verspeiste sie gleich, andere ließ sie noch einige Zeit für sich arbeiten, bis sie sich ihrer entledigte. Sie war so alt wie die Zeit und kannte keine Furcht.

Allerdings hatte sie auch noch nicht Fred getroffen.

Eines Tages sah sie aus ihrem Fenster und erblickte mit Genugtuung, dass ein junger Mann die Lichtung betrat. Sie hatte schon seit geraumer Zeit kein Festmahl mehr gehabt, und auch wenn dieser Junge etwas schlaksig wirkte, es würde genug Fleisch an ihm dran sein. Die Hexe rieb sich die Hände, kicherte boshaft und trat ihm entgegen. Anstatt sich in eine wehrlose Kreatur zu verwandeln, die sich ihr bereitwillig zu Füßen legte, stolperte er ihr in die Arme und nieste ihr ins Gesicht.

„Ich bin Fred!“, krächzte er, während ihm ein dicker Rotzfaden aus der Nase hing. „Tschuldigung“, fügte er hinzu, als er die besudelte und durchaus verdutzte Hexe sah.
„Es sind diese verdammten Gräser und Pollen. Und die Bäume und diese fürchterlichen Tiere, die überall ihre Haare herumliegen lassen. Dieser Wald ist so was von DRECKIG!“
Er schnaubte in ein riesiges, gelbliches Taschentuch und nach kurzem Zögern bot er es großzügig der Hexe an. Diese reagierte nicht, sondern starrte Fred fassungslos und wutschnaubend an.
„Nein? Na, dann halt nicht.“
Er steckte das Tuch wieder ein, stemmte die Arme in den Rücken und blickte sich um.
„Nettes Plätzchen haben Sie hier. Abgesehen von der vielen Natur, natürlich!“ Fred lachte über seinen gelungenen Scherz und schlug der Hexe auf den Buckel.
„Huch, das ist ja ein ekliges Ding! So was kann man heutzutage wegmachen lassen, wissen Sie das?“
Die Hexe warf einen kurzen Seitenblick auf ihren Rücken, hob die Hand vor Freds Brust und begann Zauberformeln zu murmeln.
„Ja, danke! Ich würde schrecklich gern etwas trinken!“

Fred fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase und schob sich an der Hexe vorbei, um durch die offene Tür zu schreiten. Die Hexe war zwar kurzfristig überrascht, dass ihr Zauber nicht gewirkt hatte, aber sie war jetzt erst recht entschlossen, den Jungen zu ihrem Sklaven zu machen und ihn für sein Verhalten zu maßregeln.
Als sie seine nasale Stimme aus dem Haus hörte, beeilte sie sich hineinzukommen.
„Mein GOTT, ist das stickig hier!“
Darauf folgte ein beeindruckender Hustenanfall.
„Wann haben Sie denn hier das letzte Mal geputzt? Überall Staub!“
Zwei elefantöse Nieser.
„Also erstmal muss hier ein bisschen Licht rein!“

Fred begann schwungvoll die Fensterläden aufzureißen und störte sich auch nicht daran, dass einige Gläser und Schüsseln mit undefinierbarem Inhalt zu Bruch gingen. „Nein!“, kreischte die Hexe und zerrte an seinem Hemd. Körperliche Kraft hatte sie dank ihrer Fähigkeiten bis dahin nie gebraucht.
„Schon in Ordnung, Sie brauchen mir nicht zu helfen, ich kann das allein!“
Er schüttelte sie erfolgreich ab.
„Aber Sie könnten mir in der Zwischenzeit was zu trinken bringen. Das haben Sie wohl schon wieder vergessen, altes Mädchen, häh?“

Er lachte und zwinkerte ihr nachsichtig zu, während er sich weiter an den Fenstern zu schaffen machte. Für einen Moment stand die Hexe ratlos da, bis sich auf ihrem Gesicht ein furchterregend bösartiges Grinsen breitmachte. „Aber natürlich!“, krächzte sie und mixte mit ihren Zauberutensilien einen grausigen Trank aus Krähenfüßen, Rattenherzen und Froschschleim zusammen. Mit ihren knorrigen, warzigen Händen hielt sie ihm die Tasse vor die Nase und sprach: „Hier. Alles austrinken!“

Fred schnüffelte daran und verzog das Gesicht. „Da haben Sie mir eine Limonade gemacht, was?“ Beherzt griff er zur Tasse, zögerte nur einen Moment und leerte das Gefäß mit einem Schluck. Die Hexe kicherte unheilvoll und verkündete: „Jetzt bist du mein!“
Die Farbe verschwand aus seinem Gesicht und sein Blick wurde glasig. Die Welt um ihn begann zu schwanken, und er musste sich an einem Tisch festhalten, woraufhin dieser nachgab und sämtliche Flaschen, Töpfe und Tierleichen, die sich darauf befanden, auf den Boden kugelten und sich im ganzen Häuschen verteilten. Fred sank auf die Knie und griff sich auf den Bauch. „Mir ist so…“

„Jetzt wirst du dafür büßen, du elender Wurm!“ Triumphierend blickte sie auf ihn herab, hob ihren Arm und zischte einen grausigen Zauberspruch.
Plötzlich schrie Fred auf: „Mein Darmleiden! Wo ist das Klo?“
Er schubste die Hexe beiseite und stürmte ins erstbeste offene Zimmer. Mühsam rappelte sie sich auf und ihr Gesicht verwandelte sich in eine vor Schrecken verzerrte Fratze, als sie ihm nachblickte. „Das… das ist mein Schlafzimmer!“, keuchte sie und begann zu rennen. Sie war jedoch zu aufgebracht, um darauf zu achten, wo sie hintrat, so landete sie unglücklicherweise auf einer herumliegenden Flasche, rollte darauf zirkusgleich ins Schlafzimmer, wo die Flasche von einem abgetrennten Hasenkopf gebremst wurde. Für den Körper der Hexe kam dieser Halt allerdings zu abrupt, sie überschlug sich und brach sich das Genick vor den Füßen Freds. Dieser erhob sich mit einem tiefen Seufzer, machte einen großen Schritt über die Überreste der Hexe und zog sich dabei die Hose hoch.

„Hui, das war aber knapp. Ein gemütliches Klo haben Sie da! Oh, Sie haben sich hingelegt? Jaja, ich verstehe den Hinweis. Ich bin nämlich ein äußerst feinfühliger Mensch. Ich merke, wenn ich nicht mehr erwünscht bin. Bringen Sie mich ja nicht zur Tür, ich finde allein raus! Cheerio!“

Beschwingt und erfrischt verschwand Fred wieder im Wald und er lebte glücklich mit seinen Allergien bis ans Ende seiner Tage.

Constanze Scheib

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Die Taube

Im Dezember des Jahres 2013 stand ich am Rande des Teiches meiner Familie und blickte ins Wasser. Es war ein warmer Tag, was für diese Jahreszeit ungewöhnlich ist, also war die Wasseroberfläche nicht von Eis bedeckt, und ich konnte bis auf den mit Folie ausgelegten Grund des Schwimmteiches sehen.
Die Teichfrösche, die sich in den warmen Monaten durch unablässiges nächtliches Quaken bemerkbar machen, hatten sich bereits in die Winterruhe begeben, und auch die Molche zeigten sich nicht. Die Algen, die sich auf dem Boden abgelagert hatten, erweckten den Eindruck von dunklen Wolken, die das Grün der Folie teilweise verdeckten und ein wenig einladendes Bild boten.

Meine Familie befand sich im Haus, aus welchem ich gegangen war, um unter freiem Himmel zu rauchen und meinen Gedanken nachzuhängen. Ich dachte an Martina.
Sieben Jahre waren wir ein Paar gewesen, und im Dezember des Vorjahres war sie gegangen.

Wir hatten uns auf der Universität erst kennen, dann schätzen und schließlich lieben gelernt. Beide haben wir die Klasse für Gegenständliche Malerei besucht, und unsere Atelierplätze lagen nebeneinander. Bald wurde aus dieser Nähe im Atelier eine große persönliche Nähe. Unsere Beziehung war von Zuneigung und Verständnis für den anderen Menschen geprägt, wie auch von großer Toleranz gegenüber der jeweiligen künstlerischen Herangehensweise, welche grundverschieden war. Martina malte bevorzugt idyllische Bilder in Öl, während ich mich in meinen Werken der Kritik an der Gesellschaft widme, oft in Form drastischer Motive, wie Darstellungen von Gewalt und Krieg in Acrylfarbe.

Sie war eine schöne Frau, groß und blond, mit strahlend grünen Augen, die sowohl Güte als auch Klugheit zum Ausdruck brachten, jedoch auch etwas, das in ihr schlummerte, wenn schon nicht erkennen, so doch erahnen ließen. Dieses Etwas war der Grund, wie ich heute weiß, aus welchem sie schöne Motive in ihrer Kunst darstellte. Sie hatte sich nach nichts mehr gesehnt als nach Ruhe, Schönheit und Freiheit.

Wir lebten in einer hübschen Wohnung, die so groß war, dass wir zwei Zimmer als Ateliers nutzen konnten. Das Geld für die Miete und unser Leben brachte ich nach Hause. Nachdem ich bereits als Student in einer bekannten Galerie ausstellen durfte und meine Bilder schon damals zu hohen Preisen gehandelt wurden, fiel es mir leicht, für uns beide aufzukommen.
Wir waren ein junges Künstlerpaar, hübsch anzusehen, künstlerisch ambitioniert, einigermaßen gut situiert und unzufrieden. Dieser Unzufriedenheit machten wir in unseren Werken Luft, jedoch ohne darüber miteinander zu sprechen. Während ich meinem Ärger über die Zustände auf der Welt in meinen Bildern Ausdruck verlieh, malte Martina die Idyllen, die sie in sich selbst nicht finden konnte, wie ich heute weiß.

Ich hätte mit ihr sprechen sollen, sie fragen, wo sie der Schuh drückte, doch nahm ich sie so an, wie ich sie eben sah: als eine hochbegabte und sehr liebenswerte Künstlerin, die ihre inneren Nöte und Probleme brauchte, um die Kunst, die sie machte, überhaupt auf die Leinwand bringen zu können.
Im letzten Jahr unserer Beziehung dachte ich einige Male daran, mit ihr zu sprechen, doch jedes Mal, wenn ich innerlich dazu bereit war, fand der phlegmatische Teil meiner Persönlichkeit eine Ausrede, um das Gespräch nicht führen zu müssen.

Am sechzehnten Dezember 2012 kam ich von der Eröffnung einer Ausstellung meiner Werke nach Hause und fand Martina auf dem Sofa im Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch lag ein an mich adressierter Brief, in welchem sie sich für ihre Tat entschuldigte. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und schließlich fiel ich in Ohnmacht.
Im Krankenhaus wurde mir mitgeteilt, dass eine eindeutige Todesursache nicht festgestellt werden konnte, doch das war mir ohnehin bewusst. Sie hätte sich niemals aktiv etwas angetan, dazu war sie ein viel zu sanfter Mensch gewesen.
Sie hatte einfach aufgehört zu leben. Hatte ihr letztes Bild so an den Couchtisch gelehnt, dass sie es in ihren letzten Sekunden sehen konnte, sich auf das Sofa gelegt und, wie ich vermute, ein letztes Mal tief ausgeatmet.

Ich wohne immer noch in dieser Wohnung. Martinas Bilder habe ich an die Wände gehängt. Ihr letztes Werk jedoch lehnte viele Monate vor Staub geschützt an der Wand ihres Ateliers, welches mir in der Zwischenzeit als Werkstätte dient. Ich versuche mich nämlich gelegentlich an Objekten aus Metall und Holz, allerdings mit bescheidenem Erfolg.
Es fiel mir zu keinem Zeitpunkt schwer, ihre Kunst zu betrachten. Der Umstand, dass sie nicht mehr am Leben war, war anfangs nur schwer zu ertragen, doch das Wissen, dass sie frei sein wollte, linderte den Schmerz. So hatte sie es in ihrem letzten Brief formuliert: ‘Frei wie ein Vogel’, steht da zu lesen, und passenderweise hatte sie auf ihrem letzten Bild einen Vogel dargestellt.

Als ich im Dezember des letzten Jahres am Schwimmteich stand und rauchte, erblickte ich eine Türkentaube. Sie saß auf der Kante der Dachrinne des Nachbarhauses, in welchem meine Großeltern wohnen. Dann flog sie einige Male knapp über der Wasseroberfläche über den Teich. Sie war offensichtlich noch nie an diesem Gewässer gewesen, denn erst nach dem vierten oder fünften Versuch fand sie eine passende Stelle, um sich niederzulassen und zu trinken. Sie trank vom kalten Wasser, dann blickte sie auf und sah mir direkt in die Augen.
Sicherlich hatte sie meine Anwesenheit schon vorher bemerkt, von ihrem Beobachtungsposten auf der Dachrinne aus, doch schien sie diese nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie flog auf mich zu und landete auf dem Ast eines Apfelbaumes, etwa einen halben Meter von mir entfernt. Gurrend saß sie dort und machte keine Anstalten aufzufliegen, als ich mich ihr bis auf wenige Zentimeter näherte.

Ich sprach mit ruhiger Stimme mit dem Vogel und betrachtete ihn eingehend von allen Seiten. Er sah aus wie alle Türkentauben, nur war er, anders als seine Artgenossen, nicht scheu.
Ich betrachtete ihn weiter und erkannte, dass der dunkle Ring um seinen Hals unterbrochen war, und zwar an zwei Stellen auf der Vorderseite. Es waren keine großen Unterbrechungen, bloß zwei Millimeter waren sie breit und nur aus nächster Nähe zu erkennen.
Diese zwei Millimeter reichten jedoch aus, um mich erstarren zu lassen. Der Vogel auf Martinas letztem Gemälde ist ebenfalls eine Türkentaube, und auch ihr Band ist an zwei Stellen unterbrochen, und zwar an genau denselben wie das der lebendigen Taube vor mir es war.

Nach einigen Sekunden löste sich meine Starre, und ich sah dem Vogel in die Augen. “Martina?”, sagte ich leise und mit pochendem Herzen. Die Taube antwortete natürlich nicht mit Worten, doch sprang sie gurrend auf meine linke Schulter und schmiegte ihren Kopf an meinen Hals, und zwar an genau die Stelle, auf der Martina oft eingeschlafen war und ihr Kopf bis zum nächsten Morgen gelegen hatte.
Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich den Vogel zärtlich streichelte. Die Türkentaube ließ mich gewähren, selbst als ich sie auf den Kopf küsste, was Martina geliebt hatte, hielt sie still. Ich sprach leise mit ihr, sagte ihr, was ich Martina noch hätte sagen wollen, und wohl auch sollen. Nach etwa fünfzehn Minuten flog die Taube wieder auf die Dachrinne meiner Großeltern, auf der sich in der Zwischenzeit eine zweite Türkentaube niedergelassen und uns beobachtet hatte. Es handelte sich offensichtlich um den Partner meiner Taube. Nachdem sie geschnäbelt hatten, flogen sie gemeinsam weg.

Ich war zwar noch irritiert von dem eben Erlebten, doch überwog die Freude, dass Martina offenbar ihr Glück gefunden hatte. Seit diesem Tag war ich oft im Haus meiner Familie zu Gast, doch habe ich diese bestimmte Taube nicht mehr gesehen. Das stimmt mich ein wenig traurig, doch habe ich auch Verständnis dafür. Ich bin schließlich ein Teil des früheren Lebens von Martina.
Die Taube auf ihrem letzten Werk sieht mir nun bei der Arbeit zu. Wenige Tage nach diesem Erlebnis kam ich wieder in meine Wohnung und habe das Bild ausgepackt und an die Wand meines Arbeitszimmers gehängt.
Auch wenn es mich heute noch schmerzt, dass Martina gegangen ist, so weiß ich doch, dass ihr Schritt der für sie richtige war, denn nun ist sie frei.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 17013

Roboter träumen

Eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, stand schon seit Langem im  Forderungskatalog vieler Wissenschaftler. Es erwies sich als weit schwieriger als gedacht. Die Rechenleistung stieg geradezu exponenziell, aber das reichte nicht. Ein Roboter, der alle Möglichkeiten durchrechnete, blieb ein tumber Rechenapparat. Er war nicht intelligent. Der Schwerpunkt lag woanders. Der Mensch war einem Roboter deshalb voraus, weil er Wichtiges von Unwichtigem trennen konnte, daraufhin Prioritäten setzte, weil er Eindrücke mit gemachten Erfahrungen verglich, und weil er lernte. Er war mit Filtern ausgestattet, die er einsetzte. Und er wusste, was für ihn notwendig war. Ein Mann brauchte 0,3 Sekunden, um herauszufinden, ob er eine Frau hübsch fand. So schnell war kein Roboter.
Selbst wenn ein Supercomputer an seiner Stelle in dem Mann gerechnet hätte, wäre er langsamer gewesen. Was den Menschen intelligent machte, war, dass er ein weiterentwickeltes Tier war. Er tat alles, um zu überleben oder zumindest seine Gene weiterzugeben. Das war das Tierische an ihm. Und zudem hatte er denken gelernt. Es war die Kombination aus Instinkt und Gedankenkraft, die ihn blitzschnell richtige Schlüsse ziehen ließ. Und es war auch das, dass er immer nur einen Teil seines Gehirns, den zur Problemlösung spezialisierten, nützte und den Rest damit schonte. Und, worauf die Wissenschaftler schließlich kamen, was vielleicht den Durchbruch einleitete, der Mensch träumte. Er verband damit verschiedene Bewusstseinsebenen.

Mit dem Stur-Chips-parallel-Schalten und ein paar Programme Einspeisen war es nicht getan. Die Wissenschaftlerteams bestanden dann zu größeren Teilen aus Psychologen und Neurologen. „Das künstlich intelligente Wesen muss ein Egoist sein“, wurde zum geflügelten Satz.

Erste Ergebnisse zeigten sich. Manche Roboter begannen zu denken, auf einfache Weise, schwerfällig und langsam, aber doch. Es waren an das Menschliche angelehnte Denkmuster. Dann lernten die Roboter. Man gab ihnen drei Aktivitätszustände, ein, aus und Standby, die durch einen Schieberegler eingestellt wurden. Im Standby-Modus sollte es für die Roboter möglich sein zu träumen. Das funktionierte auch, denn einige Roboter erzählten danach von schlimmen Alpträumen. In weiterer Folge entfiel der Schieberegler, und die Roboter wählten selbständig ihren Zustand. Die Roboter wurden intelligent. Bei Intelligenztests hätten sie wohl noch schlecht abgeschnitten, aber trotzdem: Die Aufgabe, künstliche Intelligenz zu erschaffen, war erfüllt.

Zu Intelligenz gehört auch ein gewisses sich entwickelt habendes Bewusstsein. Das äußerte sich so, dass einige Roboter bockig reagierten, wenn ihnen etwas nicht passte. So interessierte sich das Militär für ein paar Exemplare. Die Roboter verweigerten mit der Begründung: „Wer intelligent ist, geht nicht zum Heer.“

Oder der Roboter, den ein Wissenschaftler zum Abendessen mit zu sich nach Hause nahm. Er saß mit der Familie zu Tisch, er schüttete das Essen einfach in einen Hohlraum in seinem Inneren, er betrieb Konversation, aber als die Tochter des Wissenschaftlers zu ihrem Papa sagte, der Roboter habe da einen Rostfleck, war er beleidigt und wurde patzig.

Das waren noch die einfachen Fälle. Die intelligenten Roboter wurden zuverlässige Gehilfen, die man mit Nachsicht und Respekt behandeln musste. Kam man ihnen herablassend oder unfreundlich, stellten sie die Arbeit ein und schmollten, manche beschwerten sich auch. Aber nach einiger Zeit renkte sich das wieder ein.

Es kam aber noch etwas ganz anderes auf: Wer mit Geist behaftet war, konnte auch eine Störung dessen haben. Geist bedingte ebenso Geisteskrankheiten.
Neue Berufszweige entstanden: Roboter-Psychologen, Roboter-Psychiater, Roboter-Psychotherapeuten. Und eine neue Einrichtung, die der Roboterpsychiatrie.
In einer solchen traf man den Kehrroboter mit den vielen Bürsten an seiner Unterseite, der größenwahnsinnig geworden war. Er bildete sich ein, er wäre Astrophysiker. Aus einem Pappendeckel hatte er sich ein Fernrohr zusammengerollt und beobachtete damit, wenn die anderen Roboter in seinem Zimmer schliefen, den Sternenhimmel.
Oder man lernte den Roboter mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kennen, der ständig vor spiegelnden Flächen stand, in denen er sich selbst bewunderte.
Und viele andere Roboter waren noch dort, denen man half und sie überwachte.

Die Zukunft hatte schon angefangen und war noch lange nicht zu Ende.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 17014