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Computersprache

 Zu Besuch

„Und, hilft er wenigstens im Haushalt mit?“ Birgit seufzt. Diese Frage stellt ihr jeder, seit sie mit Arif einen 16-jährigen syrischen Flüchtling bei sich aufgenommen hat. Die Skepsis, die ihr entgegenschlägt, kommt von allen Seiten. Von ihrer eigenen Familie erfährt sie diese genauso wie von Arbeitskollegen oder Nachbarn.

Am Anfang war der Tenor zu ihrem Engagement noch sehr positiv, aber nachdem sich die Medienberichterstattung seit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht im Jahr 2015 völlig gewandelt hatte, ist nicht mehr viel übrig geblieben von der Nächstenliebe und dem sozialen Denken.

„Hast du nichts von dem Mädchen gehört, das von einem Flüchtling vergewaltigt und danach erschlagen wurde? Hast du keine Angst, dass dir das auch passieren könnte?“

Nicht alle Geschichten, die erzählt werden, sind Vorurteile oder Lügen. Manches davon ist auch wahr. Aber Birgit hat keine Angst. Sie braucht Arif nur in die Augen zu sehen, um zu wissen, dass in ihm eine gute Seele steckt.  Sie glaubt nicht daran, dass ihr Arif jemals eine Falle stellen könnte.

„Nein, er hilft nicht mit im Haushalt. Er sitzt die meiste Zeit herum und starrt auf sein Handy. Sein einziger Freund ist zwei Stunden entfernt von uns in Wien. Arif sitzt dagegen bei mir in einem Vorort von Linz fest und hat den ganzen Tag nichts zu tun“, sagt Birgit.

Die junge Mutter ist stets ehrlich, wenn die Familie sie nach Arif fragt. Nur bei den Menschen, die sie auf der Straße auf ihren Hausgast ansprechen, zuckt sie auf solche Fragen lediglich mit den Schultern.

„Ja lernt er denn kein Deutsch?“
„Der nächste freie Kurs ist im Herbst.“
„Spielt er mit deinen Kindern?“
„Eher selten. Er ist sehr nach innen gekehrt.“
„Das macht dir keine Sorgen?“
„Nein. Er hat viel durchgemacht. Man muss ihm Zeit geben.“
„Schreibt er auf Arabisch?“
„Ja, das ist seine Muttersprache.“

Die Fragen enden schnell. Die Familienmitglieder tauschen ein paar sorgenvolle Blicke untereinander aus. Das Thema wird gewechselt. Niemand will Birgit ihr Engagement ausreden, aber Bewunderung erntet sie dafür auch keine. Die Skepsis bleibt.

Zu Hause

Arif sitzt in seinem Zimmer und schreibt mit seinem Freund Hassan Nachrichten am Smartphone hin und her. Hassan erzählt ihm, dass er gestern im Park Fußballspielen war mit anderen Buben aus Syrien. Sie hatten dafür endlich einen echten, runden Ball verwendet und keine selbstgefertigte Kugel, die sie aus alten Lebensmittelkartons gebastelt hatten. Es hat Spaß gemacht, schreibt Hassan. Arif lächelt. Er freut sich für seinen Freund, den er vergangene Woche in Wien besuchen war. Birgit fährt alle zwei Wochen mit ihm nach Wien, damit sich die beiden treffen können. Arif ist ihr dafür unendlich dankbar.

Hassan ist sein einziger Freund aus Syrien. Er hat es ebenfalls bis nach Österreich geschafft. Hassan ist die letzte Verbindung zu Arifs Heimat. Ohne Hassan wäre er ganz alleine auf dieser Welt. Mit Hassan spielte er schon, als sie beide noch ganz klein waren. Wenn Arif Hassan sieht, erinnert er sich an den Staub auf den Straßen, den sie aufgewirbelt hatten, als sie Ball spielten. Oder  an den süßen Geruch von Kuchen, den sie gemeinsam aus dem Ofen von Hassans Großmama gestohlen hatten, kurz bevor er fertiggebacken war.

Plötzlich stürmt Birgits kleiner Sohn, der achtjährige Martin, ins Zimmer. Er öffnet die Tür ungefragt. Arif zuckt zusammen. Sofort fühlt er sich zurückversetzt in eine Stadt, die niedergebombt wurde. Nicht nur eine Rakete ist direkt im Nachbarhaus eingeschlagen. Arif hat viele Leichen gesehen. Und er hat ständig Angst, dass auch hier plötzlich eine Rakete neben ihm einschlagen könnte. Sein Trauma sitzt tief.

„Arif, willst du mir helfen? Schau, was wir meine Tante geschenkt hat! Einen kleinen Computer zum Basteln!“

Martin versteht nicht, dass Arif seine Sprache nicht kann. Er spricht mit ihm trotzdem Deutsch, und Arif tut auch immer so, als würde er es verstehen. Er will den kleinen Buben nicht enttäuschen. Auch dieses Mal nicht. Doch als Arif dieses Mal aufblickt, beginnen seine Augen zu leuchten.

Arif sieht, dass Martin einen kleinen Raspberry Pi in seinen Händen hält. Der Raspberry Pi ist ein billiger Einplatinencomputer ohne Gehäuse, von dem bereits mehr als sieben Millionen Geräte weltweit verkauft worden sind – auch nach Syrien. Arif hatte vor ein paar Jahren auf dem Raspberry Pi das Programmieren gelernt. Es war der einzige Computer, den er je besessen hatte. Er bastelte damals auch selbst eine Hülle für das Teil. Und lernte die Programmiersprache Python.

Arif beugt sich zum kleinen Martin herab und nimmt ihm behutsam die Platine aus der Hand. Gemeinsam geht er mit dem Jungen in sein Zimmer, um sie dort für ihn zu verkabeln, am Bildschirm anzustecken, das Betriebssystem zu installieren und in Betrieb zu nehmen. Als der kleine Computer zu surren anfängt und läuft, freut sich Martin und klatscht.

„Ja, du hast es geschafft. Danke!“

Ein paar Stunden später sitzen die beiden noch immer gemeinsam vor dem Bildschirm. Arif hat damit begonnen, den Raspberry Pi mit einfachen Befehlen dazu zu bringen, Songs, die Martin gefallen, abzuspielen. Als Birgit das Zimmer betritt, sieht sie sofort, dass sich etwas geändert hat. Bei Arif und Martin. Sie sieht Arifs Begeisterung, sein Strahlen in den Augen. Er blickt konzentriert auf den Bildschirm, und seine Finger bewegen sich blitzschnell über die angeschlossene Tastatur. Sie sieht auch die Freude in Martins Augen und den Stolz auf ihren Hausgast.

„Mama, Mama, Arif ist ein Computergenie! Er hat das neue Gerät von Tante Greta zum Laufen gebracht. Und schau, es spielt Helene Fischer ab!“
„Das ist ganz toll, Martin.“

Arif schreibt Martin ein Programm, das ein einfaches Ping-Pong-Spiel mit dem Lieblingssong des Jungen sowie den Figuren aus dem offiziellen YouTube-Video kombiniert. Der kleine Bub umarmt ihn. Arif lässt die Nähe zu. Er zuckt nicht weg und er lächelt. Es scheint ihm gutzutun. Noch nie zuvor hatte Birgit den syrischen jungen Mann lächeln sehen, außer wenn er mit seinem Freund Hassan gespielt hat. Die Mutter ist beeindruckt. Der zuvor so verloren wirkende 18-Jährige blüht dank des Computers regelrecht auf.

Neben Arabisch beherrscht Arif also noch andere Sprachen fließend. Sprachen, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Programmiersprachen wie Python, HTML und Java.

Birgit erkundigt sich im Dorf, ob jemand Arifs Fähigkeiten gebrauchen kann. Dann würde sich Arif vielleicht ein wenig nützlicher vorkommen, denkt sie. Und ihr Plan geht auf. Arif programmiert dem Bäcker seine Webseite. Zum Dank bringt er jetzt jeden Morgen frische Croissants vorbei und winkt Arif zu. Arif winkt zurück und lächelt.

Zu Besuch

Als Birgit das nächste Mal gefragt wird, ob „ihr Flüchtling“ denn mittlerweile im Haushalt mithelfe, antwortet sie: „Nein, aber er programmiert meinem Sohn fast jeden Tag ein neues Spiel. Und dem Bäcker die Webseite. Und dem Schuster hat er dabei geholfen, seinen Rechner neu aufzusetzen.“

Schweigen und Staunen. Keiner weiß, was er darauf sagen soll.

„Arif ist ein Computergenie“, sagt Birgit. „Er spricht viele Sprachen. Programmiersprachen. Aber auch sein Deutsch wird immer besser. Weil er den Drucker des Lehrers wieder zum Laufen gebracht hat, unterrichtet ihn dieser jetzt einmal pro Woche kostenlos. Er ist Arif so dankbar, weil er sich mit dem Gerät davor schon seit Monaten herumgeärgert hat. Und Martin ist auch ganz begeistert. Er hilft Arif jetzt ebenfalls beim Deutschlernen. Danach darf er immer seine frisch programmierten Spiele auf dem Raspberry Pi spielen, den du ihm geschenkt hast, Greta.“

„Hoffentlich sind das keine Killer-Spiele?“
„Doch, eines heißt sogar ‚Fallen‘, also, falls es um dein Englisch nicht so gut bestellt sein sollte, das heißt: ‚gefallen‘. Da geht es darum, ängstliche Tanten und Omas abzuschießen. Das wolltet ihr doch hören, oder?“

Entsetzte Blicke und Stille.  Birgit seufzt. Ihr Sarkasmus steigt automatisch mit dem Grad an Dummheit der anderen. Manche, denkt sich die junge Mutter, lernen’s einfach nie.

Barbara Wimmer
https://shroombab.at

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16100

Imres Vormittage

In jedem seiner großzügigen Wohnräume war über der Tür eine große Uhr angebracht. Auf rundem Weiß schlichte klare Ziffern in Schwarz, ein nervöser Sekundenzeiger, der pausenlos einem gemächlichen Minutenzeiger hinterherjagte, um ihn und den behäbigen Stundenanzeiger immer und immer wieder einzuholen.
Seit er vor einem Jahr das Gebäude einer ehemaligen Volksschule in einer kleinen Ortschaft erworben hatte, war die Zeit omnipräsent für Imre.
Der Schulbetrieb war seit Jahren eingestellt, die Anzahl der Kinder über die Jahrzehnte überschaubar und das Schulgebäude funktionslos geworden, schließlich zur Vermietung angeboten gewesen.

Die Ereignisse hatten sich geradezu überschlagen, als der Bankbeamte am Ende seiner beruflichen Laufbahn vor einem Jahr pensioniert worden war. Seine Ehe hatte nach vielen Jahren ein abruptes Ende gefunden, sich seiner indessen geballten Präsenz im gemeinsamen Haushalt als nicht gewachsen erwiesen, und seine nunmehrige Exfrau sich außerhäuslich amourös orientiert, was ihn zum Auszug aus dem gemeinsamen Domizil bewegt hatte.

Als ob das nicht schon genug wäre, nein, nicht nur das erwähnte Ungemach, sondern eben auch die schwarzen Zeiger auf weißen Ziffernblättern brachten eine Neuorientierung mit sich, vor allem, weil deren Position immer noch ein durchdringendes Läuten der Schulglocke auslöste.
Am ersten Morgen in seinem neuen Heim weckte ihn die Klingel um 7 Uhr 50. Das schrille Geräusch ließ ihn mit Herzrasen hochschrecken und tat ihm in den Ohren weh. Er drückte sich den Polster auf den Kopf, drehte sich im Bett wieder um und versuchte, nochmals einzuschlafen, schließlich war er im Ruhestand und hatte keine Termine. Doch das unangenehm Grelle klang noch lange nach. Er nahm sich vor, das störende Schellen auf Dauer abzustellen, was ihm aber nicht gelang, obwohl er an diesem Tag einiges an den Einstellungen der Elektrik ausprobierte. Wenn er die Sicherungen ganz herausschraubte, dann blieben die Uhren natürlich stehen, und das behagte ihm auch nicht.

Einer der Gründe für die Konflikte mit seiner Frau war, dass er seit seiner Pensionierung täglich bis 9 Uhr geschlafen hatte. Du lässt dich gehen, hatte sie vorwurfsvoll zu ihm gesagt, als er wieder einmal am helllichten Vormittag im Pyjama in der Küche sitzend seinen Frühstückskaffee getrunken hatte.
Vermutlich hatte sie recht damit. So plötzlich erstens auf sich allein gestellt, weiters der Arbeitswelt und der Gesellschaft seiner Kollegen entrissen und des bisherigen häuslichen Umfelds entwöhnt, musste Imre nun schauen, wo er blieb.
So beschloss er bereits am nächsten Tag nach dem Frühstück, zeitgleich mit dem Pausenklingeln um 8 Uhr 50, klar Schiff zu machen, sein Leben wieder in geregelte, anständige Bahnen zu lenken, möglicherweise würde das Geklingel ja so etwas wie ein Reglement in sein Leben bringen, Strukturen schaffen, denen er nur zu folgen brauchte, ohne selbst disziplinär gegen seinen inneren Schweinehund vorgehen zu müssen. Angewandte Pädagogik – nicht verwunderlich an so einem Ort.

Um 7 Uhr 50 schwang er sich also jetzt täglich aus dem Bett, die folgenden zehn Minuten verbrachte er im Bad und bereits als die Glocke die erste Schulstunde einläutete, war er dabei, sich Frühstück zu machen und danach kümmerte er sich um den Haushalt, der immer noch aus dem Ausräumen von Umzugskartons, Teppichausrollen und Möbelrücken bestand. Er wunderte sich beinahe – in fünfzig Minuten bringt man so einiges weiter.
Das Einläuten der Pause nutzte er dann auch dementsprechend, fürs Nichtstun nämlich: Er legte die Beine hoch und aß einen Apfel. Das Zusammenräumen setzte er in der nächsten, vom Glockengebimmel ein- und ausgeläuteten, knappen Stunde unbeirrt fort.

Und überraschend zügig fand er Gefallen am schrill tönenden Alarm. Die Uhr schwang ihre drei schwarzen Taktstöcke und dirigierte seinen Vormittag. Ein virtueller Regisseur füllte seinen Tag mit einem Plan. Er fühlte sich getaktet und mit Anweisungen versorgt, verstand sein Leben als sinnerfüllt und dachte nie mehr daran, das Geläut zu demontieren.

Imre konnte die Zeit nicht aus den Augen verlieren. Immer wenn die Schulglocke erklang, beendete sie irgendeine Aktivität oder eine Passivität des einzigen Schulbewohners. Ja, oft schnitt sie jemandem das Wort ab, mit dem er gerade ein Telefonat führte. Der letzte Satz musste dann rasch beendet, ja erstickt werden, was ihm bald als befremdliches Verhalten ausgelegt wurde.

Im Theater gäbe es das ja auch, rechtfertigte er sich einmal, als seine Tochter ihn mit der Enkelin besuchte und sich ärgerte, dass das Baby wach geworden war vom schrillen Geläut. Sie sprach von einer fragwürdigen pädagogischen Geißel.

Der Postbote an der Schultür zuckte beim Läuten zusammen, und als Imres Blick zu flackern begann, er rasch die Post entgegennahm und sich nervös verabschiedete, fragte er ihn mit einem Zwinkern: Rechnen?
Ergometertraining
, berichtigte dieser hastig mit einer entschuldigenden Geste und eilte in den früher als Turnsaal dienenden Raum, der vom Adrenalin und der Aufgeregtheit der Kinder immer noch auf fast heitere Weise ein klein wenig muffig roch. Die Sprossenwände zu seiner linken und den niedrig montierten Basketballkorb auf der rechten Seite, zog er nun bis zum nächsten metallischen Ordnungsruf konzentriert seine einsamen imaginären Runden auf dem Fahrrad, in der unumstößlichen Gewissheit, dass Geschwindigkeit das Leben nicht verlängert.

In der dritten Stunde ab 10 Uhr war immer die Stunde des Gärtnerns. Imres Marotten hatten sich herumgesprochen und die Nachbarin wusste, dass exakt diese Stunde oft ideal war für einen kleinen geselligen Plausch am Gartenzaun, er ließ sich gerne zum Plaudern hinreißen, wohlgemerkt neben der Arbeit, denn gänzlich untätiges Schwätzen während der Stunde war seine Sache nicht.

In den Pausen war es im Gegensatz zu offiziellen Schulen nicht laut und unruhig, sondern diese Auszeit galt wirklich als Rast. Das Militärische hatte er nie gemocht. Den schulischen Rhythmus, die stets gleichmäßigen Vorgaben der 50-Minuten-Einheiten, fand er hingegen äußerst adäquat für sich und seine periodischen Bedürfnisse. Die 10-minütige Unterrichtsunterbrechung bot etwa genug Zeit für Rauch- und Pinkelpause; ja, er rauchte dadurch sogar weniger!

Im Lagerhaus hatte er eines Tages Frieda kennengelernt, er hatte ihr geholfen, einen riesigen Sack Pflanzenerde in ihr Auto zu verfrachten, sie waren ins Plaudern geraten und über die Monate war mehr daraus geworden. Sie war in seinem Alter und alleinstehend, und die beiden unterhielten bald regelmäßigen Kontakt zueinander, sie war angetan von seinem wohlgeratenen Lebenswandel. Außerdem gefiel es ihr, in seinem aufmerksam kultivierten Garten dies und jenes einzelne, noch verbliebene Unkräutlein auszurupfen oder ebendort irgendetwas anderes Nützliches zu bewerkstelligen.
Imre hatte Stabilität und Orientierung gefunden, sein Haushalt war geordnet, sein Garten bestellt, die Kontoauszüge sortiert und vor allem: Er hatte wieder eine Partnerin gefunden.

Nicht nur das, auch eine Katze hatte er sich zugelegt, oder war es umgekehrt? Eines Vormittags – er wollte gerade die Schultüre schließen, denn es schellte zum Ende der Pause – da saß sie einfach auf der Schultreppe und miaute mit der Klingel in unwiderstehlichem Duett. Sie blieb und war willkommen, ganz bestimmt auch, weil sie viel Verständnis für Imres überambitioniertes Verhältnis zur Akustik der Zeit hatte und stets Contenance beim Klingelton bewahrte. Und bald wusste sie, dass sie ihr Fressen täglich am Beginn der Hauswirtschaftsstunde um 8 Uhr bekam. Und auch, dass Zeit für Streicheleinheiten erst der Nachmittag bot, wenn diese merk- und irgendwie unwürdigen Alarmierungen ihren Quartiergeber nicht mehr gänzlich im Griff hatten.

Die Volksschule war immer um eins zu Ende gewesen, daher war zu diesem Zeitpunkt das Läuten zum letzten Mal aktiviert. Die Taktung der fünf geordneten Stunden von acht bis eins entsprach ihm. Frieda – inzwischen nannte sie ihn liebevoll ihren Schulmeister – fand sich meist an Nachmittagen ein, sie bevorzugte die geläutfreie Zeit und schlug vor, die Festlegung zu ändern, in einer Weise, dass das eindringliche Klingeln um ein Uhr Mittag unterbliebe, um in Ruhe gemeinsam kochen und mittagessen zu können, doch eine Umprogrammierung der Uhr auf eine andere Stundenanzahl zog Imre nicht in Betracht.

Den Nachmittag nämlich, in seinem glockenlosen Laisser-faire-Zustand, konnte er zumeist nicht entspannt genießen, der Nachlässigkeit waren Tür und Tor geöffnet, das bereitete ihm Unbehagen, denn Arbeit, Muße oder auch sinnfreies Nichtstun mischten sich so zu einer konturlosen Melange.
Er wunderte sich zwar darüber, aber er liebte die schroff signalisierte Stundentaktung, die Gehorsam und Disziplin einmahnte und seine To-dos verwaltete.
Es kam nur ganz selten vor, dass er in unangenehm nervöser Erwartung des Läutens war. Eigentlich lag in seiner Grundstimmung meist eine freudige Bereitschaft, irgendetwas sofort zu beenden, sei es nun fertiggestellt oder nicht, und was auch immer auf der Stelle neu zu beginnen.
Ob er das Pausenklingeln mehr mochte als das Signal zum Stundenstart? Darüber konnte er lange sinnieren, vorzugsweise an den freien Nachmittagen, wenn er keine Vorgaben zu befolgen hatte.

Frieda drängte auf eine schulglockenfreie Ferienregelung, doch er wollte rein gar nichts davon wissen. Du bist so eingefahren in deinem Denken, musste er sich von ihr freundlich nachsichtig schelten lassen, dabei war er durchaus bereit zu Flexibilität, wenn sie ihm denn angebracht erschien: Beim Erstellen des Stundenplans für den Sommer wollte Imre etwa die ersten beiden Stunden austauschen, also die Gartenpflegeeinheit zugunsten der Hauswirtschaftsstunde gleich als erste disponieren, das könnte sich bei großer Hitze als praktisch, wenn nicht sogar als unumgänglich erweisen.
Jeder ringt auf seine eigene Art um Wohlgefühl.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16042

Housewarming Party

Die Wohnung ist einfach optimal, Walter von der ersten Sekunde an in sie verliebt. Ja, diese Wohnung will er haben, hier will er die nächsten Jahre leben und, wenn es sein soll, auch für immer: Mitten im pochenden Herz der Stadt, also genauer: mitten im pochenden Herz des Bezirks neben der Innenstadt, wo sie noch lauter pocht als mittendrin. Schon vor vielen Jahren haben, vermutlich vom Bauhaus inspirierte, Architekten diese nicht ganz 42,5 Quadratmeter so auf Küche, WC, Bad, Wohn- und Schlafzimmer verteilt, dass es nicht besser sein könnte.

Walter ist, freundlich formuliert, etwas übergewichtig, schafft es aber ganz hinauf, einige der anderen Interessenten haben die Besichtigung der Wohnung schon im ersten Stock abgebrochen.
Ja, Walter unterschreibt, vielleicht auch schon deshalb, weil die Möblierung ungefähr seinen Vorstellungen entspricht und er sich scheut, seine Zeit in Möbelhäusern und Baumärkten zu verlieren. Er unterschreibt mit zitternder Hand, seine Signatur könnte genauso gut von einem x-beliebigen Patienten einer Palliativstation stammen, ähnelt zumindest der in seinem Reisepass und Führerschein keineswegs, Walter ist auch wirklich erschöpft. Der Makler nutzt die Gunst der Stunde, die Unterschrift hat er jedenfalls, der Rest der Geschichte interessiert ihn nicht, er macht sich schnell auf die Socken, streicht Walter schon auf dem Weg nach unten völlig aus seinen Gedanken.
Der sitzt, noch immer schwitzend vom Aufstieg – es kann auch wegen der Aufregung bei der für ihn wegweisenden Unterschrift unter diesen Mietvertrag sein – lange in dem Ohrensessel, der ihm gleich beim Reinkommen aufgefallen ist, weil es das Mobiliar ist, das den meisten Platz in Anspruch nimmt und auch, weil er es keinen Schritt weiter mehr geschafft hätte.

Walter ist nicht besonders groß, aber sehr schwer, also mehr rund, und er hat seine Unterschrift schnell unter den Vertrag gesetzt, die Wohnung ist also seit wenigen Minuten sein Mieteigentum. Eigentlich wollte er sich noch gerne Bad/WC ansehen, den Durchlauferhitzer, die Dichtungen der Fenster überprüfen, den Zustand des Backrohrs und des Stromkastens kontrollieren. Beim Reinkommen hat er schon viele Mitbewerber abgehängt, nur noch wenige haben sich in seinem zukünftigen Domizil etwas unschlüssig umgeblickt, Walter war klar, jetzt gleich, ganz schnell, Nägel mit Köpfen machen zu müssen – er ist gekommen, um zu bleiben. Die genaue Inspektion hebt er sich im Ohrensessel für später auf, es überwiegt die Freude über dieses Erfolgserlebnis, jetzt ist es ihm auch viel wichtiger, seine Freunde zur Housewarming Party einzuladen, schließlich sollen sie den Weg in seine neue Wohnung kennen und immer wieder finden.

Karin ist krank, Max und Petra gesund, aber ihr Kind, die kleine Sandra nicht, Richard, Alina und Hanna haben ihr Handy auf tot gestellt. Er erreicht nur Christian, der ist zwar nicht unbedingt erste Wahl, aber immerhin: Er wird kommen und Freunde mitnehmen und ja, sie werden auch für Speis und Trank sorgen.
Mit ‚seinen‘ Freunden hat Christian seine gemeint, nicht die gemeinsamen, die kleine Wohnung ist jedenfalls wirklich perfekt für eine Fete: Zweiunddreißig Menschen prosten sich zu, tanzen miteinander, auch wenn es noch keine Musik gibt, scherzen, rauchen, trinken, lachen und sind nach zwei Stunden wieder weg. Walter sitzt noch immer im Ohrensessel, außer Christian hat ihn niemand begrüßt, niemand mit ihm geredet. Walter hat die anderen auch gar nicht gekannt, sie noch nie gesehen.
Er steht auf, und auch das nur, weil der oder die Letzte die Tür nicht zugemacht hat, irgendwer hat zwischen Tür und Angel eine rote Handtasche liegen lassen. Walter schleppt sich zurück in den Ohrensessel, es ist schon spät, eigentlich sollte er jetzt schlafen, macht es auch gleich.

Der Morgen ist noch nicht erwacht, die Nacht noch nicht ganz eingeschlafen – Walter ist munter, Walter hat Hunger, findet sich im Ohrensessel und ist glücklich, in seinem neuen Reich aufzuwachen.
Die Inspektion von Durchlauferhitzer, Fensterdichtungen und Stromkasten lässt er bleiben, stolz verschließt er sein neues Domizil, stapft Treppe für Treppe hinunter, was sich leichter anfühlt als der Weg in der anderen Richtung vor ein paar Stunden, wird sich unten, gleich nebenan beim Bäcker frische Semmeln holen.

Walter schreitet die dreizehn mal zwei Stufen vom dritten in den zweiten Stock, weitere dreizehn mal zwei Stufen vom zweiten in den ersten Stock, dreizehn mal zwei Stufen vom ersten Stock ins Obergeschoß, dreizehn mal zwei Stufen vom Obergeschoß ins Mezzanin und diesmal elf Stufen vom Mezzanin ins Erdgeschoß – alles in allem sind es hundertfünfzehn Stufen, die er wieder erklimmen muss, um sich den bequemen Ohrensessel zu wuchten. Diesen Wermutstropfen der ansonsten perfekten Wohnung hat er aber als Medizin für seinen viel zu schweren Körper gerne in Kauf genommen.
Noch bevor er sich in die Bäckerei gleich nebenan schleppt, die ihren Kunden auch auf zwei Tischen Kaffee und ein komplettes Frühstück serviert, sieht er sich das Haus an, in dem er jetzt wohnt, kann an den jetzt unnötig erleuchteten Fenstern erkennen, wo er jetzt leben wird – gleichzeitig kann er sich nicht mehr vorstellen, wie er es bei der Erstbesteigung bis da hinauf geschafft hat, Lift gibt es nämlich keinen.

Beim Hinaufgehen war er getrieben, ihm scheint, die Herde hätte ihn getragen – und er wollte nicht das letzte Schaf sein. Beim dritten Kipferl und einem nächsten Faschingskrapfen kann er sich nicht mehr vorstellen, alleine diesen Aufstieg noch einmal zu überleben. Ein Taxi bringt ihn danach zurück nach Hause, seine Mutter ist froh, ihn zu sehen, tischt ihm auch gleich ein kräftigendes Mittagessen auf, zum Nachtisch gibt es Erdbeeren mit einer doppelten Portion Schlagobers.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16039

Schnee

Es schneit. Seit Tagen fallen, mal größere, mal kleinere, mal schnell, mal langsam, Schneeflocken vom Himmel herab. Am Anfang bildete sich nicht mehr als eine dünne, weiße Schicht am Boden, die in den kurzen Pausen des Schneefalls innerhalb weniger Minuten wieder verschwunden war. Nasse Straßen, wie nach leichtem Regen, waren das Einzige, was zurückblieb. Das ist allerdings schon eine Weile her. Mittlerweile schmilzt der Schnee nicht mehr. Stellenweise liegt er sogar einen Meter hoch. Das ist ungewöhnlich. Jahrelang gab es nicht mehr einen derart starken Wintereinbruch. Zumindest nicht in dem kleinen Dorf im Nordosten Niederösterreichs. Natürlich ist die Gemeinde auf diese Schneemassen nicht vorbereitet, was zur Folge hat, dass die Straßen nicht ordentlich geräumt werden können, was wiederum die Einwohner in ihrer Mobilität sehr einschränkt. Vor allem sind jene Menschen betroffen, die in höher gelegenen Teilen des Dorfes leben, da ein Auto hier noch weniger zu gebrauchen ist, falls man es denn überhaupt schafft, es freizuschaufeln.

Wie auch immer. In diesem Dorf, auf eben einem dieser höheren Plätze, wohnt eine kleine Familie. Sie waren mal zu fünft, also Mutter, Vater und ihre Kinder, aber jetzt sind es nur noch drei Personen, deren Lebensmittelpunkt hier verankert ist. Die beiden Töchter und der Sohn sind nach und nach ausgezogen, vor vier Jahren wurde dann die letzte Kiste aus dem Haus ins Auto gehievt. Jetzt sind nur noch die Eltern übrig. Plus der Vater der Mutter, der nicht mehr alleine leben kann. Alfred ist 86, klein und stämmig gebaut und leidet an zunehmender Demenz. Seit seine Frau vor drei Jahren verstorben ist, geht es immer schneller bergab. Deshalb hat seine Tochter ihn kurz nach dem Tod seiner Gattin zu sich geholt, in den kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze. Er fühlt sich wohl. Er muss sich um nichts kümmern, kann einen sorgenfreien Lebensabend bei seiner Familie verbringen. So gut es geht, versucht er niemanden zu stören, hilft, wo er kann, und bemüht sich in eigentlich allen Dingen, die er tut. Trotzdem ist es nicht immer einfach, zum Beispiel ist die Mülltrennung immer wieder ein großes Problem, genauso wie die Rücksicht auf die zahlreichen Haustiere. Nicht nur einmal sind die zwei Hunde aus dem Tor gelaufen, weil Alfred es offen gelassen hat, oder ist eines der Meerschweinchen verloren gegangen und wurde von einer der fünf Katzen als Spielmaus verwendet. Auch sind die Gesprächsthemen nichts für jedermann, schon gar nicht während des Mittagessens. Zu hören, wie gut oder schlecht sein Stuhlgang im Moment läuft, während man eine extra große Portion Gulasch essen möchte, ist nicht gerade ein Genuss. Zusehen zu müssen, wie er sein Essen hineinschlingt und ihm die Hälfte wieder aus dem Mund herausfällt, ist allerdings auch nicht besser.

Jedenfalls ist der Hausherr mit seiner Frau für die nächsten drei Wochen auf Reisen. Indien. Schon der sechseinhalbstündige Hinflug war eine Katastrophe. Der Snack, der serviert wurde, hat nicht geschmeckt, die Stewardess war unfreundlich, die Toilette schmutzig und der Inder neben ihnen hat sich permanent im Schritt gekratzt (eine Eigenheit der Kultur, die für Außenstehende zu Beginn für Befremden sorgt). Während also Vater und Mutter den Subkontinent erkunden und da Alfred das Haus alleine nicht bewirtschaften kann, muss noch jemand auf den alten Mann und den Rest aufpassen. Das Los traf Marie, die mittlere Tochter. Die beiden Geschwister haben leider zu viel mit dem Studium oder der Arbeit zu tun. Marie nimmt das Studium und die Arbeit ein bisschen lockerer, schaut nur vorbei, wenn es unbedingt sein muss. Die Eltern wissen das natürlich nicht, sie denken Marie pendelt jetzt vier Mal in der Woche und ist auf dem besten Weg, Ärztin zu werden. Dass sie schon vor zwei Jahren das Medizinstudium abgebrochen hat, um Germanistik zu studieren, wissen sie nicht. Es scheint sie auch nicht besonders zu interessieren. Dennoch wollte sie ihren Eltern einen Gefallen tun, packte das Notwendigste in ihre Reisetasche, setzte sich ins Auto, das sie sich von ihrem Bruder ausgeliehen hatte und fuhr aufs Land.
Nach fünfzigminütiger Fahrt war Marie nur noch wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Von der Landstraße aus konnte man schon die üppige Kirche sehen, die über dem Dorf auf dem Kirchberg thront, als wollte sie die kleine Gemeinde zu jeder Zeit daran erinnern, dass Gott zusieht.

Kurz abgelenkt von dem Anblick der Kirche bemerkte Marie nicht, dass von den Feldern neben der Straße ein Sprung Rehe, es waren ungefähr vier oder fünf, gerade dabei war, ihren Weg zu kreuzen. Es war fast zu spät, als sie die Tiere endlich sah. Sie bremste scharf ab, nicht zu stark, um einen Schleudervorgang zu vermeiden, denn man wusste ja nie, wie das Auto bei solchen Temperaturen, es hatte schließlich elf Grad unter null, reagieren würde. Nacheinander hopste das Wild über die Straße. Eines der Rehe blieb stehen und blickte in Richtung der Lenkerin. Nur noch wenige Meter bis zum Aufprall. Marie schloss die Augen. Sie erwartete den dumpfen Knall. Nichts geschah. Als sie die Lider wieder aufschlug, war das Reh verschwunden. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sie drehte den Kopf nach links und da war es. Lebendig. Frisch-fröhlich lief es zu seiner Gruppe, die sich im Windschutzgürtel am Ende des Feldes versammelt hatte. Glücklich darüber, dass dem Tier und dem Auto nichts passiert war, trat sie aufs Gas und erreichte bald die Ortseinfahrt.

Die Strecke von der Hauptstraße zum Wohnhaus war schwieriger als gedacht, die Seitenstraßen waren vollkommen vereist, vor allem der Weg den kleinen Berg hinauf gestaltete sich äußerst riskant. Marie ist es allerdings gewohnt, hierher zu fahren, schließlich verbrachte sie achtzehn Jahre ihres Lebens an diesem Ort und kennt die Verhältnisse zu dieser Jahreszeit. Mit mehr oder weniger gewagten Manövern bugsierte sie den Wagen ans Ende der Straße, wo ihr ehemaliges Zuhause aufragte wie eine Burg.

Als Marie ankam, waren ihre Eltern schon weg. Drei Wochen allein mit einem demenzkranken Mann. Nicht gerade die ultimative Auszeit von Arbeit und Studium, aber immerhin würde sie ein bisschen an ihrem Roman schreiben können. Sie parkte das Auto mitten auf der Garageneinfahrt, da jetzt sowieso niemand hinein- oder hinausfahren würde, und steigt aus. Der kalte Wind nahm ihr fast den Atem, ihre Augen begannen zu tränen. Schnell holte sie das Gepäck aus dem Kofferraum, gleichzeitig kramte sie in ihrer Jackentasche nach dem Hausschlüssel. Nachdem sie den Wagen abgeschlossen und das auch noch einmal kontrolliert hatte, machte sie sich durch den Vorgarten auf zum Eingang, wobei sie sich ein bisschen ärgerte, da die Tür im Gartenzaun offen war. Wahrscheinlich hatte ihr Großvater vergessen, sie wieder zu schließen, als er nach den Mülltonnen sehen wollte. Für Marie war das unbegreiflich, warum musste er auch hinausgehen? Wozu muss er immer Dinge kontrollieren, die keine Kontrolle brauchten? Bestimmt war auch das Tor in den großen Garten offen und die Hunde längst über alle Berge. Das wäre typisch. Marie packte den Schlüssel zurück in ihre Jacke und machte sich auf, um von der anderen Seite in das Haus zu gelangen, da sie durch diesen kleinen Umweg sehen konnte, ob wenigstens diese Tür verschlossen war. Sie war nicht offen. Also kein Grund zur Sorge, nichts passiert. Insgeheim hätte sich Marie das Gegenteil gewünscht, nur um sich noch mehr über ihn aufregen zu können. Zähneknirschend umrundete sie also den kleinen Palast, der für ihre Eltern mittlerweile viel zu groß war. Nach wenigen Metern kam ihr schon die Hundestaffel, alle mit wedelndem Schwanz, entgegen. Eine kurze Begrüßung musste natürlich sein, danach ging es weiter zur hinteren Tür, die in die Küche führte.

Alfred begrüßte sie als wäre sie erst heute Morgen aus dem Haus gegangen, obwohl sie sich seit zwei Monaten nicht mehr gesehen hatten. Seelenruhig blätterte er in seiner Tageszeitung von gestern, vermutlich nicht zum ersten Mal, und nickte Marie kurz zu, dann wollte er noch wissen, ob sie denn etwas zu Essen mitgebracht hätte. Das war alles.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Heute ist ein grauer Dienstagnachmittag. Wenn man aus dem Fenster sieht, kann man beobachten, wie die Schneeflocken langsam zu Boden rieseln. Dicke Flocken, die es beinahe unmöglich machen, irgendetwas anderes als eine einzige weiße Wand wahrzunehmen. Marie und Alfred sitzen im Esszimmer. Vor Marie steht ein Laptop, vor Alfred liegt eine Tageszeitung. Seit zwei Stunden sitzen sie sich gegenüber und sind beide in ihre eigene Arbeit vertieft. Weitere zehn Minuten später ist Alfred mit der letzten Seite des letzten Artikels fertig. Er lehnt sich zurück. Ein Blick auf seine Armbanduhr, auf sein aufklappbares Pensionistentelefon, dann aus dem Fenster. Nichts davon kann ihn länger als vier Sekunden unterhalten. Er sieht seine Enkelin an, deren Augen starr auf den Bildschirm vor ihr gerichtet sind.

„Schlimm, das mit dem Schnee“, Alfred spricht den ersten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kommt.
„Hmmm“, Marie hat ihm nicht zugehört.
„Was schreibst du? Zum Studieren was?“
Marie antwortet nicht. Alfred hakt nach: „Schreibst sicher was für den Doktor.“
„Hmmm?“, Marie sieht auf.
„Was du schreibst?“, wiederholt er.
„Was für mich.“
„Nichts fürs Studieren?“
„Nein, Opa, ich bin ja schon fertig“, Fragen über das Studium beantwortet Marie immer ein bisschen sarkastisch. Sie mag es nicht, von Familie, Verwandten und Bekannten in die Schublade der „perfekten Studentin“ gepackt zu werden, so wie ihre Geschwister.
„Achso, jaja“, Alfred tut so, als würde er wissen, wovon sie spricht. Müde schlägt er seine Zeitung zu und betrachtet die Titelseite. Ist das Blatt von heute oder von gestern? Er ist sich nicht sicher. Ein weiteres Mal öffnet er es und beginnt zu lesen. Marie kann es kaum fassen.

Sie widmet sich wieder ihrem Romanversuch. Erst hätte es nur eine Kurzgeschichte werden sollen, drei, vielleicht vier Seiten, ist aber mittlerweile auf das Dreißigfache herangewachsen. Jeden Tag zwei. Mehr nicht. Thomas Glavinic macht das auch so, wenn er ein Buch schreibt. Nicht zu viel, sonst verliert man die Lust. Jetzt hat Marie den Faden verloren. Das Gespräch mit Alfred und die Gedanken an Thomas Glavinic haben sie aus dem Konzept gebracht. Sie liest den letzten Absatz. Gar nicht so schlecht. Aber wie geht es weiter? Sie atmet tief ein, hält kurz die Luft an und stößt sie wieder heraus. Ein Espresso. Das wird helfen.

„Magst du auch einen Kaffee?“, fragt sie, als sie vor der Nespresso-Maschine steht, die sie ihrem Vater vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt hat.
„Aber ja“, gleichgültig blättert Alfred weiter. Sieht sich vermutlich das arme Mädchen auf Seite sechs an, kommt es Marie in den Sinn. Johannistrieb nennt man das. Also das Bedürfnis älterer Männer oder Frauen nach sexuellen Beziehungen oder besser gesagt, das bloße Reden davon. So hat ihr das zumindest ihr Vater erklärt. Genauso ist es auch bei Alfred. Seit Jahren gibt es für ihn kein anderes Thema, alles erinnert ihn an das Eine. Sogar Marie und ihre ältere Schwester. Sätze wie „Wenn ich dich seh, könnt‘ mir was einfallen“, sind noch von der harmlosen Variante. Natürlich meint er nicht wirklich, was er sagt, oder vielleicht schon, aber er weiß eben nicht mehr so genau, was er von sich gibt und wie schmal der Grat zwischen Humor und Perversion in diesem Fall ist.

Marie serviert den Kaffee. Für Alfred mit Milch und Süßstoff, für sich selbst kurz und schwarz. Sie widmet sich wieder dem unvollendeten Satz. Immer noch weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Ohne aufzusehen nimmt sie einen Schluck von ihrem Espresso. Sie verzieht das Gesicht. Zu bitter. Wie sie es am liebsten hat.

„Hast einen Freund?“, fragt Alfred, wie aus dem Nichts.
„Bitte?“ Sie hat ihn schon verstanden, ihr ist aber nicht klar, warum er das schon wieder wissen möchte. Erst gestern hat er sie nach ihrem Liebesleben gefragt.
„Na, einen Mann? Einen Liebhaber?“, er spezifiziert seine Formulierung, falls Marie ihn wirklich nicht verstanden hat, „Oder hast du keine Zeit für sowas?“
„Nein, Opa, ich hab keinen“, genervt hämmert sie auf ihre Tastatur ein, ohne wirklich Worte zu produzieren, nur um Alfreds Fragerei aus dem Weg zu gehen. Leider versteht er einen solchen Wink nicht und spricht ungeniert weiter: „Du musst dir schon Zeit nehmen für die Liebe, sonst verkommst!“
„Das seh ich nicht so.“

Alfred zuckt mit den Schultern, nimmt einen letzten Schluck von seinem großen Braunen, steht auf und geht ins Wohnzimmer, wahrscheinlich um ein bisschen fernzusehen. Marie ist erleichtert. Trotzdem muss sie ihm schnell folgen, denn Alfred kann den Fernseher nicht alleine einschalten, das heißt, er würde sich in seinen Sessel setzen, die Beine hochlegen und in den ausgeschalteten Apparat starren, auch ein paar Stunden, wenn es sein muss. Als Marie das zum ersten Mal sah, fand sie das unglaublich traurig. Als sie ihn fragte, warum er denn nicht Bescheid gebe, es wäre schließlich kein Problem für sie, den Fernseher anzumachen, meinte er bloß: „Ach, ich wollte dich nicht belästigen.“ Der Gedanke, dass dieser alte Mann einfach ins Leere blickt, nur um sie nicht zu stören, zerriss ihr beinahe das Herz. Marie nimmt dieses kleine Ereignis als den Beweis für die Gutmütigkeit ihres Großvaters. Es hilft ihr ein bisschen, über die zahlreichen Ärgernisse hinwegzusehen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wird. Er tut sein Bestes, dafür sollte man ihn nicht bestrafen.

Ohne ein Wort tut sie ihm den Gefallen, schaltet den Fernseher ein und stellt sogar Alfreds Lieblingssender ein: ORF 2. Alfred nickt ihr dankend zu. Nachdem Marie wieder im Esszimmer verschwunden ist, schließt er die Augen. Eine Weile hört er noch, wie Wolfram Pirchner irgendeinen Sportler interviewt – Alfred kennt ihn nicht – bevor er endgültig in einen tiefen Schlaf versinkt. Die meiste Zeit, die er vor dem Fernseher zubringt, schläft er. Sein einziges Interesse gilt den Nachrichten oder alten Filmen, die allerdings nur an Sonntagen und Feiertagen laufen. Er würde Marie gerne sagen, dass er nur ins Wohnzimmer geht, um ein kleines Nickerchen einzulegen, also eigentlich seine Ruhe haben möchte, aber er befürchtet, sie könnte es falsch verstehen und wütend oder gar traurig werden. Sie will ihm doch nur helfen. Alfred weiß das zu schätzen, daher wird er wohl weiterhin den Lärm ertragen.

Marie steht im Esszimmer und sieht aus dem Fenster. Sie denkt an ihren Exfreund. Warum hatten sie sich nochmal getrennt? Es wurde ihm zu ernst. Nach sechs Monaten hat er sie verlassen. Einfach so. Sie wollten Freunde bleiben, aber es funktionierte nicht lange. Seit fünf Wochen haben sie sich nicht mehr gesehen, voneinander gehört oder gelesen. Am Anfang war es für Marie schwer, ihm nicht zu schreiben oder ihn anzurufen. Aber mit jedem Tag wurde es leichter. Heute würde sie sich gerne bei ihm melden, nur um zu fragen, wie es ihm denn geht, was er so tut, warum er nichts von sich hören lässt. Letzteres möchte sie nicht wissen. Vielleicht hat er eine andere. Das wäre unerträglich für sie. Was ist, wenn er eine Neue hat? „Please don’t be in love with someone else“, eine Zeile aus einem Song, allerdings weiß sie nicht aus welchem. Große Worte, die sie selbst gerne gesagt hätte, aber es eben nicht getan hat. Bevor die Gedanken zu tief gehen, wankt Marie in die Küche und macht sich noch einen Espresso. Sie versucht, nicht zu weinen, es gelingt nicht ganz, ein paar Tränen laufen doch herab. Um sich wieder zu beruhigen, setzt sie sich zurück an den Tisch und macht da weiter, wo sie vor wenigen Minuten aufgehört hat. Die Tasse Kaffee stellt sie neben die, die sie vorhin schon gemacht hat.

Während die beiden ihren Nachmittagsbeschäftigungen nachgehen, wird das Schneetreiben immer heftiger. Irgendwo, weit hinten im Garten, rollt sich der Husky der Familie auf dem zugefrorenen Teich zusammen und lässt sich von den größer werdenden Flocken einschneien. Die Schnauze tief im buschigen Schweif vergraben, genießt die zehn Jahre alte Hündin die Kälte. Langsam erscheint auch der Mond am Himmel. Erst nur schemenhaft, man kann ihn nur erahnen, aber mit jeder verstreichenden Minute wird er deutlicher. Es ist Vollmond. Innerhalb von fünfundzwanzig Minuten ist es stockdunkel geworden. Auf dem Teich sieht man nur noch eine beinah ebene Fläche, mit einer kleinen Erhebung in der Mitte. Plötzlich bewegt sich das weiße Etwas, steht auf, streckt sich ausgiebig, schüttelt den Schnee ab und läuft schnellen Schrittes zum Haus. Zurück bleibt nur ein aufgewühlter Haufen gefrorenes Wasser. Auch dieser wird bald verschwunden sein.

Marie hat das Schreiben für heute aufgegeben. Auf Youtube hat sie eine ziemlich gute Aufnahme von Johnny Cash Live at Folsom Prison gefunden. Sie wollte sich schon längst die Platte kaufen, allerdings hat sie noch keinen Plattenspieler, beides muss warten, bis sie wieder mehr Geld auf dem Konto hat. Nummer vierzehn dieses Auftritts von Cash ist ein Duett mit June Carter: „Jackson“. Zu dieser Zeit waren sie noch gar nicht verheiratet. Marie schmunzelt. Sie findet die Geschichte von Johnny und June sehr romantisch. Sie gemeinsam singen zu hören, macht die junge Frau immer wieder glücklich. Ihr Exfreund hat nie verstanden, warum sie die Liebesgeschichte zweier Menschen, die sie nicht kennt und die mittlerweile seit über zehn Jahren tot sind, so fasziniert. Es gibt eben nicht für alles eine Erklärung, war Maries Standpunkt. Sie hätte wahrscheinlich selbst gern eine solche Geschichte. So einen Mann. So ein Leben.

Im Zimmer nebenan schläft Alfred immer noch. Sein Kinn ruht auf seiner Brust, auf seinem Schoß hat es sich eine der Hauskatzen gemütlich gemacht. Er träumt von seiner Frau. Es gibt keinen Traum ohne sie. Diesmal sitzen sie gemeinsam in ihrem alten Haus im Wohnzimmer und sehen fern. Sie löst nebenbei ein Kreuzworträtsel, er beobachtet sie dabei. Er spricht mit ihr, aber sie ignoriert ihn, versucht sich weiter an dem Rätsel. Alfred steht auf und schreit sie an. Keine Reaktion. Nach einer Weile blickt sie auf, sieht ihm direkt in die Augen. Alfred dreht sich um und geht aus dem Zimmer in den Garten. Einen Moment bleibt er in der Sonne, es ist warm. Ein Knall. Alfred wacht auf. Im Fernsehen läuft ein Bericht über eine Jagd. Der rote Kater auf ihm zwinkert ihm zu, auch er ist durch den Schuss erschrocken. Alfred streicht ihm über den Kopf. Müde rollt sich das Tier wieder zusammen. Durch das Fenster sieht der alte Mann die Schneemassen. Jemand sollte die Terrasse freiräumen, fällt ihm ein. Vielleicht kann er das morgen machen. Oder Marie. Von hinten kommt gerade der Husky gelaufen. Alfred fragt sich, was der Hund wohl alleine am anderen Ende des Gartens getan hat. Während er darüber nachdenkt, fallen ihm langsam die Augen zu.

Marie hört immer noch Musik. Im Moment ist es „Knocked Up“ von Kings of Leon, eines ihrer Lieblingslieder. Es war sogar im Repertoire ihrer Band, die sich vor fünf Jahren aufgelöst hat. Was der Rest der Gruppe jetzt macht? Schon vor einer Weile hat sie den Kontakt zu ihnen verloren. Zwei von ihnen haben eine neue Band, aber ob es die noch gibt? Ein Blick auf die Uhr verrät Marie, dass es schon längst Zeit für das Abendessen ist. Ihr Großvater ist bestimmt schon hungrig. Schnell geht sie in die Küche und macht ihm einen Schinken-Käse-Toast. Für sich selbst schneidet sie ein bisschen Obst in das Naturjoghurt, das sie im Kühlschrank gefunden hat.

Wieder sitzen sich der alte Mann und die junge Frau gegenüber. Schweigend essen sie, was Marie zubereitet hat. „Schmeckt‘s dir?“, fragt sie, als Alfred fast fertig ist. Er nickt. Ohne aufzublicken isst er weiter. Zwischendurch nimmt er einen Schluck von seinem weißen Spritzer. Marie schmunzelt, seine Tischmanieren sind wirklich mehr als dürftig. In ein paar Tagen ist es endlich vorbei. Sie sieht aus dem Fenster. Es dauert einen Moment, bis sie merkt, dass es aufgehört hat zu schneien.

Anna Bartl

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16018

Eine Handvoll Schach

Schön, dich hier zu haben, Alessandro, mein Freund, auf einem deiner äußerst seltenen Besuche in Wien, weiß ich doch, dass dir diese Stadt nicht behagt, und dies nicht allein wegen der dir fremden Sprache.

Aber warum Alessandro meine Auszeit auf der Toilette dazu genutzt hatte, ein Schachbrett auf dem Kaffeehaustisch zwischen uns aufzubauen, und jetzt mit aller Sorgfalt die Figuren in Reih und Glied aufstellte, entzog sich meinem Verständnis, denn als ernstzunehmende Spieler waren wir beide nicht zu gebrauchen, miserabel unser Zugang zu diesem Spiel. Einerseits Alessandro, bekannt dafür, in seiner ihm eigenen Hitzigkeit verführerisch erfolglose Angriffe zu führen, dem kein Opfer auch angesichts von Hoffnungslosigkeit zu schade war, andererseits ich, Nachlässigkeit mein zweiter Name, mit der mir meine Schlüsselfiguren meist verlustig gingen, geopfert für einen vermeintlich größeren Überblick über das Spiel. Und so opferten wir uns für gewöhnlich vor uns hin, bis zum unvermeidlich unbefriedigenden Remis, in dem sich zwei einsame Bauern aufeinander zu über die Linien quälten, bis zum Aufprall ohne Ausweg. Spätestens dann würde einer von uns mit dem Gefühl geteilter Langeweile das Schachbrett zuklappen, und der andere darüber froh sein; meist war Alessandro schneller zur Hand, denn so endete es doch immer.

So hat es bisher immer geendet, Alessandro, und so wird es wohl auch immer enden, denn ein Remis gegen dich ist nichts anderes als ein Sieg, und dessen bin ich mir sicher, nicht viel anders ergeht es dir mit mir.

„Diese Bauern habe ich nie verstanden“, begann Alessandro in seinem sonoren Italienisch, angesichts der schwarz aufgefädelten, zweiten Figurenreihe der Gleichförmigkeit vor ihm, „in ihrer Aufopferungsbereitschaft und als höchstes Glück vor Augen, sich vielleicht doch bis zur hintersten gegnerischen Linie durchschummeln zu können, naiv wie Aschenputtel sind sie, in der Hoffnung, in den obersten Adelsstand erhoben zu werden.“

„Sogar geschlechterübergreifend, als Königinnen“, ergänzte ich mit einem Schmunzeln, aber er war schon mit ganz anderen, viel weitreichenderen Gedankengängen beschäftigt, denn er hatte das Brett gewendet, sodass seine Bauern gegen die eigenen Reihen standen.

„Acht gegen acht, da müsste doch etwas zu machen sein, ein überraschender Angriff, mit dem sie sich auf das abgehalfterte, altersschwache Adelsgeschlecht in ihrem Rücken stürzen. Geben sich ja sonst auch so bauernschlau, diese Bauern, denk nur an ihr fieses en passant.“

Die linke Faust hob ich zur Bestätigung – Revolution! –, mit mir konnte Alessandro rechnen, mit wehender Fahne war ich bereit, neben ihm unterzugehen, dem Garibaldi des Schachspiels. Und gleichzeitig bereute ich meine stumme, unbedachte Zustimmung, denn nun kam er so richtig in Fahrt, während er das Brett in seine Ausgangslage drehte.

„Schau sie dir doch nur einmal an, diese Königin, nur ein Blendwerk ihre Machtfülle an Bewegungsmöglichkeiten. Nicht mehr als eine Zugehfrau ist sie, für einen greisen, demenzkranken König in Pantoffeln, der nur noch lahm von Feld zu Feld zu humpeln vermag.“

„Aber die Rochade –“, wagte ich einzuwerfen, aber sein höhnischer Blick brachte mich augenblicklich zum Schweigen.

„Ja, eine Rochade steht ihm zu, sein einzig großer Hüpfer, und schon ist ihm die Puste ausgegangen. Und was hat er davon? Nichts anderes, als sich auf seinen Turm zu stützen, eine Gehhilfe groß wie ein Fernseher, mit Schlagersendung im Programm. Denn mit einem Turm lässt sich keine angeregte Unterhaltung führen, diesem tumbtreuen Vasallen, dieser engstirnigen und einspurigen Kampfmaschine, die nicht anderes im Sinn hat, als Bauernopferreihen zu sprengen.“

Höchste Zeit, Alessandro, deinem Redefluss Einhalt zu gebieten, der wieder einmal zu einer Tirade auszuarten droht, jetzt bin ich an der Reihe, meinen Beitrag zu diesem Diskurs zu leisten.

„Ich wiederum kann diese Läufer nicht leiden. Die sehen in Diagonalen, lugen um die Ecken, wie Spitzel, die Geheimpolizei unter den Schachfiguren, die einen die eigene Unaufmerksamkeit abstrafen. ‚Kommen S’ mit!‘, und schon haben sie einen in einer dunklen Straßenecke am Arm gepackt und vom Spielfeld abgeführt.“

Ob ihn meine Ausführung zum Schmunzeln gebracht hatte, wusste ich nicht zu sagen, vielleicht war der Grund dafür auch nur, dass die letzte verbliebene Gruppe von Spielfiguren eine mildere Beurteilung von ihm erfuhr. Einen der Springer nahm er vom Feld, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen, und geradezu poetisch seine Betrachtung dazu:

„Einzig die Rössel bestechen durch ihre Unberechenbarkeit, wenn sie so über Bauernhecken springen, abschließend einen Schwenker einmal nach rechts, einmal nach links, als könnten sie es sich nach Gutdünken aussuchen, welches Bein ihnen gerade lahmt. Lustig, diese Gesellen, immer den Schalk im Nacken, Hofgaukler in dieser ansonsten so steifen Gesellschaft, fällt ihnen doch immer wieder etwas Neues ein.“

Nahezu versöhnlich nun sein Gesichtsausdruck, und diese Versöhnlichkeit nutzte ich, um all die Möglichkeiten meines ersten Zugs abzuwägen, und besonders perfide kam er mir vor, mein Zug aller Züge: e2 – e4.

„Und, Alessandro, wie gedenkst du dieses Mal meine immer gleiche Eröffnung zu parieren, vielleicht mit einer ungewöhnlichen Goldberg-Variation?“

Mitleidig, sein Lächeln, mit dem er meinen intellektuellen Kalauer bedachte, und als er seinen Blick wieder dem Schachspiel zuwandte, war selbst dieses verschwunden.

„Ich habe die Schnauze voll“, räumte Alessandro mit einem Wisch all die Figuren vom Brett und griff nach der erstbesten Zeitung, die auf dem Nebentisch lag, einem intellektuellen Wiener Wochenblatt ohne viele Bilder.

„Remis?“, fragte ich ihn über den Zeitungsrand hinweg.

„Remis, wie gehabt“, bestätigte er ohne aufzusehen, ganz in einen Artikel versunken, vom dem er kein einziges Wort verstand.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16012

 

Der Trick

„Sie haben die drei also auch schon gesehen? Sie haben es gehört und sich gefragt —? Sie finden das auch — ? Ja, ganz klar, aber Sie dürfen das nicht falsch verstehen. Wollen Sie wissen, wie es dazu kam?“

Trifft eine Frau im durchschnittlichen Alter von durchschnittlichem Aussehen, aber sehr faschionabel, in einer trendigen Hundeschule einen überdurchschnittlichen Mann. Sich lässig an ihn anbiedernd fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag: „Wie heißt denn der?“ –„Windhundischa“, antwortet der Mann kurz angebunden und wendet sich wieder ab, weil er faschionable Frauen auf den Tod nicht ausstehen kann. Kreischt diese aber vergnügt „Maaaa, ist der süüüüüüß!!!!“, und beugt sich runter zum windhundischen Welpen. Der Windhundische knurrt und versteckt sich zwischen den Beinen seines Gastwirts. Schrill lacht die Frau auf und will ein Gespräch mit dem Mann beginnen. Der Mann kratzt sich am Kopf, murmelt etwas Unverständliches, sagt dann scharf: „Kumm, Windhundischa!“, und schreitet raschen Schrittes von dannen. Verliebt blickt die Frau ihnen nach.

Vorwurfsvoll blickt sie zuhause beim Fingernägellackieren ihren österreichischen Pinscher an. Er rammelt gerade die Yucca-Palme. Als er noch ganz klein war, da war er so ein Schätzchen, und jetzt macht er der Frau nur Schande. In der Hundeschule weiß man keine Lösung, man rät ihr nicht ab von einer chemischen Kastration. Letztes Mal hat der österreichische Pinscher versucht, den Windhundischen zu besteigen. Der überdurchschnittliche Mann hat ihn unwirsch weggestoßen. Näherkommen wird sie ihm so gewiss nie! Was wäre aber, wenn…?

Telefoniert sie am nächsten Tag mit ihrer stylischen Freundin, die ein Fotostudio hat. Die züchtet Hunde, weil angesagte Fotomodelle. Die Situation wird geschildert, die Freundin fragt nach körperlichen Merkmalen des Windhundischen und verspricht einen Rückruf. Die Frau sitzt auf glühenden Kohlen. Abends erhält sie ein SMS mit einem Hundebabyfoto und der Aufforderung, sich unverzüglich in der American-Star-Bar einzufinden.

Warten dort drei hysterisch lachende Freundinnen, in deren Mitte ein verängstigter Welpe in einer Gucci-Handtasche. „Maaa, ist der süüüüüß!“, kreischt die Frau. „Dein neuer Windhundischa“, frohlockt die Fotografenfreundin. Fröhlich stoßen alle mit einem Glas Prosecco an und strecken ihre solariumgebräunten Beine durch, dann bringt die Frau ihre neue Eroberung nach Hause. Der österreichische Pinscher freut sich sehr über sein neues Spielzeug und springt begeistert auf. Die Kinder der Frau freuen sich sehr über ihr neues Spielzeug und grabschen mit vielen Händen und lauten Tönen nach dem verwirrten kleinen Hund. Sie wollen ihn Interkontinentaler Zwergspaniel nennen, aber die Frau sagt streng: „Der heißt Windhundischa, aus, basta!“

Achtet sie beim nächsten Hundespaziergang darauf, schon vor dem überdurchschnittlichen Mann da zu sein, sich aber dezent hinter den anderen Strebern zu verstecken. Gedankenverloren schnüffelt ihr Windhundischa im Eingangsbereich herum, sehr gelegen kommt ihr das. Ihr Windhundischa genießt die Zeit für sich allein, denn von all den potentiellen Rammelböcken ist der österreichische Pinscher abgelenkt. Der kleine Windhundische hat das Kunststück entwickelt, sich beinahe unsichtbar zu machen. Erleichtert wird ihm dies durch sein rasseuntypisches Aussehen und diverse Schönheitsfehler: Übersät von Pigmentflecken ist sein Körper, die scheinen durch das dürftige weiße Fell durch wie Schimmelflecken durch eine frisch geweißte Wand. Dergestalt ist sein Körperbau, dass er wie eine Hundewurst oder ein Wursthund wirkt, zusammengeknotet hinten am Schwanz. Merkt das die faschionable Frau nicht und der Hund zum Glück auch nicht.

Im letzten Moment kommt der Mann. Wie immer ist er ausschließlich auf seinen Windhundischen konzentriert, sodass er den Windhundischen der Frau nicht sieht. Endlich, am Acker, dreht er sich stirnrunzelnd um, weil die ungehobelten Söhne der faschionablen Frau nicht aufhören, „Windhundischa!“ zu brüllen. Die Frau, die für diesen Anlass violetten Lidschatten gewählt hat, schlendert schnellstens auf ihn zu, überdreht die violetten Augen und: „Kinder…!!! Sie wollten ihn unbedingt Windhundischa nennen, weil sie so auf deinen Hund stehen… Jetzt musste ich ihnen allen Ernstes auch einen Windhundischen kaufen“, prustet sie. Der Mann späht umher, blickt sie fragend an. „Loben, loben, loben“, dröhnt die Stimme der Hundetrainerin über das Feld. Es gilt, die Hunde an ihre Besitzer zu gewöhnen und sie zu loben und mit Leckerlis zu belohnen, wenn sie diese aufsuchen. Vergessen hat das die faschionable Frau längst, denn ohnehin hat sie über den österreichischen Pinscher keine Kontrolle. Und in höchster Perfektion beherrscht ihr Windhundischa ihr gegenüber die Kunst der Unsichtbarkeit. Will er etwas von ihr, winselt er penetrant, bis sie ihn wahrnimmt, doch hütet er sich davor beim Spaziergang. Bloß nicht auffallen, lautet die Devise, liegen genügend Leckerlis herum von den übereifrigen Hundebesitzern und ihren überfressenen Kötern.

Jetzt tut es der Frau natürlich leid, dass sie keine Ahnung hat, wo ihr Windhundischa ist. Vor allem bekümmert es sie auch, dass des Mannes Hund immun gegenüber den immer verzweifelter tönenden Rufen ihrer Kinder ist. Sicher hat sie sich das nicht so vorgestellt! Schnell schnorrt sie von dem Mann eine Zigarette, um im Gespräch zu bleiben, und stellt verdutzt fest, wie er sie missbilligend ansieht, anstatt dankbar dafür zu sein, ihr eine Zigarette anbieten zu dürfen. Gibt er ihr nicht einmal ein Feuer, sondern wendet sich blitzschnell um zur Hundetrainerin, um mit ihr ein Gespräch über die Verdauung seines Hundes zu beginnen. Die Hundetrainerin sieht die Frau nun ebenfalls missbilligend an und ruft über das Feld (aber eigentlich der Frau direkt ins Ohr): „Loben, loben, loben!“

Danach tut die Frau es sich noch einige Male an, die Hundegruppe zu besuchen, jedoch stets ohne nennenswerte Fortschritte zu machen. Dann ziehen Herbst und Winter ins Land. Beschlossen hat sie mit ihrer Freundin, dass es ihr Stolz ihr gebietet, den überdurchschnittlichen Mann fortan geringzuschätzen. Ihr fällt das gar nicht sonderlich schwer, weil sie sich nie lang für eine Sache interessiert und sich bereits einen pflegeleichten Bodybuilder zulegen konnte. Doch steht sie jetzt vor dem Problem, dass ihr der Windhundische lästig wird. In der Zwischenzeit haben sie feinfühlige Bekannte auch auf die ästhetischen Defizite des Hundes aufmerksam gemacht. Außerdem terrorisiert das Tier sie mit seinem ewigen Gewinsle. Am schlimmsten ist, dass niemand bereit ist, ihre beiden Hunde in Obhut zu nehmen, wenn es sie an trendigere Locations zieht, Stichwort Skiurlaub. Mit dem österreichischen Pinscher allein war das nie ein Problem, aber zwei Hunde, nein Herzchen, das musst du schon verstehen, das übersteigt unsere Kapazitäten.

Im März hört der Mann das verhaltene Getuschel in der Hundegruppe. Die Faschionable, die Unwürdige, will ihren kleinen Hund loswerden. Mehrmals schon hat sie ihn in der Hundeschule, die auch eine Hundepension ist, abgegeben und augenscheinlich auf ein Angebot gewartet, nachdem sie ihrer Verzweiflung über die Situation Luft gemacht hat. Natürlich hatte sie der Hundetrainerin immer beigepflichtet, wenn diese über die Grausmenschen schimpfte, die einfach ihre ungeliebt gewordenen Vierbeiner bei ihr vor dem Tor platzierten, aber für sich selbst hätte sich die Frau schon etwas mehr Verständnis erhofft – vergebens. Auch ihre Inserate im Internet bleiben ungehört. Der kleine Partylöwenbruder ihres Bodybuilder-Freundes bringt sich ein und bietet an, den kleinen Hund für zwei Wochen zu sich zu nehmen, bis er zum Bundesheer muss. Dann werde sich schon was finden.

Das alles hört der überdurchschnittliche Mann, und Entrüstung macht sich breit in ihm. Er hat natürlich mitbekommen, dass sich die Frau den Hund nur angeschafft hat, um sich an ihn ranzumachen, und der Hund tut ihm leid. Und so bietet er sich – den Warnungen der Trainerin zum Trotz: Bist wahnsinnig, zwei Windhundische – an, den Hund in sein Rudel aufzunehmen. Es ist der letzte Triumph der faschionablen Frau, dass sie es so einmal in die Wohnung des Mannes schafft, um den kleinen Windhundischen abzugeben. Kopfschüttelnd wirft der Mann, nachdem sie weg ist, das Luxushundefutter weg und ruft: „Windhundische!“ Die Windhundischen kommen angerannt und fressen fröhlich ihr Futter namens HappyDog.

Wenn Hunde miteinander kommunizieren, nennen sie einander selbstverständlich nicht bei ihren Menschennamen. Sie reagieren einfach auf die Signale des anderen, die nicht notwendigerweise akustisch kommuniziert werden. So würde ein Hund niemals „Windhundischa“ rufen oder zischen, um die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen, er würde stattdessen sein Signal verstärken. Namen brauchen nur die Menschen, um über Dritte, Vierte, Fünfte oder Sechste sprechen zu können. Wir nennen die beiden Hunde ab sofort Hund 1 (schon länger da) und Hund 2 (neu dazugekommen).

Hund 1 beäugt argwöhnisch, wie Hund 2 frisst. Ist das nicht ein bisschen zu viel der Gastfreundschaft? Er schiebt ihm eine Ladung leichte Aggression rüber. Hund 2 stellt sich vor, dass er unsichtbar ist und frisst seelenruhig und behaglich weiter. Hund 1 findet Hund 2 okay, weil er ihn irgendwie an einen seiner kleinen Brüder erinnert, aber anders als bei seinem Bruder will er, Hund 1, in dieser Beziehung die Nase vorn haben, und um die Kontrolle über diesen Hund zu erlangen, das spürt er schon, Hund 1, wird er sich verausgaben müssen, was ihn aber nicht weiter stört.

Nach dem Mittagessen will der Mann ausprobieren, wie es ist, mit zwei Hunden spazieren zu gehen. Für Hund 1 waren Spaziergänge von Anfang an Workshops, bei denen er mit seinem Gastwirt aushandelte, wie sehr und inwiefern sie einander entgegenkommen könnten. Hund 1 ist immer voller Konzentration, kennt jede Unkonzentriertheit des Mannes und weiß sie meist klug zu nützen. Ganz anders Hund 2: Er ist es gewohnt, ziemlich unbeachtet seiner Wege zu gehen, nur zuweilen unvermittelt hochgehoben zu werden. Die Leine kannte er bislang nur für die Strecke vom Haus zum Auto, wo er den Sohn begeistert hinter sich herzog. Der Mann merkt also, der neue Hund kann noch nicht gut Leinegehen und findet die gewohnte Route anstrengend und nervenaufreibend.

Am Flussufer gibt es eine große Wiese, auf der eine Roma-Familie grillt, ein Bosnier fischt, zwei arbeitslose Mittdreißigerinnen sich sonnen. Arglos lässt der Mann die Hunde von der Leine. Die flitzen sofort los, auf die Grillstation zu, die Roma-Familie lächelt. Während Hund 1 dezent seine Nase in die Luft reckt, ohne der Familie dabei zu nahe zu kommen, springt Hund 2 voll Seligkeit auf die Parkbank, wo die Mutter und eine andere Verwandte sitzen, springt der Mutter direkt in den Schoß und leckt ihr eifrig das Gesicht, wobei sein ganzes Hinterteil vor Aufregung wackelt wie ein Aal. Die Roma-Familie ist sichtlich irritiert, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Der überdurchschnittliche Mann, der nichts auf der Welt mehr hasst, als andere Menschen durch sozial falsches Verhalten zu verärgern (es sei denn, er wendet es absichtlich an, um andere für ihr Fehlverhalten zu strafen), ruft wutentbrannt: „Windhundischa!!!!“

Hund 1 hebt die Ohren, bekommt einen sorgenvollen Blick und hastet sofort auf seinen Gastwirt zu, bereit, ein Lob für seine schnelle Reaktion einzuheimsen. Doch was muss er erleben? Der Mann nimmt sein Kommen gar nicht wahr, sondern hat den Blick in die Richtung des anderen Hundes gerichtet und ruft wieder: „Windhundischa!!!“ Hund 1 springt nun am Mann hoch, um ihm zu zeigen, dass er längst da ist, doch da zischt der Mann: „Nicht du!“ und marschiert eiligen Schrittes auf Hund 2 zu, der die Kühltasche der Familie inspiziert. Hund 1 folgt dem Mann mit großer Bedrückung.

Als Hund 2 die beiden wahrnimmt, streckt er sein Hinterteil in die Höhe und signalisiert dem anderen Hund, dass er Fangenspielen möchte. Warum nicht, denkt Hund 1, und schon rasen die zwei quer über die Wiese, über die Badehandtücher der zwei arbeitslosen Freundinnen und runter zum bosnischen Fischer ans Wasser, stürzen sich in den Fluss – Hund 1 ist fasziniert, dies ist der erste Hund, der schneller rennt als er – und auf die im Wasser vorbeischwimmende Entenfamilie zu. Die Arbeitslosen sind entrüstet, der Bosnier ist nassgespritzt, die Fische sind verscheucht, der überdurchschnittliche Mann ist fassungslos, zumal er jetzt auch noch seine Feindin, die bissige Frau wahrnimmt, die mit ihren Brotkrümeln am Weg zur Entenfütterung sich an die Stirn fasst und „Oh Maria!“ stöhnt. „Hunde frei laufen zu lassen ist verboten“, schreit sie. „Enten füttern auch“, schreit der Mann mit hochrotem Kopf zurück. Die Roma-Familie schüttelt die Köpfe.

Der Mann erreicht das Flussufer, doch da sind die Hunde schon wieder draußen und laufen weiter auf die nächste Wiese, denn dort promenieren andere, größere Entenvögel von schwarzer und roter Farbe. „WINDHUNDISCHA!!! WINDHUNDISCHA!!!“, brüllt der Mann atemlos. Ein paar Sekunden lang genießt Hund 1 noch die Szenerie, dann bewegt er sich gesenkten Hauptes langsam auf den Mann zu. Dieser empfängt ihn ungehalten und bedeutet ihm, sich nicht mehr von ihm wegzubewegen. Und als er dann damit fortfährt, „WINDHUNDISCHA!!!“ zu brüllen, schmerzt jedes Rufen Hund 1 wie ein Schlag. Er ist doch hier! Er hat doch alles richtig gemacht! Jedes Mal zuckt er zusammen und will an seinem Gastwirt hochspringen, winselt, umkreist ihn. Hund 2 hat sich seelenruhig wieder ins Wasser begeben, das ist die Chance für den Mann, er erwartet ihn am Ufer und leint ihn bewusst aggressiv an.

Mit den beiden an der Leine braucht er ca. einen halben Kilometer, um sich wieder zu beruhigen. Ihm wird klar, dass es schlichtweg nicht funktioniert, zwei Hunde zu haben, die beide Windhundischa heißen. Er beschließt daher nach kurzem In-Sich-Gehen, Hund 2 ab sofort Cairn Terrier zu nennen. Doch leider hat der Wirt die Rechnung ohne den Hund gemacht! Hund 2 ist todunglücklich darüber, Cairn Terrier gerufen zu werden. Slowakischer Rauhbart, Alpenländische Dachsbracke, Chinesischer Schopfhund,…. alles wäre seinen sensiblen Ohren lieber gewesen als dieser nichtssagende, geschmacklose Name. Und, wie alle Hunde früher oder später, beißt er sich die Zähne an der Begriffsstutzigkeit des Menschen aus. Er hört schnell damit auf, auf Windhundischa zu reagieren, weil ihn die Reaktion des Mannes zu sehr kränkt, wenn er bei zärtlicher Nennung des Namens auf diesen zuschwänzelt und harsch zur Seite gestoßen wird, während Hund 1 Liebe und Leckerlis erntet. Er zeigt sich aber den Erklärungsversuchen des Mannes gegenüber auch nicht verständig, wenn dieser gleich darauf ein Leckerli in seine Richtung schwenkt und aufmunternd „Cairn Terrier“ sülzt. Hund 2 sieht ein, dass es in dieser Situation keinen Sinn macht, sich unsichtbar zu machen, und stellt sich stattdessen taub.

Da Hund 1 bemerkt, wie der andere immer depressiver wird, erklärt er sich trotz seiner Eifersuchtsgefühle bereit dazu, Namen zu tauschen. Das Problem ist jedoch, dass Hund 1 seinen Gehorsam nicht ablegen kann, und so sehr er sich auch bemüht, auf „Windhundischa“ nicht zu reagieren, so schafft er es doch nie, gleichgültig zu verharren. Daher muss der Namenstausch dem Mann unerkannt bleiben.

Der Ratlose versucht folglich alles, was er kann: Er bettelt, schmeichelt, lockt, droht, ignoriert, bestraft, belohnt und ruft letztendlich den Hundetrainer für harte Fälle. Er klagt sein Leid: Der Hund hört nicht, der Hund macht nicht, was ich sage, der Hund legt sich auf den Rücken, wenn ich will, dass er am Bauch liegt, der Hund hat dieses nervenaufreibende Gejaule, wenn er was will. Schuld an allem ist die Frau, bestätigt ihm der Hundetrainer tröstend und nennt ihm seinen kostspieligen Spezialistenrat. Es sei notwendig, dass der Mann eine Bindung aufbaue, sich individuell auf das Tier einlasse. Ein Ritual brauche es, am besten dreimal pro Tag zu fixen Uhrzeiten raus und dann Training mit Zuckerbrot und Peitsche. Er empfiehlt ein paar Produkte und bittet um Barzahlung.

Genervt geht der Mann daran, die Tipps des Profis umzusetzen. Der arme, kleine Hund wird mit Aggression von allen Seiten überhäuft. Während der Trainingsgänge macht der Mann ihn fertig, und danach fällt Hund 1 über den übermüdeten Rivalen her, voll überschüssiger Energie, weil er kaum noch rauskommt. Sehr bald erträgt Hund 2 es nicht mehr und läuft dem Mann weg. Rein in den Kukuruz, und läuft und läuft und läuft, wohin ihn seine Nase trägt, frei, freier, bald fühlt er sich, als würde er fliegen…

Anruf der faschionablen Frau am nächsten Morgen: Der Hund, der sei ja noch per Chip auf sie angemeldet, wurde im Tierheim abgegeben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz atmet der Mann erleichtert auf und macht sich mit seinem Windhundischen auf den Weg, um seinen Cairn Terrier nach Hause zu holen.

In der Zwischenzeit im Tierheim: Hund 2 ist außer sich vor Freude, so kluge und verständige Menschen getroffen zu haben. Niemand hier nennt ihn Cairn Terrier. Es riecht nach Nagetieren und Katzen. Allerdings hat er nicht die angenehmste Nacht hinter sich, so ganz allein auf dem harten Boden… Er langweilt sich ein bisschen und kommt nicht raus aus dieser kleinen Kammer, was eine Qual ist, wo es doch überall so höchst interessant riecht! Plötzlich spitzt er seine Ohren: Das sind eindeutig die Schritte von Hund 1! Und… ja, kein Zweifel – die Stimme des Mannes ist zu hören. Dem Hund war bis jetzt nicht klar, wie sehr er die beiden vermisst hat, er heult auf, dreht sich um sich selbst im Kreis und jagt seinen Schwanz. Als er sie endlich sieht, wie sie sich dem vergitterten Kämmerchen nähern, bellt er wild jauchzend auf, und als die Tür geöffnet wird, schleicht er mit gesenktem Kopf auf den Mann zu, sein Hinterteil windend wie einen zweiten Körper, und während er so auf ihn zugeht, bereit, sein Leben in seine Hände zu legen, pinkelt er vor Freude auf den Tierheimboden. Hund 1 checkt ihn kurz ab, alles klar, und wendet sich dann wieder den Nagetiergerüchen zu, die ihm fast den Verstand rauben. „Cairn Terrier!“, raunt der Mann gerührt. Da bleibt Hund 2 vor ihm stehen, ein Zucken geht durch seinen Körper, die Freude fällt in sich zusammen, nein bitte nicht!!! Entschlossen lässt er ein zorniges Knurren vernehmen. „Na na?“ Die Tierheimpflegerin schaut erschrocken. Sie hockt sich hin, „Cairn Terrier“, schnurrt sie beruhigend. Der Hund richtet seinerseits einen leeren und desillusionierten Blick auf sie. Auch du?!? Erneut knurrt er, diesmal lauter. Der Mann hat die Schnauze voll. Blödes Viech, soll er da bleiben. Er hat wirklich alles versucht, aber wenn der Hund ihn nicht leiden kann, er kann auch gut ohne ihn leben. Er denkt an die faschionable Frau, die dumme Kuh, die an allem schuld ist, daran, dass die Nachbarn sich auch schon beschwert haben, dass er jetzt zwei Hunde hat, und es reicht ihm einfach. Er möchte seinen Hund, mit dem das Leben eigentlich perfekt war, nehmen und nach Hause fahren. Basta. „Windhundischa!“, ruft er scharf, doch was passiert jetzt? Hund 2 legt sich vor ihm auf den Rücken, und als er einen Schritt zurückmacht, folgt der Hund, setzt sich auf seinen Schuh und schmiegt sich an ihn wie eine Katze. Hund 1 kommt hinzu und leckt Hund 2 zärtlich am Ohr. Also nimmt der Mann beide Hunde wieder mit.

Hund 2 ist erleichtert, will nun aber keinesfalls mehr nachgeben. Er will zu seinem Recht kommen! Daher behält er den Mann genau im Auge, und gleich beim ersten Mal, als dieser den Mund öffnet, um den verhassten Namen auszusprechen, stoppt ihn Hund 2 in der Mitte ab. „Cairn T-“, beginnt der Mann, und der Hund steht auf und beginnt, laut und kräftig zu bellen. „Naaaa!“, ruft der Mann verzweifelt, an die erbarmungslose Nachbarin denkend. Hund 2 bellt noch genau dreimal, dann legt er sich hin und sieht den Mann aus treuen, um Verständnis flehenden Hundeaugen an. Das Spiel wiederholt sich noch einige Male, „Cairn T-Naaaa!“, ruft der Mann, „W– Wau Wau Wau“, macht der Hund. Da beginnt es dem Mann zu dämmern, und er probiert verschiedene Befehle aus, wobei er den Hund nicht mehr Cairn Terrier nennt, sondern einfach nur Hund. Und das funktioniert, damit kann Hund 2 leben, er ist schließlich ein Hund. Die Sache mit dem Bellen beim „Cairn T-Naaaa“ gefällt dem Mann, es ist ein lustiges Kunststück, das auch Hund 1 begeistert und ohne Umschweife lernt. Alles ist endlich gut. Wenn der Mann jetzt mit den Hunden spazieren geht, lässt er bedenkenlos beide frei. Wenn er will, dass sie kommen, ruft er „Windhundische!“, und beide kommen angerannt. Und wenn die bissige Entenfütterin ihnen über den Weg läuft und ihm sagen will, dass es verboten ist, die Hunde frei laufen zu lassen, sieht er sie an, danach seine Hunde und sagt: „Cairn T-Naaaa“, und die Hunde sehen ihn an, danach die Frau, und dann bellen sie dreimal laut und bestimmt. Dann dreht sich die Frau um und murmelt „G’sind’l“, und die drei schauen ihr nach und grinsen.

Anita Millonig

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15136

 

Besuch beim Großvater

„Das nimmst du!“, sagte der Vater und drückte seinem Jüngsten Clemens ein Gesteck aus Tannenzweigen mit einer Kerze darauf in die Hand. Als nächstes holte er zwei Packungen Kekse aus dem Kofferraum und hielt sie seinem zweiten Sohn Thomas entgegen, der eine davon gleich an seine Freundin weitergab. Er selbst nahm einen großen Korb, in dem sich ein Berg frischer Wäsche befand. Schon von außen sahen sie durch das Fenster den Großvater in seinem Sessel sitzen.

„Hallo“, begrüßte Thomas seinen Opa, reichte ihm die Hand und stellte die Kekse wortlos auf den Tisch. Seine Freundin tat es ihm nach. Auch sie stellte die zweite Packung Kekse einfach auf den Tisch und hoffte, dass der Großvater wusste, dass sie für ihn bestimmt waren. Clemens gab das Gesteck verlegen an seinen Bruder weiter und setzte sich auf die Couch. „Begrüßt du mich denn gar nicht?“, fragte der Großvater mürrisch. Clemens lächelte, stand auf, reichte seinem Opa die Hand, murmelte dabei unverständliches Zeugs und setzte sich schließlich wieder.

Jetzt kam auch der Vater ins Zimmer und begann in den verschiedensten Kästen und Schubladen herumzukramen. Im Nebenzimmer wurde er fündig. Er brachte einen in einem Plastiksack verpackten Reindling mit in die Küche. Davon schnitt er mehrere Scheiben ab und legte sie auf einen Teller. Dann stellte er einen Topf Wasser auf den Herd und fragte in die Runde, wer Kaffee wolle. Thomas nickte, der Großvater verneinte.

„Heute hatte sie es besonders eilig“, beklagte sich der Großvater. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich nichts mehr zum Essen zuhause habe, hätte ich sie einkaufen schicken können.“ Er ging davon aus, dass alle wussten, dass er von seiner Pflegerin sprach. „Du hast noch genug zu essen“, erwiderte der Vater. Er sprach so leise, dass der Großvater ihn nicht verstand. „Du hast noch genug“, musste er wiederholen. „Ach, was denn?“ „Brot, Krapfen, Kaffee, …“ „Was?“, unterbrach ihn der alte Mann. „Brot und Krapfen, das reicht fürs Frühstück.“ „Das mag ich nicht.“

Der Vater reichte jetzt die Kaffeetassen zum Tisch herüber. Eine davon bot er dem Großvater an. „Ich will keinen. Ich sagte, ich will keinen“, gab dieser von sich. „Außerdem, nimm etwas zum Unterstellen!“ Der Vater holte ein Tablett und stellte darauf die Tassen und den Reindling ab. Er öffnete eine Packung der mitgebrachten Kekse.

„Clemens“, sprach der Großvater und deutete mit seinem Kopf in Richtung der Wandschränke neben der Türe. „Soll ich die Tabletten holen?“, fragte dieser und suchte das Regal danach ab. „Nein, ach Gott.“ Der alte Mann wurde immer unzufriedener. Mühsam erhob er sich aus seinem Sessel. Aus einer Lade holte er ein Plastiktischtuch. „Ah, das wolltest du! Das haben wir vergessen unterzulegen“, lächelte Clemens verlegen.

„Wieso kommt ihr überhaupt so spät?“, fragte der Großvater wenig später. Der Vater war bereits in die Abrechnungen der Hilfskraft, die er zu dessen Betreuung eingestellt hatte, vertieft. „Ein Ziegel ist kaputt, es tropft direkt vor die Türe. Das hättet ihr reparieren können, wenn ihr früher da gewesen wärt. Jetzt ist es schon Abend, es wird schon dunkel. Ihr hättet am Nachmittag kommen sollen.“
„Es ist erst drei, Opa“, meinte Thomas. „Soll ich mir den Ziegel anschauen?“ „Nein, jetzt ist es zu spät, es ist schon Abend.“ Der Großvater wandte sich wieder seinem Sohn zu. „Sie hatte gar keine Zeit für mich heute. Dabei habe ich nichts zu essen zuhause. Sie hätte einkaufen sollen.“ „Aha“, meinte der Vater verärgert. „Aber wenn es ums Bezahlen geht, dann hat sie immer genügend Zeit.“ Er griff nach einem Stück Reindling. In großen Bissen aß er dieses und zwei weitere. Danach nahm er sich noch ein Keks.
„Wieso esst ihr überhaupt meine Kekse?“, wunderte sich der Großvater.

Der Vater erhob sich und ging hinaus. „Was macht er denn?“, fragte der Großvater jetzt seine Enkelsöhne. „Vielleicht schaut er nach, wo es tropft“, meinte Thomas.
„Das hättet ihr früher machen sollen. Aber ihr kommt mich ja nie besuchen und ruft nie an, um zu fragen, ob es etwas zu tun gibt.“
„Du kannst mich doch jederzeit anrufen, wenn du etwas brauchst“, meinte Thomas. „Hast du einen Zettel, dann schreib ich dir meine Handynummer auf?“ Sein Opa reagierte nicht.
Kurz darauf verschwanden auch Thomas und Clemens nach draußen, um nach dem kaputten Ziegel zu schauen.

„Oh mein Gott“, dachte die Freundin leise bei sich. „Ihr könnt mich doch nicht ganz alleine mit ihm lassen.“ Sie lächelte dem alten Mann zu.
„Meine Heizung funktioniert nicht richtig“, erzählte er ihr jetzt. „In der Nacht ist es immer so heiß, aber untertags eiskalt. Ist der Heizkörper jetzt warm?“
Die Freundin lehnte sich nach hinten und legte ihre Hand auf die Heizung. „Nein“, antwortete sie.
„Immer ist etwas zu tun in diesem Haus. Und wer muss das alles machen? Ich, obwohl ich den kranken Fuß habe. Im Sommer muss ich auch mähen und den Garten machen. Früher, da hatte ich noch die Großmutter. Aber die ist jetzt schon seit vier Jahren tot. – Weißt du vielleicht eine Frau für mich, so um die fünfzig, oder siebzig?“
„Nein, leider. Ich bin ja nicht von hier.“ Schon beim letzten Besuch hatte der Großvater die Freundin nach einer neuen Frau gefragt. Nach dem Tod der Großmutter stellte sich heraus, dass er mit dem Haushalt nicht wirklich zurechtkam.
„Von wo bist du?“, wollte er jetzt wissen.
„Ich komme aus Oberösterreich. Den Thomas habe ich in Wien kennengelernt. Beim Studieren.“ Der Großvater nickte. „Alle gehen nach Wien“, sagte er in einem vorwurfsvollen Ton. Wieder lächelte die Freundin ihn an.

Thomas und Clemens kamen in die Küche zurück. „Man sieht nichts. Im Moment tropft es nicht. Aber es ist auch nicht viel Schnee am Dach.“
„Man sieht nichts“, wiederholte der Großvater. Dann fragte er Clemens: „Wieso kommt sie eigentlich nie mit?“
„Wer denn, Opa?“
„Na sie. Seit dem Tod der Großmutter war sie kein einziges Mal mehr mit. Warum kommt sie nicht mit?“ Offensichtlich meinte der Großvater die zweite Ehefrau seines Sohnes, Clemens’ Mutter.
„Können wir sie fragen“, antwortete der Achtjährige. Der Vater kam zur Tür herein.
„Wieso kommt sie nie mit?“, fragte der Großvater jetzt ihn. Auch er wusste nicht sofort, wer gemeint war.
„Beim nächsten Mal werden wir sie mitnehmen“, versuchte Clemens seinen Opa zu besänftigen.

„Das Dach ist nicht kaputt. Das kommt nicht von oben. Das Wasser wird jemand mit den Schuhen hereintragen“, stellte der Vater fest.
„Die Heizung ist nicht richtig eingestellt. Es ist so kalt“, gab der alte Mann zurück.
„Das passt schon“, meinte der Vater und setzte sich zu seinem Sohn auf die Couch.
„Was?“, fragte der Großvater nach. „Die ist schon ganz richtig eingestellt.“ Der Vater griff nach hinten zum Heizkörper. „Ist er warm?“, wollte der Großvater jetzt von ihm wissen. „Ja“, antwortete dieser.
Der Großvater blickte die Freundin an. Diese wiederum schaute den Vater an. Sie wusste, dass das nicht stimmte. „Nein“, sagte der Vater jetzt. „Aber der Heizkörper ist ganz richtig eingestellt.“ Damit gab sich der Großvater zufrieden.

„Ich hätte sie einkaufen geschickt, aber sie hatte heute so wenig Zeit“, begann er wieder von vorne.
„Heute ist doch Sonntag, Opa. Heute hätte sie nichts kaufen können, da haben die Geschäfte ja zu“, erklärte ihm Thomas.
„Ach, aber ich habe nichts mehr zum Essen zuhause.“
„Morgen wird sie dir neues Essen kaufen.“
„Kommt die denn morgen?“
„Ich glaube schon. Schau, im Kalender steht, dass sie morgen gegen vierzehn Uhr kommt.“ Thomas reichte seinem Opa den Stehkalender.
„Ah, morgen kommt sie“, sagte dieser nun mehr zu sich als zu seinen Gästen.

Der Vater war inzwischen auf der Couch eingeschlafen. Er atmete tief dabei. Clemens machte sich einen großen Spaß daraus, ihn zu sekkieren. Immer wieder erwachte der Vater kurz aus seinem Schlaf und ermahnte seinen Sohn. Clemens fand die Situation nur allzu komisch und begann heftig zu kichern. Es schien, als könne er sich gar nicht mehr einkriegen. Er lachte und lachte, bis der Vater schließlich davon munter wurde.

Aus einer großen Tasche holte dieser jetzt seine Videokamera heraus und begann zu filmen. Er packte sie allerdings nach ein paar Minuten wieder weg und fragte stattdessen den Großvater, wo er die mitgebrachte Wäsche hinräumen solle. Anstatt zu antworten, meinte dieser: „Hast du gesehen, wie viel Wäsche noch zu machen ist?“
„Diese hier ist frisch.“ Der Vater deutete auf den Wäschekorb. „Die dreckige nehme ich dann das nächste Mal mit.“
„Alles muss gewaschen werden“, wiederholte der Großvater.
„Die Wäsche im Korb ist sauber.“
„Ach so, dann stell sie einfach hinüber ins andere Zimmer.“ An seine Enkelsöhne richtete er: „Ihr sitzt da nur herum, ihr könntet abwaschen.“
Die Freundin musste schmunzeln. Thomas übernahm den Abwasch, Clemens trocknete das nasse Geschirr ab. Der Vater packte den Reindling wieder in den Plastiksack.
„Nehmt ihn euch mit“, sagte der Großvater.
„Nein, behalte ihn dir doch. Morgen kannst du ihn zum Frühstück essen“, antwortete sein Sohn.
„Ich mag keinen Reindling. Der Thomas soll ihn mitnehmen. Der freut sich. – Thomas, nimm den Reindling mit.“
„Willst du ihn nicht?“, fragte Thomas.
„Nein, ich habe noch genügend zu essen.“

Schließlich verabschiedete sich einer nach dem anderen beim Großvater. Thomas tat es leid, ihn alleine zurückzulassen. „Ich rufe dich in den nächsten Tagen an“, versicherte er ihm.
„Willst du nicht bei mir übernachten?“, wandte sich der alte Mann an Clemens. Dieser schüttelte wortlos den Kopf.
Der Großvater erhob sich langsam aus seinem Sessel und begleitete seine Gäste nach draußen. Als das Auto losfuhr, winkte er ihnen nach.

Judith Wiesauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15125

Jäger und Sammler

Herr Seidl hatte braunes, etwas schütteres Haar, war nicht beleibt, aber auch nicht sportlich. Er trug seit gefühlten zwanzig Jahren dieselbe Hornbrille und hatte die Gläser ungefähr ebenso lange nicht mehr gereinigt. Bei den Familien in seinem Wohnhaus war er als Pedant bekannt, die restlichen Nachbarn nahmen kaum Notiz von ihm. Seine Wohnung hätte aus der Kulisse eines Heimatfilms stammen können. Auf der Kommode lag, akribisch drapiert, ein Spitzendeckchen seiner Großmutter, von dem er sich nicht trennen konnte. Auch sonst waren keine Bestrebungen zu erkennen, Farbe, vielleicht sogar ein lebendiges Wesen, oder zumindest eine Pflanze unterzubringen. Auffällig auch die Abwesenheit jeglicher Urlaubserinnerungen: Diejenigen, die Herr Seidl als solche bezeichnen würde, stammten allesamt von Inlandsurlauben. Die weiteste jemals angetretene Reise hatte nach Caorle geführt, und auch das war noch in seiner Kindheit gewesen. Kurz und gut, er war der Stereotyp eines Stereotyps und wahrscheinlich ganz zufrieden damit.

Herr Seidl gehörte nicht zu den Ersten, die das Online-Kleinanzeigenportal benutzten. Er war generell kein großer Freund des Internets. Aber als der alte Sparefroh in mehreren Zeitungsartikeln davon gelesen hatte, setzte er sich eines Tages doch an seinen PC. Dieser reagierte auf das Drücken der Einschalttaste mit so lautem Brummen, dass er sich fragte, warum das Gerät nach wie vor unbeirrbar seinen Dienst versah. Bald schon war das Brummen seines Computers am Abend aber für ihn so selbstverständlich geworden wie früher das Flimmern seines Röhrenfernsehers, und es sollte nicht das Einzige bleiben, was sich innerhalb seiner vier Wände änderte.

Anstatt weiter auf einen Fernsehsessel zu sparen, erstand er einen gebrauchten und kaufte einen schönen Überwurf dazu. Als sein Wasserkocher an einem Samstag den Geist aufgab, hatte er binnen Minuten aus mehreren in seiner Nähe angebotenen einen herausgefiltert, den er noch am selben Abend abholen konnte. Bereits am nächsten Morgen bereitete er damit Tee zu, und das, obwohl er gar kein Teetrinker war. Seine Einkäufe waren aber von Beginn an weniger notwendiger Natur, vielmehr betrachtete er die Habseligkeiten anderer als Freiwild und fand großen Gefallen an seinen Beutezügen. In ihm war eine Leidenschaft geweckt worden, wenn auch eine eigenwillige.

Herr Seidl war in seinem Leben nie sonderlich bestrebt, durch Leistung hervorzustechen, und sah auch keinen Grund dazu. Karriere zu machen lag ihm fern, und so fühlte er sich in seiner Arbeit bei der Behörde äußerst wohl. Sein Tagespensum konnte er dank jahrelanger Erfahrung ohne jegliche Form von Anstrengung erledigen. Die seltenen Fälle, bei denen seine Routine von unvorhergesehenen Vorkommnissen gestört wurde, reichten gerade aus, ihn davor zu bewahren, die Eintönigkeit seiner Tätigkeit wahrzunehmen.

Die Beschäftigung mit dem Kleinanzeigenportal machte Herrn Seidl überraschend aktiv, ein richtiger Trieb war in ihm ausgelöst worden. Zum großen Erstaunen seines Kollegen besuchte er seit Neuestem sogar selbst Unternehmen, anstatt, wie bisher für ihn üblich, darauf zu warten, dass deren Vertreter ihn im Büro besuchten. Natürlich wusste keiner von ihnen, dass nahe der Schokoladefabrik, deren Betriebsleiter dringend eine Genehmigung benötigte, Frau Frick gerade eine Stehlampe verkaufte. Auch Herr Seidl wusste nicht, dass ihr Gatte sich die Lampe eingebildet hatte, und sie, da die lang ersehnte Scheidung bevorstand, die verhasste Lampe nun mit allen Mitteln loswerden wollte und diese wahrscheinlich auch verschenkt hätte.

Herr Seidl erfuhr es auch nicht, denn er fragte nicht nach, warum die Objekte seiner Begierde verkauft wurden. Vielleicht spürte er auch, dass er es manchmal gar nicht wissen wollen würde, und so ruhte er in seinem Fernsehsessel, in dem vor wenigen Wochen noch jemand sanft entschlafen war, und betrachtete zufrieden das Ergebnis seiner urbanen Jagd.

Die Verkäufer waren für Herrn Seidl eine völlig unverständliche Spezies. Insbesondere dann, wenn diese quer durch die Stadt Habseligkeiten zu ihm nach Hause oder ins Büro transportierten, die sie zu einem Preis anboten, der nicht einmal für den Fahrschein in eine Richtung ausgereicht hätte. Und dabei wussten sie noch nicht einmal, ob er ihnen die Waren überhaupt abkaufen würde. Er fand dennoch Gefallen an seinen neuen Geschäftspartnern. Wahrscheinlich, weil er, abgesehen von seiner Arbeit, wenig Kontakt zur Umwelt hatte. Sicher auch, weil die Begegnungen immer von kurzer Dauer und ungezwungen waren.

Bei seinen Streifzügen lernte er die faszinierendsten Charaktere kennen. Wenn er seine Beute auf dem Heimweg in Händen hielt, dachte er oft lange über deren Vorbesitzer nach. Waren sie bedürftig oder vermögend? Was waren sie wohl von Beruf? Waren sie alleinstehend, hatten sie Familie? Herr Seidl war fasziniert, wie viel Interpretationsspielraum ein Blick ins Vorzimmer erlaubte. Manche waren freizügig und ließen ihn bis ins Wohnzimmer, was viel Einblick in die jeweiligen Lebensumstände gewährte. Gerade die seiner Einschätzung nach wohlhabenderen Personen waren aber in der Regel sehr zugeknöpft. Dann war Herrn Seidls Jagdinstinkt am stärksten ausgeprägt. Einmal drehte er sich sogar wortlos um und hatte schon den Liftknopf gedrückt, als der Verkäufer im letzten Moment doch noch einen Preisnachlass anbot. Stolz trug er die „Nachttischlampe antik“ nach Hause und konnte vor Freude ob seines listigen Manövers kaum einschlafen. Einer betagten Frau mit abgetragenen Kleidern in einem wenig einladenden Altbau wiederum gab er aus Absicht einen zu großen Geldschein. Er hatte längst das Stiegenhaus verlassen, als sie aus dem Wohnzimmer zurückkam, um ihm sein Wechselgeld auszuhändigen. Auf dem Heimweg fragte er sich, was ihn zu dieser Handlung bewogen hatte. Das Blättern im soeben erstandenen Buch „Häkeln für Fortgeschrittene“, seiner Ansicht nach das ideale Geburtstagsgeschenk für seine Mutter, lenkte ihn aber schnell von allzu philosophischen Fragen ab.

Als die Einkäufe zahlreicher wurden, beschloss Herr Seidl, das erste Mal selbst etwas über das Kleinanzeigenportal zu verkaufen. Lange haderte er mit dem Entschluss. Der Gedanke, Fremde in seine Wohnung zu lassen, war ihm unangenehm, doch konnte er die Funktion des „Stabmixer gebraucht“, den er loswerden wollte, ohne die Steckdose im Vorzimmer nur schwer demonstrieren. Schlussendlich entschied er sich für einen Verkauf. Jedoch mit einer Anzeige ohne Angabe der Hausnummer, nachdem er sich ausgemalt hatte, wie seine Wohnung ausgeräumt wurde, gleich nachdem er einem vermeintlichen Käufer mitgeteilt hatte, dass er erst am Abend wieder zu Hause anzutreffen sei.

Mehrere Tage musste Herr Seidl ausharren, bis sich erstmals jemand auf sein Inserat meldete. Obwohl er die darauffolgenden Anfragen nach Preisnachlässen verstehen konnte, da er es selbst nicht anders gehandhabt hatte, ärgerte ihn die Unwilligkeit, seinen Vorstellungen entgegenzukommen. Er schrieb mehreren Interessenten, dass das Gerät bereits verkauft sei, und erst nach mehreren Wochen vereinbarte er einen Termin mit Frau Müller. Sie hatte gleich eingangs Bereitschaft kundgetan, den veranschlagten Preis zu zahlen. Als er durch den Türspion Frau Müller dabei zusah, wie sie den Lift verließ und auf seine Wohnungstür zuging, verschlug es ihm die Sprache.

Frau Müllers feuerrote Haare waren das Einzige, was ihn von ihrem farbenfroh überzogenen Mantel ablenkte. Entsetzt betrachtete er sie noch einige Sekunden durch das Schlüsselloch, bevor er die Tür entriegelte und Frau Müller in sein Vorzimmer ließ. Mit einem Lächeln im Gesicht musterte sie den Raum. „Eine sehr schöne Wohnung“, sagte sie, und machte ihn damit noch verlegener als er ohnehin schon war. Mit einem Kompliment hatte er nicht gerechnet und begann hastig, sein Verkaufsobjekt zu demonstrieren. „Ich hätte es Ihnen schon geglaubt, dass das Gerät funktioniert“, entgegnete sie ihm, nachdem er den Mixer etwas ungeschickt durch die Luft schwenkte. Er sah ihr dabei zu, wie sie ihn mit ihren filigranen Händen drehte und von allen Seiten betrachtete. Plötzlich dämmerte ihm, woher seine Nervosität kam. Anders als die Kolleginnen von der Behörde und andere Frauen aus seinem Bekanntenkreis konnte er Frau Müllers Wesen beim besten Willen nicht einschätzen, und es machte ihn – neugierig! Mit einem Moment war sein Jagdtrieb stimuliert. Leicht abwesend entrierte er die finanzielle Seite der Veräußerung, während er seinen tollkühnen Plan schmiedete. Als Frau Müller ihre Jacke anzog, steckte er vor der Übergabe unauffällig die soeben erhaltenen Geldscheine in die Schachtel des Mixers. War sie sonst auch ein wandelndes Mysterium für ihn, eines wusste er: Sie würde das Geld sicher zurückbringen. Mit schweißnassen Händen und klopfendem Herzen versperrte er die Tür hinter ihr. Er wusste, sie würde bald wieder durch diese Tür schreiten. Und diesmal würde sie nicht nur sein Vorzimmer kennenlernen.

Felix Trummer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15090

 

Die Krise 4 – Der Reiz des Geldes

Es ging um einen Arbeiter in Escortins Kieswerk. Man fand heraus, dass jener keine Aufenthaltsbewilligung hatte. Peinlich für Escortin. In Fällen illegaler Beschäftigung wurde hart gestraft. Escortin nahm es gelassen. Man werde sich darum kümmern, versicherte er dem Beamten, dass jener einen Antrag für seinen Aufenthalt hier stellte, dann wäre vorläufig einmal wieder alles im Reinen. Das wäre immer das Gleiche mit den Ausländern, ätzte seine Gattin Anica völlig aufgebracht und blitzte giftig aus ihren Sehschlitzen heraus. Erst geben sie sich als jemand anderer aus, sind im Krankenstand einmal der Mehmed X, vor der Behörde dann wieder der Ali B. Und wer hätte das Nachsehen und die Probleme? Wir!, gab sie sich selbst die Antwort. Die tanzten einem ja doch bloß auf der Nase rum!
Man kriege keine anderen, brummte Escortin grantig und sah von seiner Zeitung kaum dabei auf. Und wenn es schon ein Einheimischer sein müsse, dann wäre der schließlich um einiges teurer als ein Dahergelaufener. Bei den Baggerfahrern sei er ohnehin Patriot. Aber Hilfsarbeiter brauchten nicht so teuer zu sein. Schließlich wolle man selbst auch noch was von dem Kuchen haben. Und einen Unterschied wird´s ja wohl noch geben dürfen, net woa? Wo käme man denn schließlich da noch hin, wenn´s keinen Unterschied mehr gäbe?

Damit schien die Debatte zwischen Anica Escortin und ihrem Gatten erledigt. Sie ging ins Badezimmer, wo sie sich eine Zeit lang aufhielt, um sich zu schminken. Er brütete über seiner Zeitung. Aber Escortin war zu unkonzentriert, um zu lesen. Er musste vielmehr an seine Geschäfte denken. Vor allem aber auch an den Erwerb des neuen Gemeindegrundstückes und die damit verbundene Parteispende, über deren Höhe er sich im Nachhinein dann doch noch geärgert hatte. Unverschämt, dieser Mirando! Und er ärgerte sich über Rembert Mirando, jenen Polit-Parvenü, der noch nie etwas Herzeigbares geleistet hatte und dessen Mundwerk größer war als seine Taten. Und solche Leut´ würden hier bei uns Politik machen, murmelte er vor sich hin.
Natürlich, da war auch noch der Bürgermeister. Bei der Jagd waren Escortin und er die besten Freunde. Aber wenn es um Grund und Boden ging, konnte es zwischen den beiden Männern schon einmal ungemütlich knistern. Mit dem Bürgermeister konnte man über beinahe alles reden, nur nicht über Grunderwerb. Und schon gar nicht, wenn es um die Ausweitung der escortin’schen Schotterpfründe ging. Die meisten Grundstücke waren Bauernland, und die Bauern legten sich schon aus Prinzip quer, wenn der Bürgermeister von ihnen ein Stück Grund brauchte, um da und dort ein Wasserreservoir oder sonst was zu errichten, oder, wie schon so oft, Escortins Schottergruben vergrößern zu helfen.
Doch eine Hand wusch die andere, und diese Maxime war ihnen im Laufe der Jahre zum Prinzip geworden. Aufgrund dieser Tatsache war der Bürgermeister nichts anderes als ein Handlanger Escortins geworden. Und Escortin wollte mehr. Vor allem aber war es seine Gattin, die immer mehr wollte.

Anica Escortin fuhr in ihrem Wagen zum Shoppen. Was hätte sie an so einem langweiligen Tag auch Besseres tun sollen? In der Nähe des Ortes gab es ein großflächiges Outlet, in dem man sich stunden-, ja tagelang aufhalten konnte. Und im Shoppen war sie eine Meisterin. Fünfzig Paar High-Heels, und ebenso viele Taschen. Das sollte ihr einmal jemand nachmachen! Wenn sie einmal die Einsamkeit plagte, setzte sie sich in eine Konditorei oder ein Kaffeehaus, um dort irgendwelche Leute anzuschwatzen und sie davon zu überzeugen, wie sympathisch sie doch eigentlich sei, trotz ihrer schlitzäugigen Visage.
Das tat sie immer, wenn ihr das Selbstbewusstsein auszugehen drohte oder sie ihre Periode hatte, während der sie oft häufig unter heftigen Gefühlsschwankungen litt. Im Verlauf solcher Gespräche wurde sie natürlich gefragt, wer sie sei und woher sie käme. Und Anica Escortin war eine Frau, die gerne konkrete Antworten gab. Sehr konkrete. Dabei ließ sie kaum ein Fettnäpfchen aus, in das sie treten konnte. Wenn man nicht ständig über sich spreche, meinte sie, würden einem eben auch keine Fehler passieren, und dann lachte sie meckernd. Aber es machte ihr nichts aus, wenn man sie hier und dort nicht ganz ernst nahm, sie hatte schließlich nichts zu verlieren.
Auf der Suche nach einem passenden Schal für ihr neues rosa Kostüm waren ihre Gedanken auf Rembert Mirando gekommen. Sie griff nach ihrem Handy und wählte seine Nummer. Rembert Mirando! Was für ein Zufall, dass sie mit einem so gutaussehenden jungen Mann wie ihm ein Verhältnis haben konnte. Dabei kniff sie ihre Sehscharten kühn zusammen.

Mirando, der eben zu diesem Zeitpunkt in einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung völlig unbewusst an seinen ureigensten Charaktereigenschaften arbeitete, nämlich andere vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was man von ihm so allgemein hielt. Kraft seiner neuen Funktion nahm er für sich in Anspruch, nun einer jener Menschen sein zu dürfen, die sich im Besitz ausgeprägter Tugenden wie auch moralischer Überzeugungen wähnten. Schließlich wurde das von einem erwartet. Und doch blieb es Faktum, sodass man unschwer über ihn hätte sagen dürfen, sein Privatleben, seine Handlungen, Meinungen oder Aussagen widersprächen seinen öffentlichen Äußerungen zutiefst.
Mirando griff zum Handy, als es nun doch schon etwas zu lange geläutet hatte. Früher hätte er es während einer Sitzung abgeschaltet. Aber jetzt, wo er mit einem Male so wichtig geworden war, führte er es mit jener gelangweilten Genugtuung ans Ohr, die signalisieren sollte, wie störend dieser Anruf eigentlich sei, aber man einfach nichts dagegen machen konnte. Ob er für heute Nachmittag frei wäre, flötete Anica Escortin mit Jubelstimme.
Mirando tat vorerst auf „man wüsste nicht, was heute noch auf ihn zukommen würde“. Schließlich war seine Mission erfüllt. Die Gemeinde hatte das Geld. Wozu also brauchte er die Escortin mit ihren Säulenbeinen eigentlich noch, wo es doch wesentlich attraktivere Frauen in seiner nächsten Umgebung gab, ohne Zellulitis und der rieselig bleichen Oberfläche eines kalt gewordenen Grießkochs, die er alle haben konnte, wenn er es nur gewollt hätte. Jedoch auf ihr Drängen gab er sich schließlich doch einen Ruck und stimmte einem kurzen Treffen in der Scheer-Bar zu.
Was hatte er dabei zu verlieren? Anica Escortin war entzückt über die plötzliche Fügung des Schicksals und versah ihn mit Handyküssen. Rembert Mirando hielt die Hand auf den Lautsprecher, um Anica Escortins Schmatzen zu dämpfen. Gleichzeitig fielen seine Blicke auf die Tageszeitung vor ihm auf dem Konferenztisch, da die Sitzung ohnehin schon ins Private entglitten war.
Eine Handvoll vermummter, offensichtlich schwachsinniger Jung-Neos (keine Ähnlichkeiten mit einer bestimmten politischen Partei) hatten ausländische Besucher einer Gedenkstätte mit rüpelhaften Rufen attackiert. Man sollte die Jungen doch lassen, hatte einer der Gemeindegranden vorhin gesagt, sie hätten ein natürliches Gefühl für Gerechtigkeit. Und irgendwer müsste so eine Dreckarbeit wohl auch machen, damit die Erinnerung daran, wer denn nun eigentlich die Guten und wer die Bösen waren, nicht zu sehr verblasste.
Mirando schob seine Lippen nach vorne, um ihm den Blick auf den an seinem Sakko befestigten Button mit dem Landeswappen zu erleichtern, auf den er sehr stolz war. Man hatte es, quasi auf dem Postweg, allen Gemeindebediensteten verliehen, mit einem Begleitschreiben, in dem es hieß, wer stolz auf sein Land und seine Position in der Verwaltung wäre, sollte diesen Button aus Solidarität mit der Regierung an der Kleidung anbringen. Mirando hob wieder den Kopf und brachte seine Lippen in geordnete Normalstellung. Der Bürgermeister war bereits aufgestanden, die Sitzung beendet. Hände wurden geschüttelt.

Mirando eilte die Treppen des Rathauses hinunter, riss die schwere, gusseiserne Eingangstür auf und eilte über den Platz in die Café-Bar Scheer, auf der gegenüberliegenden Seite des Rathauses. Anica Escortin war noch nicht hier. Mirando warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, dann sah er aus dem Fenster auf die große Rathausuhr. Er überlegte fieberhaft. Nur wenige Schritte trennten ihn von Stefanie Raymundos Geschenkboutique. Sollte er ihr einen kurzen Besuch abstatten, bevor die Escortin hier hereinkam? Rasch kehrte er der Scheer-Bar den Rücken, als er auch schon im Geschäft Raymundos stand.

Die Türglocke war nicht zu überhören gewesen, jedoch niemand außer ihm war hier. Er rief einmal laut ihren Namen. Nichts rührte sich, als die Eingangstüre eben heftig aufgestoßen wurde und sie in der Türe stand, Stefanie, in voller Schönheit und Elegance. Sofort machte ihr Mirando ein paar übertriebene Komplimente, die sie aufs Heftigste zurückwies. Auch, wie sehr ihre engen Jeans die Figur betonen würden, und zu welchen Vorstellungen der gewagte Ausschnitt ihrer Bluse seine Fantasie beflügelte. Stefanie lachte bloß und warf den Kopf in den Nacken. Aber so gleichgültig war ihr gar nicht, was Mirando da vor sich herlaberte. Sie sah ihn von der Seite an.
Mirando schlenderte zwischen den Regalen herum und betrachtete indes scheinbar interessiert die unnötigen Nippes-Sachen, die dort überall auf den Regalen herumstanden. Stefanie ging zur Eingangstür. Sie war sich ziemlich sicher, dass Mirando nichts kaufen wollte und lehnte sich an diese, schloss mit der rechten Hand hinter ihrem Rücken von innen ab und eilte auf ihn zu. Mirando hatte zu schlucken begonnen, seine Kehle war ausgetrocknet wie eine Zisterne in der Wüste Gobi.
Sie umarmte ihn stürmisch. Er erwiderte ihre Umarmung und fasste sie unmittelbar darauf mit beiden Händen an ihrem ziemlich harten Hintern. Mit starkem Druck presste er ihr Becken an seines, an dem sich bereits eine ziemliche Beule abzuzeichnen begonnen hatte. Stefanie stöhnte leise in Erwartung, was denn nun kommen würde. Mirando schob sie vor sich her hinter das Verkaufspult und von dort hinter den Vorhang einer Umkleidekabine, die sich hier befand, obwohl es keine Kleidung zu kaufen gab. Seine Hand tastete nach dem Vorhang, hinter dem sie Schutz für ihr Treiben suchend verschwunden waren, und zog ihn völlig zu.

Inzwischen war Anica Escortin in der Scheer-Bar eingetroffen und kontrollierte ebenso nervös wie Rembert Mirando vorhin die Zeit auf ihrer goldenen Armbanduhr. Barkeeper Ferry deutete wortlos mit dem Kopf in Richtung Raymundos Boutique. Er sei eh schon da gewesen, aber jetzt sei er da drüben. Anica Escortin bestellte einen kleinen Braunen. Ihre kurzen, fetten, weißen Finger trommelten ohne Unterlass auf die Glasplatte des kleinen runden Tischchens vor ihr. Ihr hohler Blick, nach draußen auf den leeren Platz gerichtet, verriet, dass sie sich ärgerte.
Nach einer Viertelstunde betrat Mirando atemlos das Lokal und gab sich übertrieben überrascht, Anica Escortin jetzt schon vorzufinden. Das konnte er wirklich überzeugend. Sie feuerte giftige Blitze aus engen Sehöffnungen gegen ihn. Ob er nicht wüsste, wie spät es wäre? Doch, schon, aber … Sie schnitt ihm das Wort ab und begann zuckersüß zu lächeln. Rembert war verunsichert. Ob sie was ahnte? Was denn nun mit dem Hausbau sei?, fragte er rasch, um abzulenken. Das habe Zeit, meinte die Escortin gähnend, schließlich sei man ja nicht obdachlos. Und sie lachte scheppernd. Ob er nicht kurz Zeit habe für sie?
Rembert Mirando litt noch von vorhin an einem starken Brennen zwischen seinen Beinen und konnte sich alles vorstellen, alles, nur das jetzt nicht! Er habe noch einen dringenden Weg, flüchtete er sich in eine Ausrede. Sie sagte, er solle sich genau überlegen, ob es nicht besser sei, anders zu disponieren, man wisse schließlich nicht, ob man sich nicht noch gegenseitig brauchen werde. Dieser Satz machte ihn nachdenklich und er überlegte die Möglichkeit, wenn er eine gehörige Portion Vaseline auftrüge, ihrem Drängen besser nachzukommen, denn wer wüsste wirklich schon, wozu es gut sein würde? Mirando, der noch immer eine trockene Kehle hatte, hatte noch nichts bestellt, als Anica Escortin ihren Kaffee bezahlte und aufstand, um zu gehen.

Gegenüber aber, in der kleinen Boutique von Stefanie Raymundo, wurde heftig diskutiert. Es wurde gesagt, eine Person, die vorgab, über diverse Tugenden, fundierte moralische oder religiöse Überzeugungen sowie unumstößliche Grundsätze zu verfügen, Eigenschaften also, die sie in Wirklichkeit nicht besaß, seien bloß eine Maske, um vorzutäuschen, sie selbst sei so eine Person also, deren Handlungen ihrer Überzeugung jedoch widersprächen. Und eine solche Person wäre ganz einfach ein Hypokrit, ein Heuchler.
Mit dieser Erklärung versuchte Eva Vanin verzweifelt, ihrer intimsten Freundin Stefanie Raymundo klarzumachen, was für einer dieser Rembert Mirando wäre. Und Stefanie stand da, in ihrer Wohnküche in ihrem kleinen Laden, mit gesenktem Kopf, und rauchte eine Zigarette nach der anderen, während Eva langsam und umständlich den obersten Knopf ihrer Jeans aus seinem Knopfloch zu lösen begonnen hatte.
Im Gegensatz zu Mirando wäre sogar ein Paul Pedasoli zu ertragen, den sie, wenn auch ungern, hin und wieder an der Seite Stefanies gerade noch duldete.
Inzwischen hatte Rembert Mirando, seit dem erfolgreichen Coup mit Escortin und dem Grundstücksdeal sowie der Parteispende an die führende Partei der Gemeinde, seinen Karriere-Claim ein wenig weiter abgesteckt. Als er herausgefunden hatte, dass das Geld einmal erst auf einem Privatkonto zwischengelagert werden sollte, hatte er sich großzügig dafür zur Verfügung gestellt, auch auf die Gefahr hin, dass diese plötzliche und noch dazu so ungewöhnlich hohe Summe auf seinem eigenen Konto zu einer außerordentlichen Prüfung durch die Finanzbehörde führen könnte. Mirando wähnte sich in Sicherheit. Vor allem aber dachte er an die anfallenden Zinsen, die er, ohne mit der Wimper zu zucken, für sich in Anspruch zu nehmen gedachte, als kleine Entschädigung für seine Dienstleistung quasi. Und schließlich, würde er ja auch noch Mandatar, wäre er politisch immun und geschützt vor ungerechtfertigten Schnüffeleien seitens der Behörden, wie er sich zusammenreimte. Vielleicht könnte er es schaffen, das Geld ein Jahr lang auf seinem Konto zu belassen, erst dann würde man weitersehen. Je länger, desto mehr würde er davon profitieren. Und die Wahl lag noch in weiter Ferne, wie auch die Begleichung der Rechnungen für Plakate, Werbung und was sonst noch alles dazugehörte, wohl noch länger. Schließlich müsste man auch nicht sofort bezahlen. Also könnte er gar noch über ein zweites Jahr an dieser Summe partizipieren, bis zur Umbuchung eben.
Von dem Zeitpunkt an, an dem Mirando Escortins Parteispende auf seinem Konto wusste, ging er täglich zur Bank, um den unglaublichen Kontostand am Bankomaten abzulesen. Oftmals stand er sogar des Nachts zu diesem Zweck auf, und schlich unbemerkt in die Bankfiliale, um sich zu vergewissern, dass er nicht geträumt hatte. Dieses Geld war gewissermaßen sein Baby, und er wachte darüber, ob es auch ordentlich schlief. Seine Frau hingegen wusste von alldem nichts. Alles geschah heimlich. Dadurch ungemein beruhigt, manifestierte sich in ihm die Vorstellung, sich von diesem Geld unter keinen Umständen mehr trennen zu wollen. Ja, er hatte es richtig zu lieben begonnen, und überlegte fieberhaft, wie er es durch komplizierte Transaktionen auch in Zukunft würde behalten können.

Dieser Tage hatte er sich wenig um Anica Escortin gekümmert und war auch nicht bei Stefanie Raymundo gewesen, so sehr vereinnahmte ihn seine neue Aufgabe, sich seinem unerwarteten Reichtum zu widmen. Geld, dachte er, wäre ihm noch wichtiger als Frauen. Und er schloss leise die Tür zum Sekretariat wegen der permanenten Ablenkung, Fräulein Mileva nicht ständig unter den Rock schauen zu müssen, wenn sie mit leicht geöffneten Beinen hinter ihrem Schreibtisch saß.
Jeden anderen hätte das Gewissen geplagt. Aber nicht einen Rembert Mirando! Man hätte ihn allein wegen seiner Absichten schon als Wirtschaftskriminellen abtun können, etwa wegen Verdachts der Geldwäsche oder der Bestechung. Man würde sagen, er hätte Millionen bekommen und unterschlagen, aus Schmiergeldern oder Parteienfinanzierung oder untitulierten Zahlungen an Dritte. Man hätte ihm vorwerfen können, er, der Verdächtige, habe gefälschte Belege vorgelegt, was zur Festnahme geführt habe, vielleicht wegen Verdunkelungsgefahr und wegen weiterer Tatbegehungsgefahr? Das Geld sollte möglicherweise in höchst dubiose Geschäfte geflossen sein, die mit der ursprünglichen Bestimmung gar nichts zu tun gehabt hätten?
Man musste schon ein ausgekochter Bursche sein, um sich nicht von einem mehr als lästigen Gewissen dreinpfuschen zu lassen. Und Mirando ließ sich nicht dreinpfuschen. Mehr noch. Er betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass er einer sei, der nicht gleich den Schwanz einziehen, sondern Stehvermögen beweisen würde, wenn einmal etwas schiefging. Er wäre keiner, der gleich zurücktreten würde. Schließlich hatte man ihn hereingeholt, um sein Können unter Beweis zu stellen. Er könne seine Förderer und Gönner schließlich doch nicht mit einem Rücktritt vor den Kopf stoßen?

In dieser Situation empfand er es als ungeheuren Vorteil, sich in einem geschützten Bereich verbergen zu können. Einem Bereich, der ihn vor den Blicken der Neider und Intriganten bewahrte. Seine nunmehrige Stellung erlaubte ihm die nötige Deckung, hinter der man ungestört agieren konnte. Man musste bloß unauffällig genug sein, nur nicht auffallen war seine Devise. Die Öffentlichkeit täuschen, uninformiert zu lassen, sie nur mit Worthülsen bedienen, ihr gerade das Notwendigste mitteilen, so wie es alle immer schon gemacht hatten. Und Rembert Mirando kostete diese Situation genussvoll aus.
Einer Beschwerde über einen Mitarbeiter aus den unteren eigenen Reihen begegnete er derart, dass er diesen zu sich rufen ließ, ihn eine halbe Stunde vor seinem Büro warten ließ, um vorerst ein privates Telefonat zu erledigen, um ihn dann vor dem Personalchef nach allen Regeln der Kunst zur Sau zu machen. Was er denn schon sei. Arbeitnehmer. Und also solcher ohnehin bloß Bittsteller. Ferner sprach er eine Verwarnung aus, dessen Dienstvertrag bei nächster Gelegenheit kürzen zu lassen, eine Bedrohung, die angesichts der prekären Wirtschaftslage und Arbeitsmarktsituation mehr als eine gefährliche Drohung war.
Das sprach sich rasch herum in der Gemeinde und die Leute hatten Angst vor Mirando, Angst vor seinem Einfluss, und auch vor dem Bisschen Macht, das er repräsentierte. Im Laufe der Wochen und Monate wurden Mirandos Anzüge immer schwärzer, straffer, strenger. Sein Gang immer steifer, der Klang seiner mit Metall beschlagenen Absätze beim Gehen immer lauter. Ansuchen, die über sein Büro liefen, blieben immer länger liegen oder wurden negativ beschieden.
Einmal bat eine Mitarbeiterin um einen Gehaltsvorschuss. Schließlich war die Krise bis in alle sozialen Schichten vorgedrungen und viele hatten bereits nicht mehr das notwendige Geld für die Dinge des täglichen Gebrauchs. Was sie sich einbilde!, entgegnete ihr Mirando forsch. In Zeiten wie diesen gäbe es für niemanden einen Gehaltsvorschuss!, donnerte er. Sie sollte sich doch umhören. Selbst die Banken würden die Kreditklemme nur schwer lösen wollen. Man wusste schließlich nicht, was kommen würde. Und überdies müsse sie es hinnehmen wie andere auch, dass die Gemeinde kein Kreditinstitut sei. Sie erwiderte, das Verhalten ihrer Hausbank habe sich ihr gegenüber seit der Krise zum Schlechteren gewandt.
Da lachte Mirando nur und meinte, dann müsse sie eben den Gürtel enger schnallen. Sie alle, auch er, müssten das. Und das sei nichts Außergewöhnliches, fügte er hinzu und wies sie an, die Türe seines Büros von außen zu schließen.

Der Glaube der Bürger an das tatsächliche Vermögen einer funktionierenden Kommunalpolitik schien unerschütterlich, wenngleich man sich in Zwicklingsau bewusst war, oder Hintertupfing, richtig, was sich gleich blieb, dass die großen Dinge dieser Welt ohnehin nur global oder EU-weit erfüllt werden konnten. Umso mehr setzte man auf die Hoffnung lokalpolitischer Potenz, mit der in gewissen Bereichen noch dies und das erreicht werden könnte, was im großen Rahmen der Zulässigkeiten sonst nicht möglich gewesen wäre.
Nach einer eingehenden Analyse der kleinbürgerlichen Seele dieses Ortes konnte man aber feststellen, dass sich allgemein sehr starke Gegenreaktionen gegen den Fortschritt abzeichneten. Dies zeigte sich in der Permanenz der Ablehnung um die Neugestaltung des Hauptplatzes ebenso wie im trotzigen Beharren gegenüber jeder Art von innerer Veränderung und manifestierte sich in pathologischen Ängsten vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden. Immer dann aber, wenn vom langsamen aber sicher abbröckelnden Glanz längst vergangener Ehren die Rede war, setzte sich auf den unhörbaren Einsatz hin ein hervorragend eingeübter Chor kollektiver Verdrängung in Gang, einem Sangeswettbewerb gleich, als ob es darum ginge, die glücklosen Taten irritierter Väter und Väterväter vor einem unsichtbaren Tribunal immer wieder aufs Neue bejubeln zu müssen.
Die Rede ist von jenen Ehren, von denen man besser schweigen sollte, weil sie, von Blut besudelt und durch Diebstahl erworben, nicht mit denen in fairen Wettbewerben erkämpften zu vergleichen sind. Am meisten aber fürchtete man den das Leben so unflätig verachtenden Tod, der Tag und Nacht dazu imstande war, die schrecklichsten Bilder in den Köpfen der vorwiegend daseinsorientierten Zwicklingsauer (oder Hintertupfinger) entstehen zu lassen. Die unumstößliche Tatsache, nichts davon mitnehmen zu können, was man zu Lebzeiten mühsam erworben hatte und vor den neidvollen Blicken anderer zu verbergen suchte. Der Tod hatte daher, ganz abgesehen von seiner Endgültigkeit, auch etwas Entmündigendes und Enteignendes an sich.
Umso mehr ließen sich die Zwicklingsauer (wie auch die Hintertupfinger) nicht davon abhalten, wenigstens im Diesseits dynamisch, ehrgeizig und konsequent zu sein, wie es auch zum guten Ton gehörte, unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen, natürlich für andere, versteht sich. Man durfte kein Intrigant sein, zumindest nicht nach außen, und musste wissen, woran man mit jemandem war, um sich dort, wo es die Notwendigkeit verlangte, mit den Lorbeeren anderer zu schmücken.

Eines Tages luden der Bürgermeister und die Honoratioren der Stadt zu einem Fest im Garten des Bürgermeisters. Jeder im Ort war eingeladen. Aber nur wenige kamen, weil sie wussten, dass sie unerwünscht gewesen wären. Also blieb man unter sich. Rembert Mirando hatte sich mit einigen Kanzleileitern und Wichtigen aus dem Finanzressort an einem von der Gattin des Bürgermeisters liebevoll dekorierten Gartentisch verbarrikadiert.
Hin und wieder verirrten sich ein paar verschreckte Gäste dorthin in der Meinung, sich an diesem Tisch zuallererst vorstellen zu müssen, und traten, völlig verstört, unverzüglich den Rückzug an, nachdem sie feststellen mussten, dass niemand hier ihre artig entgegengereichten Hände schütteln wollte, und jene, die eben erst Angekommenen, nicht nur keines Blickes würdigten, sondern sich in ihren Gesprächen durch lästiges Begrüßen auch nicht stören lassen wollten.
Zumindest aber Mirando holte eine ausstehende Begrüßung erst viel später durch ein „Ach, Sie wären auch da“ nach, aber auch nur, weil es sich dabei um einen kleinen Angestellten mit seiner äußerst attraktiven Gattin im Schlepptau handelte, die ihn irgendwann einmal im Amt besonders nett und ehrfürchtig gegrüßt hatte. Den übrigen Tischgesellen war der Pöbel egal. Sie nahmen ganz einfach keine Notiz von den kleinen Leuten, die sie nicht kannten, und die sich rund ums Buffet wie die Schmeißfliegen tummelten, um noch rasch ein Häppchen von dem feudalen Hummeraufstrich, der Fasanenpastete, den Garnelen in Marinade, dem Avokadoaufstrich sowie Unmengen süßer Melonen, Mehlspeisen und Torten aller Art zu ergattern. Denn wo sonst, wenn nicht hier, hätten sie noch die seltene Gelegenheit, sich gratis den Bauch mit so köstlichen Dingen vollzuschlagen?

Unter der illustren Tischrunde, der Rembert Mirando angehörte, befand sich ein gleichermaßen aalglatter geschniegelter Finanzbarrakuda, der in ausschweifender Form von mysteriösen Beteiligungen an einer Ostfirma faselte und allen, die über die Höhe der Investitionen und die zu erwartenden Renditen staunten und ihre Münder darüber nicht mehr schließen konnten, den Mund wässrig machte, sich in dieser Sache einzukaufen. In Mirando arbeitete es fieberhaft. Wenn er das Geld, das man ihm kurzfristig anvertraut hatte, hier investierte, könnte er ein Vielfaches dessen lukrieren, was ihm ohne dieses Kapital in seinem Leben allein durch Sparsamkeit nicht gelänge, und was ihm überdies gestatten würde, den geliehenen Betrag mit Leichtigkeit wieder an den eigentlichen Besitzer, die Partei, zurückzuzahlen.
Er brauchte also nur einen günstigen Moment abzuwarten, in dem er mit diesem Mann allein sein konnte, um ihm sein Interesse an der Sache darzulegen. Alles andere würde sich finden. Schließlich herrschte die Krise. Und wenn man es jetzt zu nichts brachte, wie sollte es hernach weitergehen? Und wenn es schiefginge? Wenn schon! Die Frage danach, ob man ein guter Verlierer wäre, konnte in Zeiten wie diesen an Zynismus kaum noch überboten werden und nur wenige waren in der glücklichen Lage, darauf zu antworten, dass sie dank ihres Humors sogar noch dann zu lachen pflegten, wenn sich das Blatt einmal gegen sie gewendet hatte. Und Mirando wollte nur zu gerne einer von dieser Sorte sein.
Es gab ja schließlich genügend Vorbilder, da draußen. Solchen Menschen, die es nicht nötig hatten, ums Überleben zu kämpfen, war doch bloß am Wettbewerb gelegen, am Reiz der Herausforderung und an der Lust, die sie dabei empfanden. Derartige Menschen konnten schließlich aber auch nicht immer nur gewinnen. Daher konnten jene, die stets gewannen, es sich mitnichten leisten, menschliche Größe zu demonstrieren, indem sie einem überlegenen Konkurrenten lächelnd zum Sieg gratulierten.
Der Finanzmensch trank. Er trank viel, und zwar nur Sekt, und das war gut so, dachte Mirando. Denn auch ein Finanzmensch hat nun einmal eine menschliche Blase, und die würde sehr bald zum Überlaufen voll sein, wenn er so weitertrank. Dann müsste man ihm an jenen Ort hin folgen, wo für Erleichterung gesorgt wurde. Überdies musste man ja nicht gleich die kompletten Hundertfünfzigtausend riskieren. Ein geringerer Betrag, vielleicht fünfzigtausend, würde vielleicht für den Anfang schon reichen? Wer konnte es wissen? Nur reden müsste man mit dem Menschen können. Man müsste an ihn rankommen, ihm nähere Informationen entlocken, sie ihm aus der Nase ziehen wie die Amsel den fetten Regenwurm aus dem taufeuchten Boden.

Stefanie Raymundo hatte ihren Paul mitgebracht. Mirando beobachtete die beiden schon seit Längerem. Sie naschte einmal da dann dort vom üppigen Buffet, hüpfte um ihren Lover zickig herum und zog ihn am Ärmel mal hierhin und dorthin. Eva Vanin war nicht zu sehen. Sie hatte wohl heute Stefanie-frei. Pedasoli begnügte sich mit Zigaretten und einem Glas Wein in der Hand, unberührt von der Aufgekratztheit Stefanies.
Paul Pedasoli ließ seine von den Butterseiten des Lebens verwöhnten Blicke über die Anwesenden streifen. Sie fielen auf den Bürgermeister, dessen Gattin, auf die Tischgesellschaft, der Mirando angehörte, und sie blieben schließlich an der unübersehbaren Person des auffällig mit den Armen fuchtelnden Finanzmenschen hängen. Sein untrüglicher Sinn für leicht zu erbeutendes Kapital durfte ihn nicht täuschen. Er löste sich langsam, in immer länger werdenden Intervallen von Stefanie, die inzwischen vergnügt mit Frau Bürgermeister plauderte, und näherte sich scheinbar absichtslos und sehr unauffällig dem Tisch der aufrechten Wichtigen.
Mirando behielt Pedasoli vorsichtshalber im Augenwinkel, allein schon deshalb, weil er sich ein Bild von dem Kerl machen wollte, der Stefanie Raymundo bumsen konnte, ohne offensichtlich irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen, und einer Frau wie Stefanie dürfte bloßes Porsche-Fahren ja doch ziemlich egal sein. Er musste irgendetwas an sich haben, sagte sich Mirando, was sie so sehr an dessen Stange hielt, und während er dies dachte, hob er langsam sein Weinglas, führte es bedächtig zum Munde, so, als täte er einen längeren Schluck daraus nehmen, während seine Augen jede Bewegung Pedasolis verfolgten.

Da plötzlich, es musste in einem von Rembert Mirando unbemerkten Augenblick geschehen sein, stand Pedasoli bereits abseits der laut diskutierenden Tischgenossen neben dem geldigen Ostinvestor. Beide machten sehr auf „am anderen interessiert“. Jetzt nahm Pedasoli den Kerl an der Schulter und schob ihn behutsam hinüber zu einer kleinen Baumgruppe einiger mit Früchten überladener Marillenbäume.
Rembert Mirando wurde unruhig, sehr unruhig und er stand auf, um seine Chancen nicht noch mehr zu verschlechtern. Man musste handeln, jetzt, sonst würde es zu spät sein! Er sei hier ganz zufällig auf Pedasoli und den Kapitalhai gestoßen, entschuldigte er sich rasch dafür, die beiden im Dickicht der Obstbäume plötzlich überrascht zu haben. Aus dieser einmaligen Situation heraus ergab es sich, dass Mirando dem Investor seine Absichten mitteilte, etwas Kapital in die vorhin von ihm erwähnte Gesellschaft zu investieren. Und wie er es anstellen sollte?, fragte er naiv. Pedasoli und der Finanzmensch schienen erheitert.
Mirando fühlte, dass er einen roten Kopf bekommen hatte. Aber der Ostinvestor überging die Sache diplomatisch und fragte Mirando nach der Summe, die er anlegen wollte. Als dieser eher fragend antwortete, so an die fünzigtausend, wurde der Kapitalmensch plötzlich ernst. Paul Pedasoli pfiff leise durch die Zähne.
Wann und wo man sich treffen könnte, fragte dieser und Mirando erfasste ein Gefühl, welches sich nur Siegern zu bemächtigen beliebte, oder solchen, die mit einem Male aus nichts etwas geschaffen hatten. Was er davon hielte, wenn er, Pedasoli, gleichfalls mit einer solchen Summe einstiege?, fragte jener den Finanzmenschen. Der Ostinvestor war sofort in seinem Element. Die drei mochten eine gute Stunde im Schutz der Marillenbäume gestanden haben, als sie mit zufriedenen Gesichtern wieder an den Tisch der wichtigen noch Aufrechten, denn der Sekt floss in Strömen, zurückgekehrt waren.
Ob sie sich gut unterhalten hätten, stürmte der Bürgermeister sogleich auf sie ein und warf Rembert Mirando einen fragenden Blick zu, dem dieser mit erhobenem Haupt standhielt. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher, und überhaupt hatte Rembert Mirando schon sehr früh herausgefunden, dass dieses Leben nicht fair war und dass einem absolut nichts geschenkt wurde. Umso mehr schien es ihm legitim, aus seiner Situation das Beste zu machen. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er seit Längerem für sich die Methode gezielten Selektierens nützlicher Freunde, investierte da und dort ein wenig in seinen mäßigen Ehrgeiz, um damit den für die Öffentlichkeit notwendigen und glaubwürdigen Willen zum beruflichen Aufstieg zu untermauern.
Darüber hinaus beanspruchte er für sich die gängige Meinung, welche über Leute aus dem Arbeitermilieu besagte, dass sie durchaus die Fähigkeit zur Entwicklung von Qualitäten besäßen, die einem auf dem Weg nach oben unbedingt dienlich wären. Und jetzt böte sich ihm eine günstige Gelegenheit dorthin. Alles, was man dazu brachte, waren günstige Karten, Stress- und Konfliktresistenz, Selbstständigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wer über diese Eigenschaften verfügte, besaß erfahrungsgemäß die notwendigen Grundlagen eines bestimmten Anforderungsprofiles, spezifische Machtpositionen einnehmen zu können.

Nach und nach erhoben sich die Wichtigen nicht mehr ganz so Aufrechten vom großen Gartentisch, unter ihnen auch Mirando, um vereint noch einmal über das Buffet herzufallen, welches mittlerweile neu bestückt worden war, weil es der Pöbel bereits leergefressen hatte. Ein neues Fass Bier wurde angeschlagen, neue Sektflaschen eindrucksvoll, einem Flakgewitter gleich, knallend entkorkt. Ströme schäumenden Perlweines ergossen sich schwungvoll in bereitgestellte Gläser. Das gemeine Volk wagte sich nun nicht mehr näher heran und verharrte mit teilweise leeren Bechern unter fruchtschwangeren Marillenbäumen, bis wieder Entwarnung gegeben werden konnte. Dahinter leuchtete die Sonne schon tief am Horizont, unsichtbar beinah, durch die grünblättrigen Mauern dicht belaubter Obstbäume.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15076

Die Krise 5 – Innere Zweifel

Allen am Gesellschaftsleben Teilnehmenden, die hier in Zwicklingsau (gleichwie Hintertupfing) lebten, war längstens klar, dass der ortsbekannte Lebemann und Nichtsnutz, Porsche 911-Fahrer von Gnaden, Paul Pedasoli, ein bereits längeres Verhältnis mit der attraktiven Geschenkboutiquebesitzerin Stefanie Raymundo aufrechthielt, trotz deren gespaltener Zuneigung zur lokalprominenten Künstlerin Eva Vanin.
Pedasoli mochte an die fünfzig sein, und war sicherlich nicht mittellos, wie man an seiner Kleidung oder seinem fahrbaren Untersatz feststellen konnte. Am hiesigen Meldeamt schien er nicht auf im Register. Unklar hingegen war auch, woher die Mittel für seinen luxuriösen Lebenswandel stammten. Klar hingegen war, dass die vereinigte Liga der Kirchenbankreserviererinnen Stefanie Raymundo zutiefst beneidete und sie längst auf die Titelseite ihrer Klatsch- und Tratschgeschichten gehievt hatte. Den Anlass für die allgemeine Ächtung bot ein sich bereits öfter wiederholendes merkwürdiges Ritual um die Geschäftszeiten von Raymundos Boutique, welches Rembert Mirando neulich bereits um eine Facette bereichert hatte.
Immer dann aber, wenn der schwarze Porsche Pedasolis vor Raymundos Geschäft parkte, hing ein kleines Kartonschild an der Eingangstüre, auf dem geschrieben stand: Komme gleich, bitte warten! Aufgeklebte Gänseblümchen und Veilchen verzierten dieses Schild rund um das Geschriebene zusätzlich. Und es hatte sich längst herumgesprochen, dass es meist den ganzen Nachmittag dort hängen blieb.
Insider wussten es besser, nämlich, dass das Geschäft in dieser Zeit stets geschlossen war. Im ersten Stock des Hauses aber, den Stefanie alleine bewohnte, waren die Gardinen am helllichten Tage zugezogen. So auch an jenem Tag, nachdem der schwarze Porsche 911 wieder einmal vor Stefanies Geschäft geparkt hatte, diesmal allerdings völlig überraschend, und das nicht nur für die Leute hinter den Gardinen gegenüber.

Paul hatte einen zweiten Schlüssel und ging erst gar nicht durchs Geschäft, sondern verschaffte sich durch die Hintertür Zutritt zum Eingang von Stefanies Refugium. Er stieg die Treppen hoch bis zu Raymundos Wohnung, steckte den Schlüssel an und wollte aufsperren, als er sofort merkte, die Türe stand ohnehin schon offen, leicht angelehnt. Paul rieb sich die Hände, wollte er doch Stefanie auf seine unvergleichlich urureigenste Art überraschen. Aber er kam nicht weiter, bloß bis vor die Küchentür, als er lautes Stöhnen zweier weiblicher Stimmen vernahm. Vorsichtig trat er hinzu und spähte durch den Spalt, den die halb offene Türe hinterlassen hatte. Eva Vanin, an die Spüle gelehnt, die Jeans hinabgelassen, das Höschen verrutscht, von Stefanie liebkost und geknetet, hielt ihre erhitzten Wangen an jene Stefanies und wiegte sich im Takte unhörbarer Melodienreigen. Pedasoli fuhr zurück. Hier war das Vieh schon an der Tränke!, durchzuckte es ihn.

Insgeheim hatte er irgendwie Kenntnis von Stefanies geheimer Neigung gehabt. Bestätigung dafür hatte es bis jetzt keine gegeben. Vibrierende Neugierde trieb ihn dennoch einmal dazu, die Beobachtung fortzusetzen. Seine Fantasie geriet in Wallung, bis er ihr durch den Entschluss ein Ende setzte, leise den Rückzug anzutreten und unauffällig, wie er gekommen war, das Haus zu verlassen.
Davor jedoch verschaffte er sich über die rückwärtige Treppe des Flurs Zutritt zum Verkaufsraum. Den Nachschlüssel hatte er sich längst besorgt. Der kluge Mann baut vor. Ein kurzer Blick über die Regale fand seine Ruhestätte an einer offenen Schatulle, der Ladenkasse, welche nahe der Eingangstür auf dem Pult stand. Pedasoli trat rasch hinzu, entnahm ihr einige kleinere Scheine, eben kurz einmal illiquid, wie er war, würde er Stefanie das Geld später selbstverständlich zurückgeben, schließlich war man Ehrenmann, und verschwand unbeobachtet zur Hintertür hinaus. Er bestieg seinen Wagen und entfernte sich ohne jedes Aufsehen. In den der Boutique gegenüberliegenden Wohnungen glitten die vorsichtig beiseitegeschobenen Gardinen wieder unauffällig in ihre gewohnte Position zurück.

Durchtauchen, durchfuhr es Rembert Mirando unterdessen, geheimer Mandatar zuletzt, bis die Turbulenzen vorbei wären. Er müsste nur durchhalten, die Krise auf seine Art bewältigen. Experten und Laien rätselten gemeinsam ja längst über die Dauer derselben. Das war immer so. Zuerst war der Finanzmarkt, dann die Industrie betroffen, und dann erst der kleine Mann. In Krisenzeiten musste man einfach flexibel sein, sich auf neue Gegebenheiten einstellen können.
Seelische Gleichgewichte konnten dabei leicht ins Trudeln kommen. Er aber würde nicht in die Opferrolle fallen, hatte er sich vorgenommen. Er selbst würde nichts persönlich nehmen. Man könnte ja Mut und Rat aus der Umwelt ziehen, und dabei ausstrahlen, wie wichtig man war. Dabei konzentrierte sich die übrige Welt hoffentlich auf die Umstände, wie und wodurch alles zu guter Letzt derart zustandegekommen war, jedoch nicht auf ihn und seine geheime Transaktion.

Eines Tages erschienen in einem kurzen Artikel der regionalen Presse einige Zeilen über den Grundstückskauf der Escortins auf naturgeschütztem Gelände. Dieser Artikel rief allgemeine Empörung hervor. Die Opposition, sonst lediglich unauffällig vor sich hin schwächelnd, plusterte sich ungewöhnlich heftig auf und tat dabei, als hätte sie von der ganzen Schweinerei nichts gewusst, obwohl ihre Unterschrift ebenso auf dem Kaufvertrag prangte wie jene des Bürgermeisters, des Amtmannes und Mirandos, Finanzbeauftragter und Kulturguru.
Ganz besonders aber regte ein kurzer Nachsatz in dem Artikel auf, nämlich der, dass Geld geflossen sei in dieser Sache. An wen, stand nicht dabei. Das war wiederum Wasser auf die Mühlen der Klatsch- und Tratschgesellschaft und es wuchsen die verschiedensten Gerüchte, Wolkenkratzern gleich, bis hoch in den Himmel. Unter ihnen auch solche, in denen behauptet wurde, Rembert Mirando wäre in die Sache involviert, einer, den mittlerweile niemand so richtig leiden mochte, seit er seine Position im Gemeinderat dazu benutzte, sich unangenehm hervorzutun und Bürgerwünsche abschmetterte.

Da war plötzlich auch von gewaltigen Pyramidenspielen mit Steuergeldern die Rede. Dutzende Geldgeber wären ohne deren Wissen zu Komplizen gemacht worden. Das Gerede um geheime Transaktionen nährte Fantasien von gewinnbringenden Projekten, in die zu investieren es sich gelohnt hätte. Ein weiteres, schmuckloses Schreiben war aufgetaucht mit der Botschaft, ein schwindelerregendes Geldkarussell wäre in Gang gesetzt worden, um zu vertuschen, wo der ganze Zaster tatsächlich geblieben sei.
Das Volk war irritiert und erregt zugleich. Der Klerus donnerte sonntags von der Kanzel herunter, der seelische Müll müsse zuerst beseitigt werden! Die geistige Umweltverschmutzung sei verantwortlich für die Wirtschaftskrise. Gier und Materialismus zerstörten ihre Umwelt. Wo der Mensch nicht mehr zählte, würden fundamentale Werte schwinden. Das klang alles sehr ernst und es war keine Rede mehr davon, dass Gleichgeschlechtlichkeit heilbar wäre.

Mirando hatte den Zeitungsartikel immer wieder gelesen und er musste sich eingestehen, dieser hatte ihn, ganz gegen seine Gewohnheiten, irgendwie peinlich berührt. Schon malte er sich aus, wie bösartig die Lokalpresse reagieren würde, wenn‘s endlich einen Prominenten erwischt hätte. Und in gewisser Weise war er ein Prominenter. Zumindest hier in Zwicklingsau. (Es wäre wahrscheinlich auch in Hintertupfing nicht anders gewesen.) Vielleicht nahm man ihn in Untersuchungshaft? Sein Privatleben würde verglichen werden mit dem des angehenden Mandatars Rembert Mirando, und ob sich darin Widersinniges fände. Auch könnte man danach nicht so einfach zur Tagesordnung über- und er nicht mehr ganz einfach so zum Fleischhauer hinübergehen und sich von dessen entzückender Tochter bedienen lassen. Vielmehr bestand die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn dort überhaupt nicht mehr bediente.
Vielleicht aber gäbe es „Wurschtbrot“ im Gefängnis, anstatt Wildbret, sicherlich. Dort würde er einen Raum mit einem Fremden teilen müssen. Und er könnte nicht in der Nacht aufstehen und zum Kühlschrank gehen, um Schinken und ein kaltes Bier herauszunehmen oder sich einen Whisky einschenken, wenn ihn die Sorgen nicht schlafen ließen. Und mit seinen Kurzbesuchen bei Stefanie wäre es auch vorbei. Und seine Gattin würde sich scheiden lassen. Mit Sicherheit!

Das alles erschreckte ihn ungemein, wie auch die Vision, den ganzen Tag über von irgendeinem kleinen Gauner oder Fixer oder Kiffer oder Wichser oder sonst irgendeinem Untermenschen, gar einem Ausländer, einem muslimischen Fanatiker oder einem vorbestraften Messerstecher beobachtet zu werden! Bestenfalls würde es ein erfahrener Mithäftling sein, der ihn in den ersten Tagen unterweisen würde, und ihm helfen sollte, den Gefängnisschock zu überwinden. Undenkbar das alles! Vielleicht könnte ihn die Escortin protegieren, wenn es so weit wäre? Dieser Mithäftling also würde auf ihn aufpassen, damit ihm nichts passierte. Dass er sich nicht am Schnürsenkel erhängte oder sich in der Klospüle ertränkte oder so ähnlich.
Denn wenn einer so in der Öffentlichkeit stand wie Mirando, dann würde man ihm eben helfen, den Haftschock zu überwinden. Mirando, der stets gerne in der Natur war, und wenn es nur der Gang zur Bank war, dürfte von nun an bloß eine Stunde im Innenhof der Justizanstalt seine Runden drehen. Einziger Luxus wäre, sein Essen aufs Zimmer serviert zu bekommen. Mirando lachte bitter. Allerdings bekäme er hier keine Gourmetmenüs! Aber was man bekam, würde zumindest in anderer Form gebracht werden als in der gewohnten, nämlich im Blechnapf mit dazupassendem Becher. Und glasierten Kalbsbraten gäbe ist es sicher auch nicht. Rehrücken schon gar nicht. Am Abend Brot und Wurst.
Zwei Mal die Woche dürfte er Besuch empfangen, der vorher angemeldet zu sein hätte. Wer würde ihn schon besuchen kommen? Seine Gattin? Nein. Stefanie? Wohl kaum. Die Escortin? Auch nicht. Sie würde sich wahrscheinlich hüten, mit ihm Kontakt zu halten, jetzt, wo er quasi ein Krimineller war, schon aus Rücksicht auf ihren Mann. Wenn das ihr Hase erfahren würde! Nicht auszudenken!
Rembert kniff die Augen zu. Er könnte sie auf der schmalen Gefängnisbank flachlegen, überlegte er. Das intakte Intimleben der Häftlinge wäre neuerdings angeblich ein wichtiges Anliegen der Gefängnisverwaltung. Rembert versuchte, seine destruktiven Gedanken zu verscheuchen, indem er einen Besuch bei der Bank machte, um einen Blick auf sein Konto zu werfen. Noch war nichts verloren! Man musste nur durchtauchen, bis das Schlimmste vorüber war.

Dann aber geschah das Unglaubliche. Der glatte Ostfinanzfisch war verhaftet worden. Es war von gewaltigen Pyramidenspielen mit Steuergeldern die Rede. Von Dutzenden Geldgebern, ohne deren Wissen Gutgläubige zu Komplizen gemacht worden wären. Das Gerede um geheime Transaktionen von Beteiligten aus dem Ort nährte zusehends die Fantasien von gewinnbringenden Projekten, in die zu investieren es sich gelohnt hätte. Ein drittes schmuckloses Schreiben war aufgetaucht mit der Botschaft, ein weiteres schwindelerregendes Geldkarussell wäre in Umlauf gewesen, um zu vertuschen, wo denn das viele Geld eigentlich geblieben sei. Ja, ja, das Volk, sowohl in Zwicklingsau als auch in Hintertupfing war wie immer irritiert und erregt zugleich und man flüsterte auf Gängen und in Hauseinfahrten nur mehr über einen – über Rembert Mirando.
Mirando war nicht entgangen, was hinter seinem Rücken vorging, wenn er durch die leeren Korridore des Gemeindeamtes fegte, um nur ja von niemandem aufgehalten zu werden, um sogleich rasch in seinem Zimmer zu verschwinden. Er hielt die Türe zu seiner Sekretärin geschlossen und wollte überhaupt nicht wissen, ob sie es mit ihren Beinen unter dem Schreibtisch ebenso hielt. Auch die Farbe ihres Höschens interessierte ihn mit einem Male überhaupt nicht mehr. Das hatte es noch nie gegeben und konnte als Zeichen totaler Desorientierung gewertet werden.
Von diesem Zeitpunkt an hatte Mirando sein Element verlassen, Hände zu schütteln, auf Schultern zu klopfen und Schmäh zu führen. Er versteckte sich hinter seinem Schreibtisch, ließ niemanden zu sich vordringen, erledigte alles via e-Mail und verließ das Gemeindeamt stets als Letzter, im dunklen Staubmantel, den Kragen hochgeschlagen. Seine geheimsten Befürchtungen schienen eingetreten zu sein. Er war unter den Verdacht der Geldwäsche wie auch der Bestechung geraten und dafür bekannt geworden, Millionen bekommen zu haben, für dubiose Beratungsgespräche oder so ähnlich.
Untitulierte Zahlungen wären getätigt, und, wie man festgestellt hatte, gefälschte Belege vorgelegt worden, was schließlich zur Festnahme des Finanzfisches geführt hatte, den Mirando in seiner Bedrängnis vor dem Untersuchungsrichter schwer belastete. Dem Barrakuda wurde Verdunkelungsgefahr vorgeworfen und Tatbegehungsgefahr. Geld, von dem keiner wusste, woher es stammte, soll in höchst dubiose Geschäfte geflossen sein, die mit ihrer ursprünglichen Bestimmung herzlich wenig zu tun gehabt hätten.

Das Ortsblatt berichtete von einem Unternehmer, drei Teilhabern und einem ungeschickten Anleger, der seinen Mund nicht hatte halten können, beinahe politischer Mandatar obendrein, sowie einer Firmengruppe, die aus zahlreichen Untergruppen bestünde, mit dem vielversprechenden Namen East-Finance-Cooperation Unlimited, mit Sitz in einer bis dato unbekannten südosteuropäischen Hauptstadt. Ebenso war von einer Main-Consulting GmbH zu lesen, an der jener Ostfinanzmensch mit 65 % beteiligt gewesen wäre.
Was Mirando nicht wissen konnte, dass der angebliche Finanzberater längst die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft erregt hatte. Die Rede war auch von Schmiergeldzahlungen an Politiker, mit dem Ziel, Grundstückskäufe zu ermöglichen. Dabei sollen gewaltige Summen hin- und hergeschoben worden sein. Der Name Escortin kam in dem Artikel nicht vor. Allerdings ließ der Begriff „Baumafia“ die Leser aufhorchen. Sechzehn Millionen Umsatz hätte allein die Main-Consulting gemacht, und das mit einer Firma, die lediglich aus zwei Personen bestanden hatte.

In einem Nachsatz wurde quasi nur so nebenbei angemerkt, dass Escortin auf Gemeindegrund, der im Naturschutzgebiet gelegen hätte, mit Bauarbeiten eines Hauses begonnen hätte. Dieser winzige Nachsatz regte riesig auf. Nicht nur, dass man üblicherweise monate-, wenn nicht jahrelanges Warten auf die Behörden in Kauf nehmen musste, bis die Übermittlung des Flächenwidmungsplanes an das zuständige übergeordnete Amt vorgenommen wurde. Ein Akt wurde angelegt, von einem Sachbearbeiter, wenn Zeit dazu war. Das dauerte meist drei bis sechs Monate. Dann wurde der Plan überprüft. Auch das konnte dauern! Ein Antrag musste gestellt werden, was wiederum sechs bis acht Monate in Anspruch nahm, und wenn man Glück hatte, wurde dieser in einer Sitzung nach zwei bis drei Monaten verabschiedet und schließlich dem Gemeinderat vorgelegt.
Nicht so im Falle Escortins: Beschließung der Änderung eines Flächenwidmungsplanes am Montag. Drei Tage später lag der Gemeinderatsbeschluss vor. Am Donnerstag trat die übergeordnete Behörde zusammen. Die Umwidmung wurde genehmigt und bereits am Freitag war der Bescheid an Escortin ergangen. Die Naturschutzbehörde war geschickt ausgeschaltet worden. Escortin war ein reicher Mann. Der Kaufpreis von üblicherweise 30 bis 35 Euro wurde bei diesem Kauf dabei noch unterschritten und Escortin zahlte lediglich 24 Euro pro Quadratmeter.
Das alles hatte die Zwicklingsauer Seele aufs Äußerste irritiert und sie geriet ins Trudeln. (Der hintertupfingerischen erginge es wohl nicht anders.) Die Zwicklingsauer verfluchten Rembert Mirando, den politischen „Beinahe-Mandatar“, als sie davon erfuhren, dass in der Grundstückssache mit Escortin Geld geflossen war, welches er selbst noch obendrein veruntreut hatte. Details über dieses Vermögen und woher es stammte, waren nicht bekannt.

Dabei hatten die meisten gedacht, dass ihr Mirando verlässlich wäre, konservativ, seriös. Im Grunde aber wäre er bloß ein Weiberheld, der den Umgang mit dubiosen Frauen wie dieser Stefanie Raymundo pflegte, und gleichzeitig sogar ein Verhältnis mit Anica Escortin hatte. Ein frecher Maulheld wäre er, sagten sie und ein Weiberer obendrein, der sich überall durchboxte. Wie das seine Frau aushielte, fragte man sich und man bedauerte die Arme.
Überall sei er präsent, um da und dort seine Ellbogen auszufahren, anderen Leuten unaufgefordert den Taktstock zu entreißen, sich bei höherrangigen Politkolleginnen und -kollegen einzuschleimen, immer auf Ausschau nach nützlichen Freunden, die er irgendwie um etwas bitten konnte, nach Partys, auf denen er fürs Fressen und Saufen keinen Groschen bezahlen musste oder Autos mit Prozenten einkaufte, mitschnitt, wann und wo immer es ging.
Obendrein wäre er ein arroganter, stets mit dreckigen Witzen bewaffneter Komiker, der es immer schaffte, mit seinen derben Zoten irgendwo im Mittelpunkt zu stehen und selbstzufrieden zu grinsen, wie ein satter Säugling. Die Leute sagten, man müsse als Politiker sein Publikum unterhalten, auch wenn es nur darum ginge, es mit endlosem, wiederholten Pointendreschen zu langweilen, was einerseits dazu diente, dem eigenen unbeugsamen Willen den notwendigen Nachdruck zu verleihen, andererseits um damit die eigene schwammige Unentschlossenheit zu kaschieren.

Die Leute sagten auch, Rembert Mirando gehöre zu jenen Typen, die in öffentlichen Reden Dinge versprächen, die sie gar nicht halten könnten, aber hinterher sogar noch wissen wollten, ob sie gut gewesen wären. Nun sei er endlich einmal aufs Maul gefallen, freuten sich die Zwicklingsauer und appellierten an die Gerechtigkeit und den langen Arm der Justiz. (Die Hintertupfinger täten es ihnen sicherlich gleich.)
Im Zweifel säße man hierzulande Probleme aus, meinte der Bürgermeister lakonisch, als er auf offener Straße auf seinen sogenannten besten Mann angesprochen worden war. Man folge damit lediglich den Gesetzmäßigkeiten einer Soap-Opera, und dabei lachte er hinterfotzig. Immerhin galten kleine Scherze generell stets als willkommene Interjektion in hilflosen Situationen, rettender Ausdruck aus dem Reich des Unbewussten. Damit ließen sich Konflikte verkleinern und sie lächerlicher erscheinen als sie waren. Nicht zuletzt erzeugten sie für die nähere Umgebung zusätzlich eine gewisse Sicherheit, den Fakten ihre tödliche Ausweglosigkeit zu nehmen. Auf diese Weise konnte man sich dahinter leichter vor seinem eigenen dunklen Schatten verbergen. Man würde dadurch in gewissem Sinne unverletzlicher, für einen Augenblick sogar Sieger, auch wenn man sich gerade auf Talfahrt der eigenen Karriereleiter befand. Wurde darüber gelacht, erfuhr man eine Art Seelentrost und konnte wenigstens für einen Moment die Tatsache verdrängen, in welch einer beschissenen Lage man sich eigentlich befand.

Und Mirando? Mirando dachte zunächst an Flucht. Es würde etwas weiter sein müssen, um den Auslieferungsforderungen innerhalb der EU-Länder entfliehen zu können, überlegte er fieberhaft. Die Escortin müsste her. Mochte sein, dass sie augenblicklich bitterböse auf ihn wäre. Noch lief er frei herum. Auch war noch nicht das ganze Kapital verloren. In letzter Zeit scheute Mirando davor zurück, sich allzu oft in seiner Bankfiliale sehen zu lassen. Der Wahlkampf war bereits im Gange und zeitgleich mit diesem setzten die Auseinandersetzungen mit den politischen Gegnern ein, sich mittels Plakaten auf die Führungspartei einzuschießen. Die Befürchtungen aus den Reihen von Mirandos Parteifreunden waren eingetroffen, denn nach Mirandos Nominierung zum Mandatar wurde zu Recht große Sorge geäußert, er könnte sich in dieser Finanzsache verheddern und dadurch alles in der Partei zu Fall bringen.
Mirando hatte alle Hände voll zu tun, unangenehmen Fragen auszuweichen, einerseits solchen vom Parteivorsitzenden und dem Bürgermeister, andererseits denen der Lokalpresse, die sehr bemüht war, ein möglichst konkretes Bild aller Beteiligten in dieser Sache um den Grundstückskauf der Escortins zu zeichnen.
Und immer wieder wurde in den Kolumnen der Name Rembert Mirandos genannt. Er wäre einer der Hauptbeteiligten, hieß es, obwohl jeder wusste, dass er nur ein kleiner Schleimer war und für solche Geschäfte gar keine Kompetenzen besessen hätte.
Mirando reagierte cholerisch. Im Amt fuhr er die Leute grob an, die etwas von ihm wollten. Privat lief nichts mehr. Seine Gattin hatte von den Kirchenbänklerinnen alles erfahren und sprach kein Wort mehr mit ihm. Stefanie Raymundo hatte ihren Laden geschlossen und der schwarze Porsche Pedasolis parkte schon lange nicht mehr vor ihrem Haus. Es hieß, sie wäre weggezogen und hätte in der Stadt ein neues Geschäft eröffnet. Die Parteifreunde begannen, sich an Mirando abzuputzen. Zuallererst der Bürgermeister, dann der Parteivorsitzende und dann die übrigen. Sie sagten, er würde schon allein durch seine Präsenz alles verderben, was sie aufgebaut hätten, und sie legten ihm nahe, den Abschied zu nehmen.
Es schien, als wäre Rembert Mirandos Schicksal in eine länger andauernde Pechsträhne geraten und es ärgerte ihn maßlos, dass das Glück nicht mehr an seine Tür klopfte. Aber eher würde er sich die Zunge abbeißen, als freiwillig die eigene Schuld einzugestehen, auch wenn es ihm diesmal nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Und Schuld an dem Schlamassel hätte einzig und allein der Ostfinanzfisch. Was aber erst, wenn man dahinter käme, dass es sich beim verlorenen Coup nicht zuletzt auch um die zwischengelagerte Parteienspende Escortins gehandelt hatte? Mirando wurde heiß bei dem Gedanken.

Von den hundertfünfzigtausend waren immerhin noch siebzigtausend übrig. Sollte er es jetzt noch eingestehen? Dem Bürgermeister gestehen, er hätte das Geld dringend für eine private Angelegenheit gebraucht? Zu spät! Zwei Tage später lag auf seinem Schreibtisch eine Nachricht, er möchte doch jetzt, wo ohnehin alles herauskommen würde, gleich die gesamte Summe auf das Konto der Partei überweisen. Es könnte nicht schlimmer kommen, als es schon wäre, stand zu lesen. Besser, man lege die Karten offen, als wenn die Herrschaften von der Opposition dahinterkämen, von wem das Geld geflossen wäre, obwohl das allen bekannt war, nur selbst wollte man es nicht glauben.
Mirando erstarrte. Er lief in seinem Büro hin und her wie ein gereizter Tiger. Alles schien ausweglos. Er würde zu Kreuze kriechen müssen. Dann wäre alles hin. Sein Job, seine politische Karriere, einfach alles! Mirando fuhr mit zwei Fingern zwischen Hals und Hemdkragen. Der Knopf hielt der Spannung nicht stand und sprang ab. Also doch die Escortin. Er griff zum Telefon. Nein, Schwachsinn. Sie könnte ihm nicht helfen. Niemand konnte helfen. Oder wenigstens mit ihr reden, jetzt, in dieser schweren, existenzbedrohenden Situation? Vielleicht um des Gefühls Willen, als Mensch behandelt zu werden, abgeholt zu werden, wo er gerade stünde? War nicht immer auch eine Botschaft in so einer Situation versteckt? Es führte kein Weg daran vorbei. Wie an einer schweren, ja tödlichen Krankheit.

Rembert Mirando war in einer großen psychischen Not. Er, der immer so elegant über das Parkett des Lebens getänzelt war, war an seiner eigenen Gier gestrauchelt. Möglicherweise könnte er mit Anica Escortin Strategien zur Rettung seines Ansehens und Weiterkommens entwickeln? Sie war eine kluge Frau, gewiss.
Ein Balkantief sandte weiterhin feuchte und schwülwarme Luft von Osten nach Zwicklingsau, und Gewitter waren nicht ausgeschlossen. (Hintertupfing schien diesmal davon nicht betroffen.) Ob sie ihm die verlorenen achtzigtausend liehe, die Escortin? Vielleicht verfügte sie gar nicht über eine solche Summe? Von ihrem Hasen würde sie diese wohl kaum bekommen. Wenn der ahnte, für wen das Geld bestimmt wäre, kriegte er mit Sicherheit einen Herzinfarkt! Mirando kam zu keiner Lösung. Er schloss seine Schreibtischlade ab.

Es war gerade vor Geschäftsschluss. Der Bankdirektor staunte nicht schlecht, als Rembert Mirando die restlichen Siebzigtausend von seinem Konto abheben wollte, einfach so, in bar, und das Geld in einem schwarzen Kunstlederkoffer verstaute, den er wohlweislich mitgebracht hatte. Nachdem dieser sich mit dem Geld im Koffer freundlich verabschiedet hatte, eilte der Direktor in sein Büro, um den Bürgermeister anzurufen. Aber es war schon nach vier, und niemand mehr im Gemeindeamt. Der Bürgermeister hatte bereits sein Handy abgeschaltet. Der Bankdirektor schrieb ihm eine SMS, in der Hoffnung, dieser würde sofort zurückrufen, wenn er sie gelesen hatte.
Tags darauf überbrachte der Bote einer privaten Geld-Zustellfirma hundertfünfzigtausend Euro, ließ sich die Übergabe vom mehr als erstaunten Bankdirektor mit dem Hinweis bestätigen, die Summe auf das Konto der Gemeindekasse zu verbuchen und fügte hinzu, er dürfe den Absender aus Gründen des Datenschutzes nicht nennen, punktum! Ja, geht denn das?

An diesem Tag saß Rembert Mirando wie immer in seinem Büro. Es war der Tag, an dem er selbst Parteienverkehr abzuwickeln hatte. Die Warteschlange vor seiner Türe hielt sich in Grenzen. Die Leute, die er rascher als sonst abgefertigt hatte, tuschelten hinter vorgehaltener Hand darüber, dass er ihre Angelegenheiten diesmal zumeist wortlos erledigt hätte, ohne den geringsten, sonst üblichen Zynismus, ohne jegliches cholerisches Getue, wenn einmal ein Papier fehlte, und ohne auch nur den leisesten Anflug eines unanständigen Witzes. Ja, manche hätten sogar ein leises Lächeln auf seinen Lippen bemerkt.
Am gleichen Tag wollten auch einige Dorfbewohner einen Rettungswagen mit Blaulicht und Folgetonhorn zur Villa der Escortins hochfahren gesehen haben, und tags darauf stand im Zwicklingsauer Tagblatt (davon wusste man nichts in Hintertupfing) zu lesen, dass der bekannte Bauunternehmer Denis Escortin einem Schlaganfall erlegen wäre. Die Beerdigung würde am Freitag um vierzehn Uhr am hiesigen Friedhof stattfinden. Mit zahlreichen Trauergästen sei zu rechnen.

Norbert Johannes Prenner

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