Schlagwort-Archiv: hardly secret diary

Metronom

Außer Rand & Band. Wie ist das, wenn man sich selbst nicht mehr kennt, der Tag die Nacht ist und die Nacht die Nacht bleibt? Schmal ist das Band, eng ist der Rahmen. Du verlierst dich, du wanderst um die Welt und bleibst gleichzeitig am selben Fleck. Weiter ist die Sonne entfernt als acht Minuten der Reise des Lichts, viel weiter, sie liegt an der Hülle des Universums. Kalt ist es, aber du frierst nicht. Weshalb nicht? Dein Herz ist aus Eis, du bist gemacht aus Schnee. Gefroren sind deine Augen. Was du siehst, hat keine Farben, nur schwarz und weiß und das dazwischen. Nach dem Ende kommt der Anfang, wiederholt, ohne Pause, immerzu. Der Kreis in sich geschlossen, die Bahn, die du beschreibst. Die Anziehungskraft hält dich, gefangen. Das Metronom ist kaputt, das schlägt deinen Takt, es rast, es hält an. Zu langsam ist es oder zu schnell, aus seiner Mitte gerückt. Worte willst du finden, doch krächzt du wie ein Rabe, hast verlernt die Menschensprache.

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20057

Geschichten, die das Leben speit IV – Bottrop

Ich hatte Jochen kennengelernt, als ich erst vierzehn war, sagt Britta. Er war mein erster Mann. Mein Mann verdient sehr gut, sagt Britta nicht ohne Stolz zu ihren Freundinnen, wenn die Rede auf Jochen kommt. Die beiden Söhne sind schon längst aus dem Haus und Jessica ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Jochen und ich schlafen dreimal die Woche miteinander, sagt Britta ganz im Vertrauen. Er ist ein ganzer Kerl und fast immer für seine Söhne da. Daß er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hat, nimmt sie seit zwanzig Jahren in Kauf. Britta hatte in all den Jahrzehnten noch nie einen richtigen Höhepunkt mit Jochen erlebt, als die Coronakrise ihr Leben völlig auf den Kopf stellt.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20051

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text großteils im Original belassen.)

Geschichten, die das Leben speit – Bonustrack 1

Der damals amtierende Bundeskanzler verspürte seit geraumer Zeit ein leichtes, aber ansteigendes Gefühl der inneren Verstimmung. Er fragte sich, warum er sich all das seit frühester Jugend antat. Die Parteitage am Sonntag, während andere Rabauken Drachensteigen gingen, die bösen Karikaturen in der Zeitung, während andere privat ihre Ruhe hatten. Die vielen Sitzungen bis in die Nacht. Er wollte das Land retten, aber auch einfach Mensch sein, die Füße in den Sand stecken, mit seiner Gemahlin über den Lido bummeln. All die Verantwortung, all die Last. Er überlegte einen spontanen Rücktritt, aber den Lido gab es ebenso wenig mehr wie irgendeinen Staat oder sonst irgendetwas, von Flugzeugen oder Zügen ganz zu schweigen.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20049

Der graue Mann

Ich bin der graue Mann.
Mir sind die Farben ausgegangen.
Als roter Mann war ich früher wütend,
als gelber ein Sonnenschein.
Grün war ich wie der Dschungel, blau wie das Wasser
und weiß wie der Schnee.
Als grauer Mann bin ich nichts mehr von alledem.
Ich habe keine spezifischen Eigenschaften mehr.
Nun bin ich der Mann, der übersehen wird.
Gehe ich auf dem Gehweg, bin ich jetzt ein Teil von ihm.

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20043

 

Erinnerungen an Vera

Er fand sich im Institut für Neurowissenschaften ein. Am Schalter nannte er sein Anliegen. Daraufhin wurde er von einer Krankenschwester in einen Raum geführt, auf dem außen an einem Schild „Erinnerungslabor“ stand. Er setzte sich auf den weißen Stuhl, praktisch alles war hier weiß, der zurückgekippt wurde, bis er fast lag. Die Krankenschwester legte ihm Elektroden an den Kopf, Computer starteten. Jetzt betrat die Ärztin den Raum. Ein paar Worte – „Sind Sie sich wirklich sicher?“ –, dann ging es los. Sein Kopf verschwand in einem Scanner. Vor seinen Augen wurden auf einem Bildschirm seine Erinnerungen abgespielt. Wollte er sie löschen, drückte er auf den Ball in seiner rechten Hand. Sie wurden dabei nur vorläufig gelöscht, man konnte die Erinnerungen wiederherstellen – so wie bei dem Papierkorb in Windows.

Nach einigen Minuten tauchte Vera auf, zuerst alleine, dann mit ihm. Um sie löschen zu lassen, war er hergekommen, sie hatte ihn verlassen, schon vor eineinhalb Jahren, und er konnte das nicht verwinden und sie nicht vergessen. Er sah Vera immer wieder auf dem Bildschirm, tolle Erlebnisse, innige Momente – wahre Liebe. Die sollte er vergessen? Was wäre er dann – ein Tongefäß ohne Inhalt? Nein, er löschte nicht eine Sekunde. Denn sonst hätte er das Wichtigste überhaupt vergessen.

Die Schaufensterpuppe mit Schirmkappe und Arbeitsjacke

Die Schaufensterpuppe mit Schirmkappe und Arbeitsjacke

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20023

Seitenwechsel

Es hatte sich mit so einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit ergeben, eines Nachmittags im Sommer. Ich hatte Martin einfach ein paar Werkstücke vorbeigebracht und erklärend gemeint, dass ich ohnedies zufällig in seine Richtung unterwegs gewesen war. Und schon war ich in seiner Wohnung, in der er die Werkstatt hatte, in der er mich dann auch gleich herumgeführt hat … Martin fertigte für unsere Praxis die Zahnspangen, die er fast täglich bei uns ablieferte. Er gefiel mir und ich wollte ihn privat kennenlernen.
Wir waren ein fröhliches Pärchen, in ungezwungenem Verhältnis zueinander, eine Sommerliebelei.
Meine Kollegen in der Ordination wussten davon nichts, was mir recht war, ich wollte mich nicht fix binden. Martin sah das vermutlich auch so. Ich hatte mich noch nie festlegen wollen, hatte tiefe Gefühle zu keiner Zeit in Aussicht gestellt.
Meist war er es, der sich meldete, der per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und oft passte das auch zu meinen Plänen. Es blieb angenehm unverbindlich und leicht.

Eines Tages – ich saß am Empfang in der Ordination – erschien ein auffallend attraktiver Patient. Auch seine Art fand ich auf Anhieb ansprechend. Und Samuels Deutsch mit französischem Akzent war ein betörender Singsang. Dazu seine unergründlichen Augen, deren einzige Absicht zu sein schien, meinen Blick zu bannen.
Immer noch war Sommer und wolkenlose Unkompliziertheit war bald auch zwischen Samuel und mir die unausgesprochene Basis.

Für Martin hatte ich jetzt weniger Zeit, eigentlich gar keine mehr. Auf seine Vorschläge, uns zu treffen, antwortete ich zuerst vertröstend, bald gar nicht mehr. Manchmal bedachte er mich mit einem betroffenen Blick, wenn wir uns beruflich begegneten, wenige Male sandte er per WhatsApp so etwas wie „Alles klar?“ oder auch nur „???“. Als ich einmal später zur Arbeit kam, trafen wir auf der Straße aufeinander. Ich tat rasch einen Blick in mein Handy, gab vor zu telefonieren und wechselte die Straßenseite.

Samuel war Künstler, erfolgreich und charismatisch, weshalb sich auch andere für ihn begeisterten. Das stellte ich bald fest. Meist war ich es, die sich bei ihm meldete, die per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und gelegentlich passte ein solches auch in seinen Terminplan. Ich wünschte mir bald ein wenig mehr Innigkeit. Er ließ sich nicht festlegen und sprach kein einziges Mal von Beziehung oder Zuneigung.
Nach ein paar Wochen beantwortete er meine Anfragen oft ausweichend und eines Tages gar nicht mehr. Dann schickte ich ein „Ist alles in Ordnung?“ oder ein insistierendes „Was ist los?“ hinterher, später auch ein ratloses „Hallo?“.

Seinen nächsten Zahnarzttermin hatte Samuel für einen Tag vereinbart, an dem ich keinen Dienst hatte, also versuchte ich, ihm en passant in der Nähe der Praxis zu begegnen. Ich sah ihn schon aus der Ferne. Er sah kurz auf, danach in sein Handy und wechselte die Straßenseite.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19117

Die sich entfaltende Rose

Gedankenfetzen.
Wenn ich nur einen Faden hätte,
sie zu einem Anzug zu vernähen,
der mir passen würde!

Erinnerungsbruchstücke.
Wenn ich nur Mörtel hätte,
um mir aus ihnen ein Haus zu bauen,
in dem es sich behaglich wohnen ließe!

Rastlose Hast.
Wenn ich doch nur Einhalt gebieten könnte
meinen Beinen, die sich bewegen wollen,
meinem Gehirn, das nur in Scherben denken kann!

Nein, es gelingt mir nicht.
Der Stein ist am Rollen.
In den Abgrund so tief.
Und ich spüre gar keine Angst.

Stillleben mit roten Rosen

Stillleben mit roten Rosen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20004

Nachts bei dir

Ein ganz übler Denker
sitzt dir gegenüber,
Sätze gesprochen
wie auf 50 A4-Seiten
Stunden vergehen
verfange mich in immer mehr
suche immer wieder nach neuen Themen,
Bin egoistisch
ich sitze dir gerne gegenüber
eine Zumutung
mir tut es leid,
Du magst mich aber,
Alles halb so wild
ich bin selber nicht ganz koscher
ja und ich Meschugger

Sieben Stunden vergehen
wir finden Eigenschaften
dort und dort
bis die Augen müde werden

Draußen klatschen Regentropfen auf den Asphalt
schwere Tage werden etwas weggespült

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20006

Gespräche am Smartphone

Nachts liege ich im Schein einer Lampe,
Vorhänge sind zugezogen
ich denke über dich nach

Fast jeden Tag schrillt ein lieblicher Ton
du schreibst
ich schreibe
dann riss dieser elektronische Roman ab,
Du sagst, du bist leer
Enge hältst du nicht aus
ich kam dir nie allzu nah

Hinter elektronischen Nachrichten hängen Emotionen,
01001100 01101001 01100001 01110100 (binär)
4c 69 61 74 (hex)
76 105 97 116 (dez)
dein Name erklingt in meinem Gedächtnis
dort bleibst du

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19143

Geschichte einer Annäherung

Eine Liebesgeschichte sollte es werden. Ja, so war es geplant. Und dass alles etwas aus dem Ruder gelaufen ist, tja, dafür kann ich bestimmt nichts. Also das soll jetzt keine Rechtfertigung werden oder so, dass das gleich von Beginn an klar ist. Ich bin nicht der große Erzähler, eher ein Mann weniger Worte. Aber das muss jetzt sein, das muss aufgeschrieben werden, vor allem für mich selbst, weil ich immer noch nicht glauben kann, was alles geschehen ist, und warum das ausgerechnet mir so passieren musste.

Vielleicht hab ich zu Beginn unserer Beziehung ein bisschen zu viel von meiner Ex erzählt, das kann durchaus sein. Dass sie meine erste große Liebe war. Und wie gut sie mir gefallen hat. Was sie immer gesagt hat, wie sie mich zum Lachen und auch zum Nachdenken brachte. Ich hab vermutlich geschwärmt von ihr, weil ich noch nicht ganz drüber hinweg war, dass sie gegangen ist, einfach davon. Und mich sitzen gelassen hatte, wie man so unschön sagt.

Ich kann mir auch vorstellen, dass das für die „Neue“, also jene, mit der sich danach etwas anbahnte, nicht so angenehm war, diese Vergleiche, das Schwärmen von vergangenen Zeiten. Aber trotzdem. Das alles hätte nicht sein müssen. Und ich hatte mit Mona viel vor, echt. Ich konnte mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Und sie auch, das sagte sie mir immer wieder. So weit schienen wir uns also einig zu sein. Aber was weiß ein Mann schon? Ich hab versucht zu ergründen, was  in ihr vorging, doch sie war und blieb mir ein Rätsel.

Die richtigen Merkwürdigkeiten begannen damit, dass Mona eines Tages (wir wohnten noch nicht zusammen und sahen uns alle paar Abende nach der Arbeit und gelegentlich für Spontanunternehmungen am Wochenende) mit einem neuen Tattoo auf ihrem rechten Schulterblatt erschien. Es war ein eher gängiges Motiv: ein Schmetterling mit ein paar Schmuckgirlanden oder Zweigen drumherum. Solche hübschen bunten Tierchen waren damals auf den Körpern vieler junger Frauen gelandet; auch meine Ex hatte eine ähnliche Tätowierung gehabt. Ich war wohl genau deshalb etwas irritiert, ließ mir aber nichts anmerken, denn woher sollte Mona davon wissen; und so heftig, wie sie inzwischen auf meine Geschichten über meine ehemalige Freundin reagierte, sagte ich lieber nichts über die mir nicht ganz unbekannte Zierde. Ich war mir auch sicher, dass ich ihr nie von dem Schmetterling erzählt hatte, und zwar aus einem einfachen Grund: Er hatte mir nie wirklich gefallen; er war ein bisschen kitschig für meine Begriffe und die Farben eher pastellig und nicht besonders naturgetreu gehalten. Darum hatte er auch in meinen Erzählungen keinen Platz gefunden.

Zum zweiten Mal also war ich nun mit einem solchen Körperschmuck konfrontiert, der mir wie sein Vorgänger nicht besonders gut getroffen erschien, und murmelte etwas eher nicht so begeistert Zustimmendes auf die Frage, ob er mir denn gefalle.
Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Damit kann ich leben. Mir muss nicht alles gefallen. Es reicht, wenn es ihr gefällt und ich es nicht allzu hässlich finde, sodass ich mich nicht zu sehr verbiegen muss bei der Antwort. Nun, der Fall war also erledigt, meinte ich damals.

Der Schmetterling wurde allerdings mehr Thema, als mir lieb war. Am Anfang war er noch mit einer Art Folie abgedeckt gewesen, die am äußeren Rand mit Heftpflaster fixiert war, denn die Tätowierung war ja frisch gestochen und die Stelle sollte sich nicht entzünden. Später trug Mona noch zwei, drei Wochen lose Shirts darüber, denn die Haut sollte nicht gleich Sonnenbrand abbekommen. Und bei den Gelegenheiten, an denen ihre Haut unbedeckt war, wusste ich anderes zu fokussieren als ein noch so buntes Insekt. Belanglos, das war das Ding für mich.

Anscheinend war bei ihr das Gegenteil der Fall: Immer wieder kam er zur Sprache, ihr geflügelter Freund, irgendwie wirkte sie geradezu fixiert auf das Thema. So tat ich ihr den Gefallen und sah mir das Tattoo einmal genauer an, um es anschließend (ja, das hätte ich auf mich genommen, um wieder meine Ruhe zu haben …) ausführlich zu loben. Damit erhoffte ich, das Thema zu beenden.

Ich merke gerade, dass ich dabei sehr lange verweile, diese Episode zu erzählen, aber irgendwie war dieser Moment der Anfang von etwas Größerem, Eigenartigerem, das ich bis heute nicht ganz verstanden habe. Jedenfalls, der genaue, nachträgliche Blick zeigte: Der Schmetterling war nicht das gleiche Motiv wie bei meiner Exfreundin, sondern es war dasselbe. Das identisch selbe, um genau zu sein. Und da blieben mir meine geplanten Komplimente im Halse stecken. Ich überlegte: derselbe Tätowierer, der zufällig diese eine Vorlage zweimal fürs Stechen genommen hatte? Konnte das sein? Immerhin lagen Jahre dazwischen. Oder ich irrte mich, und Romanas Schmetterling hatte doch etwas anders ausgesehen? Es war lange her, dass ich diesen gesehen hatte, und ich war kaum jemals näher daran interessiert gewesen. Romana hatte ihn damals schon am Leib getragen, als wir uns kennengelernt hatten, keines ihrer herausragendsten Merkmale jedenfalls.

Schließlich brachte ich doch ein paar zusammenhängende Worte heraus, und Mona, schlau, wie sie war, merkte genau mein Zögern. Glücklicherweise konnte ich das Thema wechseln, und der Abend verlief dann doch noch ganz angenehm.
Mir ließ da aber etwas keine Ruhe: Am darauffolgenden Tag checkte ich das Facebook-Profil meiner Ex. Es war ewig her, dass ich das getan hatte (ich war seit dem Beziehungsende abgemeldet), und es gelang nur über einen Umweg: Mein Arbeitskollege war seit vielen Jahren mit ihr befreundet, und als ich ihn bat, mal kurz seinen Account benutzen zu dürfen, deutete ich an, ich wäre hinter einer anderen Frau in seinem Umfeld her und wollte ihren Beziehungsstatus checken, und er nannte mich einen „tollen Hecht“. Er argwöhnte also nichts und nahm seine Pause, und ich sah mir in Ruhe beziehungsweise ein paar Minuten lang das Facebook-Profil von Romana an. Auf einem der Urlaubs-Bikini-Fotos wurde ich fündig: Wenn auch aus leicht seitlicher Perspektive zu sehen, gab es keinen Zweifel: Romanas Tätowierung glich der von Mona wie ein Ei dem anderen.
Die Freundesliste von Romana förderte noch Erstaunlicheres zutage: Sie war mit Mona befreundet. Was im Falle von Romana nicht viel hieß: Besaß sie doch einige hundert „Friends“, von denen sie den allergrößten Teil nicht persönlich kannte, oft waren es Bekannte von Bekannten, denen die Frau einfach gefiel und die ihr Leben interessant fanden. Romana hatte auch früher schon beinahe alle Freundschaftsanfragen von Frauen und die der meisten Männer bestätigt. Mich haute diese Verbindung aber beinahe noch mehr aus den Socken als die Schmetterlingsentdeckung.

Mona damit zu konfrontieren, ließ ich lieber sein. Dann meinte sie womöglich, ich würde ihr nachspionieren, und eine Richtigstellung konnte auch nicht gelingen: Denn dass ich eigentlich nach Romana gesucht hatte, machte die Sache nicht besser.

Ich wurde argwöhnischer, beobachtete Mona genauer. Und plötzlich fiel mir auf, dass sie sich ähnlich wie Romana kleidete. Darauf wäre ich ansonsten niemals gekommen, aber der Profil-Check mit der Sichtung der vielen Fotos hatte meine Aufmerksamkeit anscheinend geschärft. Und damit nicht genug: Die Bücher, die Mona las, waren alle in Romanas Liste; die Filme, die sie schaute, waren Favoriten von Romana. Die Musik, die Mona hörte, hatte Romana in ihrem Profil bei den Lieblingsbands angegeben, … Es gab nichts, was Mona nicht von ihrer Vorgängerin kopiert hätte.

Fast hätte sie es zu einem perfekten Abschluss gebracht, doch ich kam ihr zuvor.
Ich sah Mona an und sah Romana in ihr – entdeckte plötzlich die große Ähnlichkeit, die gleiche Haarfarbe, die Art, sich zu schminken, den abgestimmten Schmuck, die Kleidung, Schuhe … Nur eines sah ich nicht: ihre Persönlichkeit.

Dass es Mona „nur beinahe perfekt“ gelungen wäre, Romana nachzufolgen, stimmt eigentlich doch nicht, fällt mir jetzt gerade, wo ich es niedergeschrieben habe, auf. Mona hat schlussendlich doch geschafft, was sie immer wollte: meine Exfreundin zu sein.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19089