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Zwei weitere Trug- und Wutgedichte

wutstaub
die wut aus dem körper hinaus tanzen, singen, stampfen,
bis sie zu diamantenem erinnerungsstaub zerbröselt unter meinen noch glühenden sohlen.

 – – –

weichspüler
wie im rausch wasche ich meine wut aus.
nicht mit der hand, sondern im schleudergang.
total eclipse of the heart.
dann drück ich neuerlich auf „start“.

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17053

Drei weitere Kurzgedichte

supergau
gau ist nicht „wow“.
und „super“ schon gar nicht.

 – – –

 kopfüber
die nacht dreht alles um – auch mich.
das erklärt meine leeren hosentaschen am nächsten morgen.

 – – –

 ein ziel im leben
ein ziel im leben wirft dir den anker im meer der veränderungen zu.

 

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17050

Landluft

Brise 1
Die Zeitungsgeschichte

Der Steirer sitzt am Morgen bei Häferlkaffee und Grammelschmalzbrot am Tisch und arbeitet sich durch die aktuelle Ausgabe der größten kleinformatigen Tageszeitung der Steiermark.
Die Schlagzeile ‘Wütende Kuh tötet Bauer auf der Suche nach Frau’ versetzt ihn in Schrecken.
„Nicht einmal die Kühe …“, sagt er sich.
Als er zu den Todesanzeigen kommt, liest er: ‘Herwig Pachern, aus Edelschrott, 35 Jahre.’ und ‘Edeltraud Puchern, aus Vasoldsberg, 36 Jahre.’ und sagt sich: „Guter Durchschnitt, 37 Jahre.“

Regieanweisung: während er sich der Ermittlung des Durchschnittsalters der beiden vor der Zeit verblichenen Menschen widmet, vernimmt er das Summen einer Fliege. Er sieht das Insekt und erkennt hirschfängerklingenscharf, dass es sich bei diesem um jenes Tier handelt, das seinem Haus seit bereits drei Tagen das Stigma der Unhygiene verleiht. Er zieht also seinen rechten Holzpantoffel aus, klopft zweimal darauf – denn Glück kann der Mensch stets brauchen -, zielt und wirft.
Die Fensterscheibe bricht, und der über einhundert Jahre alte Spruch ‘Deus Semper Maior’ liegt in Scherben auf dem Boden verstreut. Der Steirer ist nun einigermaßen traurig und grunzt entsprechend, hat doch seine Ururgroßmutter, die einst Kleinmagd war und dann durch eine geschickte voreheliche koitale Spätfolge Großbäuerin wurde, das Fenster einsetzen lassen. Der selige Altpfarrer des Dorfes, der von allen immer der ‘Geistreiche’ genannt wurde, und von wenigen zu vorgerückter Stunde der ‘Geistvolle’, hat das Fenster mit den Worten: „Oh Gott! Rette dieses Haus und seine Bewohner!“ geweiht. Bevor sich der Steirer an die Beseitigung der Scherben macht, befestigt er einen hübschen Plastiksack von Kastner und Öhler im nun scheibenlosen Fensterrahmen und brummt: „Der Löwe lacht immer.“

 

Brise 2
Die Vaterschaftsgeschichte

Der über sechzig Jahre alte Steirer denkt sich: ‘Ein Baby wäre schon eine feine Geschichte. So könnte ich ein Leben sich entwickeln sehn. Und einen kleinen Menschen nach meinem Vorbild formen. Mein Mäderl ist eh noch jung, also haben wir beide was davon. Und so gute Gene, wie ich sie habe, müssen weitergereicht werden.’

Regieanweisung: Der Steirer steht vor dem Hormonexperten und denkt sich: ‘Was wird der Herr Doktor mir wohl sagen?’
Der Hormonexperte steht vor dem Steirer und denkt sich: ‘Wieder so ein alter Mann, der kurz vor seinem offensichtlich in Bälde zu erwartenden Ableben selbst aufgegebenes Fruchtbarkeitsterrain zurückgewinnen möchte.’
Der Steirer fragt: „Was wird mich das kosten?“
Der Spezialist antwortet: „Anzunehmenderweise werden die Kosten der Hormonbehandlung höher sein als der Betrag, den Sie für Ihr Kind noch werden ausgeben müssen.“
Der Steirer denkt sich: ‘So ein billiges Kind!’ und sagt: „Passt! Dann mal los!“
Der Spezialist sagt: „Aber natürlich!“ und denkt sich: ‘Ein Prachtexemplar von einem Kunden. Wenn ich Glück habe, benötigt er drei Behandlungen.’

 

Brise 3
Die Zeltfestgeschichte

Der Steirer besucht das Zeltfest in Stiwoll und freut sich auf die Musik der volkstümlichen Gruppe ‘Die Lustigen Buam’.
Er steht an der Bar, trinkt aus einem irdenen Maßkrug der Raiffeisenkasse Stiwoll und betrachtet die anwesenden Frauen. Eine gefällt ihm besonders gut, und er nähert sich ihr mit offensichtlichen Absichten.
Der Gefährte der jungen Frau beginnt zu bellen: „Was willst Du von meiner Vroni? Ein Bier willst du ihr bezahlen, ha? Wart nur, den Kelch dazu kannst du gleich haben!“, und erhebt sich.

Regieanweisung: Vroni bittet ihren Begleiter, den werbenden Steirer nicht körperlich zu schädigen, doch vergebens.
In Stiwoll hat gekelcht zu werden, vor allem, wenn Zeltfest ist.
Vor dem Zelt stellt der Begleiter den Steirer vor die Wahl: „Nase oder Eier?“
Der Angesprochene überlegt, doch zu lange für den Geschmack des Pächters von Fräulein Vroni.
Es setzt zwei Hiebe, und das lange Überlegen hat sich gerächt.
Zur Sicherheit wird ein drittes Mal zugeschlagen, und auch der Magen fährt für eine gewisse Zeit in die Grube ein.

 

Brise 4
Die Studiengeschichte

Der Steirer steht vor der Grazer Universität und will Angewandtes Brauchtum studieren, doch in der Steiermark ist das korrekte Tragen von Lederhose und Dirndlkleid noch keine Studienrichtung.
Er steht in seiner Tracht vor der Alma Mater und lamentiert: „Meine Tracht – Vom Opa gemacht – Sie ist nix wert – Drum bleib ich gschert!“

Regieanweisung: Der Dekan der Fakultät für Kulturanthropologie hört das steirische Lamento und wählt instinktiv die Nummer des Dekans der Fakultät für Soziologie und flüstert in sein Telefon: „Herr Kollege, bitte kommen Sie schnell zum Universitätseingang. Ich denke, wir haben ein Exemplar gefunden, das bestens geeignet ist für unseren Versuch, eigene Studienrichtungen für Randgruppen einzuführen. Ein Prachtexemplar, möchte ich sagen!“

 

Brise 5
Die Jagdgeschichte

Der Steirer hält die Bestie in der Hand, betrachtet ihren Kopf und denkt sich: ‘Du Biest, du kommst auf den Rost! Du ärgerst meine Mutter nicht mehr, dafür werde ich schon sorgen!’

Regieanweisung: Die dem Skimmer des Teiches entnommene Ringelnatter zappelt und züngelt und zischt in der Steirerhand, während deren Besitzer dem Reptil streng in die Augen blickt.
„Bestie“, sagt er dann, „du wirst meiner werten Frau Mama nie wieder die Freude am Baden in ihrem schönen Teich verderben! Um dies sicherzustellen, werde ich dich noch heute grillen!“
Die Schlange sieht ihn an, und auf einmal weiß er, was sie ihm mitteilen möchte: „Großer Steirer, bitte verschone mich! Ich bin noch jung, keine zwanzig Zentimeter lang, also fast noch ein Kind!“
Es entspinnt sich ein Dialog.
„Du bereitest meiner Frau Mama Kummer!“
„Ich bin unschuldig, großer Jäger! Ich wurde von meiner Mutter an diesen Teich geführt.“
„Und meine ekelt sich vor dir!“
„Töte mich nicht! Wenn du mich verschonst, hast du drei Wünsche frei!“
„Gut. Erstens: Mach mir diesen Teich mit Obstler voll!“
„Realistische Wünsche.“
„Dann mit Bier. Aber Gösser!“
„Noch realistischer.“
„Das führt zu nichts! Du wirst sterben!“
„Aber ich könnte eine schöne Schlange werden, die viel Ungeziefer vertilgt.“
Das leuchtet dem Steirer ein, als er vom Vertilgen des Ungeziefers hört.
„Du wirst nie wieder im Teich meiner werten Frau Mama schwimmen! Wenn du Ungeziefer vertilgen willst – nur zu! Merze es aus! Aber bedenke: Ich möchte nicht sehen, wo und wie du das machst!“
„Versprochen. Bin ich nun frei?“
„Ja, bis zu dem Tag, an dem du stirbst. An diesem Tag wirst du nämlich hierher zurückkommen, und deine Haut wird mir ein geziemender Leibriemen werden!“, ruft der Steirer und entlässt die Bestie in die Freiheit.

 

Brise 6
Die Rauschgiftgeschichte

‘Ich rauch ein Gras und bring’s zu was’, denkt sich der Steirer und versucht zum dritten Mal an diesem Abend, sich eine Haschischzigarette zu drehen.
Letzten Endes inhaliert er sein im Grazer Stadtpark gekauftes Haschisch und übergibt sich.

Regieanweisung: Nachdem der steirische Drogenaspirant drei fehlgeschlagene Versuche, einen Joint zu drehen, mit der Zufuhr von insgesamt zehn Doppelstamperln Obstler kompensiert hat und auf diese ursteirische Art und Weise zu einem, wenn auch gut bekannten, Hochgefühl gelangt ist, will er es dennoch wissen.
Er leert schnell eine Dose Gösser und raucht das Rauschgift aus der Dose.
Da das Haschisch sich mit dem ihm bestens bekannten Bier vermischt, geht es ihm erst gut.
Als das Bier jedoch verdampft und das Rauschgift seine Wirkung entfaltet, und weil Steirerblut eben kein Wiesensaft ist, vomiert er in hohem Bogen und ziemlich zielgenau erst auf, dann in seine Haferlschuhe.

 

Brise 7
Die Elektrizitätsgeschichte

Der Steirer trällert bei dem Lied ‘Ja lustig ist’s im Steirer-’, doch -’land’ muss er ohne die Unterstützung seines Kassettenradios singen, da ihm offenbar der Strom abgedreht wurde.
‘So ein Unglück!’, denkt er sich.

Regieanweisung: Er weiß, dass sein Radio ein Batteriefach hat, aber da Batterien mit Strom zu tun haben und ihm der ja abgedreht wurde, geht er zu seinem nunmehr lichtlosen Kühlschrank und holt aus diesem seine Spezialbatterie, nämlich die, die ihn selbst wieder auflädt, und das immer.
Nachdem er allen zehn Zellen dieses Kraftspeichers den Saft, nämlich Gösser Märzen, entnommen hat, schläft er ein.
Als er aufwacht, funktioniert sein Radio wieder und sein Nachbar hat ihm auf dem Jogltisch einen Zettel hinterlassen, auf dem steht: ‘Strom gibt’s wieder – bis sie uns das nächste Mal draufkommen. Also: Angezapft ist wieder – Prost!’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 17060

Mutterskind

Wer hat wohl das letzte Stück Kuchen gegessen?
Wer ist auf deiner Bluse gesessen?
Wer hat vergessen,
dass Klodeckel zu schließen,
Blumen zu gießen sind,
wer war das, mein Kind?

Wer hat die Dinge beim Namen genannt
mit Worten, die nicht mal der Duden gekannt?
Wer hat nicht von allem gekostet,
was andere liebevoll vorgetoastet?
Wer war unaufmerksam und gedankenlos,
ja, mein Kind, wer war das bloß?

Wer hat schlecht zugehört,
kreative Prozesse durch Reden gestört?
Wer mag wohl dieses Wesen sein,
das lästig scheint und menschlich klein?
Wer, liebes Kind, was meinst du,
ließ Tag und Nacht dir keine Ruh?

Deine Mama war’s, das Muttertier.
Doch gibt es eine Erklärung dafür.
Sie liebt dich sehr, mein Kind, und das ist wahr.
Wenn auch etwas sonderbar.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17043

Besinnliche Weihnachtszeit

Die Weihnachtszeit beginnt schon früh,
schon im November schmückt man wieder.
Dann hört man fast den ganzen Tag,
wohin man kommt nur Weihnachtslieder.

Und schon beginnt die lange Suche,
kaum dass das erste Lied verstummt,
nach Nudelholz und all den Sachen,
die Küche wird mit Mehl vermummt.

Mamsch bäckt Kekse wie der Teufel,
als müsst sie ohne Ofen sterben.
Den Brauch brachten die Hirten auf,
sie standen auch bei ihren Herden.

Geschenkekauf sieht man noch locker,
da denkt man: „Pah, hab eh noch Zeit“.
Doch dann zwei Wochen vor Bescherung,
vermisst man seine Lässigkeit.

Man irrt herum, hat keine Ahnung,
was man denn heuer so verschenkt,
ist der Verzweiflung schon ganz nahe,
wenn man an Opa, Oma denkt.

Dann auch noch diese Menschenmassen,
haben die alle kein Zuhaus?
Es scheint manchmal wie ein Komplott,
die dürfen wohl nur samstags raus.

Nun gut, am letzten Einkaufstag,
hat man´s geschafft, schon wieder mal,
und jedem ein Geschenk besorgt,
zu Ende scheint die Qual der Wahl.

Doch jetzt geht es erst richtig los,
der Weihnachtsabend steht noch an.
Da gibt´s noch einmal richtig Stimmung,
denn die Verwandtschaft trabt jetzt an.

Es riecht nach Duftkerzen und Tanne,
und aus der Ferne hört man Glocken.
Die Mutter bäckt noch immer Kekse,
und Onkel, Schwager, Opa zocken.

Der Vater liegt mit Schmerz im Bett,
in seiner Faust das Polsterzipferl.
Er hat seit letztem Jahr nix g´lernt,
aß viel zu viel Vanillekipferl.

Und um dem Christkind aufzulauern,
hat klein Susi sich versteckt,
doch was sie dann zu sehn bekommt,
nicht wirklich Freude in ihr weckt.

Das Christkind kommt in Form von Opa,
der steht mit einem Bier beim Baum,
nimmt noch mal einen kräftigen Schluck,
beginnt Geschenke hinzuhaun.

Sie hält´s nicht aus, beginnt zu weinen,
die Oma zetert gleich hysterisch,
doch Opa hat schon drei, vier Bier,
und wird dann doch etwas cholerisch.

Das war´s für Susis heile Welt,
alles zerplatzte Seifenblasen.
Doch eine Chance hat sie noch,
da gibt´s doch noch den Osterhasen.

Petra Hechenberger und Christian Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16172

Beide Seiten

Thomas und Julia wohnten seit drei Jahren zusammen, seit etwas mehr als fünf Jahren waren sie ein Paar. Sie hatten sich auf dem Campus der Universität kennengelernt, bei einer dieser Feiern, die Studenten dort gerne zelebrieren, wenn es warm ist an den Abenden, wo getrunken und Gras geraucht wird und wo junge Menschen einander näherkommen. Thomas studierte Bildhauerei und Julia, die gleich alt war wie ihr Freund, Klavier.

Mit dem Zusammenziehen hatten sie sich Zeit gelassen, denn zum einen hatten sie Restzeiten in ihren Wohngemeinschaften absitzen müssen, nämlich bis zum Auslaufen ihrer Mietverträge, zum anderen waren sie sich nicht sicher, ob sie wirklich gut zusammenpassen würden. Diese Zweifel lagen keineswegs in fehlender Zuneigung begründet, es lief in allen Belangen gut zwischen ihnen, sondern in der Tatsache, dass sie verfeindeten Lagern angehörten.
Diese Lager bekriegten sich zwar nicht mit Waffengewalt, doch beharkten sie einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und deren gab es viele.

Zu Beginn ihrer Beziehung hatten Thomas und Julia vereinbart, da jeder von ihnen Anhänger eines der beiden Lager war, diesen Zwist einfach totzuschweigen, um ihre Partnerschaft nicht mit Dingen zu belasten, auf die sie als Einzelpersonen ohnehin keinen Einfluss hatten. Dieser Konflikt wurde nämlich von oben herab geschürt und geführt, und die Menschen, die ihn auf den Straßen mit ihren jeweiligen Gegnern austrugen, waren streng genommen für ihre boshaften Äußerungen gegen die jeweils Anderen nicht verantwortlich zu machen, folgten sie doch bloß der Doktrin ihrer jeweiligen Meinungsgenerierer.

Obwohl sie diesen Konflikt aussparten und peinlich genau darauf achteten, der jeweils anderen Person nicht durch versehentliches Parteiergreifen auf die Zehen zu steigen, kam es gelegentlich vor, dass sie, wenn auch emotionslos und völlig sachlich, darauf zu sprechen kamen.
Es war nämlich so, dass die Medien sich des Themas angenommen hatten. Die Fernsehsender berichteten ausführlich, aber ausgewogen darüber. Sie ließen Vertreter beider Parteien zu Wort kommen, sogar Fachleute, die derartige Zwistigkeiten in anderen Städten erfolgreich beizulegen vermocht hatten, durften ihre Sichtweisen auf das Problem darlegen und gute, oder wenigstens gut gemeinte Tipps geben, wie die Sache für beide Seiten befriedigend geregelt werden könnte.
Thomas und Julia, die einen solchen Beitrag gemeinsam gesehen hatten, pflichteten dem Experten bei, und zwar aus ehrlicher innerer Überzeugung, und nicht bloß, um einer etwaigen Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Gänzlich anders verhielten sich die Printmedien. Diese ergriffen Partei für eine der beiden verfeindeten Gruppierungen, für welche, das hing von der jeweiligen politischen Ausrichtung der Zeitung ab, und auch davon, wie konservativ oder gar reaktionär ein Blatt war. Es wurde geschimpft, Verständnis gezeigt, zur Versöhnung aufgerufen und zur Toleranz, und sogar karikiert. Letzteres gar in Gestalt eines Ebers, der stellvertretend für die Angehörigen einer der beiden Gruppen verstanden werden musste.
Thomas und Julia lasen sämtliche dieser Artikel, und es kam sogar zweimal dazu, dass sie über dieses Thema hitzige Debatten führten, hart an der Grenze zum Streit, in so hohem Maße waren sie von den Artikeln beeinflusst worden, oder hatten sich beeinflussen lassen.

Nach dem zweiten Beinahe-Streit beschlossen sie, die Sache nicht weiter zu diskutieren und auf Toleranz zu hoffen, also auf eine friedliche Koexistenz beider Gruppen.
Dies ging auch lange gut.
Eines Tages, Julia fühlte sich nicht wohl, bat sie Thomas, die Einkäufe für das Wochenende zu erledigen. Sie schrieb eine lange Liste von Sachen, die er im nahe gelegenen Supermarkt besorgen sollte. Er besorgte, wie ihm aufgetragen, die Lebensmittel, und als er diese in den Kühlschrank schlichtete, bemerkte er, dass er etwas zu kaufen vergessen hatte. Er berichtete Julia davon und fragte sie, ob sie dieses eine Wochenende darauf würde verzichten können.
Sie eröffnete ihm, dass ein Wochenende ohne Radieschen für sie nicht infrage käme, also zog Thomas seine Schuhe wieder an und machte sich ein zweites Mal auf den Weg zum Supermarkt.

Als er die Wohnung wieder betrat, empfing Julia ihn im Vorzimmer. Sie war erfreut, das Gemüse im durchsichtigen Plastiksack zu sehen, doch merkte sie, als sie die Miene ihres Freundes sah, dass etwas vorgefallen sein musste.
Auf Nachfrage teilte er ihr mit, dass ein Vertreter ihrer Gruppe ihn beinahe umgebracht hätte. Er erzählte in allen Einzelheiten, was sich zugetragen hatte, und garnierte seine Ausführungen mit nicht eben freundlichen Ausdrücken, bezogen auf die Angehörigen ebendieser Gruppe. Julia geriet ob der Unflätigkeiten ihres Partners in Harnisch, warf ihm Verallgemeinerung vor und lief ins Schlafzimmer, dessen Türe sie hinter sich zuknallte, versperrte und erst am nächsten Tag wieder öffnete.
Thomas war indigniert, weil er auf dem Sofa hatte schlafen müssen, doch schluckte er seinen Ärger hinunter und bat Julia um ein klärendes Gespräch, so bald sie aus dem Schlafzimmer gekommen war.
Sie sprachen über den Vorfall, Thomas entschuldigte sich für seine harten Worte, und sie kamen überein, dass bloß das Hineinschnuppern in die Gruppe des jeweils anderen eine Lösung des Problems würde herbeiführen können.

So kam es, dass Thomas am nächsten Tag mit Julias Fahrrad zur Universität fuhr, während Julia diesen Weg zu Fuß zurücklegte.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 16174

Adrett

Paul, so hatte sich der Mann, der das Seminar leitete, vorgestellt, war eine eindrucksvolle Erscheinung, das darf ich sagen.

Seine Körpergröße, etwa ein Meter neunzig, und sein quergestreiftes schweißbeflecktes Hemd, welches einen beachtlichen Schmerbauch umhüllte, ließen mich sofort erkennen, dass wir, also ich und die übrigen drei Männer im Seminarraum, es mit einem Mann von Format zu tun hatten. Er mochte sich jovial geben, doch hinter den dicken Gläsern seiner nicht allzu kostspieligen Brille lauerten listige Augen, die auf Fehler warteten, die wir bei der Beantwortung seiner Fragen machen würden.

Diese Fehler riefen, wie wir bereits an den drei vorangegangenen Tagen des Seminars hatten erfahren müssen, Kaskaden scharfzüngig formulierter Sätze aus dem Mund des Leiters hervor.

Dieser Mund, der Zahnreihen Raum bot, die bereits vor Jahrzehnten eine Regulierung nötig gehabt hätten, wurde umrandet von einem Kranz aus Haaren, die aus Pauls Oberlippe sprießenden waren vom Nikotin gelb gefärbt. Behost war Paul mit speckigen Jeans, die eine Lücke von ungefähr drei Zentimetern entstehen ließen, durch die man seine weißen Socken gut sehen konnte, bis seine grauen Schuhe anfingen. Die Jeans wurden von einem Gürtel aus Kunstleder gehalten, dessen Farbe in herrlichem Kontrast zu den Schreibgeräten aus Plastik stand, die Paul in großer Zahl in der Tasche seines Hemdes stecken hatte.

Wir, also die übrigen drei Männer im Seminarraum und ich, waren tipptopp gekleidet, Anzüge, Krawatten und gewienerte Schuhe. Frisiert waren wir auch.

Nicht so Paul, der sein spärliches Haupthaar auf eine Länge von einem halben Zentimeter gestutzt hatte.

Nachdem das Seminar zu Ende war, sein Thema war übrigens „Ein adrettes Erscheinungsbild, um Kunden zu gewinnen“, waren wir aufgefordert, in wenigen Worten unsere Eindrücke über ebendieses zu Papier zu bringen. Ich schrieb bloß einen einzigen Satz: „Dieses Seminar wäre genauso informativ gewesen, wenn Paul geschwiegen hätte.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 17012

Die Tat meiner Tochter

1

Seit ich im November des Jahres 1989 nach Wien gezogen bin, liebe ich es, den Donaukanal entlangzugehen. Es bereitet mir Freude, nahe am Wasser zu sein, die Vögel, die den Kanal zu ihrem Lebensraum erkoren haben, zu beobachten und mich auf beinahe jedem Spaziergang zu wundern, welche Hunderassen mittlerweile aus den Zwingern der Züchter an den Mann gebracht werden oder vielleicht aus kynologischen Versuchslaboren entkommen konnten.

Ich kam der Liebe wegen in die österreichische Hauptstadt. Ich hatte in Graz an der Universität Bürgerliches Recht gelehrt und mich in eine Kollegin aus Wien verliebt, die ein Jahr lang in Graz unterrichtet hatte.
Sie heißt Brigitte und ist heute meine Ehefrau. Nach drei gemeinsamen Jahren in Wien haben wir geheiratet, und nach zwei weiteren Jahren wurde Martina, unser einziges Kind, im Jahre 1994 geboren.

Anfangs war es natürlich eine große Umstellung, von Graz nach Wien zu ziehen. Das Kleinstädtische der steirischen Landeshauptstadt ging mir einerseits ab, doch genoss ich andererseits die Anonymität der Großstadt. In Graz ist das Leben familiärer, man wird auf der Straße erkannt, gegrüßt und nach dem Befinden gefragt. In Wien geschieht dies nur in Ausnahmefällen, was mir ehrlich gesagt recht ist, denn ich schätze es nicht besonders, angesprochen zu werden, wenn ich meinen Gedanken nachhängend durch die Stadt wandere.
Ein weiterer Vorteil Wiens ist, dass die geistige Trägheit, das Phlegma, kaum zu bemerken ist. In der Steiermark gibt es bei Weitem mehr Menschen, die sich nicht genieren, ihren Stumpfsinn offen zur Schau zu stellen und sogar Unbeteiligte wie auch Uninteressierte durch Lautäußerungen daran teilhaben zu lassen.

Ich gehe gerne alleine spazieren, und der Donaukanal war mein erster Spazierweg in Wien und ist bis heute mein liebster. Die Flora, die Fauna und die dort zu betrachtende Kunst in Form von sich ständig verändernden Graffiti geben mir das Gefühl, dass in der Stadt, in der ich lebe, Kunst und Natur friedlich nebeneinander existieren können.
Brigitte begleitet mich nie auf diesen Spaziergängen. Sie liebt es zu malen und verbringt einen großen Teil ihrer Freizeit in einem Raum unserer Wohnung im siebenten Bezirk, der ihr als Atelier dient und entsprechend eingerichtet ist. Sie malt bevorzugt Tiere und Pflanzen, und das in wirklich guter Qualität. Ich bin kein Kunstkenner, doch etliche Kollegen an der Universität haben das Talent meiner Frau bestätigt, und ich muss zugeben, dass mir ihre Bilder wirklich gut gefallen. Einige von diesen hängen in unserer Wohnung, und das nicht nur, weil sie von Brigitte gemalt wurden.

Sie hat mir geraten, einen Hund anzuschaffen, der mich begleiten könnte, doch ich sehe keinen Sinn darin, mir ein Haustier zuzulegen. Als wir Kinder waren, hatten meine Schwester und ich einen Hund, Moritz hieß er. Er war eine Promenadenmischung, was bedeutet, dass er sowohl von robuster Gesundheit als auch von hoher Intelligenz war. Doch trotz seiner guten Gesundheit war es eines Tages auch für ihn an der Zeit, den Weg alles Irdischen zu gehen, was meine Schwester und mich in eine veritable Verzweiflung gestürzt hatte. So etwas ist immer unschön, und ich möchte das nicht noch einmal erleben.
Darüber hinaus pflege ich auf meinen Spaziergängen die Dinge für mich ins rechte Lot zu bringen. Ich hänge dabei meinen Gedanken nach und kann währenddessen keine Leine in der Hand brauchen, an deren Ende ein Lebewesen befestigt ist, das zieht, zerrt oder sich gar losreißen möchte. Ein derartiges Verhalten würde mir bloß das Denken verunmöglichen, ebenso wie ich die große Verantwortung anderen Menschen und Hunden gegenüber scheue.

Heute Nachmittag habe ich einen wirklich langen Spaziergang hinter mich gebracht, doch konnte ich die Dinge, die mich zu diesem veranlasst haben, nicht ins Lot rücken. Ich hatte einen Kollegen gebeten, meine Vorlesung zu halten. Er hatte sofort eingewilligt, denn ihm war meine Verzweiflung nicht entgangen.
Fünf Minuten bevor ich ihn um diesen Gefallen gebeten hatte, hatte mich meine Ehefrau angerufen und mir mit leiser und bedrückter Stimme eine Neuigkeit über unsere Tochter mitgeteilt. Aus diesem Grund war der ungewöhnlich lange Spaziergang heute vonnöten. Ich wollte die Dinge für mich einordnen, doch ich habe versagt.

Nun, am Abend dieses Tages, steht die Tat meiner Tochter noch immer so deutlich vor meinem geistigen Auge, als ob ich ihr Augenzeuge gewesen wäre.
Meine Frau konnte leichter akzeptieren, was Martina getan hat. Sie hatte nie ein besonders intensives Verhältnis zu ihr.
Mir jedoch treibt es selbst in diesem Augenblick, in dem ich Bericht erstatte, die Tränen in die Augen beim Gedanken an das, was sich mein Kind angetan hat.

 

2

Martina war als Kind unkompliziert. Nachdem wir uns das hatten leisten können, war sie in einen privaten Kindergarten gegangen. Dieser hatte ihr sehr gutgetan. Ich war immer wieder aufs Neue verblüfft, wie schnell sie einzelne Arten von Tieren benennen konnte, und auch darüber, wie bald sie Sätze grammatikalisch richtig zu formulieren gelernt hatte, selbst wenn sich deren Inhalt in der Vergangenheit zugetragen hatte.
Ich war, das gebe ich zu, der Ansicht, dass ein wahres Genie meinen Lenden entsprungen war. Heute weiß ich natürlich, dass Kinder in einem gewissen Alter erstaunlich aufmerksam und lernfähig sind. Außerdem ließ mich der nach dem Kindergarten einsetzende schulische Misserfolg meiner Tochter erkennen, dass meine Theorie mit dem Genie falsch war.

Die Volksschule brachte Martina mit Ach und Krach hinter sich. Immer wieder kam es vor, dass ihre Leistungen mit einem Befriedigend oder gar einem Genügend benotet wurden, und ihre Lehrerin riet uns am Ende der vierten Schulstufe, Martina nicht auf ein Gymnasium zu schicken, da sie dort wohl die eine oder andere Klasse wiederholen müsste.
Das konnten meine Frau und ich auf keinen Fall akzeptieren. Zugegeben, während meiner Schulzeit war ich auf dem Kronleuchter der Strebsamkeit nicht das hellste Licht, doch habe ich es zum Professor gebracht. Meine Frau war in der Schule stets die Klassenbeste gewesen, somit war klar, dass auch Martina das Gymnasium durchstehen würde.

Die Unterstufe überstand sie ganz gut, nachdem sie vom naturwissenschaftlichen Zweig in den bildnerischen übergewechselt war. Es verging zwar kein Sommer, in dem sie nicht für eine Wiederholungsprüfung lernen musste, doch mit Nachhilfeunterricht bestand sie alle diese Prüfungen.
Als Martina in die Oberstufe kam, fingen die Probleme an.
Mir ist natürlich klar, dass junge Menschen in der Phase ihrer Pubertät gegen ihre Eltern rebellieren, ich habe das auch gemacht. Ich hatte mit diesem Verhalten kein Problem, auch nicht damit, dass sie mit gewissen Substanzen experimentierte.
Meine Frau hatte einmal einen Joint in Martinas Schreibtisch gefunden und daraufhin das Ende der Welt verkündet. Ich beruhigte sie und versprach ihr, mit unserer Tochter über Drogen zu sprechen. Ich sprach auch mit ihr. Wir standen auf dem Balkon, rauchten den Joint gemeinsam, und sie versprach mir auf Ehrenwort, keine Drogen mehr herumliegen zu lassen und nicht mehr als einen Joint pro Woche zu rauchen.

Ich kann den Zeitpunkt, ab dem es schlimmer zu werden begann, nicht mit letzter Bestimmtheit festmachen, doch vermute ich, dass es im Sommersemester der sechsten Klasse war.
Meine Frau und ich wurden zum Direktor der Schule zitiert, der versuchte, in seinem Büro ein Tribunal über unsere Tochter abzuhalten. Er führte jede einzelne Fehlstunde Martinas an, ließ sich über ihre schwarz gefärbten Haare aus und mokierte sich über ihre stets dunkle Kleidung. Ich teilte ihm mit, dass Martina ihre Haare nach Belieben färben konnte und auch, dass ihn ihr Kleidungsstil nichts anging. Was jedoch die unentschuldigten Fehlstunden anging, begann ich mir Sorgen zu machen.
Martina hatte ganze Schultage geschwänzt und zu Hause auf Nachfrage schlicht angegeben, dass sie lieber mit Freunden im Kaffeehaus gesessen hätte, als in die Schule zu gehen. Dieses Schuljahr war unrettbar verloren, also mussten Brigitte und ich uns mit der Tatsache abfinden, dass unsere Tochter die sechste Klasse zweimal besuchen würde.
Das Wiederholungsjahr verlief friktionsfrei, wenigstens was Martinas schulische Leistungen anlangte. Im Privaten begann sie sich zurückzuziehen. Sie weihte uns nicht in ihre Aktivitäten ein, ließ sich zum Entsetzen ihrer Mutter einen Nasenring stechen und ihr Haupthaar scheren.

Wir beschlossen, Martina vom Beginn der siebenten Klasse an bis zu ihrer Reifeprüfung kompetente Nachhilfelehrer für alle kritischen Unterrichtsfächer zur Seite zu stellen, denn wir wollten verhindern, dass sie ein weiteres Jahr verlieren würde.
In diesen beiden Jahren stimmten die Noten unserer Tochter. Außerdem ließ sie uns wieder etwas mehr an ihrem Privatleben teilhaben, indem sie uns beinahe jede zweite Woche einen neuen Freund beim Frühstück vorstellte.
Brigitte und ich trugen dies mit Fassung, denn wir hätten ihr unmöglich verbieten können, sich auszuleben.

Nachdem sie ihre Matura im Jahr 2013 abgelegt hatte, zog sie aus unserer Wohnung aus. Meine Frau und ich hatten vor Jahren eine kleine Wohnung als Anlageobjekt erworben, und dort quartierte sie sich ein. Sie begann Anthropologie zu studieren, gab jedoch nach drei Monaten auf und sattelte auf Psychologie um. Wir unterstützten sie finanziell, doch außer Mails mit dem Wort ‘Danke!’ zum Inhalt, die wir erhielten, nachdem unser Geld auf ihrem Konto eingegangen war, hörten und sahen wir nichts von Martina.
Wir waren der Meinung, unserer Tochter ihre Freiheit lassen zu müssen, ohne sie mit Anrufen oder gar Besuchen zu belästigen.
Wir hatten eben nie einen besonders guten Draht zu Martina.
Heute ist mir schmerzlich bewusst geworden, dass dies ein schwerer Fehler war.

 

3

Als ich heute den Donaukanal entlangging, konnte ich meine Gedanken nicht von der Tat meiner Tochter losreißen.
Ich weiß beim besten Willen nicht, wie viele Menschen mir heute entgegengekommen sind und mich mit hängendem Kopf und Tränen in den Augen meinen liebsten Spazierweg entlangschlurfen gesehen haben. Es müssen viele gewesen sein.
Ich habe sie jedenfalls nicht wahrgenommen. Heute habe ich gar nichts wahrnehmen können. Ich habe zwar mitbekommen, wie sich zwei Graffitikünstler in die Haare geraten sind, erst verbal, dann im Wortsinn, doch vermochte ich dem Verlauf des Disputs nicht zu folgen.
Ein großer Hund, ich vermute, dass es eine Dogge war, kam bellend auf mich zugelaufen, doch ich nahm erst Notiz von dem Tier, als dessen Besitzer, der herbeigeeilt war, mich atemlos um Verzeihung für die offensive Spielaufforderung seines Hundes bat. Ich murmelte irgendetwas und ging weiter.

Als ich den Teil des Kanals erreichte, dessen Wände über und über mit Graffiti besprüht sind, blieb ich stehen.
Eines dieser Kunstwerke zeigt, falls es heute Abend nicht übermalt wurde, eine nackte liegende junge Frau in Rückenansicht. Ich stand vor dem Mädchen und musste an das Foto denken, das meine Frau mir nach unserem Telefonat geschickt hatte. Da begann ich zu weinen wie ein kleines Kind.
Auf diesem Foto ist nämlich meine Tochter Martina zu sehen, ebenfalls auf dem Bauch liegend. Ihr nackter Rücken ist voller Blutspuren, die, das ist gut erkennbar, notdürftig weggewischt worden waren. Ihr Kopf ist zur Seite gedreht, ihre Augen sind geschlossen und ihr sichtbarer Mundwinkel ist leicht nach oben gezogen, als ob sie lächeln würde.

Das Zweitschmerzvollste an diesem Foto für mich ist Folgendes: meine eigene, geliebte Tochter so daliegen zu sehen, offensichtlich froh, dass eine schlimme Tortur vorbei ist und sie Ruhe vor ihrem Peiniger hat.
Das Schmerzvollste aber ist, was dieser Unmensch mit ihrem Rücken gemacht hat. Auf dem Rücken meiner Tochter prangt eine riesige Schlange, eine Kobra, die ihre mächtigen Giftzähne drohend dem Betrachter präsentiert.

Nachdem ich geweint hatte, bis keine Tränen mehr kamen, ging ich mit langsamen Schritten nach Hause, wo meine Frau mich schon erwartete. Ich erzählte ihr von meiner Verzweiflung über Martinas Tat und begann wieder zu weinen. Brigitte nahm mich in den Arm, und nachdem ich fertiggeweint hatte, riet sie mir, die Sache als schon geschehen und unumkehrbar für mich einzuordnen.
Brigitte hat sicherlich recht, doch bin ich noch nicht so weit.
Ich frage mich, ob ich es jemals fertigbringen werde, ohne zu weinen an das zu denken, was sich meine Tochter angetan hat.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 17010

Ein Stück Papier

Gestern saß ich in meiner Stammbuchhandlung und blätterte in einem Buch von Joseph Roth, den ich sehr schätze.
Die Tür ging auf und eine Familie betrat den Laden. Der Mann war westlich gekleidet, seine Frau trug ein langes Kleid und war verschleiert, zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, hielten ihre Hände. Ich schenkte den Menschen keine Beachtung und las einige Sätze in verschiedenen Essays und Reportagen Roths. „Was ist ein Mensch ohne Papiere? Weniger als Papier ohne einen Menschen.” Dieser Satz brachte mich zum Nachdenken.
„Wie”, fragte ich mich, „wird diese Familie in Anbetracht der gegenwärtigen Situation in Europa wahrgenommen? Werden diese Menschen als potenzielle Gefahr angesehen, oder werden ihnen Respekt und Mitmenschlichkeit entgegengebracht?” Ich legte das Buch zur Seite und beobachtete die Situation an der Kasse, wo der Mann der Aushilfskraft dahinter in gebrochenem Deutsch verständlich zu machen versuchte, dass er einen Stadtplan von Graz erwerben wollte, um problemlos die Standorte diverser sozialer Einrichtungen ermitteln zu können.

Die Körpersprache der Angestellten, die ich noch nie in der Buchhandlung arbeiten gesehen hatte und die von einem Schildchen auf ihrer Bluse als Hilde ausgewiesen wurde, ließ deutlich erkennen, dass sie keine Freude daran hatte, sich mit offenkundig vor einem Krieg geflohenen Menschen abgeben zu müssen. Sie hatte zwar die freundlichste Miene aufgesetzt, zu der sie in dieser Situation wohl fähig war, doch ihre blauen Augen blickten kalt auf die Kundschaft und sie sprach absichtlich in so schlechtem Deutsch, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass sie den Mann spöttisch nachäffte.
Ich blieb im bequemen Ledersessel sitzen und dachte mir: „Was gehen mich die Probleme dieses Mannes, sich verständlich zu machen, an? Jeder Mensch muss selbst sehen, dass er zurande kommt.” Diese Überzeugung hatte ich mein ganzes Leben lang, also neundreißig Jahre.

Der Mann, der sich im Laufe der Diskussion mit Hilde als Flüchtling zu erkennen gab, hatte sehr wohl bemerkt, dass die junge Frau ihm nicht gewogen war, und wandte sich an seine Ehefrau, die, da ihre Hände in denen ihrer Kinder lagen, mit dem Kopf in Richtung Tür deutete. Ich wandte meinen Blick von der Szene ab und richtete ihn auf die Buchrücken, die mich umgaben. Ich sah Werke von Faulkner und Hemingway in den Regalen, dann die Fitzgeralds, meines Lieblingsautors.
Das kleine Mädchen begann zu weinen, einerseits, weil es die unschöne Szene mitbekam, und andererseits, weil es von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde und nicht von Neugierde getrieben durch den Laden laufen konnte. Da fiel mir ein Satz von Fitzgerald ein: „Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.”

Plötzlich überdachte ich meine Überzeugung, dass jeder Mensch sich selbst zu helfen habe. Mir wurde bewusst, dass ich mich in einer Höhle befand, und das ganze sechs Jahre vor meinem fünfundvierzigsten Geburtstag. Ich war erschrocken über den Menschen, zu dem ich mich entwickelt hatte, und musste handeln.
Also erhob ich mich aus dem Sessel, ging zu der Familie und kaufte einen Stadtplan von Graz, welchen ich dem Mann gab, und wünschte ihm auf Französisch viel Glück in der Steiermark. Das Ehepaar bedankte sich sehr herzlich, und bevor ich die Buchhandlung verließ, riet ich Hilde, künftig ausschließlich mit ihrem Papagei in bemüht schlechtem Deutsch zu sprechen, denn der Vogel wäre wohl das einzige Lebewesen, das von ihr etwas lernen könnte.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16109

Noch Kinder

‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’
Dieser Satz von F. Scott Fitzgerald ist sowohl tiefe Erkenntnis über das Wesen des Menschen, als auch Aufforderung, den eigenen Standort von Zeit zu Zeit infrage zu stellen und seine Standpunkte gegebenenfalls nachzujustieren, wie es Alois Pichler in dieser Erzählung macht.

Es war ein Morgen wie jeder andere im Leben von Alois Pichler. Er erwachte um neun Uhr, stellte den Wecker ab und ging in den Stall, um nach seinen Schweinen zu sehen. Nachdem er sie versorgt hatte, ging er zum Gartentor, öffnete seinen Briefkasten und nahm die Zeitung heraus. Dann brühte er sich eine große Tasse starken Kaffee und begann mit der Lektüre.
Seit ihn seine Frau sieben Jahre zuvor verlassen und die gemeinsamen Kinder mitgenommen hatte, lebte er alleine auf seinem Bauernhof in Weintarg, einem kleinen Dorf in der Nähe der steirischen Landeshauptstadt Graz. Er hatte ihn von seinen Eltern übernommen und führte ihn so gut es ging, und alle paar Jahre hatte er genug Geld gespart, um sich einen neuen Geländewagen kaufen zu können.

Die Schlagzeile auf der Titelseite ließ ihn erstarren. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt, und er fragte sich, ob diese Wallungen vom Obstler herrühren konnten, den er am Abend zuvor überreichlich genossen hatte.
„Nein, das kann nicht sein”, brummte er. Schnaps hatte er immer gut vertragen.
Aus diesem Umstand schloss er, dass die Schlagzeile ‘Flüchtlinge: Weintarg bekommt Asylzentrum’ ihn aufgeregt haben musste.
„So etwas!”, rief er in den Raum, in dem er alleine saß. „Jetzt kommen die Ausländer zu uns! Nun müssen wir uns warm anziehen!”
Da es ein warmer Vormittag im September war, verzichtete er darauf und ging barfuß und in kurzen Hosen auf seinem Grundstück auf und ab.
‘Ich habe ja nichts gegen Ausländer!’, dachte er immer wieder. ‘Aber diese Fremden sind nicht von hier!’

Er beschloss, zum Gemeindeamt zu fahren und die Sache mit Franz Möstl, dem Bürgermeister, zu besprechen. Wichtige Angelegenheiten klärte Alois stets an oberster Stelle, und da Möstl sein Freund und Trinkkumpan war, war er zuversichtlich, dass seine Intervention das Asylantenheim würde verhindern können.
„Es tut mir leid, Alois, aber da ist nichts zu machen. In diesem Fall beginnt die Befehlskette im Innenministerium und endet hier bei mir”, sagte Möstl.
„Wie kannst du so etwas nur zulassen, Franz?”, rief Pichler, packte den Bürgermeister an den Schultern und schüttelte ihn.
„Mir sind die Hände gebunden”, stöhnte der Politiker und befreite sich aus dem Griff seines Freundes. „Warte erst mal ab, Alois. So schlimm wird es schon nicht werden.”
„Nein, sicherlich nicht”, spottete Pichler. „Es wird noch schlimmer werden!”
„Trink erst mal einen Obstler”, meinte Möstl und stellte eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch.
Nachdem sie einander zugeprostet und ihre Gläser in einem Zug geleert hatten, fuhr er fort: „Übermorgen findet in der Mehrzweckhalle ein Informationsabend zu diesem Thema statt. Da werden alle Fragen beantwortet.”
„Ach, das bringt doch nichts”, seufzte Alois, nahm die Flasche und füllte die Gläser wieder an.
„Du wirst gut mit den neuen Mitbürgern auskommen, Alois”, prophezeite der Bürgermeister zum Abschied.

Wieder auf seinem Hof, bereitete Pichler einen zünftigen Grenadiermarsch zu, seine Leibspeise. Während er aß, dachte er an die seinem Dorf bevorstehende Prüfung und kam zu dem Schluss, dass sich ‘das Ganze nicht ausgehen’ konnte.
Dennoch nahm er am Informationsabend teil. Er saß in der ersten Reihe und lauschte den Ausführungen Franz Möstls. Nachdem dieser fertig gesprochen hatte, forderte er die Anwesenden auf, ihre Meinung zu äußern oder Fragen zu stellen.
Erst wagte niemand, dies zu tun. Dann erhob sich Alois und die Augen aller waren auf ihn gerichtet.
Er errötete und stammelte: „Ich möchte nach Hause gehen, und dazu muss ich eben aufstehen.”
Der ganze Saal begann zu lachen, dann lachte auch Alois und stolzierte in seinem besten Steireranzug aus der Mehrzweckhalle.

Mit den Dorfbewohnern sprach Pichler selten. Er galt in Weintarg als Sonderling, dem man besser nicht zu nahe kam. Schließlich war ihm die Frau davongelaufen und hatte sogar die Kinder mitgenommen. Er musste also ein wenigstens einigermaßen schlechter Mensch sein.
Dass sich das Ehepaar Pichler schlicht auseinandergelebt und die Notbremse gezogen hatte, damit die Kinder nicht leiden mussten, wusste niemand außer Franz Möstl. Alois hatte es nie für notwendig erachtet, den Leuten den wahren Sachverhalt zu erläutern, denn was diese dachten und redeten, war ihm gleichgültig, und Franz hatte sich zur Trennung seines Freundes aus Gründen der Diskretion nie geäußert.

Drei Wochen später kamen die Flüchtlinge.
Sie wurden in einem leerstehenden Gebäude neben der Volksschule untergebracht, das den fünfundzwanzig Menschen genug Platz bot, sodass die vier Familien auch räumlich beisammenbleiben konnten.
‘Was hätte die Gemeinde mit diesem Gebäude alles machen können!’, dachte Pichler und malte sich aus, welchem anderen Zweck das seit Jahren leerstehende Gebäude hätte dienen können. Er wusste, dass es sich um ein schönes Bauwerk handelte, doch konnte er sich nicht mehr an dessen Farbe erinnern, so lange hatte er es weder gesehen noch daran gedacht.

Er fuhr zum Kaufhaus, um Lebensmittel für das Wochenende einzukaufen. Als er in der Schlange vor der Kasse stand und sich umdrehte um zu sehen, wer hinter ihm wartete, sah er ein Ehepaar mit drei quengelnden Kindern. Er erkannte sofort, dass es sich um Flüchtlinge handelte.
‘Jetzt habe ich sie im Rücken’, dachte er, und als er seinen Blick wieder nach vorn richtete: ‘Um Gottes Willen! Die alte Frau Egger erzählt der Kassiererin wieder von ihren Enkelkindern. Das dauert jetzt sicherlich eine halbe Stunde.’
Die drei Kinder hinter ihm wurden immer unruhiger und Frau Egger immer redseliger. Da wurde Alois Pichler zornig.
„Frau Egger!”, rief er. „Erzählen Sie schon wieder von den Kindern Ihrer Tochter?”
Die Angesprochene sah ihn an und erschrak, doch wandte sie sich wieder der Kassenkraft zu.
Alois ließ nicht locker.
„Wann wird denn Ihre Enkeltochter anfangen, in Graz als Tänzerin zu arbeiten, so wie ihre Mutter?”
Frau Egger zog schnell einen Geldschein hervor, bezahlte ihren Einkauf und verließ mit hochrotem Kopf den Laden.

Die Kinder hinter Alois hatten inzwischen zu weinen begonnen und deren Eltern wurden der Lage nicht Herr, denn sie waren zum ersten Mal in Österreich und darüber hinaus in diesem Geschäft im steirischen Weintarg. Sie waren also verwirrt und unsicher.
Pichler fühlte, dass er etwas tun oder sagen musste. Er ging nach vorn zur Kasse, wo die Süßigkeiten in Regalen lagen, nahm drei Säckchen mit Bonbons und sagte zur Kassiererin: „Die rechnest du bei mir dazu.”
Dann ging er zu den Kindern, drückte jedem ein Säckchen in die Hand und sagte: „Bald könnt ihr dieses Geschäft verlassen.”
Die Kinder hörten auf zu weinen und jedes nahm ein Bonbon aus seiner Tüte und steckte es in den Mund.
Die Eltern gaben Alois die Hand und sagten: „Thank you very much, Sir.”

Ein paar Tage später saß Pichler auf der Holzbank vor seinem Wohnhaus und spielte mit den Kätzchen, die seine Katze kurz zuvor geworfen hatte. Eine Familie ging an seinem Grundstück vorbei. Die beiden kleinen Töchter sahen die jungen Katzen, rissen sich von ihren Eltern los und liefen zu Alois, um auch mit den Tieren zu spielen.
Die Eltern liefen ihnen nach, doch als der Besitzer der Kätzchen ihnen mit einer Handbewegung bedeutete, dass die Kleinen die Tiere ruhig streicheln durften, standen sie fünf Minuten neben ihrem Nachwuchs und sahen diesem zu. Dann zogen sie ihre Töchter von Pichlers Grund, was die Mädchen zum Weinen brachte.
‘Das war wohl eine neue Erfahrung für die fremden Kinder’, dachte Alois. ‘Dort, wo sie herkommen, gibt es wahrscheinlich keine kleinen Katzen – und wenn doch, werden sie bestimmt schnell so groß wie Geparde oder so etwas. Na ja, sie hätten sicher gerne länger mit den Kätzchen gespielt, aber so ist nun einmal das Leben.’

Am Abend dieses Tages saß Alois in seiner guten Stube vor einem Glas und einer Flasche Obstler und dachte an die beiden Mädchen.
Da erinnerte er sich daran, welche Tiere und Geräte er als Kind unbedingt hatte haben wollen, jedoch nicht bekommen hatte, weil seine strengen Eltern stets dagegen gewesen waren.
„Wozu brauchst du einen Hund? Richte doch ein Schwein ab!”, hatte sein Vater oft gesagt.
„Wir hatten auch keinen Computer und sind dennoch erfolgreiche Bauern geworden!”, hatte eine der Standardantworten seiner Mutter gelautet.
„Es sind ja noch Kinder!”, rief Alois. „Kinder, die auf dem Land aufwachsen müssen, in der Steiermark!”
Er trank die Flasche aus und nahm sich vor, am nächsten Tag zu handeln.

Nachdem er seine Ferkel versorgt hatte, fing Alois sämtliche Kätzchen auf seinem Hof ein, setzte sie in einen Karton mit Luftlöchern und legte diesen auf den Beifahrersitz seines Autos. Dann ging er in den Keller und holte ein Dutzend Gläser mit eingelegtem Gemüse, welche er im Kofferraum verstaute.
Er startete den Wagen und fuhr zum Gemeindeamt. Dort sagte er zu seinem Freund, dem Bürgermeister: „Komm, Franz! Wir fahren zu den Flüchtlingen.”
Franz Möstl blickte ihn erschrocken an und fragte: „Was hast du vor, Alois?”
„Ich werde den Menschen etwas schenken.”
Sie fuhren zum Asylzentrum und Alois überreichte den Kindern die Kätzchen und den Erwachsenen die Einmachgläser.
Die Freude bei den Flüchtlingen war riesengroß und Alois Pichler fuhr in dem Wissen, etwas Gutes getan zu haben, zurück zu seinem Hof.
‘Es sind ja noch Kinder’, dachte er. ‘Und auch deren Eltern sollen etwas Vernünftiges zu essen haben.’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16108