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Boxer oder Eingriff?

Blau war seine Lieblingsfarbe. So viel war klar. Das war einfach.
Aber wie viele verschiedene Blaus gab es? Himmelblau, Nachtblau, Marineblau, Veilchenblau usw. Was würde ihm gefallen?
Robert stand auf der Straße und haderte mit sich. Boutique oder Kaufhaus? Amazon oder Otto Versand? Boxer oder Slip? Microfaser oder Feinripp? Eingriff oder Knöpfe? Seide oder Spitze? Nein, das dann doch nicht.

Erstmal eine Runde über den Marktplatz, eine Tasse Kaffee bei Tante Käthe. Und dann vielleicht Onkel Google fragen.
Strategisch angehen die Sache. So wie er es immer machte, so wie es immer zu guten Ergebnissen führte. Genau. Ein Projektplan musste her, eine Pro-und-Kontra-Liste, ein Gantt-Chart, Milestones definieren, Etat aufstellen, Stakeholder benennen.
Robert atmete auf. Das war der richtige Weg. Das wäre doch gelacht, wenn Ruth Recht behalten würde. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie die Sache für ihn erledigen könne. Sie traute ihm eben nie etwas zu. Dabei war er der geborene Problemlöser. Der Stratege. Der durchsetzungsstarke Strippenzieher.

Wie lange stand die Bedienung schon neben seinem Tisch und wartete auf seine Bestellung?
„Ein blauer Kaffee mit Spitze, bitte.”
„Sie meinen doch wohl einen schwarzen Kaffee mit Milch, oder?”
„Hab ich doch gesagt. Und bringen Sie mir bitte etwas zu schreiben, ja? Einige große Blätter und mehrere Stifte in verschiedenen Farben.”
Als seine Bestellung kam, der Kaffee und das Schreibzeug, musste Robert erstmal den Platz wechseln. Die plakatgroßen Blätter, die der Kellner besorgt hatte, passten nicht auf den winzigen Bistrotisch. Robert zog mit allen Sachen in das Nebenzimmer des Cafés und entschied: „Hier kann ich gut arbeiten.”

Doch ohne Flipchart ging das nicht. Robert schaute sich um und entdeckte den kauenden Kellner: „He, kommen Sie mal. Geben Sie mir Ihren Kaugummi.“ Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Robert juckte es in den Fingern, sich den Kaugummi selbst zu nehmen. Dann zuckte der Kellner mit den Schultern und spuckte den Kaugummi in Roberts Hand.
Der pappte damit den großen Bogen Papier an die Wand und vergaß sogar, sich zu ekeln.
Den anderen Bogen riss Robert in etliche kleine Stücke. Nun konnte er seinen Masterplan ausarbeiten.

Fünfzehn Minuten später stand Robert in unveränderter Haltung vor der weißen Wand, nur der Stift in seiner Hand war beinahe durchgenagt. Es war zum Mäusemelken, zum Das-Blaue-  vom-Himmel-Runterfluchen. Er kam keinen Schritt voran.
Aber noch würde er nicht aufgeben. Von vorne denken, nicht mittendrin anfangen. Geplant vorgehen, nicht impulsiv wie Frauen. Er war nicht emotional, er handelte stets rational.
Robert schrieb das Wort „Blau” mit blauem Stift oben auf das Blatt. Darunter mehrere Pfeile: ein roter führte zu Baumwolle, ein grüner zu Microfaser, der dritte in Violett zu Satin. Der vierte führte ins Leere, mehr Stoffarten fielen Robert nicht ein.
Nächste Stufe: Form Fragezeichen. Boxer, Slip oder großes Fragezeichen. Gab es noch andere?

Der Kellner brachte die fünfte Tasse Kaffee.
„Bitte bringen Sie mir einen Schnaps. Schnell”, flehte Robert.
Er kam nicht weiter. Und dabei war er noch gar nicht zur alles entscheidenden Frage vorgedrungen: Einzelstück oder Mehrfachpackung?
Der Schnaps kam und erschien ihm wie ein himmlisches Labsal, wie Manna, wie von Göttern gesandter Nektar. Jetzt würde es besser gehen.
Jetzt.
Jetzt klingelte sein Handy.
Ruth.
Sie rief so laut, als wollte sie ohne Satellitenhilfe kommunizieren: „Wo bleibst du denn? Die Besuchszeit in der Klinik ist fast vorüber. Hast du die Unterhosen für deinen Vater?”

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 20044

 

„Ich bin ein Teil von euch“

Ich spaziere durch mein Nachbardorf. Ich sehe ein junges Paar mit einem weißen Hund in einem orangen Regenmantel, und in mir steigt das Gefühl hoch: „Ich bin ein Teil von euch.“ Ich sage das nicht, aber es ist angenehm, das zu spüren. Auch in der Landeshauptstadt denke ich bei jedem: „Ich bin ein Teil von dir.“ Ebenso bin ich in der Bundeshauptstadt ein Teil von jedem. Ich bin auf keinen Fall alleingelassen worden. Und überhaupt überall auf der Welt fühle ich bei jedem, den ich treffe, ein Teil von ihm zu sein. Weil ich ein Mensch bin und auf der Erde lebe.

Der weiße Hund mit dem orangen Regenmantel

Der weiße Hund mit dem orangen Regenmantel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19142

Ohrmarken

Heute besuchen wir wieder Opa. Im Altersheim. Ja, ich habe kein gutes Gewissen dabei, aber was hätten wir tun sollen? Ich arbeite viel, meine Frau arbeitet auch und erledigt die meiste Hausarbeit, die Kinder versorgen wir gemeinsam. Es ist zu wenig Zeit da, um sich rund um die Uhr um Opa zu kümmern. So musste er ins Heim, schade irgendwie, aber irgendwie auch nicht, denn es geht ihm ganz gut dort, hat es den Anschein.

Er hat halt diese Ohrmarken, diese gelben, die man von der Mutterkuhhaltung kennt, EU-Vorschrift, sonst gibt es keine Förderungen, für Opa gibt es fünfzehn Prozent der Unterhaltskosten, eine Ohrmarke pro Ohr. Darauf steht ein beliebiger Buchstabe am Anfang, bei Opa ist es ein K, dann sein Geburtsdatum, 110639, danach ein weiterer Buchstabe ohne Bedeutung, ein U bei Opa, und dann kommt ein Code, der aus drei Buchstaben besteht, bei Opa steht XIV, das bedeutet, was Opa nicht weiß, „Klonen verboten!“.

Ohrmarke

Ohrmarke

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19102

Hair Remastered

Kleine Kinder mögen es nicht, wenn man ihnen die Haare oder die Finger- und Zehennägel schneidet. „Weil ihnen damit etwas weggenommen wird. Natürlich wollen sie das nicht“, hat eine Freundin von mir den Grund dafür erklärt. Vielleicht ist es eher so, dass die Kinderchen nicht stillhalten wollen, denke ich mir.

„Komm Luis, wir fahren zum Friseur“, sagt seine Mutter, die Fanny heißt. „Nein, ich will nicht!“, ruft der Siebenjährige. „Ich will so bleiben, wie ich bin.“ „Das geht nicht. Du bist ein Bub. Du kannst keine langen Haare haben“, sagt Fanny. „Auf dem alten Foto im Wohnzimmer hat auch ein Verwandter von uns lange Haare“, sagt Luis. „Ja, das war dein Ururgroßvater. Er war damals ungefähr so alt wie du jetzt. Das Foto ist hundert Jahre alt“, sagt Fanny. „Er hat auch einen Hut mit einer Feder auf, und neben ihm sitzt wahrscheinlich seine Mama“, sagt Luis. „Stimmt“, sagt Fanny. „Du Mama“, sagt Luis, „wir können doch auch so ein Foto von uns machen lassen, wenn ich erst richtig lange Haare habe.“ „Gar keine schlechte Idee, Luis“, sagt Fanny. „Das Foto können wir auch machen, wenn du kurze Haare hast.“ „Warum hat denn mein Ururopa als Kind lange Haare gehabt?“, fragt Luis. „Ja weißt du, früher war das öfter so“, sagt Fanny. „Jetzt wird das auch wieder so sein“, sagt Luis, „und zwar bei mir.“ „Also kein Friseur, Luis?“, fragt Fanny. „Nein, kein Friseur!“, bekräftigt er.

„Mit deinen langen Haaren kannst du dann in der Schule auf das Mädchen-WC gehen“, sagt Fanny. Sie will Luis dabei sticheln. „Das tu ich jetzt schon“, sagt er. „Was, nein, das kannst du doch nicht tun!“, sagt Fanny. „Das mach ich ja nur, wenn mir niemand zusieht“, sagt Luis. Was soll seine Mutter nun entgegnen? Sie überlegt. Es ist für einen Buben verboten, das Mädchen-WC zu betreten? Luis weiß das ja, und er macht es trotzdem. Aber irgendetwas muss sie ja jetzt sagen, also sagt sie: „Du weißt, dass das Ärger geben kann, nicht Luis? Wenn das eine Lehrerin oder die Direktorin bemerkt, können sie dich von der Schule verweisen.“ Luis sieht sie nur an.
Gut, jetzt habe ich mich geäußert, denkt Fanny, das war sozusagen das Pflichtprogramm. Mein Bub soll ja in größtmöglicher Freiheit aufwachsen, nicht nur er natürlich, auch Kay. Luis‘ Schwester Kay ist elf.

Man soll Kinder nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Man muss ihnen viele verschiedene Möglichkeiten anbieten, und sie entscheiden selbst, welchen Weg sie einschlagen wollen. Außer es geht bei den Kindern grandios schief. Wenn sie Crash-Kids werden, muss man eingreifen, aber sonst nicht. Jedes Kind hat seine Anlagen und seine Vorlieben. Sollen sie selbst herausfinden, wie weit sie damit kommen, vorerst einmal. Von mir aus kann Luis ja gerne lange Haare tragen. Es würde im bestimmt gut stehen. Auch sein Vater hatte lange Haare, als wir uns kennenlernten. Nur steht Luis dann unter genauerer Beobachtung und muss sich womöglich öfter behaupten. Mit dem Friseur wollte ich es ihm ja nur leichtmachen.
Luis hat ja schon als Vierjähriger den kleinen Mädchen die Puppenwagen weggenommen und durch die Gegend geschoben. Manche Nachbarn haben sich darüber lustig gemacht. Die, welche am hämischsten und lautesten lachten, hatten die unglücklichsten Kinder. Luis dagegen war total happy, wenn er einen Puppenwagen schob.

Johnny spaziert alleine am Ostufer des Wörthersees. Er ist auf Tour, er geht weite Strecken. Heute ist so ein Tag. Er ist mit Fanny verheiratet und der Vater von Kay und Luis. Johnny passiert den kleinen Spielplatz, der zur Villa Lido, einem Restaurant, gehört. Nicht ein einziges Kind ist dort.

Keine Kinder

Keine Kinder

Und das heute, am frühen Nachmittag eines Sonntags. Man kann aber als Entschuldigung hernehmen, dass noch Schnee liegt.

Da sieht Johnny einen kleinen Buben auf einem Laufrad, dessen Vorderreifen im Schlamm steckt. Johnny geht hin, hebt den Vorderreifen auf, und der Bub läuft los. Er heißt Luca, so ruft ihn jetzt seine Mutter.
Kleine Kinder beobachten anders als Erwachsene, denkt Johnny. Sie schaffen es, sehr gut abzuschätzen, wer ihnen wohlgesinnt ist. Erwachsene schätzen Johnny wegen seines meist – ungewollt – düsteren Gesichtsausdrucks oft als bedrohlich ein. Kleine Kinder dagegen betrachten ihn länger, verdrehen dabei den Kopf, sehen ihn also aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und dabei kommen sie praktisch immer zu dem Schluss: „Dieser Mann ist nett. Er mag mich.“ Manche Kinder sagen dann freche Sachen zu ihm. Johnny lässt ihnen den Spaß. Kinder sollen sich wohlfühlen, ist seine Ansicht, später wird es hart genug für sie werden. Johnny bleibt diesen Kindern so im Gedächtnis. Er wird ein positiver Teil ihrer Kindheitserinnerungen sein, wenn sie erst groß sind.

Man muss die Kinder lassen, wie sie wollen. Sie machen schon das Richtige. Und man muss sich für sie interessieren. „Zeig mir, was euch gefällt!“, muss man sagen. Die Kinder werden dann erklären, wobei sie sehr stark in Details gehen werden. Und sie werden sich freuen, dass jemand über ihre Interessen Bescheid wissen will. Will man Kinder verderben, muss man sie gängeln und einschnüren, Schule und Erfolg und „Denkt an die Zukunft!“. Wer ständig an die Zukunft denken soll, ist nicht mehr in der Gegenwart daheim, ist es nicht so? Das ist eine Erziehung über Druck und Zwang und wirkt garantiert bei Kindern als Kreativitätskiller. Als Künstler tätig zu sein, wird dann nicht mehr möglich sein.
Ich habe noch etliche Kilometer vor mir, überlegt Johnny. Ich tue das ja freiwillig. Würde mich jemand dazu anweisen, wäre die lange Geherei wahrscheinlich eine Qual. So ist sie ein Spaß für mich.
Morgen kommt Kays neue Freundin zu uns. Sie wird in Kays Zimmer schlafen. Sie besuchen gemeinsam die 1-a-Klasse des Ingeborg-Bachmann-Gymnasiums. Sie soll so ein superfreies Mädchen sein. Die Mädchen in der Klasse bewundern sie. Sie singt und spielt Klavier, später möchte sie Frontfrau in einer Band sein. Außerdem ist sie eine tolle Volleyballspielerin. Ihr Name ist Andi. Mal sehen, wie es werden wird.

Als Johnny am Montag von der Arbeit nachhause kommt, nimmt ihn seine Frau gleich beiseite. „Die Mädchen sind in Kays Zimmer. Alles ist in Ordnung“, sagt sie. „Du Schatz, hast du nicht auch gedacht, dass die Andi Andrea heißt?“ „Ja, eigentlich schon“, erwidert Johnny. „Sie heißt aber Lisa“, fährt Fanny fort. „Ihr ist der Name aber zu kleinmädchenhaft, deshalb will sie Andi gerufen werden.“  „Daran ist ja nichts auszusetzen, findest du nicht auch, Liebling?“, fragt Johnny. „Naja, sie hat auch raspelkurze Haare“, sagt Fanny. „Sie möchte halt wahrscheinlich ein Bub sein“, antwortet Johnny, „das ist doch nicht weiter schlimm, finde ich.“ „Die Andi schminkt ich aber, sehr gut und auffällig“, sagt Fanny. „Ich werde nicht schlau aus dem Mädchen.“
Leise singt sie die erste Strophe des Songs Aquarius aus dem Musical Hair: “When the moon is in the Seventh House and Jupiter aligns with Mars, then peace will guide the planets and love will steer the stars.”

Es ist schön hier, Kay ist ein liebes Mädchen, denkt Andi, als sie im für sie in Kays Zimmer gestellten Gästebett liegt. Ihr kleiner Bruder ist recht lustig. Ihre Mama wirkt sehr bemüht. Sie sollte sich mehr stylen, dann würde sie noch besser aussehen.
Beim Abendessen saß der Vater am Kopfende des Tisches und fragte mich doch glatt nach meinem Berufswunsch. Ich sagte: „Pilotin“, worauf er fragte: „Warum nicht Stewardess?“ „Weil Pilotin besser ist“, sagte ich da.
Das war so etwas von retro, wie 1972.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19036

Geriatrie

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Wenn es sich nur noch schmerzhaft pieselt
und Kalk dir aus den Augen rieselt,
dagegen gibt es keinen Schalter,
das ist das fiese böse Alter.

Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens

Zeichnung und Text von
Yvonne Richter
www.yvonne-richter.de
www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter
www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 18019

Meine Putzfrau heißt Ivan

Der Kübel stand mitten auf dem Gehsteig vor dem Restaurant. Fast wäre ich darüber gestolpert, weil ich gerade die Einkaufstasche auf der Schulter zurechtrückte und dabei in die Lindenallee schaute. Ein Mann balancierte hoch oben auf einer Leiter und putzte eine der Glasscheiben. Es sind sehr hohe Fenster vom zweiten Stock bis auf den Boden. Die Spitzenköchin wirtschaftet als „Die Herknerin“ seit einiger Zeit in dem ehemaligen Installationsgeschäft. Sie hielt die Beine der Leiter fest und gab dem Mann Anleitungen. Ob er die braucht, dachte ich, und machte einen schnellen Schritt zur Seite. Er soll auch die Großbuchstaben INSTALLATI-NEN an der Mauer über den Fenstern waschen, wenn er mit seiner Stange hinaufreicht. Das O war schon dem Installateur abhandengekommen. Günther Leutner war gar nicht mehr zu lesen. Den Namen wusste nur noch ich, weil er später einiges bei mir gerichtet hat. Der Kübel wackelte ein bisschen, und die rundliche Herknerin schüttelte den Kopf:

„Nanana, nicht so eilig.“
Sie hatte es nie eilig, stand immer unter ihren Gästen an den Tischen, drinnen oder draußen.
„Oh, Entschuldigung, hoppala, ist eh nix passiert.“
Da kletterte der Mann von der Leiter herunter und drückte den Schwamm aus. Im Kübel schäumte das Wasser dunkel.
„Muss weksel, ok, passt?“
„Gutgut, weißt eh, Ivan, im Gang hinter Budel, gell.“
Während der Mann sauberes Wasser holte, sprach ich die Meisterin der Wiener Küche an:
„Glauben Sie, ob ich ihn mir ausborgen kann?“
„Sicher, fragen Sie ihn, der Ivan sucht eh immer eine Arbeit.“
Da kam dieser Ivan aus dem Schankraum wieder auf die Straße.
„Würden Sie auch bei mir in der Wohnung die Fenster putzen?
Acht Stück hab ich, da vorne wohne ich, auf Nummer 39, gleich da drüben.“

Wir vereinbaren den nächsten Montag, 9. Jänner um neun Uhr Früh. Das kann man sich merken. Ich erkläre ihm noch die etwas eigenwillige Gegensprechanlage an unserem Haustor und wir verabschieden uns.

Mir fällt auf, dass er kein Handy bei sich hat. Da nehme ich eine alte Hofer-Rechnung aus meiner Geldbörse und schreibe ihm meine Adresse, Tag und Uhrzeit auf. Zur Sicherheit.

Es kommt der Montag, neun Uhr, und Ivan ist zehn Minuten zu spät. Da Pünktlichkeit, das heißt Verlässlichkeit, für mich eine Form von Respekt ist, gehört sie zu den von mir eingeforderten Kardinalstugenden. Ivan entschuldigt sich damit, dass das Tor nicht aufgegangen sei.
Sie hätten doch bei 34 läuten müssen oder bei meinem Namen, aber es hat hier nicht geläutet.

Okay, wenn er bei mir arbeiten will, werde ich ihn mir schon herrichten. Hab ich bei anderen auch schon gemacht. Zumindest versuchen werde ich es. Ich war nicht immer erfolgreich. Von dem Majstor Tschiko, einem Rom aus dem serbischen Poscharewatz, musste ich mich schnell trennen, weil der nicht nur Stunden vertauschte, sondern ganze Tage. Einmal kam er nicht zum verabredeten Termin, weil es angeblich geregnet hat. Und bei Regen kann man ja nicht Fenster putzen. Bei ihm hat‘s vielleicht geregnet, nicht bei mir. Ich weiß nicht, wo er wohnte. Außerdem hat er ziemlich bald zu betteln begonnen: Enkelin braucht Computer, Tochter Mantel, er selbst Handy, gut für Arbeit, Kundschaft.

Ivan will kein Frühstück, keine Jause, nur Tee und Zigaretten.
Er ist begeistert von meinem Orangentee und nimmt keinen Zucker. Etwa 35 Jahre alt, klein gewachsen, rotblond, leichter Buckel, frühe Glatze, nicht sehr gut genährt und ein Gebiss mit zahlreichen Lücken. Eine schnelle ethnologische Diagnose: Armut, Dauerarmut, Fundamentalarmut.
Ich setze mich mit meinem Kaffee zu ihm an den Esstisch, und das Frage-Antwort-Spiel beginnt.

Er ist Bulgare und lebt seit fünfzehn Jahren in Wien. Sein Deutsch ist ganz passabel, man kann sich fließend mit ihm unterhalten. Er hat es sich selbst beigebracht, und er schaut viel fern.
Gelernt hat er in Bulgarien Maler, sagt er, kriegt aber als solcher keine Arbeit, weil die keine Ungelernten nehmen oder nur fünf Euro in der Stunde zahlen. Länger hat er als Gärtner-Gehilfe in Himberg gearbeitet, aber sein Rücken ist kaputt, er konnte die schweren Scheibtruhen mit Erde und die Blumenkisten nicht mehr schleppen. Dann Autowäscher in einer türkischen Garage, ging auch nicht mehr.
Türken nix gutte Leute.
Wer sind denn gute Leute?
Die Österreicher.
Alle anderen sind schlecht?
Ja, Ausländer alle nix gutt.
Bulgaren auch nicht?
Das sind die Schlimmsten.
Er muss das wissen.

So, jetzt aber an die Fenster. Ivan hat seine eigene Ausrüstung mitgebracht, meine sei auch nix gutt. Er sei Profi mit einer Profi-Ausrüstung. Voll Stolz zeigt er mir die Teleskopstange mit drei verschiedenen, auswechselbaren Kopfstücken: für Bürsten, Schwämme und Trockentücher. Er arbeitet sehr genau, aber auch sehr langsam, trödelt, wie ich finde, dabei kriegt er pro Fenster bezahlt, nicht nach Stunden. Das habe ich mit ihm ausgemacht, und er war einverstanden. Vielleicht hat er das vergessen.
Wieder Tee- und Zigarettenpause, er will noch immer nichts essen. Er sagt, er habe zu viel Zucker und sei zu dick. Dabei klopft er sich auf den nicht vorhandenen Bauch. Ich habe ihm zwei dicke Schinken-Käse-Semmeln mit Ei und Salat, eine Banane, ein Fruchtjoghurt und eine Topfengolatsche vorbereitet und packe ihm alles ein.
Vielleicht später.
Da erzählt er, er werde das seiner Schwester mitbringen.
Ah, er hat eine Schwester.
Ja, die ist gerade aus Bulgarien angekommen und sucht Arbeit.
Leider, mehr hab ich nicht.

Er schaffte in fünf Stunden nur vier Fenster, da riss mir die Geduld, ich musste ihm ja beim Aus- und Einhängen der Oberlichten immer assistieren. Immer wieder rief er mich von meinem Schreibtisch weg:
Madame, bitte.
Wer hatte ihm das Madame beigebracht?
Also machte ich einen zweiten Termin mit ihm aus.
Wieder nächsten Montag um neun Uhr, aber pünktlich diesmal! Ich schreibe ihm noch einmal alles auf. Ich bemerke, dass er nicht auf den Zettel schaut, sondern meine Worte memoriert. Später sehe ich, dass er das Papier auf dem Tisch liegen gelassen hat.
Da schwant mir, dass Ivan Analphabet ist; deswegen hat er die Gegensprechanlage nicht bedienen können und musste warten, bis jemand anderer die Türe aufmachte.

Es war an diesem Jänner-Montag eisig kalt, und Ivan kam ohne Mütze, Schal und Handschuhe. Nur eine kurze Blouson-Jacke aus gestepptem Ostblock-Jeansstoff. Seine Putz-Utensilien trug er in einem großen Billa-Plastiksackerl. Also kramte ich sofort eine Ikea-Tasche hervor, dazu eine Wollhaube, die ich vor Kurzem auf der Straße gefunden hatte, gefütterte Lederhandschuhe, die mir immer schon zu groß waren, und einen warmen Schal, kariert. Toll, fand ich und führte ihn vor den Spiegel im Vorzimmer. Er lächelte schief hinein, ein Foto von ihm zu machen lehnte er ab.
Nicht nur ungesund zu frieren, sondern sonst finden Sie keine Arbeit. Die Leute schauen auf die Kleidung. Je armseliger man aussieht, desto armseliger bleibt man. Kleider machen Leute, das verstand er nicht.
Aber meine Belehrungen hat er sicher nicht gebraucht, wie es läuft, das wird er in den fünfzehn Jahren in Wien schon mitgekriegt haben.
Ich stattete ihn noch mit drei Gläsern Marmelade und einigen Packungen aus dem Tiefkühlfach aus – meine selbst gemachten Vorräte, die ich hauptsächlich aus Entspannungsgründen produziere.

Später habe ich bei der Volkshilfe nebenan einen dicken, langen Pullover gekauft, dazu ein Flanellhemd mit männlichem Karo und zwei Pullunder. Zusammen 13,50 Euro.
Dazu ist die Volkshilfe da.
Nach der Arbeit gehe ich mit Ivan zum kroatischen Reifenhändler an der Ecke Floragasse. Der jammert immer über zu viel Arbeit, und keiner will arbeiten. Alle wollen nur Geld, trinken und bembembemti, und er hält dabei den Kreuzschraubschlüssel hoch. Interessant, auf Kroatisch stottert er.
Mirko bedauert, gerade jetzt hat er zwei gute Helfer gefunden. Da schau an. Ich sehe keinen Arbeiter rund um sein Geschäft.
Die haben heute frei.

Ivan sieht sich bestätigt.
Sag ich doch, Ausländer nix gutte Menschen.
Mirko kommt aus Waraschdin (wie die Rosen), ist vierzig Jahre in Wien. Kein Flüchtling, ein echter Gastarbeiter, schon sechsunddreißig Jahre mit österreichischem Pass.
Ich gehe mit Ivan weiter zur Diskonttankstelle am Naschmarkt. Die drei Männer in der Halle winken schon von Weitem ab, keine Arbeit. Keine weitere Erklärung.

Es ist immer noch kalt, sehr kalt. Später habe ich bei der Volkshilfe nebenan einen dicken, langen Pullover gekauft, dazu ein großes Herrenhemd aus Flanell, großkariert in Blaugrün und zwei gestrickte Pullunder. Alles zusammen um 17,50 Euro. Genau dazu ist die Volkshilfe da.
Also, Ivan kommt am nächsten Montag tatsächlich pünktlich, hat aber wieder nicht unten angeläutet. Wieder ohne Mütze, Schal und Handschuhe. Auch zu dem Billa-Sackerl für seine Gerätschaft ist er zurückgekehrt.
Ivan, wo sind die Sachen?
Ach, brauch ich nicht, mir ist immer so warm, der Schwester gegeben. Frauensachen.
Ok, geht mich nichts an, ob er’s verkauft oder in ein Kanalloch steckt. Geschenkt ist geschenkt.
Aber es ist verdammt kalt heute, minus sieben.
Macht nix, fahr U-Bahn.
Wohin?
Bis Ottakring, dann noch ein Stück zu Fuß. Nix weit.
Diesmal schaffte er die vier Fenster in vier Stunden. Passt, genau wie der Stundenlohn. Dann wieder ein Gespräch bei Tee und Zigaretten. Stolz erzählt er mir, er hat sich jetzt auch so einen Orangentee gekauft. Wärmt.

Wie heizt er denn seine Wohnung?
Nix Wohnung, ein Zimmer.
Früher hat er einmal mit einem elektrischen Heizstrahler geheizt, bis die erste Rechnung kam, die konnte er sich nicht leisten.
Ich entscheiden, essen oder heizen.
Aber diese Woche kamen er und seine Schwester mit meinem Essen durch, und sie konnten ein bisschen einheizen.
Was macht er, wenn es kalt ist?
Er liegt im Bett und schaut TV.
Jetzt fällt der Groschen: Er brodelt mit der Arbeit herum, weil es bei mir warm ist. Arbeit als Broterwerb und Wärmestube. Er hat jede Menge Zeit.
Diesmal bekommt er ein paar Decken mit nach Haus, warme Socken und einen Bettvorleger. Natürlich auch wieder reichlich von meinen Essensvorräten und eine Tee-Packung mit Winterzauber. Oder waren es die Kaminträume?

Eigentlich habe ich keine Fensterputz-Arbeit mehr für ihn, aber ich lade ihn doch zu einem weiteren Termin ein. Es gibt in meiner Wohnung noch eine Glastüre, ein Innenfenster zwischen Küche und Badezimmer und zwei Türen mit Glasziegeln. Die putze ich in der Regel selbst. Aber ich nehme mir vor, Ivan über die kältesten Wochen zu bringen.

Er kommt wieder halb angezogen, aber um Punkt neun.
Gleich an der Tür strahlt er mich an: Er hat sich ein Handy gekauft, gebraucht, dreißig Euro. Sein erstes. Er hat erstmals dreißig Euro übrig gehabt. Profit. Sieht er sich auf dem Weg zum Millionär?
Wie geht das?
Eine zweite Putzstelle.
Alte Frau wie Sie, ehm, wirklich alte, nicht weit von hier, hat große Wohnung mit dreizeh Fensta.
Ich frage, ob die etwa in Schloss Schönbrunn wohnt.
Wie? Wo? Schönbrunn?
Er versteht meinen Witz nicht.
Fünfzehn Jahre in Wien, aber in Schönbrunn war er noch nicht.
Er kennt praktisch nichts, was nicht an der U3 liegt.
Wien zwischen Ottakring und Simmering. Eigentlich nicht wenig.

Diesmal frage ich ihn, ob er das nächste Mal die Böden feucht wischen und die Teppiche saugen könnte. Ich denke an seinen kaputten Rücken, aber immerhin muss er nicht schwer tragen oder heben.
Klar ist er einverstanden. Aber seine Schwester könnte auch putzen. Nein, nein, ich kenne sie nicht, das will ich nicht, sie spricht null Deutsch, und an den Ivan hab ich mich schon zu gewöhnen begonnen.
Schon beim ersten Zimmer wird mir klar, dass Ivan nicht das geringste Gefühl für eine Wohnung und ihr Mobiliar hat. Wenn er etwa einen Sessel, den Schirmständer oder einen Blumenstock wegrückt, kommt er nicht auf den Gedanken, ihn nach dem Wischen wieder auf seinen alten Platz zu schieben. Er hat wahrscheinlich noch nie in einer richtigen Wohnung gelebt. Er hat absolut kein Raumgefühl. Die Gemälde an den Wänden nennt er „Fottos, viele scheene Fottos haben Sie!“ Die Bücherwände dagegen beeindrucken ihn nicht. Was er sonst noch sieht und was ihm gefällt, weiß ich nicht.

Meine Freunde, denen ich von Ivan erzähle, sind entsetzt. Und so jemanden lässt du in deine Wohnung? Hast du keine Angst? Nein, hab ich nicht. Er wird mich doch nicht abkrageln, er will Geld verdienen, und dazu braucht er mich. Er hat noch nicht aufgegeben, er sitzt nicht auf der Straße und bettelt. Ich finde Ivan ganz toll.

Bevor er den ersten Teppich angeht, bitte ich ihn, die große Jukka-Palme zu verschieben und den Stab, mit dem sie gestützt wird, geradezustellen; ganz oben an der Spitze soll er sie mit einem Band anbinden. Ich sichere die große Leiter, Ivan steigt hinauf, und ich halte ihm einen dicken Spagat hoch. Ich sehe, wie Ivan die Schnur um die Spitze wirft, zwischen den Blättern herumnestelt, aber die Schnur gleitet immer wieder zu Boden oder bleibt irgendwo in den Blättern hängen.
So geht das mehrmals, bis ich frage:
Ivan, was ist los? Schlinge rum um den Stamm und den Stab und Masche machen.
Es geht nicht.
Kommen Sie runter!
Mir reißt der Geduldsfaden, und ich steige selbst hinauf.
Er soll die Leiter sichern.

Da sehe ich, dass er an seinen Sportschuhen keine Schnürsenkel hat, sondern Klettbänder wie kleine Kinder an ihren ersten Schuhen.
Ivan kann keine Maschen binden.
Er gibt es genant lachend zu.
Kommt man so durchs Leben? Ja, es geht.
Ich fange mit ihm zu üben an.
Hat er das nicht von seinen Eltern gelernt?
Eltern tot.
Im Kindergarten?
Nein, er war nicht im Kindergarten, sondern im Kinderheim. Waisenhaus?
Ja, aber nicht in Sofia, sondern in einer Stadt am Schwarzen Meer. Schöner Strand, ich war einmal in Varna, am Goldstrand.
Blöder geht‘s nimmer. Ich beiße mir auf die Zunge.
Ivan wird unruhig, er will die Maschen zu Hause üben, ich gebe ihm die ganze Spagatrolle mit.

Wahrscheinlich habe ich mit Ivan eines von diesen Waisenkindern in Ostblock-Heimen kennengelernt, für die wir nach den Schreckensbildern im Fernsehen eifrig gespendet haben. An Pater Sporschill, zum Beispiel.

Ich habe ihn nie wieder gesehen. Er kam einfach nicht mehr, spurlos verschwunden, vom Erdboden verschluckt oder von sonstwas. Ich kann ihn nicht einmal suchen, bemerke ich, seine Handy-Nummer habe ich nie aufgeschrieben. Ich mache mir Sorgen, wegen der anhaltenden Kälte. Eine Freundin, eine ehemalige Sozialarbeiterin, will mich beruhigen: Solche Leute wissen, wo sie sich wärmen können. Westbahnhof, Gruft, Praterstern. Hoffentlich hat er noch die alte Frau mit den dreizehn Fenstern. Aber wie oft kann man die Fenster putzen? Bei minus neun Grad? Vielleicht ist er an seine Goldküste zurückgekehrt? Dieser Winter war besonders lang und kalt, ein richtiger Winter wie früher.

9.7.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17148

Die geduldigen Seelen

Es gibt sie, die geduldigen Seelen
Die bei einem Gläschen Wein
Selten von sich selbst erzählen
Sondern schlicht ihr Ohr herleih‘n

Und sie nicken dann und wann
Und sie hör’n sich alles an
Leidenvolles Liebesleben:
Mal fehlt die Frau, mal fehlt der Mann

Tatsächlich fehlt es meist am Geld
Was man den geduldigen Seelen
Unweigerlich in Rechnung stellt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17091