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Das Lacoste-Krokodil

Ein Ärgernis, das sich nicht gehört,
ist ein Krokodil am Tennis-Shirt.
Diese vertrottelte Idee
überkam einst den Lacoste René.

Glaubt ihr, mit einem Krokodil
wird besser euer Tennisspiel?
Gibt euch’s Reptil am Platz mehr Biss,
und schützt vor einem Kreuzbandriss?

Ach, näht mich in Wimbledon und in Dover
weiter auf Shirts und bunte Pullover.
Euer Markenkult ist mir zwar fremd,
aber ich bleib als Logo auf dem Hemd.

Ich mach mit beim bescheuerten Spiel –
auf dass ich von Textilien schiel;
solang ihr für Handtaschen und Schuhe
die Haut meiner Kinder lasst in Ruhe.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23004

Der Teddybär

Der angesabberte Teddybär
hat genug, er mag nicht mehr.
Ihm fehlt ein Ohr, ein Aug ist lose,
zerrissen die einst hübsche Hose.

Er geht zurück in die Spielzeugfabrik
Sein Auftritt dort ist nicht sehr schick.
„Ich will nochmals von vorn anfangen“,
ruft er stolz mit heißen Wangen.

Er sagt: „lch geb mich selbst zurück!“
Dann sieht er ein: Das ist verrückt.
„Ein Auslaufmodell bist du – zu alt“,
erklärt ihm der Sachbearbeiter kalt.

Teddy geht aufs WIFI – es muss her
eine flotte Umschulung zum Stachelbär.
Beim Infoabend flüstert ihm sein Nachbar:
„Das ist genetisch noch nicht machbar.“

Oh Gott! Irgendwann muss dieser Idealist
ein Plätzchen finden, wo er glücklich ist!
Wo man ihn aufnimmt, so wie er ist –
auch wenn der Reim derselbe ist.

Teddy gelangt in den finsteren Wald.
Er ist einsam, doch dann trifft er bald
eine Herde mit plüschernen Rehen –
nun wird er glücklich, ihr werdet sehen!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22130

Die Hausstaubmilbe

Ich wag es kaum, mich vorzustellen,
bin doch beliebt wie Salmonellen.
Um euch den Tag nicht zu verderben,
müsst ich auf der Stelle sterben.

Ich bin eine Hausstaubmilbe,
Betonung auf der ersten Silbe.
Bin euch näher, als ihr glaubt,
viel näher als der Liebsten Haupt.

Zwar bin ich mikroskopisch klein,
halte ich eure Polster rein –
indem ich, wie wohl jeder weiß,
eure Hautschuppen verspeis.

Also bitte, kein böses Wort,
sonst bin ich irgendwann mal fort.
Sind unsere Bande auch sehr lose,
leben wir doch in Symbiose!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23001

Der Transgender-Zwölfender

Das brünftige Röhren im Herbst,
die ewigen Kämpfe ums Revier
und dieses Imponiergehabe –
das hängt mir längst zum Hals heraus.

Ich verrat euch was: Ich spür’s in mir,
mit jeder Faser meines Leibes:
In mir drin, da schlägt das Herz
einer sanftmütigen Frau Hirsch.

Sehr feminin, sehr fürsorglich,
gefühlsbetont und liebevoll;
stets aufopfernd für das Rudel,
kurz: die perfekte Hirschkuhfrau.

Ich muss wohl einen Tierarzt finden,
der gern was dazu verdienen will –
mit einem neuen Spezialgebiet:
wildtierische Geschlechtsangleichung.

Er kann, er soll am OP-Tisch machen,
was mich vom Hirsch zur Hirschin macht –
nur eine Sache muss ich deponieren:
Ich möcht mein schönes Geweih behalten!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22127

Die Motte

Ich bin eine fröhliche Motte
und trag den schönen Namen Lotte.
Ich tanz für euch so gern im Licht,
doch darauf seid ihr nicht erpicht.

Im Gegenteil: Ich bin leicht, sogar sehr,
doch ihr macht mir das Leben schwer.
Seht ihr mich, tut ihr die Fäuste ballen
und jagt mich, stellt gemeine Fallen.

Sagt mir, was genau kann ich dafür,
dass ich herumflieg als Mottentier?
Wir haben dieselben Interessen,
vor allem wenn es geht ums Essen.

Ich lieb, wir ihr, Müsli, Nüsse, Mehl,
doch tauch ich auf, schaut ihr nur scheel.
Dabei ist genug für alle da,
für mich und meine Kinderschar.

Habt Dank nun fürs andächtige Lauschen,
meine Schwestern haben, während wir plauschten,
in Ruhe verschmaust euren Proviant.
Was sagt ihr jetzt? Ist doch allerhand!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22126

Die Kanarienvögel der Kohlengrube

Wir waren Warner der Minen;
fielen um, wenn Kohlenmonoxid
Schächte und Stollen füllte.

Zu Tausenden erstickten wir,
damit die Ausweidung der Erde
stets munter, sorglos schritt voran.

Doch – wartet nur; wir haben Tonnen
an Grubengas in uns gespeichert.
Irgendwann lassen wir es raus.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22125

Der Dürer-Hase

Seit mehr als fünfhundert Jahren
hock ich hier und warte drauf,
dass irgendwann mal was passiert.

Vielleicht strahl ich Ruhe aus;
doch Leute, bitte irrt euch nicht –
in mir brodelt ein Vulkan.

Der Rahmen ist mir viel zu eng;
ein Sechzehntel Quadratmeter Platz!
So viel zum Thema artgerecht.

Hab meinen Frust und Hasenzorn
stets in mich hineingefressen –
sieht man das nicht am Aquarell?

Doch bald ist es so weit: Ich spring auf,
verlass das Bild. Warum ich’s tue?
Meines Zornes Grund verrat ich gern:

Ich sah Millionen Europäer,
Chinesen, Amis und Japaner,
auch Russen, Araber sonder Zahl.

Das ist ja alles gut und schön –
doch ich möcht ein Mal im Leben
einen anderen Hasen seh’n!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22124

Die Martinigans

November ist’s und die Martinigans
plagen düstere Ahnungen.

Schwer ihr Körper, schwer die Gedanken;
im Hals spürt sie Verspannungen.

Dann die Idee! Sie tauft sich um
auf den schönen Namen Franz.

Der Trick gelingt und die Franzigans
bleibt heuer zu Martini – ganz.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22123

Der einsilbige Dachs

Ihr fragt euch sicher – oder auch nicht,
warum der Dachs so wenig spricht.

Nun – wer nur aus einer Silbe besteht,
dem verschlägt es schnell die Red‘.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22122