Schlagwort-Archiv: fantastiques

Regenbogenmann

Als wären hundert Regenbögen gebrochen
und ihre Farben in den See gefallen.
Millionen Farben, alle, die man sich nur vorstellen kann.
Ich bade im See, schwimme durch seine Lichter.
Und steige ich aus dem Wasser,
habe ich selbst die Farben angenommen.
Meine Haut glitzert von Rot bis Violett.

Der Kleine See in der Nacht des 20. November 2020, bearbeitet

Der Kleine See in der Nacht des 20. November 2020, bearbeitet

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21022

Traum im Hof

Laufe dir hinterher
ich frage dich
rede auf dich ein
voller Zynismus
Groll
Trauer
Warum hast du ein Erdbeben ausgelöst?
Du ignorierst mich
bin wie ein Geist
gehst weiter
Alleine im Hof bleibe ich zurück

Beim Aufwachen
stelle ich fest
den Hof gibt es
ein Gespräch gab es nie

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21014

Besuch aus der Hölle

Plötzlich steht der Miniatur-Bocksfüßige vor mir. Aus dem Nichts geboren. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, sagt er. „Was machst du denn hier, Kleiner?“, frage ich. „Ja, es ist so: Eigentlich sollte ich dich ja mitnehmen, aber wenn du ein heißes Plätzchen für mich hättest, könnten wir darüber reden.“ Er steht direkt neben dem Sparherd, den ich tüchtig eingeheizt habe. Draußen ist es kalt, im Dezember. „Aber natürlich“, sage ich, „gib mir zehn Minuten!“ „In Ordnung“, sagt er, „hat du etwas dagegen, wenn ich mich hier ein wenig umsehe?“ „Nein, überhaupt nicht“, sage ich, „fühl dich hier wie zuhause.“

Schnell hole ich das rosarote Puppenbettchen, mit dem meine Nichte früher immer so gern gespielt hatte, vom Abstellkämmerchen. Sogar ein Deckchen und ein Pölsterchen sind dabei. Ich stelle das Bettchen neben den Sparherd. Zusätzlich einen ockerfarbenen Ohrensessel, den ich auf einem Flohmarkt erstanden habe. Darauf lege ich eine karierte Decke.

Der Kleine kommt gerade aus dem Bad. „Alles ziemlich sauber bei dir“, sagt er. „Na ja, es gibt ja auch reinlichkeitsliebende Bösewichte.“ „Schau mal!“, sage ich und weise mit der rechten flachen Hand zum Sparherd mit dem Puppenbettchen und dem Ohrensessel. Zum Glück habe ich eine Wohnküche, die sogar für eine Wohnküche groß ist. „Das kann sich wirklich sehen lassen!“, sagt er. „Ich bleibe, wenn es dir recht ist.“ „Aber freilich ist es mir das!“, sage ich. Wer will schon in die Hölle?

Seitdem sind 1189 Jahre vergangen. Ich lebe mein achtzehntes Leben. Der Miniatur-Bocksfüßige hat sich kein bisschen verändert. Er ist ja auch ein unterirdisches Lebewesen.

Das heilige Teufelchen

Das heilige Teufelchen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21005

Die Außerirdischen kamen

Die Außerirdischen kamen, und wir wussten es nicht. Ihr Schiff war riesig, und wir sahen es nicht – denn es war mit Millionen von Spiegeln besetzt. Sie waren die plündernden Krieger der fünften Dimension. Sie wollten die Rohstoffe der Erde. Die Menschen konnten sie nicht gebrauchen, zu fremd war ihre Biologie. Sie verbrannten sie unter so hoher Temperatur, dass sie als Dampf in die Atmosphäre stiegen. Dann förderten die Außerirdischen Flüssigkeiten, Metalle und Gase. Sie brachten sie in die Lagerräume ihres Schiffes und zogen weiter, zur nächsten Zivilisation einer anderen wenig entwickelten Lebensform.

Hinter dem Wald der Wörthersee mit Maria Wörth und dem Pyramidenkogel

Hinter dem Wald der Wörthersee mit Maria Wörth und dem Pyramidenkogel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20100

Etwas Fell

Als ich des Nachts erwachte
Da lag ein Wesen neben mir
Ich hörte, wie es lachte
Das war so zwischen drei und vier

Es wirkt’ im Fell gepfleget
Und kicherte so vor sich hin
Die Löffel angeleget
Eindeutig, dacht’ ich, ein Kanin!

War’s eins, das ritt’ und schatzte?
Voll Frieden lag’s an meiner Seit’
Manchmal, dass es sich kratzte
So lag auch ich – die längste Zeit

Besah’s und da erfasste
Mich ein Gefühl der Dankbarkeit
Dies wusst’ nicht, wie man hasste
Kanin, doch nicht gewaltbereit

Ich staunte ganz gewaltig:
Vor mir entbrannte Feuer
Die Lohe menschgestaltig
Zwar Frau, doch nicht geheuer

Und Schreck durchfuhr die Glieder
Die Frau da, sie erwachte!
Sie öffnete die Lider
Gleich drauf, dass sie hell lachte

„Du lachst?“, hört’ ich mich raunen
Sie lächelt’ darauf ganz entspannt:
„Zum Lachen ist dein Staunen!
Hast du mich denn nicht erkannt?“

Sie kraulte meinen Barte
Ich zitterte vor Rührung
Da übernahm sie zarte
In der Erkenntnis Führung

„Du bist’s!“, rief ich beglücket
In des Begreifens Höhe
„Ich glaubt’, ich sei verrücket
– Du kennst ja meine Flöhe!“

„Mich wundert dein Gesichte
Mein allerliebster Tor!
Die Nacht hat wenig Lichte
Da kommt sowas schon mal vor!“

Ich schlief drauf ohne Sorgen
Die Nacht, wie sie doch Streiche spielt
Wie hätt sie sich verborgen
Die ich doch grad in Armen hielt

Später, sie war gegangen
Es war schon Tag und auch ganz hell
Das Bett hing über Stangen
Ich hielt in Händen – etwas Fell!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Für jene, die sich vielleicht gefragt haben, was ein Kanin ist … Das Kanin hier zum Nachlesen.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20087

 

Der Weisenrat

Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die Löcher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark gerötet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbrüche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen, die nicht mehr zu gesunden schienen, entstanden Schwellungen.
Etliche Krankheiten hatte sie überstanden, für ihr Alter war es ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Zäh war sie und an ein Aufgeben war nicht zu denken. Von Burn-out über Dehydration bis hin zu Sepsis und Beinahe-Organversagen, alles hatte sie einstecken müssen.
Ihre Freunde und Weggefährten machten sich unglaubliche Sorgen.
„Lang wird sie das nicht mehr machen, wir müssen jetzt einschreiten!“, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.

Eine Woche später trafen sich die Experten an einem warmen Frühlingstag und saßen auf der Wiese in einem großen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ergangen war, wurden etliche Punkte erörtert.
„Es wäre gut, wenn jeder für sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschließend können wir Vorschläge einbringen, wie wir der Alten endlich zielführend helfen können. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps, und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen können.“ Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichmäßiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv grünen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester, und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren spärlich und standen in kleinen, grauen Büscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren üppig und schienen, wie dicke Borsten aus Stroh, kaum zu bändigen zu sein.
„Magst du beginnen?“, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.

Der Mann an seiner Seite hob träge seine alten Hände und räusperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.
„Meine Beobachtungen? Es hat sich nichts geändert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause für die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den Häfen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gewässer versinken schon wieder im Dreck, die Ressourcen werden knapp. Ich befürchte, der Countdown läuft, und die Tage sind gezählt.“

Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und schüttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren solle.
Sie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare glänzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel prächtiger gewesen, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Züge, von katzenhaft über krötenähnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzmündigkeit, alles in ständigem Wechsel.
„Leider muss ich auch Ähnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchträume sind eingeschränkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abgeschlachtet wie vor dem Shutdown, die Würde wird uns geraubt, und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.“

Wieder herrschte Unverständnis, bis ein kaum vernehmliches Krächzen von der nächsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.
„Habt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?“, flüsterte sie leise, und es schien, als hätte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit großer Anstrengung über ihre spröden Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Strähnen über den krummen Rücken.
„Die Stadien sind wieder voll, Großveranstaltungen finden wieder statt, die Flughäfen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir müssen zu unserem letzten Schritt übergehen, bevor uns die Alte krepiert.“
„Das Worst-Case-Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein Ernst?“, fragte der Diskussionsleiter.
Ein Raunen und Schnauben ging durch die Runde.
„Wenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?“, zischte die Atemlose ihre Freunde an.

Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie stützte sich auf zwei Krücken und hatte große Mühe. Ein erbärmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Komm, lass dir helfen“, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kollegen.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt ohne mich einen Plan aushecken?“ Sie schmunzelte, und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wunderschöne Frau gewesen war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.

„Meine Liebe, was sind denn deine Wünsche in Anbetracht der Situation?“, fragte der Vorsitzende.
„Ihr kennt meine Meinung“, antwortete sie röchelnd. „Noch schlägt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gefügig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar lässt ihre Intelligenz sehr zu wünschen übrig.“

„Du weißt aber, was unser Worst-Case-Szenario bewirken könnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von großer Tragweite“, meldete sich ein Mitglied zu Wort.
„Wir müssen es versuchen. Um unser aller Überleben willen!“, zischelte die schlangenhafte Gestalt.
„Ich werde euch sagen, was passieren wird“, sprach die Alte weiter. „Eine Katastrophe wird über die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten würden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Notunterkünfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.“
„Ja, ein Holocaust, aber für uns bedeutet es, dass wir überleben!“, setzte der Vorsitzende fort.

Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. Für mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rund um den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stieß völlig an ihre Grenzen.

Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung für Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelskörper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20084

 

 

Die wilde Maus

Mit besonderem Dank an meine liebe Freundin Elisabeth Mohorko, die mir das Bild der Wilden Maus in die Quarantäne sendete und mich inspirierte.

Ich bin der letzte Mensch auf Erden und ich suche verzweifelt Orte, in denen Menschenseelen herumflattern.
Ich bin so einsam, dass ich das Sprechen fast verlernt habe. Daher schreibe ich alles in meinem Tagebuch auf und hoffe, es eines Tages jemandem erzählen zu können.
Ich besitze eine besondere Fähigkeit: Wenn ich an etwas denke, wird es sofort umgesetzt.
Seitdem es keine Menschen mehr auf der Erde gibt, ist die Luft so leicht, dass sie Gedanken transportieren und verwirklichen kann.
Wenn ich Menschen schreibe, meine ich die ehemaligen Bewohner der Erde, die einen physischen Körper wie ich hatten. Die Seele war nicht bei allen vorhanden. Ich will allerdings die Geschichte der Menschenseelen schreiben, die noch auf diesem Planeten wandern und ihnen dabei meine lesen lassen, damit wir verbunden bleiben.

Ich bin seit zwanzig Jahren auf der Welt und seit zehn Monaten bin ich der letzte Mensch auf der Erde. Was wohl passiert ist? Nichts. Ich bin an einem Frühlingsmorgen aufgestanden und keine menschliche Stimme war mehr zu hören. Ich rannte durch meine Stadt und konnte niemanden, weder unterwegs noch in den Gebäuden, sehen. Ich spazierte durch den Stadtpark und sah nur Tiere. Ich stoppte erschöpft an einem Baum und umarmte ihn. Es war eine Eiche, die mir zuflüsterte: “Sei nicht traurig, du bist nicht einsam. Habe Vertrauen und begebe dich auf die Suche nach Menschenseelen. Du wirst nicht gleich welche finden, aber es gibt noch einige auf diesem Planeten und sie wollen gehört werden!”
Ich blieb noch eine Weile, mit meinen Armen um die Eiche, stehen und spürte ihre Wärme. Plötzlich war ich federleicht und dachte sofort an das tolle Gefühl, das ich am Meer habe. Ich schwimme und schwebe über den Meeresgrund, während alle Sorgen ihre Schwerkraft verlieren.

Nachdem der Gedanke zu Ende  war, befand ich mich im Atlantik, bei Cabo de Maria in Portugal. Es war ein heiβer, windiger Sommertag und ich konnte nackt baden: Niemand hätte mich gesehen! Ich blieb dort eine Weile und fing sogar an, nackt herumzugehen. Meine Haut war, genauso wie Sand und Wasser, Teil der Landschaft.
An einem Morgen war es so windig, dass ich das Gefühl hatte, Achterbahn zu fahren. Ich war lange nicht mehr in Wien und fing an, an den Prater zu denken. Ich schloss die Augen und erwachte auf einem kühlen Sitz in einem kleinen Wagen, der auf einem einsamen Gleis fixiert war. Er bewegte sich nicht, niemand konnte ja die Achterbahn bedienen.
Ich herrschte über den Prater.

Es war ein grauer, windiger Tag und ich fühlte mich wie in einer Freiluft-Geisterbahn.
Das Riesenrad bewegte sich kaum, der Wind lieβ die Kabinen leise quietschen, wie rostige Wimpern eines weit aufgerissenen Glasauges.
Ich war hypnotisiert vom Hin und Her des Quietschens und hörte auf einmal ein “Ich” aus dem “Quietsch, quietsch”. In dem Moment spürte ich eindeutig, dass es sich um eine Menschenseele handelte.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich ausschlieβlich auf die Laute, die mir zugeflüstert wurden.

“Ich heiβe Mario und ich bin der Wächter vom Prater. Ich passe auf die Karussells auf, sie sind meine Lieblingsspielzeuge. Obwohl sie seit einer Weile nicht mehr besucht werden, sind sie poliert und farbenfroh. Täglich hauche ich allen Staub weg, dann reibe ich mir die Hände und feine, glitzernde Sternschnuppen fallen auf die Glieder meiner Puppen. Wenn das Gebimmel vorbei ist, hört man das silberhelle Gelächter der Kinderseelen.
Sie kommen wie ein Hauch Wind und rutschen in die Achterbahnen. Dann springen sie hoch in den Himmel und drehen sich um sich selbst, wie wirbelnde Raketen. Schlieβlich landen sie auf dem Riesenrad, wo sie in einer Kabine einschlafen und wild träumen. Das Quietschen ist die Stimme ihres Unterbewusstseins. Sie sind neugierig und wollen einen Menschen sehen, die Seelen ihrer Eltern erzählen immer wieder von der Zeit, als es Menschen auf Erde gab. Heute bist du wie ein Wunder hier erschienen, und sie werden sich riesig freuen, wenn sie wieder wach werden!
Damit du mit ihnen Kontakt aufnehmen kannst, sollst du deine Kinderseele wieder ins Leben rufen. Schau, du bist genau auf der Wilden Maus gelandet, das Lieblingskarussell der Kinderseelen. Der Wagen auf dem du sitzt, ist durch eine Bremse ans Gleis gefesselt. Die Bremse ist das Lieblingswerkzeug des Menschen, der alles steuern will. Wenn du dich traust, die Bremse zu lösen, wirst du wie die Kinderseelen rutschen und dann hoch in den Himmel springen. Wenn nicht, wird der jetzige Prater eine Freiluft-Geisterbahn für dich bleiben.”

Höhenangst und Schiss vor Geschwindigkeit sind schon immer meine unangenehmen Begleiter. Allein der Gedanke, wild zu rutschen und in die Luft zu springen, war übel, ich könnte gleich ohnmächtig werden. Allerdings vergaß ich dabei meine Sondergabe, Gedanken gleich umzusetzen, und so hörte ich plötzlich das saubere und trockene Geräusch der sich lösenden Bremse. Das Quietschen der lange stillgestandenen Räder folgte. Die ersten Sekunden drehten sie sich noch langsam, und dann ging es richtig los! Mein Herz sprang hoch bis zu meiner Kehle und ich schrie so laut, dass der ganze Prater leicht bebte. Die Kinderseelen wurden vom seltsamen Geschrei geweckt, und ich konnte das neugierige Gebimmel ihrer Stimmen hören. Sie kamen alle zusammen wie eine Schar und rutschten mit mir. Als ein Knick mein Körper aus dem Wagen katapultierte, spürte ich die Kinderseelen um meine Glieder. Sie umwickelten mich und wir sprangen zusammen höher und höher in den Himmel, bis der Prater nicht mehr zu sehen war.
Mein Körper wurde von der Schwerkraft befreit, ich fühlte mich immer leichter und luftiger, wie eine Himmelslaterne.

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20066

 

 

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Konstellationen

Leicht berühren
die nächtlichen Finger
den errötenden Himmel
Sie kitzeln janusköpfige Phantasien,
kichernde Kobolde,
deren Augen
im verschwimmenden Gewölbe
zwinkern
Beflügelt
sind die menschlichen Schritte
Sie wagen die Gratwanderung.

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20053

Das Familienalbum

Ich besuche gerade meine alte Mutter. Es gibt selbstgebackenen Apfelkuchen mit Schlag und Kaffee noch aus der Filterkaffeemaschine in dünnwandigen, alten, kleinen Tassen. Der Apfelkuchen ist wirklich sehr schmackhaft. Auf meinem Teller liegt schon das zweite Stück.

Mutter zeigt mir Fotos aus dem Familienalbum. Auf jedem Foto bin ich zu sehen. Es fängt an mit Schwarzweißbildern von mir als Baby, auf dem Wickeltisch, im Kinderwagen, in der Babybadewanne. Dann folgt ein Foto von mir in der Gehschule, eines von mir mit einem Plüschhasen. Auf einem weiteren bin ich mit Lederhose und Hut mit einem Ziegenbock abgebildet. Ich erinnere mich, dass ich Angst vor ihm hatte. Der Ziegenbock stieß mich mit seinen Hörnern und wollte nicht von mir weggehen.

Das nächste Foto ist das erste Farbfoto, ab hier sind es ausschließlich Farbfotos. Es zeigt mich an einem Strand, ich habe eine blaue Badehose an und trage einen roten Plastikeimer, in dem viele Muscheln sind. Auf dem Foto daneben sitzt meine Mutter auf einem Metallstuhl. Sie hat blonde Haare, blaue Augen und eine etwas burschikose Figur. Auch ohne die dünne Bluse und den Minirock, die sie auf diesem Foto trägt, erkennt man, dass sie eine echte Schönheit ist. Ich stehe neben ihr und breite die Arme aus.

Auf dem dann folgenden Foto sieht man meinen Vater, er hat noch ganz schwarze Haare. Das war in Jugoslawien, sagt meine Mutter, wir sind auf einer Dienstreise mit Papa mitgefahren. Auf dieser Reise waren wir auch in Budapest, da aß ich in einem noblen Restaurant, von dem aus man die Kettenbrücke in der Nacht sah, sehr dünne Palatschinken mit Schokosauce. Weiters waren wir in Rumänien und Bulgarien, wo mir das Rila-Kloster mit seinem Zebramuster im Gedächtnis verblieben ist.
Später in Tschechien oder sonst wo, beim Ort bin ich mir nicht sicher, ging ich meiner Mutter fürchterlich auf die Nerven, weil ich einen roten Heliumballon haben wollte. Wir hielten uns in einem genau rechteckigen, lieblos angelegten Park auf, und nirgendwo war ein Ballonverkäufer. In Warschau kamen wir in der Nacht an, überall standen Soldaten, daran erinnere ich mich, es wirkte bedrohlich.

Auf einem der nächsten Farbfotos halte ich eine große Schultüte. Noch einmal Süßigkeiten, bevor der „Ernst des Lebens“ anfing, wie meine Eltern den Besuch der 1. Volksschulklasse nannten. Später zogen wir um, meine Eltern richteten die Wohnung ein, ein weiterer Umzug, dem wieder einer folgte. Städte, Dörfer, Großstadt, immer waren wir woanders, und ich war nirgendwo zu Haus.
Das letzte Foto zeigt mich mit Sakko und Kinderkrawatte inmitten von vielen Verwandten, es war meine Konfirmation. Ich war vierzehn und hatte Pickel im Gesicht. Nun ist das Familienalbum zu Ende.

Jetzt bemerke ich, dass im hinteren Teil des Raumes eine LED grün leuchtet. Auch aus meinem linken Auge leuchtet es grün. Beides tat es wahrscheinlich schon die ganze Zeit, aber vorhin fiel es mir wohl nicht auf, weil ich zu sehr mit den Fotos und meinen Erinnerungen beschäftigt war. Ich zoome die LED näher und sehe, dass sie an einem kleinen Metallkästchen befestigt ist. Zirka drei Zentimeter links von der grün leuchtenden LED befindet sich eine rote nicht leuchtende, mittig darunter ist ein Wippschalter, der auf Ein steht. Rechts an dem Metallkästchen ist ein Display, auf dem Kurven in Violett, Blau und Schwarz oszillieren, links davon ist ein Drehknopf befestigt.

Später werde ich erfahren, dass ich erst seit diesem Besuch bei meiner Mutter existiere, die nicht meine Mutter ist. Die Erinnerungen sind nicht meine, sondern stammen von Josef, dem Sohn der Frau, bei der ich zurzeit auf Besuch bin. Josef starb mit fünfzehn bei einem Autounfall. Seine Erinnerungen wurden mir induziert. Ich wurde nach seinem Bild gestaltet, in dem Alter, in dem Josef jetzt wäre, zweiundfünfzig. Mein Zweck ist es, den toten Sohn zu ersetzen. Unter meiner Haut aus Polyethylen bestehe ich aus einer leichten Aluminiumlegierung.
Ich bin nicht der, der ich dachte zu sein. Ich bin niemand, habe keinerlei Persönlichkeit, die über meinen Zweck hinausgeht. Ich bin nicht einmal ein Mensch.

Unterwegs im VW Jetta

Unterwegs im VW Jetta

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20024

 

 

 

(Foto: Unterwegs im VW Jetta.jpg von Johannes Tosin)