Schlagwort-Archiv: auszugsweise

Die Raupe im Tequila

„Wünsch dir nichts, denn Wünsche
können in Erfüllung gehen“,
sprach der Schmetterling
zur trinkfreudigen Raupe,
deren Traum es war, einmal im Leben
in Tequila ein Bad zu nehmen.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22142

Das falsche Glühwürmchen

Lars der läufige Leuchtkäfer umgarnt
ein Glühwürmchen, das heller leuchtet
als das Sternenzelt am Himmel.

Lars tanzt und balzt – und sein Verlangen
wächst; und wächst.
Das Glühwürmchen jedoch
zeigt ihm die kalte Schulter
und rührt sich nicht vom Fleck.

Da wird’s dem Lars zu blöd.
Verrückt vor Lust stürzt er aufs Würmchen
und sieht zu spät: Es ist ein Birnchen!
Sein letztes Wort, das ist ein „Pfff“.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23013

Die alten Dichter-Tiere

Das Wiesel verstummt auf seinem Kiesel.
Der Panther im Jardin des Plantes erstarrt,
und die Vögelein schweigen im Walde –
als Amanda Gorman mit gelbem Mantel
und rotem Haarreif die Bühne betritt
und ihre Gedichte ins Mikrofon
der Weltöffentlichkeit schmettert.

Wiesel, Panther und die Vögelein
kehren frustriert beim Branntweiner ein.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23012

Die Rentiere

Im eisigen Wind
des Hamburger Tiergartens
träumt ein verschlepptes Rentierehepaar
von seinem Zuhause:
dem Münchner Tiergarten.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23024

Planet der Asseln

Längst ausgestorben sind
Mensch, Hauskatze und Rind.

Wer hätte das gedacht:
heut’ sind wir Asseln an der Macht.

Statt zu hungern in den Kellern
speisen wir aus gold’nen Tellern

Spinneneier, frischen Kot,
Flöhe, lebendig oder tot.

Wir sind heute auch sehr klug
kennen längst schon Lug und Trug.

Wir legen gegenseitig uns rein –
warum sollen wir was Bess’res sein!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23010

Das liebe Gnu

In Uganda lebte einst ein liebes Gnu,
das beim Pokern nie schummelte
und über die faulen Tricks der anderen
lächelnd hinwegsah.

Heute ziert das liebe Gnu
die Vitrine im Haus eines lieben Großwildjägers.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23009

Das Marswürmchen

Wer hätte gedacht, dass es am Mars
tatsächlich Leben gab – und zwar
bis ins Jahr Zweitausendzweiundzwanzig.

An einem heißen Juni-Sonntag
hat das allerletzte Marswürmchen,
ein zartes Geschöpf mit großen Augen,
dem Fortschritt der Raumfahrt Tribut gezollt:

Es wurde vom Marsrover „Curiosity“ überrollt.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23008

Der Eselspinguin

Erlauben Sie mir, mich vorzustellen,
ohne dass Sie gleich vor Lachen gellen.
Ich weiß, ich bin hier nicht bekannt;
Eselspinguin werd ich genannt.

Sollten Sie glauben, mich gibt’s gar nicht:
In der Antarktis kennt mich jeder Wicht –
von der Robben bis zum kleinen Krill;
aber das ist nicht, was ich sagen will.

Ich möcht euch warnen: Der Eselspinguin
ist für touristische Pläne ein Ruin.
Er lockt keine Urlauber ins Ewige Eis,
und bringt auch nichts fürs Merchandise.

Es interessiert sich halt kein Schwein
– ob jung oder alt, groß oder klein –
für ein so komisch benanntes Tier
und sucht nach seinem Wohnrevier.

Verarscht mich wegen meines Namen;
sagt, ich sei gezeugt aus Esels Samen.
Erzählt herum, ich sei schiach und blöd,
extrem uncool und furchtbar öd.

Gereimter Rede kurzer Sinn:
Mich zu treffen bringt keinen Gewinn.
Ich bleib ein unbeschrieb’nes Blatt
im Buch von Forscher Nimmersatt.

Menschheit, ich kann dir nichts geben –
genau das rettet mir das Leben.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23007

Phönix aus der Asche

Ein Grummeln unterm Aschehaufen,
ein Kratzen, Schaben und ein Schnaufen
wie von einem, ich verrat es dir
auferstandenen Fabeltier.

Tatsächlich, seht, die Asche bebt,
der Phönix sich ins Freie gräbt.
Man sieht den Schnabel, grüne Schwingen
und feurige Augen, die durchdringen.

So taucht er auf, die Klauen breit,
und schüttelt die Asche vom Federkleid.
Er schaut sich um und krächzt „O Graus!
Wie schaut’s hier auf Erden aus?“

Kein Mensch, kein Tier und auch kein Baum.
„Alles verbrannt, ich glaub es kaum!“
Verdrossen senkt er seine Lider;
der Anblick hier ist ihm zuwider.

Was tun? Lang überlegt er hin und her –
der Phönix ist nicht irgendwer.
Dann fasst er endlich den Entschluss:
zurück in die Asche – ist der kleinere Verdruss.

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23006

Der Echte Fuchs (Vulpes vulpes)

Der Echte Fuchs erblickt
auf einem Spielplatz Fräulein Fuchs.

Sein Herz fängt Feuer lichterloh.
„Ich will sie haben – nein, ich muss!
Mit Reimen hol ich mir den Kuss.

„Fräulein Fuchs, seid mein Begehren,
lasst mich Euch die Liebe lehren!
Wir wollen eins werden hier auf Erden.
Frönt der Lust oder seid mein Verderben.“

Fräulein Fuchs bleibt ungerührt.
Sie starrt ins Nichts mit leeren Augen,
ohne Herz und Hirn; ihr Fell aus Polyester,
„Made in China“ – vergiss sie, mein Bester!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23005