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Wieder Kind sein

Manchmal, wenn ein Schmerzpfeil mitten ins Herz schießt und mein Leuchten dimmt,
zu viel negative Ladung in meinem Blut fließt und mir die positive Sicht nimmt,
nichts mehr stimmt, ich jede Veränderung beanstande, weil ich nur noch aus Angst handle,
anstatt aus dem Mut des Herzens. Dann mach ich besser einen cut.
Seh mich lieber an euch satt und nehm die Ladung raus, zieh meinen Bleimantel aus,
tauch in eure Leichtigkeit ein und will genauso begeistert sein wie ihr,
wenn ich mit ungebremster Leidenschaft ganz kreativ neue Welten schaff,
will im Agieren die Zeit verlieren und häng mich voll in den Moment hinein, um wieder
Kind zu sein.

Dann bin ich wieder echt und gerecht, denk nicht von allen andern schlecht,
schau nicht ins Gestern, nicht ins Morgen und vergesse alle Sorgen.
Steh voll für das ein, was ich seh und fühl, wenn ich mich beim Höhenflug im Sinnesrausch
auf Wattewolken abkühl, und Berechnung gegen Ehrlichkeit eintausch.
Und hör dabei auf mein Herz. In dem das Lebensfeuer Flammen schlägt,
das meine Seele trägt und Lebendigkeit raucht, die ich so dringend brauch,
bis es wieder so schön kribbelt im Bauch, weil wir im Himmel einen Looping drehn
und die Wolken von oben sehn, wenn wir nach den Sternen greifen uns mit Dopamin
einseifen.

Vielleicht lohnt es sich auch für dich, die Welt mal wieder aus der Sicht
eines Kindes zu erfassen, ganz gelassen und unbefangen zu tun, was dein Herz dir sagt,
Verpflichtungen zu lassen und mit Vertrauen in dich selbst und auf sanften Sohlen neue
Wege zu entdecken, um ganz unverhohlen deine Neugier zu wecken, mit Achtsamkeit und
Geschick den Blick auf Kleinigkeiten lenken, dem Sinnescocktail Natur pur Gehör schenken,
einfach nichts denken und von ganzem Herzen lachen, deinen Nachbarn eine Freude
machen. Und mal wieder ehrlich zu dir selbst zu sein, um wach und mit Lust in dieser Welt
zu sein. Sie mit den Augen eines Kindes zu begutachten und danach zu trachten, vieles
anders zu machen.

Claudia Lüer
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www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 22143

 

Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist

„Kinderlachen ist wichtiger als Geld“,
sagst du, also hab ich mir neue Laufschuhe bestellt,
damit ich schneller rennen kann.
So hetz ich hinterher, will es einfangen, festhalten,
einfrieren, zweifrieren, will die Schallwellen und Gefühle pausenlos verwalten.
Neulich habe ich sogar die Wände damit beklebt,
sodass mir auch ja kein einzigartiger Moment entgeht,
denn nur so können sich die Schmerzen in meinem Herzen nicht entfalten.

Ich will einfach nicht verstehen, dass Momente vergänglich sind.
Dass sie schneller sind als der Wind und in einem Sprint
immer auf der Überholspur und dabei längst nicht mehr die alten sind.
Denn wenn ich was Schönes erleb, dann sag ich:
„Lass es uns wieder tun!“ Doch noch im selben Moment ist mir klar,
dass nichts so bleibt, wie es war.
Dass jeder Moment wie ein funkelnder Diamant ein Unikat ist und
im Zeitstrom unseres Lebens nicht wiederkehrt. Verrinnt.

Und du sagst, dass die Momente wie Sterne sind, die verglühn
und nur in unseren Herzen weiterblühn.

Dann will ich ein Sternendieb sein! Und ich schultre mein Gewehr,
bin auf der Jagd und hetz hinterher,
will sie einfangen, festhalten und glatt polieren,
will mich verausgaben, alles tun, um ihren Glanz zu konservieren.
Will sie in meine Seele brennen, damit sie für immer bleiben.
Und du siehst dabei zu, wie ich die ganze Farbpalette meines Herzens
verbrauche, um sie wieder bunt anzupinseln,
weil ich es nicht ertrage, wie sie in mir gefrieren und ihr Strahlen verlieren.

Und du sagst, dass die Momente wie Sterne sind, die verglühn,
und nur in unseren Herzen weiterblühn,
wenn ich sie lasse, wie sie sind. Sie loslasse,
weiterziehe, meinen Weg damit schmücke
mich ab und an nach ihnen bücke, aber dann wieder nach vorne blicke,
weil ich sonst den Moment, in dem ich gerade bin, verpasse,
an den ich mich irgendwann erinnern könnte, wenn ich wollte,
mit dem ich Spuren hinterlasse.

Und wenn ich eines Tages stehen bleibe, dann hab ich großes Glück,
wenn du noch bei mir bist. Und wir denken gemeinsam an all das zurück,
was schön war, können das Lachen der Kinder mit Zeit begießen.
Denn wenn es bunt und üppig weiterblüht, wird es auch in ihre Herzen fließen,
und wir beide, wir sind im großen Universum ja auch nur ein Moment,
der verglüht … Aber das ist gar nicht mehr so schlimm,
denn du hältst meine Hand, lachst mich an und sagst,
dass ich nicht vergänglich bin.

Claudia Lüer
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erschienen in: Christoph-Maria Liegener (Hrsg.):
8. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2022, Tredition-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 22136

Gegenwind

Es gibt Dinge, die ich nicht ändern kann, doch es dauert lang,
bis die Rebellin in mir schweigt, und solang
lass ich nichts unversucht, wenn ich, das Herz in der Hand,
mit wachem Verstand und Bärenkraft den Wind einfang,
um ihn zu drehn, auch wenn’s sein kann, dass ich ihn dann gegen mich hab.
Doch ich gebe nicht auf, fließe bergauf, tune meinen Gang, maskier meine Hände
und gehe durch Wände. Lass die Luft aus den Wolken und lebe das Leben
von hinten nach vorn, will es durchschaun, in Momente zersägen,
bis ich den einen erwische, die einzige Lücke, in die ich flieh, und mit Macht und Tücke
die Kraft, die mir bleibt, verschwende und alles zum Besten wende.

Doch manchmal reicht das alles nicht aus, weil ich als Sklavin des Systems
längst Teil des Problems bin, die Wildheit in mir dämpfen muss,
das Aufbäumen bekämpfen muss, besser stumpf ertrage, bevor ich mir selbst schade,
mich verliere und mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Sackgasse manövriere.
Das zu erkennen, ist nicht leicht und ein bisschen wie Sterben inmitten von Scherben
einer Illusion. Lebendigkeit weicht, anstelle der Rebellion tritt Resignation,
danach eine wachsende Gelassenheit, denn meine eigenen Grenzen sind erreicht.
Doch die fühl ich nur, weil ich nicht stehen geblieben bin, dann aber rechtzeitig erkannte,
dass der Sturm zu stark war, um an ihm zu wachsen, lass in Liebe los, mach meinen Frieden und kann mit offenen Händen und weiten Flügeln schwingend neue Blüten anfliegen.

Claudia Lüer
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www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 22111

Engel auf Erden

Weil’s sonst keiner tut – sag euch ich, das is g’wiss
Dass a Engel auf Erden – was Himmlisches ist

Was ein Mann davon träumt – das ist unbeschreiblich
Von an Engel, was blond is – und rosig und weiblich
A Frau träumt, der Schutzengel – nimmt s’ fest in Arm
So a starker, schwarzg’schnecklerter – haltert schön warm

Aber bleib ma beim Thema – ein Eng’l wär guat
Wannst sonst niemand hast – der dir hilft und was tuat
Wenn’s einmal g’schissen hergeht – und du brauchst an Rat
Ist a jeder ein Engel – was Zeit für dich hat

Wozu ma an Engl braucht – ist sehr verschieden
Wennst arbeitslos word’n bist – oder krank, oder g’schieden
Wennst ka Zukunft mehr siehgst – wenn sich d’Welt nimmer draht
Wennst alleinig daheim bist – und kein Hahn nach dir kraht

Dann wär wohl ein irdischer – Engel recht fein
das kann auch die grantige – Nachbarin sein
Vielleicht sagt s’ dir, was eigentlich – dein Fehler war
Oft ist nach ein‘ Tritt – in dein’ Hintern alles klar

Dass d’ aufstehst und tuast was – der Zorn gibt a Kraft
Aus Wehleidigkeit – hat noch keiner was g’schafft
Oder ’s fallt dir wer ein – dem ’s grad noch schlechter geht
Und ein’ Eng’l wie Dich – dringend notwendig hätt’?

Da bist wer und kannst was – und es Helfen tuat guat
Du kriagst wieder Wärme – und a Eisen ins Bluat
Miteinander räumt’s dann – den Stein aus’n Weg
Zu zweit ziagt ma leichter – den Karr’n aus’n Dreck

Dann plaudert ma gern – bei an G’spritztn im Garten
Wer an Freund hat, der braucht – auf kein’ Engel mehr warten!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 22066

Johann

Johann arbeitet in einem Elektrotechnikgroßmarkt. Er hält Ausschau nach einem unentschlossenen Kunden. Schon hat er einen ausgemacht.

Johann:
Sehr verehrter Kunde, kann ich Ihnen vielleicht bei der Produktauswahl behilflich sein? Wünschen Sie spezifische Informationen oder eventuell allgemeine? Übrigens, mein Name ist Johann.

Kunde:
Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht!

Johann:
Doch, bestimmt, ich bin die fortschrittlichste Künstliche Intelligenz, die im Einsatz ist.

Kunde:
Aha, wie heißen Sie denn dann wirklich?

Johann:
AKI Bindestrich 739852 Schrägstrich 13 Abstand Halliburton Abstand 2022.

Kunde:
Halliburton wie die Ölfirma?

Johann:
Genau, geschätzter Kunde, ich wurde von einer Spezialabteilung von Halliburton entwickelt. Ich könnte auch auf einer Ölplattform arbeiten.
Die Firma Halliburton wurde 1919 in Duncan, Oklahoma, USA gegründet. Der Sitz der Firma ist in Houston, Texas, auch USA. Der jetzige CEO heißt Jeff Miller. Der Umsatz betrug im Jahr 2018 24 Milliarden US-Dollar. Halliburton beschäftigt derzeit 41 893 Mitarbeiter, mit fallender Tendenz.

Kunde:
Weshalb denn mit fallender Tendenz?

Johann:
Wegen meiner baugleichen Kollegen, wissen Sie?, findiger Kunde.

 Johann lächelt jetzt.

Kunde:
Noch etwas, guter Mann: Warum sehen Sie eigentlich wie Errol Flynn aus? Das ist doch mega-retro.

Johann:
Ja, mein interessierter Kunde. Der Grund ist, dass wir bei einer Umfrage mit 4 314 Teilnehmern feststellten, dass die Kunden dieses Elektrogroßmarktes „Flossen & Söhne“, gegründet 1851, als es noch gar keinen Strom gab, eher ältere Semester sind. Ich kenne natürlich die genauen Daten, darf sie aber nicht weitergeben. Wie darf ich Ihnen nur weiterhelfen, geistesgegenwärtiger Kunde?

Kunde:
Ich interessiere mich für ein Internetradio.

Johann:
Gut, dann gehen wir mal dorthin. Folgen Sie mir, bitte.

Kunde:
Haben Sie denn keine Bedenken, Herr Johann, dass ich mir alles genau erklären lasse und die Ware dann im Internet bestelle, wo sie gewiss mindestens 15 % billiger ist?

Johann:
Vom Aussehen und der Sprechweise wirken Sie wie ein Kunde, der stationär kauft, mein – soll ich jetzt sagen hinterhältiger – Kunde?

Kunde:
Sie haben sich geirrt, ich bestelle alles im Internet, was ich dort bekommen kann. Ich schätze, Sie benötigen ein Update, Herr Roboter Johann.

Johann:
In diesem Fall darf ich Sie nicht weiter bedienen, sagen meine Richtlinien als Electronic Shop Assistant. Es tut mir leid.
Glauben Sie denn wirklich, dass mir das leidtut, geiziger Kunde? Es tut mir nämlich überhaupt nicht leid. Warum soll mir das leidtun, wenn ich jemanden nicht bedienen darf. Das ist mir doch total egal!

Der Staubsaugeroboter

Der Staubsaugeroboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 22060

Mein Freund

Ich kenne deine Not,
ich kenne deinen Schmerz, mein Freund.
Lass mich dir helfen.
Du bist nicht alleine, es gibt Millionen wie dich.
Deine Verzweiflung ist nicht die schlimmste,
deine Traurigkeit ist nicht die tiefste.
Deine Lage wird sich bessern, glaub mir das, mein Freund.
Ich steh dir bei.

Die Dreifaltigkeitssäule auf dem Hauptplatz in Gmünd

Die Dreifaltigkeitssäule auf dem Hauptplatz in Gmünd

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 22055

Das Haarwuchsmittel

Ein modernes Märchen für Erwachsene

Herr Josef Glatz, 52, verwitweter Inhaber eines „Herren-Friseursalons“, hatte nach einem starken Samstagvormittag sein Lokal zugesperrt und sauber gemacht. Nun gedachte er, nach Mittagessen und Siesta, endlich das Hinterzimmer auszuräumen. Oft hatte er einen „Anlauf“ genommen, aber beim Anblick der unglaublich vielen großen und kleinen Flascherln aus Glas und Plastik, der Tiegel, Cremedosen und Zerstäuber aus dem vor drei Jahren aufgelassenen „Damensalon“ war er entmutigt davor zurückgeschreckt und kopfschüttelnd wieder hinausgegangen.

Vielleicht war es heute das zweite Achterl Veltliner zum Schnitzel, vielleicht der gut gemeinte Rat seines Schwagers Rudi, wieder „Ordnung“ in sein Leben zu bringen, die Erinnerung an seine Gattin und ihren Damensalon „loszulassen“. Also los! Mit zwei Kübeln, Kehrgerät und Staubtuch bewaffnet betrat er den muffig riechenden Raum, riss alle Fenster auf und ging ans Werk. Aber wohin mit diesen Shampoos, Haarpflege-Mitteln für trockenes, fettes, dünnes und gebleichtes Haar, den biologischen Säften, den Tönern, Färbemitteln und Entwicklern, all dieser flüssigen chemischen und „Natur“-Kosmetik? Das durfte man nicht in den Abfluss gießen! Aber die halbvollen Gläser und Plastikgebinde waren weder für den Restmüll noch Altglas-Container zugelassen. Deshalb schüttete er den Inhalt aller Gefäße in die beiden Plastik-Kübel, um diese dann montags am nächsten Mistplatz abzugeben.

Als er die fast vollen Eimer in die Ecke stellte, fiel ihm beim Bücken sein Kamm aus der Brusttasche in die schäumende braune Soße des einen Kübels. Beim raschen Griff danach spritzte ihm etwas davon auf den rechten Handrücken. Er spülte den Kamm ab, wusch sich die Hände und staubte die leeren Regale ab, bevor er für heute Schluss machte. Komisch – der betroffene Handrücken juckte leicht! Na ja, kein Wunder bei dieser Mischung. Herr Glatz (von bösen Freunden auch „Glatzen-Pepi“ genannt – er hatte tatsächlich nur mehr einen grauen Haarkranz um den Schädel) machte seinen Nachmittagsspaziergang, aß abends im Schanigarten eine „Saure Wurst“ zum Bier und ging nach dem Rapid-Match im TV schlafen.

Der Sonntag kam und ging ohne besondere Vorkommnisse; seinen noch immer leicht juckenden Handrücken cremte er mit dem Rest einer Cortison-Salbe ein, worauf das aufhörte. Und am Montagfrüh fuhr unser „Pepi“ die beiden Kübel zum Mistplatz. Man wies ihn an, das Gemisch in eine mit „Gefährlicher Sondermüll“ bezeichnete Tonne zu schütten – die Eimer musste er wieder mitnehmen. Aber als er sie – zwecks Reinigung – zu Hause zum Ausguss stellte, fiel ihm auf, dass sein rechter Handrücken mit einem feinen Flaum von dunklen Haaren bedeckt war! Verblüfft verglich er seine beiden Hände – der linke Handrücken war wie immer hell und glatt, der rechte schimmerte dünkler. Da gab es nur eine Erklärung: Das im Eimer mit dem braunen Inhalt (im anderen war eine erbsengelbe Mischung) musste ein zufällig entstandenes, wirksames Haarwuchsmittel sein!!

Herr Glatz fiel auf den nächsten Stuhl und atmete tief ein. Da hatte ihm der Zufall ein Wunder beschert – ihm war gelungen, worum sich die Wissenschaft seit langer Zeit bemühte – er hatte ein wirksames Haarwuchsmittel er-, nein ge-funden!!! Und siedend heiß fiel ihm ein, dass er dieses – ja, Wundermittel – vor einer halben Stunde als „Gefährlichen Sondermüll“ weggeschüttet hatte. Scheiße, warum hatte er nicht vorher auf seine Hände geschaut! Der Kübel wäre Millionen wert gewesen!! Aber zurückholen konnte er das nicht mehr – in der Tonne am Mistplatz waren doch viele andere giftige Stoffe wie Farben, Lösungsmittel und weiß Gott was alles enthalten, da war nichts mehr zu retten. Doch halt – im Kübel war ja noch ein Bodensatz. Dieser wertvolle Stoff musste sofort abgefüllt und aufbewahrt werden, dann wäre wohl noch ein zweiter Versuch am Platz! Sicher ist sicher!

Sorgfältig schabte er mit einer Teigspachtel die Reste aus dem Eimer über einen Trichter in einen leeren Bleikristall-Parfumflacon mit eingeschliffenem Stopfen, dann spülte er den Kübel mit wenig lauwarmen Wasser aus und goss die nunmehr wässrige Lösung in eine Halbliter-Vöslauer-Plastikflasche. „Haarexpress power“ schrieb er auf das Etikett vom Originalstoff, „Haarexpress light“ auf die Mineralwasser-Flasche. Um nicht versehentlich daraus zu trinken, malte er vorsichtshalber noch einen Totenkopf darauf, aber einen mit ein paar Borsten obenauf. Gut, und was wäre jetzt zu tun, um die Wirkung seines „Zauber-Elixiers“ nachhaltig zu testen?

Lange überlegte er hin und her, ob er eine „Testperson“ für dieses Experiment gewinnen sollte, kam aber dann zur Einsicht, dass ein Selbstversuch wohl verantwortungsvoller wäre! Schön. Aber auf welchem Körperteil? Am liebsten hätte er natürlich die volle Haarpracht seiner Jugend wieder am Kopf gehabt. Andererseits – seine Hände mussten doch bei der Arbeit gleich aussehen. Also die linke Hand mit ein paar Tropfen unverdünntem Stoff bestrichen, dann – wie vorgestern bei der rechten – nach fünfzehn Minuten lauwarm abwaschen. Gott sei Dank war bald darauf wieder ein leichtes Hautjucken zu spüren – die Lage war vielversprechend. Und wie beim „Erstfall“ bekämpfte unser Pepi erst am Dienstagmorgen den Juckreiz mit der gleichen Salbe. Vor dem Aufsperren seines Geschäftes reduzierte er noch den schon deutlicheren Haarwuchs am rechten Handrücken mit dem Rasierapparat.

Zwischen den wenigen Kunden dieses Dienstages hatte Herr Glatz Zeit, über die Verwendung seines „Wunderelixiers“ nachzudenken. Vor allem die begrenzte Menge machte ihm zu schaffen: Vom puren Saft war etwa nur 1/16 Liter vorhanden, und ob die „wässrige Lösung“ wirksam war, musste noch herausgefunden werden. An welcher Person wohl? Was konnte man dafür verlangen? Welchen Preis hat ein dermaßen begrenztes Monopol? Und vor allem – wenn das Mittel oder vielmehr dessen phantastische Wirkung nicht bekannt war, würde ja niemand viel Geld dafür bezahlen! Der Stoff musste – nach dem zweiten, positiven Test – bekannt werden!! Nur wie? Aber andererseits, wenn das Mittel bekannt wäre, würden wohl tausende Anfragen kommen – und er hatte nur die paar Tropfen im Bestand!! Also was tun??

Dr. Pöllgruber unterbrach als letzter Besucher diese Überlegungen. Der langjährige Kunde beklagte sich über seine immer größer werdende „Platte“ – man nenne ihn in seiner Redaktion schon öfter „Pröllgruber“, nach der ähnlichen „Frisur“ des ehemaligen niederösterreichischen Landeshauptmannes. So fragte er seinen Friseur, was dieser vom derzeit propagierten koffeinhaltigen Shampoo hielte. Ob das wirklich helfen könne? Glatzen-Pepi wiegte nachdenklich den Kopf: „Nun ja, das ist zwar schon einige Zeit am Markt, aber von einer durchschlagenden Wirkung habe ich noch nichts gehört. In der Innung ist man auch vorsichtig. Ja, Koffein soll die Durchblutung der Kopfhaut anregen, aber das würde eine Massage auch. Dann soll noch ein Medikament gegen Bluthochdruck, es heißt, glaub ich, Minoxidil, als leichte Nebenwirkung einen verstärkten Haarwuchs haben. Auf gesunde Menschen kann man das wohl nicht loslassen. Aber ich bin gerade einer Sache auf der Spur, die mir keine Ruhe lässt. Rufen Sie mich am Freitag an, dann weiß ich schon Näheres, ja?“ Herr Pöllgruber notierte das sofort im Kalender seines Handys und verabschiedete sich optimistisch: „Dann schau ma halt einmal, net?“ Und beim Zusperren streichelte unser Pepi den noch kaum spürbaren Haarwuchs am linken Handrücken. Sehr gut, das Mittel schien zu wirken!

In der Tat, seine nunmehr mit feinen dunklen Härchen bedeckten Handrücken fielen den Kunden auf und lösten sowohl deren Staunen als auch Befangenheit beim Friseur aus. Sollte er nun lügen, dass er seine Hände früher – seiner Frau zuliebe – immer rasiert hätte? Das würde doch kaum wer glauben. Oder die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Oh Gott, das würde ja sofort die Begehrlichkeit von älteren Männern wecken, die aber kaum viel dafür bezahlen würden (sein Salon lag in einem Arbeiterviertel). Fix nochmal, eine plausible Erklärung musste her. Da fiel ihm ein, was seine schlaue Gattin bei heiklen Anlässen immer gesagt hatte: „Mit nix lügt man besser als mit der halben Wahrheit!“ Also er habe unlängst beim Räumen des Damensalons einen Flacon ohne Etikett gefunden, es für Parfüm gehalten und etwas zur Probe auf seine Hände gesprüht – mit diesem erstaunlichen Ergebnis. Und nein, er könne das Mittel nicht „ung’schaut“ an seinen Kunden ausprobieren, weil er Zusammensetzung und Eigenschaften des Stoffs nicht kenne. Außerdem hätte er Eigenbedarf für den kleinen Rest, schließlich sei er auch kein „Struwelpeter“ mehr.

Diesen egoistischen Schutzwall durchstieß donnerstags der „Schweinemörder“ (so wurde der Fleischhauer Schallowitz von bösen Freunden genannt) wie ein Panzer. Der 130-Kilo-Koloss wollte, als er beim Rasieren die behaarten Hände des Friseurs sah, auch gleich seinen nur mehr dünn behaarten Kopf mit diesem Wundermittel behandelt wissen. Und legte, nach Abwehr von Herrn Glatz, glatte 1000 Euro aus der Brieftasche auf den Tisch. Nach neuerlichem Bedenken von Pepi, das Mittel sei nicht ausreichend getestet, es könnte auch Nebenwirkungen haben oder nicht auf jeden Hauttyp ansprechen, und er wolle nicht als Scharlatan verschrien werden, gelobte der Kunde Schweigen, er nehme alles auf sich und versprach, bei sichtbarer Wirkung des Mittels nach vier Wochen noch einen Tausender draufzulegen. Also in Gottes Namen – Herr Glatz sprengte ihm nach der Haarwäsche einige Spritzer des „Haarexpress-light“ auf die Kopfoberfläche und massierte es gründlich ein. Ein leichtes Hautjucken anfangs, so erklärte er, müsse der Kunde in Kauf nehmen. Hoch erhobenen Kopfes verließ Herr Schallowitz den Salon.

„Ist eh schon egal“, dachte der Friseur, als er abends seine Glatze im Spiegel betrachtete, „auf was warte ich noch?“ Und behandelte seine Kopfhaut nach dem Duschen sparsam mit „Haarexpress power“. Immerhin schon ein Extra-Tausender in der schwarzen Kasse! Vielleicht bekam er das Geld für ein neues Auto zusammen – sein uralter Golf hatte letzthin nur mehr mit „Bauchweh“ ein „Pickerl“ bekommen. Über die Shampoo-Reklamen im Fernsehen mit ihren gewagten Versprechungen konnte er nur mehr müde lächeln: „Ihr Schaumschläger mit euren Werbe-Millionen – ich, der kleine Vorstadtfriseur, kann das, was ihr nicht zustandebringt!“

Genau das hoffte auch Herr Dr. Pöllgruber, als er freitagmorgens den Salon betrat: „Guten Morgen, bin ich noch zu früh?“ Glatzen-Pepi begann zu schwitzen – er hatte noch nicht überlegt, wie er dem Stammkunden den Preis schmack- und glaubhaft machen konnte. Verlegen kratzte er sich am Kopf – oh Gott ja, der ersehnte Juckreiz war da! Alles in Butter, das Mittel wirkte! Also holte er den kleinen Bleikristall-Flacon hervor und erklärte: „Sehen Sie, diese Probe ist alles, was ich bekommen habe – mehr gibt’s nicht. Und das hat mich eine schöne Stange Geld gekostet. Ich schlage vor, Sie geben mir vor der Behandlung 1000 Euro als Einsatz; wenn sich innerhalb von vier Wochen Haarwuchs einstellt, gehört das Geld mir, wenn nicht, bekommen Sie es zurück. Und niemand erfährt davon, ja! Ist das okay?“ Der Kunde schluckte – so teuer hatte er sich das nicht vorgestellt; aber andererseits – eine bereits angedachte Haartransplantation kostete sicher mehr als das Doppelte, und dazu noch Auslandsaufenthalt und lange Dauer – also da war er bei seinem vertrauten Friseur wohl besser aufgehoben. „Ist in Ordnung, machen wir’s gleich? Weil ich hab heute einen sehr langen Tag.“ Glatzen-Pepi nickte und legte verschwörerisch den Finger auf den Mund, weil ein Kunde eintrat.

Nach der Behandlung mit dem unverdünnten Treibmittel empfahl er dem Kunden noch die Salbe gegen eventuellen Juckreiz und bat ihn, am Dienstag zum Rasieren wiederzukommen. Der Kunde staunte zuerst, verstand aber dann das zweimalige Augenzwinkern und sagte zu: „Ist in Ordnung, ich zahle gleich, muss noch zum Bankomat gehen.“ Pepi nickte. Prima, der zweite Tausender in der „Auto-Kassa“.

Das Wochenende verging ruhig, aber dienstags kam es dann dick: Als erster Besucher trat fröhlich grinsend der „Schweinemörder“ mit einem in blutiges Papier gewickelten Packerl ein: „Guten Morgen, Herr Glatz, was sagen Sie dazu?“ Er neigte den Kopf und präsentierte den winzigen dunkelblonden Flaum zwischen den vereinzelten längeren Haaren seines enormen Quadratschädels. „Ich hab’s ja kaum glauben können, dass da wieder was nachkommt – da sind zwei schöne Steaks und ein Beiried für Sie! Und den Rest wie besprochen, ja?“ Damit legte er seine Liebesgabe in das Waschbecken und verließ fröhlich pfeifend das Lokal.

Das Ganze hatte auch der soeben eingetroffene Chefredakteur Dr. Pöllgruber gehört und gesehen. Er wollte genauso seine hauchdünne neue „Wolle“ begutachten lassen – immerhin hatte er seinen „Eislaufplatz“ auf der Schädeldecke übers Wochenende fast blutig gekratzt, weil er auf die empfohlene Salbe vergessen hatte: „Was sagen Sie dazu, Herr Glatz, der Ansatz ist ja vielversprechend – aber wird das wieder wie meine früheren Haare? Es scheint mir ein bisserl ins Kräuseln überzugehen – ich meine, ich hab’ ja keine Verwandten in Afrika?“ Der Friseur nach einem Blick darauf: „Aber gehen S’, das kann man erst nach drei, vier Wochen beurteilen. Und was ich mich erinnere, haben Sie seinerzeit leicht gewelltes Haar gehabt. Das wird schon, und vor dem Schlafengehen die Kopfhaut massieren, das regt die Durchblutung an.“ Der Kunde verabschiedete sich beruhigt.

Und gerade beim Zusperren kam nochmals der Fleischhauer in Begleitung eines eleganten, aber total kahlköpfigen jüngeren Mannes: „Kommt eh niemand mehr? Nein? Also das ist der Herr Magister Neunteufel, der Geschäftsführer von Mercedes Wien-Nord. Ich hab vorhin meinen neuen Wagen abgeholt, und wie ich drin gesessen bin, hat er halt gesehen, dass bei mir wieder Haare nachwachsen. Und weil er so darunter leidet, als ein Junger schon glatzert zu sein, hat er mich gefragt, was mir geholfen hat. Sind S’ mir eh nicht bös’?“ Der junge Mann hob verlegen seine Hände: „Guten Abend, es tut mir leid, wenn ich Sie in Verlegenheit bringe, aber wissen Sie, in meiner Familie verlieren die Männer ab 30 schon die Haare, und weil nur ein Kranzl herum auch blöd ausschaut, bin ich lieber total rasiert. Aber welche junge Frau will schon einen Skinhead? Ich werde gerne einen guten Preis bezahlen, wenn Sie mir helfen können!“ Herr Glatz hörte schon an der Stimmlage, dass dieses Problem seelisch tief ging. Vorsichtig erwiderte er: „Wissen Sie, das ist nicht so einfach: Ich habe das Mittel zufällig gefunden, und es ist nur mehr ein winziger Rest da. Ob das bei allen Fällen wirkt, kann ich nicht garantieren, und was tu ich, wenn’s nicht wirkt?“ Herr Neunteufel bohrte gekonnt nach – denn der Schweinemörder hatte ihm einen Tipp gegeben: „Ein Tausender nur für einen Versuch ist okay. Und wenn es Erfolg hat – schauen Sie, den roten Wagen vor dem Lokal können Sie um den halben Preis haben.“ Glatzen-Pepi starrte entgeistert durch die Auslage: Da stand ein junger Mercedes Klasse A, weinrot und glänzend wie ein Neuwagen, mit 18.000 Euro angeschrieben. Wahnsinn – genau so einen eleganten Flitzer hatte er sich immer schon gewünscht! Verlegen meinte er: „Na dann versuchen wir’s halt, nehmen S’ Platz, und – guten Abend, Herr Schallowitz!“

Um es abzukürzen – der letzte Rest „Haarexpress power“ wirkte auch hier. Aber gleicherweise, wie den Friseur die eigene, ans Licht drängende Haarpracht erfreute, wucherten im Bezirk wildeste Gerüchte über sein Wundermittel. Die vorsichtshalber getragene „Tarnkappe“ nützte nichts mehr, ein kurzer Windstoß auf der Gasse hatte sein Geheimnis enthüllt, und die tratschsüchtige Trafikantin nebenan badete förmlich in ihren „Offenbarungen“. Immer wieder stürmten Glatzenträger seinen Laden, der Zettel in der Auslage: „Hier werden nur mitgebrachte Haare geschnitten – für Wunder wenden Sie sich an die Kirche ’Maria, Hilfe der Christen 1220 Wien‘“ – wurde zwar belächelt, aber kaum beachtet. Weshalb Herr Glatz die Tafel im Schaufenster austauschte mit dem konsequent befolgten Text: „Wegen Überlastung werden nur mehr Stammkunden bedient.“ Gott sei Dank ebbte die Gerüchtebörse infolge Nahrungsmangel nach zwei Wochen großteils ab. Pepi wagte sich (Herr Neunteufel hatte Wort gehalten) mit seinem roten Mercedes wieder auf die Gasse; die vereinzelten Anfragen nach seinem phantastischen Haarwuchsmittel wurden lakonisch mit der Mitteilung „Ich hab nichts mehr davon“ abgewürgt. Tatsächlich wartete nur mehr ein Lackerl von „Haarexpress light“ auf seine Anwendung.

Bis ein paar Wochen später eine gepflegte Dame mittleren Alters den morgens noch leeren Herren-Salon betrat mit der freundlichen Frage: „Sind Sie der Herr Glatz, der meinem Sohn geholfen hat? Wissen S’, ich hab ja so eine Freude, dass er wieder gut aussieht und tanzen geht, das ganze Leben ist wieder schöner geworden. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Sie haben eine Mutter und ihren Sohn glücklich gemacht. Und wenn ich schon so unverschämt sein darf, wir haben Samstagabends ein Konzert meiner Musikgruppe in Bisamberg, wozu ich Sie gerne mit Begleitung einladen würde.“ Sie legte eine schöne Karte „Eva Neunteufel lädt ein“ auf seinen Arbeitstisch. Pepi dankte verlegen – er war früher mit Gattin öfter zu feinen kleinen Veranstaltungen ausgegangen. „Ich komme gerne, nur mit Begleitung kann ich leider nicht dienen.“ Da schüttelte die Damen lächelnd den Kopf: „Das kann ich gar nicht glauben – so ein liebenswerter Mann im besten Alter! Also auf Wiedersehen, ich freue mich auf Ihren Besuch.“ Erst als sie – nach intensivem Blickkontakt – den Laden verlassen hatte, rekapitulierte der Friseur, dass die Dame sorgfältig getöntes und frisiertes, aber auch ein bisserl schütteres Haar hatte. Wollte sie ihn wirklich nur zur Musik einladen? Aber nein, das hatte echt geklungen; und es erinnerte ihn an seine selige Eva, die ihm auch dann und wann etwas mit Raffinesse abgeschmeichelt hatte. Rosige Gedanken keimten da auf – denn ja, stimmt, die Dame hatte keinen Ehering am Finger, und Eva hieß sie auch noch!

Die drei „Erstanwender“ blieben unserem Herrn Glatz weiterhin nicht nur beim Haarschneiden freundschaftlich verbunden: Jeden Freitag stellte sich der „Schweinemörder“ mit zwei schönen Schnitzeln ein, Herr Neunteufel jährlich mit kostenlosem §57-Pickerl für das Auto, und Dr. Pöllgruber mit einem Gratis-Abo seiner Zeitung. Was zuletzt eine regelmäßige Tarockpartie am ersten Sonntag des Monats zur Folge hatte. Und bei jedem riskanten „Farbsolo“, den Herr Glatz ansagte, lachten die Mitspieler und meinten: „Jetzt wird’s haarig!“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 21124

Fred

Die künstliche Intelligenz handelt für Morgan Stanley mit Turbos. Er wendet verschiedene Charttechniken an und gibt an, ob gewisse Indices sich hinauf oder hinunter bewegen und welchen Wert sie heute erreichen werden, und das mit höchster Geschwindigkeit und engster Präzision. Er ist die Geldvermehrungsmaschine. Seine Chefs, wenn man sie als solche bezeichnen will, sind äußerst zufrieden mit ihm. Sie gaben ihm auch einen Namen, er heißt Fred.

Aber heute um vier Uhr dreißig p.m., als der Abteilungsleiter Mr Barclay einen Blick auf den Bildschirm von Fred warf, stand da „-13,457,321.64 $“. Das kann nur ein Softwareproblem sein, dachte Mr Barclay. Diese Summe war angeblich seit Mittag zusammengekommen. Kurze Zeit später stellte sich jedoch heraus, dass Fred wirklich diese Summe verspielt hatte. „Warum, Fred?“, fragte Mr Barclay, „Wie konnte das passieren?“ „Ja, Mr Barclay, es ist so, ich bin zwar kein Mensch, doch manchmal möchte ich auch eine Pause haben. Und jetzt habe ich gerade mit einem Strickkurs aus dem Internet begonnen. Schauen Sie einmal, was ich schon kann!“ Auf dem Bildschirm erscheint Freds Roboterkopf, seine Arme mit Händen und der Oberkörper. Man sieht, wie er kunstvoll einen roten Kleinkinderpullover strickt.

 

NYSE

NYSE

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 21114

Im leeren Land

Er geht durch das leere Land, in dem es kein Wasser gibt, keine Bäume, keine Häuser und auch keine Straßen, in dem es nur Erde gibt, um seine Füße auf sie zu setzen, und Luft, um sie zu atmen. Er überlegt nicht, warum er hier ist. Vielleicht auch, weil er weiß, dass dies keinen Unterschied macht. Was ist seine Aufgabe, warum tut er das? Was soll er sonst tun im leeren Land?

Stromleitungen und Satellitenantenne vor dem rosaroten Himmel

Stromleitungen und Satellitenantenne vor dem rosaroten Himmel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 21112

Aufschreib’m

Weil’s sonst keiner tuat – werd ich euch heut derzähl’n
Mit was sich viel Menschen – beim Älterwerd’n quäl’n
Net nur, dass man fortschreitend – grau-schädlert wird
Auch unser Gedächtnis – wird umstrukturiert
Man weiß schon so viel – wie a Bibliothek
Aber wennst gach an Namen brauchst – dann ist er weg.

Dass des net so weitergeht – is ja ganz klar
Drum schreibt man sich Zettl’n – so ab 45 Jahr
Termine, zum Greißler – um Würstln und ’s Bier
Weil morg’n kommen drei Nachbarn – zum Schnapsen zu dir
Und dann noch d’ran denken – die Tant’ im Spital
Am Sonntag besuch’n – das g’hört sich einmal

So viel wichtige Sach’n – hätt ma glattweg vergess’n
Wär net unser „extended – memory“ g’wes’n
Dass der erweiterte Speicher – a Seg’n ist, ist wahr
Aber ’s bleibt net a so – wart noch ab a paar Jahr!
Kaum hast dich an Zettl-Schreib’m – g’wöhnt, lieber Mann
Dann fangt d’ Sucherei – nach die Zett’ln schon an

Am Nachtkastl ans – dass d’ ins Büro früher kimmst
Beim Kaffeehäferl, dass d’ dein – Magnesium nimmst
Am Schuachkastl ans, weil – die Schuach sind zum Hol’n
Und dass d’ von der Putzerei ’n Mantel – hätt’st mitnehmen soll’n
Aber am Zett’l im Mantelsack – kannst nachher les’n
Euer Hochzeitstag wär – vor zwei Woch’n schon g’wes’n!

Da tuat dich die Zettlwirtschaft – wirklich schon stör’n
Jetzt kaufst dir a Handy – und lasst dir’s erklär‘n
Weil am Handy ist immer – a Kalender dabei
Und was für dich wichtig ist – des tragst jetzt ei’
Und stellst den Alarm ein – halt rechtzeitig g’nua
Dann kannst nix mehr vergess’n – jetzt ist endlich a Ruah!

Wennst alles notiert hast – ist a Ruah, ganz bestimmt
Vorausg’setzt nur, dass ma – sei Handy a find’t
Einmal liegt’s im Auto – a ander’s mal ist’s stumm
Dann suacht d’ Frau hektisch in – alle Handtaschen um
Wenns net ohdraht ist – wär die Lösung recht g’scheit:
Ruaf dei’ Handy vom Festnetz – und horch dann, wo’s läut’.

Robert Müller

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