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Spital

Keine Versicherung,
alles tobt,
Wirbelwind,
er brennt in den Augen,

Der Muskel, er klopft,
unregelmäßig,
er joggt gerade,
Enge kommt mit dem Geld
Blaue Lichter halten vor der Tür

Fallnummer am Handgelenk,
warten und Augen schließen,
Kreise gehen
Hier liegen Halbtote,
Husten,
aggressive Menschen,
Ich trinke kaltes Wasser

Die Ärztin bohrt mir ein Loch
in den Arm,
gleichzeitig macht sie Witze,
mit dem Pfleger,
wieder warten,

Nach Stunden
weiß ich
alles in Ordnung

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: An Tagen wie diesen | Inventarnummer: 19029

Erster Frühlingstag

Vögel zwitschern
Tweets durch das Glas,
klar blicke ich durch,
zu Gräsern
Langsames Wachstum,
langsam wird es heller,
er verlässt mich

Er startet das Motorrad,
fährt über Hügel und Straßen
Mein Motor ist der Frühling

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: An Tagen wie diesen | Inventarnummer: 19020

Erwarten können (Bühnenversion)

Drei Personen:
Sprecher/in (Text in Schwarz)
Marek, der tschechische Kellner (Text in Blau)
Jana, der Gast (Text in Rot)

Auch heute wurde Jana wieder der kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste Blick in das Lokal, von hier aus konnte man die anderen Gäste beobachten, aber auch hinaus auf den Hauptplatz blicken.
Das Pflaster der schmuck herausgeputzten Kleinstadt glänzte an diesem nasskalten, späten Winterabend. Die pittoresken, liebevoll beleuchteten Häuser mit ihren Fassaden, an denen die Jahrhunderte abzulesen waren, im Hintergrund der Turm des imposanten Schlosses.

Sie hatte sich hübsch gemacht, ihr festliches kirschrotes Jerseykleid brachte Rundes auf schmeichelhafte Weise zur Geltung.
Sie trug es nicht oft, denn meist war die Farbe stärker als sie selbst. Sie wählte das Kleid also nur, wenn sie dem Rot Kontra geben konnte. Etwa durch jene seltenen Gefühle von Ausgelassenheit und Übermut, die zu bündeln ihr in jungen Jahren gut gelungen war.
Heute war dem Rot aber auch beizukommen, mit ausgeprägter Gemütsruhe nämlich.
Genau so ein Abend war heute, mit innerer Balance bot sie dem Rot die Stirn.

Jana blätterte nahezu erwartungsvoll in der Getränkekarte, als ob diese heute ein gänzlich neues Angebot für sie beinhalten könnte.
Der Kellner näherte sich ihr nach einigen Minuten und fragte mit tschechischem Akzent: „Möchten Sie bestellen, gnädige Frau, oder warten Sie noch auf jemanden?“

„Ja, ich warte. Aber ich würde dennoch gerne bestellen.“

Das Restaurant war gut gefüllt. Die kleinen Tische waren fast ausschließlich mit jeweils zwei oder drei Personen besetzt, darunter einige, die Jana als Touristen zu erkennen meinte.
Der Kellner stellte einen Gin Tonic auf Janas Tisch und machte dabei eine angedeutete Verbeugung.
„Ich habe mir erlaubt, ein kleines Stück Limette zu ergänzen. Und wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Eine Dame wie Sie sollte man keinesfalls warten lassen.“
Sein Gesicht blieb dabei seltsam entspannt und er lächelte sie offen an.

Jana erwiderte überrascht:
„Danke sehr, schon gut. Aber ich warte gern. Noch dazu bei dieser prächtigen Aussicht.“

Er nickte und meinte zustimmend:
„Ja, wir alle haben gelernt zu warten, schon als Kinder, auf die Ferien, auf das Christkind, auf die Geburtstagsfeier.
Der Sehnsucht war man ja recht hilflos ausgeliefert. Es war richtig schwer zu warten. Aber es hat die kindliche Vorfreude nicht getrübt.“

Jana antwortete freundlich:
„Tja, so war es. Aber mittlerweile habe ich einen langen Atem. Man lernt schließlich dazu, die Leerläufe im Alltag mit Gleichmut hinzunehmen: bis der neue Badezimmerschrank geliefert wird, der PC hochgefahren ist, oder der träge Aufzug endlich eintrifft.“

Jana fühlte sich hier wohl. Sie aß ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren und trank ein Seidel Bier dazu. Danach genoss sie die Stille im Warten und das Nichts-zu-tun-Haben.
Sie sah von ihrem Tisch aus durch das großflächige Fenster auf die beleuchtete Stadt hinaus. Und sie hatte ausreichend Zeit, die hübschen Häuser der Stadt einzeln auszumachen und mit ihrem Blick am weihnachtlich beleuchteten Brunnen am Hauptplatz zu verharren.
Dann gab ihr Smartphone ein kleines Signal und sie hatte Zeit, eine Nachricht ihrer Tochter Tereza, die in Budweis auf sie wartete, in aller Entspanntheit zu beantworten.

Aus dem Nebenraum kommend, trug der Kellner einen Aschenbecher voller Zigarettenstummel an ihr vorbei, auf die Janas Blick fiel.
Er bemerkte es und flüsterte ihr zu:
„Schlechthin das Synonym fürs Warten.“

Er blieb kurz stehen und sinnierte laut weiter:
„Und es ist beileibe nicht immer Sehnsucht, die das Warten so schwer macht. Oft ist man dabei auch voller Furcht, beim Warten auf ein Prüfungsergebnis, auf den Pannendienst, die Polizei, auf Asyl in einem friedlichen Land.“

Jana setzte fort:
„Ja, oft ist die Furcht existenziell beim Warten auf eine Diagnose, eine Spenderniere, auf Regen bei Dürre, auf den Wasserhöchststand bei Überschwemmung.“

Er wirkte bestürzt angesichts der genannten Beispiele:
„Menschen warten praktisch immer auf bessere Zeiten, auf die große Liebe, das Glück.“

Sie erzählte:
„Ich fragte mich als junge Frau oft: Wann beginnt endlich das richtig schöne Leben, jetzt wo ich so viel abgenommen habe?“

Er lachte und sagte:
„Oder das Warten auf Antwort von dem Mädchen, in das ich mich als Jugendlicher verliebt hatte – das war schwerer zu ertragen als die spätere Erkenntnis, dass sie mich gar keiner Antwort für würdig hielt.“

Jana sah den Kellner erstaunt an, als dieser verschwörerisch fortfuhr:
„Und nicht zu vergessen, das Warten auf meine Frau, bis die sich endlich für die richtige Theatergarderobe entschieden hat.“

Er entfernte sich zügig Richtung Küche und Jana konnte gerade noch sehen, dass kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn glänzten. Die Arbeitskleidung war hochgeschlossen, die bodenlange dunkle Schürze sah zwar professionell aus, musste aber unpraktisch sein, so mutmaßte sie.
Ein Großteil des Personals ist der Gastronomie kam aus Tschechien.
Kellnern war harte Arbeit, viele Gäste blieben nur auf ein Getränk, die Tische wurden etwa halbstündlich neu vergeben, es wurde bestellt und serviert und kassiert, alles mit ausgesuchter Höflichkeit und dennoch hielt der Kellner immer wieder einmal auf einem seiner Wege bei Jana an (oder schlug sogar einen kleinen Umweg über ihren Tisch ein), um ihr gemeinsames kleines Gespräch über das Warten fortzuführen. Sei es auch nur mit einem Satz, dem sie aus Zeitmangel ihres Gesprächspartners manchmal gar nichts entgegnen konnte:
„Das Gefühl, wenn der Installateur nicht und nicht daherkommt.“

Ein paar Minuten später:
„Hatten wir eigentlich das banale Wartezimmer schon? Und den Zug? Auf Bahnsteigen steht die Zeit ja oft scheinbar still.“

Nach dem Abservieren am Nebentisch:
„Vom endlosen Warten auf den Sommer ganz zu schweigen.“

Nach dem Abkassieren einer aufwändig zu teilenden Zeche einer Gruppe Touristen murmelte ihm Jana zu:
„Nicht zu vergessen das Warten auf den Zahlkellner.“

„Oh, Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, gnädige Frau?“
Er wirkte müde, es war 23 Uhr.

„Nein, nein, aber ich hätte noch gerne ein Kännchen grünen Tee, bitte, wenn Sie so nett wären.“

Das Warten war für Jana heute kein unliebsamer Zustand. Sie fühlte sich nicht passiv oder einer Langeweile ausgesetzt, sondern es ermöglichte ihr auf eine entschleunigte, fast poetische Art, in sich selbst hineinzuhorchen und rückwirkend das nun schon fast vergangene Jahr zu betrachten.

Da sah sie den Kellner, der mit dem Tee auf sie zusteuerte und ihr beinahe keck zuraunte:
„Und erst das Warten auf die eine Gelegenheit!“
Er entfernte sich beinahe triumphierend angesichts ihres verdutzten Blicks.

Als die Glocken der Stadtpfarrkirche begannen, mit ihrem mahnenden Geläut zur Mette zur rufen, ging Jana kurz vor die Tür.
Diese Glocken luden nicht froh zum Feiern, nein sie forderten vehement die Disziplin zum Kirchgang ein. Und diesem übermächtigen Klang war nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen, er erfüllte den Raum und die Zeit aller, egal ob katholisch oder nicht.

Als sie wieder zurückging, hatte sich das Lokal beinahe geleert und die mitternächtliche Sperrstunde nahte.
Der Kellner sah auf seine Armbanduhr und löste seine Arbeitsschürze, während er – abwechselnd mit Jana – heiter und zusammenhanglos die eine oder andere Wartesituation aufzählte.

Plötzlich fasste Jana den Kellner spontan am Arm, er drehte sich überrascht zu ihr und folgte ihrem Blick durch das große Fenster hinaus auf den Hauptplatz:
„Oh, sieh nur, Marek, jetzt ist er da, der Schnee! Er kommt stets nach Belieben einfach irgendwann. Oder man wacht auf, und er ist plötzlich da, über Nacht.“

„Oder man rechnet nicht mit ihm, bis dich plötzlich jemand an der Schulter fasst und aus dem Fenster deutet.“
Der Kellner Marek fuhr Jana liebevoll über den Kopf:
„Aber jetzt komm, Jana meine Liebe, lass uns nach Hause fahren, Zeit für unser Weihnachten. Tereza wartet schon so lang auf uns. Ich möchte jetzt wirklich gerne meine Beine hochlegen. Wir haben doch noch die gestern angebrochene Flasche von dem Rotwein? Und Hunger habe ich auch.
Wie schön, dass du mir Gesellschaft geleistet hast und auf mich gewartet hast.“

Michaela Swoboda
Szenisch dargeboten bei Theaterzeit Freistadt 2018

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 18132

 

Lampen, Uhren und Geschichten

Es ist 22 Uhr 24. Grell. Der Schein meiner Schreibtischlampe irritiert mich. Seit genau einer Stunde starre ich nun auf das leere Blatt Papier vor mir. Nichts. Immer noch nichts. Eine Stunde und nichts. In ziemlich genau zwanzig Minuten wird sie nach Hause kommen, und ich muss meine Arbeit beenden. Gezwungenermaßen. Sie hält nicht viel von meinen Geschichten. Vermutlich zu Recht. Charakterlose Figuren in seelenlosen Räumen mit fragwürdigen Motiven, die langweiligen Tätigkeiten nachgehen. Unspektakulär. Mit einem Wort: real. Sie erkennt sich in meinen Erzählungen wieder, deswegen kann sie nichts mit ihnen anfangen. Absurd eigentlich. Als würde man in einen Spiegel sehen und sein Gegenüber nicht wahrhaben wollen.

22 Uhr 26. Ich drehe meine kleine Stereoanlage auf das Maximum der minimalen Lautstärke, um meine Lieblingsstelle im „Schwanensee“ von Tschaikowsky einigermaßen genießen zu können. Ich schalte die Lampe aus und schließe die Augen. Dunkelheit. Tschaikowsky, immer noch zu leise, im Hintergrund. Augen auf, Lampe wieder an. 22 Uhr 27, falsche Stelle. Grell. Ich muss mich erst wieder an das Licht gewöhnen. Eine Weile blicke ich einfach auf den Zettel vor mir, bis ich die Anlage schließlich zurück auf ein Minimum stelle. Mit klassischer Musik habe ich eigentlich nicht viel am Hut. Mozart, Beethoven und Bach. Die drei Großen ihrer Zeit kenne ich natürlich. Oder waren es Bach, Mozart und Haydn? Ich weiß es nicht. Aber Tschaikowsky finde ich trotzdem schön.

Ich prüfe die Spitze meines Bleistifts. Perfekt. Nicht zu spitz, sodass er abbrechen könnte, sobald man ihn auf das Papier setzt. Genau richtig. Wenn mir jetzt nur irgendetwas einfallen würde. Etwas Großes. Es muss schon etwas Großes sein. Natürlich ist mir klar, dass ich weder Tolstoi noch Hemingway noch Schnitzler bin, aber Kehlmann würde ich hinkriegen. Vielleicht. Oder nicht? Von ihm ist doch dieser Roman über die beiden Herren, die durch die Welt reisen und etwas abmessen sollen? So oder so ähnlich, glaube ich. Oder war der von Köhlmeier? Jedenfalls soll die Geschichte ziemlich gut gewesen sein. Aber wer möchte sich schon mit anderen vergleichen. Man ist schließlich einzigartig. Und so sollen auch meine Texte sein. Nicht so wie von diesem Kehlmann oder Köhlmann.

Ich lehne mich zurück, lege den Kopf in den Nacken. Obwohl die Musik läuft, höre ich das unablässige Ticken der Uhr. Tick, tick, tack, tick, tack, tick, tick, tick, tack. Einmal tief einatmen und ausatmen. Weiter geht‘s. Nur womit? Es gibt noch nicht einmal einen Anfang. Beunruhigt wandert mein Blick auf die silberne Taschenuhr, die ich vor mir auf den Tisch gestellt habe. 22 Uhr 33. Zumindest einen Absatz möchte ich heute schaffen. Einen kurzen. Ein paar Sätze nur. Meinetwegen etwas Banales, wie die Fahrt in der Straßenbahn. Oft sind die langweiligsten Einstiege die mit der besten Geschichte im Gefolge. Ich setze den Stift auf das Papier und halte die Luft an. Wieso? Grell. Das Licht ist beinahe unerträglich. Wenn sie nach Hause kommt, werde ich sie um eine neue Lampe bitten. Unmöglich, so zu arbeiten. Mit einem Stoß lasse ich die Luft wieder aus meinen Lungen. Mein Glaube, dass mit der Luft auch die Ideen aus mir herauskommen würden, hat sich leider nicht verwirklicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Tick, tick, tack. Der Schwanensee ist aus. Die Aufnahme ist relativ kurz. Ich habe gehört, dass sie eigentlich viel länger ist. Ich wüsste gerne, was fehlt.

Immer noch liegt die Mine des Bleistifts am Papier auf. Aber viel mehr als ein Punkt ist es noch nicht. Weit entfernt davon, ein Wort zu sein. Wie beginnt noch gleich Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“? „Im Jahr achtzehnhundertirgendwas wohnte in dem Haus, in dem jemand gestorben war, ein Mann namens Phileas Fogg.“ So ungefähr war das doch. Auch kein bahnbrechender Anfang. Aber es ist einer. Und wer hätte damals gedacht, dass dieser simple Satz der Beginn eines der erfolgreichsten Werke der klassischen Literatur werden würde? Verne selbst vermutlich nicht. Wie lange das wohl gedauert hat? Diesen ersten Satz zu schreiben, meine ich. Ob er auch so lange überlegt hat? Gut Ding braucht eben Weile, sagt man doch.

Ich hätte vorher Ideen sammeln, meine Gedanken aufschreiben sollen. Viel zu selten mache ich mir Notizen. Und was ich notiere, findet selten Verwendung. Wenn ich nur einen klaren Gedanken fassen, ihn formulieren könnte. Mein Blick wandert im Raum umher. Viel gibt es nicht zu sehen. Nur wenig erinnert mich überhaupt an irgendetwas. Auch in den Schubladen meines Schreibtischs werde ich nicht fündig. Unnötiger Krimskrams, sonst nichts. Ich lege den Bleistift weg und nehme den kleinen Papierkranich, der viel mehr wie ein Pferdchen mit Flügeln aussieht, in die Hand. Ein paar Mal drehe ich ihn herum, dann lege ich ihn wieder zurück. Ich sehe ihn weiter an. Eine Erinnerung, die ich nie vergessen werde. Vor langer Zeit hat ihn mir jemand geschenkt. Einfach so war er in meiner Westentasche, den Moment weiß ich noch genau. Plötzlich war es in meinem Leben, das Mädchen, von dem ich dachte, dass ich niemals einen Tag ohne es sein könnte. Das letzte Mal habe ich es vor fünf oder sechs Jahren gesehen. Wann und wo, weiß ich nicht mehr. Wie wichtig diese ersten Male sind, während das letzte Mal oft keine Bedeutung hat. Irgendwann ist es einfach so weit. Ohne es zu merken, ist der wichtigste Mensch in deinem Leben gar nicht mehr so wichtig und nur noch eine Erinnerung auf einem Bild an der Wand oder eben ein Origami auf deinem Schreibtisch. Vielleicht sollte ich das aufschreiben.

22 Uhr 41. Jede Sekunde könnte ich den Aufzug hören, den Schlüssel, das Schloss dreht sich um, Tür auf, sie steht in der Wohnung, in meinem Zimmer. Nein. So weit darf es nicht kommen. Ich möchte sie heute nicht mehr sehen. Sobald ich den Lift höre, sofort Licht aus und ins Bett unter die Decke, Augen zu und ruhig atmen, wenn sie die Zimmertür aufmacht, soll sie glauben, ich schlafe. So mach ich das. Tick, tack, tick, tick, tack.

Man sollte meinen, heutzutage besitzt man keine Taschenuhr mehr und wenn, dann ist es ein Erbstück oder ein Geschenk vom Großvater oder Ähnliches. Ich wünschte, ich hätte eine tolle Geschichte zu dieser Uhr, hab ich aber nicht. Vor einem Jahr etwa habe ich sie in einem Uhrengeschäft gekauft, kein Second-Hand-Laden, sie ist neu, schlicht, ohne großartige Verzierungen, innen ist ein einfaches Ziffernblatt. In regelmäßigen Abständen muss man sie aufziehen. Wenn mich die Leute danach fragen, erzähle ich, sie sei von meinem Urgroßvater, der sie im ersten Weltkrieg einem gefallenen Soldaten abgenommen hat. Alle glauben sie mir. In Wahrheit weiß ich gar nicht, ob einer meiner Urgroßväter oder Großväter in irgendeinem Krieg gekämpft hat. Darüber werde ich wohl nicht schreiben.

Mein Blick haftet wieder am Papier, der Stift ist in meiner Hand. Je einfacher, desto besser. Einen Moment schließe ich meine Augen, mein Kopf ist völlig leer. Die Sekunden verstreichen. Dann öffne ich sie wieder. Und es geht los. Endlich habe ich eine Idee. Ein Wort, eine Phrase, ein Satz nach dem anderen. Ich kann gar nicht aufhören. Wie ich es geplant hatte, beschreibe ich die Menschen, die Räume, die Absichten dieser Menschen, so wie ich sie kenne. Es soll möglichst realistisch sein. Keine Fantastereien. Eine Milieustudie sozusagen. Längst sind aus einem Absatz zwei, sogar drei oder vier geworden. Der Bleistift ist immer noch spitz genug, von ihr keine Spur. Normalerweise ist sie pünktlich. Genau um 22 Uhr 47 schließt sie für gewöhnlich die Wohnungstür auf. Seit ich mich erinnern kann, war das nie anders. Jeden Mittwochabend. Sie steigt um 22 Uhr 24 in die Straßenbahn, fährt achtzehn Minuten bis zur Endstation und von dort geht sie die restlichen fünf Minuten zu Fuß bis zu unserem Haus, in unsere Wohnung. Ich lege den Bleistift zur Seite. Drehe meinen Kopf in Richtung Uhr.

Ein Knall. Ich schrecke auf. Grell. Das Wasserglas, das ich auf den Schreibtisch gestellt habe, ist zu Boden gefallen und zerbrochen. Wasser überall. Ich muss eingeschlafen sein. Das Licht blendet mich. Mein Blick fällt auf das Blatt Papier. Es ist leer. Es wäre zu schön gewesen. Die Stille um mich herum beunruhigt mich. Ich schaue auf die silberne Taschenuhr vor mir. 22 Uhr 41. Die Uhr tickt nicht mehr. Sie muss stehengeblieben sein. Meine Augen brennen. Ich schalte das Licht aus.

Anna Bartl

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 17162

Auf den Pelz gerückt

Meinen Job, den hätte ich beinahe durch schlichte Schlamperei verloren. Sie wollen wissen, wie das in einer gemächlichen Kultureinrichtung wie dem Dorotheum passieren kann? Also gut.

Jeweils eine Woche vor den Versteigerungsterminen werden die Exponate zur Besichtigung dargeboten, potenzielle Interessenten können diese aus der Nähe begutachten und für sich eine Vorentscheidung treffen, manches verwerfen, anderes in die Wahl ziehen.
Mir oblag es, Räume für diese Besichtigungen vorzusehen, die zuständigen Kollegen anzuweisen, die Waren dort bereitzulegen und Datum und Uhrzeiten der Besichtigungen rechtzeitig öffentlich anzukündigen.

Eines Dienstags im Oktober sollten die Türen um zehn Uhr geöffnet werden. Ich begann meinen Dienst wie gewohnt so gegen neun und die Kollegen waren bereits seit den frühen Morgenstunden am Herbeischaffen der zu präsentierenden Objekte. Ich war alarmiert, denn schon als ich die Stufen hochstieg, hörte ich die Arbeiter fluchen. Auch meine Vorgesetzte hörte ich mit leicht erhobener Stimme Kalmierungsbeschwörungen von sich geben.

In mir stieg Unbehagen hoch, noch hätte ich umdrehen, heimgehen und mich krankmelden können. Doch nichts dergleichen geschah, und so wurde ich kurz darauf – noch bevor ich der Misere ansichtig wurde – von einem messerscharfen und enttäuschten Blick meiner Vorgesetzten getadelt: ein knapp und wortlos konstatiertes „Schade!“.
Noch wusste ich nicht warum.

Mir schlug ein recht strenger Geruch entgegen – die jährliche Pelzauktion stand an und heute wurden die guten alten Erbstücke dem Publikum präsentiert. Vor mir dicht behängte Kleiderstangen auf Rollen. Wieso hatten die Arbeiter nicht (wie sonst auch) vorher die Tische entfernt, um genügend Platz zu schaffen für die voluminösen Kleidungsstücke?
„Wir haben ein Problem“, raunte mir mein Assistent zu und wies mit dem Kopf auf die Tische, auf denen sich nummerierte Mappen in immenser Anzahl stapelten.

Muss ich extra erwähnen, dass Räume nicht doppelt gebucht werden sollten? Das genau war nämlich geschehen. Und dummerweise war ich daran schuld.

So geschah es also, dass es am Dienstag, dem 11. Oktober 2016, im Kolowrat-Saal im zweiten Stock des Wiener Dorotheums eng wurde: In weniger als einer Stunde würden Philatelisten aus nah und fern eintrudeln, um die dargebotenen Briefmarken zu sondieren, und gleichzeitig auf eine Schar aufgeregter Frauen treffen, die sich Pelzschnäppchen für den Winter sichern wollten.
Dass die Briefmarkenliebhaber das Besichtigungsprozedere in gebotener Ruhe vollziehen wollten und die pelzaffine Damenwelt an ebenjene nicht im Traum dachte, liegt auf der Hand.
Ja, wir hatten ein Problem, kurz: Wunderliche Kauzigkeit trifft auf kribbeliges Eventshopping.

Wir waren nervös, der doppelte Andrang musste irgendwie bewältigt werden.

Edel verarbeitete Pelze auf Kleiderhaken – das Angebot umfasste sorgfältig verarbeitete Nerze in vielen Modellen, sowie auch sonst hochwertige Pelze in modischen bis klassischen Schnitten. Während der Vorbesichtigung konnten alle Modelle begutachtet und auch anprobiert werden, was zusätzlich Platz erforderte.
Das pelzige Angebot ruft immer eine große Zahl von Frauen auf den Plan, oft allein, manchmal in männlicher Begleitung, aber auch in kleinen Grüppchen, die sich beim Probieren gegenseitig beurteilen, jedenfalls aber das zu Erwerbende ausgiebig kommentieren. Ob denn nicht besser doch der Ozelot statt des Zobels zur eigenen Persönlichkeit passend oder der Lammfellmantel in seiner Länge zur Körpergröße der Interessentin inadäquat, ja der Stilsicherheit abträglich wäre (ein kürzerer Mantel wirkt zudem jünger als ein langer), von der Inkompatibilität der Fuchsfell- mit der tizianroten Haarfarbe der Trägerin in spe ganz zu schweigen.
(Fehlte bloß noch das Auftauchen der vermummten Anti-Pelz-Aktivistin, die im letzten Herbst in einer Blitzaktion zwei Drittel der Exponate in Neongrün besprüht hatte und dermaßen schnell geflüchtet war, dass sie nur von hinten fotografiert und nicht belangt werden konnte, ein Schadensfall mit hämischer Presse für die ehrwürdige Institution.)

Der gemeine Briefmarkensammler wird gerne als ein wenig unbeholfen und schrullig dargestellt. Ich kann mich dem nicht anschließen, es sind angenehme Menschen, die unaufgeregt und sehr systematisch die Bestände sichten. Ein wenig eigen, nun denn, wer wäre das nicht, wenn viel Zeit mit Überlegungen verbracht wird, ob etwa für einen ungezähnten Viererblock mit „August dem Starken“ ein Online-Gebot abzugeben, eine gute Idee wäre; oder nachzudenken, ob eine Fünf-Pfennig-Marke der Reichspost mit diagonalem Aufdruck „Marschall-Inseln“ zu Hause schon vorrätig sei; oder mit anderen Experten über den Wert der Serie albanischer Briefmarken, die mit Aufdruckfehlern in den Handel kamen, zu debattieren.

Sie alle trafen im ehrwürdigen Kolowrat-Saal aufeinander. Dass sie nicht aneinander gerieten, dafür mussten wir sorgen, darauf hatten wir uns vor dem Öffnen der Tore eingeschworen.

Die Frauen waren die ersten, die die allesamt an den Wänden aufgereihten Felljacken und -mäntel ansteuerten. Sofort lagen Gemurmel und Gelächter in der Luft, und der modrig-muffige Pelzgeruch reicherte sich mit einer Duftvielfalt von Parfums an.

Befremdet von der ungewohnten Enge im Raum, dem zugleich strengen und blumigen Geruch, und natürlich der Schar der weiblichen Besucher drängten dann die Philatelisten, alle männlich, die meisten in unauffälligem Beige oder Grau gekleidet, eher zögerlich zu den verbliebenen Freiräumen an den Tischen in der Mitte des Raumes. Die vielen Ringordner hatten wir nicht wie sonst üblich in Regale an den Wänden einsortiert sondern einfach auf den Tischen aufgelegt, was zu Verstimmung und Murren der Kunden führte. Man merkte aus ihren Kommentaren, dass das alberne Getue der Frauen um die schnöde Mode und überhaupt deren Anwesenheit als deplatziert empfunden wurde.

Ich versuchte vor allem, den verstimmten Freunden der Postwertzeichen bei der Übersicht über das Angebot zu helfen.
Gerade war einer der Briefmarkeninteressierten dabei, die Sonderpostwertzeichen zu Gunsten der Berliner Währungsgeschädigten mit Sonderstempel vom ersten Verwendungstag, Rufpreis EUR 380,- mit der Lupe auf fehlende Zähnchen zu untersuchen, als hinter ihm eine exaltierte, nicht mehr ganz junge Frau mit wallenden blonden Locken beim fahrigen Überwerfen eines langfelligen gemusterten Capes ganz viel Wind und ein paar briefmarkenbestückte Steckblätter aufwirbelte.
Sie meinte echauffiert zu ihm: „Oh, entschuldigen Sie bitte, ich habe hoffentlich nicht Ihre Briefmarken vom Tisch gefegt?“, mit ungarisch anmutendem Akzent und einem unsteten Flackern im Blick, das der Angesprochene wahrscheinlich in so charmanter Ausführung und aus solcher Nähe noch nie gesehen hatte.
„Ich war unschicklich, verzeihen Sie.“
Er war aufgestanden und unbeholfen korrigierte er: „Ungeschickt.“
„Oh.“
„Aber das macht nichts.“
„Meinen Sie, die Schulternähte hängen zu sehr über, der Mantel ist schwer? Wie sehe ich aus?“
Sie drehte sich und machte wieder Wind und die männliche Umgebung unruhig.
„Hübsch. Wirklich sehr hübsch.“
Sie beugte sich deutlich näher zu ihm.
„Und riecht der Mantel nicht nach Keller? Er ist wirklich preiswert.“
„Äh, schon etwas, aber wenn man den Mantel im Garten auslüftet …“
„Sie haben einen Garten?“

Ich konnte den Dialog nicht verfolgen, denn ich musste zwei Tische weiter ein kleines Gezänk schlichten.
Etwas später sah ich die beiden gemeinsam im hauseigenen Café sitzen.
Die Vorstellung, er hätte letztendlich auch noch angeboten, ihr seine private Briefmarkensammlung zu zeigen, will ich hier nicht strapazieren, aber natürlich ist das denkbar.

Ein Kollateralnutzen, ausgelöst durch mein Missgeschick, war also gegeben, aber das macht mich nicht stolz. Schließlich hatte ich beinahe meinen Job verloren. (Mir wurde zum Glück verziehen, wobei ich aber die gesammelte Kollegenschaft auf ein Feierabendbier einladen musste.)

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 17147

 

 

Ein Alltag ist das heute

Langweilig hin und zurück,
Fernseher an und aus,
selbe Zeit,
anderes Gerede,
Podcasts sind abonniert,
aber im Rückstand

Teppiche aus alter Zeit
haben das Fliegen verlernt,
Liegen tot und ausgebleicht am Boden,
Auf dem roten Sofa bildet sich ein Bart,
Der Metallrahmen am Bett
ist zur trüben Pupille geworden

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 17106

Schnurrhaar

Ein Hund und ein Mensch,
viele Hunde, viele Menschen,
Flüssigkeiten und ohrenbetäubendes Grollen,
quietschend rauscht er mit seinesgleichen,
durch tausend Tunnel,
der selbe unverdünnte Saft,
Putzt sich gründlich,
betrachtet seine Pfoten,
eine Dose mit Sarma,
schnurrend und essend,
danach schläfrig
Im Spiegelbild fragt er sich,
was es eigentlich ist
Keine Antwort
Er geht spielen mit angebissenen Äpfeln
Die Nacht schiebt Abwesenheit beiseite
Während sie mit dem Besitzer heulen,
und zu Bett gehen,
beobachtet er die Taube
auf dem oberen Balkon
Klappernde Geräusche

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen| Inventarnummer: 17031

Heute trinke ich meinen Kaffee kalt

6 Uhr 20, der Wecker geht ab. Wie jeden Tag quäle ich mich aus dem Bett. Meine Augen sind müde, mein Körper schwer. Ich ziehe mich an, gehe in die Küche und richte mir mein Frühstück. Wie jeden Tag streiche ich ein Honigbrot und trinke eine Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch. Der nächste Griff geht Richtung Handy. Links eine Tasse Kaffee, rechts mein Smartphone, checke ich neue E-Mails und SMS. Es gibt wenig Weltbewegendes, nichts Dringendes, auf das jetzt schon reagiert werden müsste.
Ich lese die Nachrichten. Und so wie jeden Tag sind es hauptsächlich schlechte. ‚Bürgerkrieg, Anschlag, Tote‘ sind Worte, die tagtäglich die Schlagzeilen prägen. Ich lese weiter. ‚Terrorismus, Luftangriff‘. Mein Magen zieht sich leicht zusammen. ‚Asylanten, Grenzschließung‘. Leere, Trauer und Hilflosigkeit machen sich in mir breit. ‚Flüchtlingslager, Verletzte, Abschiebung‘. Mir wird leicht schlecht. Der Boden unter meinen Füßen scheint sich zu bewegen. Verdammt, bin ich krank? Ich versuche mich zu konzentrieren. Ich fixiere mein Handy und möchte weiterlesen. Doch vor meinen Augen beginnt es zu flimmern. Handy und Tasse fallen zu Boden. Ich greife nach dem Tisch, um mich festzuhalten, aber es ist zu spät.

Ich liege am Boden. Noch bin ich zu schwach, um mich aufzurappeln. Ich sehe hoch, doch es ist, als ob mich der schwarze Schleier der Bewusstlosigkeit noch nicht ganz loslassen will. Ich reibe mir meine Augen, kann aber trotzdem kaum etwas erkennen.
Ich höre lautes Donnern. Aufgewirbelter Staub umgibt mich. Er bringt mich zum Husten. Was ist passiert? Ich liege am Boden, unter meinen Händen ist Erde. Da wo gerade noch mein Zuhause war, ist nun Staub und Dreck? Ein lauter Knall und noch einer. Ich versuche zu erkennen, was hier los ist, und da sehe ich, dass große Schatten von oben auf den Boden herabdonnern. Ich bekomme Angst. Ich schaue genauer hin. Es sind Buchstaben. Schwarze Buchstaben, zweimal so groß wie ich es bin. Es hagelt Riesenbuchstaben? So ein Unsinn! Das muss ein Traum sein! Ich versuche zu lachen. Doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken. Ein Buchstabe nach dem anderen kracht auf den Boden und lässt die Erde beben. Was, wenn mich einer trifft? Ich mache mich so klein, wie es nur geht, verstecke den Kopf zwischen den Armen, schließe die Augen und hoffe, dass ich aufwache aus diesem Albtraum. Es kann nur ein Albtraum sein! Gerade eben war ich noch zu Hause in meiner Küche und nun kauere ich am Boden und habe Angst, dass ich von einer Buchstabenbombe erschlagen werde? Ich schlucke, versuche ruhig zu atmen. Ich hebe meinen Kopf und blicke mich nochmals um. Gibt es nicht irgendetwas, wo ich Schutz finden kann? Nichts. Nur Staub, Dunkelheit und ohrenbetörendes Donnern. Was auch immer hier los ist, mit meinem Zuhause hat das nichts mehr zu tun. Schon wieder rast ein Koloss zu Boden. Ich muss hier weg! Noch einmal atme ich tief ein und renne los. Ich muss mich in Sicherheit bringen! Ich sprinte so schnell ich kann ins Nichts …

… und krache gegen eine Wand. Das gibt es doch nicht! Eine Mauer! Ich schaue nach beiden Seiten. Ich sehe hoch. Es ist eine scheinbar endlos lange Mauer aus unendlich vielen Riesenbuchstaben. Ich bin fassungslos. Doch es bleibt wenig Zeit, um zu überlegen. Ein paar Meter neben mir landet ein Buchstabenkoloss, kippt noch einmal um und verfehlt nur knapp meine Füße. Ich renne die Mauer entlang und entdecke ein kleines Loch. Und da, endlich zeigt sich ein kleiner Hoffnungsschimmer. Auf der anderen Seite der Mauer ist es ruhig. Dort krachen keine Riesenbuchstaben auf die Erde nieder. Ich muss hinter diese Mauer! Das ist meine einzige Rettung. Ich versuche, auf die Mauer hinaufzuklettern. Ich versuche mich durch kleinste Löcher hindurchzuzwängen und durch engste Ritzen zu quetschen, aber ich habe nicht die geringste Chance. Ich komme nicht weg. Ich bin gefangen. Hinter mir donnern die Buchstaben herab wie Bomben, und vor mir ist diese Mauer. Was soll ich denn jetzt tun? In die andere Richtung rennen und darauf hoffen, dass es dort einen Ausweg aus diesem Albtraum gibt? Nein, das würde nicht gutgehen. Es sind zu viele Buchstaben, die da herunterkrachen. In welche Richtung ich auch blicke, es ist nicht das geringste Zeichen auf Rettung zu erkennen. Ich habe Angst um mein Leben. Meine Knie zittern. Und mit der Tatsache, dass ich hier nicht wegkomme, verlässt mich jeder Funken Hoffnung. Ich verliere jedes Quäntchen Mut. Mir ist nur noch nach Heulen zumute. Ich gebe auf. Ich schließe die Augen und lasse mich zu Boden fallen, in der Hoffnung endlich aufzuwachen.

Ich rechne mit einer unsanften Landung auf hartem Boden, die nicht eintrifft. Ich reiße panisch die Augen auf. Wo bin ich? Was passiert mit mir? Doch sobald ich meine Augen geöffnet habe, macht sich Ruhe in mir breit. Es ist hell und es ist ruhig. Da sind kein Staub und keine herabhagelnden Buchstaben. Gerettet! Ich lebe und befinde mich in Sicherheit! Noch nie war ich so erleichtert und so glücklich wie in diesem Moment. Ich atme auf und sehe mich um. Nein, mein Zuhause ist das nicht. Ich stehe auf einem großen Platz, der mit Sand bedeckt ist. Und dort, ein Stück weiter, wo der Sandplatz zu Ende ist, beginnt eine Welt, ganz anders, als alles was ich bisher gesehen habe. Eine Welt, die glänzt und strahlt. Schön ist es hier. Alles wirkt so friedlich. Was ist das für ein Ort? Ich werde neugierig. Ich möchte mehr von dieser Welt sehen.

Ich gehe los und stoße mit dem Gesicht gegen eine Glasscheibe. Hoppla, die habe ich nicht gesehen. Seltsam. Ein Sandplatz eingezäunt mit einer Glaswand? Na gut. Irgendwo gibt es hier sicherlich eine Tür. Ich möchte hinaus, um mir diese faszinierende Welt anzusehen. Was auch immer mich dort erwartet, es kann nur besser sein als herabstürzende Buchstaben und Sand. Also gehe ich los, immer der Glasscheibe entlang.
Nun gehe ich schon eine Weile. Es geht mal bergauf, dann etwas bergab und dann wieder bergauf. Doch so lange ich dieser Wand nun schon folge, Tür ist keine zu finden. Dieses ständige Auf und Ab ist ganz schön kräftezehrend. Laufe ich etwa im Kreis? Ich mache eine Pause. Auf meiner Seite der Scheibe ist nichts weiter als Sand. Wie gerne würde ich auf der anderen Seite stehen und einfach meiner Wege ziehen! Ganz schön deprimierend, hier im Sand zu sitzen und nicht wegzukommen. Ja, ich bin in Sicherheit, aber ein Ort zum Verweilen ist das nicht.

Ich starre auf den Boden und bin ratlos.
Wolken ziehen auf. Es ist etwas dunkler geworden. Ich spüre Blicke auf mir. Werde ich beobachtet? Ich sehe mich um. Niemand. Hier stimmt doch etwas nicht! Ich blicke hinter die Glasscheibe. Da! Da war doch etwas! Ein dunkler Schatten und noch einer. Neben dem Glänzen und Strahlen dieser unbekannten Welt dort draußen sind sie kaum zu entdecken und doch sind sie da. Dunkle Schatten. Schatten, die Angst machen. Ich habe das Gefühl, dass sie mich beobachten. Ich ducke mich und schaue noch einmal etwas genauer hin. Ja, da sind Schatten und es werden immer mehr! Ich will, dass sie wieder weggehen! Da ist diese schöne Welt, die so viel Sicherheit ausstrahlt, plötzlich voller Schatten! Und sie geben mir das Gefühl, dass ich hier nicht sein sollte, dass ich hier nicht erwünscht bin. Ich wende mich ab und mache mich ganz klein.
Ich starre auf den Boden, und erst jetzt bemerke ich, dass sich der Sand vor mir bewegt. Ist da ein Loch, in das der Sand hineinrieselt? Immer mehr Sand verschwindet. Der Krater wird immer größer! Was nun? Ich springe auf. Hinter mir ist diese Glasscheibe, durch die es keine Tür gibt und vor mir scheint der Boden im Nichts zu verschwinden. Nicht mehr lange und der Krater ist so groß, dass er meine Füße erreicht hat. Ich nehme etwas Anlauf, schmeiße mich gegen die Wand und versuche die Glasscheibe zum Bersten zu bringen. Nichts! Die Scheibe kriegt nicht den kleinsten Riss. Ich trete, ich schlage auf diese Wand aus Glas ein, doch es tut sich rein gar nichts. Und nun ist es auch schon zu spät. Der Sand nimmt mich mit. Oh mein Gott! Wo werde ich landen? Ich will nicht wieder in diese Welt der Buchstabenbomben! Ich will nach Hause! Wenn es mein Zuhause denn überhaupt noch gibt?

Ich falle wie ein Fallschirmspringer ohne Schirm. Ich falle so schnell, dass es mir meine Augen, die ich vor Angst geschlossen hatte, wieder aufreißt. Ich rase hinab, ohne jegliche Möglichkeit, den Sturz abbremsen zu können. Was passiert mit mir? Ich will, dass dieser Albtraum endlich aufhört! Wo ist mein ruhiges, langweiliges Leben hin? Wo sind nur Alltag und Sicherheit geblieben?

Und ganz plötzlich ist mein Sturz zu Ende. Ich sitze. Ich sitze auf einer Bank. Ich blinzle und blinzle noch einmal. Ich sitze auf der Bank in meiner Küche! Alles wie weggeblasen. Kein Sand, keine Glasscheibe. Kein Staub, keine Riesenbuchstaben. Ich atme ein und ich atme aus.
Ich schaue auf meine Hände. Links halte ich eine Tasse Kaffee, rechts mein Handy und vor mir steht ein Teller mit einem Honigbrot. Ich bin zu Hause!

Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade auf. Ich sitze zu Hause bei meinem Frühstück! Ich atme nochmals ein und atme erleichtert aus. Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er ist kalt. Ich blicke auf mein Handy. Der Bildschirmschoner zeigt die Uhrzeit an. Was? Schon 7:00 Uhr! Höchste Zeit um aufzubrechen. Ich bin spät dran. Ich schmeiße mein Handy in die Handtasche, ziehe meine Schuhe und meine Jacke an und renne zum Bus.
Ein Tag wie jeder andere.

Maria Buchegger

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