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Jugendgewalt

Du meinst, Jugendgewalt ist männlich?
Na klar, sieht ihnen wieder ähnlich.
Am häufigsten sind es oft Knaben,
die Probleme mit dem Ego haben.

Sie sind am stärksten, wie man meint,
gruppendynamisch, wenn vereint.

Es lernt ein Junge von der Pike
den Unsinn rasch von seiner Clique.
Doch Einzelgänger, ich sag’s ehrlich,
scheinen mir nicht ungefährlich.

Und eines ist wohl allen gleich,
im Öffentlichen liegt ihr Reich.
Im Häuslichen begeh’n die Alten
ganz unbemerkt ihre Gewalten.

Angst vor denen haben Frauen,
Ältere werd’n kaum verhauen.
Die Jugend sucht nach ihrem Opfer,
meist unter sich. Hab’n die ‘nen Klopfer?

Und wo des Vaters Ohrfeig’ knallt,
liegt oft der Ursprung der Gewalt.
Familienleben dissonant,
Jugend außer Rand und Band.

In der Schule nur als Gast,
bürgt im Leben leicht für Knast.
Aggressiv und abnormal,
erhöht die Delinquentenzahl.

Mehrfachtäter schaffen leicht,
was so für die Statistik reicht.
In Lebenswelten, schwach erhellten,
Gewalttaten, die dort oft gelten.

Nur allzu groß ist jene Kluft,
die Arm und Reich daneben schuf.
Was kann aus armen Schluckern werden,
bei dieser Konkurrenz auf Erden?
Die Schlinge zieht sich eng zusammen,
bleibt wohl nur eins, sie wegzurammen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25128

 

Zensur

Pass auf, sie woll’n dich kontrollieren,
dich behindern, ausquartieren
aus deiner Gedanken Reich.
Hier, und jetzt, womöglich gleich.

Versuchen dich zu unterdrücken,
sehen ihren Plan missglücken
dich zu formen und zu kneten,
am liebsten möchten sie dich treten.

Hassen deine Äußerungen,
war’n sie allzu sehr gelungen,
über ihre Machenschaften,
was sie ordentlich erschreckt,
und sie fühl’n sich aufgedeckt.

Streichen deine Publizierung
restriktiv in ihrer Führung.
Nutzen staatliche Instanzen
mittels Druck, durch ihre Schranzen.

Massenmedien, frei zugänglich,
eingeschränkt und unverfänglich
in neuen Kontext gepresst,
wie’s beliebt, so steht es fest.

Den Diskurs zu kontrollieren,
Wettbewerb zu suspendieren,
jedes Mittel ist erlaubt,
wird an der Zensur geschraubt.

Ziel ist es, die bloßen, nackten
Inhalte und ihre Fakten
im Sinne ihres Geist’s vernichten
und hernach dich hinzurichten.

Dazu kommt, dass die Gerichte
die Zensuren und Berichte
über die Zensur verbieten,
weil sie ihr System verrieten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

 

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25124

Wacht auf, wacht auf!

Milliarden können es nicht schaffen,
hört, und staunt, von einem Affen,
sich von diesem zu befreien?
Wenn’s nicht wahr wär, echt zum Schreien.
Ein Phänomen nur, und das zählt:
Gottverdammte Männerwelt!

Lassen uns tyrannisieren,
schlagen, treten, schikanieren,
von ehemals Spitzeln und korrupten,
wie sich später bald entpuppten,
Geisteskranken und Agenten,
spiel’n mitunter Präsidenten.
Ist er erst einmal gewählt,
keiner sein Versprechen hält!
Gottverdammte Männerwelt!

Kriminelle Kleptokraten,
die das eig’ne Volk verraten.
Lügen, stehlen und missbrauchen,
die, wenn’s eng wird, untertauchen.
Blutrünstig, korrupt und mies,
wählt sie nicht, sind alle fies!

Unreif wär’n die Leut’, sag’n die,
starke Führung brauchen sie.
Prügel müsst dem Volk verschreiben,
die nicht hergehör’n, vertreiben.
Mag ertragen, wem’s gefällt.
Gottverdammte Männerwelt.

Dann also schnallt die Gürtel enger,
macht den Kerlen Angst und bänger,
werft sie auf die Scheiterhaufen,
haltet sie, lasst sie nicht laufen!
Tut ihnen dasselbe an,
das, was sie euch angetan.

Lasst sie eure Schmerzen spüren,
die ihnen schon längst gebühren,
so, wie sie euch oft gepeinigt,
gehasst, gefoltert und gesteinigt.
Hängt sie auf, am nächsten Ast,
so viele von ihnen, bis es passt!

Herunter dort vom gold’nen Sessel,
legt sie allesamt in Fessel!

Heraus aus der gold’nen Limousin’,
Vetter, Onkel und Cousin
Zündet diesen Haufen an,
dass er nichts mehr anstell’n kann.

Das Lametta reißt herunter,
Kopf ins Wasser, taucht sie unter.
wie sie es mit euch getan.
Bloß nicht zaudern, spuckt sie an.
Prügelt sie, bis dass es gellt!
Gottverdammte Männerwelt!

Selbst der Wunsch nach Macht den Kindern,
wäre besser zu verhindern.
Schon die Kinder spielen Krieg,
krank machend verfluchter Sieg!

Vorbilder sind weder Schiller,
Goethe nicht, sondern Godzilla.
Irgendein brutaler Scheiß,
und einer, der alles besser weiß.
Immer Macht und Ruhm und Geld:
Gottverdammte Männerwelt!

Worte auf Papier verschwendet,
all die Jahre, nichts beendet.
Alles fängt von Neuem an,
weil man sich nichts merken kann.
Einerseits zu blöd zum Lesen,
dann so tun, wär nichts gewesen.
Weil der Mensch nicht anders kann,
fängt er stets von vorne an,
der, dumm gebor’n und nichts behält,
in der verdammten Männerwelt.

So sucht nach geistigen Eliten,
solche, die euch Hoffnung bieten,
selbstlos, klug und auch gerecht!
Einen mit Bildung und Gefühl,
keinen, der macht, was nur er will!

Und seht euch vor, wen ihr anheuert,
nicht wieder einen, schwanzgesteuert,
mit viel Muskeln, ohne Hirn!
Bietet solchen jäh die Stirn!

Frauen schätzen Leib und Leben,
weil sie es sind, die’s schließlich geben.
Nichts davon versteht ein Mann,
weil er sich’s nicht vorstell’n kann.
Foltern Frauen oder morden,
rücksichtslos, wie Männerhorden?
Die Welt bedroh’n, zu lange schon,
bloß Kerle, voll Testosteron.
Wir brauchen wen, der zu uns hält,
nicht die verdammte Männerwelt!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25110

 

 

 

 

 

 

Männerhölle

In den Unruhstand gerettet,
gleich mal seh’n, wohin man jettet,
jedoch davor noch eine Hürde.
Ob man dennoch nicht mal würde,
zur Gesundenuntersuchung geh’n?,
meint das Weib, du musst versteh’n,
ich will einen fitten Alten, am Strand,
und überhaupt,
nicht nur bloß zum Handerlhalten.

Männer sind ja, wie man kennt,
vor Beratung resistent.
Sollt’ ich meinen Stand verraten?
Lieber ins Kaffeehaus waten?
Besser noch, ins Kino geh’n?
Doch mein Hasi riecht den Braten.
Den Befund? Den will sie seh’n!

Cowboyschritt hin zum Labor.
Enge Jeans und Stiefeletten,
wie Clint Eastwood, täuscht man vor,
Unrasiert würd’ man auftreten,
hart und rau. Oui, je suis d’accord!
Da unten mal für Ordnung sorgen,
wie Kilgore, bei Coppola.
Lieutenant Colonel glaub ich?
Griff ans Gemächt, na hoppala!

Beim Blutdruck fragt die Laboröse,
was ist das denn für ein Getöse?
Jetzt sagen Sie, wos homma do?
Anwort; Nix, is immer so!
Bloß nichts zugeb’n, wär ja g’lacht,
dass man sich noch Sorgen macht!
Erleichtert geht man auf ein Bier,
Prostata! Drauf trinken wir!

Auf diesem Mail hier steht kein Kitsch,
ernstzunehmende Messitsch!
Geht recht hart an den Humor.
Roter Marker beim Tumor!
Was zum Henker steht geschrieben?
PSA, mit Nummro sieben?
Herz rutscht hurtig in die Hose.
Nur ein Griff zur off’nen Dose
bringt,
Linderung in höchster Not.
Grauenhaft, was sich hier bot!
Das zu lesen, jetzt und hier!
Prostata! Drauf trinken wir!

Die Frage ist, was kann man tun?
Hasi steht nur ratlos rum.
Vielleicht einmal paar Freunde fragen,
hören, was Erfahr’ne sagen.
Innsbruck wär der heiße Tipp!
Dorthin führt der nächste Trip.
Eastwoodgang scheint längst passé.
Schauspiel offline, waß ma eh.
Gang sieht aus nach Kreuze kriechen,
Einstellmodus Richtung Siechen.

In Innsbruck trifft ein Radiologe
schon nach kurzem Dialoge
rasch auf eine heikle Stelle,
von der er schließlich hielt,
dass sie zu beachten gilt.
Er überweist, mir vis-à-vis,
mich zu einer Biopsie,
wobei er hofft, von mir zu hören
um die Sache abzuklären.

Banges Warten im Spital,
Gleich beginnt das Infernal.
Die Position im birthing stool
is’ alles andere als cool.
Sechzehn superschnelle Pfeile
schießen, sehr zu meinem Leide,
tief in meine Eingeweide.
Stundenlang dauert der Schmerz,
noch danach, ganz ohne Scherz.
Schon seh ich meinen Stern im Sinken,
Prostata! Drauf woll’n wir trinken.

Bei Therapist in shabby chic,
hab ich leider gar kein Glück.
Unverblümt macht sie mir klar:
Gleason-Score, Wert drei sogar,
general anesthesia.
Photonendosis volles Rohr,
das kommt mir ziemlich komisch vor.
Worin frag ich, liegt hier der Sinn?
Hinterher is alles hin.
Artig sag ich: Dankeschön!
Bye, bye, bis bald, auf Wiederseh’n.
Keine Sekunde bleib ich hier.
Prostata! Drauf trinken wir!

Geht’s nicht weiter, wird’s nicht besser,
sucht man nach einem Professor.
So einer ist rasch gefunden.
Der verrechnet nach Sekunden
und der Deal wird rasch verhandelt,
Gleason drei wird nicht behandelt!
Freu mich, da gibt’s eine Chance,
nämlich, active surveillance.

Schnell vorbei ist brav und bieder,
es erwacht Clint Eastwood wieder.
Auf dem Weg hierher es gab,
wie gerufen, auch ein Pub.
Tisch und Hocker vor der Tür,
Prostata! Drauf trinken wir!

Nun sind fast zwei Jahr’ vergangen,
und Corona abgefangen.
Wieder geht man ins Labor.
Scheiße! Nun steht elf davor!
Vor der Elf steht der Professor,
seine Worte, like Kompressor.
Herz klopft wild, mein Kopf wird rot,
in zwei Jahren sind Sie tot!
Wenn wir nicht sofort was tun,
werden Sie auf ewig ruh’n.
Angst sitzt in den Eingeweiden,
sehe schon mein End’ erleiden.
Im Kopf geht’s wie im Kreis herum!
Alles umsonst? Es ist zu dumm!
Weib, Kind und Studium.
Grad jetzt, wo fern die Freiheit rief,
nun droht des Todes fieser Mief.
Wie’s weitergeht? Am End’ kein Licht!
Prostata! Wir trinken nicht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25077

 

 

Sister

Lens Parka von oben bis unten zuknöpfen. Die Kapuze über deinen Kopf und tief in die Stirn ziehen. Seinen langen Schal ein paar Mal über den Hals und deine untere Gesichtshälfte schlingen. Dankbar sein, dass es eisig kalt draußen ist, und du dich dementsprechend vermummen kannst.
„Ich gehe jetzt, bis später“, rufst du, durch den Schal gedämpft, Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort. Du seufzt, zögerst, gehst dann ins Zimmer. Stellst dich neben deinen Vater, der sich, tief im Ohrensessel versunken, wieder mal irgendeine Doku im Fernsehen ansieht – oder vorgibt, es zu tun.
„Papa, ich gehe jetzt“, sagst du.
Er schreckt auf, räuspert sich. „Ja. Wohin denn, Kind?“
„Ach, unwichtig“, murmelst du in den Schal.
„Weißt du, Lea, wir sind so froh, dass du – trotz allem – “ Er beendet den Satz nicht.
Ein unangenehmer Lachreiz steigt in dir hoch. Wegen dem absurden ‚so froh‘. Dem ‚wir‘.
‚Wen meinst du denn mit ‚wir‘, Papa? Den Fernseher und dich?‘, würdest du gerne fragen.
„Ich meine, deine Mama und ich sind – “ Wieder stockt er mitten im Satz.
‚Deine Mama und ich‘, echot es in dir ‚ – miese Wortwahl.‘
Genauso mies, wie alles seit drei Wochen und zwei Tagen ist. Seitdem du ein Einzelkind bist. Seitdem es anstatt Mama nur mehr eine Art Schattenmama gibt. Die beinahe den ganzen Tag in ihrem verdunkelten Zimmer auf dem Sofa liegt, schläft – oder vorgibt, es zu tun. Die Pillen, die sie nimmt, machen sie lethargisch und dauermüde.
„Schon gut, Papa, ich weiß“, sagst du, legst ihm kurz die Hand auf die Schulter, und gehst.
Ja, du weißt. Dass deine Eltern erleichtert sind, dass du so tapfer, so stark bist – oder vorgibst, es zu sein. Dass du jeden Wochentag zur Schule gehst – oder vorgibst, es zu tun. Dass du dich mit Freund:innen triffst – oder vorgibst, es zu tun. Du weißt, dass sie beide nicht die Kraft haben, genauer nachzufragen, nicht die Kraft, sich um dich zu kümmern. Zu schwer, zu erdrückend ist die Trauer, an der sie, jeder für sich, tragen. Papa vor dem Fernseher. Mama im dunklen Zimmer.

Du gehst jetzt Richtung U-Bahn und bist erleichtert, weil sich soeben eine erholsame Leere anstelle der furchtbaren, intensiven Gefühle, die dich seit Wochen beherrschen, in dir einstellt. Die Psychologin hat letztens gefragt, ob du über diese Gefühle reden möchtest. Du hast eisern geschwiegen. Es reicht dir doch so was von, sie aushalten zu müssen, wozu um Himmels willen auch noch über sie sprechen!?
Über den Schmerz: Weil Len tot ist.
Über die Distanziertheit: Zu Eltern, Verwandten, Freund:innen. Seit Len tot ist.
Über die Einsamkeit: Mitten unter Menschen, egal, ob Fremde oder Freunde. Seit Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Auf dich. Auf alle Menschen. Weil ihr lebt und Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Speziell auf Jonas. Mit dem du dich jetzt treffen wirst. Und schon steigen sie wieder in dir empor, diese beiden schrecklichen Gefühle, verbünden sich mit den Gedanken, die ständig in deinem Kopf kreisen:
Warum nur ist Jonas, der Führerscheinneuling, an diesem Freitag trotz des drohenden Unwetters mit Len ins Auto gestiegen? Du siehst den sich verdunkelnden, den beinahe schwarzen Himmel wieder vor dir. Siehst die Äste an den Bäumen, die sich unter dem aufkommenden gewaltigen Sturm biegen, brechen. Und dann – der plötzlich einsetzende Hagel! Ein Hagel, von dem noch heute entsetzt gesprochen wird. Mensch und Natur waren ihm hilflos ausgeliefert – so wie du seit diesem Tag deinen quälenden Emotionen. Nie zuvor in dieser gewaltigen Dimension erlebt. – Babyfaustgroße Eisklumpen. – Umgeknickte Sträucher und Bäume. – Unzählige Schäden an Fahrzeugen, Gebäuden, Hausdächern. – Unfälle. Viele Verletzte. Und ein Toter. Len.
Jonas hat die Kontrolle über sein Auto verloren. Es ist frontal gegen einen Baum geprallt. Warum hat Jonas überlebt und Len nicht? Warum hattest du ausgerechnet an diesem Tag Migräne? Sonst wärest du bestimmst mitgefahren, dann wärest vielleicht du tot und Len würde um dich weinen …

Obwohl: Weinen? Du kannst nicht weinen. Die Psychologin hat gemeint, das wäre der Schock. Tolle Erkenntnis. Sowieso wirst du nicht mehr zu ihr gehen, seit ihrer Aussage in der letzten Therapiestunde. Sie hat dich professionell – unterstellst du ihr – mitfühlend angeschaut, und, bemüht vorsichtig, gesagt: „Vielleicht ist es zu früh, das zu sagen, aber glaube mir, Lea, irgendwann wirst du dankbar sein für die sechzehn Jahre, in denen du mit deinem Zwillingsbruder so viel Schönes und Unvergessliches erlebt hast.“
In dir hat es geschrien: ‚Was redest du da für Scheiße! Sechzehn Jahre sind viel zu wenige! Ich will, dass er lebt! Ich will ihn wiederhaben! Jetzt, hier, neben mir! Sofort!‘

Bei diesen Gedanken platzt du fast vor Schmerz. Nie wirst du Jonas verzeihen können! Auch, wenn er im Mail, in dem er dich um das heutige Treffen gebeten hat, geschrieben hat, dass er jede Nacht Alpträume vom Unfall habe, von dem unfassbaren Hagelsturm, der sein Auto, der Len und ihn – im wahrsten Sinn des Wortes – aus der Bahn geworfen hat; dass er sich die ärgsten Vorwürfe mache; er traumatisiert, todtraurig sei, dass dein Bruder – sein bester Freund verunglückt ist.
‚Was erwartet er sich denn?‘, denkst du bitter. ‚Dass ich ihn tröste? Dass ich ihm verzeihe? Unmöglich. Er ist schuld daran, dass Len tot ist, und das werde ich ihm ins Gesicht sagen …
Aus jetzt! Stehen bleiben. An die Mauer lehnen. Die Augen schließen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Jetzt einen Fuß vor den anderen setzen. Und langsam, Stufe für Stufe, hinunter zur U-Bahn-Unterführung.‘

Unten gehst du um die Ecke, und siehst John. Möchtest sofort umdrehen und flüchten. Verfluchst dich innerlich, weil du nicht daran gedacht hast, dass du ihm begegnen wirst. John ist immer um diese Zeit hier. Es ist zu spät, um wegzulaufen. Sein Gesicht strahlt auf, als sich eure Blicke treffen, nimmt dann aber sogleich einen besorgten Ausdruck an. Schnell willst du an ihm vorbeigehen.
„Hello Sister“, hörst du John wie immer zu dir sagen. Wenn er wüsste, was diese beiden Worte in dir auslösen. ‚Ich bin keine mehr! Bin keine Schwester mehr, keine Schwester mehr!‘, schreit es in dir. Der Schmerz ist unerträglich. Nie wieder wirst du ‚Hi, Schwesterherz‘ von Len auf dem Display lesen, nie mehr sein scherzhaftes ‚Na, kleine Schwester?‘ hören, wenn er betonen will, dass er ein paar Minuten vor dir auf die Welt gekommen ist …

Du schmeckst Salziges auf deinen Lippen. Registrierst, dass du direkt vor John stehst und weinst. Das erste Mal weinst, weinen kannst, seitdem das Unglück passiert ist. Im denkbar ungünstigsten Moment. In einer belebten U-Bahn-Station. Kannst es nicht verhindern. John legt seine Zeitungen zu Boden, öffnet seine Arme. Du schluchzt, heulst, rotzt in seinen rauen Jackenstoff. Er hält beschützend seine Arme um dich, sagt nichts, lässt dich weinen.

Bilder blitzen durch deinen Kopf: Len und du als Volksschulkinder, als ihr auf eurem Schulweg wochentags an John vorbei zur U-Bahn gegangen seid. Johns fröhlicher Gruß jeden Tag: ‚Hi, my little Friends! Hello Sister! Hello Brother!‘ Len, der mit John scherzt und lacht. Len als Elfjähriger, der vor eurer Klasse ein Referat hält. Thema: „Ein Mensch, den ich bewundere.“ Len erzählt von John, dem Straßenzeitungsverkäufer. Der immer freundlich und heiter ist, obwohl er unvorstellbar Grausames erleben musste. Der als Jugendlicher seine gesamte Familie im Krieg verloren, als Einziger überlebt hat, allein aus seiner Heimat flüchten musste. Du erinnerst dich, dass es mucksmäuschenstill im Klassenraum war, als Len sein Referat mit den Worten beendete: ‚Ich bewundere John, und ich mag ihn sehr.‘

Du löst dich nun aus Johns schützender Umarmung. Er fragt nicht, sieht dich nur still an. Du putzt dir die Nase, dann bricht es stotternd aus dir heraus: „Es war – es war ein Autounfall. – An dem Tag, als das Unwetter – als es so furchtbar gehagelt hat … – Len ist tot. Er ist tot.“
Nun weint ihr beide. Später dann, als du gehst, ruft John dir mit fester Stimme nach: „You are not alone, Sister. Don’t lose hope.“

In der U-Bahn schauen dich ein paar Leute verstohlen an. Weil du nach wie vor weinen musst. Du nimmst ein Taschentuch an, das dir jemand reicht. Schämst dich nicht deswegen. Denkst an John. Ob er von Lens Referat über ihn weiß? Du wirst es suchen, kopieren und ihm geben. Bestimmt wird ihn dies freuen. Wie ist es möglich, fragst du dich, dass er trotz seiner Schicksalsschläge ein so herzlicher, fröhlicher Mensch ist? Seine Positivität wirkt nicht aufgesetzt, sie ist echt. Wie hat er es geschafft, den Verlust seiner Geschwister und Eltern zu bewältigen?
‚Meine Eltern leben, ich lebe‘, denkst du, und dann an Johns Worte, die er dir nachgerufen hat. Unerwartet flammt tatsächlich ein kleiner Funke Hoffnung in dir auf, die leise Hoffnung, dass vielleicht doch langsam alles wieder etwas leichter, etwas lichter werden könnte. Für deine Eltern und dich, für alle, die um Len trauern.

Gleich wirst du bei der U-Bahn-Station ankommen, bei der du aussteigen musst. In Kürze also wirst du Jonas gegenüberstehen. Du trocknest noch einmal dein Gesicht, steckst das Taschentuch ein, atmest tief durch. Du wirst Jonas sagen, dass er und Len nicht wissen konnten, dass das Unwetter an diesem Freitag derart heftig werden würde, als sie sich ins Auto setzten. Dass weder deine Eltern noch du ihm Vorwürfe machen würden, und er sich ebenfalls keine machen solle. Das würde Len auf keinen Fall wollen.

Beim Aussteigen aus der U-Bahn rempelt dich versehentlich ein Junge an. Er hat lange, dunkle Dreadlocks. Solche, wie Len sie trug. „Ups, sorry“, lächelt dich der Junge entschuldigend an. Spontan lächelst du ebenfalls. Es ist ein echtes Lächeln.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25067

 

Manuela

„Hast du gestern „Tarzan in Gefahr“ gesehen?“, fragt Manuela.

Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. Ihr langes Haar fällt in hellen Strähnen über ihren Rücken. Mit ihrer rechten Hand schwingt sie energisch einen Stock und schlägt ihn hin und wieder gegen Sträucher und Baumstämme.

„Ja“, antworte ich geistesabwesend.

‚Sei doch still‘, denke ich. Ich stelle mir nämlich gerade vor, eine wunderschöne Prinzessin zu sein. Der Wald hier gehört zu meinem riesigen Reich. Manuela ist meine Zofe; sie hält mir den Weg frei und beschützt mich vor Schlangen und Wölfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle weiß, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.

„Und, ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?“, stört Manuela schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig.
„Na? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen!“

Redet so eine Zofe mit einer Prinzessin?
„Nein“, sage ich und fühle mich unbehaglich.

„Dann höre mir jetzt gut zu.“
Manuela bleibt abrupt stehen, lässt ihren Stock fallen, dreht sich um und fixiert mich aus zusammengekniffenen blauen Augen. Fast wäre ich gegen sie gerannt.
„ICH war der Tarzan im Fernsehen!“ Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vor.
„Blödsinn! Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.“
„Ich bin auf Stelzen gegangen und manchmal auf einem Schemel gestanden“, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. „Natürlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen können.“
„Ach, Manuela, du bist ein Mädchen, hast blonde Haare – du bist das pure Gegenteil von Tarzan!“

Ich schüttle den Kopf, gehe an ihr vorbei, weiter den Waldweg entlang.
„Schon etwas von Schminke gehört und von Perücken, du Dummi? Glaube mir, die können viel, die im Fernsehen. Sie haben mich so toll geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schwöre!“, läuft sie aufgeregt neben mir her.
„Da, schau!“

Sie überholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen großen, blauen Fleck auf ihrem Oberarm.
„Hier haben mich die Elfenbeinjäger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Aber Chita hat mich dann zum Glück befreit.“
Manuela öffnet weit ihren Mund, legt ihre Hände herum, den Kopf in den Nacken, und brüllt: „AAUUAA HHUUAA!!! Das war der echte Tarzanschrei! Was sagst du jetzt?“
„Du hast Mundgeruch“, sage ich.
Manuela blitzt mich wütend an.
„Du bist nicht mehr meine beste Freundin“, zischt sie.

Sie dreht sich weg und setzt sich auf einen Baumstumpf.
„Und tschüss“, sagt sie böse, ohne mich anzusehen.
Etwas ratlos stehe ich da. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Manuela vorsichtig eine große Weinbergschnecke von dem Baumstumpf löst, auf dem sie sitzt. Die Schnecke zieht sich sofort in ihr Haus zurück. Manuelas linke Hand greift sich einen Stein und schlägt damit in kurzen Abständen auf das Schneckenhaus zwischen Zeigefinger und Daumen in ihrer rechten. Die Schale bricht. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.
„Was machst du da?“, rufe ich fassungslos.

Manuela wirft den Stein weg und bricht konzentriert ein kleines Stück Schale vom Schneckenhaus ab, dann das nächste.
„Tja, meine Liebe, andere Schnecken haben auch keine Häuser“, sagt sie im sanften Tonfall.
„Spinnst du? Das arme Tierchen!“
„Ah, wegen einer Schnecke regst du dich auf! Aber dass mich die Elfenbeinjäger gestern schwer verletzt haben, das lässt dich völlig kalt!“
Manuela springt auf und wirft die Schnecke in einen Strauch.
„Du bist echt keine Freundin!“

Ich möchte etwas entgegnen, als plötzlich ein Radfahrer den Waldweg einbiegt und abbremst, als er uns sieht. Es ist Robert aus der Klasse über uns, den weder Manuela noch ich leiden können.
„Guten Tag, die Damen“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Auf Wiedersehen, der Herr“, Manuela ist aufgesprungen und zieht mich am Ärmel.
„Komm, Nora, gehen wir.“

Doch Robert fährt langsam neben uns her, als wir losgehen.
„Wie geht es denn deinem Vater? Hat er sich schon erholt?“, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht.
„Meine Mutter hat ihn nämlich gesehen, weißt du“, sagt Robert im Plauderton an mich gewandt, „gestern Vormittag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.“
„Hör auf, du Vollidiot!“, schreit Manuela mit plötzlich hochrotem Gesicht und schubst ihn mit dem Ellbogen, fest, so dass er beinahe vom Rad fällt.
„Ihr Vater ist mitten auf dem Gehsteig gelegen, stockbesoffen, am helllichten Tag …“
„Halt dein blödes Maul! Schleich dich, du Lügner, sonst …“ Manuela hat blitzschnell einen großen Stein in der Hand, hält ihn in Wurfposition.

Robert schaut Manuela an, den Stein, dann mich.
„Suche dir besser eine andere Freundin!“, ruft er mir zu, während er sein Rad wendet und wegfährt. „Die da ist ja echt das Letzte.“
Manuela schleudert ihm den Stein nach, er bleibt einige Meter von uns entfernt liegen.
„Und du bist das Allerletzte!“, schreit sie.
„Du glaubst doch diesem Lügner nicht“, sagt sie zu mir. Tränen treten in ihre Augen. Ungeduldig wischt sie sie weg, doch es kommen neue. Sie tut mir leid.
„Komm, vergiss es, gehen wir zu mir“, sage ich.
Schweigend gehen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus.

Wenig später sitzen wir still in meinem Zimmer und malen.
Ich male eine wunderschöne Prinzessin, die allein in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela lässt auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden, tiefblauen Meer versinken. Wir verwenden Deckfarben.
Ich tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Farbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den königlichen Garten zu malen.
„Hast du gestern nach Tarzan „Superman in Not“ gesehen?“, fragt Manuela plötzlich.
„Superman? Hat es gestern nicht gespielt.“
„Doch, gestern war Superman im Fernsehen, um acht Uhr. Das weiß ich ganz sicher, denn ICH WAR Superman.“

Ich sage nichts, arbeite konzentriert an meiner Schlossmauer weiter.
„Du glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch über euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. Über das ganze Dorf bin ich geflogen! Ich habe Saltos geübt, hoch oben, und dann – dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat furchtbar wehgetan! Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!“
Sie springt auf, wendet mir den Rücken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterblättern hoch.

Erschrocken sehe ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.
„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir.
„Manuela“, flüstere ich schockiert. „Wer hat das getan? War das dein – ?“
„Du bist so gemein!“ Manuela schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“
Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.
Abwehrend fange ich es mit der linken Hand und sehe, wie das Blau ihres Meeres vermischt mit dem Rot ihrer Sonne über meinen Handrücken rinnt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24120

Wenn’s einmal aus wird sein. Selbstmord auf Wienerisch

Frühling ist, wenn der Tichy aufsperrt! Egal, wie das Wetter ist, wenn die Türen des (zu Recht) bekanntesten/beliebtesten/größten Eissalons in Wien offen stehen, dann gibt’s trotz Eis keinen Winter mehr. Und die größte Affenhitze lässt sich aushalten, wenn man, genüsslich von einer Tüte Erdbeer-Zitrone (o.Ä.) schleckend, auf einer schattigen Bank vor dem urbaneren Eissalon am Schwedenplatz sitzt. Da schrumpfen alle Sorgen, und man kann so herrlich die Seele baumeln lassen, während beachtenswerte Mädchenbeine wie im Film vorüberziehen und etliche Gesprächsfetzen von der Nebenbank ans Ohr dringen. Und weil – ebenfalls zu Recht – den Wienern ein eher gemütliches Naheverhältnis auch zum Tod nachgesagt wird (wo sonst nennt man ihn harmlos verkleinernd „Gangkerl“?), fing der Verfasser einmal ein in leichtem Plauderton gehaltenes Gespräch über gleich drei Selbstmorde und deren nähere Umstände ein:

Auf der Nebenbank saßen, gemächlich aus ihren Bechern löffelnd, zwei ältere Damen, von denen die dickere, dominante das Gespräch führte, während die schmächtigere, einfacher gekleidete (vermutlich eine entferntere Bekannte) kaum mehr als gelegentlich erstaunte, beipflichtende oder erschrockene Bemerkungen in den Satzpausen (während ein Löfferl Erdbeereis geschaufelt wurde) einfügte.

Zuerst wurde der mittels Schlaftabletten durchgeführte Suizid einer Nichte abgehandelt: Diese hätte nach ihrer Scheidung zwar ein Jahr später ihren Mann wieder zurückbekommen, es aber nicht verwunden, dass dieser sein schlampertes Verhältnis zum Scheidungsgrund noch aufrecht hielt. Ja, und so hätte sie das Leben nicht mehr gefreut und sie hätte beschlossen, nach Einnahme von zwölf Schlaftabletten nicht mehr aufzuwachen. Und nun zu den Details: Da besagte Nichte gelesen hatte, dass manche Menschen den giftigen Abschiedstrunk nicht vertragen und ihn wieder erbrechen, war ihr die Idee gekommen, vorher eine Haferschleimsuppe einzunehmen, damit der Magen beruhigt sei. Die Polizei hätte vorerst nicht an Suizid gedacht, weil die Nichte ja auch Kreislaufprobleme gehabt hätte. Aber der Hausmeisterin, welche die Tür geöffnet habe, wäre der Topf mit der restlichen Suppe aufgefallen und deshalb habe sie die Polizei informiert, dass da was nicht stimmen könne, weil der Nichte doch nachweislich seit ihrer Kindheit vor Haferschleimsuppe gegraust hätte. Und so sei das eben herausgekommen.

„Entsetzlich, gelln’s, so ein junger Mensch, das ist doch so ein teppert’s Mannsbild gar net wert, net?“, so die Monolog-Partnerin.

Die Erzählerin schwieg eine halbe Minute, weil sie in ihrem Nocciolone-Eis eine Haselnuss gefunden und daran gekaut hatte, dann kam sie zum Teil zwei:

Es sei dann kaum ein halbes Jahr vergangen, bis sich ein Cousin wegen seiner enormen Spielschulden nicht mehr aus noch ein gesehen hätte, und der zwielichtige Geldverleiher, an den er sich zuletzt in seiner Not gewandt habe, hätte ihm bei Terminverlust eine Schlägertruppe in Aussicht gestellt. Das sei alles in einem flüchtig hingekritzelten Abschiedsbrief gestanden. Und als es dann an seiner Türe stark geklopft habe, da hätte er das Fenster aufgerissen und sich aus dem fünften Stock in die Tiefe gestürzt. Er sei sofort tot und damit schuldenfrei gewesen. Dabei war es doch nur der Hausmeister, weil eine Partei Gasgeruch gemeldet hätte. „Und jetzt stellen S’ Ihnen vor, wenn der Cousin noch eine letzte Zigarette geraucht hätte, dann hätte das ganze Haus in die Luft fliegen können. Das wär ja gar nicht auszudenken!“

„Da hätt er ja dann gar nimmer Selbstmord machen brauchen, gelln’s?“ gab da die entzückend naive Gefährtin zu Protokoll, worauf die Erzählerin einen Lachkrampf bekam und beinahe den Eisbecher fallen ließ.

Dann setzte sie fort, dass es immer die Falschen träfe, er sei so ein harmloser und gutgläubiger Mensch gewesen, alles hätte man von ihm haben können, er wäre wirklich zu gut für diese Welt gewesen. Und dass dafür den größten Gfrastern ein langes Leben beschert sei.

Die Monologpartnerin widersprach zaghaft, dass aber der Wiener Kardinal König, der wohl unbestritten ein sehr wertvoller Mensch war, doch schon fast 100 Jahre alt geworden wäre.

Jaja, das sei natürlich die Ausnahme, welche die Regel bestätige, stimmte die Erzählerin zu, aber eben eine seltene. Da wäre zum Beispiel ein Schwager zweiten Grades, der knapp zwei Jahre später auch nicht mehr leben wollte. Dieser habe nämlich mit seiner mühsam aufgebauten Firma Konkurs anmelden müssen und hatte nicht den Mut, es seinen Angestellten zu sagen, und außerdem fürchtete er die Ächtung durch seine Geschäftsfreunde und seine Familie, weil er sich entgegen dem Rat seines Schwiegervaters selbständig gemacht hätte. Und so habe er sich – weil er vom Freitod des Cousins wusste – ebenfalls aus dem Fenster gestürzt, aber weil er nur im dritten Stock gewohnt hätte, habe er mit geknickter Wirbelsäule und mehreren Beinbrüchen überlebt. Noch ein Jahr sei er im Rollstuhl gesessen, bis ihn ein Schleimschlag erlöst habe.

„Gelln’s, da sieht man, was zwei Stockwerke ausmachen“, war die erschütterte Reaktion der Zuhörerin.

„Wie ich schon g’sagt hab, es trifft immer die Guten“, setzte die Erzählerin fort, und dass sich ihr Seliger darüber auch sehr gekränkt habe. Außerdem sei der zuletzt Verblichene sein ständiger Tarockpartner gewesen, und nun sei die Partie zerfallen, weil kein Ersatz aufzutreiben gewesen sei.

„Also da tun S’ mir aber schon leid“, bemerkte nun die Zuhörerin, „Haben S’ da überhaupt noch wem, wenn sich Ihre Verwandten so schnell hintereinander verabschieden? Das muss ja furchtbar sein, da kommen S’ ja gar nicht aus dem schwarzen G’wand ausse!“

„Nein, nein, die waren ja alle von seiner Seit’n“, beruhigte die Erzählerin, und sie selber hätte noch genug Verwandte, weil in ihrer Linie fast alle drei, vier Kinder hätten. Da würde ihr die nächsten Jahre bestimmt nicht fad!

Tja, die besten Geschichten schreibt immer das Leben. Oder dessen Ende.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24047

Der Treck

Ich kann nicht mehr, sagt er. Er setzt sich hin. Die anderen beratschlagen. Er ist zu schwach. Wenn wir auf ihn warten, sterben wir mit ihm. Er soll alleine sterben, beschließen sie. Sie gehen weiter.

Das Flüchtlingslager ohne Flüchtlinge, 2017

Das Flüchtlingslager ohne Flüchtlinge, 2017

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24026