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Auszeit

Ihre Begegnung war flüchtig, nahezu beiläufig. Schlicht, unspektakulär, und doch auf einer Seelenebene, die eine ganz besondere Tiefe erspüren lässt. Wie selbstverständlich trafen sie sich, als hätten sie sich verabredet. Um sich noch ein einziges Mal in die Augen zu sehen. Vielleicht ein letztes Mal. Nichts deutete auf eine belanglose Zufälligkeit hin. Vielmehr schien es lange geplant und doch unerwartet, vertraut und doch fremd, verbindend und doch trennend zu sein.

Für einen Moment stand die Zeit still. Als hätte jemand die Zeiger ihrer Armbanduhren festgehalten, um Schicksal zu spielen, während sich ihre Herzen einmal von innen nach außen kehrten und in sonst verborgene Tiefen blicken ließen.

Im Vorbeigehen treffen sich ihre Blicke, die eine Geschichte erzählen, Gelebtes und Ungelebtes preisgeben. Ein Lächeln, noch zurückhaltend. Erstmal abwarten. Prüfen, ob es sich in Vertrautes vortasten, Wärme verbreiten kann. Bewegungen in Zeitlupe. Innehalten. Den Moment einfangen und für immer festhalten. Vertrauten Duft einatmen. Erinnerungen wachrufen. Die vollen Lippen, leicht vorgeschoben, nicht zu viel, gerade richtig. Sinnlichkeit wecken. Der linke Mundwinkel ein kleines Stück höher als der rechte. Sein Gesicht, auch mit den Spuren des Alters, immer noch schön. Falten, die von dem Leben erzählen, das vergangen ist, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen haben. Von zwanzig langen Jahren. Fragen schießen wie Blitze durch ihren Kopf. Träumst du immer noch die gleichen Träume? Welcher Mensch steht dir so nah, dass er dich verletzen darf? Wie sehen deine Kinder aus? Was bewegt dich? Denkst du manchmal noch an uns?

Dann fliegen ihre Gedanken in diese längst vergangene Zeit, die – in ein schwarzweißes Gewand gehüllt – vor ihr steht, unverfroren anklopft, um ihr noch einmal einen kurzen Besuch abzustatten. Sie möchte eindringlich daran erinnern, dass es noch etwas gibt, das erst zur Ruhe kommt, wenn es noch einmal Beachtung findet, um mit Haut und Haar durchdrungen zu werden. Bis es sich kompromisslos einfügt, aufhört zu strampeln, in Freiheit losgelassen und ein akzeptierter Teil ihrer ganz persönlichen Geschichte werden kann.

Schlagartig wurde ihr die Dringlichkeit, den Finger in ihre tiefste Wunde legen zu müssen, bewusst. Den Schmerz noch einmal auszuhalten, ihm direkt in die Augen zu sehen, um ihn zu besänftigen. Damit sie die Zügel in der Hand halten konnte, nicht er, und endlich ihren Frieden finden würde.

Es war eine besondere Liebe, die sie damals verband. Sie kam nicht urplötzlich aus dem Nichts, um mit Macht einzuschlagen und dann monatelang den Verstand zu rauben. Vielmehr loderte ihr Feuer auf kleiner Flamme, dafür beständig, verlässlich und in einem kräftigen Rotorange, das ein solides Fundament formte und bis in die Wurzeln wärmte.

Sie kannten sich aus Kindheitstagen, und ihre Liebe war von Anfang an ganz selbstverständlich da. Stark und unanfechtbar hüllte sie ein, schützte, versicherte und schweißte nah und vertraut zusammen. Sie war Gesetz. Man musste nicht viele Worte davon machen. Sie verströmte ihren ureigenen Duft, der sie auf mystische Weise heiligsprach und unverwundbar machte. Ein Geschenk des Lebens.

Vielleicht hatten sie diese Kostbarkeit verkannt, waren zu gleichgültig und unachtsam mit ihrem wertvollen Schatz umgegangen. Hatten der Selbstverständlichkeit, die nach und nach den Glanz raubte, immer den Vortritt gelassen. Vielleicht waren sie zu jung, zu ausgehungert für eine Liebe in dieser Schlichtheit und Eleganz. Denn es kam der Tag, an dem sich das Band zwischen ihnen lockerte, weil es eine andere Beschaffenheit annahm. Jeder hatte eigene Pläne und spürte auf eine selbstbezogene, kompromisslose Art die Lust auf das Leben. Sie breitete sich aus, im Bauch, im Herzen, strömte unaufhaltsam in jede Faser und ließ unbändige Kräfte wachsen, bis das Band zwischen ihnen dünn und porös wurde, weil jeder mit Macht in eine andere Richtung zog.

So trennten sich ein erstes Mal ihre Wege. Auch wenn es schmerzte, war es notwendig. Es war wie ein innerer Ruf, dem ungefragt Folge zu leisten war und der kein Zögern zuließ. Vielleicht war ihre Liebe zu alltäglich für diesen Schritt in die Mitte des Farbkreises, auf der Suche nach sich selbst und nach seinen eigenen Grenzen. Bereit, Kostbarkeiten leichtfertig aufzugeben für einen Sprung in ein Blütenmeer, um mit allen Sinnen zu entdecken und aufzusaugen, was Leben ist. Abenteuerlich hochschießende Flammen wurden interessanter als kleinere, in Beständigkeit flackernde.

Sie hatten sich nichts vorzuwerfen. Denn nur wer sich von der Fülle betören lässt, hat wieder ein Auge für das Gänseblümchen am Wegesrand, das gerade durch seine Schlichtheit berührt und mit seiner Blüte auch für längere Zeit Freude schenkt. Was ist daran falsch, der eigenen Stimme zu folgen? Zu experimentieren, zu kosten, zu genießen und nach drei Schritten voran auch mal wieder vier Schritte zurückzugehen? Das ist Leben! Und wie tragisch wäre es doch, am Ende dazustehen und sich eingestehen zu müssen, dass die Suppe zu fad schmeckt, weil nicht die gesamte Palette des Gewürzspektrums zum Einsatz kam.

Nun, sie hatten beides. Jeder ging seinen eigenen Weg, der ihnen eine Gewürzvielfalt bot, und suchte gleichzeitig die urvertraute Nähe, die in dem jeweils anderen zu finden war. Sicherheit und Altbewährtes wirkten ausgleichend zum unvorhersehbar unruhigen Wellengang.

Es war wie ein unaufhaltsamer Sog, der sie immer wieder zusammenführte. Anfangs in Form von Briefen. Unverfängliche, formelle Geburtstagsgrüße oder Urlaubskarten, die zeigten, dass man immer noch an den anderen dachte. Kurz, aber regelmäßig bemühten sie sich damit um das Wahren einer Freundschaft, die durch die Entfernung wieder mehr Wertschätzung und Qualität erfuhr. Die Frequenz dieser schriftlichen Kontakte wurde mit der Zeit dichter, der Inhalt immer intimer. Sie begannen, sich ihre Sorgen und Nöte mitzuteilen, sodass ihre Briefe schon bald zu einem verlässlichen Rettungsanker heranreiften, den man herbeisehnte, brauchte, wie die Luft zum Atmen, und ohne den man eines Tages nicht mehr sein wollte. Sie behüteten ihn, wie einen kostbaren Schatz, pflegten und schätzten ihn. Und die Distanz wickelte ihn in ein Papier von besonderem Glanz, das auf eine unerschütterliche Weise seine Unfehlbarkeit unterstrich.

Die Treffen, die den Briefen folgten, waren eine selbstverständliche Weiterführung ihrer Beziehung, eine unscheinbare Steigerung an Intensität, die es nicht zu hinterfragen galt. Sie waren der nächste Schritt in eine richtige Richtung, die natürlicherweise Sinn ergab. Im Nachhinein betrachtet, lief es sogar von Anfang an darauf hinaus, und es schien, als dienten all die zaghaft formulierten Zeilen einzig und allein dazu, eine neue Ebene der Berührung und des Gesprächs von Angesicht zu Angesicht Realität werden zu lassen.

Von nun an trafen sie sich in jedem Sommer. Es war wie ein regelmäßig wiederkehrender Urlaub am gleichen Ort, den man in- und auswendig kannte und gewohnheitsgemäß jedes Jahr wieder aufsuchte, weil man sich auf genau das freute, was einen dort erwartete. Den Salat Nizza in der Pizzeria am Kirchplatz mit genau dem Dressing, das man lieben gelernt hatte und wonach sich die sensibilisierten Geschmackszellen seit Wochen so sehr sehnten. Alle Details hatten sich in die Sinne gebrannt und wollten wieder belebt werden. Die stumpfe Gewohnheit schien in ihnen eine ungeahnte Quelle an Lebendigkeit zum Sprudeln zu bringen, die einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in ein aufgeregtes Flattern versetzen konnte, was ein unbändiges Glücksgefühl verströmte.

Jedes Jahr zur gleichen Zeit lebten sie eine Auszeit von ihrem Leben, das sie bis zum Anschlag überreizte, forderte und jegliches Fühlen in ihnen lahmlegte. Sie ließen die Zeit stillstehen, genossen Momente der Ruhe und Muße, während sie in einer schillernd bunten Seifenblase innig beisammen waren, redeten, schwiegen, liebten und lebten. Körper und Seele wurden reingewaschen von allen Belastungen, die Zellen erneuert und Grenzen im Denken und Fühlen aufgehoben. Es war wie ein Paradies, in dem das Gänseblümchen durch eine Vielzahl anderer Blütenschönheiten seine höchste Stufe der Veredelung erfuhr.

Ein zeitlich befristetes Paradies jedoch, von dem man sich jedes Mal, wenn der Sommer sein Ende fand, wieder verabschieden musste. Doch überraschenderweise war es niemals mit Schmerz verbunden. Vielleicht mit einer kleinen Prise Wehmut, die aber durch ihre Schnelllebigkeit kaum Gewicht erhielt. Denn schon nach kurzer Zeit hatte sich in vielerlei Hinsicht ein gewisser Grad an Sättigung eingestellt. Man war ausgefüllt mit Glück, hatte genug Ruhe und Zweisamkeit getankt, den Blick wieder für das Wesentliche geschärft und war bereit für einen neuen Farbanstrich. Es erinnerte an eine reife Frucht, die dankbar darüber war, endlich gepflückt zu werden, bevor sie schonungslos vom Baum fiel, um aufzuplatzen und dann keine Beachtung mehr zu finden. Und die Schmetterlinge fielen wieder in einen Dornröschenschlaf.

Ihr Abschied voneinander verlief in den meisten Fällen wortlos und karg. Wie ein zu kurz geratener Haarschnitt. Eine schnelle Umarmung, eine flüchtige Berührung, während die Körper bereits halb abgewandt waren. In ihren Augen formten sich schon die Bilder dessen, was sie in ihrem für kurze Zeit auf Standby geschalteten Leben erwartete. Das puristische Verabschiedungsritual stand in keinem Verhältnis zu ihrem lebendig symbiotischen Beisammensein der vorausgegangenen Wochen. Fast vermittelte es den Eindruck, als wollten sie voreinander fliehen, um sich voller Freude und Lust dem Kontrastprogramm auf dem anderen Kanal zuzuwenden. Als müssten sie sich gewaltsam und möglichst unbeschadet aus ihrer gegenseitigen Anziehung befreien, sich wegreißen von dem, was vor einer Sekunde noch als eine lebenserhaltende Maßnahme definiert war. Weil es außerhalb der Seifenblase plötzlich an Bedeutung verlor. Oder aber, weil es gerade dort erst bedeutungsvoll wurde, mehr als sie es sich eingestehen wollten. Und mehr als sie in dieser Episode, die das Leben für sie schrieb, zulassen konnten, weil es alles auf links gekrempelt hätte, was so wunderbar perfekt und schnörkellos eingerichtet war.

So hätte es problemlos weitergehen können, noch viele lange Sommer. Jedes Jahr zur gleichen Zeit die Repeat-Taste drücken und immer wieder das gleiche Programm abspulen lassen. Doch ein unvorhersehbares, einschneidendes Ereignis beendete ihre traumhaften Auszeiten abrupt, noch bevor Ermüdung oder Abnutzung die Chance bekommen hatten, sich auf leisen Sohlen zur Tür hereinzuschleichen.

Das Schicksal zeigte kein Erbarmen und schlug ihnen mit geballter Faust mitten ins Gesicht. Ein ungeborenes Kind zu verlieren, zählt wohl zu den härtesten Prüfungen im Leben einer Frau. Manch eine zerbricht daran. Geburt und Tod – die entscheidenden Momente des Lebens – geschehen gleichzeitig. Das Herz zerreißt, der Körper rebelliert, schmerzt und versteht nicht, was da passiert. Jede Zelle trauert und will nicht loslassen. Die eigene, bisher unbekannte Angst vor dem Sterben erscheint zum Greifen nah.

Sie fühlte, wie ein Teil von ihr mitstarb und für immer fortging. Sie war bereit, auch den anderen Teil zu geben, für einen einzigen, kostbaren Moment mit ihrem Kind. Die unstillbare Sehnsucht danach, es in ihren Armen zu wiegen, zerfraß ihre Sinne und raubte ihr den Verstand. Die Leere in ihrem Bauch war unerträglich. Sie wollte niemandem begegnen, der über Alltägliches berichtete. Sie wollte ungestört sein mit ihren Gedanken an ihr Kind. Manchmal verhielt sie sich so, als wäre es noch in ihrem Bauch. Das Herz konnte nicht folgen und wurde vom Verstand im Stich gelassen.

Sie war allein mit ihrer Trauer, denn er hatte Aufgaben und Pflichten, musste seine Rolle spielen in dem Film fernab ihrer gemeinsamen Zeit. Sie vermisste es, von ihm gehalten zu sein. Allein eine Berührung hätte genügt, um in diesen bitteren Stunden ein wenig Trost zu spenden. Sie sehnte sich danach, gemeinsam zu trauern, dem schrecklichen Schmerz den Raum zu geben, der ihm gebührte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so verletzbar und schutzlos gefühlt und so unverstanden vom Rest der Welt.

Doch sie musste akzeptieren, dass die Trauer ihre Wege trennte. So nah sie ihr Kind noch vor einiger Zeit zusammengebracht hatte, so weit entfernt fühlte sie sich jetzt. Sie war allein mit ihren unberechenbaren Gefühlsschwankungen, Ängsten und Zweifeln, die dieser riesengroße Verlust in ihr auslöste. Mit Macht überfiel sie eine unbändige Einsamkeit, und ihr trauerndes Herz schlotterte.

Viel Zeit musste ins Land gehen, bis sie begriff, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Ein weiteres Mal trennten sich ihre Wege, und sie wusste, dass es endgültig war, auch wenn ihr Herz noch damit haderte. Doch das Erlebte hatte über ihre gemeinsame Zeit einen dunklen Schatten geworfen, der sich auch in ihrer Seele spiegelte und Tag für Tag wie ein schwerer Stein auf ihr lastete. Auch wenn sie längst eine andere geworden war. Sie war einer schweren Aufgabe er-wachsen, und die Flügelschläge wurden allmählich leichter. Mehr als jemals zuvor war sie imstande, sich auf sich selbst zu besinnen, an sich zu glauben und aus sich heraus Kraft zu schöpfen. Die harte Arbeit aus der Krise heraus leitete noch weitere Umbrüche ein. Sie war im Fluss und wurde vom Leben getragen, was ihr genug Vertrauen schenkte, um wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu können.

Dann prallten sie aufeinander, diese verschiedenen Leben, um endlich heil und ganz zu werden. Sie waren es müde, so zu tun, als gäbe es den anderen nicht; gehörten sie doch beide konkurrenzlos in den Fluss des Lebens.

Sie hatte die Wahl, stehen zu bleiben, um ihm stundenlang ihre Geschichten zu erzählen, die einen Band in ihrer gemeinsamen Buchreihe des Lebens gefüllt hätten. An das gemeinsame Stück Weg anzuknüpfen, eine Brücke zu bauen hin zu vertrauter Nähe, nach all der Zeit. Ausbaufähig. Doch wozu? Ihre Geschichte war abgelebt. Eine Fortsetzung gab es nicht. Es wäre ein hilfloser Versuch gewesen, die verstrichenen Jahre außer Acht zu lassen, so zu tun, als hätte es danach nichts mehr gegeben.

Tiefe Traurigkeit beschlich schlagartig ihr Herz. Weil sich die Uhr nun mal nicht zurückdrehen lässt. Selbst damals hatte sie nicht so sehr damit gehadert wie in diesem Moment. „Schau! Ich möchte dir meinen größten Lebensschatz vorstellen. Das Beste, das ich jemals vollbracht habe“, wollte sie sagen, als ihr Blick zu ihren beiden Kindern wanderte, die fünf Meter entfernt mit seinem kleinen Hund spielten. „Es könnten unsere sein“, hätte sie dann noch angefügt, in der Hoffnung, dass sie der Klang ihrer Stimmen einander näherbringen würde.

Doch die höhere Macht, die Schicksal spielte, ließ die Zeiger ihrer Armbanduhren los, und die Zeit lief unaufhaltsam weiter. Erbarmungslos. So beließen sie es dabei, nur ihre Herzen sprechen zu lassen, und bemerkten erstaunt das feine, dünne Band, das immer noch zwischen ihnen bestand. Wahrscheinlich über das Leben hinaus.

Dann ging ein jeder seines Weges, ohne sich noch einmal umzudrehen. Darüber staunend, welche Tiefen des Herzens auch eine längst zu Ende gelebte Liebe spüren lassen kann, wenn der Moment dafür gekommen ist. Doch die Weggabelung, vor der sie einst standen, lag längst hinter ihnen. Damals hatte sie sich für einen eigenen Weg entschieden. Ohne ihn. Und zum ersten Mal konnte sie sich, ohne innerlich zerrissen zu sein, eingestehen, dass es gut war.

Claudia Lüer
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Schneewittchen

Nicht du hast sie verlassen,
sondern sie dich, stimmt’s?
Du wirst sie nur noch von hinten sehen,
und das mit ihrem neuen Freund,
der viel größer ist als du und tausendmal reicher,
wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen.
Sie ist zwar nicht Schneewittchen, doch du bist ein Zwerg.

Das Gemälde von Schneewittchen und den sieben Zwergen um 120,-

Das Gemälde von Schneewittchen und den sieben Zwergen um 120,-

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25058

Rückspiegel

Es dämmert, und der Regen wird stärker. Müde und gereizt halte ich unter dem schützenden Vordach des Firmengebäudes nach dem bestellten Taxi Ausschau. Der Arbeitstag mit den Berliner Kolleg:innen ist anstrengend verlaufen. Ich hadere innerlich mit mir selbst. Warum nur habe ich nicht für diese Nacht ein Hotelzimmer gebucht? Dann könnte ich mich jetzt erholen, könnte morgen ausschlafen, um dann ausgeruht nach Wien retour zu fliegen. Ich denke an Marie, an ihre leise Stimme vorhin am Telefon, denke an die Entfremdung zwischen uns – schon länger diese Entfremdung, die sicherlich zum Großteil aufgrund meiner vielen Geschäftsreisen, meiner tage- und nächtelangen Abwesenheiten entstanden ist.
Ach, als ob diese jetzige lächerlich vierzehn Stunden frühere Heimreise alles wieder gutmachen könnte!

Als das Taxi endlich vor mir hält, eile ich im Laufschritt durch den strömenden Regen zur Hintertür, öffne sie und setze mich aufatmend, den Aktenkoffer neben mich schiebend, auf den Rücksitz. Kaum habe ich die Tür geschlossen, gesellt sich zu meiner schlechten Laune zusätzlich ein ungutes Gefühl. Ein Gemisch aus Traurigkeit, Wut und Unsicherheit steigt in mir hoch. Noch bevor ich seine Stimme höre, und erkenne, dass diese diffusen Emotionen ihren Ausgangspunkt in ihm, dem Taxifahrer, haben – noch bevor sich unsere Blicke im Rückspiegel treffen, weiß ich, wer er ist.
Faris. Eindeutig Faris. Ich erkenne ihn an seiner Augenpartie, den dichten Augenbrauen, an seinem Blick, der mich im Spiegel mit demselben spöttischen Ausdruck trifft wie damals.
„Zum Flughafen also“, sagt er gelangweilt, und ich räuspere mich zustimmend.
Er fährt langsam los. Seine hellen Augen lassen nun von mir ab, doch seine obere Gesichtshälfte ist nach wie vor in meinem Blickfeld. Ich, eingeklemmt zwischen meinem Aktenkoffer und meinen Emotionen, bewege mich nicht. Zum Glück scheint Faris mich nicht erkannt zu haben.
‚Durchhalten“, spreche ich mir innerlich gut zu, „du musst nur knappe zehn Minuten bis zum Flughafen durchhalten …“

Faris richtet den Rückspiegel, und wieder durchbohrt mich sein Blick. Ich sehe, wie er eine Augenbraue hochzieht, halte die Luft an, doch er sagt kein Wort. Wir fahren durch eine Unterführung. Im Schutz der Dunkelheit rutsche ich unauffällig zur Seite, hinter seinen Vordersitz ans Fenster, schließe erschöpft die Augen. Ungewollt taucht die Szenerie, die sich vor knapp zwanzig Jahren abgespielt hat, in mir auf.
Paradoxerweise trafen sich auch damals unsere Blicke in einem Spiegel. Ich saß, eine Flasche Bier in der Hand, gegenüber einer verspiegelten Zimmerwand, auf dem Parkettboden in Lukes Zimmer. Luke war Balletttänzer, darum die Spiegelwand.
Keine Ahnung mehr, warum ich so saß, mir selbst gegenüber – offenbar wollte ich meinem Elend ins Gesicht blicken. Es war nämlich Maries Abschiedsfeier. Noch immer konnte ich es nicht fassen. Marie zog tatsächlich aus. Zu ihm! Zu diesem Faris nach Berlin. Von einem Tag zum andern! Völlig überhastet hatte sie dies entschieden.

Über ein Jahr lang hatten Luke, Marie und ich uns die Wohnung geteilt. Ebenso lang war ich in Marie verliebt. Seit der Sekunde, als sie aufgrund Lukes und meiner Zeitungsannonce: „Mitbewohner/in für 3er-WG gesucht“, hereingeschneit und noch am selben Tag bei uns eingezogen ist, war ich von ihrem Wesen wie magisch angezogen: diese Mischung aus resolut und warmherzig, sensibel und stark, geheimnisvoll und redselig. Ihr Lachen. Und wie schön sie war! Ich war sehr unsicher damals, wagte nicht, ihr zu sagen, wie sehr sie mir gefiel. Doch der richtige Zeitpunkt würde kommen, davon war ich überzeugt. Und immerhin: Innerhalb kürzester Zeit war ich Maries Vertrauter, ihr bester Freund geworden, wie sie mir immer wieder beteuerte.
Damit war Schluss, als sie Faris kennenlernte. Sie sprach nur mehr von ihm.
„Noch nie ist mir ein Mensch wie er begegnet“, schwärmte sie. „Er ist einfach unglaublich, Daniel! Faris ist ein echter Künstler, ein Original, ein Freigeist.“
Marie war nicht mehr greifbar für mich. Schlagartig hatte ich verloren, was ich nie besessen hatte.

Es war schon nach Mitternacht auf der Abschiedsfeier, als dieser Faris sich plötzlich neben mich vor die Spiegelwand setzte. Bisher hatte ich nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Schweigend sahen wir uns im Spiegel in die Augen. Unvermutet lachte er laut auf, pfiff durch die Zähne, sagte: „So ist das also. Alles klar“, und dann eindringlich, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Hör gut zu. Du bist selbst schuld, wenn du es ihr nie gesagt hast, Feigling. Jetzt ist es zu spät. Sie ist mir verfallen, deine Marie. Aber ich …“
Ich stand auf, unfähig, ihm etwas zu entgegnen, wankte aus dem Zimmer, bebend vor Wut.
„He, bleib doch, Mann, ich bin noch nicht fertig – …“ Sein Lachen dröhnte mir nach.
Ein, zwei Stunden später, vis-à-vis  von mir auf der Couch, Marie in seinen Arm geschmiegt, sagte er, laut genug, dass ich es hören konnte:
„Süße, ich habe deine Freunde durchgecheckt. Einer hat nicht bestanden.“
Wie sie sofort mich ansah. Wie ich dachte, das war es jetzt. Endgültig. Keine Marie mehr.

„Und, wohin geht’s?“ Faris’ Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke aus dem Fenster, erkenne an einem Schild, dass wir zum Glück in wenigen Minuten beim Flughafen sind.
„Nach Wien“, antworte ich widerwillig.
Wieder richtet er den Rückspiegel auf mich. Seine Augen fixieren mich.
„Wien!“ Er lacht sein höhnisches Lachen. „Aus Wien habe ich vor etwa zwei Jahrzehnten ein bildhübsches Anhängsel mitgenommen. Aber nur für ein paar Monate. Weißte, ich war damals nicht der Typ für feste Beziehungen. Ich brauchte Abenteuer. Sie wollte nicht weg von mir, klammerte, weinte. Aber ich habe sie mit einem One-Way-Wien-Flugticket in ein Taxi gesteckt. Tja, und nun fahr ich selbst Taxi. Als Ausgleich zum Malen.“
Er bremst. Rasch reiche ich ihm einen Geldschein nach vor, öffne die Tür – nur raus hier …
„Grüß sie von mir, Feigling! Gib ihr einen Kuss von mir, okay?“, höre ich ihn noch lachend rufen, bevor ich die Tür zuknalle.

Tags darauf, am späten Nachmittag, als Marie und ich bei einem Glas Rotwein zusammensitzen, spreche ich es an: „Sag mir, Marie, wie war das damals mit Faris? Warum bist du wieder zurück nach Wien? Und warum zu mir?“
Sie sieht mich erstaunt an: „Aber Daniel, diese Zeit liegt doch ewig zurück. Seltsam, dass du jetzt danach fragst. – Also gut, auch wenn du es ohnehin weißt: Ich bin damals zurückgekommen, weil ich dich furchtbar vermisst habe. Und zwar anders, als man einen guten Freund vermisst. Zwischen Faris und mir hat es nicht mehr gepasst. Er wollte, dass ich bei ihm blieb, klammerte, weinte. Eines Nachts jedoch, als er schlief, habe ich ein Taxi gerufen – bin zum Flughafen – bin zu dir …“
Wir greifen beide gleichzeitig zu unseren Weingläsern, trinken.

„Er lässt dich grüßen“, sage ich dann. „Und ich soll dir einen Kuss von ihm geben.“
Marie wird blass, sie beißt sich auf die Unterlippe.
„Er hat dich also angerufen“, sagt sie. Ihre Stimme klingt belegt. „Was hat er dir erzählt?“
Ich nehme zwei, drei große Schluck Wein, schenke mir nach, frage mich irritiert, warum sie sogleich annimmt, dass er mich angerufen, mir etwas erzählt hätte.
„Daniel, ich habe endgültig Schluss mit ihm gemacht“, sagt Marie leise.
Ich trinke mein Weinglas auf ex. „Wann?“, frage ich.
„Vor zwei Wochen, als – als du übers Wochenende in München warst.“ Sie sieht angestrengt auf ihre Hände.
„Er war hier?! In unserem Haus?“
Marie schweigt.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dieses Doppelleben nicht mehr ertrage“, sagt sie dann.
„Und du warst auch öfter bei ihm in Berlin?“
Sie senkt ihren Kopf, nickt kaum merklich.
„Er hat dich bestimmt angerufen, um dich wissen zu lassen“, sie schlägt ihre Hände vors Gesicht, „dass – dass er will, dass ich wieder zu ihm ziehe.“
Ich atme tief durch.
„Und du? Marie! Was willst du?!“
Sie dreht sich von mir weg, das Gesicht unter ihren Händen versteckt.
„Antworte mir, Marie, rede mit mir. Bitte! Sieh mich bitte an!“
Marie schüttelt den Kopf. Weint. Sagt nichts.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25047

 

Würfelzucker

Du hast mich doch unlängst gefragt,
ob ich mich an mein Eheversprechen halte.
Willst du es wirklich wissen?
Dann erzähl ich es dir:

Es war nicht einer, es waren viele.
Und es hat mir Spaß gemacht.
Keine Sekunde dachte ich dabei an dich.
Ob ich einen von ihnen liebte?
Das kann ich gar nicht sagen,
vielleicht, vielleicht auch nicht.
Sie begehrten mich, und das reichte.
Ich war nicht bloß für sie die Frau,
die im Garten werkte, kochte, putzte, wusch und bügelte.
Ich war ein atmendes Wesen,
das ihnen gefiel und um das sie sich bemühten.
Süß war ich wie Würfelzucker.
Und nun fühl ich mich wie in Wasser aufgelöst.

Der vielleicht tanzende Unterkörper der Schaufensterpuppe und seine Spiegelung in der Galerie M am 29. Mai 2024

Der vielleicht tanzende Unterkörper der Schaufensterpuppe und seine Spiegelung in der Galerie M am 29. Mai 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 24162

In unserer Nacht

In meiner Nacht trittst du in mein Leben,
und in deiner Nacht trete ich in dein Leben.
Wenn wir unsere Nächte zusammenlegen, sind wir das perfekte loving couple.
Schöner kann es nicht sein.
Aber wenn wir aufwachen, ist alles weg, niemand mehr da.
Nur ein Traum von dir und einer von mir.

Zwei Mädchen, ein Fahrrad und das Herz beim KAC-Bad am Abend des 16. Februar 2022, Nahaufnahme

Zwei Mädchen, ein Fahrrad und das Herz beim KAC-Bad am Abend des 16. Februar 2022, Nahaufnahme

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 24124

Das Wasser der Nacht wird zur Wolke des Morgens

Gemeinsam schlafen,
nicht miteinander.
Vielleicht zuvor, ja, sehr gerne sogar,
biegend sich, ineinanderfließen,
in Auge und Mund.

Der Traum wechselt zur Wirklichkeit,
und du spürst ihren Rücken, ihre Hüfte, ihr rundes Gesäß,
abertausend weiche weiße Härchen auf ihrer trocken Haut.
Sie teilte deinen Schlaf, doch nach dem Kaffee ohne Frühstück war sie wieder weg.
Wie Wasser ist sie, das des Tages verdunstend geht zur Sonne.

Das PALMERS-Herz am Valentinstag 2024 in den City Arkaden

Das PALMERS-Herz am Valentinstag 2024 in den City Arkaden

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 24113

mare di notte

mare di notte im april wie schnee
in deiner stimme
wenn du mir erzählst
wasser gekrustet an kleidern
deren stoff zu dünn: bergfeld rotgeworfen
sonne späte strahlen

habe das meer im ohr
wenn du sprichst:
wir beide im schieferhaus
in dunstigem morgen

tausalz der bäume
an unseren händen:
tannenzapfengeruch und geistermuränen
diese tage

Lorena Pircher

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 24091