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Ghost

(inspired by Eastmountainsouth’s Song)

Klack. Klack. Klack.
02.04.2004. Das Datum war leicht zerkratzt, aber so, wie der Ring vor ihr auf dem Tisch lag, konnte man es noch immer gut lesen.
Klack. Klack.
Immer wieder griff sie mit Daumen und Zeigefinger nach dem Ring, hob ihn hoch und ließ ihn aus geringer Höhe auf den Tisch fallen.
Klack.
Sie rutschte ein Stück mit dem Stuhl zurück und legte ihr Kinn auf die Tischplatte, ohne den Blick vom Ring zu wenden. Ihr Atem war ruhig. 02.04.2004. Davor und dahinter das Unendlichkeitszeichen, eine liegende Acht. Sie presste die Lippen zusammen.
Heute war ihr zehnter Hochzeitstag. Auch Rosenhochzeit genannt. Rosen – ihre Lieblingsblumen. Auch bei ihrer Hochzeit waren die Kirche und die Räumlichkeiten, in denen anschließend gefeiert wurde, mit dem intensiven Duft von Black-Magic-Rosen erfüllt gewesen.

Für einen kurzen Augenblick schweifte ihr Blick nach links auf das Sideboard, auf dem ihr Hochzeitsfoto stand. Sie, inmitten eines blühenden Rosengartens, und er, sie zärtlich von hinten umarmend. Beide lachten glücklich in die Kamera. Ja, glücklich war das richtige Wort.
Mit einem leisen Seufzer suchten ihre Augen wieder den Ring auf dem Tisch. Das Unendlichkeitszeichen. Für immer. Davon waren sie damals überzeugt gewesen. Aber jetzt, zehn Jahre später, saß sie alleine hier am Tisch. Er war nicht mehr hier.

Fünf Jahre waren sie verheiratet gewesen. Waren gerade in ein kleines Reihenhäuschen gezogen und bereiteten sich darauf vor, ihre Familienplanung in die Praxis umzusetzen, als im Herbst 2009 eine Reihe von gesundheitlichen Rückschlägen ihrem Mann schwer zu schaffen machte.
Nach mehreren Wochen, in denen sein Krankheitsbild zwischen grippalen Infekten, Bronchitis und einer Lungenentzündung wechselte, konnte sie ihn überreden, eine zweite Meinung einzuholen. Das Ergebnis erfuhren sie an einem Freitag, den 13. Er hatte Lungenkrebs. Er, der nie geraucht und immer gesund gelebt hatte. Die Heilungschancen lagen bei 50%.
Der wolkenlose Himmel dieser glücklichen Beziehung trübte sich ein. Und wurde täglich dunkler. Die erste Chemotherapie schlug nicht an. Die zweite brachte für einige Zeit wieder Hoffnung, doch der Krebs war stärker. Sukzessive war aus dem sportlichen, charmanten jungen Mann ein abgemagertes Häufchen Mensch geworden, das am Schluss in dem großen Krankenbett so verloren aussah wie ein kleines Kind.
Es tat weh, ihn so zu sehen. Diese Verwandlung mitansehen zu müssen, und nichts dagegen tun zu können. Sie versuchte stark zu sein, stark für sie beide. Er brauchte sie, wie er sie noch nie zuvor gebraucht hatte. Ihre Nähe, ihren Zuspruch, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Sie gab ihm alles, was sie konnte, um es für ihn leichter zu machen.
Wenn sie aus dem Krankenhaus ging, fand sie nicht oft den Weg in ihr eigenes Zuhause. Es waren ihre Eltern, ihre Geschwister oder ihre beste Freundin, bei denen sie Zuflucht suchte. Sie, die sie jede Minute, die sie bei ihm war, damit verbrachte, ihm Mut zuzusprechen und Hoffnung zu geben, brauchte auch jemanden, der dies für sie tat. Dieser Rückhalt in ihrem Familien- und Freundeskreis war ihr Lebenselixier geworden, ohne das sie diese Zeit nicht überstanden hätte.

Im März 2011 hatte der Krebs dann gesiegt. Ihr Mann wurde immer schwächer, die ganze Familie hatte ihn im Laufe eines Wochenendes im Krankenhaus besucht. Als hätten alle gewusst, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie ihn sahen. Es waren emotionale Szenen, die sich im Krankenzimmer abspielten und die ihn mitnahmen.
Sie kannte ihn, sie wusste es. Es waren seine Augen, die ihn verrieten. Auch wenn der Körper, in dem er steckte, nicht mehr zu ihm zu gehören schien, waren es seine Augen, die bis zum Schluss glänzten und so voller Liebe waren. Liebe zum Leben, zur Familie, zu ihr, seiner Frau. Doch als seine Mutter vor ihm hemmungslos in Tränen ausbrach und etwas davon stammelte, dass es nicht rechtens sein kann, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt – war es sein flehender Blick, der erkennen ließ, dass er es nicht mehr ertragen konnte. Sanft, aber bestimmt umarmte sie ihre Schwiegermutter und schob sie zusammen mit ihrem Schwiegervater aus dem Zimmer.

An diesem Wochenende war sie von sich selbst überrascht, wie ruhig und gefasst sie die Besuche über sie beide ergehen hatte lassen. Sie war immer mit im Zimmer geblieben, genau für solche Fälle wie jenen mit seiner Mutter. Sie war diejenige gewesen, die stark geblieben war. Als sie wieder den Raum betrat, hatte sich ihr Mann gerade schwerfällig die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Sie hatte ihn zärtlich angelächelt und sich mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet.
Zwei Tage später war es so weit. Ihr Mann schien auf sie gewartet zu haben. Als sie sich leise zu ihm gesetzt hatte und seine Hand nahm, hatte er die Augen geöffnet und sie angelächelt. An seine letzten Worte würde sie sich bis zu ihrem eigenen Tod erinnern. „Lebe dein Leben, Süße. Aber vergiss mich nicht. Ich liebe dich.“ Dann schlief er für immer ein. 500 Tage nach der Diagnose. Er war 31 Jahre alt geworden. Die Beerdigung war kurz vor ihrem siebenten Hochzeitstag. Das Schicksal hätte das verflixte siebente Jahr nicht schlimmer enden lassen können.

Witwe mit 31 Jahren. Allein in einem Reihenhaus, das für eine vierköpfige Familie ausgelegt war. Die administrativen Angelegenheiten nach dem Tod ihres Mannes hatten ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Trauer in Arbeit umzulegen. Die Schulden für das gemeinsame Haus konnte sie mit der Lebensversicherung ihres Mannes ausbezahlen. Sie verdiente gut, die laufenden Kosten konnte sie auch alleine aufbringen. Also musste sie nicht ausziehen.
Andere wären ausgezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Aber so war sie nicht gestrickt. Sie verstand die Erinnerungen, die dieses Haus beherbergte, nicht als Last. Es war schön, in ein Zimmer zu gehen oder ein Bild anzusehen und sich an ihn zu erinnern. Sie wollte – nein, sie musste – sich an ihn erinnern.
Es gab Tage, an denen er so präsent war, als würde er im Nebenzimmer sitzen und fernsehen. Mit der Zeit ertappte sie sich dabei, wie sie panikartig das nächste Foto von ihm im Haus suchte, weil sie nicht mehr wusste, wie er ausgesehen hatte. Oder sich Videos ihrer Urlaube oder der Hochzeit ansah.
Bis auf drei Shirts, die sie zum Schlafen verwendete, hatte sie sich von seiner Kleidung bereits ein paar Wochen nach seinem Tod getrennt. Seinen Telefontarif hatte sie aber erst nach einem Jahr gekündigt, damit sie sich seine Stimme auf der Mailbox immer wieder anhören konnte. Bis heute – drei Jahre danach – stand die letzte Flasche seines Aftershaves im Badezimmerschränkchen, der Inhalt so gut wie verraucht. Trotzdem passierte es ab und an noch, dass sie in schlaflosen Nächten aufstand und an der Flasche roch, um sich an seinen Geruch zu erinnern.

So intensiv sie während seiner Zeit im Krankenhaus die Nähe ihrer Familie suchte, so abgekapselt lebte sie in den Wochen danach in ihrem gemeinsamen Häuschen. Sie weinte viel. So viel, dass es jeden Tag eine Herausforderung war, ihre geschwollenen Augen hinter Tonnen von Make-up und einer großen Sonnenbrille zu verstecken, wenn sie ins Büro ging.
Sie vergrub sich in Arbeit, Hausputz und Spaziergänge. Wollte mit niemandem sprechen, der ihr sein Beileid bekunden wollte. Führte Zwiegespräche an seinem Grab, das sie täglich besuchte. Ihre Familie und Freunde akzeptierten das und taten, was sie brauchte. Sie ließen sie in Ruhe und waren zur Stelle, als sie so weit war, über das Geschehene und ihr Gefühlsleben zu sprechen.
Bald wurde ihr klar, dass sie auf Dauer nicht so weitermachen konnte. Sie vernachlässigte sich selbst und lebte in der Vergangenheit. So konnte sie nicht die nächsten fünfzig oder sechzig Jahre ihres Lebens verbringen. Also nahm sie langsam wieder Kontakt zu ihrer Familie auf, die auch in dieser Zeit ihr Fels in der Brandung war.

All die Monologe, die sie in der Zeit davor an seinem Grab geführt hatte, führte sie jetzt noch einmal in Gegenwart ihrer Mutter oder ihrer Freundin. Und sie merkte, dass es ihr guttat, darüber zu sprechen. Dass es normal war, zu weinen, wenn sie an ihn dachte. Dass das Gefühl in ihr, diese allgegenwärtige Trauer, ein Teil von ihr war, den sie akzeptieren musste.
Sie strich vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers über den Rand des Rings.
Für heute hatte sie sich etwas vorgenommen. Es war der richtige Tag für sie, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Die Seiten der letzten 34 Jahre ihres Lebens waren festgeschrieben, nicht mehr änderbar. Sie durfte es nicht zulassen, dass sie den Rest ihres Lebens immer nur zurückblickte. Sie musste auch wieder nach vorne sehen, in ihre neue, eigene Zukunft. Sich für neue Beziehungen öffnen. Vielleicht sogar noch einmal jemanden finden, mit dem sie zusammen sein wollte.
Ihre Vergangenheit war ein Teil von ihr, hatte sie geprägt, sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute war. Aber es war Zeit, neue Wege einzuschlagen. Sie war jung und hatte ihr Leben noch vor sich. Sie musste wieder anfangen zu leben. So wie er es auch von ihr verlangt hatte.

Ruckartig stand sie auf und steckte sich den Ring wieder an den dafür vorgesehenen Finger. Automatisch fuhr ihr Daumen an die Innenseite des Ringfingers und spielte mit dem Ring. Im Vergleich zu ihrer Hochzeit hatte sie gut fünfzehn Kilo an Gewicht verloren. Der Ring saß recht locker und sie musste sich immer wieder vergewissern, dass er noch da war.
Auch ihr Mann hatte den Ehering getragen, bis er ihm im wahrsten Sinne des Wortes vom Finger fiel. Sie hatte seinen Ring seitdem als Anhänger auf einer langen Silberkette um den Hals hängen. Sie schnappte ihre Schlüssel, zog Schuhe und eine dünne Jacke an und machte sich auf den Weg.
Der Friedhof war nicht weit weg, etwa zwanzig Gehminuten. Diese Wegzeit war prädestiniert dafür, die Gedanken schweifen zu lassen. Die Zeit war die letzten drei Jahre jedes Mal wie im Flug vergangen, wenn sie diesen Weg gegangen war. So auch heute. Da stand sie nun, vor dem Grabstein ihres Mannes, der viel zu früh diese Erde verlassen hatte müssen.

Als sie auf die Grabinschrift blickte, verkrampfte sich ihr Magen und es bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Seinen Namen zu lesen und zu wissen, was sie für sich entschieden hatte, ließ in ihr wieder das Gefühl hochkommen, ihn zu betrügen. Zu vergessen. Das Versprechen nicht mehr zu halten, das sie ihm am Sterbebett gegeben hatte.
Ihr Kopf wusste, dass es kein Betrug war. Ihr Herz wollte es noch immer nicht wahrhaben. Stumm liefen Tränen über ihre Wangen. Sie hatte es bereits zwei Mal versucht. Letztes Jahr zu seinem Geburtstag Ende August, und dann noch einmal zu Weihnachten. Sie hatte es nicht geschafft. Aber heute musste sie es hinbekommen.
Liebe ist das Einzige, das bleibt, wenn wir gehen. Zärtlich zog sie die Konturen der einzelnen Zeichen dieses Satzes, der auf dem Grabstein stand, nach. Es stimmte. Die Liebe war noch immer da. Bei ihr, ihren Familien, ihren Freunden. Solange die Liebe und die Erinnerung zu ihm da war, war er nicht vergessen.

Sie räusperte sich und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann blickte sie auf ihre rechte Hand. Es war so weit. Zaghaft zog sie den Ehering von ihrem Ringfinger und hielt ihn ein paar Zentimeter über den Grabstein. Ihre Hand zitterte. Für einen Moment hielt sie inne und erinnerte sich wieder an ihren verstorbenen Mann.
Sie schloss die Augen und dachte an ihr Kennenlernen, Urlaube, Zärtlichkeiten, Küsse. Es war keine Trauer mehr, die sie überkam. Es war Wehmut. Erinnerungen an Erlebnisse, die ihr niemand nehmen konnte. Mit einer Person, die sie immer lieben und nie vergessen würde. Sie ließ den Ring mit einem leichten Lächeln fallen und ging.
Klack.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16016

Spaces

(inspired by One Direction’s Song)

Lustlos stocherte ich in meinem Abendessen herum. Heute war einer jener Tage, an denen ich kaum Appetit hatte. Meine Gemütslage schlug mir wieder einmal auf den Magen. Ich seufzte und trank einen Schluck Wasser. Währenddessen blickte ich auf mein Gegenüber.
Sein Appetit war vollkommen in Ordnung. Abwesend nahm er einen Bissen nach dem anderen, während er in einer Zeitschrift las. Er schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Das konnte ich von mir selbst nicht behaupten.
Ich saß mit ihm an einem Tisch. Lebte mit ihm in einer gemeinsamen Wohnung. Und doch war ich allein. Es war, als ob ein Gebirge mittleren Ausmaßes auf meiner Brust läge. Ich beobachtete ihn weiter. „Wie war dein Tag?“, versuchte ich, eine Konversation zu beginnen.
Er zuckte kurz mit den Schultern. „So wie immer“, war seine lapidare Antwort. Toll. Genervt schmiss ich das Besteck auf meinen Teller. Das Geräusch war so laut, dass er überrascht aufblickte. „Alles OK?“, fragte er. Doch mir schien, dass es eher nur eine Floskel als echtes Interesse an meinem Befinden war.

Das ging schon länger so. Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hatte. Wir waren schon so lange zusammen, hatten über die all die Jahre unsere kleinen Rituale gehabt. Einen Kuss morgens, wenn wir aus dem Haus gingen. Einen Kuss abends, wenn wir wieder heimkamen. Einen Gute-Nacht-Kuss vor dem Einschlafen.
Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, wann ich den letzten Kuss von ihm bekommen hatte. Das machte mich traurig. Aber es machte mich auch wütend. Wütend auf ihn. Wütend auf mich. Warum hatten wir damit aufgehört? Wer hatte damit aufgehört? Wer war schuld?

„Natürlich. So wie immer“, äffte ich seine vorhergehende Antwort nach. Dann stand ich auf und brachte meinen Teller zurück in die Küche. Eine kleine Kartoffel schaffte es in meinen Mund, den Rest des Essens schmiss ich in den Mülleimer.
Ich lehnte mich gegen die Spüle und sah hinüber ins Esszimmer. Er saß ruhig auf der Bank und schluckte den letzten Bissen hinunter. Er schien vertieft einen Artikel zu lesen. Wie vermutet. Nur eine Floskel, kein echtes Interesse. Sonst hätte er weiter nachgehakt. So wie früher.
So nah, wie wir uns waren, als wir noch unsere kleinen Rituale hatten – so weit entfernt schienen wir momentan nebeneinander zu leben. Nebeneinander, nicht miteinander.

Natürlich liebte ich ihn. Ich empfand etwas, das ich in meiner Definition als Liebe verstand. Nicht so wie ich meine Eltern, meine Geschwister, Freunde oder ein Haustier liebte. Sondern so, wie man einen Partner liebt. Einen Partner, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen möchte.
In Augenblicken wie diesen stellte ich aber dieses Gefühl in Frage. War es wirklich Liebe? Oder war es Gewohnheit? War es eine Tatsache, dass Liebe irgendwann zur Gewohnheit wurde? War das die Art Beziehung, die ich für den Rest meines Lebens führen wollte? Wieder zog sich mein Herz zusammen. Nein, wollte ich nicht.

Da war er plötzlich: ein Gedanke, ein kleiner Funke. Mir stiegen Tränen in die Augen. So weit war ich gekommen. Ich dachte daran, die Beziehung zu beenden. Und im selben Augenblick wollte ich sie retten.
Es gab diese beiden Optionen. Hier zu bleiben und daran zu arbeiten – wenn auch er es wollte. Oder dieses Kapitel meines Lebens zu beenden und zu gehen. Ich räusperte mich und blinzelte die Tränen aus meinen Augen, als ich merkte, dass er aufgestanden war und in die Küche kam.
„Gut war’s, wie immer“, sagte er freundlich und stellte sein Geschirr in die Spüle. Im Vorbeigehen strich er mir kurz über die Schulter und ging dann weiter ins Wohnzimmer. Ich starrte auf seinen Teller. Wieder so eine Szene. Es gab Zeiten, da hätte er sofort gemerkt, wenn es mir nicht gut ging. Hätte mich in den Arm genommen und mit mir gekuschelt. Vorbei.

In meinem Inneren kämpften Wut, Ärger und Verletztheit gegeneinander an. Und doch versuchte ich, weiterhin klar zu denken. Ich musste ihn darauf ansprechen. So lange ich mit meinen Dämonen im Geiste kämpfte, hatte er keine Möglichkeit, sich zu verteidigen bzw. seine Sicht der Dinge zu erklären.
Ich ging langsam Richtung Wohnzimmer. Die Tür war angelehnt, und durch das Milchglas konnte ich den Fernseher flimmern sehen. Vermutlich saß er mit dem Laptop auf der Couch und surfte im Internet, während im Fernsehen eine der üblichen Serien lief.
Drei. Zwei. Eins. Ich öffnete die Tür und – 100 Punkte. Es war alles so vorhersehbar. Jeden Tag. Ich setzte mich neben ihn auf die Couch und sah auf den Laptop. Irgendein Online-Shopping-Portal für technisches Equipment. Das war sein Faible. Stundenlang konnte er sich mit der Suche nach dem günstigsten Angebot beschäftigen. Und alles rund um ihn vergessen. Auch mich.

Mein Blick wanderte vom Laptop zu seinem Gesicht. Wenn er konzentriert war, biss er sich immer auf die Unterlippe. Ich musste kurz lächeln. Diese Eigenheit hatte ich immer liebenswert gefunden. Auch heute noch. Vorsichtig stupste ich ihn mit einem Zeigefinger an seiner Schulter an.
„Können wir reden?“, fragte ich leise. Etwas widerwillig drehte er seinen Kopf in meine Richtung und sah mich an. „Hmm“, murmelte er – wie mir schien – leicht genervt. Tief einatmen. Nichts falsch interpretieren. Das könnte auch nach hinten losgehen.
„Ich bin nicht… Ich will nicht…“, fing ich an, wusste aber nicht weiter. Alle möglichen Gedanken flogen durch meinen Kopf. So viel, was ich sagen wollte – oder aber auch besser für mich behalten sollte. Ich wusste nicht, wo ich die Grenze ziehen sollte.
Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. „Was bist oder willst du nicht?“, fragte er nach. Offensichtlich hatte ich sein Interesse an diesem Gespräch geweckt. Immerhin. Ich räusperte mich und fuhr mir nervös durch die Haare. „Bist du glücklich?“, fragte ich geradeheraus und sah ihm in die Augen.
„Klar“, entgegnete er. Kurz und einfach formuliert. Wahrlich eine rhetorische Meisterleistung. Und so tiefgründig. Ich spürte, wie die Wut in mir die Oberhand gewann. „Schön. Es macht dich also glücklich, jeden Tag etwas zu essen auf dem Tisch stehen zu haben wenn du heimkommst. Es dir auf der Couch mit dem Laptop bequem zu machen. Kurz nach elf Uhr todmüde ins Bett zu fallen, auch am Wochenende. Das sind ja echt hochtrabende Ansprüche, die du hast. Und so abwechslungsreich!“ Meine Antwort triefte nur so vor Sarkasmus.

Ergeben klappte er den Laptop zu und stellte ihn auf den Couchtisch. „Heute sind wir ja wieder mal sehr gut gelaunt…“, murmelte er, bevor er sich leicht zu mir drehte und mich ansah. „Fein! Es fällt dir auf! Das freut mich aber! Ich dachte schon, du registrierst mich gar nicht mehr!“, rief ich. Ich war aufgewühlt. Merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss und mein Gesicht erhitzte.
„Was soll das? Natürlich registriere ich dich!“, sagte er beleidigt. „Dann rede mit mir! Erzähl mir, wie dein Tag war! Was du erlebt hast! Was in deinem Leben vorgeht!“ Ich sprang auf und ging im Wohnzimmer hin und her. Wie ein Tiger, der nervös in seinem Gehege umherstreift. Immer wieder blickte ich ihn aus den Augenwinkeln an. Und merkte, dass er leicht den Kopf schüttelte. Er verstand mich nicht.
Ich blieb stehen und atmete durch. „Ich erzähle dir jetzt, wie es mir geht, in Ordnung? Falls es dich interessiert…“, sagte ich wieder etwas ruhiger. Er sah mich an, seinen Blick konnte ich nicht deuten. „Nur zu“, antwortete er und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.

Unterbewusst registrierte ich diese abwehrende Körpersprache. Meine Reaktion darauf war ein emotionaler Ausbruch. „ICH bin nicht glücklich! ICH will so nicht weitermachen! ICH will, dass sich etwas ändert!“ Meine Stimme brach ab. Ich zitterte.
Er sah mich aufmerksam an. Blieb ganz ruhig. „Du willst so nicht weitermachen…“, wiederholte er eine meiner Aussagen. Sie dürfte ihn wachgerüttelt haben. Ich stellte mich vor ihn hin, mittlerweile liefen Tränen über mein Gesicht. „ICH… vermisse dich!“, schluchzte ich und fing an zu weinen.
Sanft zog er mich zu sich auf die Couch und nahm mich in den Arm. So wie früher. Ich krallte mich mit meiner ganzen Kraft an ihm fest und verbarg mein Gesicht in seiner Brust.
Plötzlich war sie wieder da. Diese Nähe, die ich so sehr vermisst hatte. Den Kontakt, die Wärme, die Streicheleinheiten. Er küsste meine Stirn und hielt mich weiter fest. Langsam beruhigte ich mich wieder und lockerte meine Umarmung.
Als er das merkte, löste er sich vorsichtig und nahm mein Gesicht in beide Hände. „Was kann ich tun?“, fragte er leise und sah mich an. „Mich beachten. Mich nicht als selbstverständlich ansehen. Mich in dein Leben einbeziehen. So wie früher“, flüsterte ich.
Er nickte leicht. Irgendetwas in seinem Blick irritierte mich. „Und was kannst du tun?“, fragte er weiter. Mein Atem setzte kurz aus. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. War ich etwa schuld? Hatte ich es so weit kommen lassen?

Ich setzte mich aufrecht hin und wich leicht zurück. Er ließ seine Hände sinken und sah mich erwartungsvoll an. „Wenn es so ist, wie es jetzt ist, und es dir nicht gefällt, bin ich nicht allein dafür verantwortlich“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Ich komme offensichtlich nur besser damit zurecht, weil ich diese Art von Ansprüchen nicht habe. Nicht so wie du“, sprach er weiter. Nach wie vor fixierte er mich mit seinem Blick.
Seine Aussagen machten mir Angst. „Würdest du den Rest deines Lebens so weiterleben wollen?“, fragte ich ungläubig. Er zuckte mit den Schultern. „Für mich ist es gut so, wie es ist. Ich liebe dich, und ich denke, dass weißt du auch. Aber soll ich dir nach zehn Jahren immer noch Blumen bringen und mit dir ausgehen? Ich finde, aus dem Alter und dieser Art von Beziehung sind wir draußen.“ Seine Stimme klang liebevoll, aber seine Worte waren kalt.
Er würde so weitermachen. Jeden Tag, einfach so weitermachen. Ihm gefiel es, er war zufrieden. Ich kannte mich nicht mehr aus. „Warum fragst du mich dann, was ich tun kann? Hätte ich überhaupt eine Möglichkeit, irgendetwas zu beeinflussen? Wenn für dich sowieso alles passt, so wie es ist?“ Seine Erklärungen waren für mich widersprüchlich.

Jetzt war er es, der aufstand und durch den Raum wanderte. Er blieb vor dem Bücherregal stehen und las die Buchrücken, die auf seiner Augenhöhe standen. Ich sah ihm nach und wartete auf eine Antwort. Eine Reaktion. Irgendetwas. Eine kleine Ewigkeit saß ich auf der Couch, während er in Ruhe die Büchertitel zu lesen schien.
„Du kannst gerne etwas tun. Etwas anders tun. Dich verändern. Ich habe mich für dich entschieden, egal, wie du dich veränderst. Wenn du dich veränderst. Dasselbe wünsche ich mir von dir. Ganz einfach“, erklärte er. Ohne mich dabei anzusehen.

Ganz einfach. So einfach war das aber nicht. Ich lehnte mich zurück und starrte an die Zimmerdecke. Natürlich akzeptierte ich ihn so, wie er war. Ich wollte ihn nicht verändern. Oder etwa doch? War es so egoistisch, mehr Beachtung in der Beziehung zu verlangen? Was sollte ich jetzt mit seiner Aussage anfangen? Ich bemerkte, dass er sich wieder zu mir drehte. „Ich geh schlafen. Gute Nacht. Hab dich lieb“, beendete er unser Gespräch und verließ das Zimmer.
Perplex blieb ich zurück. Ich konnte mich verändern, und er würde mich weiter lieben. Aber er würde sich nicht verändern, und das musste ich akzeptieren. Er kam mir nicht entgegen. War nicht der Meinung, dass er einen kleinen Kompromiss eingehen könnte. Was hatte ich davon, mit einem Menschen zusammenzuleben, der mich liebte – aber mit dem ich nicht glücklich war?
Wieder poppte ein Gedanke auf: Du liebst ihn auch. Aber plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich noch Liebe war. Von draußen hörte ich Geplätscher aus dem Badezimmer und seine Schritte, als er ins Schlafzimmer ging. Er machte so weiter wie immer. Weil es für ihn so in Ordnung war, wie es jetzt war.
Stumm flossen wieder Tränen über mein Gesicht, und ich schloss die Augen. Mein Herz war noch schwerer geworden an diesem Abend. So hatte ich mir den Verlauf des Gesprächs wirklich nicht vorgestellt. Ich presste die Lippen zusammen und versuchte krampfhaft, nicht laut aufzuschluchzen. Das sollte er nicht hören.

Ich wartete ein paar Minuten und ging dann leise ins Badezimmer, um meinen Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Als ich fertig war und ins Schlafzimmer ging, um mich auf meine Seite des Bettes zu legen, traf mich die Ernüchterung wie ein Schlag auf den Kopf. ICH wollte so nicht weitermachen.
Er lag mit dem Rücken zu mir gedreht, und schlief. Er schlief tief und fest. Wie an jedem anderen Tag. Als ob auch die Unterhaltung von vorhin nur ein weiterer Smalltalk von vielen gewesen war. Aufmerksam lauschte ich seinen gleichmäßigen Atemzügen.
Für einen Augenblick beneidete ich ihn. Dafür, dass es für ihn so einfach war. Dafür, dass es nicht an ihm nagte. Dafür, dass es ihm nicht den Schlaf raubte. Aber ich wollte diesen einfachen Weg nicht gehen. Auch wenn es hieß, eine schwere Entscheidung zu treffen. Wobei… Vielleicht hatte ich die Entscheidung schon längst getroffen. Das heutige Gespräch hatte es möglicherweise nur offensichtlich gemacht.
Da lag ich nun, Seite an Seite mit einem Mann, mit dem ich die letzten zehn Jahre meines Lebens verbracht hatte. Der mir oft so nah gewesen war wie kein anderer Mensch in meinem Leben. So nah, dass es weh getan hatte, wenn er nicht da war.
Jetzt tat es auch weh. Doch jetzt war der Grund der, dass wir uns im selben Raum befanden und ich trotzdem das Gefühl hatte, dass er nicht da war. Diese Tatsache schmerzte. Sie schmerzte unendlich. Die Erkenntnis, dass diese Beziehung vielleicht keine Zukunft mehr hatte, zerriss mir das Herz. Aber ich wollte es noch einmal versuchen. Das war ich uns beiden schuldig.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 16007

Big Girls Cry

(inspired by Sia’s Song)

„Was heißt, die Verkaufszahlen stagnieren? Das Memo aus der Vertriebsabteilung weist ein Plus von 2,1% aus! Nennst du das Stagnation? Soll ich dir das Wort erklären?“, Susan telefonierte mit ihrem Vorgesetzten, während sie die Treppen zu ihrem Appartement hochging. Ihre Stimme war schrill.
Es war bereits nach neun Uhr abends. Ein anstrengender 12-Stunden-Arbeitstag lag hinter ihr. Unterwegs hatte sie noch Brot, Milch und Katzenfutter besorgt. Ihr Kopf dröhnte. Das Geplapper ihres Chefs war da nicht hilfreich.
„Ich kann mir dir reden, wie ich will, Charlie! Durch wen hast du denn diesen Scheiß-Posten überhaupt bekommen? Denk mal nach! Und jetzt lies dir das Memo nochmal richtig durch und quäl mich morgen wieder! Adios!“ Sie beendete das Telefonat und suchte in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel.

Um den Tag perfekt zu machen, riss die Einkaufstüte, und die Lebensmittel fielen auf den Boden. Die Milchpackung platzte auf und übergoss das Brot. Ihre Business-Hose und ihre Schuhe waren mit Milch vollgespritzt. „Verdammte Scheiße!“, schrie Susan genervt und trat mit voller Wucht gegen ihre Tür.
Joe, ihr Nachbar, öffnete vorsichtig seine Tür und beobachtete die Szene. Susan stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf vor ihrer Tür und atmete tief ein und aus. Er sah das Chaos vor ihrer Tür und griff nach dem Müllsack, den er gerade raus zur Tonne bringen wollte.
„Schätzchen, beruhig dich. Aufregen hat doch keinen Sinn. Ich mach das hier sauber. Geh rein und lass dir ein Bad ein oder mach dir einen Drink. Ich glaube, du hast sowas notwendig“, sagte Joe mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Er war bereits im Rentenalter und eine gute Seele.

Susan drehte sich um und musste lächeln. Sie freute sich immer, wenn sie ihn sah. Er strahlte so viel Ruhe und Gelassenheit aus, dass sie sich oft wünschte, sie könnte sich ein paar Scheibchen davon abschneiden. Um ihre Probleme besser handeln zu können.
„Hallo Joe. Das ist echt nicht notwendig“, begann Susan, aber Joe stoppte sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Nichts da, Kleines. Sieh zu, dass du reinkommst und abschalten kannst. Keine Widerrede!“ Seine autoritäre Tonlage duldete keinen Widerspruch. Susan strich ihm kurz dankend über die Schulter und hob anschließend ihre Tasche und das Katzenfutter vom Boden auf.
Joe hatte unterdessen das Brot und die Milchpackung aufgelesen und in seinen Müllsack katapultiert. Dann schob er Susan sanft aber bestimmt Richtung Tür. „Jetzt mach schon. Schönen Abend, Susan“, meinte er freundlich und nickte ihr zu.

Sie öffnete die Wohnungstür. „Ich danke dir, Joe. Ich wünsch dir auch einen schönen Abend!“, sagte sie leise und schloss die Tür hinter sich. In der Wohnung war es für einen Moment still. Im nächsten Augenblick wurde das Vorzimmer von einem lauten Schnurren beherrscht. Maggie, ihre Katze, hatte sich vom Wohnzimmer aus aufgemacht, um Susan wie jeden Abend freundlich zu begrüßen. Oder sie hatte einfach nur Hunger. Wahrscheinlich Letzteres.
„Dein Futter hat es bis hierher überlebt, Süße. Im Gegensatz zu meinem“, sagte sie und hob Maggie hoch, um sie zu streicheln. Das Ritual war Pflicht. Maggie war eine Schmusekatze. Nach so einem Tag wie heute war ihr Schnurren wie Balsam.
Susan gab ihr einen Kuss auf den Kopf und ließ Maggie wieder auf den Boden hüpfen. Sie schmiss ihre Handtasche in eine Ecke des Vorzimmers, die Schuhe flogen in hohem Bogen nach, als sie sie auszog. Anschließend folgte sie ihrer Katze in die Küche, die dort bereits sehnsüchtig vor ihrem Futternapf wartete. Susan versorgte ihre kleine Mitbewohnerin, wie es sich für Katzenpersonal gehörte.

Danach wanderte sie ins Badezimmer. Vor dem Badezimmerspiegel musterte sie sich aufmerksam. Sie war Anfang 30, durchschnittlich hübsch. Wusste, wie sie ihre Vorzüge betonen konnte, ohne niveaulos zu wirken.
Sie tat es nicht gerne. Ihre Vorzüge betonen. Aber das mittlere Management ihrer Firma bestand aus neun Männern und einer Frau – das war sie. Man ließ ihr oft keine Wahl – in einer von Männern dominierten Welt mussten Frauen ihre eigenen Waffen benutzen.
Susan blickte sich selbst in die Augen. Ihr Blick war müde, leer, ausgebrannt. Im Job war sie täglich gefordert, war tough, musste wichtige Entscheidungen treffen. Sie dachte auch zu Hause über dienstliche Angelegenheiten nach. Entscheidungen, die zu treffen waren, To-dos für die nächsten Tage.
Dass sie abends auf der Couch E-Mails beantwortete oder Termine verschickte, war in den vergangenen Wochen tägliche Routine geworden. Abschalten war ein Fremdwort. Das funktionierte maximal am Wochenende.
Sie war zwar seit jeher karrierebewusst gewesen, hatte aber früher immer auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance geachtet. Um mehr Zeit für ihre Beziehung mit Robert zu haben, mehr Zeit für ihre Familie, Freunde, für sich selbst.
Aber Robert war weg. Hatte nach fünf Jahren Schluss gemacht. Und die meisten ihrer Freunde mitgenommen. Es gab kaum noch jemanden, der sich bei ihr meldete. Sie hatten sich alle für seine „Seite“ entschieden. Ihre Familie sah sie nun meistens an den Wochenenden. Und für sich selbst? Brauchte sie keine Zeit. So dachte sie zumindest.

Susan schlüpfte in eine schlabbrige Jogginghose und ihr Schlafshirt, erlöste ihre Haare aus dem französisch geflochtenen Zopf und bürstete sie durch. Danach ging sie zurück in die Küche.
Sie fand im Kühlschrank noch ein paar Himbeeren und ein Jogurt. Beides schüttete sie in eine Schüssel, wusch einen bereits benutzten Löffel schnell ab und ging mit diesem Abendessen ins Wohnzimmer, um sich auf die Couch zu setzen. Sie schaltete den Fernseher an und stellte den Ton aus, danach platzierte sie den Laptop auf ihrem Schoß.
Während der Laptop startete, aß sie ihr Himbeerjogurt und starrte durch den Fernseher hindurch. Es war ein einsames Leben, in dem sie momentan festsaß. Ihr Job war ihr neuer Liebhaber geworden. Obwohl sie nie so werden wollte. Aber etwas anderes war da nicht, in ihrem Leben.
Sie vermisste ihn. Er wollte sich selbst finden, hatte er damals gesagt. Sich klar werden, was er von der Welt und sich selbst erwartete. Dazu musste er allein sein. Und hatte damit Susan automatisch dazu verdonnert, ebenfalls allein zu sein.
Susan hatte sich die Trennung nicht großartig anmerken lassen. Im Büro wussten es nicht viele. Persönliche Dinge erzählte sie nur einer Handvoll Kollegen, mit denen sie sich wirklich gut verstand.

Sie blinzelte und sah sich die Bilder bewusst an, die über den Fernsehschirm flimmerten. Nachrichten. Das übliche. Arbeitslosigkeit, Bildungsproblem, Vorwahlen. Das Wetter. Das Brummen ihres Smartphones ließ sie aufzucken. Das LED-Licht blinkte. Eine neue Nachricht.
Es war sechs Wochen her, dass er sie verlassen hatte. Und trotzdem ließ jedes Kommunikationsmedium ihr Herz schneller schlagen. Ein kleiner Teil von ihr hoffte nach wie vor, dass Robert wieder Kontakt aufnahm. Dass er reumütig zurückkehren würde. Dass er erkannt hatte, was für ein Idiot er gewesen war, die Beziehung zu beenden.
Susan stellte die mittlerweile leere Schüssel auf den Couchtisch und räusperte sich, während sie das Smartphone in die Hand nahm. Sie hielt die Luft an, als sie das Display aktivierte. Neue SMS von Charles Berry. Charlie. Ihr Chef. „Du hattest Recht. Sorry. CU“
Genervt schmiss sie das Smartphone in die andere Ecke der Couch und widmete sich ihrem Laptop. Vollidiot. Und so etwas war ihr Vorgesetzter. Ihr Herzschlag normalisierte sich wieder. Sie öffnete das Mailprogramm. Zwölf ungelesene Nachrichten in der letzten Stunde. Susan starrte auf die Tastatur.
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Was machte sie hier eigentlich? Wer dankte es ihr, dass sie hier saß und weiterarbeitete? In ihrer Freizeit? Bezahlt bekam sie die Stunden, die sie allein hier auf ihrer Couch verbrachte, natürlich nicht. Obwohl ihr das Geld eigentlich egal war.

Sie brauchte Ablenkung. Damit ihre Gedanken nicht 24 Stunden lang um Robert kreisten. Susan spürte, wie ihre Augen glasig wurden. Sie versuchte, ihre Augen aufzureißen und die Tränen zurückzudrängen, aber es gelang ihr nicht.
Also war es heute wieder so weit. Sie sackte in sich zusammen und schloss die Augen. Den Laptop zog sie blindlings von ihren Beinen und legte ihn neben sich auf die Couch. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Leise schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in einem der Zierkissen.
Mindestens drei oder vier Abende in der Woche gewannen die Emotionen Oberhand. Susan ließ es zu. Sie war allein, nur ihre Katze beobachtete sie dabei, wie sie in Tränen aufgelöst auf der Couch oder im Bett lag und vor sich hin schluchzte. Es tat gut, diese Gefühle rauszulassen. Zumindest für den Moment.

Es hätte alles so toll laufen können. Sie war im Job erfolgreich, angesehen, und hatte eine funktionierende Beziehung. Dachte sie zumindest – bis vor sechs Wochen. Seit dem Tag, als Robert seine Sachen gepackt und ausgezogen war, stand sie neben sich.
Ihr ganzer Lebensrhythmus war durcheinandergeraten, und sie hatte nicht das Gefühl, dass sie sich jemals wieder fangen würde. Es war verrückt, wie ein einzelner Mensch so viel Einfluss haben konnte – obwohl er gar nicht mehr hier war.
Vor ihren geschlossenen Augen tanzten Sterne, so fest drückte sie das Kissen gegen ihr Gesicht. Die Kopfschmerzen wurden immer stärker. Aber die Tränen, die Erschöpfung, die Wut, die Ratlosigkeit… das alles musste raus.
War es ein Zusammenbruch? Vielleicht. Ein kleiner. Irgendwann mussten diese Gefühle ja raus. Susan sprach kaum über ihren Gemütszustand. Es ging auch keinen etwas an. Der eine oder andere, der sie besser kannte, vermutete, dass es ihr nicht gut ging. Aber es sprach sie keiner darauf an. Wie gesagt. Es ging niemanden etwas an.

Susan hob langsam ihren Kopf und öffnete die Augen. Sie sah auf das Zierkissen, das Spuren von ihrer Mascara und dem Tages-Make-up abbekommen hatte. War auch nicht das erste Mal. Sie zupfte ein Taschentuch aus dem Behälter, der auf der Couchlehne stand.
Während sie sich die Nase putzte, stupste Maggie sie vorsichtig am Ellbogen an und schnurrte. Sie war satt, hatte ihre Katzenhygiene abgeschlossen und wollte nun weiter ihre Streicheleinheiten. Vielleicht merkte sie aber auch, dass Susan Ablenkung brauchte und gab nicht auf, bis Susan sie auf ihren Schoß stellte und anfing, mit beiden Händen zu kraulen.
Sie musste lächeln. Maggie war sehr anhänglich. Manchmal fast schon zu anhänglich. Aber an Tagen wie diesen war es genau das, was sie brauchte. Nicht auszuhalten, wenn sie die letzten Wochen heimgekommen wäre und es wäre nicht mal ihre Katze dagewesen. Dann hätte sie wahrscheinlich seit Ewigkeiten die Wohnung nicht verlassen oder angefangen, im Büro zu schlafen.
Diese Gedankenräder. Es war immer wieder ein Hin und Her. Trauer über die verlorene Zeit. Optimismus, einen neuen Mann zu finden, der sich selbst gefunden hatte und wusste, was er wollte. Sehnsucht nach Robert, seiner Stimme, seinen Zärtlichkeiten. Der Vorsatz, eine Zeit lang alleine bleiben zu wollen, eine egoistische Phase zu haben. Die Erkenntnis, dass sie sich trotz allem in den letzten Tagen öfter dabei ertappt hatte, auch anderen Männern nachzublicken.

Susan lag seitlich auf der Couch, vor ihr schmiegte sich Maggie an ihre Brust und schnurrte entspannt. Sie streichelte die dösende Katze zärtlich und beobachtete, wie sie langsam einschlief. Das Schnurren wurde leiser, und hörte schließlich ganz auf. Sie schlief. Im Gegensatz zu Susan. Ihre Augen, ihr Körper, waren müde – aber ihr Geist arbeitete fast durchgehend und ließ einen erholsamen Schlaf nicht zu.
Ihr Blick schweifte wieder Richtung Fernseher. Bedingt durch die Tränen, die immer noch flossen, nahm sie nur verschwommen wahr, welche Sendung lief. Irgendeine Sitcom, wahrscheinlich die hundertste Wiederholung einer alten Staffel. Susan seufzte und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher wieder abzuschalten.
Vorsichtig setzte sie sich auf, um ihre Katze beim Schlafen nicht zu stören. Maggie riskierte ein kurzes Blinzeln und breitete sich dann auf der Couch aus, um weiterzuschlafen. Susan stand auf und brachte das Geschirr in die Küche. Anschließend ging sie nochmal ins Badezimmer.
Wieder stand sie vor dem Spiegel und betrachtete sich. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht geschwollen und das Make-Up verschmiert. Da stand sie. Allein. Traurig. Zornig. Enttäuscht. Hilflos. Sie drehte das kalte Wasser auf und wusch sich die Hände. Anschließend beugte sie sich hinunter und fing an, sich das Gesicht zu waschen.
Das kalte Wasser tat ihren erhitzten Augen und Wangen gut. Sie schöpfte das kühle Nass und tauchte ihr Gesicht ein. Ein Blick in den Spiegel ließ sie erkennen, dass ihr das Wasser guttat. Die Schwellungen fingen an, sich zurückzuziehen. Automatisiert erledigte Susan ihre Abendhygiene mit Reinigungswasser und Nachtcreme, putzte sich wie von fremder Hand gesteuert die Zähne.

Der Weg ins Schlafzimmer war nicht weit. Susan trottete zu ihrem Bett und ließ sich darauf fallen. Zudecken musste sie sich nicht, ihr war nicht kalt. Sie starrte an die Decke. Keine Gedanken. Alles mit dem Make-up und der Zahnpasta in den Abfluss gespült.
Das Fenster war gekippt, von draußen hörte sie den Straßenmusiker, den sie vorhin an der Ecke ihres Appartementhauses hatte stehen sehen. Er hatte eine angenehme Stimme, und sang von Liebe und Schmerz. Wie passend.
Susan schloss die Augen. Auf Basis der Melodie des Straßenmusikers zuckten Bilder vor ihrem inneren Auge. Erinnerungen. Schöne. Aber auch böse. Sie atmete ruhig ein und aus. Irgendwann überfiel sie der Schlaf, und sie träumte. Von einem entspannten Urlaub am Strand. Auf einem Sonnen-Liegeplatz für zwei. Sie kuschelte sich an ihn. Die Sonne schien, sie roch sein Aftershave, es ging ihr gut.
Sie fuhr mit dem Finger über seinen Bauch und zog kleine Kreise. Er strich zärtlich mit seinen Fingern über ihren Rücken. Sie schien glücklich. Gerade als sie den Kopf hob und ihm ins Gesicht sehen wollte, gab es einen lauten Krach. Sie wachte auf. Für einen Moment sah sie sich irritiert um. Es war Nacht. Es war kühl. Sie lag in ihrem Bett. Allein.

Susan hörte ein leises Schleckgeräusch. Anscheinend hatte Maggie die Jogurtschüssel in der Küche entdeckt und hatte sie vom Tisch runtergeschoben. Der Krach, als die Schüssel am Fliesenboden aufgeschlagen war, hatte sie wohl geweckt.
Sie seufzte leise und sah auf den Radiowecker. Kurz nach drei Uhr morgens. Sie hatte zur Abwechslung wirklich ein paar Stunden am Stück schlafen können. Ihre Hände tasteten im Dunkeln ihr Gesicht ab. Die Schwellungen waren zurückgegangen, auch ihre Kopfschmerzen waren verschwunden.
Umständlich zerrte sie ihre Decke unter sich hervor und kuschelte sich darin ein. Danach schloss sie wieder die Augen. Vielleicht konnte sie noch einmal weiterschlafen. Ihr Innenleben hatte sich beruhigt. Sie hatte wieder einen klareren Kopf als noch vor ein paar Stunden. Das war doch ein gutes Zeichen.
War sie erfolgreich? Ja. War sie glücklich? Nein. Würde sie wieder glücklich sein? Ja. Irgendwann. Sicher. Das Leben ging weiter. Ein schwaches Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, bevor sie wieder einschlief. Sie war schließlich ein großes Mädchen. Und auch große Mädchen weinen. Manchmal.

Petra Hechenberger

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Magenbitter

Ich war so sehr in sie vernarrt
Dass ich von Kopf bis Fuß erstarrte
So hab ich Jahre ausgeharrt
Doch dacht’ ich: Gut, ich warte

Und als der Schmerz vergangen war
Ich bekam schon graues Haar
Ist es mir dann doch gelungen
Bin zu ihr ins Bett gesprungen

Es war des Glücks fast schon zu viel
Vom Warteplatz direkt ans Ziel
Nach all dem hungernden Verlangen
Das Feenkind doch eingefangen

Es atmeten unsere Glieder
Rosenduft und den von Flieder
Wir wogten selig auf und nieder
Und dann wieder

Ich dacht’, was ich noch nie gedacht:
Nachdem du’s schon so weit gebracht
Wird sie auch die Deine bleiben
Dann musst’ ich’s noch mal mit ihr treiben

Am nächsten Tag war sie verschwunden
Hab ein paar Zeilen von ihr gefunden
Da saß ich da – geprellter Ritter –
Sie nahm mich nur als Magenbitter

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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15 Stunden

„In Kürze erreichen wir unsere letzte Station, den Salzburger Hauptbahnhof“, eine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, ich nehme die Kopfhörer ab, „Vielen Dank, dass Sie sich bei Ihrer Reise für uns entschieden haben. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend! Auf Wiedersehen!“ Ohne Pause fährt der unsichtbare Sprecher fort, seine Rede in gebrochenem Englisch zu wiederholen: „In a short while …ehm… we’re reaching our final station: Salzburg … ehm… main station. Thank you for …ehm… choosing… traveling with us … ehm… have a nice evening, good bye!“ Die letzten Worte kamen so schnell, dass man sie kaum verstehen konnte. Irgendwie finde ich die Stimme oder doch eher das Nicht-Beherrschen einer Sprache, die sie wahrscheinlich jeden Tag gebrauchen muss, um die immer gleichen Phrasen zu wiederholen, sympathisch. Irgendwie halte ich diese Menschen für ehrlich. Oder für ehrlicher. Zumindest finde ich sie aufrichtiger als Menschen, die ständig darum bemüht sind, den Schein des Beherrschens aufrechtzuerhalten, obwohl sie absolut kein Gefühl für eine andere Sprache als die eigene haben, vielleicht nicht einmal für die eigene.

Nachdem die Durchsage vorüber war und ich mir kurz Gedanken über Menschen und Sprachen gemacht habe, schalte ich meinen iPod aus, der während der gesamten Fahrt auf ungefähr einem Viertel der vollen Lautstärke lief, und man kann sich vorstellen, dass ich nur wenig von der Musik, aber dafür mehr von der Geräuschkulisse, die sich um mich herum auftat, mitbekam. Natürlich können auch die Klänge der Umgebung einiges hergeben, oft komme ich sogar absichtlich in den Genuss, diesmal allerdings war dem nicht so. Dass ich mir gut zwei Stunden anhörte, wie Elisabeth sich zwischen Leben und Tod bewegt und alle in ihrem Umfeld zurückstößt, außer den Tod selbst, war mir zwar nicht peinlich, aber ich befürchtete belustigte Blicke oder gar eine hochgezogene Augenbraue. Vor allem in dem Moment, als Annemieke van Dam „Ich gehör nur mir“ schmettert, denn spätestens hier wissen die meisten Bescheid, dass es sich um das Musical Elisabeth handelt, und ich befürchte eine Fehleinschätzung meines Charakters. Bin ich kitschig, anspruchslos, hochintelligent oder nichts von alledem? Wahrscheinlich Letzteres. Wahrscheinlich ist es den Leuten auch herzlich egal, was ich in meiner Playlist habe. Wahrscheinlich werde ich die Lautstärke weiter auf einem Minimum halten.

Ich verstaue, besser gesagt ich werfe meinen iPod in meine 20 Euro teure H&M-Handtasche aus braunem, nennen wir es „Leder“. Noch einmal checke ich mein Spiegelbild im Zugfenster, wobei ich eigentlich nur meinen Lidstrich kontrollieren möchte, da ich mir vor kurzem einen neuen Liquidliner gekauft hatte, dem ich noch nicht vertraue – alles bestens. Mit meinen Haaren bin ich nicht ganz zufrieden, aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Ansonsten trage ich ein schwarzes, kurzes Kleid, schwarze Schuhe und ein paar Ringe aus Silber. In Schwarz fühle ich mich immer am sichersten. Ich weiß nicht, warum.

Der Zug hält. Ich schnappe meine Reisetasche und bereue es, für ungefähr fünf Tage gepackt zu haben, obwohl ich nur zwei Tage hier bin.
Ich betrete den Salzburger Bahnsteig um 17 Uhr 9. Jetzt heißt es, den mir beschriebenen Ausgang zu finden, was eine nicht sonderlich schwierige Aufgabe sein sollte. Wie sich herausstellt, ist es wirklich keine schwierige Aufgabe. Sofort finde ich den richtigen Ausgang, entscheide mich für den linken Stiegenaufgang und hoffe, es ist der richtige. Es ist der richtige. Drei Minuten, nachdem ich aus der Bahn gestiegen bin, sehe ich ihn zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Ohne es kontrollieren zu können, beginne ich zu lächeln. Er steigt aus dem Mini Cooper, den er sich von seiner Nachbarin aus Wien ausgeliehen hat. Mit einem lockeren „Hallo, Anna“, das ich mit einem langgezogenen „Hallo“ erwidere, geht er um das Auto herum, und zum ersten Mal seit fast vier Wochen darf ich ihn berühren. Wie immer begrüßen wir uns wie zwei alte Freunde: eine Art kleine Umarmung mit Küsschen links und rechts auf die Wange. Er verstaut meine Tasche im Kofferraum. Noch bevor ich die Beifahrertür aufmachen kann, eilt er an meine Seite und öffnet sie für mich. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, wie sehr ich das schätze.

Während der dreißigminütigen Fahrt zu seinem Haus „am Berg“, wie er es selbst nennt, bewegen sich unsere Gespräche zwischen Erzählungen von meiner zweiwöchigen Indienreise, von der ich letzte Woche zurückgekommen war, der starken Darmentzündung, die ich am Tag der Heimreise bekommen habe und meiner langsamen Genesung. Er erzählt mir von seiner jüngeren Schwester und ihrer Familie, die auf Lanzarote leben und ihn besuchen gekommen waren, von ihren Kindern, den damit einhergehenden großen und kleinen Problemen, er spricht über seine Freunde, die ich nur von Fotos kenne, und dann reden wir auch über das Wetter. Wie jedes Mal hoffe ich, nichts Falsches zu sagen. Wie jedes Mal hoffe ich, dass er mich nicht als „Kind“ betrachtet. Wie jedes Mal, wenn er schweigt, frage ich mich, ob er sich die Sache mit uns nochmals überlegt. Jedes Schweigen frage ich mich, warum er mich wollen sollte. Ich bin auf den Tag genau zwanzig Jahre jünger. Er ist 41 und ich bin 21. Ich bin Studentin, er ist Schauspieler. Oft vergesse ich den Altersunterschied, da es ohnehin keine Rolle spielt, was mich viel mehr verunsichert, ist sein Interesse an mir. Warum ich? Ihn zu fragen, hab ich mich bisher nicht getraut. Auch diesmal nicht. Ich sehe ihn an und bin froh, dass er nicht weiß, wie es mir eigentlich geht. Dass er nicht weiß, wie sehr ich ihn mag und wie groß meine Angst ist, ihn zu verlieren.

Endlich kommen wir oben an. Wieder bin ich von dem Ausblick überwältigt, dennoch versuche ich cool zu bleiben. Er holt meine Tasche aus dem Auto und wir gehen ins Haus. Ob ihm auffällt, dass ich viel zu viel eingepackt habe? Falls ja, lässt er sich nichts anmerken.
Das Erste, was er mir drinnen anbietet, ist ein Haselnuss-Schnaps, den ich von meinem ersten Mal hier kenne. Natürlich lehne ich nicht ab. Er selbst gießt sich auch einen Kurzen ein. Vor und während des Trinkens kommt mir vor, als wäre er nervöser als ich. Dieses Gefühl habe ich häufiger. Sicher bin ich mir dessen aber nicht.

Mir fällt ein, dass ich ihm etwas aus Indien mitgebracht habe. Bevor ich ihm den kleinen Smaragd-Ganesha gebe, habe ich das Bedürfnis ihm zu erklären, von wo ich diesen und warum ich gerade dieses Geschenk für ihn ausgewählt habe, doch alles, was aus meinem Mund kommt, ist Chaos. Alles, was ich mir vorher an Erklärungen zurechtgelegt habe, ist aus meinem Kopf verschwunden, sodass ich ihm die Figur einfach in die Hand drücke. Er freut sich mehr darüber, als ich gedacht hätte. Ich bin erleichtert. Mehr als das. Ich bin in diesem Augenblick so glücklich, dass ich mir fast sicher bin, mich mehr als er über mein Geschenk zu freuen.

Nachdem er mir in seinem Schlafzimmer die neue, dunkelbraune Wandfarbe gezeigt hat und die neue LED-Lichterkette hinter seinem Bett, fragt er mich, ob ich Hunger hätte, ich sage ja. Er fragt mich, ob ich gerne ein Bier hätte, auch dazu sage ich nicht nein.
In der Küche holt er die verschiedensten Zutaten aus dem Kühlschrank und erkundigt sich immer wieder bei mir, ob er dies oder jenes machen solle oder lieber nicht. Ich sage zu allem einfach ja. Was Essen betrifft, verlasse ich mich auf ihn, denn im Gegensatz zu mir hat er Ahnung vom Kochen. Während er also mit der Zubereitung von gut fünf verschiedenen Gerichten beschäftigt ist, versuche ich, schon leicht angetrunken, ihn durch Geschichten zu unterhalten. Leider bin ich keine gute Erzählerin und nur die wenigsten meiner Erlebnisse kann ich so wiedergeben, dass sie den gewünschten Effekt erzielen. Meist scheitere ich an witzigen Begebenheiten. Nicht selten endet eine solche Geschichte mit dem Satz: „Du hättest dabei sein müssen, um es lustig zu finden.“ In solchen Situationen wird mir der Altersunterschied doch wieder bewusst. Die Angst, ihn zu verlieren steigt wieder an. Aus Verlegenheit spricht mein Mund weiter. Jedoch ohne Kontrolle von oben. Die nächste Peinlichkeit ist im Anmarsch.

Irgendwann schaffe ich es doch, still zu sein. Ich sehe ihm einfach beim Kochen zu. Er blickt auf und sieht mich an. Er beginnt zu lächeln. Ich tue es ihm gleich.
„Du bist lustig“, sagt er, „Ein bisschen was Katzenhaftes hast du schon.“ Das habe ich von ihm schon ein paar Mal gehört. Ich bin nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht, weil zu Hause zwei Katzen auf mich warten, oder es ernst meint.
„Warum?“, ich lache. Wahrscheinlich, um zu verstecken, dass mir die Antwort wichtiger ist als er ahnt. Vielleicht mache ich mich auch nur über mich selbst lustig. Ich finde mein Verhalten lächerlich.
„Nur so“, mit einem Schmunzeln wendet er sich wieder seinen Gerichten zu. Ich bin beruhigt. Er schafft es immer wieder, dass ich mich wohlfühle. Genauso wie er es schafft, das Gegenteil in mir auszulösen.
„Warst du schon mal verliebt?“
Ich zögere. Die Frage überrascht mich. Ich antworte mit „Ja“.
„Und du?“
Er zählt lachend an den Fingern ab, dann sagt er ebenfalls nur schlicht „Ja“. Ich wäre schockiert gewesen, wenn er „Nein“ gesagt hätte. Damit ist das Thema beendet.

Beim Essen reden wir über unsere Familien, die guten, aber auch die schlechten Seiten. Die meiste Zeit spricht er. Ich finde es wunderschön, seine Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen zu hören. Im Gegensatz zu mir kann er das, was er denkt, gut in Worte fassen. Das bewundere ich. Ich bewundere viele Dinge an ihm, zum Beispiel seine Selbstsicherheit, ohne überheblich zu sein. Ich wünschte, ich wäre auch nur annähernd so selbstbewusst. Mein Selbstbewusstsein fußt auf der Tatsache, dass es nicht echt ist. Viele Menschen sind der Meinung, ich wäre mir meiner Selbst sicher. Die Fassade aufrechtzuerhalten, ist nicht schwer, außer bei ihm. Er hat schon früh gemerkt, dass ich eher von Unsicherheit und Selbstzweifel getragen werde. Trotzdem (oder gerade deswegen?) hat er mich gern.

Ich helfe ihm, den Tisch abzuräumen. Mehrmals gehen wir hin und her, tragen Teller, Gläser, Schüsseln und Besteck in die Küche. Er berührt mich kurz am Arm und ich spüre, wie mein Herz sich fast überschlägt, aus Freude über dieses Bisschen Nähe. Als er beginnt, all das Geschirr abzuwaschen, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm dabei nicht helfen kann. Es ist zu wenig Platz, um zu zweit sauberzumachen. Geschichten, bei denen ich mich im Nachhinein sowieso gefragt hätte, warum ich sie erzählt habe, fallen mir nicht ein. Nicht eine. Mein Kopf ist völlig leer. Ich stehe einfach nur da und komme mir unglaublich nutzlos vor. Was er in diesem Moment denkt, ist mir ein Rätsel. Ich hoffe nur, es ist nicht dasselbe wie das, was ich gerade über mich denke.

Er geht unter die Dusche. Ich leg mich auf die Couch. Im Hintergrund läuft Loungemusik. Es gelingt mir, trotz ansteigender Müdigkeit wach zu bleiben. Fünfzehn Minuten nachdem er im Badezimmer verschwunden war, kommt er gutaussehend wie immer, aber deutlich frischer wieder zurück und setzt sich zu mir. Er fragt, ob ich noch ein Bier möchte. Ich verneine, zum einen, weil mir das Abendessen fast zu viel war, zum anderen aber, weil ich mir ein bisschen Gedanken über die hohe Anzahl an Kalorien mache. Selbstverständlich würde ich das nie zugeben. Sogar vor mir selbst versuche ich diese eine Sorge zu verbergen oder sie so gut wie möglich zu verdrängen.

Wir reden. Er philosophiert über das Leben. Ich finde es faszinierend, dass er genau das ausspricht, was ich mir schon seit langem denke. Meine Freude darüber, dass wir die gleichen oder ähnliche Ansichten haben, verstecke ich. Ich schweige. Er sieht mich an. Er nimmt meine Beine und legt sie über seinen Unterkörper. Seine Hände ruhen auf meinem Ober- und Unterschenkel. Er spricht weiter. Innerlich bin ich erleichtert, dass er mich immer noch gern hat, obwohl ich von einem Fettnäpfchen ins nächste trete. Ich mag seine Berührungen. In diesen Momenten fühle ich mich sicher. Oder sicherer.

Wir schweigen. Ich sehe meine Beine an. Er sieht mich an.
„Du magst Berührungen nicht so, oder?“, wow. Wie kann meine Körpersprache so sehr von dem abweichen, was ich tatsächlich empfinde? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ein unsicheres „Doch“ ist das Einzige, was mir dazu einfällt.
Nach einer kurzen Pause fragt er mich, mit einem Blick auf seine Hände und meine Beine: „Ist das okay?“ Mehr als ein schlichtes „Ja“ kommt auch diesmal nicht raus.
„Ich mag Berührungen. Es ist ja okay, wenn man jemanden gern hat und denjenigen berühren möchte. Du hast aber schon mehr positive Gefühle als negative?“ Das Thema macht mich verlegen. „Ja sicher!“, leider weiß ich immer noch nicht, wie ich mein Verhalten erklären soll. Vielleicht weiß ich das schon, ich kann es nur nicht in Worte fassen.
„Es ist nur“, beginne ich endlich, „Ehm… keine Ahnung… ich…“ Gott sei Dank vibriert in diesem Moment sein Handy. Er fragt mich, ob er kurz rangehen könnte, da er einen Anruf erwartet. Beruhigt darüber, dass das Thema damit ein Ende hat, sage ich, es wäre kein Problem für mich.

Er begrüßt seinen Freund, und eines der ersten Themen, die er anspricht, ist meine Hemmung, ihn zu berühren. Ein humorvoller Seitenhieb. Ich versuche, diesen zu ignorieren und bin froh, als sie über etwas anderes sprechen. Während des Gesprächs steht er auf und verschwindet aus meinem Sichtfeld, in Richtung Tür. Wie vielen Menschen, mich selbst eingeschlossen, fällt es ihm schwer, beim Telefonieren still zu sitzen.
Fünf Minuten später kommt er wieder ins Wohnzimmer, setzt sich neben mich und legt seine Hand auf mein Knie. Wieder spricht er meine Schwäche an. Noch einmal möchte ich mich rechtfertigen.

„Naja… du weißt ja, meine letzte Beziehung war nicht so toll“, ich sehe ihn fragend an. Er nickt. Ich fahre fort: „Ich hab immer das Gefühl gehabt … ehm…, dass jede Berührung irgendwie zu viel war…“
„Von dir?“
„Ja schon… Keine Ahnung. Seitdem tu ich mir schwer.“ Seitdem hab ich Angst vor Ablehnung. Wir haben keine richtige Beziehung. Ich hab Angst, dass ich dich zu nahe an mich ranlasse und du irgendwann einfach gehst. Auf der anderen Seite habe ich auch Angst vor einer festen Beziehung und deinen Erwartungen. Ich wünschte, die Zeit würde stillstehen und mir mehr Raum geben. Ich wünschte, ich könnte meine Barriere aus Distanz abstellen und dir all die Dinge sagen, die ich empfinde und dir meine Gefühle zeigen. Aber das kann ich nicht.
Das alles sage ich natürlich nicht. Das ist mir zu theatralisch.

„Hmmm… aber wenn wir uns so noch näher kommen“, sagt er mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, „Hab ich nicht das Gefühl, als würde ich dich überfallen…?“
„Nein, eh nicht. So ist es ja auch nicht“, sage ich schnell.
Nach einer kurzen Pause meint er: „Naja, das ist ja nicht schlimm. Wenn es dich nicht stört, dass ich das mag. Du willst mich halt nicht angreifen.“

Ich sehe ihn schräg an. Ich möchte nicht mehr darüber sprechen. Er lächelt mich an. Ich lächle zurück. Er philosophiert weiter über das Leben. Ich höre ihm zu.
Es wird wieder still. Den Blick, den er mir zuwirft, kenne ich schon gut. Er lehnt sich zu mir und küsst mich, zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Es ist der perfekte Kuss. Ich erinnere mich an unseren ersten Kuss, der für mich genauso schön war. Mit meiner Hand halte ich sein Handgelenk fest, erst nach einer Weile fällt mir auf, mit welchem Druck, und ich lasse nach.

Er liegt auf der Couch. Ich sitze mit angezogenen Knien neben ihm. Unsere Kleidung ist am Boden verteilt. Wir schweigen für einige Minuten. Ich frage mich, was er gerade denkt.
„Sollen wir dann rübergehen?“, er deutet mit seinem Kopf in Richtung Schlafzimmer.
„Klingt gut.“
Er streichelt noch einmal meinen Unterschenkel, geht in die Küche und holt mir ein Glas Wasser, bevor er im Badezimmer verschwindet.
Ich sammle meine Sachen zusammen, werfe sie im Vorraum auf meine Tasche und suche darin das T-Shirt und die kurze Hose, die ich zum Schlafen mitgebracht habe. Da der Raum dunkel und mein Pyjama schwarz ist, dauert es entsprechend lange, bis ich ihn gefunden habe. Er streicht mir über den Rücken und geht an mir vorbei ins Schlafzimmer. Ich ziehe mich an und folge ihm.

Seit ungefähr einer Stunde liege ich wach im Bett. Meine Gedanken kreisen. Ich frage mich, wie lange das mit ihm und mir noch so weitergeht. Wie lange es weitergehen kann. Haben wir überhaupt eine Zukunft? Immer mehr muss ich daran denken, wie zerbrechlich die ganze Situation ist. Zumindest empfinde ich es so. Ich wüsste gerne, wie ernst ihm die Sache zwischen uns ist. Was bin ich für ihn? Eine gute Freundin mit Vorzügen oder einfach nur eine Bekannte, die sofort da ist, wenn er ruft, oder bin ich doch mehr? Ich habe ihn noch nie gefragt. Auch diesmal werde ich es nicht tun.

Irgendwann zwischen sieben und acht Uhr früh wache ich auf. Durch den geschlossenen Vorhang scheint die Sonne und taucht den Raum in schwaches Licht. Ich drehe mich um. Er schläft noch. Ich lege meine Hand auf seine Brust und schließe die Augen. Sein Herzschlag ist alles, was ich in diesem Moment wahrnehme. All die Fragen und all die Zweifel, die ich vor ein paar Stunden noch im Kopf hatte, sind vergessen. Es ist egal, ob es morgen vorbei ist oder nicht. Es ist egal, ob ich nur eine Freundin oder seine Freundin bin. Es ist egal, ob wir eine Zukunft haben, oder nicht. In diesem Augenblick ist es perfekt.

Meine Naivität erschreckt mich, als ich einige Wochen später wieder an diesen Moment denke. Er und ich, wir stehen immer noch am selben Punkt. Wir sind in der Küche und er kocht, während ich zusehe. Es ist still. Die Angst vor dem (unvermeidlichen?) Ende wächst ins Unermessliche. Endlich bringe ich die Frage hervor:
„Was bin ich eigentlich für dich?“
Er schweigt.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich gesagt oder nur gedacht habe.

Anna Bartl

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 15142

Patricia

Auf und zu der Mund
hinein und hinaus die Zigarette
Schluck für Schluck der Alkohol
Gern sehe ich zu
verstehe nicht alles
und doch, wenn du es sagst

Seit ich dich das erste Mal sah
ließest du mich nicht mehr los
du weißt es nicht
nur ich weiß es

Wenn du lachst, ist alles komplett
wie die Sonne strahlt dein Gesicht
und wie der Mond die Form
schöne Rundung

und alles hat seine Natürlichkeit darin

 

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 15106

Heckenrosenrot

Rückblickend auf die ersten beiden Dekaden meines Erwachsenenlebens stelle ich mit Bitterkeit fest, dass das Liebesglück mich bisher nur tangential gestreift hat. Dies ist mir selbst zuzuschreiben.
Das mag abgeklärt und resignativ klingen – ich bin mit meinen 37 Jahren weder das eine in ausreichendem Maße noch erfreulicherweise das andere. Dennoch bin ich mir meines damaligen schwerwiegenden Fehlers klar bewusst. Noch heute bin ich davon überzeugt, es war eine Begegnung mit der Frau fürs Leben, ein Zusammentreffen mit dem wahren Glück.
Damals war ich ein smarter Student, unterwegs in angesagten Kreisen. Ich war unerfahren und unfreiwillig bereit, en passant den Fehler meines Lebens zu machen. In der dummdreisten Gewissheit, dass diese außergewöhnliche Frau nicht mein Niveau hätte, habe ich ebendieser nicht ausreichend Beachtung geschenkt.

Jetzt schaut sie mich an, aus der Wirtschaftsbeilage der Presse, direkt und aufmerksam, mit ihren hellen Augen. In der Zeitung und der pixeligen Schwarz-Weiß-Darstellung ist ihr intensives Blau nicht ersichtlich, aber auch nicht relevant für die Leserschaft, der geht es mehr um Zahlen. Betriebswirtschaftliche Firmenkennzahlen: Bilanzsumme, Jahresüberschuss, Umsatzrendite, Gewinn, Cash Flow. Wenn sie in den Gesellschaftsgazetten Erwähnung findet, was oft der Fall ist, dann interessieren sich die Leser mehr für die Persönlichkeit hinter dem bekannten Bio-Label. Denn die Frau, die eines der erfolgreichsten österreichischen Startups des letzten Jahrzehnts gegründet hat, ist eine wahrlich auffallende und aparte.

Die Crème-Tiegel dieser Rosie Reiser aus dem oberösterreichischen Mühlviertel stehen auch in unserem Badezimmer. Meine Frau cremt sich abends das Gesicht mit Rosenölcreme ein. Biologisch produzierte Grundstoffe, sorgfältig geerntet, ganz bestimmt recyclebar verpackt, Nachhaltigkeitszertifikat inkludiert. Rosenblättermarmelade oder Rosenessig derselben Marke finden sich in unserer Küche. Und da wären noch die vielen Gewürze und Tees, denen man die Wertschätzung der Produzentin für die Natur und die ökologische Verantwortung für die Region ansieht. Total Quality Management.

Ich studierte damals an der Universität für Bodenkultur in Wien und hatte stets ein kleines Mikrofon parat, das ich hübschen Mädchen unter die Nase hielt, und vorgab, im Auftrag der ÖH eine Umfrage zu machen. Das nahm mir die Hemmschwelle, Frauen anzusprechen. Meist folgte eine kleine Befragung in der Cafeteria oder auf einer Parkbank. Manchmal mehr.
So hatte ich auch Rosie Reiser kennengelernt. Sie war mir zuerst gar nicht aufgefallen und eine andere, die ich ansprach, war zu sehr in Eile. Da kam sie als Nächste daher und hatte diesen aufgeweckten Blick, den sie auch nicht verschämt senkte, als sie mein Mikrofon als solches erkannte. Sie war auf den ersten Blick nicht mein Typ, aber ich konnte irgendwie nicht anders, ging auf sie zu und fragte sie nach ihrer Work-Life-Balance.
„Ja, gut, wenn es dich interessiert, was ich denke, dann frag doch!“, meinte sie unbekümmert und lebhaft.
Mein Blick lag gebannt auf ihrem Gesicht, das mit Sommersprossen übersät war. Sie war nicht geschminkt, unauffällig mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Das ziegelrote lange Haar hatte sie mehr schlecht als recht locker auf ihrem Kopf aufgetürmt.
Schon der Anfang des Gesprächs war desaströs: Sie stellte sich mit einem freundlichen „Ich bin Rosie“ vor. Und mir fiel nichts Besseres ein als den urbanen Wiener Schnösel zu geben und überheblich zu artikulieren: „Und ich nenne dich Rosa.“ Sie verwehrte sich sogleich recht unmissverständlich dagegen.

Sie war – wie soll ich sagen – urwüchsig, sowohl in ihrem Aussehen als auch Auftreten. Ich stellte sie mir an meiner Seite und in Gegenwart meiner Freunde in unserem hippen Club vor, im stylishen Abend-Outfit und mit einem Drink in der Hand, und musste schmunzeln. ‚Die könnte mehr aus sich machen‘, war tatsächlich einer meiner respektlosen Gedanken, während ich ihr in der Cafeteria zuhörte. Dabei war sie hinreißend, wie sie angeregt erzählte, was sie für ihre Zukunft plante.

Meine Vorgangsweise war investigativ: „Wie viel Deiner in wachem Zustand verbrachten Zeit in Prozenten entfällt auf Studium, wie viel auf Familie, Freunde, Partner und Hobbies?“
So erfuhr ich viel Wissenswertes meist sehr rasch und in Rosies Fall darüber hinaus von ihrer Begeisterung für Heckenrosen.
„Sie werden nicht kultiviert und wachsen einfach wild. Es gibt sogar Sorten in hellem Orangerot, so wie es meine Haare sind. Und die ganzen Kräuter und Pflanzen, die auch naturbelassen wuchern – das sind Schätze!“
Sie hatte ihre Haarspange gelöst. Das wallende Ziegelrot auf ihrem Kopf war demnach ein Heckenrosenrot und stand ihr ganz wunderbar zu Gesicht. Letzteres gab sich bedeckt und war nicht leicht zu erforschen, die Sommersprossen forderten mich geradezu heraus.
„Rosenöl wird in der Parfüm- und Kosmetikindustrie verwendet. Es erhöht die Elastizität der Haut. Rosenblüten können als Tee zubereitet werden. Auch die Früchte der Rosen, die Hagebutten, finden in der Küche Verwendung. In der Heilkunde dient Rosenöl zur Krampflösung, es hebt die Stimmung, belebt und hilft bei Kopfschmerzen.“
Sie berührte mich kurz am Unterarm, um die Tragweite ihrer nächsten Aussage zu verstärken, und fügte ernst und nachdrücklich hinzu: „Und wenn Babys viel weinen und unruhig sind, dann helfen Massagen mit stark verdünntem Rosenöl.“
Als ob das für einen 22-jährigen Studenten von irgendeinem Belang gewesen wäre! Dennoch fand ich meine Gesprächspartnerin in besonderer Weise anziehend.
Doch mein Fokus lag damals auf den richtig coolen, modisch gekleideten Studentinnen in High-Heels und nicht auf sommersprossigen Biotanten. Nur so kann ich mir erklären, dass ich rasch das Interesse an ihr verlor, als eine Kommilitonin an einem Nebentisch direkt in meinem Blickfeld Platz nahm und mich mit ihrem aufreizenden Lächeln (oder war es das Dekolleté?) ablenkte.
So geschah es, dass diese Rosie sich furchtbar über meine dumme Unaufmerksamkeit ärgerte. Sie nahm das Objekt meiner Ablenkung kurz ins Visier, hörte auf zu sprechen und legte energisch ein paar Münzen auf den Tisch. Sie erhob sich entschlossen und klang sehr aufgebracht: „Schade, du hast echt den falschen Job. Das war vertane Zeit.“
Ehe ich noch etwas entgegnen konnte, war dieses unverfälschte Landmädel mit ihrer heckenrosenroten Mähne wütend auf und davon geeilt.
Meinen Kaffee trank ich damals ungerührt am Nebentisch weiter.

Aber unbewusst fand ich Rosie wohl damals schon bezaubernd, ich sah mich am Campus permanent nach ihr um. Einmal traf ich sie danach in der Bibliothek (nicht ganz zufällig im Bereich Wildpflanzen) wieder und ließ mich an einem Tisch in ihrer Nähe nieder. Als sie mich bemerkte, fühlte sie sich gestört und entfernte sich mit grimmigem Blick und entrüstet.
Rosie und ihre Sommersprossen ließen mich nicht los. Immer war ich seither auf der Suche nach ihnen.
Später hielt ich Ausschau nach einer Partnerin mit ähnlich unverfälschtem Temperament, erdverbundenem Verhalten oder was ich dafür hielt. Das brachte allerdings nichts als Verdruss und sogar eine Scheidung. Immer wenn ich damals an Rosie Reiser dachte, kam ich mir in einem unsäglichen Ausmaß emotional unzulänglich vor. Ich habe deshalb danach nie wieder einen Versuch der Kontaktaufnahme unternommen, obwohl es Gelegenheiten gegeben hätte. Und noch heute tut mir das leid.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15094

Traum & Trugschluss

Wachträume, egal ob zur Tages- oder Nachtzeit, böten alle Möglichkeit, doch die Fantasie muss sich begnügen, muss haushalten mit dem Vorrätigen an Kreativität und Zeit. Die Verantwortlichkeit, das Beschwerliche und das Banale des Alltags schmälern die Träume und setzen dem Variantenreichtum Grenzen.
Emil behalf sich dennoch mit seiner Vorstellungskraft; und das über viele Jahre. Über ebendiese Jahre, in die er jetzt gekommen war. Fraglos hatte das Leben ihn mit seinem zügigen Ablauf überrumpelt.
Er hatte dem Alltäglichen das Sehnen hintangestellt, hatte begehrt und entbehrt. Und erkannt, Fantasie ist bei aller Vielfalt vor allem eines: subjektiv. Es fehlt die zweite Dimension, die Erwiderung, das Bilaterale. Einzig die Vorstellung zu bemühen, ist der verzweifelte Versuch, zum Begehren eheadäquat Stellung zu nehmen, sich zum Verlangen in anständiger Weise zu verhalten. Doch die Haut bleibt einsam.

Er hätte sich beizeiten umsehen sollen und hatte nicht.
Die optischen Veränderungen des Älterwerdens sind nicht verhandelbar. Doch mehr als das bereitete es Emil Sorge, dass niemand seiner Freunde ihn mehr erkennen würde, wenn sein Inneres zur Ansicht stünde. Ein Mensch in seinem Alter sollte längst in Balance sein, doch da waren massive Dissonanzen. Die Koordinaten des Lebens waren in Schieflage geraten und verweigerten sich einer Neukalibrierung. Obwohl er das nie von sich erwartet hätte und keinesfalls billigen konnte, verspürte Emil den dringenden Wunsch, die Regeln zu brechen.

Und dann sah er eines Tages diesem befremdlich agierenden Mann zu, wie er mit Entschlossenheit die Telefonnummer aus der Internetwerbung wählte und zaudernd seine Wünsche bekanntgab. Dieser Mann war er selbst und er ruderte aus freien Stücken im Dunkeln aufs offene Meer hinaus. Emil fühlte sich dabei verletzlich und nackt, gleichzeitig klar und stark.
Man könnte sagen, diesem Mann sei schlichtweg langweilig. Die häuslichen geschlechtlichen Verrichtungen wären spannungslos und absehbar geworden. Und das Brodelnde müsse sich Luft schaffen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Emil suchte echte Nähe.
Wäre die exekutierte Körperlichkeit nur eine gekaufte, wäre der Betrug zwar nicht trivial, aber immerhin einigermaßen gewissenskompatibel.

24/7, das war ihm nach dem Telefonat noch im Gedächtnis. Und dass er sich auf Diskretion verlassen würde können. Bezahlt würde erst danach und direkt an die Agentur.
Der Tagtraum, den Emil gegen Bares umgesetzt sehen wollte, begann in einer Bar. Er hatte eine Frau hinbestellt, Mariella, 39, gut zehn Jahre jünger als er selbst. Sie sollte ihn ansprechen und in Folge alles richtig machen.
Emils Erwartungshaltung wurde von Almut gebrochen. Falls sie in irgendeiner Weise enttäuscht war, dann war ihr das nicht anzumerken. Sie strahlte ihn unmittelbar nach seinem Betreten der Bar an. Und doch entsprach die Bestellte so gar nicht den vereinbarten Kriterien. Ihre Haare waren entgegen seinen Wünschen kurz geschnitten, ihr Anmachspruch abgegriffen, wenngleich pfiffig und spontan vorgebracht. Sie trug auch kein Kleid und hochhackige Schuhe, sondern Jeans. Sie war einfach nicht Mariella. Sich nach ebendieser zu erkundigen, erschien Emil unpassend. Er stand zur Disposition, warum nicht ebenso für eine Almut.

Ein anspruchsvolles Einleitungsgespräch hatte er bei der Agentur vorgeschlagen, etwa über Kultur. Das was jetzt von Almut kam, war anderen Inhalts, aber nicht minder unterhaltsam. Ganz bestimmt wusste sie, dass ihre kleine nervositätsbedingte verbale Unbeholfenheit ungemein anziehend wirkte. Sie alberten herum über die Kennenlernkultur in virtuell dominierten Zeiten wie diesen. Und dass es doch auch so ginge, ganz traditionell an der Bar. Ha!
Sie erzählte von ihrem Beruf als Ausstellungskuratorin eines städtischen Kunsthauses. Ihren Nebenjob sprach sie nicht an. Als er kurz auf seine Ehe zu sprechen kam, da schien es Emil, als zucke es bedauernd um ihren Mund und als würde ihre Körperhaltung etwas distanzierter. Sie selbst sei Single, gab sie an. Aber rasch war die vorherige Nähe wiederhergestellt.

Falls sie kein Vergnügen an ihrer lukrativen Nebentätigkeit hatte, dann verstellte sie sich gut. Die Frau gab sich unentwegt interessiert. Vermutlich wurde ihr eingetrichtert, nicht laut von sich selbst reden zu machen, sondern alle Aufmerksamkeit auf den Kunden zu richten. Alkohol und der nervöse Elektropop erzeugten ein Flirren in Emils Kopf. Er spürte sich schweben und fühlte sich am äußersten Limit taumelig. Genau so hatte er sich das gewünscht, ganz genauso.
Emils Knie berührte ihres, als er seinen Barhocker ein wenig drehte, und er spürte Almuts Gegendruck, der von einem tiefen Blick begleitet wurde. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm und räusperte sich, um etwas zu sagen. Doch sie schluckte nur und es blieb beim Subtext. Der Bann war gebrochen, das wussten beide. Ein vorsichtiges Peut-être gravitierender Körper. Damit hatte er nicht gerechnet. Nicht damit, dass ihre Blicke zärtlich sein würden, nicht nur verführerisch. Nicht damit, dass sie sich für die Konversation davor so viel Zeit nehmen würde. Nicht damit, dass sie ihre Wohnung anbot und kein Hotel vorschlug.
Auch nicht damit, dass sie später ein solches Verlangen zeigen würde, ihn zu küssen und sich recht zielstrebig mit ihrer Zunge in seinem Mund einfand. Emil war sicher, dass dies in so ausgeprägter Intimität in dem Metier nicht üblich war. Und doch gefiel es ihm, und er konnte ihre Liebkosungen genießen. Es ließ ihn vergessen, dass es ein Spiel war.
Er dachte, er hätte ihre Rhythmuskompetenz und überhaupt das umfassende Repertoire als Liebhaberin gebucht, aber überraschenderweise liebte sie ihn mit einer ambivalenten ungestümen Innigkeit und Hingabe, die ihn rührte und der er sich emotional nicht entziehen konnte. Ihre Zuneigung war nicht unerwünscht und anscheinend eine Draufgabe, denn er hatte sie nicht bestellt.

Als Almut eingeschlafen war, ging Emil nach Hause. Er verbrachte den Rest der Nacht mehr oder weniger schlaflos. Einmal schreckte er hoch, denn er wusste plötzlich, da hatten sich zwei, wenngleich nicht gesucht, so doch gefunden. Ein wohlwollender Zufall hatte diese Mariella unter anderen verwechselbar gemacht und ihm Almut beschert.

Lieber Emil,
unsere bezaubernde Mariella nimmt Ihnen gewiss nicht übel, dass Sie das gestrige Tête-à-tête mit ihr platzen ließen. Sie war pünktlich am vereinbarten Ort, hat aber höflicherweise von einer Kontaktaufnahme Abstand genommen, da Sie bereits in ein Gespräch mit einer Dame vertieft waren.
Wir erlauben uns, Ihnen hiermit das vereinbarte Honorar in Rechnung zu stellen, auch wenn Sie die Dienste Mariellas nicht in Anspruch genommen haben (gemäß Absatz 7 der geltenden Geschäftsbedingungen).
Mariella würde sich natürlich über eine zweite Gelegenheit freuen. Sehr gerne bieten wir Ihnen aber auch an, unser Gesamtportfolio nochmals zu begutachten, Ihre Login-Daten sind noch bis zum Monatsende gültig.
Mit besten Grüßen
Agentur Escort 24/7

Michaela Swoboda

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Das Totenmahl

Liebe Constance!

Da ich dich telefonisch nicht erreiche, schreibe ich dir ganz einfach. Ich muss zugeben, ein völlig neues Gefühl. Ich brauche nicht zu versuchen, mir deine Stimme vorzustellen, denn ich höre sie andauernd in mir, sie ist mir in all den Jahren zu vertraut geworden, dies solltest du wissen. Nach anfänglichem Entsetzen über deine schriftliche Nachricht, du würdest nun in Paris bleiben, es sind nun einige Tage vergangen, habe ich mich so weit gefasst, dass ich in der Lage bin, dir meine Situation zu schildern, in die du mich durch deine, eine für mich völlig neue Seite an dir, ungezügelte Triebhaftigkeit gebracht hast, oder Liebe, wie du es nennst, und möchte dir mitteilen, dass ich beabsichtige, mich von dir zu trennen, weil ich die augenblickliche Situation nicht länger ertragen kann.
Wenn ich mir vorstelle, dass dich dieser breitschultrige Affe Tag und Nacht berührt, wohl mehr noch, empfinde ich Ekel und Wut gleichzeitig und bezweifle zutiefst, dich je wieder unvorein-genommen in die Arme schließen und dich lieben zu können, wie ich es bisher getan habe. Vielleicht war ich all die Jahre auch nur ein Spielzeug für dich, welches du jetzt, dessen überdrüssig geworden, ganz einfach weggeworfen hast.

Ich kann den Sinn unserer Beziehung nicht mehr erkennen und denke, dass dies der beste Weg für uns beide sein wird. Wenn du zurückkommst, werde ich nicht mehr in unserer Wohnung sein. Meine Bücher, die Regale und den Fernseher nehme ich mit, schließlich sind sie mein Eigentum und so gut wie alles, was ich vorläufig brauche. Bezüglich der Wohnung, des Autos und all der anderen Sachen können wir uns über Klaus verständigen, den ich als Anwalt kontaktieren werde. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich ihn damit beauftrage. Wenn mich mein siebter Sinn nicht im Stich lässt, warst du ja einmal sehr eng mit ihm befreundet. Ich ersuche dich lediglich, unsere finanziellen Angelegenheiten mit deiner Bank so zu regeln, dass du die Hälfte unseres gemeinsamen Kredites nunmehr wieder auf dich umschreiben lässt.

Ich habe dir sonst nichts mehr zu sagen, als dass ich von ungeheurem Schmerz über das jähe Ende unserer Gemeinsamkeiten wie gelähmt bin, unfähig, jetzt noch länger darüber nachzudenken. Neunzehn Jahre sind schließlich nicht irgendwas. Ich wünsche dir nicht zuletzt, dass du das, was wir in diesen Jahren gemeinsam erlebt und genossen haben, nicht gegen minder Qualitatives eintauschen musst und dich die Wahl, die du nun getroffen hast, nicht eines Tages reut. In Liebe … Arno hatte diese Worte mit dem Tintenkiller wieder ausgelöscht und durch „In Freundschaft, Arno“ ersetzt. Er wollte eigentlich „dein Arno“ schreiben, aber plötzlich war ihm bewusst, dass er nicht mehr „ihr Arno“ war.

Merkwürdig, dachte er, es störte ihn jetzt gar nicht so sehr, dass sie ihn so plötzlich verlassen hatte. Eine Lüge? Zum Selbstschutz? Immerhin, sie war ja bereits zweimal wieder zurückgekommen, seit sie mit diesem… Lächerliches Theater! Eine Affäre eben. Käme in den besten Familien vor, versuchte er sich einzureden. Aber diesmal? Er konnte sich nicht erklären, was sie diesmal für eine Show abzuziehen gedachte. Dabei hatte er sie stets für eine kluge Frau gehalten, für eine gebildete, beinahe zu berechnende Frau. Zu berechnend! Eine mit Anstand und Moral. Nein? Und wenn schon. Einen Arno Schmidt verlässt man eben nicht, durchfuhr es ihn, obwohl er dem Wahrheitsgehalt solcher und ähnlicher Aussagen selbst kaum große Bedeutung beimaß.

Plötzlich fiel ihm seine eigene kurze Liaison mit Clara ein, die mit dem Nitrogeschmack auf den Lippen und dem gelenkigen Körper. Armins Schwester. Und überhaupt, er hatte eine Menge zu tun gehabt, mit Schwestern von Freunden und so, überlegte er. Mochte wohl alles eine Frage der Gelegenheit sein. Und erst Lissi Radner! Aber nein, da war nichts. Wie denn auch? Wegen mangelnder Erotik. Du liebe Zeit! Wie schnell doch dieses Leben ablief. Die ist auch älter geworden, überlegte er, und dachte voll Grauen an die peinliche Szene in einem Lokal im Zuge des Totenmahls im September, wo sie ihn, so ganz ohne Vorwarnung und ohne jeglichen für ihn ersichtlichen Grund öffentlich bloßgestellt hatte. Blöde Kuh!
Er wäre ganz einfach anders geworden, überlegte er, während dieser Zeit, irgendwie anders. Jetzt wäre er nicht mehr so wie damals vor Abhängigkeit und Sehnsucht nach Constance gestorben, vor lauter Demütigung durch ihr Verhältnis mit diesem Franzosen abgestumpft, apathisch, irgendwie am Ende. Anfangs vielleicht, ja. Da hatte er noch gekämpft um sie. Aber jetzt? Sinnlos. Es wäre ihm gleichgültig, wie die Sache sich entwickeln mochte, beschloss er für sich. Und er dachte an ihre zahlreichen Briefe, die er bis jetzt von ihr bekommen hatte, und die Worte darin, die ihm wie Eisen im Fleisch steckten.

Die Briefe! Wo hab ich die Briefe nur hingeräumt, überlegte Arno fieberhaft. Ich weiß, dass du vor Sehnsucht vergehst, begannen die ersten Worte in einem davon, und … so wie ich hier vor Schmerz zerrissen bin, in Paris, zerrissen zwischen dir und ihm … ach, er war ja doch betroffen. Arno fühlte sich betroffen, ja, gleichzeitig aber auch getroffen, sich selbst einen Spiegel vorhalten zu müssen, in dem er zu erkennen glaubte, seine eigene Ehrlichkeit in Frage stellen zu müssen. War nicht ein solcher Mensch, der seine Fehler und Schwächen offen und ehrlich zugab, der bessere Mensch? War Constance in ihren Verfehlungen und ihrem Schmerz darüber nicht ehrlicher als er selbst in seinen Vorwürfen ihr gegenüber? Da waren noch seine kleinen Spielchen mit Clara, mit Marion, mit Lea und weiß Gott noch mit wem?
In diesem Augenblick hasste er sich! Er hasste sich für seine Kleinbürgerlichkeit, für seine Ängstlichkeit, für seinen Irrglauben, dieses Leben hier würde ewig dauern und würde sich ohne sein Zutun, etwas an seiner eigenen Situation ändern zu wollen, zum Besseren wenden. Lächerlich das alles!, raunte er vor sich hin.
Er würde sich dem Gespräch mit Constance stellen müssen, ob er nun wollte oder nicht. Jetzt, wenn sie bloß da wäre, dachte er. Gleich! Sofort! Er war ja doch immer bloß auf der Flucht gewesen. Oder besser mit Lea mit dem letzten Geld in den Süden fahren? Und danach? Vielleicht käme Constance inzwischen zurück? Schwachsinn!

Bald kam das neue Jahr. Und die Aussichten waren nicht gerade rosig. Schließlich war Rezession angesagt. Kurzarbeit lag in der Luft, gar keine bei ihm. Noch. Vielleicht würde es etwas mit dem Roman. Diesen Roman müsste er schreiben, sagte er zu sich ja immer. Die Idee ließ ihn nicht los. Was sei er doch für ein heilloser Träumer!, haderte er mit sich.
Ich muss es ihr sagen, dass ich für ihren persönlichen Jammer keine Zeit mehr habe. Ich verreise ganz einfach. I can’t feel her on my skin … dabei lächelte er, als er sich dabei ertappte, diese Melodie leise vor sich hin zu pfeifen, ganz von selber, unbewusst.
Größe haben, wäre gefragt. Größe. Die Größe, hinzugehen und ihr zu sagen, schön, dass du wieder da bist, wenn sie hier wäre. Wenn sie bloß hier wäre! Ist was passiert? Du musst wissen, ich verreise, mit … Vielleicht würde sie ihm schon gleich zu Beginn ins Wort fallen? Dann würde sie erzählen, wieso sie überhaupt wieder zurückgekommen wäre und so weiter. Seine Gehirnmühle mahlte und mahlte.

Und im Übrigen, was war falsch daran gewesen, neulich mit Marion ins Bett zu gehen? Schließlich lebten sie zu der Zeit sozusagen getrennt voneinander. Hätte er auf Constance warten sollen, bis sie wiederkam? Vielleicht, bis zum jüngsten Tag? Ach Quatsch!

Arno dachte an sein bereits begonnenes Manuskript, diesen kümmerlichen Versuch, sprachliche Divergenzen seiner subjektiven Wahrnehmung umzusetzen, jener tiefen Betroffenheit, den Vorgängen zwischen ihm und seiner unmittelbaren Beziehung zur Außenwelt ein sprachliches Gesicht zu geben, wie er das nannte. Ein schlechter Liebesroman würde es werden, sonst nichts. Leicht durchschaubare Mischszenen zwischen ihm und seinem eigenen Versagen, Constance das zu bieten, was sie offenbar woanders suchte.
Zielloser Aktionismus vertrackter, diametral auseinanderlaufender Lebensläufe im Visier eines psychotisch-neurotischen Blindgängers, der drauf und dran war, mit seinen ungewollten Liebesabenteuern das Chaos zu perfektionieren, wo er doch nur eines im Sinn hatte, mit Constance ein normales Leben zu führen. Er würde hineingehen zu ihr, wenn sie jetzt da wäre, sicher. Sie würden über alles reden und danach würde man dann die großen Dinge angehen. Sie die ihren, er die seinen.
Und er selbst nahm sich vor, dabei ganz locker darüberzustehen, ohne sich gleich zu fragen, was anders geworden wäre, wenn … Wir sind doch nicht so wie die andern, die sich bloß verlieben und dann weiterwandern, verhallte Udo Lindenberg in ihm.

Aber dann …. ach ja, dieses Totenmahl, durchzuckte ihn die Erinnerung zum wiederholten Mal. War doch längst Vergangenheit. Arno starrte Löcher in die Luft. Wie war das gleich noch damals? Das Rad war heute nicht zu stoppen! Er war gerade noch rechtzeitig eingetroffen, in dem kleinen Lokal am Hauptplatz, um wenigstens das „Totenmahl“ nicht zu versäumen. Der Verstorbene war längst erfolgreich in die Gruft versenkt worden, worin Stiefvater und tatsächliche Mutter schon seit geraumer Zeit ruhten, alles in allem höchst unkonventionell, mit Getute und Geblase von New-Orleans-Blues untermalt, wie ihm zu Ohren gekommen war. Arno betrat soeben das kleine Kaffeehaus, in dem die Trauergäste den Abschied ihres lieben Freunds begossen, wobei er, als Zuspätkommender, Anekdoten zu lauschen gedachte, die sich um den Verblichenen rankten, aber auch, um alte Freunde wiederzutreffen, auch Freundinnen, von denen er überzeugt war, dass sie es auch noch immer waren.
Gleich am ersten Tisch begrüßte ihn die Organisatorin dieses Himmelfahrtsevents mit einem sanften Kuss, den Arno nur zu gerne erwiderte. Caro Ass, Arnos ziemlich bester Freund und Beichtvater, wenn man so wollte, winkte aus der hintersten Ecke, der Leibesfülle halber kaum zu übersehen. Arno begann, all die zahlreichen Gesichter abzuklappern, blickte in bekannte und unbekannte Augenpaare, mit dem Gefühl, absolut nichts zu versäumen, wenn er deren Besitzer auch nicht alle gleich begrüßte, um sich diesen eventuell auch zu einem späteren Zeitpunkt widmen zu können.

Wer aber war der frisch Verblichene? Nun, der Tote war ein Mann der ersten Stunde der aufbrechenden 68er, Theresianums-Zögling, danach erst DJ, dann Fahrlehrer, schließlich Künstler und Lebenskünstler mit wenig Geschick in beiden Disziplinen. Immerhin passiver Aktivist des aktiven Widerstandes gegen das Establishment, gegen den Konservativismus, gegen die Heuchelei, gegen die Präpotenz und die Dummheit, gegen jede Art von Verherrlichung des Krieges oder dessen Herbeireden, einer, der im Kampf in der Errichtung seiner freidenkerischen Windmühlen gefallen war, von deren sich im Winde drehenden Flügeln er sich Kühlung seines Lebens- wie auch Liebeskummers erhofft hatte.
Rein optisch gesehen scheinbarer Klon zwischen Peter Fonda und Chris Kristofferson, schlohweiße Mähne mit dazupassendem Vollbart, Ray-Ban-Brille in Gold mit großen Gläsern. Dass der Abgang dieses lieben Freundes schmerzte, der bisweilen auch unbequem sein konnte, wenn man die Finger in seine Wunden legte oder nicht damit hinterm Berg hielt, seiner immer wieder aufgewärmten Geschichten müde zu sein, war allen bewusst, wie auch die Tatsache, dass sein konsequentes Sitzenbleiben, zum Überdruss für alle Beteiligten, oftmals die Nacht zum Tag gemacht hatte.
Doch nur wenige wussten um seine wahre Leidenschaft, die Malerei. Eingeweihte hingegen schätzten ihn als wenngleich ruhmlosen, doch äußerst geheimen Rat der Pinselkunst. (In diesem Land musste man erst tot sein, um Lorbeeren in so einer Disziplin zu erlangen, oder man hatte Beziehungen.) Immerhin, er hatte einige Semester an der Akademie absolviert, doch dann hatte ihn das Schicksal mit List in die Welt des Profanen katapultiert und es sich zur Aufgabe gemacht, ihn stets mit Gewalt von dem fernzuhalten, wovon er glaubte, dass es seine Bestimmung sei.
Vielleicht war er ganz einfach zu bescheiden im Umgang mit seiner Begabung und hatte es nicht verstanden, sich zu verkaufen?

Im Gegensatz zu ihm pflegte in seinem Heimatort manch Hobbykünstler großmannsüchtig sich die Lorbeeren selbst aufs Haupt zu drücken und mit sinnigen Sprüchen wie, „Hier wohnt die Kunst“ über dem Hauseingang zu protzen, was in Vorübergehenden wiederum die Ahnung nähren mochte, dass in diesem Hause wohl eher der Kitsch als die Kunst zu Hause wäre, oder besser gesagt, nur ihr Phänomen, in Form der Verkennung ästhetischer Sinnzusammenhänge, als verwesendes Ornament sozusagen, als unverfälschter Ausdruck des Verfalls aller Kultur zur Massenkultur in der Moderne.
Denn heute, da das Bewusstsein der Herrschenden mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginne, zergehe die Spannung von Kultur und Kitsch, sagt Adorno zu Recht. Kunst sei nicht zuletzt das Schöne wie auch die Wahrheit. Alles andere sei Schein. Es sei schon ein Stück Wahrheit, die der Künstler einfängt, auch wenn es lediglich der Abglanz derselben und mit unterschiedlicher Akzentsetzung ein Spiel mit den letzten Dingen ist und er damit doch gewissermaßen ein Endspiel erreicht, das nicht bloß erbauen und gefällig sein will. Eine Wirklichkeit also, die in schöner Weise verschleiert, Wirklichkeit aber erst dadurch sichtbar macht, hat einen gewissen Anteil am Schönen als auch am Hässlichen.
Form und Inhalt unterscheiden sie und lassen alles an ihr sehen und erahnen, an dieser Kunst. Nichts jedoch ist wirklicher als das Unwirkliche in der Kunst. Kunst ist also konkret ein schöpferischer Prozess mit Anspruch auf das Unaussprechliche, Unendliche, Unfassbare und Unbegreifbare. Und davon abgesehen, wer könne überhaupt für mehr als eine bestimmte Gruppe bestimmen, was Kunst denn überhaupt sei?

Wie auch immer. Böse Zungen behaupteten, das dahingeschiedene verkannte Genie hätte sich zu Tode gesoffen. Mitnichten. Enteignet, ausgenützt und hintergangen, längst unter Beobachtung der Behörden, noch dazu vor den Augen einer Supermarktkassiererin gestürzt, hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch eine daraus resultierende Embolie mühsam mit nach Hause geschleppt, vor der sein Geist und Körper schließlich endgültig kapitulierten.

Dass aber das Ableben dieses guten Freundes nicht bloß in Arnos geistiger Registratur im Kanon der Erinnerungen ausgerechnet beinahe zeitgleich mit dem spektakulär tödlichen Blechsalat eines unverwechselbaren, seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit an der Nase herumführenden Politgurus und Spitzbuben zusammenfallen würde, einem jener Gutmenschen, die alles besser wussten, durchtrieben, verlogen und betrügerisch und der jetzt womöglich am Himmelstor flehend „Ich bidde um Einlass, hicks! Wo gibt’s hier für kleine Jungs?“, lallen mochte, stieß ihm höchst sauer auf.
Arno sah sich erst einmal um und wandte sich schließlich den anwesenden Gästen zu.

– Wo bist du denn gewesen, fragte ihn Lissi Radner, und versetzte dabei ihre blau geschatteten Basedow-Augen in gefährliche Rotationen. Arno, von dem jähen Angriff überrumpelt, murmelte irgendeine Ausrede, mit der sie sich zufriedengeben sollte. Die gute Lissi. Und er stellte sich vor, sie und seine Gattin Constance, in einer Klosterschule bei den Töchtern des göttlichen Heiland! Eigentlich unvorstellbar! Arno musste lachen. Vor fünfunddreißig Jahren! Mein Gott, wie die Zeit verging! Und sie hinterließ deutliche Spuren, nicht nur in den Gesichtern, sondern auch in den Seelen und Organen.
– Hab nicht wegkönnen, wiederholte Arno eher so für sich, Ersatz für eine deutliche hörbare Antwort. Zu viele Gesichter gleichzeitig!
Lissis Frage wäre ja ohnehin bloß rhetorischer Natur gewesen, denn, ohne Arnos Antwort abzuwarten, fuhr sie zu ihren Tischnachbarn fort:
– Was ich mitmache, mit meinen Herzrhythmusstörungen, das kann sich kein Mensch vorstellen, jammerte Lissi und zündete sich die nächste Zigarette an, um Platz für den nächsten Hustenanfall zu schaffen. An ihrer kaum zu übersehenden Art simulierter Entspanntheit las Arno den Stand ihres Alkoholpegels ab. Zumindest das fünfte Glas, diagnostizierte er so für sich. Ein rein empirischer Erfahrungswert.
– Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie berührend dieses Begräbnis war, fuhr Lissi fort. Es waren nur seine besten Freunde hier. Er hatte ja sonst niemanden mehr, nur uns. Und die…
Die Organisatorin fiel ihr ins Wort. Schließlich ging es um ihr Ding:
– Stimmt! Ich habe alles daran gesetzt, dass er das bekommt, was er sich gewünscht hätte, sagte sie. Und diese Band! Gott und die Welt habe ich angerufen, damit die am Grab spielen. Ein Sousaphon haben sie auch gehabt, wie in .. also, wie damals in New Orleans eben. Er war ja schließlich selbst mit, vor einigen Jahren. Wir hatten eine CD für ihn aufgenommen, die wir über einen Lautsprecher abgespielt haben. Irre, sag ich dir, einfach irre. Unser Pfarrer hat sofort den Blues gekriegt. So ein Begräbnis haben die Leute hier noch nicht erlebt!

Arno nickte ungläubig. Er wählte ein Bier und einen Schinken-Käse-Toast als Totenmahl, der allerdings nie bei ihm ankommen sollte.
Lissi nippte stetig an ihrem Weinglas. Es war laut hier drinnen und verraucht, von garantiert an die dreißig, vierzig Leuten verursacht. Ein bunter Haufen. Der Richter, der auf teure Autos stand, der Versicherungsvertreter, der gerne Jurist geworden wäre, der Lebensmittelvertreter, der besser Gartenarchitekt hätte werden sollen, der Diplomkaufmann, der nichts zu kaufen hatte, ein Fernfahrer ohne Führerschein, weil man ihm den wegen Trunkenheit am Steuer abgenommen hatte, eine Verführerin, die Arno damals nicht wirklich hatte verführen können, aber beabsichtigt hatte, dies eines Tages nachzuholen, eine pädagogisch gebildete Kampftrinkerin, die nie aufgab, anzuecken, eine Kindergärtnerin mit Migräne, ein durch die Last der Jahre aus den Fugen geratenes Möchtegernmannequin und weiß Gott wer noch alles hier anwesend war.
Arno stützte seinen Kopf in die Hand, Ellenbogen auf dem kleinen, runden Tisch vor ihm und hörte aufmerksam zu. Lissi und die Organisatorin standen plötzlich auf, sich ruhelos von einem Tisch zum anderen begebend, um nichts zu versäumen, was hier und dort gesprochen wurde. Schließlich sah man sich nicht alle Tage. Arno ging an die Bar, wo der Richter und der Vertreter saßen, um ein wenig Smalltalk zu treiben.

– Alter Freund, begrüßte ihn der Richter, lass dich küssen. Sie fielen sich in die Arme.
– Lange nicht gesehen, altes Haus, konterte Arno freudig. Der Richter, der sich die letzten Jahre so rar gemacht hatte in diesem illustren Kreis, sei es, um mit angeseheneren Leuten zu verkehren, sei es aus Bequemlichkeit, niemand wusste es so genau, bestellte eine Runde für alle. Sie plauderten über dies und das, über Aktienkurse, über Innenpolitik, über die Pension, die nach einer der ausgesprochen fiesesten und hinterhältigsten Politaktionen in diesem Lande für alle in weite Ferne gerückt schien. Hinter ihnen Lissi und die Organisatorin. Beide schon ein wenig vom Alkohol gezeichnet, letztere das rabenschwarz gefärbte Haar devastiert, dies in wilden Strähnen ins Gesicht hängend, die Zunge noch bewegungsuntüchtiger als zuvor, jedoch durch nichts zum Stillstand zu bringen. Da plötzlich brach es heraus, das lange Angestaute, Zurückgehaltene, wie ein Gewittersturm:
– Ach übrigens, das wollte ich dir schon lange sagen, dich hab ich ja ohnehin nie leiden können!, schmetterte Lissi heraus in Richtung Organisatorin, die sich völlig überrascht ihr ruckartig zuwandte und in Abwehrhaltung verharrte.
– Das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, konterte diese und fuhr sich mit ihren Spinnenfingern durch die wirre Mähne, von vorn nach hinten, um die glühenden Augen für den Zweikampf freizulegen.

Arno und die anderen drehten sich nach ihnen um. Was? Wie? Was sollte das denn werden?
– Nur dass du Bescheid weißt, ich habe dich stets als arrogant, präpotent und unnahbar empfunden, fügte Lissi hinzu. Und überhaupt, dass du diesen Mann bekommen hast, vergönne ich dir schon überhaupt nicht. Immerhin war er einer aus unserem Freundes- und Alterskreis. Auf den hatten wir Anspruch. Und dann bist du gekommen und hast … hast ganz einfach … aber so eine wie du, die kriegt ja immer alles, was? Betretenes Schweigen aller.

– Damit du es nur weißt, ich habe dich von Anfang an unsympathisch gefunden. Du repräsentierst für mich nichts als den Vorwurf und den Frust schlechthin!, schmetterte die Organisatorin dazwischen. Und dass ich den Mann gekriegt habe, den ich wollte, geht dich gar nichts an!, zischte sie giftig und holte rasselnd Atem, Zigarette in der einen, das Weinglas in der anderen.

Arno begann zu ahnen, was hier ablaufen würde und ging friedensengelgleich langsam auf die beiden zu.
– Was ist denn in euch gefahren? Selbstfindungstrip heute, oder was?
Genau das hätte er besser vermieden, denn kaum waren die Worte über seine Lippen gekommen, nahm ihn Lissi auch schon in die Mangel.
– Du hast es ja nötig, hier einen Auftritt zu inszenieren!, herrschte sie ihn an. Das Ex-Mannequin lachte höhnisch. Mit dir bin ich ohnehin noch nicht fertig. Könntest du überhaupt versuchen, mit uns einmal normal zu reden? Ja? Schaffst du das? Du Halbintellektueller, du … erinnerst du dich an die Geburtstagsfeier damals? Den ganzen Abend hast du damit zugebracht, uns lauthals zu signalisieren, wer du nicht jetzt bist, du… du Doktor du! Du Doktor!, wiederholte sie in einem fort.
Und sie verunglimpfte diesen akademischen Grad bewusst genussvoll mundartlich zu „Doukta“. Arno stand da wie angewurzelt. Meinte sie ihn? Meinte sie wirklich ihn? Er konnte sich an keine Geburtstagsfeier erinnern, wo sie anwesend gewesen wäre, und dass er wegen seiner erworbenen akademischen Ehren so ein Theater gemacht hätte, auch nicht.
Zugegeben, ein wenig stolz war er gewesen, schon, war ja schließlich nicht irgendwas, ein Haufen Arbeit und Stress, aber … so wie Lissi das darstellte, konnte es nicht gewesen sein. Das war einfach nicht er. Arno zuckte mit den Schultern und sagte, es täte ihm leid, wenn das ihr Eindruck gewesen sei.

Überhaupt schien es in letzter Zeit schick zu sein, ihn zu schikanieren, dachte Arno. Arrogant wäre er, sagen die einen. War ihm nicht bewusst. Leichte Beute wäre er, der Älterwerdende, für Bürokraten, die an ihm herumzunörgeln begannen, ihn hinausmobben wollten, aus Neid und Missgunst. Er war in letzter Zeit einige Male länger krank gewesen.
Kunststück, man war ja auch nicht mehr der Jüngste. In Teilkarenz wollte man ihn verbannen, ihn um seinen Vertrag prellen, ihn mit unlauteren Mitteln unter Druck setzen und Unterschriften und Zusagen von ihm erpressen. Aber da kannten sie ihn schlecht.
Auch wenn er schon etwas wackelig war, sein Kampfgeist war ungebremst und sein Widerstand gegen Ungerechtigkeiten ungebrochen. Ein „Rolling Stone“, ein „Let´s spend the night together“, ein „I can get no Satisfaction“, ein „This ist the end“ wäre er immer noch! Nicht ein „Hundertjähriger“, wie die „Migräne“ heimlich von ihm hinter seinem Rücken behauptete, weil er immer so früh nach Hause ging, müde war, erschöpft, des Lebens manchmal überdrüssig.

Insgeheim aber begann Arno irgendwie zum ersten Mal an der gesunden Wahrnehmung seiner Person in Relation durch sich selbst und im Vergleich durch Dritte zu zweifeln.
– Red ganz einfach normal mit uns!, bedrängte Lissi ihn weiter.
– Aber, was hab ich denn gesagt, um Himmels Willen?, fragte Arno beinahe hilflos.
– Du sollst nur normal mit uns reden, ganz einfach!, wiederholte sie stereotyp, sog heftig an ihrer Zigarette und goss sich Weißwein gespritzt in die Kehle.
– Aber, aber, ich sag ja gar nichts!, beteuerte Arno, was hast du bloß?
– Was ich hab? Du hättest dich hören sollen damals!, tobte sie förmlich aus lauter Lust an der augenblicklich günstigen Chance zur metaphysischen Überhöhung dieses offensichtlich lang herbeigesehnten willkommenen Konfliktes.

Damals, damals! Das war Jahre her, ärgerte sich Arno. Ich bin doch kein überheblicher Mensch, nicht jetzt, und damals auch nicht gewesen, Blödsinn, durchfuhr es Arno und er verstand die Welt nicht mehr. Möglicherweise war er noch zu tief in seinem Vokabularium gesteckt, Fachausdrücke, vielleicht ein paar zu viel, aber das wäre vorbei bitte! So normal wie er schien ihm keiner hier. Oder täuschte er sich in sich selbst?
– Das stimmt, genau! Finde ich auch!, fiel nun auch die Organisatorin über ihn her, von der er niemals gedacht hätte, dass auch sie … jetzt verstand er gar nichts mehr. Und das Küsschen von vorhin? War das bloß Routine? Macht man eben so, nicht? Aber hinterm Rücken wird schon das Messer gewetzt.
Ja, sind hier alle bescheuert!, kam es Arno über die Lippen. Was war denn mit denen los? Von Lissi war man ja gewohnt, dass sie alles schlechtredete, was andere gemacht hatten. Alles kleinzureden, das war typisch für jene, wo sie herkam. Nichts gelten lassen, was andere erreicht hatten, ein Menschenschlag, von Neid und Missgunst geprägt, verhängnisvolles Relikt geistiger Ohnmacht ihrer Vorfahren. Aber die Organisatorin? Also, das war wirklich ein starkes Stück! Von Lissi hätte er auch mehr erwartet. Aber da konnte man eben nichts dran ändern! All die Jahre der persönlichen Entwicklung und des positiven Fremdeinflusses waren offensichtlich nicht in der Lage, den krankhaften Infantilismus in ihr zu verdrängen und diesen wenigstens durch rudimentäre Ansätze einer bislang zu vermissenden Reife zu ersetzen.

Anstatt ihr jedoch zu zeigen, wie schäbig er sich vorkam, in aller Öffentlichkeit gemaßregelt worden zu sein, nahm er die besoffene Lissi strategisch berechnend in die Arme und sagte:
– Weißt du, du solltest nicht so streng mit mir sein!, und küsste sie auf den Mund, was zur Folge hatte, dass sie ein wenig unsicher wurde und zumindest lächelte, so irritiert war sie von der unerwarteten Reaktion Arnos, der sich sicherheitshalber wieder den staunenden Freunden an der Bar zuwandte, um an diesem Abend zu retten, was noch zu retten war, während er fühlte, wie seine sorgfältig für sich ausgearbeitete Scheinwelt immer mehr und mehr im Sog des Boulevards zu versinken drohte.
Warum hatte es ihn bloß hierher gezogen? Um sich ein blaues Auge zu holen? Und er beschloss, dass es für ihn kein nächstes Mal mit diesen Leuten geben würde. So bestimmt nicht mehr! Wie Caro Ass dies hier ertragen konnte, war ihm ein Rätsel. Und er musste an Constance denken und daran, dass sie mit dem französischen Gorilla, ihrem Geliebten, und damit musste er auch noch fertigwerden, vielleicht eben beim Diner saß, oder schlimmer noch …. woraufhin er fürchterlich wütend wurde, sich jedoch bezwang und diese Stätte der Demütigung eher verließ als er vorgehabt hatte, alleine.
Oder doch nicht ganz? Denn kurz vor ihm hatten Lissi und das Mannequin offensichtlich bereits denselben Gedanken gehabt, oder war es für sie eine wohlüberlegte Notwendigkeit gewesen, rechtzeitig zu verschwinden? Denn Lissi torkelte und taumelte trotz Mannequins gereichtem Arm als Henkel derart bedenklich, dass sie für zwei Meter vorwärts einen Meter links und rechts zusätzlich Raum benötigte, um überhaupt noch vorwärts zu gelangen. Alle Achtung!

Ach, diesen Roman müsste er jetzt endlich zu Ende schreiben! Und auch über all den Mist hier einen Roman schreiben!, dachte er. Schon beim Hinausgehen legte er sich im Geiste zurecht, wie er sich selbst als seine eigene Romanfigur anlegen würde, an die er sich, rasch auf dem altersschwachen Dell hineingetippt, ja längst herangewagt hatte. Diesen einen Roman, den er zügig vollenden wollte, wenn nur die Zeiten für ihn wieder besser würden. Und er, darin Hauptfigur in seiner Rolle als Erlebender. Einer, nämlich dieser seltsamen Welt, sich selbst zeichnend, einer, der zum Verfassen verklärter Biografien neigte, skurrilen Zufallsgeschichten ausgeliefert war, dem paradoxe Anekdoten nachhangen, der in melodramatische Beziehungskisten verstrickt und unausweichlichen Schicksalsschlägen ausgeliefert war. Er selbst, mittendrin, voll von Ironie und mythomanischen Tagträumereien geplagt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15073

Herbststurm

Arno erinnerte sich, es musste im Oktober gewesen sein, als er zusammen mit seiner Frau Constance Freunde in einer Bar in der Innenstadt getroffen hatte. Eine Menge Leute waren um sie herum. Klaus und Marion, deren französischer Freund Pascal, Elke und Hans, und noch einige Bekannte, die er nicht beim Namen gekannt hatte. Man saß auf diesen hohen Stahlrohrhockern rund um eine schwere Eichentheke und plauderte angeregt miteinander. Klaus und dieser Pascal unterhielten sich prächtig übers Segeln.
Er selbst war etwas gelangweilt, irgendwie war damals nicht sein Tag. Wann war eigentlich jemals sein Tag gewesen?, überlegte Arno fieberhaft. Was für eine blöde Frage! Auf alle Fälle brannten ihm tierisch die Augen vom Zigarettenrauch, das wusste er mit Sicherheit und er versuchte, sich an Pascal genauer zu erinnern. Ein hübscher Mann, gewiss, schlank, wirklich gute Figur, schwarze, dichte lange Haare. Gesicht braungebrannt. Sein weißer Pullover mit Zopfmuster stand in Opposition zur dunklen Gesichtsfarbe. Wer so aussah, brauchte kein Hirn. Blöd war nur, dass er offensichtlich auch noch sehr klug war.  Ob Constance ihn damals … ?

Dabei war ihm nicht das Geringste aufgefallen. Und doch! In dieser Bar mussten zwischen ihr und diesem, diesem … die Grundlagen dafür geschaffen worden sein für das, was jetzt ganz offensichtlich Sache war. Spätestens da, als jener davon gesprochen hatte, dass man in Paris jetzt häufig Sushi aß, und wo die besten Restaurants dafür wären.
Wieso war ihm nicht schon damals aufgefallen, dass Constance diesem Kerl mit einer Faszination zugehört hatte, die ganz einfach … ach! Natürlich! Und wie sie ihn angestarrt hatte! Als wollte sie ihn an Ort und Stelle vernaschen. Und Arno war sich ganz sicher, dass dieser Zuchthengst gar nicht erst dazu gebracht werden musste, wenn man wusste, wie gut Constance aussah. Wieso hatte dieser Scheißkerl keinen Respekt vor ihm und seiner langjährigen Ehe mit Constance, fragte sich Arno voll Grimm und der blanke Hass stieg in ihm auf, wie ein Gewitterturm im Juli vor der Heuernte. Hatten die beiden nicht auch noch getanzt? Natürlich, weil er, Arno, zu müde war. „Man sollte das Ruder nie aus der Hand geben, richtig! Hätte ich an diesem Abend … zu spät.“

Jetzt wusste er, warum sie so ruppig zu ihm gewesen war, als er sie drängte, endlich zu gehen. Schließlich war der nächste Tag ein Arbeitstag. Natürlich! Jetzt wurde ihm alles klar. Schließlich war er dann allein nach Hause gegangen. „Was für ein nicht wiedergutzumachender Fehler!“ Aber dass es so leicht sein würde? Schließlich waren sie beiden seit über zehn Jahren verheiratet gewesen und nichts, aber schon gar nichts hatte jemals darauf hingedeutet, dass Constance, die ihm eigentlich immer so durch und durch vergeistigt schien, auf solch animalische Anmache hereinfallen würde.
Nie im Leben hätte Arno daran gedacht. So konnte man sich täuschen!

Am Abend des folgenden Tages … richtig, sie steckte mit beiden Beinen in ihrer Fußbadewanne, vor dem Fernseher, und rasierte sich die Beine mit einer Gründlichkeit, die er so bei ihr zuvor niemals beobachtet hatte. Sie hatte sich Kaffee gemacht und telefonierte eben, als er hereinkam und ganz offensichtlich störte! Jetzt fiel es ihm wieder ein. Diese Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte! Beinahe verächtlich, so, als wäre er für sie gar nicht vorhanden. Er war nicht darauf eingegangen, weil er keinen Grund dafür gesehen hatte. Alles schien in Ordnung. Kein Anlass für irgendwelche Hirngespinste. Doch musste zu diesem Zeitpunkt bereits etwas im Busch gewesen sein. Was sie von dem Franzmann wollte, schien ihm jetzt klar.

Heute Morgen, nachdem er vergeblich versucht hatte, Constance telefonisch zu erreichen, hatte er einen Brief von ihr an sich gefunden. Er lag versteckt hinter dem Brotkörbchen, und irgendwann, wenn man dieses zur Seite geschoben hatte, musste man eines Tages zwangsläufig darauf stoßen. Und dieses „irgendwann“ war heute. Also öffnete er ihn und begann ganz langsam darin zu lesen:  Liebling, wenn du diese Zeilen gefunden und gelesen hast, ruf mich bitte nicht gleich an, sondern versuche, mich ganz einfach erst zu verstehen!

Arno senkte das Blatt und starrte stumm in den Raum. Er, der kaum rauchte, ging in den Vorraum, um nach Zigaretten zu suchen, die dort meist im Schuhregal deponiert waren, wenn überhaupt welche da waren. Zum Glück waren welche da. Mit Zeigefinger und Mittelfinger fischte er eine aus der bereits geöffneten Packung und suchte nach einem funktionierenden Feuerzeug. Neben dem Gasherd fand er eines, wer hätte das gedacht? Arno zündete sie an und blies den Rauch bedächtig von sich. Er wagte vorläufig nicht, weiterzulesen, so, wie er es oft bei Finanzamtsbenachrichtigungen tat, damit der Schock über die Enttäuschung etwas zeitverzögert blieb.
Um noch Zeit zu gewinnen, denn er wusste, dass dies keine für ihn beruhigende Nachricht sein konnte, ging er zum Schiebeschrank und nahm die einzige, nur noch viertelvolle Flasche Whisky heraus. Er griff sich ein bauchiges Glas und goss langsam ein. Bevor er den ersten Schluck tat, atmete er zunächst das starke Aroma tief ein. Dann setzte er das dünne Glas an seine schmalen Lippen. Der Whiskey brannte etwas auf der Zunge. An und für sich kein gutes Zeichen für einen „Zwölfjährigen“. Aber heute sollte man nicht genießen, sondern töten! Die Seele betäuben und den Schmerz lindern. Arno spürte, wie der Alkohol seine Magenwände wärmte und sich sein Bauch entspannte. Er nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. Dann griff er zum Brief, gestützt, gefasst, gleichzeitig innerlich unruhig, aufgewühlt. Was hatte dies alles zu bedeuten?

– Ich kann nicht anders.
„Was, zum Donnerwetter kann sie nicht anders?“
– Du musst mich verstehen! Bitte, reg dich nicht auf, mir geht es gut. Ich werde voraussichtlich bis dreiundzwanzigsten bleiben.
„Dreiundzwanzigsten? Das sind… verdammt, das wären ja über drei Wochen! So lange war sie noch nie weg. Sollte doch dieser Scheißtyp aus der Bar … ich bringe ihn um, diesen Drecksack! Ja, ich erschieße ihn. Ich fahre nach Paris und knall ihn ab!“ Arno musste sich setzen. Seine Beine wurden schwach. Er rauchte hastiger als zuvor. Die Zigarette war bereits bis an den Filter geraucht. Er dämpfte sie in einem Kaffeeuntersetzer aus und nahm einen großen Schluck Whisky, an dem er sich beinahe verschluckte.

– Es hat alles überhaupt nicht mit dir zu tun, verstehst du?
„Nein! Das verstehe ich nicht!“, schrie Arno und erschrak vor seiner eigenen Stimme. „Was gibt es daran zu verstehen? Alles klar, oder?“
– Du bist wunderbar, Liebling.
„Sie will mich bloß verarschen, oder?“, flüsterte Arno und raste in den Vorraum um eine zweite Zigarette, die er sich mit zittrigen Fingern ansteckte.
– Das mit Pascal ist eine ganz andere Geschichte. Es ist eine Sache zwischen uns beiden, ihm und mir, verstehst du?
„Und ich bin ein Arschloch, oder?“, schrie Arno aus vollem Halse. „Ich habe nichts damit zu tun, du blödes Stück!“, brüllte er wie von Sinnen und warf sich zu Boden. Das Glas fiel um. Auf dem Teppich breitete sich ein riesiger Fleck aus. „Scheiße! Scheiße!“ Mühsam rappelte er sich hoch. Sein Herz raste wie verrückt. „Ich schneid ihm den Schwanz ab!“, tobte er. „Ich erschlage ihn. Und sie dazu!“ Dann setzte er sich auf die Couch und vergrub sein Gesicht in seine beiden Hände, bitterlich schluchzend. Es dauerte eine Weile, bis er sich erholt hatte. Im Kühlschrank waren noch zwei Flaschen Bier. Er stand auf, etwas wackelig, vor Aufregung und wegen des Whiskys, und ging in die Küche, um eine davon zu öffnen.

– Ich kann dich nur bitten, zu verstehen. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen. Ich liebe dich. Auf bald!
Arno wurde heiß. Sein Hemdkragen begann ihn zu würgen, sodass er ihn aufriss und der oberste Knopf in weitem Bogen davonflog. Rasch einen Schluck kaltes Bier. „Setz dich!“, befahl er sich selbst, „ich bitte dich, setz dich!“, schrie er, „bevor ich einen Blutrausch kriege!“ Mit einer raschen Handbewegung griff er zum Telefon.
– Ruf mich an, wenn es dir nicht gut geht. Sollte ich nicht erreichbar sein, hinterlass mir eine Nachricht. Ich werde dich zurückrufen.
„Miststück! Bestialisches, eiskaltes, widerwärtiges, ekelhaftes Weibsstück! Wie ich dich hasse, ich finde keine Worte! Wie ich euch Weiber hasse und eure ewige Rolle des Schlangenhaften, Verführerischen, und dass ihr sofort alles kriegt, was ihr wollt! Hol euch allesamt der Teufel!“, schrie Arno erneut nach Leibeskräften.

Er wählte Constances Nummer. Nichts! Nur die Sprachbox. Schon wollte er daraufsprechen, dann ließ er das Handy sinken, resigniert, müde, erschöpft, betrunken.
„Das Ende“, hauchte er, „das überleb ich nicht!“

Norbert Johannes Prenner

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