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Fallstricke 2 – Dumm gelaufen

Wie war das Leben angenehm, / solang wir waren ganz bequem
enthoben jeder Haushaltspflicht, / weil Mama drauf war so erpicht!
Dass diesen Umstand brachte schon / unser Familienstatus „Sohn“,
ließ bei uns Gedanken reifen, / dass – um als Mann uns zu begreifen –
es eine Frau braucht an der Seite, / die die Hausarbeit bestreite.
Mädels gibt’s in großer Zahl, / doch für uns steht nur zur Wahl,
eine, die noch nicht vergiftet, / von Emanzen angestiftet
zur Verweigerung der Rolle, /  die von Natur ihr zusteh‘n solle.
Was uns vorschwebt, kurz umrissen, / ist eine Frau, die ganz beflissen
in Schuss hält den Privatbereich / und die Kinder, doch zugleich
repräsentabel und adrett / und bombenmäßig ist im Bett.
Kaum glauben wir, dass wir gefunden / solch Exemplar, wird sie gebunden
mit Ring und Trauschein und Versprechen, / das wir mit Sicherheit nie brechen.
Warum auch, ist sie doch was Mann / sich im Traum nur wünschen kann:
Mutter, Dienstmagd und Gespielin! / Wer da glaubt, das sei zu viel in
einer einzigen Person, / der übersieht, dass wir das schon
genau so kennen von zu Haus. / Das macht die Ehefrau doch aus!

Die Jahre geh‘n, die Kinder kommen, / und wir entsinnen uns verschwommen,
was wir damals uns gedacht, / als wir sie zu uns‘rer Frau gemacht.
Denn kaum den Ehebund besiegelt, / begann sie völlig ungezügelt,
durchzusetzen ihre Sicht / von was die Ehe ihr verspricht.
Ein Leben in Genügsamkeit, / nein, dazu war sie nicht bereit!
Während wir am Geldverdienen, / ließ im Café sie sich bedienen.
Und weil die Hausarbeit sie störe / und sich das überdies gehöre,
begann sie auch noch ganz vermessen, / uns eine Putzfrau abzupressen.
Ihr Argument zu uns‘rer Schmach, / war das Schloss zum Schlafgemach.
Abwarten, so dachten wir, / wenn sie erst ein Muttertier,
wird das Blatt sich schon noch wenden, / und sie wird mit eig‘nen Händen,
der Maniküre dann entsagend, / Windeln wechselnd, Einkauf tragend,
ihren Teil des Pakts erfüllen. / Ihre vielen schicken Hüllen
werden nur mehr um sie wallen, / um uns am Abend zu gefallen.

Als es endlich dann soweit, / waren wir wirklich hocherfreut.
Wir fühlten uns im Oberwasser! / Zum Ausgleich für die strapazierte Kassa,
machten wir uns rasch zu Nutze / die Chance zur Kündigung der Putze.
Wir dachten wirklich, dass sie nun / wohl wüsste, was sie hat zu tun,
um endlich doch noch zu erfüllen / die Vorstellung um deretwillen,
wir sie geschleift vor den Altar. / Doch was uns immer noch nicht klar,
war, dass sie durch den Kindersegen / uns neuerlich war überlegen.
Denn statt kochen, waschen, putzen / schien sie die Zeit mit Kind zu nutzen,
sich nur um dieses zu bekümmern. / Der Haushalt läge längst in Trümmern,
wenn wir nicht von der Arbeit kommen, / den Staubsauger zur Hand genommen,
wir all die Pflichten nun verrichten, / die – WIR wollten ja verzichten  –
die Putzfrau früher hat erledigt. / Wir fühlen uns nachhaltig beschädigt!
Wie konnte uns das bloß passieren, / dass wir jetzt eine Ehe führen,
in der von Pflicht zu Pflicht wir rauschen? / Doch haben wir nichts mitzuplauschen
soweit es um die Kinder geht, / weil das allein der Frau zusteht.
Sie nahm sich diese Kompetenz / mit derartiger Vehemenz,
dass wir dem nichts entgegen setzten. / Jetzt merken wir, wir sind die Letzten!
Das kratzt gewaltig an der Ehre, / doch viel zu spät kommt diese Lehre!
Mit scheelem Blick und voller Neid / sehen wir and‘rer Väter Freud,
die unterwegs mit ihren Kindern, / und niemand will sie daran hindern.
Im Gegenteil, die Mamis sind / in diesen Zeiten ohne Kind
zur allseitigen Zufriedenheit / recht glücklich bei Erwerbsarbeit.

Wir aber sitzen in der Falle, / weil sie mit ihrer gierigen Kralle,
sich krallt, soviel wir auch verdienen. / Es scheint wir haben nun zu sühnen,
dass uns der Hochmut hat verleitet, / anzunehmen, sie bestreitet
im Gegenzug, dass Geld wir bringen, / den Haushalt – und vor allen Dingen,
dass wir wirklich einst geglaubt, / wir seien Familienoberhaupt.
Längst wär‘n wir über alle Berge, / ging‘s nur um sie! Aber die Zwerge,
unsere Babies, unsere Kleinen, / wie würden wir doch um sie weinen,
wissen wir doch ganz genau, / dass sie – wir kennen diese Frau! –,
sollten wir uns je erdreisten, / einen Ausbruch uns zu leisten,
bestimmt alle Register zieht, / auf dass man sich nur selten sieht.
Dazu bereitet noch Verdruss, / dass Mann als Ex ja zahlen muss
nebst Alimenten Unterhalt, / wenn die Ehe dergestalt,
dass fern dem Arbeitsmarkt sie blieb, / mütterlich dem Kind zu lieb.
Gedreht, gewendet, alle Summen, / wir sind in jedem Fall die Dummen!

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14074

Fallstricke 1 – Wider die Emanzen

Diese verkrampften Kampf-Emanzen, / nach deren Pfeife alle tanzen!
Es ist genug, es ist zu viel, / wir spiel’n jetzt unser eig’nes Spiel!
Wir wollen Männer, tough und stark, / und dominant und ganz autark!
Wir lassen uns recht gern beschützen / – zurückgelehnt, statt selber schwitzen.
DIE soll’n das Geld nach Hause tragen, / und dafür dürfen sie uns sagen,
wo’s langgeht. Uns ist das egal, / denn wer die Wahl hat, hat die Qual!

Er muss früh raus, wir bleib’n im Bett, / dann ins Caféhaus – das ist nett!
Bis wir dann heimgeh’n kann inzwischen / die Putzfrau alles sauberwischen.
Kommt er nach Haus, wird er verwöhnt, / und wieder mit der Welt versöhnt,
weil er ja, wenn auch widerwillig, / brav zahlt – das ist nur recht und billig.
Will er dann Kinder, uns ist’s recht. / – Ein Kindermädchen wär nicht schlecht!

Er sagt, das geht sich nicht mehr aus. / Er sagt, du bleibst jetzt schön zu Haus.
Und wegen der horrenden Kosten, / streicht er auch gleich den Putzfrauposten.
Nun Tag und Nacht Kindergeschrei, / ihm ist das völlig einerlei.
Denn was das heißt, kann er nicht seh’n. / – Der Mann muss ja zur Arbeit gehn.
Wir machen Frühstück, kochen, putzen, / was uns’re Kinderlein verschmutzen.
Und abends nach des Tages Plagen / hör’n wir ihn immer öfter sagen,
wir seien in letzter Zeit ein wenig / abgenützt und unansehnlich.

Jetzt haben wir den Schwarzen Peter! / Nach Hause kommt er immer später,
und auch mit Geld kommt er nicht mehr, / wenn wir nicht betteln – danke sehr!
Das Selbstbewusstsein ist schon platt, / weil er jetzt eine Freundin hat.
Ganz skrupellos und ungeniert / hat er sie auch noch ausgeführt.
DIE kann sich’s leisten, kann sich’s richten! / Kein Haushalt, keine Kinderpflichten,
nur ihre tolle Karriere – / doch viel zu spät kommt diese Lehre!
Weil wir – wie möchten wir uns hassen – / uns hab’n so gern beschützen lassen,
vor dieser rauen harten Welt! / Jetzt steh’n wir da, ganz ohne Geld!
Kein Job und keine Zukunftschancen. / Müssen nach seiner Pfeife tanzen,
und müssen uns zufrieden geben, / mit was er gibt von seinem Leben!

Alternativ gäb’s noch die Scheidung, / doch dann hängt’s ab von der Entscheidung
eines Gerichtes dergestalt, / was rechtens ist an Unterhalt.
Sobald die Kinder außer Haus / sieht’s insgesamt recht traurig aus.
Auch in Bezug auf neue Liebe / ist reichlich Sand in dem Getriebe.
Zum einen punkto Partnerwahl, / denn jung und knackig war’n wir mal.
Zum anderen sei angemerkt, / dass uns den Rücken auch nicht stärkt,
wenn – sollten wir doch jemand finden / und überlegen, uns zu binden –
sobald man sich zusammentut, / der Unterhaltsanspruch dann ruht.
Jedoch nicht erst ab neuer Ehe, / durch die Versorgung neu entstehe,
sondern bereits ab dem Moment, / in dem der Ex zum Richter rennt,
weil er glaubhaft machen kann, / dass uns mit einem and’ren Mann
ein – wenn auch zartes – Band verbindet, / und sich aus der Verpflichtung windet.

Er seinerseits ist gänzlich frei / für jede Art der Liebelei.
Seine Arbeit gegen Lohn / verschafft ihm diese Position.
Und keiner mehr denkt jetzt daran, / dass der Mann nur leisten kann
mit voller Kraft am Arbeitsmarkt, /weil wir bis nahe dem Infarkt
gerackert in den hinteren Reihen, / ihn, Haus und Kinder zu betreuen.
Nach all den Jahren wie zum Hohn / gibt’s nicht mal Anspruch auf Pension,
wenn wir des Unterhalts verlustig, / weil uns die Einsamkeit zu frustig.
Wenn also keiner mehr bereit, / für uns’ren Rest an Lebenszeit
versorgungsmäßig aufzukommen, / indem er uns zur Frau genommen,
bezahl’n wir bis an uns’re Bahre / den Hochmut uns’rer jungen Jahre:
Auf uns’ren selbst gewählten Wegen / lacht Altersarmut uns entgegen!

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14068

 

 

 

Welt am Draht

In die Straßenbahn tölpelt ein Schüler mit geschultertem Ranzen, fläzt sich auf einen gerade frei gewordenen Sitzplatz und fuchtelt das elektronische Brett aus seiner Hosentasche. Eine Schülerin tapst klumpfüßig mit ihrem Brett als trüge sie Lehm an den Schuhen. Ein Kind spielt auf dem Brett ein Spiel, das Figuren an Hindernissen vorbeihampeln lässt, was wiederkehrende Effektgeräusche erzeugt. Ein Handwerker im verklecksten Blaumann steigt zu und zupft das Brett mit links aus der Oberschenkeltasche. Eine Frau greift zum Brett, als die Kreuzritter-Fanfare geschmettert wird. Ein Mann schaut fasziniert auf das Brett. Ein anderer betrachtet das Brett irritiert und schüttelt den Kopf. Eine junge Frau schiebt mit einer Hand einen Kinderwagen, mit der anderen versenkt sie sich in die Widerspiegelungen des Bretts. Der Straßenbahnfahrer greift während eines Halts an der Kreuzung zum Brett. Ein Jugendlicher steigt ein und beugt seinen Kopf über das Brett. Ein Mann im Anzug greift nach dem Brett. Aufgebracht nestelt eine Frau in ihrer Handtasche nach dem Brett. Ein Mädchen erklärt dem Brett, es müsse jetzt Schluss machen, der Akku. Ein Knabe zeigt einem anderen Knaben, was er auf dem Brett sieht. Der andere wendet sich ab und schmollt über seinem Brett. Ein Halbstarker mit nahezu heruntergelassenen Hosen lässt beflissen den Daumen über das Brett wischen. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber, jeder von ihnen starrt auf das Brett. Es steigt jemand aus, das Brett vor sich herhaltend wie eine gezogene Stichwaffe und rempelt gegen einen Gleichaltrigen, der zwar auf sein Brett achtet, nicht jedoch auf seine Umgebung. Es steigt jemand ein und gleich greift er nach dem Brett. Einer fingert das Brett angestrengt in ein starres Etui, dann holt er es daraus gleich wieder hervor. Eine Frau lässt das Brett fallen. Es poltert wie ein Brocken aus Guss. Ein Mann hält das Brett ans Ohr. Zwei Koreanerinnen stecken die Köpfe über einem Brett zusammen und gicksen; sie führen noch andere Exemplare mit sich. Eine Frau mit hochquellender Frisur spricht mit dem Brett über die Praktikabilität von Botox-Injektionen an Körperstellen, die man dafür gar nicht vorgesehen glaubt. Einer der zusteigt, gibt sich traumhäuptig wie ein Schlafkranker, er entspannt sich erst, als er nach dem Brett greift. Wieder steigen Schüler ein. Ein jeder und eine jede hat ein Brett dabei. Manch einer scheint damit wie verwachsen. Ein hagerer Mann steigt aus. Draußen holt er das Brett aus der Innentasche seines Staubmantels hervor. An der Haltestelle hält einer gebannt das Brett fixiert, sodass er das Eintreffen der Straßenbahn gar nicht bemerkt. Der eine liest auf dem Brett die Uhrzeit ab, der andere die Wettervorhersage in Luzern. Ein Schüler schießt Fotos mit dem Brett, der nächste filmt, was draußen an allen vorüberzieht. Jemand versucht sein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln, dieses aber greift nach dem Brett. Wieder ein anderer himmelt ganz offensichtlich das Brett an, nicht aber seine Begleitung. Die tippt ihre Enttäuschung darüber in das Brett. Ein Mann scheint auf dem Brett etwas zu suchen, ein anderer scheint es gefunden und grinst, als wüsste er nun über einiges Bescheid. Ein Mittzwanziger zückt das Brett und zuckt, als er beim Aufstehen gegen Halteschlaufen stößt. Ein bulliger Kerl hält das Brett fest umschlossen wie einen Faustkeil. Eine Dame runzelt erst ihre Stirn angesichts des Bretts, dann heben sich ihre Augenbrauen und der Ausdruck von Erleichterung entspannt ihre Züge. Ein Mann klappt seinen Aktenkoffer auf und klaubt zwischen Mappen nach dem Brett. Dann betrachtet er es wie ein Juwel. Eine Betagte vertieft sich in die Anzeige des Bretts wie in ein Brevier. Ein junger Mann befingert unablässig das Brett, ohne es dabei anzusehen. Eine junge Frau ist mit dem Brett verdrahtet und wiegt ihren Kopf im Rhythmus einer dumpf wummernden Musik. Ein Brett fängt zu bellen an und jemand weiß, dass ein Freund versucht, ihn zu kontaktieren. Das jähe, gackernde Geräusch eines Bretts verrät den Eingang einer E-Mail oder das Posting eines Kurznachrichtendienstes, den Erhalt eines Tweets oder weiß der Geier. Aus einem Brett fängt in türkischem Herz-Schmerz-Pathos ein Liebeslied-Intro zu jaulen an, das mit einem Wort im Befehlston abgewürgt wird. Eine Frau mit Kopftuch und Rocksäumen, die beim Gehen den Boden fegen, drückt versonnen auf ihr Brett. Ein Schwarzer spricht in das Brett in einer Sprache, die Englisch sein könnte. In der Fußgängerzone stelzt ein Polizist vorbei, der sich seines Bretts in der Brusttasche kurz versichert, ehe er es wieder zurücksteckt. Ein Kleinkind an der Hand eines Vaters versucht, dessen Aufmerksamkeit für die Auslage eines Spielzeuggeschäfts zu gewinnen, der jedoch widmet seine ganze Konzentration der verzweifelten Inbetriebsetzung des Bretts. Ein Eilender mit bemerkenswert kurzen Beinen hält das Brett zwischen rechter Wange und Schulter geklemmt, während er links und rechts Henkeltaschen schleppt. Ein Radfahrer mit flatternder Jacke slalomiert freihändig zwischen den Fußgängern und guckt immer wieder auf das Brett. Eine Halsbrecher-Nummer für die Artistenmanege böte sich an: Salto mortale mit gleichzeitiger Smartphone-Bedienung. Eine Schülerin spricht in das Brett und wehrt ihre Mutter ab, die sich Schulnoten zu erfragen bemüht. Eine Schülerin spricht in das Brett mit einer Schulkollegin, die unmittelbar neben ihr zu sitzen scheint. Es stellt sich aber heraus, dass sich die Angerufene am anderen Ende der Straßenbahn niedergelassen hat. Jetzt kämpft sie sich mit dem Brett am Ohr und Boxerfaust zu ihren Freundinnen durch. Eine Frau motzt ein energisches NEIN in das Brett. Ein Mann nimmt das Brett und sagt JA. Einer hält das Brett wie eine Fernbedienung und zappt. Jemand schaut sich auf dem Brett einen Film an. Oder es sind Fernsehnachrichten. Oder ein YouTube-Video. Oder eine Botschaft der Klingonen. Ein Sonderling sitzt nur so da. Der hat kein Brett dabei, er schnäuzt sich lediglich.

Bernhard Hatmanstorfer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14034

Schattenbank

Du weißt nicht, wie lange es her ist, dass du so aufgelöst warst. In der Luft spürst du das Frühlingssonnenlicht, das auf diese Bank, auf diesen Platz nie direkt fällt und das dennoch alles einnimmt, überallhin dringt und das alles zersetzen will, was du für sicher gehalten hast. Vor einem Jahr muss es gewesen sein, da du und ich in derselben Sonne in derselben Stadt auf Parkbänken lagen, in den fünfzehn Minuten vor dem Nachmittagsunterricht. Du hast lange niemanden von uns gesehen, hast uns verloren, und nun löst du dich auf, mit jedem Sonnenstrahl, der dich trifft. Du weinst, seit du hier im Schatten liegst, aber du weißt es noch nicht. Leute gehen an dir vorbei, über die du dir einmal viele Gedanken gemacht hast, doch du hast vor tausenden von Jahren damit aufgehört.

Auch über dich denkt niemand nach. In Gedanken bist du wieder ein Kind, das in einer fremden Welt aufwacht. Du hast das Rechnen verlernt und dann das Denken. Du hast verlernt, dein Leben zu führen, zu regeln, zu schaffen. Vor wenigen Augenblicken noch, bevor du dich auf die Schattenbank gelegt hast, wolltest du etwas, doch du hast es vergessen, und der Grund dafür spielt keine Rolle mehr. Dumpf spürst du den Druck der Krawatte oder das fordernde Ziehen der festen Haarnadeln. Irgendetwas hast du verloren. Du hast dich entschieden, oder der Zufall hat es für dich getan, obwohl du an ihn sonst nie glaubst und das Zusammenspiel vieler Faktoren nicht so nennen willst. Du löst dich auf mit jeder Träne, die du nicht zurückhalten willst, mit jedem Atemzug. Hell siehst du die Stunden an dir vorüberrasen, die du erhitzt von Plänen erzähltest.

Du hast dich irgendwann verliebt und die Zukunft war gemeinsam und du warst noch du. Nun ist es so gekommen und du hast alles. Es holt dich ein und mit schweren Gewichten auf den Boden, du hörst wieder die Busse an dir vorbeifahren. In einem von denen sitze ich und sehe dich nicht, da denkst du gerade daran, dass du manchmal am Boden allein Musik gehört hast. In zwei Minuten wirst du den Kopf schütteln über deinen eben vergangen seienden Zustand, aber solche Momente kann man sich schon mal leisten. Wenn du nur nicht zu spät zum Bewerbungsgespräch kommst. Du wirst auf deine vor wenigen Monaten mit redlich verdientem Geld erworbene silberne Armbanduhr blicken und es werden nur sieben Minuten vergangen sein, seit du dich niederlegtest. Aber noch türmt es sich in dir zu Sandburgen, noch stapelst du alte Bilder auf, noch bist du gerne verloren.

An Freundschaft erinnerst du dich und an Liebe, die noch unecht und Utopie war. Mit zitternder Hand greifst du nach dem Holz unter dir, das rau und noch kalt vom vergangenen Winter deiner Hand entgegenkommt, ungläubig lässt du diese liegen. Du folgst mit den Fingerspitzen der Maserung. Doch nichts löst sich auf. Bestimmend reißt dich die Stadt zurück. Schwindelnd erinnerst du dich an deine Lage. Du merkst, dein Gesicht ist kalt geworden vom Frühlingswind. Du schüttelst den Kopf.

Emil Eva Rosina
Text veröffentlicht in: Die Zeitgenossin, Heft 1/2014

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14032

Nicht witzig!

Das Wort „lustig“ kommt von „Lust“,
und deshalb ist es hier bewusst
und ganz entschieden zu vermeiden.
Den Spaß in „spaßig“ kann verleiden,
dass nicht sehr zum Lachen reizt,
wenn sich die Ratio verspreizt.
Und auch die „Komik“ reicht nicht weit,
denn komisch wirkt bei uns zur Zeit
nicht einmal, wer nicht erkennt,
dass er sich komplett verrennt.
Es bleibt, vom „Ulk“ jetzt abgesehn,
weil nur die Deutschen ihn verstehn,
allein der „Witz“, denn der hat schon
eine ihm eig´ne Dimension.

Rennt Wirklichkeit derart verkehrt,
dass sich Verstand dagegen wehrt,
spricht man vom „Witz“, vom „wirklich schlechten“,
in dem Bedürfnis, dem gerechten
Zorn jenen Ausdruck zu verleihn,
der einem späteren Verzeihn,
oder dem einfach passiv Bleiben,
wenn wir im Alltag weitertreiben,
nicht allzu sehr entgegen steht.
Weil: „g´lernt is g´lernt“, und es vergeht
die Zeit, die ja angeblich
Wunden heilt; jedoch erheblich
dadurch, dass ein neuer Witz,
ein schlechter, von uns nimmt Besitz.

Derart versorgt und zugemüllt
wird dem Wahlvolk unverhüllt
Wahl nach Wahl deutlich gemacht,
was Volkes Stimme hat gebracht.
Es hagelt Witze, Schlag auf Schlag.
Sie werden schlechter Tag für Tag.
Weil man sich drauf so gut versteht,
bekommt´s schon wieder Qualität.
So, dass das Lachen Tränen triebe,
wenn´s nicht im Halse stecken bliebe!

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14025

 

 

 

 

Bernhards Suhrkamp(f)

Dass Thomas Bernhards erste (schriftliche) Kontaktaufnahme mit dem renommierten, deutschen Verlagshaus Suhrkamp neunzehnhunderteinundsechzig, ein Alleingang, wie er schrieb, scheiterte, habe er sich wohl selbst zuzuschreiben, dachte ich mir bei Betrachtung des photokopierten und im Briefwechsel abgedruckten ersten Briefs, an Herrn Dr. Unseld adressiert.  Zwar, so der Vermerk des Lektors, drei Monate nach Einsendung des Manuskripts, erscheine dasselbe engbrüstig und diffus, so zwei Attribute, las ich im (ausgezeichneten) Kommentar zum Briefwechsel.  Mehr noch als das Urteil eines Lektors schien mir aber für den vorläufigen Alleingang in den Abgrund eher Bernhards Dreistigkeit Grund gewesen zu sein, dachte ich, welche darin bestand, dass er, so malte ich es mir aus, nachdem er den Brief sorgfältig und ja, fehlerfrei getippt hatte, Suhrkampfs f , bevor er seine handschriftliche Paraphe unter den Schrieb setzen sollte, manuell zu Suhrkamp korrigierte, mit der leichtesten Handbewegung, fast böse in sich hinein grinsend, dachte ich mir und war davon überzeugt, Bernhard ist ein Genie gewesen.

 Magnus Liendlbauer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14001

ambiValenz

Für die Vereinigten Evaluierer aller Länder
( ‚Vergeigt euch !’ )

Wir erzähln uns Lügen – aber
          die Lügen lügen nur leise.
Im Grund’ sind wir dumm – aber
                unsre Dummheit ist weise.
Unser Gehn und Tun ist: nur gradaus – aber
                                    wir drehn uns im Kreise.

„Alles NEU, alles NEU“   schreit   unser
                      vorlauter Mund – aber
hintennaus, da kommt immerfort
          die ewig alte Scheise …

E. Sofia

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14002

 

Summ, summ, summ herum

„Co-gito ergo sum.“     (Descartes)

„Co-ito ergo sum.”     (Casanova, Don Juan,  …  sonstwer?)

„Ich esse, also bin ich.”      (Lucullus)

„Ich schreibe, also bin ich (hoffentlich)[1].“    (Ingeborg Bachmann u.v.a.)

„Ich arbeite, also bin ich.“      (Internationale Arbeiterbewegung)

„Weil ich (arischer!) Deutscher bin, bin ich.“     ( A. Hitler u.a.)

„Weil ich lüge, scheine ich zu sein.“     (Wittgensteins Double)

„Weil ich möglichst viele (Feinde und Freunde) umbringen lasse, bin (nur noch) ich.“
(Caligula, Nero, Jossip Wissarionowitsch)

„Weil ich so einfühlsam bin, merkt keiner, dass ich (da) bin.“     (Modernistischer Psycho-Scheiß)

„Ich kaufe, also bin ich.“     (Konsumtrottel aller Länder …)

„Ich wachse, also bin ich.“     („Die Wirtschaft“ – aller Länder)

„Ich leiste und löhne, also muss ich und muss ich … Leiden-schafftlich.“
(Joint-venture Deutsche Bank – Freiheitliche Partei)

„Weil ich jamm’re und stöhne, krieg ich gar nicht mit, dass ich (da) bin.“
(Modell moderner Arbeits- u. Leistungssklave)

„Ich kann rechnen, also bin ich.“     (Homo fabrissimuss)

„While I nin-ten-do, ergo bin i a do !“     (Homo ludens – Species spassiensis)

Alles Unsinn !

… „Meine Eltern haben miteinander kogitiert, deshalb bin ich.“
(Ja, gut, diese Aussage lässt sich aufrechterhalten.)

E. Sofia

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 13043

 

 

 


[1]   Übersetzung / Interpretation:  „Ich schreibe, weil ich gern (wer) sein möchte.“

 

Trägt der Stoff, aus dem unsere Träume gemacht sind, eigentlich ein Muster?

Etwas später in der letzten Woche war ich in der Stadt, um mir eine Hose zu kaufen. Eine die passt, gut aussieht, mindestens drei Kilo schlanker macht und nach dem zweiten Mal tragen nicht aussieht wie eine Baggy Pant. Ein kläglicher Versuch also. Aber ich wusste, irgendwo da draußen gibt es sie, ich müsste sie nur finden.

In unseren Vorstellungen passen uns immer alle Hosen. Sie sitzen perfekt und wir finden sie auf den ersten Griff. Aber wenn wir daheim sind und unseren Kasten öffnen, sehen wir einen Haufen an Kleidungsstücken, die wir nie tragen. Die vielleicht in unserem Kopf, aber nicht an uns gut aussehen. In Farben, die uns nicht mal in unseren Träumen stehen. Also hab ich mich gefragt: Wie sieht eigentlich der Stoff aus, aus dem unsere Träume gemacht sind? Hat er ein Muster und wenn ja, welches? Rosa mit Blümchen oder doch eher dunkelgrau mit Querstreifen? Querstreifen machen nämlich dick und das braucht nun wirklich niemand. Schon gar nicht in Träumen, auf die wir immerhin noch einen Funken Einfluss haben, solange nicht gerade Vollmond ist. In jedem Fall aber ist es derselbe Stoff, aus dem unsere Hosen gemacht sind. Und wir alle haben eine Vorstellung davon. Auch wenn diese Vorstellung am Ende nur grau und verstaubt im Kasten landet. Die Wahrheit ist doch, dass wir ohnehin am liebsten immer das Selbe anziehen. Weil wir uns darin wohl fühlen und wissen, dass wir damit nicht in peinliche Situationen geraten, bei denen wir im Erdboden versinken müssen. Denn das funktioniert niemals, auch wenn wir es noch so oft mit Harry Potter üben. Wir tragen unsere Lieblingsteile so lange, bis von ihnen nur noch Fetzen übrig sind. Und selbst dann versuchen wir sie noch zu retten. Denn ohne sie fühlen wir uns irgendwie einsam und auch ein Stückchen verlassen. Und so ist es auch mit unseren Träumen. Doch was ist, wenn es das Schicksal eines jeden Traumes – mit oder ohne Blümchen – ist, irgendwann zu zerplatzen? Damit er real und zu unserem Lieblingsstück werden kann. Und wenn er das nicht wird, dann hängt er zumindest in unserem Kasten, der bei uns zu Hause steht. Solange wir im wahren Leben keine Querstreifen tragen, wird alles gut.

Anna Zemann
Links: The Script Company, Blog

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 13026

 

 

 

 

 

Wenn uns das Universum etwas sagen will, warum ruft es dann nicht einfach an?

Wir alle haben ein Smartphone. Oder auch keines, aber dafür ein anderes Handy. Dann sind wir zwar nicht so cool, aber jedenfalls trotzdem erreichbar. Immer und überall, außer für das Universum. Das vermittelt seine Botschaften nämlich ohne klingelnde Vorankündigung, dafür aber ganz gern mit extra Ironie. So wie ein Caffè Latte mit zehn extra Schuss Espresso. Naja, dann ist man wenigstens wach. Was ich mich allerdings schon frage ist: Wenn uns das Universum etwas sagen will, warum ruft es dann nicht einfach an? Wäre das nicht einfacher für alle? In Zeiten der NSA sind unsere Nummern ohnehin überall zu finden. Warum müssen wir uns immer erst durch den alltäglichen Dschungel der subtilen Zeichen kämpfen und alles vermasseln, um dann irgendwann den Sinn zu erkennen? Es ist ja auch nicht so, dass wir Botschaften nicht verstehen wollen. Aber wie sollen wir das denn, wenn wir nicht wissen wie, oder wo, oder wann?

Letztens beispielsweise – an einem Sonntag Abend – hab ich den ganzen Tag zuvor damit verbraucht, auf eine Nachricht zu warten. Keine vom Universum, einem aus dem Handy. Eine Short Message: leicht zu empfangen, sehr schwer zu senden – offensichtlich. Dazwischen hab ich Gewand nach Farben sortiert, ohne Nachricht. Alte Fotoalben angesehen, die mir zufällig beim Anstarren des Bücherregals ins Auge gefallen sind. Hab etwas gekocht, ohne Hunger und ohne Nachricht. Hab die Wiederholungen der Samstag-Abend-Filme gesehen und bin knapp davor gewesen, bei Bauer sucht Frau hängen zu bleiben. Hab mehrere Stunden das Handy hypnotisiert, ohne Erfolg. Zugegeben: Wenn ich die Nachricht gewesen wäre, hätte ich auch Angst gehabt vor diesem Blick. Irgendwann aber, war dann genug gewartet. Leicht genervt hole ich den Müll und trage ihn vier Stockwerke nach unten. Das sind 120 Stufen. Ich weiß es, weil ich sie täglich beim Hinaufkeuchen zähle. Mein Handy kommt natürlich mit … könnte ja sein. Der Müll fliegt in die Tonne, das Handy durch die Luft – unabsichtlich, aber immerhin – und das Display sieht aus, als hätte es mein Blick gesprengt. Eh schon egal denk ich mir, denn Nachricht bekomm ich ja ohnehin keine. Ich krieche 120 Stufen nach oben und setzte mich auf die Couch, mit einem Achtel Rot. Das Handy klingelt. Ich kann die Nachricht nicht lesen. Kein Lichtstrahl, der vom Himmel kommt, kein Engelschor, keine Harfe, nur die Ironie des Schicksals. Ich trinke weiter und das Handy klingelt nochmals. JA, ich hab die Nachricht verstanden! Diesmal sogar mit Ton. Na bitte, geht doch.

Anna Zemann
Links: The Script Company, Blog

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 13024