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Warum ich keine Putzfrau wurde

„Pensionistin sucht professionelle Hilfe für Haus und Garten. Gutes Zubrot.“
Und eine Festnetznummer.
Zubrot – was für ein herrlich altmodisches Wort! Brot zu was?

Diese Annonce stach mir in die Augen, als ich in der Bezirkszeitung die Kleinanzeigen studierte. Dabei suchte ich nicht wirklich Arbeit, sondern es war nur die alte Gewohnheit, das Kleingedruckte, oft unfreiwillig lustig oder irrwitzig, zu lesen. Vor allem die Kontaktanzeigen haben es mir angetan. Ich stehe zu meiner kleinen Perversion, ich sammle die besten, schneide sie aus und klebe sie in mein Journalheft.

Geile Oma nackt im Kuhstall.
Thai im Vulkan.
Türkin ohne alles.
Tel. Lausch dich geil!
Schülerin, 17, rasiert.
Domina macht alles.
Bussibär für die Ewigkeit.

Die schönsten sind die, die Romantik und Poesie erzeugen wollen, wenn Sterne, Mond und Wolken bemüht werden.
Dein Fels in der Brandung.
Zusammen für immer jung.
Gemeinsam in die Sterne schauen.

Ein Freund von mir war gerade vom Hausmeister zum „Facility Manager“ aufgestiegen.
Ich wollte ein bisschen Wallraff spielen für eine Hintergrund-Recherche. Wie fühlt es sich an, untertan und abhängig zu sein. Ich interessierte mich für die EE, die „Experten für Euphemismus“ in der Werbung, Politik und Wirtschaft. Ich wollte sehen, wer und was hinter der „professionellen Hilfe mit gutem Zubrot“ stand.

Eine Pensionistin sucht eine Putzfrau. Die EE sagen Seniorin und Raumpflegerin. Die sprachlichen Schönfärber und wendigen Wortverdreher sind so alt wie die Mythologie und Religion. Eigenverantwortung heißt mehr zahlen, Müllhalde ist Entsorgungspark, Krankenkasse – Vital- oder Gesundheitskasse, ein Haus mit Ausbaufähigkeit ist eine Bruchbude, ein verwachsener Garten – eine Gstätt‘n, deutsch: Brache. Hauptsache, es klingt gut.

Also rufe ich bei dieser Nummer an. Es meldet sich eine Frau Schmidt, Maria mit Fragezeichen in der Stimme noch aus der Zeit, als man fragte: Wer da? Ich berufe mich auf die Annonce und gebe mich interessiert, Frau Schmidt ebenfalls, schon ohne Fragezeichen. Sie nennt mir ihre Adresse und weist mir den Weg: mit der S-Bahn nach Liesing, dann über den Platz gehen, schräg rüber und am neuen Pensionistenheim in die Theodor-Haeckel-Gasse Nr. 11. Ja, die kenne ich, da komme ich oft vorbei auf dem Weg zu meinem Garten, vom Bus 256 aus, ja der fährt vorbei.

Sie sind Gärtnerin, das ist gut, denn sie braucht auch Hilfe in ihrem Garten. Fein. Ich bin eine begeisterte und geübte Gärtnerin.
Dann weist Frau Schmidt mich noch darauf hin, dass es der Ha-eckel mit ä ist, nicht der mit e, der Theodor und nicht der Erich. Als wären es ihre Verwandten. Ist das die Probe, die Prüfung? Da mache ich den ersten Fehler. Viel zu schnell sage ich, weiß ich.

Wir vereinbaren einen Termin. Am nächsten Mittwoch fahre ich zu Frau Maria Schmidt in die Theodor-Haeckel-Gasse 11. Eine schmale Kastanienallee mit vereinzelten Linden, einigen alten Villen und verunglückten Gemeindebauten. Punkt 17 Uhr läute ich an dem ebenerdigen Haus mit stumpfer Lehmfarbe, fünf Fenster zur Straße hin. Ich habe mich extra gestylt, was ich halt für putzfraumäßig in meinem Kleiderkasten hielt.
Die Gegensprechanlage schnarrt und fragt: Jabitte? Ich nenne meinen falschen Namen, Johanna Friedrich, wir sind verabredet, wegen der Anzeige. Es schnarrt noch einmal, und die kleine Tür in dem großen doppelflügeligen Tor öffnet sich in eine breite, dämmrige Einfahrt. Aha, ein ehemaliges Fuhrwerks- oder Weinhauer-Häuschen wie oft in den Vororten. An der Innentüre erwartet mich eine alte Frau in bunter Küchenschürze, weißhaarig mit kleinem Knoten, das spitze Mäuschengesicht gefältelt wie eine Dörrpflaume. Ich schätze sie auf rüstige achtzig. Bitte, hier herein. Frau Schmidt ist höflich.

Wir kommen in ein angeräumtes Vorzimmer, das rechts als Garderobe dient und ein Fenster zum Garten hat. Der linke Teil ist Küche und Speisekammer. Eine Tür geht in das Wohnzimmer mit zwei Fenstern zur Straße, die Bäume machen es schattig, ich sehe fast nichts, irgendwo flimmert ein TV-Gerät hinter einer Kunstleder-Couch. Skai, modern in den Siebzigern. Zwei Fenster nach hinten, wovon das eine auch Tür ist. Das Schlafzimmer ist beherrscht von einem massiven hölzernen Doppelbett, auf dem aber nur eine Seite aufgebettet ist. Witwe, schließe ich daraus. Darüber kein Hirsch, sondern eine riesige Reproduktion von Botticellis Frühling in einem Goldrahmen aus Gips. Den Luster an der niedrigen Decke aus sechs weit ausgespreizten Lampenschirmen, den kenne ich, weiß nicht woher. Tante Paula? Wir gehen wieder ins Vorzimmer zurück. An einem kleinen Tisch mit buntem Wachstuch nehmen wir auf zwei Sesseln gegenüber Platz.

Eine Limonade ist vorbereitet, zu der sie mich einlädt. Bitte, Holler. Mögen Sie?
Jagerne, danke. Ein Glas nur für mich. Frau Schmidt weiß genau, was sie will und braucht. Zweimal in der Woche vier Stunden, also acht Stunden, wovon zwei Stunden dem Garten gewidmet sein sollen. Den zeigt sie mir auch gleich. Von der Türe im Wohnzimmer führen drei Stufen auf eine Rasenfläche, die an der Rückseite von einem Holzschuppen abgeschlossen ist. Der muss gefegt und abgesaugt werden, damit die Katzen nix reinbringen. Da wird sie emotional. Immer alles sauber absaugen. Nix reinschleppen.

Verstehen Sie? Ich verstehe nichts. Mäuse, Vögel, Spinnen, Igel, hhä? Viel Getier rundumadtum. Und die Vögel werden auch immer frecher. Wie? Die pecken nach den Katzen. Nur zwei Stunden Garten, wundere ich mich kurz, ob sich das ausgeht? Naja, kommt drauf an, was sie alles will. Blumen und Gemüsebeete hat sie nicht. Nur einen kleinen Fleck mit Kräutern neben den Stufen. Der Garten im Stil von Thujen und Veitschi. Im Vorzimmer stellt sie mir ihre Mitbewohner vor, ein Katzenpärchen, das gerade über die Katzenstiege durch das Fenster hereinkommt. In der Küche hinter dem Kühlschrank stehen nicht gezählte Schüsselchen und Tassen auf einem Wachstuch.

Wir sitzen wieder am Esstisch mit dünner Holler-Limonade. Frau Schmidt checkt mich ab, auf Herz und Nieren. Eher schielt sie auf meinen Körperbau, Muskeln und so. Also, Johanna Friedrich, fünfzig plus, geborene Wienerin, Frühpensionistin, wohnhaft in Wien 12. (Von meinem vierten Bezirk verrate ich nichts!) Warum ich den Job machen will, wo und wie ich wohne, wo mein Garten ist und wie groß? Wo bin ich, auf der Polizeiwache?
Von sich verrät sie nur, dass sie eine pensionierte Gemeindebedienstete ist und seit 27 Jahren Witwe. Ob ich nicht selbst genug Arbeit habe? Wie groß meine Pension ist? Na, das geht sie aber wirklich nichts an. Da werde ich konkret und erfahre, was sie mit „gutem Zubrot“ meint. Sechs Euro bietet sie pro Stunde. Ich schlucke und trinke schnell den Hollersaft.
Also, bei acht Stunden wären das 42 Euro in der Woche, 168 Euro im Monat, in etwa so viel, wie ich in meinem Garten für die Miete zahle, rechne ich schnell um. Also, zum Verdienen ist dieser Job nicht. Wer macht so etwas? Eben Zubrot. Ich zahle meiner eigenen Putzfrau/Raumpflegerin, einer slowakischen Studentin, aktuell zwölf Euro pro Stunde. Das kann sich nicht ausgehen. Aber man muss halt seinem Job Opfer bringen.

Da merke ich, dass ich mental nicht perfekt vorbereitet bin und ganz schnell schummeln muss. Der zweite Fehler. Ich beginne schnell, sie zurückzufragen. Wer ihr denn bis jetzt professionelle Hilfe geleistet hat? Das war die Slavica, eine Serbin, eine gute Seele, die ist schon lange bei ihr gewesen, seufzt sie. Aber in letzter Zeit ist sie nachlässig geworden bei der Arbeit, die Katzen hat sie schlecht behandelt, ihr Widerworte gegeben, unpünktlich geworden, aber vor allem hat sie angefangen zu stehlen. Oh Gott, stehlen, Geld? Nein, aber andere Sachen, auch aus dem Kühlschrank. Mundraub. Sie lässt kein gutes Haar an ihrer Slavica, naja, eben doch eine vom Balkan. Und ganz sauber war sie auch nicht, persönlich und so, verstehen Sie.

Na, das geht gar nicht, denke ich, schüttele aber nur mitfühlend den Kopf. Ungemütlich, peinlich, ich lenke ab und bringe die Rede auf Haeckel versus Heckel. Da mache ich den wahrscheinlich entscheidenden Fehler: Ich bin zu gut informiert für eine Putzfrau in spe. Ich kann‘s halt nicht lassen und den Mund nicht halten. Jaja der, wie auf der Tafel. Warum mich das überhaupt interessiert? Schweigen. Nur so. Sie hat ja das ae betont. Oje, Widerworte. Nun hat es Frau Schmidt plötzlich sehr eilig. Sie muss noch einkaufen gehen. Also, Frau Friedrich, ich kommen am nächsten Montag um acht Uhr, kommen, anfangen und dann wieder am Donnerstag kommen. Da hat sie mich mit ihrer Slavica verwechselt. Fein, dachte ich, gelungen, mein Wallraff-Versuch. Mord im Putzfrauen-Milieu.

Aber am Sonntagabend kommt ein Anruf von Frau Schmidt. Sie hat sich‘s anders überlegt, sagt sie resolut, ganz ohne Bedauern oder Entschuldigung. Sie kehrt zu ihrer Slavica zurück, die kennt sie immerhin schon viele Jahre. Und die war immer so dankbar für das Geld, die hat das wirklich gebraucht.
Die serbische Gastarbeiterin wurde mir vorgezogen! Ich begann sie zu hassen, obwohl ich sie gar nicht kannte. Aber es kamen die Bilder von ihrer beider Hassliebe, Maria und Slavica, jahrelang im Kampf zusammengeschweißt.

Was kann ich daraus lernen? Zumindest lernen, wenn schon kein Gehalt, nicht einmal Zubrot, ganz zu schweigen von meiner Recherche. Auch Tarnen und Täuschen will gelernt sein. Frau Schmidt wollte nicht nur die Arbeit ordentlich und billig getan haben, sondern auch ein gutes Gewissen, sie tut auch noch Gutes – Geld nur für den, der es braucht, weil der dann dankbarer ist. Was war‘s? Das Outfit kann‘s nicht sein. Vielleicht meine Sprache? Möglich, obwohl ich mich bemühte, einsilbig zu blieben. Muskelkraft zeigt mein Körper auch noch genug. Daran konnte es nicht liegen.
Der Sonntagabend war voll von tiefschürfenden Gedanken.

Nein, letztendlich bin ich überzeugt, es war der Haeckel mit ä, nicht der Heckel mit e, der Theodor und der Erich, die ich auseinanderhalten konnte. Dabei kam in ihr der Verdacht auf. Wahrscheinlich fühlte sie sich von mir gehäckerlt. (Oder heißt es heckerln oder hekerln?) Eine Putzfrau kann das einfach nicht wissen und wissen wollen. Und so wurde ich keine. Eine niederschmetternde Erfahrung. Ich machte keinen zweiten Versuch. Aber ich schaute noch einmal bei Wikipedia nach und entdeckte einen dritten: den Theodor Heckel. Bin ich froh, dass auch Frau Schmidt den nicht gekannt hat. Da wäre ich noch früher aufgeflogen.

Auflösung: Theodor Haeckel war ein umstrittener Evolutionsbiologe im 19. Jahrhundert, Erich Heckel ein Maler der Künstlergruppe „Die Brücke“ und Theodor Heckel ein protestantischer Bischof in München. Und Frau Schmidt ist bei der Gemeinde wahrscheinlich für die korrekte Schreibung der Wiener Straßentafeln zuständig gewesen.

Wien, 2.10.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17193

Alte Bündnisse

Unvermittelt drückte sie ihr Gesicht in den groben Stoff des ockerfarbenen Mantels, welcher noch den Herbst mit sich hereingetragen hatte, und wollte sterben.
Der Todesmarsch hatte schon begonnen. Das Ziel war in Sicht.
Mit beiden Händen umklammerte sie die Ärmel, vergrub ihr Gesicht noch tiefer in dem Kleidungsstück und füllte ihre Lungen mit dem Geruch von Frost und Eis und noch etwas anderem.
Halb registrierte sie, wie sich langsam ein feuchtwarmer Film auf der Oberfläche des Mantels bildete, und in Zeitlupentempo löste sie ihre Lippen von dem groben Material. Es arbeitete in ihr. Die Zahnräder der Maschine hatten sich in Bewegung gesetzt und mahlten. Mahlten unentwegt.
Ihre Augen dampften, ihr Kopf rauchte. Ihr Magen rumorte, ihr Herz hämmerte. Ich bin ein Stahlwerk, sagte sie sich, ein Stahlwerk. Kurz vor dem Niedergang. Es rette sich, wer kann.
Abrupt ließ sie den Mantel los und rückte ab. Die Arme angewinkelt, die Hände abwehrend vor der Brust, sank sie fröstelnd zu Boden.
Welcher Teufel hatte sie geritten?

Sie hörte, wie er die Tür hinter sich schloss und den schweren Mantel abstreifte. Grußworte aussprach und nach ihr fragte. Sie hörte, wie er leise den Flur entlangschritt, und fühlte, wie er sich unentwegt nach allen Seiten wandte, aufmerksam, nach Kontakt suchend in den alten Gemäuern.

In Panik war sie aufgesprungen. Der Stuhl knallte zu Boden. Und zur Hintertür hinaus, durch den leeren Hof, den leeren Schweinestall, und ins Freie. Über die Felder hin zu den Wäldern. Durchschneidend die Wälder, bis hin zur Lichtung. Im Schock verharrend. Keuchend. Rasselnd in den Lungen, schwerer Atem. Jammernd in den Baumkronen bunte Singvögel. Hochblickend in den Himmel. Verfing sich das Licht der kalten Mittagssonne in der finsteren Iris.
Keine Antworten.
Kein Erinnern.

Die Küche war erfüllt von ihrer Abwesenheit, als er sie betrat. Den Knauf fest umklammernd, öffnete er die Küchentür nur einen Spalt, bevor er einen Fuß hineinsetzte. Es umfing ihn die alte modrige Vertrautheit und plötzlich eine unerklärliche Traurigkeit, als er mitten in der Küche stand. Er blickte hoch zur Decke. Eine nackte Glühbirne brannte in der lampenschirmlosen Halterung. Ein Stuhl war zu Boden geknallt und durch die offene Hoftür blies ein eisiger Wind. Er hörte, wie die Küchentür hinter ihm mit einem leisen Klick ins Schloss fiel. Langsam bückte er sich, ging zu Boden, hob den Stuhl behutsam hoch und stellte ihn zurück an den Tisch, auf dem noch aufgeschlagen ihr Buch lag. Die Seiten stoßweise wild durchkämmt von stürmischen Böen.

Brachland. Stilles, stetes Brachland.
Brich dich auf und frei und nieder.
Brich dich wieder und wieder.
In die alten, warmen Lieder.

Entzifferte er. Die Seiten waren vergilbt und abgegriffen, die Ränder stumpf und ausgefranst. Die Druckerschwärze schien allen Raum für sich einzunehmen. Und die Notizen links, rechts, oben, unten, über den Zeilen, unterhalb der Zeilen. Rufzeichen, Fragezeichen, Kringel, scharfkantige Figuren, Schraffierungen, Schattierungen.

Er klappte das Buch zu.

Er ging zur Hoftür, stellte sich in den Wind und blickte in die kahle Leere.
Ein klagender Schwall fuhr ihm hart ins Gesicht und durch die dunklen Haare. Unwillkürlich trat er ein paar Schritte zurück, zurück in die warm modernde Küche.
Und stemmte sich mit aller Kraft gegen die knarzende Tür, bis auch sie widerwillig ins Schloss fiel.
Unerhört.
Unannehmbar.

Den unheimlichen Pfad des größten Widerstandes hatte sie beschritten. Heim. Begleitet vom Rauschen der Wälder. Dem Schwirren der Blätter und Tiere. Dem Mut der Natur. Oben zogen die Sturmwolken im Zeitraffer dahin, unten wühlten sich Nager durchs Erdreich.
Kein Weg daran vorbei. Kein Weg vorbei.

Sie tritt zur Vordertür ein, schließt diese unhörbar und lauscht den gedämpften Stimmen, die aus der Küche zu ihr durchdringen.

Das liederliche Leben, Bub. In der Stadt.
Was willst du da? Da findest du doch keine Frau.
Überleg dir das noch einmal. Das ist doch keine Arbeit.
Am Hof ist immer Arbeit. Der Vater kann dich brauchen. Gell, Vater.

Kein Mensch weit und breit. Kein Hof im Umkreis von Kilometern. Keine Arbeit weit und breit. Keine Tiere, keine Felder. Nichts zu bestellen, nichts zu empfangen. Nur die unendliche Ödnis.

Sie hört ihn leise antworten. Entgegnen. Sich widersetzen. Ankämpfen.
Sie hört seine leise, warme, dunkle Stimme ankämpfen. Gegen den Moder und Überdruss. Gegen die Muster und Schimäre. Gegen den schleichenden Tod und das aufbrechende Leben.

In der Garderobe hängt sein Mantel.

Benommen erhebt sie sich und geht gemessenen Schrittes den Flur entlang, bemüht um Haltung, bemüht um Fassung. Des Herzens, des Verstandes, des Körpers. Des Körpers, des Körpers, des Körpers.

Die will keinen, die Elisabeth, sagt der Vater.
Alle nicht gut genug. Was die will?!
Wird schon sehen, was die davon hat.
Immer so viel wollen.
Mehr Bescheidenheit tät ihr gut.

Er erwidert nichts.

Sie geht den Flur entlang, majestätisch, erhobenen Hauptes, gemessenen Schrittes, aus den Augenwinkeln die Tapetenwände abgrasend. Ausflüge, Porträts, Hochzeitsfotos, Totenbilder. Das tödliche Übereinkommen. Die Fluchtlinien verengen sich, der Flur kontrahiert, Finsternis.

Er erwidert nichts.

Und blickt zur Tür.
Sie steht im Türrahmen.

Wo warst du denn, die Mutter.
Wir haben dich vermisst.
Komm herein.
Wie du ausschaust.

Er versteift sich unmerklich. Blickt sie an. Lächelt breit.
Vergessen.

Nichts merken, nichts anmerken, gar nichts anmerken lassen. In Mantras sprechend beschwört sie sich, während ihr Blick durch den Raum schweift und hängen bleibt, an der nackten Glühbirne, der geschlossenen Hoftür, dem geschlossenen Buch auf der Anrichte, dem königsblauen Hemd zwischen Vater und Mutter, den hellen Augen.

Sie lächelt, geht zum Tisch und begrüßt ihn. Küsst ihn auf beide Wangen. Er umarmt sie und streicht mit einer Hand leicht über ihren warmen Rücken. Die obersten zwei Knöpfe seines Hemds sind geöffnet.

Jetzt habt ihr euch auch schon lange nicht mehr gesehen, die Mutter. Schön, dass wir alle wieder zusammen sind.

Gut schaust du aus, sagt er.
Du auch. Lächelt. Wie lange bleibst du da?
Nur bis morgen. Dann muss ich wieder arbeiten.

Was für eine Arbeit denn? Der Vater, verächtlich.

Du musst mich bald besuchen kommen.
Wir könnten ins Theater gehen und essen.
Unbedingt.

Er blickt sie an, fast hilfesuchend. Er sucht etwas in ihren Augen. Sie weiß was.
Er riecht nach frischen Laken und noch etwas anderem.

Ich erinnere mich, sagt der Körper. Ich erinnere mich.
Und du dich auch.

Angelika Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17184

 

 

 

 

 

Im Einundsechzigsten

Die Hauptperson fehlt.
Noch nicht alt. Nicht mehr jung.
Zu jung.

Eine gebrochene hochbetagte Mutter, deren Schmerz nur kurz Linderung erhält durch Momente der  Erleichterung darüber, nun nicht mehr Sorge für die Zukunft der kranken Tochter tragen zu müssen.
Kartenspielen mit der Mutter, beiderseitige Fürsorge.
Was wird sein, wenn die Mutter geht?
Wer rechnet schon mit der umgekehrten Reihenfolge?
Der heißgeliebte Kater in der Obhut der Mutter.

Ein ebenso alter Vater im jägerlichen Lodenrock, verkniffen, erschöpft.
Der Kontakt zur Tochter war nicht der beste.

Der Cousin, angereist aus Wien, der Jüngste und Letzte der Familie.

Zwei ehemalige Kolleginnen, zwei Kameradinnen aus der Kindheit und einige der Freundinnen, die später dazustießen. Gemeinsame Reisen, unbeschwerte Plauderstunden, Salzburgfahrten (zum Patenkind), bei denen erste Gehstörungen auftreten.
Besuche bis zuletzt, aber bestimmt zu selten! Keine Vorwürfe oder Klagen.

Eine feierliche Stimmung will nicht aufkommen, bedrücktes Schweigen.
Der Tross folgt der Urne in der Sommerhitze quer über den Friedhof. Auf knirschendem Kies und unter Verkehrsgetöse und Baustellenlärm.

Die Männer in ihrem Leben sind auch gekommen.

Die Verlobung mit dem ersten Freund empfindet sie gerade noch rechtzeitig als zu eng. Da war immer schon ein großer Wunsch nach Eigenständigkeit, danach, selbst zu entscheiden. Die Freundschaft bleibt dennoch bis zuletzt. Ich hab ihn mir anders vorgestellt, agiler, aber natürlich ist er ein grauer Mann.

Die Gesellige, stets Freundliche – es war Verlass auf sie.
Die Lebenslustige, Aktive und Sportliche war eine attraktive Frau und hatte schöne Zeiten.

Ihre große Liebe ist auch hier, ein elegant ergrauter Herr. Der, der sie vor Jahrzehnten einmal sehr verletzt hat. Dem verziehen wurde, und mit dem es danach weiterlief, so nebenbei, aus seiner Sicht in Teilzeit sozusagen.
(Zu der Zeit trat der erste Schub auf, die Sehbeschwerden wurden erst im Nachhinein auf  ihre Krankheit zurückgeführt.)
Wie gut, dass er gekommen ist, aber kurz sträuben sich meine Nackenhaare, wie er jetzt da eine Zeitlang so neben mir hergeht.
Er hat etliche Frauen in sein ruhmreiches Leben gepackt.
Die Freundschaft bleibt aber tragfähig bis zuletzt.

Danach eine Vollzeitbeziehung, im Nachhinein gesehen aber nicht mit dem Richtigen. Nachdem sie diese beendet hat, holt er sich eine junge Frau aus Thailand, empfindet als störend, dass sie ein Söhnchen nachholen will und auch, dass sie schiefe Zähne hat. Der falsche Partner, aber ein Freund, auf den sie zählen konnte. Auch er ist grau; er war es schon immer.

Der nächste und letzte Mann in ihrem Leben hat ihr gutgetan, in Teilzeit und unverbindlich – an ihre Unabhängigkeit hatte sie sich gewöhnt. Als das Leben beschwerlich wird, ist er ein Freund, achtsam in guten wie in schlechten Tagen. Eine gewisse Treue. Auch er ist unter jenen, die sie jetzt begleiten.

Die Tapfere, Zuversichtliche.
Der es dreckig ging, und die kaum geklagt hat.
Die bitteren Entscheidungen: das Auto aufgeben, von der Freiheit ganz zu schweigen!, sich Hilfe suchen, das Pflegebett, der verhasste Rollstuhl, der Badewannenlift, vorzeitige Pensionierung und Pflegegeld beantragen.
Und das niederschmetternde Aufwachen, nachdem im Traum das Gehen-Können wieder möglich war.

Hölzern absolvierte katholische Abschiedsrituale, Trauer nach Regieanweisung. Das Geschehen und der Schauplatz unter der sengenden Sonne und dem nahen Alltagslärm auf seltsame Weise surreal.
Die Mutter untröstlich.
Bei uns anderen wird die Beklommenheit dem Kummer erst später weichen.

Nach einem sehr schlechten Tag mit massiven Sprachstörungen beginnt der folgende mit viel Zuversicht und einem guten Gefühl. Aus diesem heraus verlangsamt sich in der Früh plötzlich der Herzschlag, ihr Sterben ein erstauntes Aus-dem-Leben-Gleiten ohne Kampf und Angst.

Wir sind traurig.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17137

 

 

 

 

 

 

Einsam

Welch eine Gnade Gottes ist doch das Alleinsein! Niemandem Rechenschaft abgeben müssen, was man den ganzen Tag über getan oder nicht getan hat! Keine dummen Fragen beantworten müssen, keine Fragen stellen müssen. Du bist einsam! Einen Dreck, entgegne ich. Das ist was anderes, füge ich hinzu. Ich bin nicht die Miss Sophie. Du verwechselt was, sage ich verärgert. Und ich kann mir meinen Himbeersaft noch alleine eingießen, brauche keinen Butler James dazu. Ich sitze nicht an einer langen Tafel und mir gegenüber ist kein Gedeck für Gespenster aufgedeckt, mit denen zu speisen ich mir heimlich vorstelle. Ich brauch tatsächlich niemanden. Außer meiner geliebten Frau. Das muss ich zugeben. Dann bist du nicht allein. Doch, wenn ich eben allein bin. Das soll ja hin und wieder vorkommen. Ich genieße es, allein zu sein. Ohne Sir Toby, ohne Admiral von Schneider, ohne Mister Pommeroy und ohne Mister Winterbottom. Aber warte, bis du alles überlebt hast und du wirklich alleine hier sitzt, sagst du. Na und?, inszenier ich mir meine Abendessen eben selbst!, antworte ich kühn. Und Weihnachten? Silvester? Was ist an deinem Geburtstag? Das macht mich nachdenklich.

The same procedure as every year, füge ich an. Eben, allein, pah! Aber ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Nun, noch ist es ja nicht so weit, denke ich. Bis dahin werde ich mir schon alles zurechtlegen. Zurechtlegen, ja. Ich sage das sicherheitshalber zweimal vor mich hin, um der ganzen Angelegenheit mehr Gewicht zu verleihen. Ich weiß nicht, ob Einsamkeit eine Strafe ist. Manche behaupten das allerdings. Einsamen fehlt ganz einfach das Gefühl, von anderen beachtet zu werden. Mir ist das egal. Lügner. Halt’s Maul! Ich suche und finde meine persönliche Anerkennung und Gebrauchtwerden in mir selbst. Ja, das sieht man. Wie viele Bücher sind von dir im Umlauf? Und wehe, wenn du nicht gelobt wirst. Da möchte ich dich sehen! Ich konversiere derzeit nicht mit dir, sage ich überheblich.

Einsamkeit, die kommt nicht einfach so auf einen Schlag. Die sickert so langsam und stetig in dein Leben, und du bemerkst es gar nicht. Irgendwo bei einer Veranstaltung, einer Ausstellung meinetwegen oder vor dem Fernseher, ehe du ihn abdrehst, bevor du allein zu Bette gehst, weil niemand hier ist. Oder denk mal nach, wenn dir der Tod einen deiner Liebsten nimmt, so mir nichts dir nichts, ohne dich zu fragen. Was ist dann? Ich räuspere mich. In meinem Gehirn arbeitet es fieberhaft. Plötzlich ist das Kinderzimmer leer. Hör auf! Doch, gewöhn dich dran. Ich denke nach. Ja, aber – ja, es ist leer. Aber doch nur für ein paar Wochen, weil das Jüngelchen zum Studieren ist. Der kommt ja wieder. Ich wünsch es dir. Sag nichts, was du später bereuen wirst, entgegne ich stur. Und das andere Bubi? Das ist verheiratet. Das ist etwas anderes. Den kann ich jederzeit sehen, wenn ich will. So möge es sein. Is’ aber so, sage ich trotzig.

Prominente sollen zuweilen auch einsam sein, wer weiß? Wenn der Star am Himmel zu verblassen beginnt, könnt ja sein, nicht? Was macht man dann ohne den ganzen Rummel? Fernsehen? Auch fad. Wenn man einsam ist, soll einem das ein Warnsignal sein, sagen die einen. Ich selbst habe immer weniger oft den Wunsch, dazuzugehören. Angeber! Darauf antworte ich nicht. Bitte, eben nicht! Kann sein, dass sich mein Leben irgendwie verändert hat. Kann aber auch nicht sein. Vielleicht hat sich da draußen was geändert, dass ich es nicht mehr so sehr begehre? Oder ich leide an Mangel an Vertrauenspersonen, an Typen, an die ich mein Herz hänge und von denen ich erhoffe, erhofft habe, dass sie es umgekehrt genauso tun würden.

Freunde! Was sind eigentlich Freunde? Ich habe sie im Dutzend während meines langen Lebens verbraucht. Sie sind mir abhandengekommen. Keine Ahnung in den meisten Fällen, wie es dazu kommen konnte. Auf einmal waren sie weg. Hab ich mich zu wenig um sie gekümmert? Sie zu wenig bewundert? Ihren Kommentaren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Dem einen, der stundenlang über dies und das so völlig belanglos dozieren konnte, wenn genügend Publikum vorhanden war? Auf den könnte es zutreffen. Irgendwann habe ich es aufgegeben, durch ein paar kümmerliche gut und klug gemeinte Zwischenrufe die Zuhörer auf mich aufmerksam zu machen. Vergebens. Es war todsicher sein Publikum.
Man kann nie genug neue Freunde haben, sagen manche, vor allem deshalb, weil einen die alten auf die Dauer nicht mehr genügend bewundern würden. Auf den trifft diese Feststellung sicher zu. Wie ich es auch dreh und wende, im Laufe der Jahre sind sie mir alle irgendwie auf den Sack gegangen, mit ihren Ängsten, Nöten, mit ihrem ewigen Geprahle von irgendwelchen Neuanschaffungen und dem andauernd mies schaugespielten Postitiv-Sein, wenn ich verdammt nochmal negativ sein wollte, eben weil es eine beschissene Welt ist und eben deswegen, weil es keinen Sinn macht, sie schönreden zu wollen. Sie, diese Welt, ist eben wie sie ist, ohne Tatütata daran herumlobzuhudeln, das hab ich schon gefressen. Du alter Pessimist! Ruhe auf den billigen Plätzen. Mach die Zeitung auf, dann kapierst du, was ich meine.

Freunde! Pah! Das sind Menschen, sage ich, die dich nur dann einladen, wenn du von Nutzen bist für sie. Nicht unbedingt gleich materiell, aber potenziell, wenn sie einen Witzeerzähler brauchen, eine Lachnummer, einen billigen Star, der nix kostet, aber der seinen Beitrag für die Allgemeinheit leistet. Freunde, das sind solche, die dich nie von selbst anrufen würden, die dir aber vorwerfen, dass du sie nicht anrufst, wenn du sie eben anrufst. Freunde, das sind solche, die alles, was du machst, als selbstverständlich hinnehmen, denn selber würden sie ja noch viel tollere Sachen anstellen, das kannst du dir gleich hinter die Ohren schreiben.

Freunde sind welche, die dich klassifizieren, beurteilen, die dich genau kennen, die sofort wissen, wo deine Stärken liegen, vor allem aber deine Schwächen, die kennen sie genau. Solche sind das, die dir ins Gesicht sagen, was du besser kannst, denn die wissen das genauer als du selbst. Freunde sind solche, die schon bei Kleinigkeiten umfallen, wenn’s mal ein wenig schärfer hergeht. Selbst vertragen sie keine Kritik, aber kritisieren ständig an dir herum. Du musst eine Therapie machen, du musst dies und jenes tun, damit du … Das kennen wir ja zur Genüge. Aber selbst setzen sie keinen Schritt zur eigenen Veränderung ihrer Göttlichkeit. Eben deshalb.

Alleinsein, ach, das hat was! Befreiend! Läuternd! Wohltuend! Hoffentlich kommt heute niemand, ist ein alter Stehsatz von mir. Auf den bist du auch noch stolz, was? Geht dich nichts an! Kommt noch jemand? Nein? Dann kann ich ja ungestört in Unterhosen rumlaufen, super! So hab ich das gemeint. Der Gürtel spannt ja ohnehin bloß um die Leibesmitte. Und auf niemanden Rücksicht nehmen müssen! Ist das nicht überirdisch? Du bist emotional verflacht, sagen die! Dass ich nicht lache! Ein emotionaler Flachwurzler, der leicht umfällt. Unsinn! Pessimisten sind schon einmal anfällig für Einsamkeit.
Ich würde mich zu wenig mitteilen, sagen die. Zum Totlachen! Besonders, wenn es um tiefere Gefühle geht. So ein Schwachsinn! Wenn einer solche Persönlichkeitsstrukturen wie du aufweist, hat er Probleme mit Kontakten. So ein Schmarrn! Früher, da war ich ein ausgekochter Partytiger, das kannst du mir glauben. Da hat es kein Weibsstück gegeben, das vor mir sicher war. Sicher, ja, früher! Wir reden aber vom Jetzt. Jetzt! Jetzt! Darf ich nicht in Würde alt werden? Irgendwann ist der Zenit eben erreicht. Und dann geht’s bergab. Jetzt geht’s eben bergab. Und darum will ich auch meine wohlverdiente Ruhe haben.

Du machst es dir leicht. Hast du eine Ahnung! Viele Einsame sind auf der Suche und finden gleichsam Einsame. Danke, das fehlte mir noch. Einsam bin ich selber genug. Muss ich nicht noch auch im Doppelpack zelebrieren. Es gäbe Warnsignale, sagt man. Wer nicht darauf reagiert, fällt der chronischen Einsamkeit in die Hände. Ich bitte um eine solche! Angeber! Warte nur, bis du von einem anderen physisch abhängig bist, damit du dein Futter kriegst oder aufs Töpfchen gehen kannst. Stille.

Jetzt sachste nix mehr, gelle? Brummig. Muss ja nicht so weit kommen. Hähähä, es wird aber so weit kommen, verlass dich drauf. Da gibt’s Statistiken. Sterb ich eher vorher aus Trotz! So siehst du aus, genauso. Positiv denken ist angesagt. Positiv denken! Bei den Nachrichten? Schalte sie einfach nicht ein. Das geht nicht. Der Mensch muss wissen, was da draußen passiert. Das darf man nicht verdrängen. Dann ist dir nicht zu helfen. Die Scheiße da draußen dringt in dein Bewusstsein und macht mit dir, was sie will. Schon möglich. Dann ist es nur die Bestätigung dafür, dass es eben doch eine Scheißwelt ist. Dir ist nicht zu helfen! Eben, drum lass mich in Ruh! Gehörst du auch zu denen, die glauben, dass sie nichts ändern können? Sicher! Versuch’s mal als freiwilliger Helfer in einem Tierheim. Meine Einsamkeit ist ein ernsthaftes Thema, du solltest darüber keine Witze machen, ja? Du meinst als Vorstufe zum Altenheim? Ich brauch keine neuen Kontakte. Ich bin froh, dass ich die alten los bin.

Ein Unheilbarer! Du fürchtest die Zurückweisungen, richtig? Welche Zurückweisungen bitte? Na, bei neuen Kontakten. Ich sage dir doch, dass ich keine neuen Kontakte suche. Genau wie Miss Sophie! Ihr seid euch ähnlich, echt. Das ist eine Beleidigung. Ich bin keine neunzigjährige alte Jungfer. Das nicht, nein. Aber du solltest deine Perspektive ändern. Inwiefern? Nun, Miss Sophie hat immerhin ihren Butler James, mit dem könnte sie doch besser feiern als mit den vier nicht vorhandenen Freunden am Tisch? Ich habe aber keinen Butler James, mit wem sollte ich denn also saufen? Tja, das ist natürlich ein Problem, das seh ich ein. Trotz allem, Einsamkeit macht sonderbar. Und Sonderbare werden irgendwann entmündigt. Sind wir doch schon längst. Wie? Na, entmündigt. Wir sind ohnehin schon fast entmündigt. Schau dich um, Autos, die alleine fahren, Kühlschränke und Herdplatten machen sich bemerkbar, wenn wir ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken oder unnötig ihre (oder meine?) Energie verschwenden.

Die ganze Technik will uns insgeheim, was heißt insgeheim, die will uns bevormunden, besachwaltern will die uns, als ob wir bereits alle Idioten wären! Das sind – irgendwie Methoden, die uns umerziehen wollen. Erst waren wir froh, dass wir das Autofahren erlernt haben, und selbständig entscheiden konnten, was wir damit anfangen. Jetzt sprechen die Dinger bereits mit uns, sagen uns, warum wir wo ranfahren sollen, zum Ausrasten meinetwegen. Ständig beobachtet uns irgend so ein Mikrochip, ob wir auch das Richtige für ihn tun würden. Das ist doch krank? Kann ich die Karre nicht mehr allein lenken, ohne dass sich ein ferngesteuertes Männchen einmischt? Wen geht’s was an, wenn ich müde bin, verflucht? Andauernd will uns das Handy weismachen, was wir dringend benötigen. Der Zenit ist erreicht. Das Imperium schlägt zurück! Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los! Irgendjemand ist da immer, der alles besser weiß, was für uns richtig ist.

Ist das nicht brandgefährlich? Die machen uns an, die Dinger. Die pushen uns irgendwohin, keiner weiß wohin. Ist das die neue Moral? Ändern die unsere Gewohnheiten? Machen sie die zu den ihren? Versuch mal, dich nicht anzuschnallen, wie lange hältst du das nervige Gepiepse durch? Für deine Sicherheit – für deine Sicherheit! Ja, zum Henker, mach ich ja, aber auf meine Weise. Muss ja nicht gleich die Revolution ausbrechen, wenn ich ‘ne Minute mal nicht am „Schlauf“ baumle, nicht? Wir sollen alle brave Mitmenschen werden, die gesund essen, ordentlich Pipi gehen und alle Risiken vermeiden, die kostspielig werden, wenn’s nicht geklappt hat. Is’ auch fad, oder? Na gut, alle halten sich ja nicht an diese Ordnung.

Es gibt ja genug Junkies, Säufer, Sportler, Bergsteiger zum Beispiel oder andere Typen, Polizisten etwa, die tagtäglich ihr Leben riskieren, der eine auf diese Weise der andere eben auf ‘ne andere. Werd nicht politisch! Meinst du, da ist ein Plan dahinter? Naja, könnt ja sein. Ich sehe den entmündigten Konsumenten auf seinem ferngesteuerten Weg ins Leben. Die andere Seite bedeutet, irgendjemand sieht uns als Vollhirnis, die man ganz einfach leiten und lenken muss, weil wir unsere täglichen Risiken gar nicht oder nur unzureichend erkennen. Also, wenn ich denke, dass mich irgendein Gerät bevormundet, dann find ich das schon bedenklich, oder? Schließlich erzwingen die hernach irgendwelche Taten von uns, oder? Mittlerweile implantieren sie uns die Richtung, die wir nehmen sollen.
So weit sind wir schon! Manche finden das modern. Echt? Ich pfeif drauf, ehrlich! Dem Typen vor mir darf ich nicht mal in die Nähe kommen, wenn der mich nervt und nicht weitertut. Da kriegst du rasch ein Problem mit den Warninstanzen in deiner „Mühle“. Nicht einmal ein wenig Angst darf man dem Vordermann (der Vorderfrau) mehr machen. So weit kommt’s noch! So weit ist es schon! Vielmehr, ja. Springt nicht an, die Mistkarre, wenn sie spitzkriegt, dass du ein Bier intus hast. Bieg rechts ab, o Gott, du bist zu schnell, steig auf die Bremse, die Tür ist nicht zu, zu wenig Abstand, leg eine Pause ein, falscher Gang. Kann nicht sein, ist ja ein Automatic. Was soll denn das?

Und? Immer noch einsam? Dein Kühlschrank steht offen, pfeifpfeif! Ja ja, ich weiß, das Hühnchen wird hin! Der Stromverbrauch, vergiss das bloß nicht! Ist ja meine Stromrechnung. Wie bringe ich das Gerät zum Schweigen, lässt in mir Mordlust hochsteigen. Ich kann ohne das piepsende Mistding nicht mehr selbständig einparken, sagt mein Nachbar. Die Kerle bauen einfach alles ein, was ihnen gerade in den Kram passt. Innovativ ist das, sagen sie. Damit stehlen sie sich aus der sozialen Verantwortung, uns uns selbst zu überlassen. Die versuchen, unsere Gehirne auszuschalten, sag ich dir! Das sind Eingriffe in unsere geistige Intimsphäre. Das alles deckt das sogenannte Bedürfnis nach Freiheit. Freiheit? Stell ich mir anders vor. Wollen die mir letztendlich auch noch das Lenkrad aus der Hand nehmen? Das letzte bisschen Entscheidungsfreiheit wollen die mir nehmen, wie? Und gaukeln mir vor, wir bequem, wie verantwortungsvoll das alles sein soll.
Sie übernehmen gerne die Verantwortung für mein Fortkommen, wirklich! Dass ich nicht lache! Irgendwann werden sie uns das Selbstfahren komplett verbieten. Das war’s dann. Bubenträume (Mädchenträume nicht?) müssen umgeträumt werden. Ferrari ade, Jeep offroad aus, Ende. Matchboxmodell am Küchentisch und selbst Brumm-brummgeräusche dazu machen. Geh, mach mir keine Angst. Meinen SUV hab ich erst seit fünf Jahren. Lenkrad abgeben ist wie Löffel abgeben. Pessimist! Viel Vergnügen dabei! Sieh das wenigstens als Vorteil der Umwelt gegenüber, sich von uns verantwortungslosen Umweltsündern erholen zu können. Was jetzt? Ist doch schön. Alles so belebt. Immer noch einsam? Ach, lass mich in Ruhe!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17132

 

Verlangsamt suche ich nach dem Licht im Monde

Was hat er getan,
Was hat er getan,
Eine Kassette hängt im Abspielgerät
meines Körpers,
Chancen nicht vergoldet,
nur verlangsamt

Während du mir in das Ohr flüsterst,
kann ich dich finden,
Du schwarze Saat,
Tief in meinen Herzen,
Schließt gerne alle Türen

Finster bleibe ich am Sofa sitzen,
Monde suchen nach mir

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17105

Il Mare

Glanzlos liegst du mir zu Füßen,
und vertraulich umspülst du mir mit deinem Zungenschlag die Zehen,
ganz harmlos stellst dich mir dar, als sei dir an nichts anderem gelegen,
als weich gekräuselt einige leichtsinnige Sandkörner aufzuwirbeln.

Im Einklang zur abgleitenden Sonne stellst du dich dar,
spiegelst verzerrt ihren Strahlenglanz wider, nahezu unterwürfig,
als sei dir tatsächlich im Grunde etwas daran gelegen,
den windstillen Frieden der Abendrotstimmung teilen zu wollen.

Aber abgrundtief hasse ich dich,
mit all meiner Hassenskraft,
für diese eine windumtoste Nacht,
als du so gnadenlos zum Wellenschlag ausgeholt,

mir die Segel zerfetzt,
den Mast zerfräst, den Führerstand zerhackt,
mit unersättlicher Gier alles Greifbare in deinen Schlund gerissen hast,
in deine Tiefen abgesaugt, und auf deinem Grund in Ewigkeit vergraben.

Und darunter auch mein Schwesterchen,
das pechschwarze Haar zu unschuldigen Zöpfen geflochten,
die Augen angsterfüllt geweitet angesichts deiner Wucht,
und die Puppe Schutz suchend an die Brust geklammert.

Und umso mehr bin ich von grenzenlosem Hass zerfressen,
denn nie wolltest du mir ihren zarten Körper wieder preisgeben,
hast mich vergeblich Nacht für Nacht deine Weiten absuchen lassen,
nur ihre Puppe, die hast du mir achtlos an den Strand gespuckt!

Mehr als ein halbes Jahrhundert nunmehr vergangen,
ein ganzes Fischerleben darin aufgebraucht,
und nichts als deine sanfte Sandspülung
vermag mir lindernder den Gichtschmerz aus meinen Zehen zu ziehen.

Deine erhabene Größe der Formlosigkeit, deine Fassungslosigkeit,
die einem zwischen den Fingern zerrinnt, sobald man sie in Händen hält,
und deine Zeitlosigkeit, an deren Rücken alles zu Bedeutungslosigkeit schmilzt –
nur ich, in meiner Sterblichkeit, konnte nicht vergessen.

Denn nichts sei dir verziehen,
wütend halte ich die abgegriffene, verblichene Puppe in Händen,
jetzt, wo ich mit der lächerlich kleinen Jolle in dich ausgefahren bin,
gleich der Nacht wie damals, windumtost und wellenbrecherzersaust;

in der Hoffnung, in deinen Schnellen zwischen Skylla und Karybdis zerrieben zu werden,
in deine Abgrundtiefe gesaugt zu werden, dorthin, wo mein Schwesterchen ruht;
aber zum zweiten Mal hast du mich verraten, mich nochmals der Daseinslächerlichkeit preisgegeben,
indem du mich schiffbrüchig am schwarzen Strand des aschewerfenden Stromboli ausgespien hast –

verdammt dazu, an meinem eigenen Atem zu ersticken …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17098

Renoviert

Ich lebe und arbeite in Wien. Um präzise zu sein in der Innenstadt, also im ersten Bezirk.
Ich lebe und arbeite dort in einer geräumigen Wohnung, der eine Dachterrasse angeschlossen ist. Das Haus, in dem sich meine Wohnung befindet, ist alt, was die Bausubstanz anlangt, doch wurde es vor einigen Jahren aufwendig renoviert, sodass es durchaus als wieder schön bezeichnet werden kann. Die Wohnung steht in meinem Eigentum. Ich habe sie von meinem Vater geerbt, er war Manager in der Waffenindustrie und dementsprechend vermögend.

Man kann sagen, dass ich kein Problem mit Geld habe, denn mein Vater hat mir, nachdem er sich suizidiert hatte, eine Masse Geld hinterlassen.
Ich habe auch kein Problem mit Geschmack. In meiner modern eingerichteten Wohnung hängen Werke von Kippenberger, Büttner und Kiefer, um nur eine geringe Anzahl der Künstler zu nennen, deren Werke ich liebe und besitze.
Ich habe auch kein Problem mit der Politik, mit Frauen, Männern oder gar mir selbst. Eigentlich habe ich gar kein, nicht ein einziges, Problem.

Ich bin sehr gerne zuhause. Meine Ehefrau, sie ist im selben Alter wie ich, also dreiundfünfzig Jahre alt, hat ihre Karriere als Cellistin beendet und hält sich, so wie ich, die meiste Zeit in der Wohnung auf. An warmen sonnigen Tagen ist sie oft eingeölt auf der Dachterrasse anzutreffen.
Unsere beiden gemeinsamen Kinder, wir haben einen Sohn, er studiert Architektur und ist homosexuell, sowie eine Tochter, sie studiert Medizin und befindet sich seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr im Status der Mutterschaft, leben nicht mehr in Wien.

Von der Dachterrasse, welche meine Ehefrau gerne sardinenhaft eingeölt zu beliegen pflegt, habe ich klarerweise einen guten Überblick. Ich sehe, was sich in dieser Stadt verändert, welche Gebäude errichtet, welche abgerissen oder renoviert, und welche ausgebaut werden, also in die Höhe wachsen.
In der Straße, in der mein Wohnhaus gen Himmel ragt, wurde erst kürzlich ein Haus renoviert. Es wurde verschönert, was seine Fassade angeht, und um gleich drei Etagen aufgestockt. Die beiden ersten Etagen, vom Niveau der Straße ausgehend, werden von italienischen und französischen Modehäusern belegt, die sich dort Boutiquen eingerichtet haben. Die darüberliegenden Stockwerke werden als Büroräume genutzt, ein Buchverlag und eine Agentur für angebliche Models haben sich dort eingemietet. In den drei hinzugefügten, also den obersten Etagen befinden sich exklusive Wohnungen.

Die oberste Etage ist klarerweise die mit den exklusivsten, sprich teuersten Wohnungen. Dort wohnen sehr reiche Menschen. Die Renovierung und Aufstockung dieses Hauses hat, wie mir schnell bewusst wurde, eine Veränderung nach sich gezogen, und zwar eine offensichtlich ebenso andauernde wie irreversible.
Die Straße, in der mein Wohnhaus liegt, hat sich verändert, das Leben in der nächsten Umgebung meines Wohnhauses ist anders geworden, nur leider nicht besser. Ich bin geneigt festzustellen, dass der sprichwörtliche Charme dieser Straße verlorengegangen ist. Sie ist beinahe klinisch rein geworden.
Ich möchte ein Beispiel anführen: Vormals war es so, dass ein bestimmter Clochard stets vor dem kürzlich renovierten Haus gesessen, und oftmals auch gelegen hatte. Der Wechsel aus der sitzenden in die liegende Position dürfte ursächlich mit der Flasche Schnaps, die der Clochard niemals aus der Hand legte, in Zusammenhang gestanden haben. Ich habe ihm etliche Flaschen besten Vodkas geschenkt.

Ich trinke selbst nicht, keinen Tropfen, doch kann ich verstehen, wenn ein Mensch trinkt. Ich wollte, dass der arme Mann den besten Vodka trinkt, da ich stets und bei allem großen Wert auf Qualität lege.
Der Sandler hatte niemanden gestört – dort wo sich nun die Boutiquen befinden, hatten sich zuvor bloß ungenutzte Räume befunden. Um präzise zu sein, muss ich erwähnen, dass er doch einen Menschen gestört hatte. Ich wurde Zeuge, wie er eines Vormittages von einem Mitglied des Kameradschaftsbundes als Faulpelz und grässliches Element bezeichnet wurde. Dass der Mann ein Mitglied des Kameradschaftsbundes war, konnte ich bloß an dem Abzeichen erkennen, welches er an seiner Trachtenjacke befestigt hatte, denn der Mann hatte keine Fahne vor sich. Ich denke, dass der Grund hierfür die Frühe des Tages war. Dem Obdachlosen waren diese Anwürfe übrigens gleichgültig.

Nun sehe ich junge Frauen vor den Schaufenstern stehen und posieren. Sie stehen vor den Auslagen, tragen Taschen, die den in den Boutiquen feilgebotenen zum Verwechseln ähnlich sehen, und lassen sich von ihren Freundinnen mit Mobiltelefonen ablichten, wie sie stolz grinsend, als wären sie Stammkundinnen dieser Geschäfte, vor dem teuren Tand in den Auslagen posieren. Deren Scheiben sind stets blitzblank abgezogen, gleich ob eine Fliege sich auf ihnen verewigt oder eine Hummel vor ihnen posiert. Die Straße hat sich wahrlich verändert, das kann man schon so sagen.

An der Fassade des Hauses, das dem kürzlich renovierten gegenübersteht, lehnen oft junge Männer in abgewetzten Jacken und nicht maßgefertigten Schuhen. Sie tragen ihr Haupthaar bevorzugt halblang und ihre Bärte, so ihnen welche wachsen, haben die merkwürdigsten Formen. Es handelt sich offenkundig um junge, vielleicht sogar aufstrebende Literaten. Das ersehe ich aus der Tatsache, dass sie entweder lesend, rauchend oder in Notizheften oder auf losen Blättern Papier schreibend dort lehnen. Sie warten darauf, so scheint es, vom Leiter des Verlags in dessen Räumlichkeiten gebeten zu werden, um dort ihre großen schriftstellerischen Karrieren beginnen zu lassen.
Sind sie nicht in Papier vertieft, geben sie sich der Prokrastination, zugegeben einer schwachen Form derselben, hin, indem sie die jungen Frauen beim Posieren beobachten. Die Mienen der Autoren machen offenkundig, dass sie die jungen Frauen für durchaus interessant halten.
Ich, so sagt meine Ehefrau, setze stets dieselbe Miene auf, wenn ich eine Herde auf der Weide beobachte.

Ab und zu betreten Gruppen von jungen attraktiven Frauen das Haus. Bei diesen Frauen, meist osteuropäischer Provenienz, wie den vielen Worten, die sie wechseln, unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich um die bereits erwähnten angeblichen Models. Das Wort angeblich verwende ich aus Gründen der Diskretion, denn einmal hatte eine dieser Frauen ihre Handtasche fallen lassen und deren Inhalt lag verstreut auf dem Gehsteig vor dem kürzlich renovierten Haus. Ich eilte zu ihr, um ihr beim Einsammeln ihrer Habseligkeiten zu helfen und musste feststellen, dass ich die Kontrollkarte einer Dirne in Händen hielt. Ich habe es diskreterweise unterlassen, die junge Frau auf ihre Tätigkeit anzusprechen und nehme an, dass ihr mein Schweigen recht war.

In den neu hinzugebauten obersten drei Etagen, die sehr teuren Wohnungen Raum bieten, leben Menschen, die über sehr viel Geld verfügen. Das erkenne ich an den sündhaft teuren Automobilen, welchen diese Menschen entsteigen, um in das Haus zu gehen.
Sie haben es nicht mehr nötig, sich in Designeranzüge zu zwängen. Sie lieben vielmehr Sportanzüge aus Deutschland, deren obligatorische Streifen perfekt zu oligarchischem Goldkettenbehang passen. Diese Herren haben die Angewohnheit, ihre Töchter, manchmal auch ihre Enkeltöchter, stets an der Hand zu führen. Allerdings möchte ich erwähnen, dass diese jungen Frauen stets tipptopp gekleidet sind. Ich vermute, dass sie eifrige Kundinnen der Boutiquen sind, die unter den Wohnungen ihrer Großväter und Väter gelegen sind.
Wenn die teuren Autos dieser Herren vorfahren und ihre Besitzer aus ihnen steigen, räumen die vor den Schaufenstern posierenden jungen Frauen schnell den Gehsteig. Ich vermute, dass sie den reichen Herren, ihren Töchtern und Enkeltöchtern, sowie den diese stets begleitenden Gepäckträgern mit massigem Körperbau, kurz geschorenem Haupthaar, grimmigem Blick und ausgebeulten Sakkos Platz machen möchten, schlicht aus Freundlichkeit.

Die angehenden Autoren lassen sich nicht von den reichen Herren und deren Anhang beeindrucken, sie gehen weiter ihrer jeweiligen Beschäftigung nach.
Ich habe den Clochard gesehen. Er sitzt nun drei Straßen weiter vor einem ungenutzten Erdgeschoss. Ich habe ihm bereits eine neue Flasche besten Vodkas geschenkt. Ich habe erfahren, dass in der Straße, in der der Pennbruder nun sitzt oder liegt, eine Dachgeschosswohnung mit angeschlossener Dachterrasse frei wird. Ich muss mit meiner Ehefrau darüber sprechen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 17097

vollmond

nächtens sind bekanntlich alle katzen grau
und das gedächtnis funktioniert so schön ungenau.
leichtfüßig auf rutschigem drahtseil balancieren
und absichtlich die haltung verlieren.
aus der reihe tanzen und jemand fremdem in die arme fallen,
während andere die rechnung zahlen.
manche nennen es erfahrungen, andere fehler.
das morgenlicht holt sie jedenfalls aus dem keller.
die wahrheit schuldest du,
wenn überhaupt, deinem gegenüber.
der nächtliche mond steht jedenfalls drüber.

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17056

Drei Trug- und Wutgedichte

bonnie and clyde
als geistig verwandte,
brannte die leidenschaft mit mir durch.
aus angst vor dem, was da in mir entstand,
fand ich alleine ruhe in der flucht.

– – –

zerreißprobe
der kampf in mir
zwischen nähe und weite
zieht mich mehr und mehr in die breite, bis ich
ganz leise zerreiße.

– – –

zweifrontenkrieg
ich trete an der stelle
komme nicht vom fleck
versteck mich hinter mir, dir zuliebe
meine triebe melden sich zu wort und rebellieren
gegen wen gilt es den kampf zu verlieren?
gegen dich oder mich?

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17051

Tu felix Austria, arde!

„Jetzt reicht es mir, und zwar endgültig!“, rief Frieda Ponisch in den Raum und schlug die Wohnungstüre zu. Sie streifte ihre Schuhe ab und ging ins Wohnzimmer, wo ihr Ehemann Otto auf dem Sofa saß. Nach einem Begrüßungskuss, den sie auf seine Wange hauchte, ließ sie sich seufzend in einen der beiden Polstersessel fallen.
„Was ist passiert?“, fragte Otto und legte das Buch, in dem er gelesen hatte, auf den Couchtisch.
„Was passiert ist, willst du wissen? Ich sage dir, was passiert ist: Die Rotzlöffel haben heute das Maß vollgemacht!“
Mit Rotzlöffel meinte sie Egon Gruber und Manuel Berger, beide sechzehn Jahre alt und in der Klasse, deren Vorständin Frieda war und die sie in Biologie unterrichtete.
Nun seufzte auch Otto Ponisch. Er war es allmählich leid, die Übellaunigkeit seiner Frau ertragen zu müssen. Mindestens zweimal in der Woche kam sie aufgebracht nach Hause, und das seit drei Jahren, weil die beiden Buben ihr wieder einen Streich gespielt hatten.
„Jetzt sag schon: Was haben sie angestellt?“
„Heute waren sie nachgerade hyperaktiv. Das heißt, dass sie gleich zwei Missetaten begangen haben. Zuerst haben sie zwei Erstklässler drangsaliert. Und dann haben sie ein Video in Umlauf gebracht, in dem ich zu sehen bin. Ich sage dir: Nun ist es genug! Das gibt Krieg!“

Ihr Mann, Psychologe von Beruf, hob die Augenbrauen und sagte mit ruhiger Stimme: „Immer der Reihe nach, Frieda. Was haben sie den Erstklässlern angetan?“
„Du kennst doch die Herrentoiletten im Gymnasium, oder?“
„Ja, die kenne ich.“
„Also: Der Gruber und sein kongenialer Komplize Berger haben auf der Toilette darauf gewartet, dass sich zwei kleine Buben vor die Pissoirs stellen, um Wasser zu lassen. Und als die zwei bedauernswerten Wichte genau das gemacht haben, da sind die beiden verwöhnten Burschen hinter sie getreten und haben sie gepackt und zueinander gedreht!“
Otto Ponisch gab sich alle Mühe, nicht loszuprusten, jedoch vergeblich.
Irritiert blickte seine Frau ihn an und ätzte: „Ja, ja, dir gefällt das natürlich. Das war mir klar. Wahrscheinlich finden das alle Männer witzig.“
Er wollte auf ihre Worte eingehen, doch mehr als ein einleitendes „Nun“ brachte er nicht heraus. Der Rest ging im Gelächter unter.
„Du musst an die armen kleinen Buben denken! Die sind weinend und mit nassen Hosen durch den Gang gelaufen und haben nach ihren Müttern gerufen. Sie haben heute sicher den Schock ihres Lebens erlitten.“
„Also ich weiß nicht. Es wird ihnen schon noch Schlimmeres widerfahren, denke ich. Was hast du denn zu deinen beiden Quälgeistern gesagt?“
„Ich habe ihnen gesagt, dass das der letzte Streich war, den ich ihnen durchgehen lasse.“
„Ach ja? Und als Zugabe haben sie dich gleich nochmal geärgert, quasi um einen starken Abgang zu haben“, stellte er süffisant fest.
„Ja, das haben sie. Aber die Sache mit dem Video haben sie vorbereitet gehabt. So was braucht Zeit, vor allem dann, wenn man eine gewisse Qualität abliefern will.“
„Hast du den Film dabei?“
„Natürlich. Er ist auf der Pinnwand der Facebook-Gruppe der Klasse, und wahrscheinlich wurde er schon hunderte Male geteilt!“

Otto holte seinen Laptop aus dem Arbeitszimmer, schaltete ihn ein und reichte ihn seiner Frau, die sich einloggte und das Video anklickte.
„‘Friede Klonisch – wie sie wirklich ist’. Ein interessanter Titel“, sagte sie. „Das Video ist in drei Abschnitte gegliedert.“
„Nun lerne ich Frau Klonisch endlich so kennen, wie sie wirklich ist“, witzelte er.
„Der Vater von Gruber ist Videoproduzent. Ich bin mir sicher, dass sie dieses Machwerk in seiner Firma fabriziert haben. Aber sieh selbst.“ Sie reichte ihm das Notebook.
Das Video zeigte eine Frau, die an einem Tisch voller leerer Flaschen saß. Sie war offenkundig völlig betrunken, denn sie lallte und übergab sich letztendlich.
„Ich frage mich, wie sie es geschafft haben, mein Gesicht über das dieser Frau zu legen.“
„Psst! Lass mich schauen!“
Der zweite Teil zeigte Frieda im Klassenzimmer. Auf dem Lehrerpult hinter ihr stand ein ausgestopfter Uhu mit ausgebreiteten Flügeln. Sie stand vor der Klasse und hielt gestikulierend einen Vortrag. Im Video kamen allerdings bloß unflätige Worte aus ihrem Mund. Das Referat handelte von wenig befriedigendem ehelichem Beischlaf.

Als Otto Ponisch die seiner Frau in den Mund gelegten Worte vernahm, grinste er. Er klickte auf Pause und sagte: „Die Burschen sind gut. So etwas zu fabrizieren ist verdammt schwer. Sie haben dich im Unterricht mit ihren Handys gefilmt, was noch keine große Leistung ist. Aber das Schreiben einer Rede, deren Worte exakt zu deinen Mundbewegungen passen – also das ist wirklich hochkreativ.“
„Warte, bis du den dritten Teil gesehen hast. Dann weißt du, warum ich den Falotten den Krieg erklären werde.“
Otto klickte auf Play. Der letzte Teil zeigte eine nackte Frau beim autoerotischen Vollzug. Auch hier hatten Berger und Gruber Friedas Gesicht auf das der eigentlichen Darstellerin montiert. Als besonderes Detail hatten sie ein Foto von Otto, das sie von seiner Homepage heruntergeladen hatten, an die Wand des Studios, in dem die Szene vonstattenging, gezaubert. Aus beiden Seiten seines Kopfes ragten die Äste eines Hirschgeweihs, und das Foto war von einem geschnitzten Holzrahmen umgeben – Otto somit als Jagdtrophäe dargestellt.
Die Frau im Film äußerste schwer atmend und immer wieder heftig stöhnend ihre Zufriedenheit mit zwei Dingen. Zum einen mit der Tatsache, ihren Mann endlich um die Ecke gebracht und beerbt zu haben, zum anderen mit ihrem nunmehr erfüllten Liebesleben.
Im Abspann waren die Namen von zwei Regisseuren zu lesen: Oskar Pillermann und Radoslav Kuraz.

Otto Ponisch klappte den Laptop zu und lachte. Dann sagte er: „Okay, ein Lausbubenstreich, und weiter? Natürlich ist es eine Frechheit, so etwas ins Internet zu stellen, aber jeder, der dich kennt, weiß, dass das gefaked ist.“
„Das gibt Krieg!“, schnaubte sie und setzte ihre sturste Miene auf.
„Und wie soll dieser Krieg aussehen? Und wie ausgehen?“
„Na, die beiden Lausbuben müssen von der Schule fliegen!“
„Das würde ich nicht tun, Frieda.“
„Und warum nicht?“
„Was soll dann aus ihnen werden? So maturieren sie in zwei Jahren. Dir kann das doch egal sein.“
„Warum soll mir das egal sein?“
„Weil du in einem Monat in Pension gehst, Frieda.“
„Aber irgendwie müssen sie doch bestraft werden! Und so ein Rauswurf wäre ihnen sicherlich eine Lehre.“
„Wo soll das hinführen? Die Gefahr, dass sie dann auf die schiefe Bahn geraten, ist sehr groß. Wohlstandsverwahrlost sind sie ohnehin schon.“
„Ich kann den beiden aber nicht mehr gegenüberstehen, ohne dass sie bestraft worden sind. Das würde ich nicht aushalten!“
„Und wenn du den österreichischen Weg wählst?“, fragte Otto nachdenklich.
„Ohrfeigen?“
„Nein, Burnout.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 17038