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Irrenhaus in Hinterwald – Teil 1

Der Werwolf

Und es begab sich, in irgendeinem Ort, irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, trockengelegt und „zuasphaltiert“, wie alle Orte im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Eine Hauptschule, wie überall. Und doch nicht wie überall. Nein, wohl einzigartig. Fünfundzwanzig Knaben, in irgendeinem Klassenzimmer. Man schreibt das Jahr 1965. Mathematikunterricht. Kreidestaub liegt in der Luft. Ein hölzernes Dreieck am Katheder. Der Werwolf steht hinter einem Schüler. Eine Textaufgabe. Warum kannst du das nicht, du Trottel? Der Knabe zuckt mit den Schultern. Ja, ich weiß eh, weils d‘ blöd bist! Zack! Eine Ohrfeige. Der Knabe beginnt zu weinen. Was? Plärren auch noch? Doppelte Watschn. Eine sogenannte Hauswatschn, wie sie der Werwolf immer nennt.
Der Werwolf ist der Direktor. Der Knabe weint noch lauter als zuvor. Raus auf den Gang, dort störst niemanden, kommandiert der Werwolf. Der Knabe geht laut schluchzend vor die Tür. Der Werwolf beugt sich über einen anderen Schüler. Er kontrolliert die Rechnungen in seinem Heft. Der Lehrer stinkt aus dem Mund. Sein Sakko riecht stark nach Zigarettenrauch. Er hat gelbe Zähne. Die, die nicht gelb sind, glänzen silbern. Sie blinken, wenn er sein breites Maul öffnet. Beim Sprechen zieht sein Speichel vom Unter- zum Oberkiefer weiße Fäden. Ab und zu verzerrt er sein Gesicht zu einer Grimasse. Er verrenkt sich den Hals. Tut, als wäre ihm der Hemdkragen samt Krawatte zu eng. Dabei verschiebt er den Unterkiefer stark nach links. Mehrmals hintereinander. Immer dann, wenn er sich ärgert. Und er ärgert sich immer. Er ist sehr nervös.
Die Verrenkungen werden häufiger. Einer der Knaben schwitzt stark. Hör auf zu schwitzen, Schwitzerter!, befiehlt der Werwolf. Ein anderer will den Vorhang zuziehen, weil ihn die Sonne blendet. Lass den Vorhang in Ruh, Depperter, sei froh, dass dich die Sonn´ anscheint. Wenn s‘ dich nimmer anscheint, schaust du dir ohnehin die Erdäpfel von unten an. Er lacht als Einziger über seine eigenen Worte.
Dann sagt er, sich einem anderen Schüler zuwendend: Wenn du das nicht kapierst, du Trottel, dann wird´s nix mit´n Gymnasium. Sonderschul´ kannst gehn, wauns die nehman, Depperter. Dazu lacht er und erwartet, dass die Klasse mitlacht. Seine Silberzähne blinken im Sonnenlicht.

 

Das Frontschwein

Englischunterricht. Er war an der Afrikafront unter Rommel. Er hat einen fetten Hintern und einen feisten Wanst. Seine Zähne haben einen ausgeprägten Vorbiss. Die Augen quellen stark hervor. Sein kurzer Haarschnitt macht ihn einem Gorilla ähnlich. Sein Kopf zeigt entlang der Schläfen zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg immer noch die Spuren des Stahlhelms, wo dieser aufgesessen ist. Er hält zwei Vierziger-Lineale in der Hand.
Einer der Knaben kann die Vokabeln nicht. Neunzig Grad, brüllt der Veteran. Der Knabe muss sich über eine Schulbank in der ersten Reihe bücken. Der Englischlehrer legt beide Lineale übereinander und schlägt damit zwanzig Mal auf des Knaben Gesäß. Der Knabe wird rot im Gesicht. Kurz darauf beginnt er zu brüllen. Die Klasse sieht versteinert zu. Die Schüler atmen nicht. Erst wieder, als alles vorbei ist. Keiner möchte der Nächste sein.
Der Englischlehrer erzählt zum x-ten Mal denselben Witz. Ein Mann wird beschuldigt, einem anderen ein blaues Auge geschlagen zu haben. Der Beschuldigte beteuert, jener sei ihm in die Faust gelaufen. Die Klasse lacht. Weil sie muss.

 

Der Hunne

Physikstunde. Man kann ihn nicht so recht verstehen, den Hunnen. Er ist nicht von hier. Jemand macht leise mimimimimi. Von den hinteren Bänken hört man Lachen. Der Hunne springt von seinem Sessel auf. Kommst ausse, Bärschl!, schreit er. Soll heißen, Bursche, komm heraus. Eöööh, macht der Hunne, Bärschl, kumm aussssi! Der Hunne schnellt seinen Kopf in den Nacken und fistelt etwas mit hoher Stimme. Er zieht die Luft durch seine spitz gemachten Lippen, so als wolle er heiße Suppe schlürfen. Aber es soll bloß sein Entsetzen signalisieren, dass einer der Knaben es wagt, seine Autorität zu untergraben. Er hat eine Glatze und das Sakko spannt über seinem Bauch. Mimimimimi?, macht er, wööör waaagt es, den Löhrer zu beleidigen? Sein Kopf fällt abermals in den Nacken, er verdreht die Augen. Er läuft auf einen Schüler zu und packt ihn am Kragen. Mit hoher Stimme, wie ein Dummerl, auf Kindergartenmanier: Hast du es gewagt, hörst, den Lehrer nachzumachen?, fragt er den Erschrockenen. Wieder im hohen Fistelton und diesmal ganz schnell: Ist es erlaubt, den Lehrer nachzumachen? Ist es erlaubt? Immer wieder: Ist es erlaubt, den Lehrer nachzumachen? Öööööööööiiiiiiiiiiii? Haucht: Den Leeehhhhrer naaachzumachen? Sein Kiefer klappt dabei auf und zu wie bei einem Krokodil. Ist es gestattet, fügt er nahezu beamtisch hinzu, ganz schnell, überdeutlich artikulierend.
Der Junge wird rot. Nein, stottert der, nein. Der Hunne zieht den Knaben am Ohr, so lange bis der schreit. Eine Ohrfeige folgt. Dann noch eine. Eine dritte. Mimimimi, der Hunne diminuiert in den höchsten Tönen. Wagst du es, hörst, den Leeeehhhrer nachzumachen? Ganz schnell und stolpernd: Wagst du es, den Lehrer nachzumachen? Nein, stottert der Junge. Dann leise, ganz sanft im Ton, belehrend: genau. Niemandem ist es gestattet, den Leeeehrer nachzumachen. Lippen spitz, Kopf nach hinten geworfen. Ihn zu verspotten! Flüstert: ihn lächerlich zu machen. Noch leiser, singend: ihn vor allen zum Gespött zu machen. Eöööööh!, verhallt es.
Dann, ganz plötzlich, brüllt er: Geh Platz! Platz! Sitz!
Es ist mucksmäuschenstill in der Klasse. Er selbst aber setzt sich bedächtig auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Dort blättert er in seinen Lehrbüchern und beginnt nach einer kleinen Pause andachtsvoll, Kusslippen: Füüüüsiiiiik – meine Herren, ist eine ernsthafte Wissenschaft. Er hat den Kopf wieder ganz nach hinten gelegt. Dann, wie der Priester in der Kirche, salbungsvoll, oder als wolle er die Klasse vorm Dummsein erlösen: Ich zeige euch heute einen Versuch, nach dem Hitze einen Körper auuuuuuuusdeeeehhhnt. Haucht: Uuuund, ihr werdet seh´n, was für ein Wuuuuunder der Natuuuuur geschieht. Er verzieht seinen Mund, beinahe abschätzig.
Die Klasse ist gelangweilt, sieht den Versuch schon zum zwanzigsten Mal. Es ist er einzige, den der Hunne zu bieten hat. Einer zeichnet Micky-Mouse-Figuren in sein Heft. Andere dösen vor sich hin.
Der Hunne nimmt einen Bunsenbrenner, hält eine Eisenkugel, die an einer Kette hängt, kurz über die Flamme. In der anderen Hand hat er eine Stange mit einem eisernen Ring daran. Ehe er die Kugel noch mehr erwärmt, demonstriert er, wie die Kugel durch den Ring glatt hinein und wieder heraus geht. Er hält nun die Eisenkugel eine halbe Minute über die Flamme des Bunsenbrenners. Dann versucht er, sie durch das Loch des Eisenringes gleiten zu lassen. Erwartungsgemäß geht das nicht, das Metall hat sich durch die Hitze ausgedehnt. Die Kugel bleibt im Loch stecken.
Der Hunne tut, als wäre es das achte Weltwunder. Ääuuuu, ruft er, und verdreht seinen Mund, tut so, als wäre er selbst überrascht von seinem sogenannten Wunder der Natur und gebärdet sich, als hätte er den Versuch selbst entdeckt, beinahe so, als wolle er sich zu dieser Meisterleistung selber beglückwünschen.
Die Klasse lacht. Er runzelt die Stirn, wird hochrot und zornig. Du lochst?, schreit er den Erstbesten an. Du lochst, Bärschl? Locht den Lehrer aus? Eööööö, hörst! Lochst den Lehrer aus, der Bärschl? Der Kerl locht den Lehrer aus, flüstert er für sich, aber hörbar für alle. Wieder eine Ohrfeige, die knallt. Lautes Weinen. Der Knabe darf sich setzen.
Langsam beruhigt sich alles wieder. Der Hunne sieht siegessicher in die Runde. Er geht, die Hände hinterm Rücken verschränkt, in der Klasse auf und ab. Er bewegt seine Lippen, als ob er leise mit sich spräche. Keiner wagt sich zu bewegen. Da bleibt er stehen. Sieht jeden der Schüler ganz genau an. Dann fragt er plötzlich, was denn jeder einzelne zu werden gedenke. Maler. Maurer. Gärtner. Einer sagt, Arzt. Der Hunne flötet eööööh, Herr Doktor! Herr Doktooooor! Eöööööh! Sechchchchzehn Wissenschaften, zischt er mit breitem Mund, und er reißt beide Hände hoch in die Luft. Dann beginnt er, diese aufzuzählen, mit hoher Stimme, den Kopf im Nacken, gespitzten Lippen: Physiiiiiik! Chemiiiiee! Und jedes Mal wirft er seinen Kopf wieder und wieder in den Nacken und quiekt wie ein Schwein, Anatomiiiiiie! Dann macht er einen Katzenbuckel. Bärschl, sechchchzehn Wissenschaften! Dann ganz schnell, hoch und mit spitzen Lippen: Physiiiik, Chemiiiiiie, Füüüüsiologiiiiie, Anatomiiiii….

 

Der Boxer

Wenn er spricht, ist es, als grunze ein Seelöwe. Er kann kein r ohne das ch dabei zu bemühen sprechen und begnügt sich ganz hinten im Rachen mit einem kehligen ch, welches dem r ähnlich sein möchte. Stenografie soll es sein, was er unterrichtet. Eine Zusatzprüfung berechtigt ihn dazu. Er ruft einen Namen auf: Duuuu daaaa, kchommmmm herchchchcchaus, und fixiert den Schüler mit stechenden Augen, der gemeint ist. Na, kchomm, lauf, rasch, geh geh geh geh! Er lacht dabei, steht auf, geht in die Knie, lässt die Schultern tief hängen und wippt dabei mit den Beinen wie ein Affe, der nach einer Banane giert. So, als wolle er ihn anfeuern, rascher nach vorn zu kommen.
Dann beginnt er, mit übertriebener Lautstärke, einen seiner zahllosen Sätze, die nie vollendet werden.
Der Knabe stellt sich neben die Tafel. Der Boxer grunzt, es klingt, als müsste er sich übergeben: Heute wollen wia – a – heute wollen – a- wia – wia wollen heute – a- heute wollen – a- wia, (das r entfällt ohnehin) – über – die- a- heute sprchchechen wia über – Er mustert den Schüler von oben bis unten. Hm!, grunzt er. Setzen! Der Schüler geht wieder zu seiner Bank. Dann plötzlich: Duuuuu da! Da hinten! Kchommmm herchchchaus! Dann wieder sanft im Ton. Geh na her da! Kchomm kchomm! Lauf! Rchenn! Gehgehgehgheghe! Sagggge mir, was du gelerchnt hast. Er legt den Kopf schief. Der Schüler ist verschüchtert. Schreib! Schreib auf! Lacht, chachacha.
Der Boxer liest einen Satz aus dem Lehrbuch. Der Junge nimmt ein Stück Kreide und versucht, das Diktierte stenografisch auf die Tafel zu bringen. Die Narchchchen sind jene, die anderche nicht aussprchchechen lassen. Da ist ein Kürchzel! Der Knabe zögert. Weiß ea nicht! Setzen! Pintsch! Pintsch heißt Nichtgenügend.
Der Schüler begibt sich wieder in seine Bank. Der Boxer steht vor einem Schüler. Er schnellt seine geballte Faust bis kurz vor dessen Brust und macht mit der Hand dabei eine Drehbewegung. Wenn dich dea getrchoffen hätt´, hmhmhm, lacht er. Was ist ein Hendiadyoin, fragt er einmal, wobei das oin ungefähr so klingt: oooooiiiiiiihn. Ein Schüler antwortet, ohne zu zögern: eine Legehenne. Die Klasse lacht. Es ist ein Hilfsausdrchuck, du blödes Rchhinozerchos, grunzt der Boxer. Hättest du geschwiegen, brummt er, wäarchst du Philosoph geblieben, so aber bist du nur (das r gurgelt irgendwo hinten in der Kehle) ein archmer Narrchch! Die Klasse bleibt stumm.

 

Der Blumendoktor

Naturgeschichte. Heute sagt man Biologie dazu. Einer der Knaben steht an der Türe und hält Wache. Er kommt, ruft er. Ein anderer stellt den Papierkorb auf die andere Seite des Waschbeckens. Der Blumendoktor kommt rauchend den Gang entlang. Alle glauben, er wäre neunzig, so alt und vergilbt sieht er aus. Er ist aber erst fünfundfünfzig. Wenn er die Klasse betritt, macht er eine Drehbewegung in Zeitlupe und wirft er die Kippe in den Papierkorb. Immer dasselbe Ritual. Diesmal wirft er daneben, der Papierkorb steht auf der anderen Seite. Er verzieht seinen ausgetrockneten Mund hühnerpopoartig zu einem runzelig runden Ding und sagt trocken: Heb das auf! Ein Knabe springt hinzu und hebt den Zigarettenstummel auf, wirft ihn in den Papierkorb.
Der eigentliche Unterricht beginnt immer erst dann, nachdem der Blumendoktor die stinkenden Pelargonien an den vier Fenstern entlaust, gegossen und die dürren Blätter entfernt hat. Meist dauert die Prozedur eine halbe Stunde. Dann wird gedüngt. Wenn einer der Knaben etwas nicht weiß, wenn ihn der Blumendoktor etwas fragt, verzieht dieser seinen Mund zu einem Grinsen und trägt, mit verzerrter Miene, eine Fünf in sein kleines grünes Notizbuch ein. Erwischt er einen beim Schwätzen, setzt es eine ordentliche Ohrfeige. Auch zieht er die Knaben an den kurzen Haaren an der Schläfe hoch, so lange, bis sie laut zu schreien beginnen. Dann macht er wie immer seinen Hühnerarschmund und lächelt zufrieden. Die Erziehung scheint wieder einmal gelungen.

 

Der Lord Major

Geschichte. Er ist ein großer, schwerer, dicker Mann in einem Salz- und Pfeffer-Anzug. Das ist sehr modern. Er trägt immer Anzug und läuft manchmal aus der Klasse, wenn ihn der Schulwart zum Telefon holt. Er ist der Lord Major und ungemein wichtig. Oft fällt die Stunde wegen dringender Erledigungen ganz aus. Geschichte ist ein sehr wichtiges Fach.
Der Lord Major duftet immer nach Parfüm. Er erklärt den staunenden Schülern, warum man in diesem Land das Heer brauche. Nämlich tann, (und er sagt immer hartes t, dort, wo ein weiches steht, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat). Tann näähmmlich, (sic!) (auch die Ems werden verdoppelt) sagt er, wenn ein Fluckzeuck über Össterreich (sic!) flickt, (seine Ges sind immer Kas) (eben dann, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat) und eine Pompe fallen lässt, tann müssen wirr (sic!) uns verteiticken. Tazu prauchen wir tass Puntesheer, meine Herren, fügt er hinzu.
Alle denken, er ist ein sanfter, friedlicher Mensch. Er hat so etwas Väterliches. Schließlich ist er der Lord Major und für alle da. Als der Schwitzer einmal nicht bloß schwitzt, sondern einmal schwätzt, beobachtet ihn der Lord Major schon die längste Zeit. Er hält den Schülern einen Vortrag darüber, wie gütlich er alles im Leben zu lösen pflegt, wenn es irgendwelche Probleme gibt. Schlagen, sagt er, und streckt seinen riesigen Bauch nach vor, Schlagen, nein, tass tu ich nicht! Dazu macht er mit der rechten Hand so hin und her eine ablehnende Bewegung. Kurz darauf fängt der Schwitzer zwei saftige Ohrfeigen von ihm, weil dieser noch immer nicht zu schwätzen aufgehört hat.
Der Schwitzer ist ganz rot an den Ohren und weint. Kürzlich ist man mit der ganzen Schule ins Kino des kleinen Ortes gewandert. Der Lord Major hat der Klasse zuvor den Film erklärt, den man sich ansehen will. Es ist ein Film mit Scharly Schoplään, (sic!) wie der Lord Major sagt, Goldrausch, und er spielt in Alaska. Da ja auch Geografie sein Fach ist, erklärt er lang und breit, wo Alaska liegt und tass tort tass ewige Eiss sei. Einmal konnte einer der Schüler in der Nacht nicht schlafen und er hat zum Fenster auf den Hauptplatz hinausgesehen, mitten in der Nacht. Da ist ein großer Hund in der Parkanlage herumgegangen. Aber es war kein Hund, es war der Lord Major, betrunken, auf allen Vieren.

 

Der Richthofen

Seine Fächer sind Deutsch und Turnen. Er spricht nur mit den Mädchen nett. Die Burschen, manche schon in der Vierten und einen Kopf größer, kriegen auf dem Gang eine Watsche von ihm. Es gibt immer einen Grund für eine Watsche. Man braucht bloß einen Hausschuh vor sich her zu schießen, wenn einer herumliegt. Der Kamikaze ist sehr schlank und bewegt sich elegant. In den letzten Kriegsmonaten war er ME 109 – Flieger. Damals war er siebzehn Jahre alt. Und er hat einen Flugplatz gegründet in der Gegend. Einen Flugplatz für Sportflugzeuge. Er ist stets gut gekleidet, mit maßgeschneiderten Sakkos und so. Er hätte in einem Fliegerfilm eine gute Figur gemacht, sicherlich. Diese Klasse hatte ihn nicht als Lehrer. Aber man kennt ihn vom Gang her, und wie er so ist.

 

Churchwarden

Er hat beim letzten Ball einen Rekord im Harte-Eier-Essen gebrochen. Man sagt, es wären zwanzig gewesen. Auf dem Ball betritt er die Tanzfläche, sieht sich um und sagt dann zum Kellner: Gib dem dort was zum Fressen, und dem auch. Er meint den Baumeister und den Bürgermeister. Hochwürden hat eine imposante Figur. Einer der Schüler hat eine goldene Uhr zur Firmung bekommen. In der Klasse sitzt er in der letzten Reihe mit drei anderen. Sie haben ziemlich Spaß, denn Religion ist fad. Da kommt ein Stück Kreide geflogen und trifft das Uhrglas der neuen Uhr, die Datumsanzeige hat. Das Glas zerspringt vom Aufprall. Hochwürden schickt den Schüler gleich in der Stunde noch zum Uhrmacher. Der Vater des Schülers ist Schuldirektor. Vor dem hat Churchwarden ziemlich Respekt, weil er auch an dieser Schule unterrichtet. Und der Schüler hat Glück gehabt. Normalerweise wirft Churchwarden mit dem Schlüsselbund. Auf seine Rechnung, wie er sagt, beim Uhrmacher, nicht vergessen! Wenn Churchwarden am Nachmittag seine Runden dreht, kehrt er manchmal im Geschäft eines der Eltern eines Schülers ein. Der Schüler weiß sofort, was er will. Er betritt den Verkaufsraum von hinten her und sagt zu seiner Mutter: Kommt er schon wieder betteln, der blade Pfaff? Churchwarden hat das wohl gehört. Das reizt den Pfarrer und in einer der nächsten Stunden schreit er dann den Knaben an: Lausbube, ich zeig dich an! Niemand traut sich zu lachen, denn Churchwarden ist hochrot. Und immer, wenn er hochrot wird, ist mit ihm nicht gut Kirschenessen. Sein Vorgänger hat während der Messe immer betont, dass er heute im Klingenbeutel ausschließlich Scheine sehen will, und nicht bloß Münzen. Der ist auch immer hochrot geworden, wenn er in der Predigt über die Sünder hergezogen ist. Der Vorgänger hat auch das Eislaufen vor dem Schulgebäude am Nachmittag, wenn Kindermesse war, verboten. Das hat dem Schuldirektor nicht gepasst und er hat sich beim bischöflichen Ordinariat beschwert. Wutschnaubend, hat er geschrieben, hätte der die Kinder vom Platz vertrieben. Es kam zu einer Klage. Der Schuldirektor musste tausend Schilling zahlen, weil er wutschnaubend geschrieben hatte.

 

Homo Politicus

Er ist groß, und stark, und hat eine gewaltige Stimme. Und er ist scheint´s immer schlecht gelaunt. Er schimpft mit den Buben. Die kriegen auch ihre Watschen. Die Mädchen verschont er. Schlechte Schüler haben einen schweren Stand bei ihm. Für alle anderen gilt, ihn bei Laune zu halten. Das heißt, so tun, als verstünde man alles, was er sagt.
Gleichungen kann er besonders gut, mit einer oder zwei Unbekannten. Darum darf er auch im Gymnasium unterrichten, weil es zu wenig Akademiker gibt. Er gibt nur Gleichungen auf, aber er ist zu Höherem geboren. Irgendwann geht er in die Politik. Ich habe es nicht nötig, mit meiner guten Bildung bei euch Idioten zu sitzen, sagt er. Die Klasse döst vor sich hin. Der Politiker droht immer. Täuscht euch nicht, meine Herren, sagt er dann. Täuscht euch nicht. Er meint, die Klasse nehme seinen Stoff auf die leichte Schulter.
Einmal fragt ihn der Direktor, und wie ist das da, im Parlament? Musst du nicht hin und wieder eine Rede halten? Nein, sagt der Politiker. Er muss nur an der richtigen Stelle die Hand aufheben. Und er ist für die nächsten Jahre vom Unterricht karenziert und bekommt sein volles Gehalt als Lehrer. Auch mit Fortschreitungen.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: anno |Inventarnummer: 15127

Von Münze und Zigarre III

Die Donau ruhte wie eine große, weiße Schlange in der Stadt, dieselbe entzweiend.

An ihren Ufern stand ein Junge mit einer Zigarre im Mund. Schwer hing sie ihm zwischen den Lippen, die streng er zusammenzwickte (dabei auch sein rechtes Auge unwillkürlich zugedrückt war). Seinen Blick setzte er auf der gegenüberliegenden Seite aus. Dazwischen: Fluten silberner Strömungen, die all den Schmutz hinab gen Süden und irgendwann weiter gen Osten spülten – irgendwohin.

Bäh, entkam es dem Jungen mit der Matrosenmütze auf einmal und erlöste seinen angespannten Mund von der durch seinen angesammelten Speichel befeuchteten Zigarre. Eigentlich bräuchte ich Feuer, meinte er zu sich selbst und überlegte, woher er welches bekommen könnte. Vor ein paar Monaten wäre das noch kein Problem gewesen, erinnerte er sich und spähte weiter hinüber.

 

Eine Brücke verband die beiden Seiten der Stadt miteinander. Sie hatte die schwere Zeit der letzten Jahre überdauert – als eine der letzten.

 

Ein kleines Mädchen mit einer Fliegerkappe am Kopf überquerte gerade dieselbe. Von dem Friedhof seiner Eltern zurückkehrend, war ihm der Junge mit der Matrosenmütze schon von weitem aufgefallen. Als es losgegangen war, hatte der Junge noch nicht dort gestanden.

            Wie eine Statue kam er ihm vor, aber als der Blick desselben den seinen traf, entstand eine zweite Verbindung zwischen den beiden Ufern des reißenden Stroms.

            Neugierde wurde geweckt.

 

Und so kam es, dass sich das Mädchen mit der Fliegerkappe und der Junge mit der Matrosenmütze begegneten …

„Was machst du da?“, fragte das Mädchen mit der Fliegerkappe.

„Ich sehe hinüber“, antwortete der Junge mit der Matrosenmütze, ohne sich ablenken zu lassen.

„Und warum tust du das?“, fragte das Mädchen weiter.

Der Junge überlegte kurz, wunderte sich, weshalb ihn die Sonne auf einmal so blendete und erwiderte: „Ich weiß auch nicht.“ Dann hob er erneut die Zigarre an, und steckte sie sich in den Mundwinkel. Abermals verzog diese Geste sein halbes Gesicht.

Das Mädchen kicherte: „Was ist das denn?“, erkundigte es sich.

„Luxus“, meinte der Junge.

Daraufhin beäugte das Mädchen die Zigarre genau und, nachdem es mit dem Prüfen fertig war, entgegnete es: „Wirklich? Ich glaube nicht, dass das Luxus ist“, – jetzt hob es seine Silbermünze hoch und demonstrierte sie stolz – :„Das ist Luxus!“

Da wandte der Junge mit der Matrosenmütze endlich seinen Blick vom gegenüberliegenden Ufer ab und musterte das Dargebotene: „Und wenn schon“, erwiderte er, seinen Neid unterdrückend, während er die abermals zu schwer gewordene Zigarre aus dem Mund nahm. „Dann ist sie eben alles andere.“

„Alles andere?“, fragte das Mädchen erstaunt wie verwirrt: „Was bedeutet das?“

„Weißt du, dass du nervst?“, reagierte der Junge und warf seinen Blick erneut hinüber: „Sie ist bloß kein Luxus, weil ich kein Feuer habe.“

„Feuer?“, wiederholte das Mädchen mit der Fliegerkappe sich wundernd: „Feuer ist gefährlich“, resignierte es, da es ihn an den Tod seiner Eltern erinnerte. „Ich habe Feuer!“, fiel dem Mädchen da ein, woraufhin es seine Streichholzschachtel hochhielt, entzückt.

Der Junge traute seinen Augen kaum.

„Damit kann man Feuer machen!“, freute das Mädchen mit der Fliegerkappe sich.

„Ich weiß!“, sagte der Junge mit der Matrosenmütze: „Gib sie mir!“, verlangte er.

„Aber die habe ich mir verdient“, verteidigte sich das Mädchen und hielt die Streichholzschachtel schützend an seine Brust: „Ich musste dafür arbeiten.“

„Und für die Münze nicht?“, konterte der Junge.

Das Mädchen aber schüttelte den Kopf: „Die gab’s geschenkt.“

„Wie-auch-immer“, meinte er: „Gibst du sie mir jetzt, oder nicht?“

Das Mädchen überlegte.

„Wenigstens ein Streichholz?“, versuchte es der Junge.

Sein Gegenüber lächelte und nickte schließlich.

Immerhin hatte es ja sieben in seinem Besitz.

Nachdem das Mädchen mit der Fliegerkappe dem Jungen mit der Matrosenmütze eines der sieben Streichhölzer geschenkt hatte und denselben nach wiederholtem Hin und Her dasselbe  auch an der Schachtel entzünden ließ, hielt der Junge das brennende Streichholz selbstsicher an seine Zigarre, die wieder in seinem Mund steckte. Kurz glühte das Ende, dann erstarb das rote Leuchten abrupt, gleichzeitig erlosch auch das Streichholz.

„Hat es funktioniert?“, wollte das Mädchen mit der Fliegerkappe, das den gesamten Vorgang gespannt mitverfolgt hatte, wissen.

Der Junge besah die Zigarre, drehte und wendete sie, und kam rasch zu dem Schluss, dass es nicht funktioniert hatte. „Gib mir noch eins“, erwiderte er nur.

Das Mädchen jedoch verzog das Gesicht: „Nein“, entgegnete es: „Du hattest schon eines!“

„Na und? Das hat eben nicht funktioniert. Ich brauche ein anderes“, erklärte ihm der Junge und griff nach dem Mädchen. Dasselbe wich mit einem entschlossenen „Nein!“ zurück.

Der Junge resignierte, wandte sich ab, dachte nach. Irgendwann meinte er: „Aber deine Streichhölzer sind ohne meine Zigarre nutzlos.“

Das Mädchen musterte ihn forsch: „Aber deine Zigarre ist ebenso nutzlos ohne meine Streichhölzer“, konterte es.

„Richtig. Lass‘ uns also um das Eine wie um das Andere spielen“, schlug der Junge listig vor.

„Und wie?“, wollte das Mädchen wissen.

„Ganz einfach. Du besitzt doch diese Münze“, sagte der Junge und wies auf dieselbe in der Hand des Mädchens hin: „Wir werfen sie und wetten. Kopf oder Zahl. Der Gewinner erhält den Besitz des anderen.“

Das Mädchen erwog das Risiko. Schließlich meinte es: „Und meine Münze?“

„Die interessiert mich nicht“, erwiderte der Junge schlicht.

Und damit waren sie beide einverstanden.

Die Besitztümer wurden weggesteckt, die Silbermünze blieb das Einzige in der Kinder Hände.

„Ich möchte werfen“, wandte der Junge mit der Matrosenmütze zuletzt ein.

„Nimm sie mir aber nicht weg“, entgegnete das Mädchen mit der Fliegerkappe, und überreichte die Münze.

„Nun gut“, läutete der Junge das Ritual ein: „Ich werfe, du sagst an. Kopf oder Zahl?“

Kopf“, entschied sich das Mädchen mit der Fliegerkappe aufgeregt.

Die Donau rauschte – der Junge warf.

Elegant hatte er sie mit seinem Daumen hochgeschnippt – die Technik war ihm von seinem Großvater bekannt gewesen – nun drehte und drehte sich der Silberling in der Luft wie ehemals das Riesenrad im Prater oder die Schallplatte im Keller der Franzosen. Gebannt folgten die Blicke der beiden Kinder seinen Weg hinauf und wieder hinunter, als der Junge mit der Matrosenmütze sie auf einmal schnappte und auf seinen Handrücken klatschte. Vorsichtig hob er die Hand, die Münze trat hervor ins Licht …

Das Ergebnis lautete: Zahl.

„Hab‘ ich gewonnen?“, erkundigte sich das Mädchen gespannt.

„Nein“, erwiderte der Junge: „Deine Wahl war Kopf. Damit ist meine automatisch Zahl“, erklärte er: „Ich habe gewonnen“, endete er stolz: „Deine Streichhölzer gehören mir.“

Das Mädchen mit der Fliegerkappe begegnete dem Jungen mit der Matrosenmütze mit einem bösen Blick: „Das ist nicht fair“, sagte es beleidigt: „Sie gehören doch mir.“

„Jetzt nicht mehr“, bestimmte der Junge: „Du hast sie in einem fairen Spiel verloren.“

„Das war kein Spiel, sondern Zufall“, jammerte das Mädchen und holte widerwillig die Streichholzschachtel hervor.

„Zufall ist fair“, erläuterte der Junge bloß.

„Zufall ist Chaos!“

„Chaos ist fair.“

Das Mädchen sah mit Tränen in den Augen auf die Stadt hin, die blind ihren Blick erwiderte. Dann reichte es dem Jungen mit der Matrosenmütze die Streichholzschachtel, die gerne und hastig entgegengenommen wurde.

„Jetzt ist Zeit für Luxus“, freute sich der Junge, die kühle Luft der Donau aktiv einatmend. Erst nach einigen Augenblicken des Verweilens, kehrte er sich ein letztes Mal zu dem Mädchen mit der Fliegerkappe um, um ihm zu sagen, dass es fortgehen solle, da es nun störe.

„Luxus ist das sicherlich nicht“, schniefte daraufhin das Mädchen.

„Das ist mir egal“, erwiderte der Junge mit der Matrosenmütze nur.

Und das Mädchen, in Tränen ausbrechend, lief davon.

Wohin das Mädchen mit der Fliegerkappe jetzt auch lief, ein wahres Entkommen vor dem Kreislauf der Dinge schien mit jedem weiterem Schritt unmöglicher zu werden.

Die Szene endete.

Zuletzt bloß verzog sich das ruhige Gesicht des Zurückgebliebenen unter der Matrosenmütze zu einem Lächeln. Denn in des Jungen Hand befand sich immer noch die Silbermünze.

Das Mädchen mit der Fliegerkappe hatte sie einfach vergessen, oder sie war ihm nicht mehr wichtig gewesen.

Triumphierend zückte er nun eines der verbliebenen sechs Streichhölzer aus der gewonnen Schachtel, bereit einen weiteren Versuch zum Entfachen der Zigarre zu wagen, und griff in seine Tasche, um dieselbe hervorzuholen.

Die große, weiße Schlange vor ihm züngelte harsch, denn zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass die Zigarre fort war.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15110

Von Münze und Zigarre II

Ein kaltes Nieseln wusch Wiens letzte Farben dessen Straßen hinab, Straßen, die ehemals große Geister auf ihrem Weg zum Ruhm bewandert hatten, heute jedoch nirgendwo mehr hinführten. Kleinere Gestalten schlichen nun umher, die Nasen rümpfend, pendelten sie rastlos zwischen den Gebäuden, um Unterschlupf in Häusern zu finden, deren Erbauer längst vergessen waren.

Manch einer war sicherlich an dem alten Keller vorbeigekommen, jenem jenseits des Praters, aus dem man an manch so grauem Tag manch einem Musikspiel lauschen konnte. Niemand aber hätte jemals auch nur gewagt, einen Fuß auf die hinabführenden Ziegelstiegen zu setzen, in ein Reich fernab von all den Kümmernissen dieser Stadt – ja so bescheiden war Wien -, dasselbe nun erfüllt war von goldenem Jazz:

Ehemals der Schlupfwinkel einer amerikanischen Runde, die entweder den Weg in ihrer Trunkenheit nicht mehr gefunden hatte oder abgerüstet war, nun die Herberge eines französischen Stammtisches, der sich täglich um die Dämmerungszeit dort einfand, um sich in der amerikanischen Idee von Wien, die beseelt von schrillen Trompetentönen, einzulullen.

Ursprung dieser Musik war eine sich immerwährend drehende Schallplatte, die ein Liebhaber des schwarzen Jazz vor der Besatzung von Übersee hatte mitgehen lassen. Dieselbe drehte und drehte sich, und noch ehe sie zu Ende gespielt war, hob ein kleines Mädchen mit einer Fliegerkappe auf dem Kopf – das es sich für ein Streichholz pro Wiederholung zur Aufgabe gemacht hatte – die Nadel und setzte sie behutsam am äußeren Rand der Platte ab, damit die Musik von vorne beginnen konnte und die Zeit niemals stillstand.

…. ein kurzes Scharren wälzt sich aus dem Grammophon. Für einen Moment scheint das Herz des Kellers aufhören zu schlagen. Und nach der mächtigen Stille erklingt er wieder: Der Jazz. Und wieder. Und wieder …

Das Mädchen mit der Fliegerkappe hatte ein neues Streichholz verdient.

Einem der Franzosen musste die gewissenhafte Arbeit des kleinen Mädchens aufgefallen sein, denn, sich aus seinem Qualm erhebend und seine übrigen Kameraden verlassend, wankte er ihm entgegen – in die Mitte des kühlen Kellers mit den säftelnden Wänden, wo das dort aufgebaute Grammophon vor sich hin trällerte.

„De tous mes disques, celui-ci est mon préféré“, nuschelte er, den Blick zwischen dem Mädchen und der sich weiterdrehenden Platte pendelnd: „Tout Vienne devrait les entendre“, meinte er mit wirbelnden Händen: „Tout Vienne – enivré!“

Das Mädchen mit der Fliegerkappe sah den angeregten Franzosen verdutzt an. Sie verstand kein Wort.

Der trunkene Mann hingegen lachte, amüsierte sich und lallte weiter: „Tout Vienne peuvent aller se faire voir. Le jazz reste ici. Il est à moi“, – verächtlich blickte er zu den Übrigen hinüber-: „Mais ne le dis pas à ceux-là.“

„Merci“, erwiderte das Mädchen mit der Fliegerkappe. Es war das einzige Wort, das sie auf Französisch kannte. Gerade eben war es ihr wieder eingefallen.

Der Franzose fand dies unglaublich lustig, lachte laut und zückte nach Abschwellen seines Lautpegels entzückt eine Silbermünze: „Regarde, ma fille, c´est pour toi“, sagte er und drückte dieselbe etwas ungeschickt in die kleine Hand des Mädchens: „Fais attention à ne pas être volée.“

Das Mädchen mit der Fliegerkappe beäugte die im schummrigen Glanz der alten Lampen schimmernde Münze und wiederholte überrascht: „Merci.“

Der Franzose lächelte kurz und, als seine Kameraden nach ihm riefen, zog er friedlich ab.

Das Mädchen mit der Fliegerkappe hingegen blieb vergnügt sitzen – seine Augen leuchteten, die zierlichen Finger umwanden die Münze, irgendwann hielt es sie an seine Brust. Mit einem Schlag gewann das wenige Silber an mehr Wert als all die Streichhölzer, die das Mädchen mit der Fliegerkappe jemals verdient hatte. Bereits vergaß es, dass ihm noch zwei schuldig waren.

Aber wozu auch darüber weiterhin den Kopf zerbrechen?

Silber! Echtes Silber!

„Scher‘ dich jetzt fort. Ich habe keine Streichhölzer mehr!“, schimpfte jemand plötzlich lautstark hinter der Bar.

Das Mädchen mit der Fliegerkappe fuhr unweigerlich zusammen. Die Silbermünze fest in der einen Hand umschlossen, sprang es sodann von seinem Sitz und lief über die Kellerstiegen hinaus ins kalte Wien.

Wofür alles ich die Münze verwenden könnte …, überlegte sich das Mädchen mit der Fliegerkappe, während es über die weiten Straßen spazierte. Vorbei an Schutthalden, Plätzen unaufgeräumter Gewalten, kam es bis hinüber zum Prater.

Die Aussicht mochte von dort oben toll gewesen sein, stellte sich das Mädchen vor dem abgebrannten Riesenrad vor. Es erinnerte es an die Schallplatte aus dem alten Keller, bloß, dass das hier sich nicht mehr drehte und drehte.

Schade, meinte es und zog weiter.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15109

Von Münze und Zigarre I

Wien zeigte sich in der damaligen Zeit nur als Skizze. So wie Wien sein sollte, mochte dem einen oder anderen Passanten, der durch die Innenstadt schlenderte, bloß als Idee durch den Kopf geistern. Die großen Gebäude blickten eher wie Gräber auf dieselben herab und wirkten weniger lebendig als die zerstörten, auf die der Krieg seine wüste Pratze hatte niedergeschmettert. Niemand wusste zu sagen, ob die Stadt jemals wieder so werden würde wie früher.

Andererseits war sich auch niemand sicher, ob er das auch gewollt hätte.

Über dieses oder ähnliches dachte ein Junge von etwa elf Jahren, der mit einer Matrosenmütze auf dem Kopf leichten Fußes über das Pflaster des ersten Bezirkes flanierte, nicht nach.

Ganz im Gegenteil.

Vorbei an den großen Museen trieb es ihn, durch Gärten vergessenen Ästhetizismus, hinüber bis zum Heldenplatz, aber was kümmerten ihn die gewaltigen Gebäude und wer sich darin, umherirrend, die Haare raufte? Zur Donau wollte er und dieses Unterfangen war auch im Moment das Einzige, auf das er Lust hatte.

Alles andere kam nachher.

Das Wetter war rau an jenem Februartag, der Wind hatte bereits frühmorgens durch die Straßen zu fegen begonnen. Der Junge mit der Matrosenmütze zitterte in seinen zerfetzten Kleidern und ausgetretenen Schuhen.

Wenigstens schneit es nicht, dachte er und damit hatte er Recht.

Denn die Zeit hing irgendwie in Stille. Niemand bemühte sich, aus der Asche der Stadt ein neues Feuer zu entfachen. Man sah hierhin – es war grau; man blickte dort hinüber – es war schwarz; und die Menschen befanden sich irgendwo dazwischen, in der akzeptierten Gefahr verweilend, dass sie bald selbst in der Skizze der Stadt zu einfachen Strichen schwänden.

Der Junge schien dies alles nicht zu bemerken, als er über den Heldenplatz spazierte. Sich umsehend, gewahrte er jedoch – neben einer Gruppe von Amerikanern am Reiterdenkmal – vier Fahnen sich Seite an Seite im Winde drehen. Der Junge wusste nicht, was sie bedeuteten, aber sie erschienen ihm wie Flügel, die, erregt flatternd, sich doch nicht forthoben.

Plötzlich: ein Pfeifen.

Der Junge mit der Matrosenmütze blickte irritiert um sich; woher mag dieses Pfeifen im stillen Wien denn auf einmal hergekommen sein, wunderte er sich.

Abermals der schrille Ton!

Anschließend ein: „‘Ey, boy!“

Durch jene Worte schließlich konnte der Junge mit der Matrosenmütze einen der Amerikaner unter der Reiterstatue als denjenigen ausmachen, der auf sich aufmerksam machen wollte.

Derselbe winkte ihn nun zu sich hinüber.

Der Junge mit der Matrosenmütze verstand und folgte. Die Gruppe von Amerikanern lachte, (ob über einen Witz oder über ihn …), als der Junge sich ihnen näherte, gleichzeitig teilte sie sich vor ihm auf, bis er, in ihrem heiteren Halbkreis angekommen, vor demjenigen stand, der ihn gerufen hatte.

„A boy with a hat like that?“, sprach derselbe Amerikaner und belächelte den Jungen von oben herab.

Der Junge erwiderte einen erwartenden Blick.

„The boy has balls, fellows“, meinte der Amerikaner in die Runde: „I like that.“

Die Gruppe lachte abermals.

Jetzt hockte sich der Amerikaner hin, um auf Augenhöhe mit dem Jungen zu sein.

„Look at that gram face of his“, musterte er ihn: „Real solder, aren’t ya? Haven’t seen boys like you back home. Maybe it’s somethin‘ in the air“, sagte er, zu den vier Fahnen hochblickend: „A little Mozart maybe?“, schmunzelte er und begann die Melodie der >Kleinen Nachtmusik< zu summen.

Der Junge mit der Matrosenmütze jedoch blieb ohne Reaktion, derselbe wartende Blick ruhte auf dem vor ihm hockenden Soldaten.

„Maybe this time’s gone – maybe another time has come, for other people …“, sagte dieser und kramte in seiner Gürteltasche. Hervor holte er eine Zigarre, die er dem Jungen mit der Matrosenmütze herzlich hinreichte. Dabei meinte er weiter: „C’mon take it. It’s your’s.“

Der Junge besah lange Zeit diese Geste, ehe er annahm. Und während er die Zigarre nervös zwischen seinen Kinderfingern zu drehen begann, wandelte auf den Gesichtern der Soldaten ein ihm unangenehmes Lächeln.

Der Amerikaner erhob sich schließlich: „It’s a special one, boy, very precious. A gift“, beschmunzelte er den Kleinen, der auf einmal anfing zu zittern. Die übrigen Soldaten gewahrten neidisch das Geschenk. Da klopfte der Große dem Kleinen auf die linke Schulter: „And now run.“

Der Junge mit der Matrosenmütze hatte keines der fremden, so seltsam klingenden Worte verstanden.

Dennoch lief er nun so schnell er konnte davon.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

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