Du bist eine tolle Frau, aber …

Das Fatale an solchen Abschieden, nennen wir es ruhig beim Namen: Trennungen, ist ja, dass man es nur falsch machen kann. Jedes Wort kommt einem zu viel, zu wenig oder zu wenig rücksichtsvoll vor – und ist es auch.

Die in solchen Fällen gern gebrauchte Floskel, es läge an mir und nicht an ihr, kommt mir nicht über die Lippen, sammelt sich in meinem Mund zu einem Wortmüllhaufen, was soll ich nur sagen? Sie hat bestimmt längst gemerkt, dass was nicht stimmt. Unsere Telefonate sind sonst so unbeschwert, luftig, launig, wie ein Sonnenstrahl im Grau des Alltags. Aber diesmal ist es anders für mich. Ich hab kurz vor unserem Gespräch online auf mein Konto geschaut, beinah hat mich der Schlag getroffen: Das alles soll ich gekauft haben???

Das Telefonat endet wie üblich, sie hat wohl doch nichts von meinen Zweifeln bemerkt, noch nicht. Doch danach denke ich länger drüber nach, wie das geschehen konnte. Ich weiß, sie wird bald wieder anrufen, alle paar Tage sind das Minimum, und ich möchte mich diesmal darauf vorbereiten. Ihre heitere, einladende Stimme macht es mir wohl nicht einfach, ihren Redefluss zu unterbrechen. Sonst hab ich immer lange zugehört, bevor sie bekommen hat, was sie wollte: meine volle Aufmerksamkeit und mein uneingeschränktes Ja zu ihren Vorschlägen.

Berechnend? Nein, das kann man so nicht sagen. Sie macht ja nur ihren Job. Dass ich so eingestiegen bin, liegt an mir und nicht an ihr. Aja, nun wären wir doch dort angelangt, bei der Floskel.

Es klingelt, ihre Nummer. Üblicherweise hüpft mir da schon das Herz vor lauter Vorfreude, diesmal sinkt es ganz tief hinab.  Schon während der Begrüßung pocht es in meinen Schläfen: Ich muss es ihr sofort sagen.

„Du bist eine tolle Frau, aber …“ Weiter komme ich nicht. Sie reagiert irritiert: „Was hast du gesagt?“
Ich rede weiter: „Und du machst deinen Job großartig, aber …“ Sie schweigt, ich hab angenommen, sie würde mich unterbrechen. „Aber ich muss dir was sagen“, fahre ich fort. „So geht es nicht weiter für mich. Deine Anrufe werden häufiger, und ich geb immer mehr Geld dabei aus. Mein Kellerabteil quillt über, alle meine Räume sind vollgestopft, ich kann deine Ideen nicht länger unterstützen, es geht einfach nicht. Bitte nimm mich aus eurem Verkaufsverteiler. Ich möchte nämlich auch nicht, dass mich wer anderer von eurer Firma anruft, so leid es mir tut …“
„Tuuuut“, hallt es in meinem Kopf wider, sie hat aufgelegt.

Drei Minuten später erhalte ich eine Nachricht auf mein Handy, gesendet von ihrer Nummer:
Danke, dass Sie uns geholfen haben, das Verkaufserlebnis mit unserer KI-Anwendung zu optimieren. Wir werden uns bemühen, künftig unseren Service Ihren Wünschen entsprechend auszubauen, und melden uns wieder bei Ihnen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26039

3 Gedanken zu „Du bist eine tolle Frau, aber …

  1. Claudia Dvoracek-Iby

    Liebe Carmen, danke für diesen sehr gut & spannend geschriebenen Text, der immer wieder überraschende Wendungen nimmt!
    Liebe Grüße, Claudia

    Antworten
  2. Carmen

    Herzlichen Dank, liebe Claudia, ich freu mich sehr. Von einer Autorin wie dir solches zu lesen, ist eine echte Auszeichnung.
    Ich wünsche dir alles Gute und bin schon gespannt auf dein nächstes Werk.
    Ganz liebe Grüße
    Carmen

    Antworten
  3. Claudia Dvoracek-Iby

    Liebe Carmen, dein 2. Satz macht mich ganz verlegen…
    Ich habe DIR und Michaela zu danken!!!
    Auf baldiges Wiederlesen – sehr herzlich, Claudia

    Antworten

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