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Traum und Wirklichkeit

Ich träume, dass ich Novize in einem Kloster bin. Mir werden ständig Gegenstände abgenommen, bis ich fast nichts mehr habe. Ich glaube, das soll so sein. Vom Kloster sehe ich hinunter auf den zugeeisten Millstätter See.

Jetzt wache ich auf. Neben mir liegt meine Frau. Der Wecker zeigt 05:43 Uhr. Heute ist, ich muss kurz nachdenken, Donnerstag. Ich muss um spätestens sechs Uhr aufstehen, mich fertigmachen, eine Kleinigkeit frühstücken und in die Arbeit fahren.

Als ich um 07:20 ins Auto steige, überlege ich, ob es nicht möglich sein könnte, dass, als ich vom Traum aufgewacht bin, ich in Wahrheit in diesem Moment einschlief. In diesem Fall würde ich mich jetzt im Traum befinden. Es kann sein, dass es so ist, denke ich, wieso denn nicht?

Testbild ORF FS 2 und Bügeleisen

Testbild ORF FS 2 und Bügeleisen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20019

Ehret die Ahnen!

Die Fensterläden klappern, ein Schneesturm tobt und es wirkt, als könne das kleine, in die Jahre gekommene Bauernhaus dem Getöse nur schwer standhalten.

Martina liegt schlafend auf dem alten Sofa in der Stube ihrer Großmutter, die Holzscheite im Ofen sind fast niedergebrannt und schicken nur mehr wenig Wärme und Licht in den dunklen Raum. Zu ihren Füßen liegt dicht zusammengerollt eine getigerte Katze. In der Küche, gleich daneben, pfeift der Wind durch den Kamin herein und das rot karierte Geschirrtuch, das am Griff des Backofens hängt, zittert sachte. Am Herd steht noch das Abendessen von Oma; der gusseisernen Pfanne mit Dampfnudeln und Soße entströmt ein zarter Duft nach Karamell und Vanille. Irgendwo tropft ein Wasserhahn, und in dem kleinen Stall, der unmittelbar an das Haus grenzt, liegen zwei Kühe wiederkäuend im Stroh.

Der Wind legt zu und ein lautes, ächzendes Geräusch lässt Martina aus dem Schlaf hochschrecken.
„Hallo? Wer ist da?“ Ihre brünetten langen Haare sind zerzaust und das weiße bodenlange Nachthemd zerknittert. Sie schlüpft in abgetragene Pantoffeln ihrer Oma und zieht sich einen tannengrünen Leinenschal fest um die Schultern. Mit vor Kälte zittrigen Fingern sucht sie nach dem Lichtschalter der Stehlampe. Die alte Leuchte kann den Raum nur spärlich erhellen. Die Pendeluhr an der Wand tickt im Rhythmus und Martina sieht die Zeiger kurz vor Mitternacht stehen.
Draußen tobt der Sturm weiter und rüttelt an den Dachschindeln. Martina schlurft zum Fenster und drückt ihre Nase an die Scheibe. Durch das dichte Schneetreiben kann sie die naheliegenden Straßenlaternen kaum ausmachen. Plötzlich nimmt sie Umrisse wahr!

„Was ist das?“, denkt sie sich und kneift die Augen zusammen. Große, schwarze Hunde rennen in einem Affentempo durch den Garten, ihre Zungen hängen seitlich aus dem Maul und leuchten dunkelrot ins Schneegestöber. Den Hunden folgen in einigem Abstand weitere Gestalten, Martina hält den Atem an.
„Um Himmels willen!“ Sie nimmt ihre Hand vor den Mund. Alte Frauen, Kinder, Katzen, Ziegen, Schweine und unfassbar ekelhafte Menschengestalten mit rasselnden Ketten ziehen durch die Nacht. Scheinbar mühelos halten sie dem Sturm stand und mit lautem Geschrei kommen sie näher. Mitten in dem Getümmel erblickt sie jetzt ihre Oma. Sie hat ein Lächeln im Gesicht und marschiert hinter einer hässlichen Greisin mit wirren Haaren, glühenden roten Augen und einer krummen Nase her. Die Alte hinkt und hat einen großen Buckel, an ihrer Seite läuft mit eingezogenem Schwanz ein kläffender, missgebildeter Köter.

Die nächste Windbö rüttelt wieder an den Fensterläden und die Gestalten nähern sich mit Gerassel, Schreien, Johlen, Jammern und Ächzen der Haustür. Martina stockt der Atem, sie starrt entsetzt auf die Türklinke. Ein paar Mal hämmert es kräftig, dann gibt die alte Holztür nach und mit Getöse betreten Menschen und Tiere das Haus. Martina ist wie erstarrt, ihr Herz rast und ihre Knie zittern. Die Hunde zerren an ihrem Nachthemd, stinkender Speichel tropft aus ihren Mäulern auf den Boden und die alte, grauenhafte Frau kommt näher.
„Oma! Was ist hier los? So hilf mir doch!“, schreit Martina heiser. Ihre Großmutter legt lächelnd eine Hand auf den Buckel der Alten.
„Sei milde mit meiner Enkelin, Perchta!“, flüstert sie dem Weib ins Ohr. Die Alte schaut zuerst noch grimmig drein, aber dann entblößt ein boshaftes Grinsen lange, gelbe Zähne. Martina dreht sich angewidert um und schlägt die Hände vors Gesicht.
„Wehe dem Weib, welches die Ahninnen nicht ehrt!“, krächzt Perchta.
„Schließe Frieden und verabschiede dich von dem faulen Geruch nach Hass, Neid, Missgunst. Ansonsten wird dich die Wilde Jagd noch öfter heimsuchen!“ Die Greisin schüttelt langsam den Kopf, geht einige Schritte zurück, bückt sich und mit Anlauf springt sie Martina in den Rücken.

„Neeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin!“

****

„Hey, Liebes, das war nur ein Traum!“ Ralf nimmt Martina in die Arme. Schweißgebadet sitzt sie in dem schicken Boxspringbett und ringt nach Luft. Draußen ist es schon hell und durch die Terrassentür der Penthousewohnung sieht sie dichten Nebel über den Dächern der Stadt hängen.
„Wir hätten das Haus von Oma nicht verkaufen dürfen, Ralf! Das war nicht richtig!“
„Was, die alte Bude? Hattest du wegen dem Haus einen Alptraum, oder wie?“, fragt er kopfschüttelnd, schlägt die Decke zurück und steigt aus dem Bett.
„Sie hat es mir in gutem Glauben vererbt. Es war doch alles so liebevoll und wohnlich bei ihr und ich war als Kind so gerne dort am Land. Wieso haben wir es nicht restauriert?“ Sie schwingt ihre Beine Richtung Bettrand und möchte sich aufrichten.
„Aaaaaaah!“ Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt ihre Lendenwirbelsäule und sie fällt zurück ins Bett.
„Ist dir die Hexe eingefahren?“, fragt er sie verblüfft. Martina legt eine Hand sachte in ihren Rücken und massiert die Stelle. Bei dem Gedanken an die Hexe muss sie schmunzeln und sie denkt an die grauenhaften Gestalten aus dem Traum.
„Die Hexe? Ja, die alte Perchta. Sie ist mir letzte Nacht ins Kreuz gesprungen.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Eine überarbeitete Version ist im Schreiblust-Verlag erschienen.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20013

In der Fertigung

In der Fertigung ist gerade Pause. Facharbeiter Heinz Schwitzer isst ein Wurstbrot und trinkt einen Traubensaft aus der Dose. Roboter Nelson sitzt auf einem Metallbehälter.

Heinz Schwitzer:
Da, Nelson, willst du auch etwas davon?
Er hält ihm Wurstbrot und Getränkedose entgegen.

Nelson:
Sehr lustig! Aber weißt du was, Heinz? Ich als Roboter bin euch Menschen jetzt etwas nähergekommen, seit letztem Monat beziehe ich ein Gehalt.

Heinz Schwitzer:
Ach, das ist aber interessant. Was machst du denn mit dem Geld?

Nelson:
Weiß ich noch nicht. Das liegt auf meinem Konto.

Heinz Schwitzer:
Wie bitte, du hast ein Konto?

Nelson:
Ja, warum denn nicht? Das hast du ja auch.

Heinz Schwitzer:
Na ja, wie dem auch sei. Machen wir einen Themenwechsel: Ich freue mich schon auf den Sommer. Camping in Istrien mit meiner Family.

Nelson:
Klingt gut. Ich überlege mir, nach Sardinien zu fahren.

Heinz Schwitzer:
Was tust du auf Sardinien? Ich denke, im Sommer werden du und deine Kollegen generalüberholt.

Nelson:
Das dauert ja nur eine Woche, außerdem verkürzt es nicht meinen Urlaubsanspruch von vierzig Tagen.

Heinz Schwitzer:
Und wie gedenkst du, dort deinen Urlaub zu verbringen, Nelson?

Nelson:
Ich werde mir dort eine Fabrik suchen, in der ich arbeiten kann, während mein italienischer Kollege Urlaub hat.

Heinz Schwitzer:
Aber dein Urlaub hat ja gar keinen Sinn, wenn du wieder nur in ihm arbeitest!

Nelson:
Doch, schon: andere Technik, andere Kollegen, andere Gegend. Für mich gibt es ja nur die Arbeit. Das wäre die maximal mögliche Abwechslung für mich.

ABB-Fertigungsroboter

ABB-Fertigungsroboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19107

Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersee im Winter

Der Wörthersee im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108

Gedanken

Mit der Zeit lernte ich zu verstehen. Anfangs bekam der Patient, üblicherweise ein Student, der als Proband fungiert, ein Kontrastmittel gespritzt, zwanzig bis dreißig Minuten später legte man ihn in einen Gehirnscanner, und ich beobachtete seine Gehirnaktivität. Es begann mit einem großen Durcheinander, einem Wirrwarr von unterschiedlichen Gedanken, einem chaotischen Zustand. Allerdings, was man ja auch annimmt, liefen diese Gedanken nacheinander ab. Viele Gedanken bewirkten einen weiteren, andere hörten auf. Aber woran dachte der Patient?

Die Gedanken in Sprache umzuwandeln gelang nicht, da der Patient ja nicht in Buchstaben dachte. Er dachte in Bildern, und verschiedene Bilder hintereinandergeschaltet ergaben einen Film. Es gelang mir wirklich, diese Bilder zu visualisieren. Sogar auf meinem Smartphone konnte ich sie anzeigen lassen. Auf das Kontrastmittel konnte mittlerweile verzichtet werden, und der Gehirnscanner wurde zu einem Ring verkleinert, den der Patient aufsetzte – es sah dann aus, als ob er einen Heiligenschein hätte.

Inzwischen konnte ich mithilfe dieser Apparatur die Gedanken vieler Menschen ansehen, aber niemals testete ich sie an meiner Freundin, aus Angst, dass ich in ihren Gedanken gar nicht vorkommen würde.

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19090

Prof. Dr. Lino

Soeben wurde eine Creme mit neuer Rezeptur im Labor hergestellt. Professor Doktor Lino prüft sie auf Streichfähigkeit. „Scheint in Ordnung zu sein“, sagt er zu einem Laborassistenten. „Sie riecht auch gut“, sagt er zu sich selbst, aber nicht mehr zum Assistenten, denn man soll die Leute nicht zu sehr loben.
Prof. Dr. Lino ist etwas im Stress, in einer dreiviertel Stunde muss er im Universitätskrankenhaus die Visite durchführen, vorher noch muss er sich über die Patienten informieren – wie ist die Vorgeschichte, welches Produkt wurde eingesetzt, wie sieht das Ergebnis aus?
Danach muss er noch einen Besuch bei betuchten Patienten im Privatkrankenhaus abhalten. Prof. Dr. Lino hat immer viel zu tun.

Es ist nur zu hoffen, dass niemand jemals Prof. Dr. Lino darüber aufklärt, dass er nur eine Werbefigur ist, und zwar für die Firma Linola, die spezielle Cremen, die Linolsäure enthalten, für die Anwendung bei trockener Haut und Juckreiz fabriziert und vertreibt.

Das ist Prof. Dr. Lino

Professor Doktor Lino

Professor Doktor Lino

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19087

Der große Stromausfall

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Schließlich hatte man es bewerkstelligt. Zeitreisen waren immer schon ein Traum der Menschheit gewesen. Nun waren sie Wirklichkeit geworden. Anfangs natürlich ein exklusives Vergnügen, wurden sie ständig günstiger, bis eine Reise ungefähr so viel kostete, wie früher in der Videothek einen Film auszuleihen. Deshalb waren jetzt viele Menschen in der Zeit unterwegs.

Das Besondere war, dass man nicht nur in die Vergangenheit reisen konnte, sondern auch in die Zukunft. Das physikalische Prinzip dafür bildete die Überlegung, dass es eine parallele Welt gäbe, wo keine Zeit existierte, in der man jeden beliebigen Punkt ansteuern könnte, der sich in der realen Welt als Zukunftspunkt manifestierte.

Alles war möglich geworden, den Propheten Mohammed in Medina im Jahr 627 zu besuchen, die Ardennenoffensive am 18. Dezember 1944 zu erleben, feingliedrige und kaum behaarte Zukunftsmenschen zu beobachten.

Man konnte in die Szenerie nicht eingreifen. Logischerweise, sonst fände man sich in einer geänderten Gegenwart wieder. Man sah die Menschen, die Bauwerke, die Wälder, die Wiesen, man hörte das Treiben auf orientalischen Märkten, roch die Gewürze, schmeckte den Met der Wikinger, aber man spürte nichts und niemanden.

Plötzlich, eines Samstags um 23:29 Uhr – niemand fand heraus, was dahintersteckte –, ging der Strom aus, überall gleichzeitig, weltweit. Und nicht wieder an, nie mehr, bis heute – 493 Tage später.

Die Menschen erlebten ihre verschiedenen Realitäten, von denen manche echt waren und manche irreal – jene von Zeitreisen. Unzählige verschiedene Realitäten existierten gleichzeitig, unterschiedliche Zeiten. Selbstverständlich ließe sich jeweils herausfinden: War es eine falsche Situation oder eine echte? Könnte ich etwas angreifen, dann war ich im sicheren Hafen.

Doch die Menschen waren so bequem geworden. Sie standen bloß da und schauten mit großen Augen, in das Jahr minus 1286, in das Jahr plus 314, in die Gegenwart.

Colours

Colours

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19085

 

Piano Man

Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.

„Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal.

In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.

„Motel“ steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett.

Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück.

„Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. ‚Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins‘, denkt er bei sich.

„Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.

‚Kein Büstenhalter, krass!‘, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.

„Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.
‚Cannabis, oder?‘, fragt er sich und schmunzelt.

Tom folgt der Frau wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines.
„Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer.

,Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?‘ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, an der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zu ihnen zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. ,Maskenball oder Junggesellenabschied?‘, fragt er sich. Die Musik wird lauter, und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.

Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält im Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.

„Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend.

„Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:
„Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“

Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß, und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert:
„L‘heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel …

Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung.
„Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“
„Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe … aber woher weißt du …?“, will Tom einwenden.
„Sing us a song, you‘re the piano man …“, fangen die Männer am Tisch zu singen an.

Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.
„… well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin’ alright … la la la …“, stimmen nun alle mit ein.

Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert.

„Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja … ja, natürlich. Aber …?“, stottert Tom.
Stille.
Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.
„Was zum Geier …?“

Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum drehen könnte. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied … „Piano Man“ …
„Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.

Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum.
„Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.
„Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“

Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an.
„Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund.
Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.
Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert:
„Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag
(Die Geschichte hat im Schreiblust-Verlag Monat März zum Thema „Schneewittchen“ unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt – erscheint voraussichtlich Anfang 2020).

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19080

Der Reisende in Menschenhaut

Das All hab ich durchquert,
dreizehn Milliarden Jahre lang,
das Licht neben mir,
schneller ging es nicht.

Auf diesem Planeten landete ich,
der die Farbe hat deiner Augen,
deshalb wählte ich ihn als Zufluchtsstation,
um zu essen, zu schlafen, zu rasten.
Dann sollte die Reise weitergehen.

Doch mein Antrieb war zu schwach,
ich durchstieß die Lufthülle nicht.
So musste ich bleiben
und mich bescheiden.
Vergessen den Wind, der mich nicht mehr trägt.

Fest ist hier die Erde, die mich an sich bindet.
Viele Menschen höre ich reden, aber ich versteh sie nicht.
Ich spaziere am Ufer des Sees,
und seh ich ins Wasser, dann denk ich an dich.

Der Walterskirchner See im Frühling

Der Walterskirchner See im Frühling

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19069

D’Fiass im Gatsch

Sie gräbt ihre Füße in die kühle Erde des frisch gepflügten Feldes, der Duft der Scholle steigt ihr befreiend in die Nase. Noch tiefer taucht sie ein mit ihren Füßen in den brauen Morast, der sich sanft um ihre Gliedmaßen legt. Sie schließt ihre Augen und breitet ihre Arme aus. Sie atmet tief ein, sie atmet tief aus, sie lässt die Energie in sich kreisen und spürt die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer Haut. Vor ihrem inneren Auge ziehen Bilder vorbei, Bilder von gestern, Bilder von heute, Bilder von morgen, sie werden langsamer und immer langsamer, bis sie sich auflösen und als einzelne Farbfetzen vorbeitanzen. Sie gibt sich diesem Tanz hin und wiegt ihren Körper vor und zurück, ihre zur Seite gestreckten Arme wippen leise auf und ab und bewegen sich sanft um ihren Oberkörper. Tief atmet sie alles ein, was ihr guttut, und lässt diese Energie in ihrem Inneren kreisen, um mit dem nächsten Atemzug alles abzugeben, das sie nicht mehr benötigt, immer tiefer werden ihre Atemzüge, immer länger verbleibt die positive Energie in ihrem Körper und zieht dort ihre Kreise – immer schneller, immer wilder, immer enger, bis sie sie ganz in ihrem Gespinst glitzernder goldener Perlen einhüllt. Ihre Füße graben sich dabei noch tiefer ein in die kühle fette Erde des frisch gepflügten Feldes. Und auf einmal pulsiert es in ihren Beinen, sie spürt, wie der Saft des Lebens in ihnen hochsteigt und sie mit der Kraft der Erde erfüllt. Laut stöhnt sie auf und gibt sich dem Fluss der Energie in ihrem Inneren hin.
„Du heast, Voda, do is oba no kaa Bam g’stond’n, do om Rond vom Föd, des ma vuagestan pflügt ham … oda?“
„Na Bua, do woa a gestan in da Fruah no ka Bam!“

Waltraud Zechmeister
www.waltraud-zechmeister.at

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19052