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Warum fütterst du mich mit Schokolade?

Warum fütterst du mich mit Schokolade? Das hatte sie nur am Anfang gefragt, inzwischen stellte sie die Frage nicht mehr.
Damals war sie es nicht gewohnt gewesen, dass jemand lieb zu ihr war, Spaß daran hatte, sie zu verwöhnen. Als er sie gefunden hatte – und er musste zugeben, dass er aktiv gesucht hatte, und weiters, dass er sie rein nach Äußerlichkeiten ausgewählt hatte, wie denn sonst, zu Beginn? – war sie eine junge Frau gewesen, die im Leben nicht viel Gutes erlebt hatte, sie war eine Gescheiterte, und was noch schlimmer war, eine Frau, die nicht überrascht war, dass das Leben ihr so wenig Schönes zu bieten hatte, sondern viel zu viel von allem anderen.

So traf sie auf ihn, der beschloss, ihren Ängsten vor diesem und jenem Rechnung zu tragen, denn eine Furcht vor allem Unbekannten hatte sie fest im Griff, Fremdes war ihr ein Gräuel, und so hatte sie begonnen, ihm alles zu überlassen, was mit Außerhäuslichem zu tun hatte. Er war gut zu ihr, andere Menschen waren ihr suspekt.
So stieß auch sein Vorschlag auf große Gegenliebe, ein kleines Häuschen auf einem Hügel zu erwerben, gerade groß genug für sie beide, mit kaum menschlicher Zivilisation rundherum, nur ein Bahnhof ein Stückchen entfernt, in vielleicht zehn Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen.

Was aber das Wichtigste war: keine aufdringlichen Nachbarn weit und breit, mit denen sie hätte reden müssen und die vielleicht irgendwelche gesellschaftlichen Ansprüche geltend gemacht hätten, wer weiß?
Und ihre Geschichte wollte sie wirklich nicht erzählen, keinesfalls sich der Neugierde Fremder ausliefern.
Was ging die das an, wie sie ihren Beschützer gefunden hatte, wie mies es ihr damals gegangen war, wie sie der Alkohol zuerst getröstet, erleichtert und dann fallen gelassen hatte, in ein tiefes, abgrundtiefes Loch. Wie er ihr das Seil zugeworfen hatte, und sie auch gleich noch hinaufgezogen hatte zu sich, wie er sich gegen alles Hemmende gestemmt hatte, um sie wieder nach oben zu bringen, sie, die nicht gerade ein Leichtgewicht war.
Das alles hatte ihn niemals gestört, er nahm sie so, wie sie war, mit ihren ungesunden Abhängigkeiten, ihren Phobien, ihrer Unlust auf andere; er hatte Freude an ihr, wie sie war.

Und er fühlte sich endlich dazu berufen, das Richtige zu tun, es war eine Fügung, ihr scheuer Blick, ihre fast schon leicht traurig wirkenden Rundungen, weil sie – obwohl noch jung – so gebeugt erschien, das alles rührte ihn an, so eine Frau wollte er haben, und zwar ganz für sich alleine.
Wie gut es sich traf, dass sie nicht gerne außer Haus ging, das Einkaufen überließ sie jetzt ohnehin lieber ihm, damals aber hatte sie sich noch dazu zwingen müssen, besonders, seit ihr eine Panikattacke im Supermarkt sehr zugesetzt hatte. Das war zuvor gewesen, als sie noch in der Stadt gewohnt hatte und sie auch gelegentlich arbeiten gegangen war. Später hatten die Trinksucht und aneinandergereihte Krankenstände sie „am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar“ werden lassen, so war sie zuhause immer mehr ihren Zuständen verfallen, bis er in ihr Leben getreten war, das war Fügung, nicht mehr und nicht weniger: Er war Pfleger in dem Krankenhaus, in dem ihr Herz wegen der wiederkehrenden Angstattacken untersucht wurde, sie erfuhr dort immerhin, dass sie „nichts hatte“, wie oberflächlich betrachtet.
Bei ihrer Entlassung hatte er um ihre Telefonnummer ersucht, so nahm alles seinen Lauf.
Aber das brauchte kein Fremder zu wissen, da war er sich mit ihr völlig einig, so wie in fast allem.

Wie dankbar war sie, wenn er sich auf das Fahrrad schwang, um nach wenigen Stunden mit vollgepacktem Rucksack und Satteltaschen voller Essen zurückzukehren, schwitzend wegen der Stramplerei bergauf, und sofort zu kochen begann, gute Sachen, und viel.
Er liebte es, sie zu bekochen, zu füttern, er sah ihr oft beim Essen zu und achtete darauf, dass sie aufaß. Ihre Trägheit nahm zu, doch das schien ihn nicht zu stören, im Gegenteil, als sie das erste Mal nicht am Fenster stand, um ihn zu erwarten (nach draußen ging sie da schon nicht mehr), sondern auf dem Sofa eingenickt war, schien er sehr zufrieden zu sein. Zum Essen wurde sie mit einem zärtlichen Kuss geweckt.

Ihm war das ganz recht, dass sie sich kaum noch vom Sofa erhob, abgesehen davon, dass es ihr nach eineinhalb Jahren in seiner Obhut auch immer schwerer fiel, denn das Gewicht nahm rasch zu. Er brachte leise pfeifend Verstärkungen unter dem Liegemöbel an und war mit der Welt und sich im Reinen.
Auch dass sie sich fast ausschließlich im Wohnzimmer oder Schlafzimmer (später auch das nicht mehr, der Wechsel war ihr zu mühsam, auch der Kleidertausch wurde auf ein absolut notwendiges Mindestmaß beschränkt) aufhielt, war für ihn ein Grund zur Freude.
So war die Wahrscheinlichkeit, dass sie unversehens in sein Zimmer kommen und sehen könnte, welche Kontakte er online unterhielt, auf ein Minimum reduziert.
Er ahnte schon, dass es sie befremden würde, mit welchen Menschen er sich da austauschte, welche Fotos die erlesene Runde machten, wer Bewunderung auf sich zog und wer sich aus dem Forum verabschiedete, oft aus traurigen Gründen, da wurde besser nicht besonders intensiv nachgefragt.
Das Forum war seine Spielwiese, hier hatte er schon so manchen wertvollen Tipp bekommen.
Die User waren anonym, das war selbstverständlich, und doch kannte man sich mit der Zeit.
Das Besondere an dem System war, dass man sich sozusagen hinaufarbeiten konnte, wer Ambitionen hatte, konnte es weit bringen. Erkennbar war der Status an einem Kürzelsystem mit Nummerierung der User-Accounts. So war der anfangs so bescheidene FeederBe95 innerhalb kürzester Zeit zum FeederBe135 geworden, die Bewunderung der anderen war ihm gewiss.
Er selbst war als FeederIl103 ins Rennen gegangen, hatte also auch relativ weit unten angefangen, nach anfänglichen Zögerlichkeiten war er am derzeitigen Stand FeederIl159 angelangt, aber nun flott Richtung FeederIl165 unterwegs, ein ganz Großer unter Gleichgesinnten. Alle drei Monate wurde neu bewertet, gegen Ende der Frist verstärkten sich seine Bemühungen wie von selbst, es war ein Spiel, wenn auch kein leichtes.

Sie dämmerte dahin, sah fern, schlief, aß, trank außer Alkoholischem auch einmal Cola oder Limonade, tat dem Stoffwechsel Genüge, manchmal wankte sie ins Bad, bald schon aber übernahm er das Waschen und betrachtete aufmerksam die immer üppiger werdenden Rundungen, Hügel, Berge fast.
Dass sein Smartphone immer dabei war, fiel ihr nicht auf, oder es war ihr egal.
Sie selbst besaß kein Mobiltelefon, sie fürchtete sich natürlich vor der Strahlung, als ob die ihr etwas hätte anhaben können! Ihm war es recht, so war sie keinem schlechten Einfluss anderer ausgesetzt (abgesehen davon, dass sich ihr Bekanntenkreis in der Zeit der Arbeitslosigkeit und mit der steigenden Anfälligkeit für Phobien ohnehin rasch auf null reduziert hatte).

Dann, mitten im schönsten Einvernehmen, ein Aufstand! Sie war aufgestanden, das für sich genommen schon eine kleine Sensation in jenen Tagen der Ruhe und des Friedens. Hatte seine Einkaufsabwesenheit dazu genützt, sich selbst zu waschen und zu kämmen und sich sogar sauberes Gewand anzuziehen, der Himmel weiß, wie sie das geschafft hatte, mit ihrer permanenten Kreislaufschwäche, dem Schwindel und den gut hundert überzähligen Kilos.
Noch schlimmer aber war, was sie ihm als Vorschlag unterbreitete: Abnehmen wolle sie, im Fernsehen habe sie eine Werbung für eine neue Diät gesehen, das wolle sie versuchen.
Er fuhr schwere Geschütze auf, Lebensgefahr bei Anwendung der Wundermittel sei gegeben, er als Pfleger wisse, wovon er spreche. Sie schien eingeschüchtert zu sein, aber nicht genug.
Immer wieder kehrte diese hartnäckige fixe Idee im Laufe der nächsten Wochen zurück, er musste sich schon sehr zurückhalten, nicht zornig zu werden.
Sogar die Essensaufnahme verweigerte sie, zumindest eine der sieben täglich liebevollst zubereiteten Mahlzeiten verschmähte sie, er war zutiefst getroffen.
Wenn das so weiterging, konnte er den Status FeederIl165 fürs Erste vergessen.

Manchmal geschahen solche Dinge im Forum, ihm hatten die armen Teufel immer leidgetan, jetzt betraf es ihn. Wie hatte er sie nur so falsch einschätzen können? In ihr regte sich ein immanenter Widerstandsgeist, er hatte nicht gewusst, dass sie so etwas überhaupt besaß.
Ein für alle Mal musste Schluss sein mit diesen Mätzchen.

An diesem Tag eröffnete er ihr, dass er genug davon habe, alles, wirklich alles für sie zu tun, sie wisse es nicht genug zu schätzen, er brauche jetzt auch einmal Urlaub, er werde sich eine Auszeit aus diesem Jammertal gönnen.
Sie solle sehen, wie sie ohne ihn zurechtkomme. In vierzehn Tagen komme er voraussichtlich zurück, er hoffe sehr, sie habe sich ihr Verhalten bis dahin vor Augen geführt und sei endlich wieder zu der Frau geworden, in die er sich verliebt habe.
Sprach’s und schwang sich aufs Fahrrad, den Rucksack und die Satteltaschen diesmal mit einigen Kleidungsstücken gefüllt.
War guter Dinge, beim Zurückkehren eine einsichtige Frau anzutreffen und hoffte natürlich auf den sofort nach der Normalisierung einsetzenden, möglicherweise sogar Zugewinn bringenden Jo-Jo-Effekt.

Was sich bei ihm während seines „Urlaubs“ getan hat, insbesondere eine ungewöhnliche Zugfahrt, ist eine andere Geschichte.

Nun aber kehrt er frohgemut zurück, hat die Kleidungsstücke fortgeworfen, um genug Platz für Essen in seinen Packtaschen zu haben (sie wird sicher hungrig sein nach all den Tagen ohne ihn…) und radelt keuchend den Berg zum Häuschen hinan.

Viel zu spät sieht er den Rettungswagen in der Einfahrt, dieser ist aber schon am Abfahren und die beiden Männer, die er im Wagen erspäht, beachten ihn nicht, sie fahren ziemlich rasch an ihm vorbei, streifen ihn beinah.

Die Sorge um seine Gefährtin weicht abrupt, als er in das verkniffene Gesicht eines Uniformierten blickt.
Sofort wird er mit der herausgepressten Frage konfrontiert: Sind Sie Volker Habermann? (Kein Abwarten der Antwort.) Sie sind verhaftet wegen des dringenden Verdachts auf Freiheitsentzug und vorsätzlicher Körperverletzung an Frau Ilse Bachl. Sie kommen jetzt mit.
Der Polizeiwagen wartet hinter dem Haus.

Viel später sollte er erfahren, wer ihm zu seinem Platz im Untersuchungsgefängnis verholfen hatte. Aber die Gefängnis-Geschichte ist eine eigene. Eine ganz eigene.

Der User Feedher4ever war immer schon ein Exot in der Community gewesen, ein Koch, der den Austausch von Fotos, insbesondere von heimlich geschossenen, strikt ablehnte und deswegen immer wieder für Wirbel in der Truppe sorgte. Auch das Zählsystem fand er widerwärtig, und er hatte sich immer wieder gegen die ausgefuchstesten Wiegesysteme ausgesprochen, sein Status war ihm schlichtweg egal. Manchmal hatte er es sogar geschafft, die Gruppe dahingehend ein bisschen zu demoralisieren. Volker mochte ihn auch vor der Anzeige nicht.

Als Feedher4ever aus der Forums-Kurzmeldung von FeederIl159 erfahren hatte, dass dieser das Weite suchen wollte und seine Gefährtin hilflos (und ohne Essen) alleine zurückzulassen gedachte, verständigte er die Polizei, diese holte nach erfolgreicher Datenrecherche (Gott weiß, welche Gesetze sie dabei gebrochen haben) die Rettung zu Hilfe. Ein Verräter, wie er im Buche steht. Volker hat nun viel Zeit, sich eine gerechte Strafe für den Übeltäter auszudenken, auch für dieses undankbare Weib, der geht es bestens, hat er vernommen, und dreißig Kilo weniger hat sie angeblich auch schon. Also ist sie zumindest nicht an den verfluchten Feedher4ever geraten, so viel steht fest.

 Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 13020

verstrickt & aufgetrennt

ich hab mich so verstrickt in dich

du hast forsch und unerschrocken
alle meine maschen auf einmal angeschlagen
und unterwegs beharrlich zusätzliche aufgenommen
sogar die verschränkten
zunächst einmal nur glattgestrickt
danach auch verkehrt, rechts und links
und später mit viel phantasie sogar lochmuster fabriziert

sag, magst du nicht einmal einen umschlag riskieren
ja, genau hier in der mitte, da wär’s so angenehm
die maschen auseinanderziehen
und mit der nadel eine abheben
ja, und dann aufheben, höher, na geht doch
und bei dieser masche bitte um eine tiefer stechen
na komm schon, wow, wusst‘ ich’s doch, du bist patent

du hast dich verstrickt in mich

eine randmasche – na, wenn du meinst
ja, doch, das macht sich wirklich ungehörig gut
hey, aber ein bisschen lockerer, wenn ich bitten darf
was sagst du da, du magst nicht in runden stricken
na dann also straffe maschen im rapport
reihen hin und her sind ja auch nicht verkehrt

feste maschen, stäbchen – jetzt häkelst du mich aber

fang sie wieder ein, die eine gefallene da, hol sie zurück
doch, doch, das kann gelingen, siehst du
oh, so schau doch, was du aus mir gemacht hast
da sind so schöne muster über den rippen

nein – nicht. nicht und niemals plätten
aber ich sag’s dir, so ein paar heftige dampfstöße
tun dem verstrickten stück so richtig gut
und dann bitte gleich den heißen, feuchten zustand nutzen
und die störrischen maschen energisch zurechtzupfen
ja, hier ein wenig ziehen, zerren, drücken, drängen, pressen, schieben
so nimm doch beide hände, aber schon auch hier unten, bitte

hey, aber nicht verzopfen – das war so nicht gedacht
also, einfach gestrickt bist du nicht!

wie bitte, zusammennähen, was ich davon halte
äh, das nadelspiel war schon passgenau, aber
sollte man nicht erst noch die formbeständigkeit erproben
nun ja, langfristig, nachhaltig, zukunftsorientiert

hey, nix da mit abketteln, sei nicht so verflucht mimosenhaft
das können wir später immer noch tun
wenn uns keine muster mehr einfallen
oder alles total verfilzt ist

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 13028

Ihr Gesprächspartner wurde ausgeloggt

Klick! Mich! An! schrie es ihm von der Webseite entgegen.
Mann, war ihm langweilig. Wo war er da nur gelandet? Ein Dienst, der „spannende  Unterhaltungen mit interessanten Menschen“ versprach, versuchte offensichtlich, ihn dazu zu animieren, nach einer besser kurzen als langen Weile eine kostenpflichtige Telefonnummer anzurufen.
Darauf würde er, Philologe, Philosoph und Intellektueller, sicher nicht hineinfallen. Never ever.
Aber neugierig war er doch. Und die erwähnte Langeweile …
Zudem war es höchst gefährlich, eine Lücke entstehen zu lassen. In der Ruhe lauerten die Gedanken. Davon hatte er erst einmal genug.
Geistige Überanstrengung jedenfalls war von dieser Seite nicht zu befürchten, deswegen nur los.
Klick!
Ah, eine junge Frau, wie vorhersehbar, ungebunden, chat (und mehr?)- willig bot ein „Gespräch“ an. Wie praktisch. Eventuell sogar zu „Studienzwecken“ verwendbar.
Das Übliche, wobei er nicht wusste, was in so einem Fall üblich war, ein Foto einer zu grell geschminkten Dame sollte ihm die „Unterhaltung“ schmackhafter machen, als sie es zu werden versprach.
Lobesworte folgten einigen einfachen Sätzen, wie gekonnt er doch formuliere, also in dieser Sprache: Du schreibst so gut. Du bist ein interessanter Mann.
Herausforderung angenommen, Erwiderung: Woher willst Du das wissen?
Das denke ich mir, wie du schreibst.
Mann, mühsam, aber doch, ein Kontakt, wo sonst keiner wäre: Sonst schreibe ich besser.
Sie, ganz auf einfühlsam trainiert: Hattest du einen anstrengenden Tag? Entspann dich etwas.
Dem anstrengenden Tag schien ein öder Abend zu folgen, er beschloss, dem einen Strich durch die Rechnung zu machen: Ich weiß gar nicht, warum ich Dir schreibe, es gibt Dutzende Menschen, mit denen ich mich besser unterhalten könnte.
Nicht gerade die feine Art.
Oh! Das hatte sie gerade tatsächlich geschrieben. Es begann ihn jetzt wirklich neugierig zu machen, folgte da ein „Du schlimmer Junge!“ oder eine anspruchsvollere Koketterie?
Sicherlich wurde der Schriftverkehr mitverfolgt, regelmäßig kontrolliert, ob die Angestellten auch tatsächlich leisteten, wofür sie bezahlt wurden: Lockrufe auszusenden, die unwiderstehlich waren, Suchtpotenzial hatten.
Oder hatte sie ihn durchschaut, dass er nur provozieren, irgendeine Reaktion erhalten wollte?
Nichts Einstudiertes, sondern tatsächliche Auseinandersetzung mit der Person am anderen Ende der Leitung sozusagen? Was für eine Art der Verbindung sollte das denn werden?

Na, beleidigt? folgte auf seine Nachdenk- und daher Schreibpause.
Klar, sie musste ihn ja doch bei Laune halten. Und zum weiteren Tastaturbearbeiten animieren.
Nein, gar nicht, ich habe bloß gemeint, so besonders vieles gibt es nicht, worüber wir uns unterhalten könnten, wir geben sicherlich nichts Persönliches und schon gar nichts Wahres über uns preis, übers Wetter werde ich mich sicher nicht unterhalten und nach Erotischem ist mir nicht, was bleibt also übrig?
Ihr halbherziges „Wieso glaubst du, so was bekommst du von mir?“ ließ ihn wieder zweifeln, ob das zu irgendetwas führen, jemals einen wie auch immer gearteten Sinn ergeben könnte.
Schließlich rang er sich durch, noch einmal zu antworten: Ich dachte, darum ginge es hier hauptsächlich.
Die Antwort verblüffte abermals: Dabei geht es um dich.
Schlichte und einfache Worte, die ihn nochmals ins Grübeln brachten. Ging es hier um ihn?

Ums Verdienen vermutlich, um das Ausloten seiner Dummheit, festzumachen an dem Grad des Widerstands oder der Bereitwilligkeit, einen schönen Teil seines Geldes loszuwerden.
Eine glatte Lüge also. Es war nie um ihn gegangen. Nicht bei der Hochzeitsplanung, die war so geworden, wie es sich die Braut in spe vorgestellt hatte, nicht bei seinen Vorlesungen, da ging es um die Lehrpläne, die ein anderer für sinnvoll erachtet hatte, nicht bei den Untersuchungen beim Arzt, wo nur versucht wurde, zu eruieren, wie lange seine Arbeitskraft auf möglichst hohem Niveau aufrecht erhalten werden konnte.

Er driftete ab, kein Wunder, bei den Belanglosigkeiten, die von ihr kamen.
Was maßte sich diese Frau an? Wieder so eine, die ihm die Welt erklären wollte. Hassenswert „positive“ Ratschläge, dazu dieses pinke, bemühte Lächeln, das ihn vom Bildschirm aus zu verhöhnen schien. Die kapierte rein gar nichts. Was hatte er erwartet?

Ich glaube, es ist genug. Sie schien sich leicht aufzuregen.
Aber ihm war sie einfach nicht gewachsen, warum sah sie das nicht ein? In Ruhe lassen sollte sie ihn, oder gut unterhalten. So etwas brauchte niemand.

Wie viel Zeit vergangen war, konnte er nicht einmal ahnen. Plötzlich war Schluss, ein eindeutiger Moment.
Warte, ich muss schnell etwas holen.

Der Hahn spannte sich ganz ohne Anstrengung (ein Klick), das war ein wirklich kostbarer Augenblick, aber was für ein Vergnügen, endlich, e-n-d-l-i-c-h auch abdrücken zu dürfen, nach all der Zurückhaltung, der Vernunft, der völlig unangebrachten Ratio!

Der Effekt war maximal. Ein ohrenbetäubender Lärm, ein Bersten, ein Splittern, eine Verzückung. Er war mittendrin im Leben. Dann diese Ruhe, das Einssein mit sich, eine unglaubliche und alles und vor allem ihn erfüllende Stille.

Bis er das nächste Geräusch hörte, die Haustüre, die sich wie von selbst öffnete.

Harsche Männerstimmen, vermutlich seine übermotivierten Nachbarn. Aber nicht nur.

Handschellen???

Endgültig ins Aus geklickt.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 13021

Ende einer Korrektorin

Ein wenig verrückt war sie immer schon, zumindest seit ich sie kannte.
Manchmal war es nicht ganz so leicht, ihr zu folgen, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ihr Schritt war flott, forsch, fordernd. Und ihre Worte waren es auch. Sie ließ nichts Ungefähres gelten, schwammig Formuliertes war ihr ein Graus. Warum sie mit mir befreundet war? Weil sie jemanden zum Korrigieren brauchte, und das war ich, ihre alte Schul- und Jugendfreundin.
Jede Woche trafen wir uns zu einem gemeinsamen Spaziergang, Spazierlauf eher, was sie betraf. Und das seit mehr als zehn Jahren schon. Mir zuliebe zügelte sie sogar ihre Schritte, schließlich wollten auch meine Zigaretten zeitgleich konsumiert werden, und zwar von ihr und von mir. Sie rauchte ausschließlich bei unseren Spaziergängen, sagte sie mir, dann dafür hemmungslos.
Ich spendierte also das Nikotin, sie die Gesprächsthemen.
Plötzlich, es war vor zwei Jahren, aber ich weiß es noch, als ob es eben passiert wäre, blieb sie stehen, wir waren gerade mitten in einem Gespräch über das männliche Gehirn und seine Rätsel. Diese blieben ungelöst, denn etwas fesselte ihren Blick mehr als das.
Es war ein Schild eines Psychotherapeuten, er bot „Termine nach Vereinbahrung“ an. Sie war sprachlos. Ein Doppel-Doktor mit Vereinbahrung. Sie schüttelte heftig den Kopf. Wenn es nicht Sonntagabend gewesen wäre, hätte sie sicherlich gleich die auf dem Schild angeführte Telefonnummer angerufen, so empört war sie.
Kurzentschlossen holte sie ihren Augenbrauenstift hervor und strich das ungeheuerliche „h“ durch. Es blieb ihr keine Wahl, ich sah es in ihren Augen, die Verzweiflung, beinahe Resignation.
Der restliche Spaziergang verlief wortkarg. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Das war so in Druck gegangen, zur Schilderproduktion freigegeben, und angebracht an einem Haus mit über zwanzig Parteien, den Türschildern nach zu schließen. Es gingen also tagtäglich Unmengen an Personen hier vorbei und lasen das Unfassbare, und noch schlimmer, ließen es auf sich beruhen.
Seither wurden unsere gemeinsamen Wege von diesem Thema dominiert. Eine Baumarkt-Werbung mit Plakat im Schaufenster: „Preisatacke!“ O nein, ich sah es kommen, sie würde sich wieder fürchterlich aufregen. Manchmal versuchte ich sie zu schonen, andere Wege zu nehmen, wenn ich untertags auf Fehlerhaftes gestoßen war. Sie schien das alles sehr mitzunehmen, ja, persönlich zu treffen. Sie besserte nun mit rotem Lackstift aus (im Baumarkt-Fall direkt auf das Schaufensterglas, hinein konnte sie ja nicht), unsere Gänge fanden nach und nach immer später statt, bevorzugt in der Dunkelheit. Sie wollte ja nicht, dass wir Schwierigkeiten bekämen.
Irgendwie fühlte ich mich aufgewertet, als nunmehrige Komplizin. Wir hatten eine Mission.
Sie versuchte alles, wirklich alles, um der grassierenden Rechtschreibschwäche Einhalt zu gebieten. So machte sie die Schilderfirma ausfindig, die das „Vereinbahrungs-Schild“ zu verantworten hatte. Dort erhielt sie die Auskunft, der Psychotherapeut habe das in dieser Form hingeschickt, er sei sogar auf den Rechtschreibfehler hingewiesen worden, wollte das aber genau so haben. Sie verstand die Welt nicht mehr, nahm sich vor, den Doppel-Doktor zu kontaktieren. Eine für mich unverständliche Scheu, die ich bisher an ihr nicht kannte, ließ sie aber vor diesem Schritt zurückschrecken.
Dem Baumarktleiter hingegen schrieb sie ein gepfeffertes e-Mail, dass die Preisattacke auf ihr zweites „t“ nicht verzichten könne, und selbst wenn derzeit Sparpreise angeboten würden, doch bitte nicht an der Rechtschreibprüfung zu geizen sei. Keine Reaktion.
Sie wurde immer verbissener.
Eine Neonreklame in luftiger Höhe machte mir echte Sorgen. Ich hatte sie am Weg zur Arbeit frühmorgens schon entdeckt. Es war nun nur eine Frage der Zeit, bis wir an diese Stelle kamen, denn sie wollte die Kreise erweitern, unsere Märsche wurden somit länger.
Längst trugen wir flaches Schuhwerk, nichts sollte uns an einem schnellen Abgang hindern, falls nötig.
Sie war wie hypnotisiert von der neonblauen Schrift in mehreren Metern Höhe. Wie konnten sie nur! „Heute Großes Finnale“ stand da in Riesenlettern. Das war zu viel.
Sie kletterte hurtig das Gerüst hinauf, ich hatte keine Chance, sie daran zu hindern. So schnell sie konnte, nahm sie die Querstangen. Ich sah von unten hinauf, meine Höhenangst hinderte mich daran, es ihr gleichzutun, abgesehen von meiner momentanen Unfähigkeit, mich zu bewegen, auch nur irgendetwas zu sagen, ihr abzuraten.
So blieb mir nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie sie sich in die schwindelerregende Höhe begab, ungesichert, in Lebensgefahr.
Sie konnte das zweite „n“ links unten ergreifen, versuchte, es aus der Verankerung zu reißen. Was sie mit dem „G“ vorgehabt hätte, werden wir wohl nie erfahren, denn sie missachtete völlig, dass die Buchstaben verkabelt waren, also unter Strom standen. An den Rest kann ich mich nur noch bruchstückhaft erinnern, das sei der Schock, meinte mein Therapeut, es kann noch lange dauern, bis die Erinnerung auftaucht, mir ist es ohnehin lieber, sie kommt nie wieder.
Der Psychotherapeut, unser Doppel-Doktor von damals, sagte auch, ihre Zwangsfixierung sei gar nicht so selten und die Zahl der Betroffenen im Steigen begriffen, seit die Rechtschreibung allgemein immer schlechter werde. Mit seinem eindeutigen Schild habe er Menschen wie meine Freundin ansprechen wollen, um ihnen zu helfen. Warum hat sie sich nie bei ihm gemeldet? Warum habe ich nichts in dieser Richtung unternommen? Er hätte das Schlimmste vielleicht verhindern können… Er meinte zwar, ich solle mir keine Vorwürfe machen, aber wie kann ich das?

Sie muss gefallen sein, ich muss geschrieen haben, die Rettung muss verständigt worden sein, das wurde mir nachher erzählt. Das „n“ leuchtete nicht mehr. Ihr Finale war in diesem Fall ein richtiges, allerdings ein Großes.

(Wer es lieber weniger brutal hat, kann sie auch gerne am Leben lassen, das ist ganz einfach zu bewerkstelligen, durch Weiterlesen nämlich:)

Nach ein paar Tagen durfte ich sie besuchen. Sie war im Krankenhaus, kaum aus ihrer ersten Ohnmacht nach dem Fall erwacht, in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt worden. Da ihre Verletzungen gravierend waren, wurde das als notwendig erachtet. Außer Knochenbrüchen und zahlreichen inneren Verletzungen waren auch gröbere Ausfälle, was ihr Erinnerungsvermögen betraf, zu befürchten.
Nach einigen Wochen war es so weit, sie wurde aus den Tiefen ihrer Bewusstlosigkeit geholt.
Gespannt warteten ein Ärzteteam und ich auf die ersten Worte; es kam lange nichts.
Sie plagte sich, mit dem Sprechen zu beginnen.
Auf der Intensivstation war nur ein weiteres Bett ihr gegenüber belegt, dieses hatte eine Tafel angebracht, auf der mit der Hand geschrieben stand „Intensivbeobachtug“.
Als sie den Kopf ein wenig drehte, mich anlächelte und auf meine Frage, wie es ihr gehe, meinte: „Alles völlig in Ordnung“, da wusste ich: Es war vorbei. Das war das Ende der Korrektorin.


(Und wer es noch positiver mag, der kann sich gerne der nächsten Zeilen bedienen:)

Sie genas vollständig. Bis auf das Nichtfunktionieren dieses analytischen Zentrums, das, seit sie lesen gelernt hatte, alles Fehlerhafte sofort herausgepickt und ihr zum Fraß vorgeworfen hatte: Jene Gabe war unwiederbringlich verloren.
Andere würden ihre Rolle einnehmen müssen. Sie bedauert nichts.

Carmen Rosina

Text veröffentlicht in: Die Zeitgenossin, Heft 11

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