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Stellvertreter

Ich weiß nicht ganz genau, wann es geschah, dass ich ersetzt wurde, doch ich erinnere mich genau, wie es vor sich ging.

Morgens vor einigen Monaten zog ich mich an, Hemd, Anzughose, Krawatte, Sakko, da stand er zirka einen Meter links von mir und sah mir zu. Er war durchsichtig, an seinen Konturen war er erkenntlich. Er war so groß wie ich. Als ich den Raum verließ, verschwand er.

Aber er kam wieder. Nächsten Abend saß er neben meiner Frau auf dem Sofa und sah anscheinend mit ihr fern. Ich hörte währenddessen in der Küche mit meinem Laptop und Kopfhörern Musik. Diesmal war er etwas weniger durchsichtig. Er sprach nicht, er bewegte sich nicht viel. Gerrit, meine Frau, reagierte nicht auf ihn. Auch unser fünfjähriger Sohn Mickie nahm keine Notiz von ihm. Offensichtlich sah nur ich ihn. Er war der Eindringling.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich wollte einiges im Büro erledigen, bevor das Tagesgeschäft losgehen würde. Gerrit schlief noch. Als ich das Schlafzimmer verlassen und die Tür hinter mir geschlossen hatte, erblickte ich ihn, den Eindringling. Er war halb durchsichtig. Er versperrte mir den Weg ins Badezimmer. „Geh weg!“, sagte ich, worauf er ins Wohnzimmer ging und sich auf einen Stuhl setzte.

„Warum löst er sich nicht einfach auf?“, fragte ich mich. „Weil er es nicht will“, antwortete ich mir selbst. „Er beabsichtigt zu bleiben.“ Ich hatte aber gerade nicht den Kopf, mich um den Eindringling zu kümmern. Ich musste mich fertigmachen, ich sollte möglichst früh im Büro sein. Bevor ich die Wohnung verließ, bemerkte ich, dass der Eindringling immer noch auf dem Stuhl saß. Er hatte die Stehlampe eingeschaltet und las ein Buch.

Ich tat mir schwer beim Arbeiten im Büro. Ich wurde nicht fertig mit dem, was ich mir vorgenommen hatte. Dabei sollte ich mich ranhalten, ich bin nicht der Überflieger unter den Büroangestellten, sondern derjenige, der seinen Arbeitsplatz verteidigen muss. Aber mir war bewusst, dass der Eindringling eine wachsende Gefahr darstellte. Natürlich konnte ich mich unter diesen Umständen schwer konzentrieren. Ich durfte über ihn klarerweise auch kein Wort verlieren. Was sollte ich auch sagen: „Mein Alter Ego ist im Begriff, bei mir einzuziehen. Und ich bin im Begriff, aus unserer Wohnung auszuziehen?“ Das Mindeste, was mir dann gedroht hätte, wäre wohl die Nervenheilanstalt gewesen.

Gegen achtzehn Uhr war ich wieder zuhause. Auch der Eindringling war anwesend, er spielte mit Mickie in seinem Zimmer Lego. Nun war er gänzlich sichtbar, und – er sah aus wie ich, genau gleich. Er sprach mit Mickie mit einer Stimme, die genau klang wie meine. Ich stand in der offenen Tür zu Mickies Zimmer und sagte: „Hallo!“ Mickie sagte auch: „Hallo!“, ebenso wie der Eindringling, der sich zu meinem Stellvertreter weiterentwickelt hatte. Mickie wunderte sich gar nicht, dass mein Stellvertreter mit ihm spielte, genauso wenig, wie sich Gerrit beim Abendessen wunderte, dass es da nicht nur mich, sondern auch meinen Stellvertreter gab, der mitaß und Gespräche führte. Es war, als wäre er schon immer hier gewesen.

Am nächsten Morgen, als ich gerade den Wagen startete, klopfte er an das Fenster der Beifahrerseite. Er war gekleidet wie ich. Was sollte ich tun? Ich ließ ihn einsteigen. Er wollte sogar mit mir plaudern, da fiel mir auf, dass seine Zähne besser waren als meine, weißer und vor allem vollständig. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich dachte auch, dass ich das Recht hätte, auf den Smalltalk aus Höflichkeit verzichten zu dürfen.

In der Firma begleitete er mich auf allen Wegen. Er lernte, was ich arbeitete. Ich hatte die Vermutung, besser gesagt die Befürchtung, dass er sehr sich schnell und exakt mein Wissen und meine Tätigkeiten aneignete.

Niemand nahm Notiz von ihm. Ich weiß nicht, wie das funktionierte, ich habe keine Ahnung. Es geht offensichtlich automatisch: Wo mein Stellvertreter unsichtbar sein soll, ist er unsichtbar. Wo man ihn sehen soll, ist er sichtbar.

Würde es jetzt so laufen, dachte ich am Abend, dass er statt mir meine Arbeit im Büro erledigte? Es gäbe Schlimmeres als das, logisch, doch ich vermutete nicht, dass ich mir die Rosinen aus dieser Situation herauspicken können würde.

Nach dem Abendessen blieb Gerrit mit ihm am Tisch sitzen. Er erzählte ihr von Reisen, die er unternommen haben wollte, als jugendlicher Tramper und zuletzt mit dem Motorrad. Er sprach mit ihr über Mode und über Musik, er kannte sich dabei augenscheinlich sehr gut aus. Gerrit saß ihm gegenüber, ihre Augen strahlten.

Je stärker er wird, desto schwächer werde ich.

Ich sitze nun vor meinem Computer und bemerke, als ich an mir heruntersehe, dass ich durchscheinend werde.

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22146

Mein Land

Mein Land ist nicht auf diesem Boden.
Es liegt über den Gipfeln, über den höchsten Wolken.
Ich bin sein einziger Bewohner.
Die Winde sind schnell.
Wenn ich weiter steige, lebe ich in der ewigen Nacht.
Und ich benötige keine Luft, weil ich nicht atme.

Der Blick über Klagenfurt bis nach Lipizach am 6. Juli 2022

Der Blick über Klagenfurt bis nach Lipizach am 6. Juli 2022

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 23018

Wie Herr Zeitlos die Zeit wiederfand

Vor nicht allzu langer Zeit, da erzählte man sich von einem Land, in dem es alles im Überfluss gab.

Es gab so viele Bananen, dass die Äste von Früchten schwer beladen bis zum Erdboden hinabhingen. Die Bäume beschwerten sich mit Klagemienen, weil sie die Last nicht mehr tragen konnten. Da ihr Wehklagen tagein und tagaus unerträglich schrill durch das ganze Land tönte, fingen die Leute an, die Bananen in den Himmel zu werfen, wo sie zu lauter Monden wurden und schon bald so zahlreich am Himmel standen wie die Sterne.
Es gab so viel Papier, dass man sich angewöhnte, nur einen Buchstaben auf ein Blatt zu schreiben, weshalb die Bücher so dick wurden wie alte Burgmauern.
Und es gab so viele Autos, dass man sie in einer riesig langen Kette, die bis zum entferntesten Planeten des Weltalls reichte, eines nach dem anderen zusammenschweißte. So konnte man ein- und aussteigen, wo man wollte, und sich im gesamten Universum fortbewegen.

Von allem gab es mehr als genug in diesem Land. Nur eines gab es nicht: ZEIT!

In den riesigen Lagerhallen der Zeitfabriken standen abertausende von leeren Säcken, die einst bis oben hin gefüllt waren mit genug Zeit und nun schlaff zusammenfielen. Es gab einfach zu viele Menschen in diesem Land, die mit Zeit versorgt werden mussten.
„Es wird höchste Zeit, dass wir uns um eine bessere Zeitproduktion kümmern!“, mahnten die einen.
„Dazu fehlt uns die Zeit“, erkannten die anderen.
Quer durch das Land, wohin man auch kam, fehlte die Zeit an allen Ecken und Enden. Einige sehr kluge Menschen waren bereits auf der Suche nach ihr: „Zeieiit! Wo biist du?“, riefen sie laut und eindringlich. Vielleicht gab es irgendwo noch geheime Vorräte? Doch hinter Mauern sahen sie kleine, grässliche Zeitmonster lauern, vollgefressen mit den letzten Resten an Zeit, die sie noch finden konnten.

Zweifellos! Die ganze Zeit war verbraucht. Und das wurde langsam zu einem echten Problem.
Die Kinder des Landes hatten plötzlich keine Zeit mehr, Kind zu sein. Und die Eltern fanden keine Zeit mehr, sich um ihre Kinder zu kümmern, weshalb sie sie gleich nach der Geburt in Erziehungsanstalten brachten. Niemand nahm sich mehr die Zeit, ganze Sätze zu sprechen. So warfen sich die Menschen im Vorbeigehen nur noch Buchstaben zu. Sie hatten keine Zeit mehr, einander anzusehen, oder zu fragen: „Wie geht es dir?“
Auch zum Altwerden fehlte die Zeit. Die Alten starben allmählich aus, und es lebten nur noch junge Leute im Land.
Aus Zeitnot vergaßen sie sogar, an besondere Zeiten im Jahr zu denken. „Geburtstagsfeiern kosten zu viel Zeit“, hörte man die Menschen reden. „Weihnachten? Nein, Weihnachten fällt dieses Jahr aus. Keine Zeit!“

In diesem armen, trostlosen Land lebte Herr Zeitlos. Er stand ständig unter Druck, hetzte ziellos von hier nach da und hatte nie die Zeit anzuhalten. Seine Zunge, die ihm vor lauter Erschöpfung ständig zum Hals heraushing, wurde so groß und schwer, dass sie schließlich bis zu seinem Bauchnabel hinunterreichte.
Herr Zeitlos hatte aus Mangel an Zeit das Nachdenken verlernt. „Das Essen raubt mir meine Zeit!“, verkündete er empört. Deshalb hörte er auf damit und wurde so dünn wie ein Strich. Weil er keine Zeit mehr zum Schlafen fand, war er nur noch mürrisch und schlecht gelaunt.
Und das tägliche Waschen? Das war ihm zu zeitaufwändig. Darum sprang er schließlich aus Zeitnot in den Ozean und durchschwamm ihn, bis es nicht mehr weiterging. Wie gut, dass die Haie überhaupt keine Zeit hatten, ihn zu fressen!

So kam es, dass Herr Zeitlos, als er den Ozean zum wiederholten Male unbeschadet verlassen hatte, sich eines Tages auf einer fernen Insel wiederfand. Zwei Zeitgeister bewachten mit strengem Blick den Zutritt durch ein stattliches Tor, das so groß und fest war wie eine Burg und etwas sehr Kostbares hinter sich vermuten ließ.
Herr Zeitlos, der in gewohnter Eile unterwegs war, rannte an den Geistern vorbei und sprang mit einem Satz über das Tor hinweg. Da er nur ein Strich in der Landschaft war, hatten sie ihn nicht kommen sehen. „Hinterher!“, brüllten sie wütend. „Ein Zeitloser! Schnell, einfangen!“ Doch ehe sie bis drei zählen konnten, war der raketenschnelle Herr Zeitlos – ach du liebe Zeit! – gegen das Ausgangstor der Insel geprallt, stürzte zu Boden und versank für Stunden in eine Ohnmacht. Wie war es möglich, für etwas derart Nutzloses seine Zeit zu verschwenden? Und wieso war sie plötzlich da, die Zeit?

„Ich habe keine Zeit!“, schrie Herr Zeitlos, aus seiner Ohnmacht erwacht, die Zeitgeister ungeduldig an, die unbekümmert neben ihm saßen. „Haben die Gruselköpfe zu viel Zeit?“, dachte er noch, als er schon im Begriff war, wie gewohnt loszulaufen, doch dann spürte er die Ketten. „Was für eine Unverschämtheit!“, zeterte Herr Zeitlos wenig zimperlich, „Bindet mich gefälligst los! Mir läuft die Zeit davon!“ Unruhige Wellen durchzuckten wie Stromschläge seinen zeitlos jugendlichen Körper.
Die Geister amüsierten sich köstlich. „Keine Panik!“, beschwichtigten sie ihn und grinsten. „Zeit gibt es hier mehr als genug.“
„Äh, wie? In welcher Zeit lebt ihr?“, rätselte Herr Zeitlos verwirrt. „War ich mit einer Zeitmaschine unterwegs?“ Und gleich einen Atemzug später fiel ihm auf, dass er seit langer Zeit wieder einmal Zeit zum Nachdenken hatte.

„Nimm dir Zeit und gehe ein zweites Mal über unsere Insel!“, vernahm Herr Zeitlos die Anweisung der Zeitgeister, die sorglos über ihm schwebten. Sie ließen ihn angekettet ziehen, so dass er, von ihnen geführt, nur langsam vorankam und sehr zeitintensiv wahrnehmen konnte, was ihn umgab.
„Dass man die Menschen aber auch immer zu ihrem Glück zwingen muss“, hörte man den einen Geist noch verständnislos zum anderen sagen, bevor er auf einer Wiese landete, um ein kleines Nickerchen zu machen.

Herr Zeitlos blickte sich unsicher um. „Soll ich jetzt die Zeit totschlagen?“, fragte er sich. Doch kaum waren seine Worte verhallt, da fühlte er schon den magischen Sog, der ihn antrieb, aufzustehen und weiterzugehen. Und dann kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf der Insel gab es Unmengen an Zeit! Überall Zeit, wohin man auch schaute.
Sie hing wie Blätter an den Bäumen, thronte wie Blüten auf Blumenstängeln und lag wie Ziegeln auf den Dächern. Aus den Erdspalten quoll sie hervor, die Zeit, selbst die Wolken am Himmel waren voll davon und hingen schwer bepackt herab.
„Meine Güte, so viel Zeit auf einem Fleck!“, staunte Herr Zeitlos und gaffte nach allen Seiten. Noch nie in seinem Leben hatte er so viel Zeit gesehen. Und noch nie in seinem Leben hatte er so viel Zeit gehabt, genau hinzusehen. Man konnte sich in diesem Zeitschlaraffenland frei bedienen, sich die Taschen mit Zeit vollstopfen. Man konnte davon nehmen, so viel man brauchte und so viel man tragen konnte.

„Ich bin im Paradies!“, schrie Herr Zeitlos euphorisch, pflückte die Zeit, warf sie hoch in die Luft, tanzte und sprang. Im nächsten Moment fing er sich wieder und wurde nachdenklich. „Oh weh! So viel Zeit kann einem ja richtig Angst einjagen!“ Immerhin hatte er jetzt genug Zeit, seine Fesseln zu lösen.
Er sah sich um wie jemand, der etwas Verbotenes im Schilde führt, hielt kurz inne, blickte noch ein letztes Mal zu den friedlich schnarchenden Zeitgeistern, nahm dann all seinen Mut zusammen und stopfte sich die Taschen voll mit Zeit. Gierig nahm er sich so viel davon, wie er nur kriegen konnte. Als er auch noch den Bauchnabel und die Nasenlöcher mit Zeit ausgefüllt hatte, nahm er seine Beine in die Hand, lief davon wie ein gewöhnlicher Dieb und schwamm durch den Ozean zurück nach Hause.
Dort angekommen, machte er alle Truhen und Körbe randvoll mit der erbeuteten Zeit. „Das dürfte für eine Weile reichen“, sprach er erleichtert zu sich, „vielleicht sogar, bis ich sterbe.“

Und plötzlich hatte er alle Zeit der Welt!
Zeit, in der Nase zu bohren.
Zeit, mit dem Finger im Sand zu malen.
Zeit, mit den Augen Wolkenspaziergänge zu machen.
Er hatte sogar so viel Zeit, dass er sie auch mal eine Weile sinnlos verstreichen lassen konnte. Doch trotzdem fehlte noch etwas, damit es bis in die Fingerspitzen kribbeln konnte. Etwas, das sein Herz zum Hüpfen brachte.

„Die reine Zeitverschwendung!“, dachte Herr Zeitlos, als er gerade dabei war, ziellos aus dem Fenster zu sehen, denn so ganz hatte er sich noch nicht an den Luxus gewöhnt, auch dafür genügend Zeit zu haben. Er beobachtete die Menschen, wie sie vor seinem Haus gestresst auf und ab liefen, den Blick abwesend in die Ferne gerichtet, gehetzt und getrieben wie ein gejagtes Reh.
Und er sah sich selbst, wie er noch vor kurzer Zeit genau wie sie die Straßen entlanggerannt war, dicht gefolgt von der Zeit und immer auf der Hut davor, von ihr überholt zu werden. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich!

Wie sollte er mit all seiner kostbaren Zeit glücklich werden, wenn er der Einzige im Land war, der großzügig darüber verfügen konnte? „Ich werde allen Menschen in diesem Land Zeit schenken“, beschloss Herr Zeitlos. „Nur so können wir besseren Zeiten entgegensehen.“
Und kurzerhand packte er viele kleine Päckchen voll mit Zeit. Er umwickelte sie mit Goldfolie, damit jeder sofort erkennen konnte, wie kostbar sie waren. Dann stellte er sich damit auf den größten und belebtesten Platz des Landes und pries sie an: „Zeit! Ich verschenke Zeit! Kostenlos kostbare Zeit!“
„Ach du liebe Zeit!“, dachten die wenigen Menschen, die, obwohl sie in großer Eile waren, Herrn Zeitlos bemerkten. Sie waren zunächst skeptisch, tuschelten miteinander und näherten sich nur vorsichtig, so wie man sich eben verhält, wenn jemand etwas ganz und gar Ungewöhnliches tut. Doch dann wurden sie neugierig. Und als die Ersten begannen, ein goldenes Geschenk anzunehmen und sich über dessen Inhalt klar wurden, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und die Menschen strömten in Scharen herbei.

„Zeit! In den Päckchen ist Zeit!“ – „Was, Zeit? Die fehlt mir schon so lange!“ – „Endlich! Ich hatte schon geglaubt, wir müssten ohne sie weiterleben!“ –  „Verpackte Zeit? In Zeiten wie diesen?“ – „Dann lasst uns keine Zeit verlieren!“
Und in kürzester Zeit wurde Herr Zeitlos zu einem Helden seiner Zeit. Von nun an hatten alle Menschen im ganzen Land genug Zeit. Und wenn die Päckchen verbraucht waren, wusste man, wo man Nachschub bekam. Kurz gesagt, konnte sich niemand mehr bis zu seinem Lebensende über Zeitnot beklagen.
Da gab es sie plötzlich wieder, die längst in Vergessenheit geratenen Zeitgenossen, Menschen, die einem die Zeit raubten, Zeitlöcher, Zeitmaschinen und die Gezeiten, Zeitfüller, Zeitzonen und Zeitraffer, die Zeitmesser und Zeitverschwender … Und alles hatte wieder seine Zeit.

Doch da man sie einst schmerzlich vermisst hatte, die Zeit, blieb sie stets ein kostbares Gut. Und jeder war glücklich darüber, dass er mit denen, deren Herz im gleichen Takt wie das eigene schlug, endlich ausreichend Zeit verbringen konnte, so glücklich, dass all der Überfluss im Land überflüssig wurde.
Wie gut, dass man nun genug Zeit hatte, alles, was zu viel war, über die gesamte Welt gleichmäßig zu verteilen! Der ganze Erdball hüpfte vor Freude. Fast hätte er mit diesem gewaltigen Ruck die Zeit durcheinandergebracht …
Nur die Bananen warf man auch weiterhin in den Himmel, weil sie dort oben so schön strahlten. Und ihr Licht erhellte die Nacht. Für alle Zeit.

Ersterscheinung in:
Schubladengeschichten 2, Eine Anthologie der Textgemeinschaft,
Verlag epubli, Berlin 2019.

Claudia Lüer
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www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22104

Ag

Sie war nicht, wie sie schien. Die Stadt aus Silber und Licht war eine andere. Sie war die aus Dunkelheit und Unrat.

Wie konntest du dich nur so täuschen? Weil man sieht, was man sehen will, nicht? Die Hoffnung sucht immer fettes Futter. Die Stadt sollte sein, wie du sie am liebsten hättest. Von Weitem leuchtete sie. Damit zog sie dich an. Du durchquertest die Wüste, warst durstig und hungrig, und da erschien sie am Horizont. Du nähertest dich ihr, und die Stadt blieb. Sie war keine Lichtspiegelung, sie war real. Du konntest deine Freude mit niemandem teilen, weil du allein in deinem Geländewagen saßt, mit vielen Kanistern Benzin. Vor fünfzig Jahren wärst du vielleicht noch auf einem Kamel gesessen, ja, kann gut sein, doch diese Zeiten sind vorüber. Du fuhrst in die Stadt hinein, alle paar Meter wurde sie dunkler. Als du deinen Wagen abstelltest, gab es keine Straßenbeleuchtung mehr.

Besonders merkwürdig war, dass du niemanden verstehen konntest. Wie beim Turmbau zu Babel, wo jeder seine eigene Sprache hatte. Dort wird es wohl deshalb gewesen sein, weil viele ausländische Arbeitskräfte angereist waren.

Hoffentlich werden sie meine Währung akzeptieren, dachtest du. Du brauchtest ja einen Schlafplatz. Du sahst dich um. Seltsam, dachtest du, kein Hotel, keine Pension. Es muss doch Bedarf an Übernachtungsmöglichkeiten herrschen. Was tun denn all die Leute auf der Straße? Es kann ja nicht sein, dass jeder hier einen Wohnsitz hat. Dir fielen auch keine Lokale auf, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Keine Geselligkeit, keine Möglichkeit, seinen Durst und seinen Hunger zu stillen. Das konnte doch nicht sein!

Welch seltsame Stadt war das hier? Die Kennzeichen der Autos, Lkws und Motorräder waren auch alle unterschiedlich. Hier war anscheinend niemand heimisch. Gesetzt den Fall, überlegtest du, die Stadt hätte mich bewusst angelockt wie eine fleischfressende Pflanze, wobei ich dann das fleischige Opfer wäre, was hätte sie dann vor? Hinter dem Licht war nur noch Dunkelheit. Hier wirkte die Stadt wie ein riesiges Grab.
Manche Männer, Frauen und Kinder sprachen dich an, in flehendem Ton. Gelegentlich zeigten sie Fotos von ihnen wichtigen Menschen. Auch ohne die Sprachen zu verstehen, war dir klar, dass diese Menschen abgängig waren. So abgängig, dass sie geradezu von der Oberfläche verschwunden waren? Ist gut möglich, dachtest du. Wie soll ich wissen, wo jemand ist, überlegtest du, ich bin doch fremd hier? Und nicht nur etwas fremd, sondern völlig fremd. Kann man hier überhaupt ein normales Leben führen? Sicherlich nicht leicht, und wenn, wäre es ein low life, ein Leben, das niemand will.

Bin ich seit fünftausendsechshundert Kilometern unterwegs, um hier zu landen?, dachtest du. Nein, ganz bestimmt nicht! Nur, ganz am Anfang, also außen war diese Stadt ja wirklich jene aus Licht und silbrig glänzenden Oberflächen. Die Stadt lud ein, sie zu betreten. Um realistisch zu bleiben, musste man in Betracht ziehen, dass diese Stadt die einzige im Umkreis von zirka tausend Kilometern war. Sehr außergewöhnlich war jedoch, dass diese Stadt weder in einer elektronischen Landkarte noch in einer aus Papier eingetragen war.

Wie hieß sie überhaupt?, dachtest du. Nirgendwo stand ihr Name. Hätte dich jetzt jemand gefragt, wo du bist, was hättest du antworten sollen? Ich bin in der Stadt, die keinen Namen trägt, wäre die korrekte Antwort gewesen.
Hätte der Fragensteller dir nicht geglaubt und hättest du ihm die Koordinaten deines Standortes, dieser Stadt, durchgegeben, was hätte er auf seinem Bildschirm gesehen? Er hätte Wüste gesehen und sonst nichts, nicht einmal eine Oase, nichts außer Wüste. Du überlegtest noch einmal, wie du hier sein konntest, und in dir stieg der Gedanke hoch, dass du möglicherweise gestorben warst, und hier fand dein Leben danach statt, dein Nicht-Leben. Das klang sogar recht plausibel, fandst du. Doch du verspürtest Durst und hattest Hunger, was bedeutete, dass du noch über deinen Körper verfügtest. Also war es wahrscheinlich, dass du noch am Leben warst, am Leben vor dem Tod.
Müde warst du übrigens nicht, du standst wohl unter Adrenalin. Viele der Bewohner dieser Stadt wirkten bedrohlich. Wenn du dich einfach irgendwohin gelegt hättest, hättest du damit rechnen müssen, zumindest ausgeraubt zu werden. Oder jemand hätte dich über den Fluss geschickt, der von deinem Leben zu deinem Tod führte.

Du beschlossest, diese Stadt zu verlassen, und gingst dorthin zurück, wo du annahmst, deinen Geländewagen abgestellt zu haben. Doch die Stadt war zu groß, es waren zu viele Straßen und Plätze. Und dann war da noch etwas: Diese Stadt wirkte, als hätte sie sich verändert, nicht nur an einer Seite gestaucht und an einer anderen verlängert, sondern als wäre sie tatsächlich eine andere geworden. Du setztest dich einfach irgendwo auf den Bürgersteig. Wie geht es weiter?, fragtest du dich, worauf die Antwort war: keine Ahnung.
Du sahst dein Smartphone an. Kein Empfang. Das passt ins Bild, dachtest du. Die Zeitanzeige auf dem Smartphone lief, 16 Uhr, 17 Uhr bis 24 Uhr, dann wieder 1 Uhr und so fort. Auf deiner Armbanduhr überholte der lange immer wieder den kurzen Zeiger.

Rötliche und weißgelbe Lichter hinter den ÖBB-Lärmschutzwänden mit Vögeln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf

Rötliche und weißgelbe Lichter hinter den ÖBB-Lärmschutzwänden mit Vögeln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22101

Der Heiler

„Durch die Energieübertragung geht es mir richtig gut“, erklärt der Heiler den weiß
gekleideten Seminarteilnehmern, auch er in Weiß gewandet. „Ich bin sehr
froh. Ich kann Ihnen diese Behandlung wärmstens empfehlen. Gern führe
ich sie bei Ihnen durch.“ Die Seminarteilnehmer blicken interessiert. „Und dann ist da noch eine Sache“, fährt der Heiler fort und nimmt seine Brille ab, „auf die kann ich nun verzichten.“

Der alte Trick, der Klassiker. Dass er Kontaktlinsen trägt, sieht man ja nicht.

DOKUMENTARFILM - Das Phänomen der Heilung

DOKUMENTARFILM – Das Phänomen der Heilung

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22086

Roboterbetreuerin bei amazon

Bei amazon gibt es ja auch die Stelle des Roboterbetreuers. Sie oder er, eher eine Frau wegen mehr Empathie, tritt wahrscheinlich in Aktion, wenn ein Roboter in seiner Pause missmutig oder niedergeschlagen ein Wurstbrot kaut. Dann macht die Roboterbetreuerin Witze, bis dieser Roboter lacht. Ha-ha-ha. Job vorübergehend erledigt.

Der unentschlossene Roboter

Der unentschlossene Roboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22027

Der neue Engel

Ich hänge in der Felswand. Ich kann nicht weiter hinauf klettern, und ich schaffe es nicht hinunter. Mein einziger Ausweg ist die Luft. Aber wenn ich jetzt einen Schritt in sie machte, würde ich abstürzen. Also warte ich, bis eine Wolke knapp unter mir erscheint. Ich springe und lande auf ihr. Sie trägt mich. Es geht Richtung Osten. Ich sehe ins Tal, das zirka zweitausendsiebenhundert Meter entfernt ist. Ich weiß nicht, wann ich wieder Erde unter meinen Füßen spüren werde. Dafür ist es hier auf der Wolke sehr bequem. Eine Zeitlang werde ich auf ihr bleiben, notgedrungen, doch eigentlich auch sehr gern.

Der Pyramidenkogel über den Wolken im Dezember

Der Pyramidenkogel über den Wolken im Dezember

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22006

VR

Vielleicht ist es ganz anders,
war es nie so, wie du dachtest.

Lebt jeder in seiner eigenen Welt,
die nichts mit der eines anderen zu tun hat.

Und wenn du jemanden umarmst und küsst,
ist das nur haptisches Empfinden einer virtuellen Realität.

Die weiße Brücke

Die weiße Brücke

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21116

Der elektronische Wanderer

Landschaften, die es nicht gibt,
Städte aus dem Computer,
wo möchtest du sein, Wanderer,
und wo bist du?
Du tauchst durch den Pazifik
und legst Hongkong in Schutt und Asche,
aber nur im Videospiel,
in dem du stirbst, wenn es beendet ist,
und auferstehst, wenn es neu gestartet wird.

Zwei kurze Treppen in Krumpendorf im Mai

Zwei kurze Treppen in Krumpendorf im Mai

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21091