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Der Butler 1

Ich habe jetzt einen Butler!

Ich, das Vorstadtkind, habe einen Butler zu Hause, der mir die Tür öffnet, den Mantel abnimmt, mich fragt, ob ich einen guten Tag gehabt habe, und all das, wie man es in englischen Filmen und noch mehr in alten Fernseh-Komödien sieht und hört. Er fragt mich, wann ich zu Abend speisen will (manchmal sagt er „Dinner“, manchmal sagt er „Supper“, ich weiß nie genau, was der Unterschied ist. Wie ich damals in Cornwall als zahlender Gast bei einer Familie einquartiert war, hat deren kleine Tochter mich immer mit den Worten „Robert, tea is ready“ zum Abendessen geholt. Dieser Englischkurs ist nun dreißig Jahre her, und dementsprechend ist mein Englisch schon sehr dürftig.

Auch weiß ich nicht recht, was ich mit dem Butler anfangen soll – weil nicht nur der Butler, auch ich als sein Arbeitgeber sollte mit dieser Situation zurechtkommen, das macht uns wohl beide befangen. Aber eine Gebrauchsanweisung für einen Butler gibt es nicht, ich habe schon im Internet nachgeschaut. Da sieht man immer nur den uralten Film „Dinner for one“ und diverse Gesellschaften, die Butler vermieten und so – sehr verunsichernd und ein bisserl peinlich halt, wenn man es gewohnt ist, selbst ein Bier aus dem Kühlschrank zu nehmen und ein Schmalzbrot zu streichen. Und diese weißen Handschuhe den ganzen Tag – dass die nicht schmutzig werden? Ich habe vor zig Jahren, als grüner Jüngling in der Tanzschule, so was tragen müssen. Meine Mutter hat gemeint, dass viele junge Burschen beim Tanzen aus Verlegenheit schwitzige Hände haben, und das sei nicht gut für die Kleider der Mädchen.

Wie kam es nun dazu, dass ich einen Butler habe? Eigentlich wollte ich ja damals gar kein Los kaufen, aber da hatte im Supermarkt der Kunde vor mir ein falsches Los gekauft und den Irrtum zu spät bemerkt. Stornieren konnte es die Kassierin nicht mehr, so habe ich gutmütig gesagt: „Na dann geben Sie es mir“, und hatte nunmehr ein Los mit Quicktipp und einem Joker, was immer das bedeutet. Ich, der bis zum Geiz sparsame und dem Glücksspiel Abholde, hatte nun ein Los – und damit, natürlich mit der Wahrscheinlichkeit eins zu Millionen, die Chance auf einen hohen Gewinn, oder wenn es nur vier richtige Zahlen hatte, auf ein Trinkgeld. Und dann habe ich es achtlos in die äußere Rocktasche gesteckt und dort vergessen, weil ich dieses Sakko nur „für schön“ trage. Aber das Schicksal ist hartnäckig – als dann Monate später mein Alltagsrock in die Putzerei musste, habe ich das Los in der Tasche gefunden und beim nächsten Einkauf gefragt, ob es noch gültig sei. „Schau ma halt“, meinte die Kassierin und steckte es in die Maschine, um sich dann mit weit aufgerissenen Augen zu mir umzudrehen. Zuerst sagte sie, im Schock, eine Minute lang gar nichts, dann kam die Meldung: „Stelln’s Ihna vor, das is der Hauptgewinn!! Und jössas, der Joker is a no drauf, mit dreihunderttausend Euro!!!!“ Gott sei Dank war ich vor dem Zusperren der einzige Kunde im Laden und reagierte rasch: „Wenn ich das Geld noch bekomme und Sie niemandem was erzählen, gibt’s einen Tausender Weihnachtsgeld für Sie, was heißt, fünf Tausender, auf die Hand, ja?“ Sie schlug blitzenden Auges in meine hingehaltene Hand und meinte: „Mach ma, trifft sich guat, ich geh Weihnachten eh in Pension!“

Drei Wochen später hatte ich fast zwei Millionen Euro auf der Bank und begann zu überlegen, was damit geschehen könnte. Die kleineren Sachen waren schon erledigt: ein neues Auto, die Wohnung mit Parkettboden und Tapeten renoviert, Bad frisch gekachelt, Garderobe ausgemustert und mit guten Sachen ergänzt, drei Wochen Urlaub in der Karibik und der zickigen Freundin den Weisel gegeben. Vor meinem Lottogewinn hatte sie mir öfter zu verstehen gegeben, dass sie als Tochter aus gutbürgerlichem Haus eine bessere Partie verdient hätte. Und nun hatte sie begonnen, Ansprüche zu stellen. Nein, nicht mit mir. Dabei hatte ich sowieso nur den Joker Hauptgewinn und zusätzlich einen Vierer zugegeben, weil meine nunmehr besseren Verhältnisse in der Nachbarschaft aufgefallen waren. Und den Mann aus dem Nebenhaus, der mir damals das falsche Los überließ, hatte vor Gift und Galle fast der Schlag getroffen – er grüßt mich seither nicht mehr. Na, dann nicht, selber schuld!

Ja, und so habe ich in den nunmehr häufigeren stillen Stunden allein zu Hause überlegt, was ich mit dem Geld anfangen soll. Am Sparbuch bekommt man keine Zinsen und die Inflation nagt am Guthaben wie eine Ratte an den Erdäpfeln im Keller. Der auf einmal sehr freundliche Kundenberater meiner Bank wollte mir schöne Fonds mit Wertpapieren verkaufen, oder wenigstens Staatsanleihen. Aber zum Staat habe ich nicht viel Vertrauen – ich sehe und höre ja dauernd im Fernsehen, wie die Staatsschulden steigen. Und mit Aktien kenne ich mich nicht aus. Damals, beim letzten Bankencrash vor ein paar Jahren, hat mein Geldinstitut auch einige Millionen verloren – da hat sie der eigene Berater wohl falsch beraten. Nein, solchen selbsternannten Fachleuten, die schon stinkend faule Kredite nicht einmal direkt vor der Nase erkennen, traue ich nicht. Aber was tun?

Mein Abteilungsleiter, der Dkfm. Sensenbrenner, dessen ruhig-überlegte Art ich sehr schätze, hat sich vor drei Jahren ein Haus mit großem Grundstück gekauft, etwa 30 km außerhalb Wiens, „Nur ein Grundstück oder ein gut gebautes Haus“, hat er gesagt, „behält und steigert seinen Wert, wenn die Lage passt und es öffentlich gut erreichbar ist. Für Gold braucht man sehr viel Kapital, und bei Aktien muss man sich schon jahrelang gut auskennen und dauernd am Ball sein.“ Also gut, Immobilien wären die Lösung. Aber welche und wo? Und da fiel es mir wieder ein: Wo wollte ich schon vor langer Zeit einen eigenen Bungalow haben und in der Pension das halbe Jahr dortbleiben? In Cornwall – wo ich damals den Englischkurs gemacht habe und so begeistert war von der schönen Küste und den mit herrlichen Gärten umgebenen Häusern. Kilometerlange Fuchsien-Hecken, riesige Hortensien, überall die prächtigsten Lupinen- und Fingerhut-Rabatte, da und dort struppige Palmen und immer wieder der Ausblick aufs Meer und der gute Geruch der Brise. Und auch der weite Blick über die mit niedrigen, grün bewachsenen Mauern getrennten Felder und Wiesen. Cornwall heißt ja Kornfelder, mit Mauern umgeben.

Gleich am nächsten Samstagvormittag habe ich die Karte meines damaligen Vermieters hervorgesucht und ihn angerufen. Er hat sich echt gefreut, wieder von mir zu hören; und ja, ich sei gerne als Gast willkommen. Platz genug, die Tochter sei ja inzwischen in London verheiratet; seine Frau Sarah und er wären schon in Pension. Wann ich kommen wolle? Ich gab Bescheid, erst müsse ich eine Vertretung im Büro finden, ich werde mich rechtzeitig melden, liebe Grüße an die Gattin, danke.

Dann habe ich mir aus dem Internet zwei Makler herausgesucht und per Mail angefragt, ob in der Umgebung von Falmouth oder Penzance ein kleines Cottage zu haben wäre – mit Garten, zwei Schlafräumen und in gutem Bauzustand. Meerblick wäre nicht Bedingung, aber in Küstennähe. Es sollte aber bald sein, solange England noch in EU-Verbindung sei, da wäre ein Verkauf an Ausländer sicher einfacher.

Eine Woche später saß ich schon im Flieger. Der eine Makler hatte nur große, teure Häuser anzubieten, aber der zweite, dessen Sekretärin auch beinahe wienerisches Deutsch sprach, hatte etwas Passendes im Portefeuille. Ein kleines liebes Häuschen mit traumhaftem Garten und ein etwas größeres, äußerlich unansehnlicher, aber mit Blick aufs Meer. Und preiswert, weil dessen Besitzer rasch verkaufen müsse. Mein Gastgeber, ein pensionierter Maurer, hat mich gleich vom Bahnhof zum Cottage zwei gefahren, und dort hat uns ein älterer Herr in schwarzem Anzug höflich-reserviert begrüßt und durch das Haus geführt. Auf meine Frage stellte er sich als der Butler des Verkäufers vor: „James, zu dienen“.

Weil das kleinere Cottage nach dem Motto „Außen hui, innen pfui“ billigst gebaut und eingerichtet war, mit rostigen Installationen und verwahrlosten Böden, kam nur mehr das größere Objekt in Frage. Mein Gastgeber Richard meinte, mit knapp 20.000 Euro für die nötigen Instandsetzungen wäre das Haus wieder wie neu; wenn wir bald anfangen, könnte alles bis Weihnachten fertig sein. Also retour zum Makler und ich stellte mein Angebot: Kaufpreis minus 20.000 Euro, die Immobilie müsse lastenfrei sein und der Verkauf rasch abgeschlossen, Unterschrift gegen Bargeld. Die hübsche Sekretärin bat ich um Übersetzungshilfe beim Vertrag und schrieb ihr meine Telefonnummer auf einen Hundert-Euro-Schein, was sie mit erfreutem Lächeln dankte. Nach einer Woche konnte ich unterschreiben und hatte ein Haus in Cornwall.

Aber nicht nur das, ich hatte offensichtlich auch den Butler mitgekauft. Der Vorbesitzer hatte kürzlich sein großes Anwesen infolge Insolvenz verkaufen müssen, das Cottage wollte er zuerst behalten. Dort war auch James bis zu seinem baldigen Pensionsantritt einquartiert. Aber weil er noch Schulden hatte, ist der Verkäufer – mit meinem Geld in der Tasche – noch am selben Tag nach Neuseeland geflüchtet. Weshalb mich James um ein Gentlemen’s Agreement ersuchte: Ob ich ihn noch bis Jahresende weiter beschäftigen wolle, denn er könne erst zu Neujahr den Alterssitz bei seiner Nichte in Schottland beziehen. Er würde mir halbtags sogar beim Renovieren helfen. Nun ja, ich hätte das Haus auch gekauft, wenn es ein paar tausend Euro mehr gekostet hätte, also in Gottes Namen! Mein neuer Butler holte eine „vergessene“ Flasche Champagner aus dem Keller und schenkte mir formvollendet ein Glas ein. War ich nun wirklich ein englischer Gentleman?

Na ja, da fehlte noch eine ganze Menge. Nach der ersten Nacht im Cottage weckte mich James vereinbarungsgemäß, brachte mir eine Tasse Tee ans Bett und servierte dann ein traditionelles englisches Frühstück. Nur die Zubereitung von trinkbarem Kaffee musste ich ihm zeigen. Aber sonst war ich meinem neuen Status hilflos ausgeliefert. Weder Kleidung noch Umgangsformen passten – und der durchaus gutwillige James war mit meiner „Umerziehung“ ziemlich überfordert. Noch dazu bei meinem lausigen Englisch! Ich habe ihn gebeten mir zu sagen und notfalls auch vorzuzeigen, wie sich ein vornehmer Hausherr geben sollte. Zeitsparenderweise möge er auch alle kostspieligen Höflichkeiten weglassen, wenn wir allein waren, und mich in der dritten Person belehren: „A Gentleman should …“. So in der Art halt.

Es war eine schwere Zeit für uns beide, ich getraute mich in seiner Anwesenheit nicht einmal mehr zu schnäuzen, und James bekam starke Abnützungen in der Halswirbelsäule, vom vielen hilflosen Kopfschütteln. Gott sei Dank war Richard unsere Rettung. Er brachte beim ersten Gespräch über die geplante Renovierung heraus, dass James in seiner Jugend Elektriker gelernt hatte, und so wurde dieser – von acht bis 16 Uhr – taxfrei zum „Hackler“ ernannt und durfte sich in dieser Zeit auch so benehmen; er musste nun Bier aus der Dose trinken und hatte sichtlich Freude an diesem Rollenspiel, aber manchmal seufzte er, er fürchte schizophren zu werden. Mit neuem Overall, weißem Schutzhelm und Bauhandschuhen korrekt gekleidet half er mit und war vorbildlich bestrebt, die Baustelle und Werkzeug sauber und aufgeräumt zu halten. Es war rührend zu beobachten, wenn James mittags den von Richards Frau Sarah gebrachten Eintopf in die Plastikteller schöpfte und vorher die Schalungstafel abwischte, welche auf rostigen Gerüstböcken lag. Exakt im vorgeschriebenen Abstand lagen das Besteck und die Papierservietten. Lästig war mir nur, dass alle externen Arbeiter und Lieferanten infolge seiner sauberen Kleidung und souveränen Haltung James für den Bauherrn hielten.

Robert Müller

Lust aufs Weiterlesen? Hier geht es weiter mit Teil 2 …

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 21034

Liechtenstein

Ich bin die galaktische Riesin.
Ich sitze im Schneidersitz auf der Venus.
Ich will die Erde aus Schokolade mit Zuckerguss und bunten Streuseln drauf.
Heute esse ich Liechtenstein.

Das Graffito der tanzenden Astronautin und Langspielplatten im Eingangsbereich der Diskothek Bollwerk

Das Graffito der tanzenden Astronautin und Langspielplatten im Eingangsbereich der Diskothek Bollwerk

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 21033

Erdäpfel

Woran denkt man, was assoziiert man unwillkürlich beim Wort Erdäpfel? Auf diese Frage bekommt man wohl viele, sehr unterschiedliche Antworten. Denn jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen und Geschmackserlebnisse mit dieser Knolle, bis in die frühe Kindheit reichen diese Erinnerungen. Eine alte Bäuerin denkt vielleicht zuerst an die ehemals schwere Arbeit beim Ernten und das damit verbundene Kreuzweh, die herbstliche Kälte am Acker und den Geruch der Erde. Ein Kind ruft vielleicht begeistert „Pommes“, ein Gourmet denkt an die butterweichen „Heurigen“ Anfang Juni und die daraus hervorgegangenen Petersilienkartoffel als Beilage zum Spargel, ich weiß nicht, ob ich den Kartoffelpuffern oder den Waldviertler Knödeln (jeweils zur Hälfte rohe und gekochte Erdäpfel im Teig) meiner Kindheit den Vortritt lassen soll, und eine heutige Mehrkind-Mutter ist beim Zwetschkenknödel-Machen froh, dass es nun preiswerten Fertig-Kartoffelteig im Packerl gibt.

Meine Großmutter mütterlicherseits, geb. 1884 im Waldviertel, die immerhin zwei Weltkriege überlebte, hatte in der wirtschaftlichen Not ihrer Zeit von Kind an gelernt, mit Kartoffeln als immer verfügbarem Nahrungsmittel zu leben und aus dieser nahrhaften Knolle die verschiedensten schmackhaften Gerichte zu bereiten.

Diese Erdäpfelküche hat auch meine Mutter, geb. 1910, in den schlechten Zeiten bis in die 50er-Jahre sehr geschätzt und bis ins hohe Alter weiter kultiviert. Die billigste Ausführung waren die „eingebrannten Erdäpfel“, später fallweise mit Dille verfeinert, dann die vielfältigen Teige aus Kartoffeln und etwas Mehl für Nudeln, Strudel, Knödel und Krapfen. Das in der Nachkriegszeit sehr verbreitete süße „Erdäpfelbrot“ war ein beliebtes und preiswertes Gebäck (mit wenig Fett, Zucker und Eiern) zur Kaffeejause oder zum Sonntagsfrühstück.

Da waren die im Volkslied „Als Böhmen noch bei Österreich war“ apostrophierten „Skubanky“ oder wienerisch „Stubanken“, ein eher fester Brei aus Erdäpfeln und Mehl, mit Mohn oder bröseligem Topfen und Zucker bestreut und braune Butter darüber geträufelt, da gab es die bei uns Kindern beliebten Kartoffelpuffer (tschechisch „bramborak“), welche meine sparsame Großmutter immer als „Dieb im Schmalzhäfen“ bezeichnete, weil Fett in der Nachkriegszeit Mangelware war. Meine Mutter fand den Ausweg, diese auch „Reiberdatschi“ oder „Platzki“ genannten Fladen im viel billigeren Rindstalg herauszubacken – nur durfte dieses Fett nicht kalt werden.

Den „Waldviertler Grießsterz“ (aus Erdäpfeln und Grieß) und den „Erdäpfelbraten“ (je 1/3 kg Geselchtes, kalter Braten und gekochtes Rindfleisch, mit je 1 kg rohen und gekochten Erdäpfeln, ¾ kg Zwiebel und Gewürzen) kennen wohl nur mehr wenige …

Im Haushalt des Autors gilt noch der Brauch: Wer die (heißen) Erdäpfel schält, darf sich einen abzweigen, durchschneiden und die beiden Hälften gesalzen mit je einer Scheibe Butter sofort „von der Hand in den Mund“ essen. Es gibt nichts Besseres!!!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 20122

Revolte oder was?

Jetzt reicht’s. Jetzt ist Schluss!
Schluss mit der Diskriminierung, mit der Zweiklassengesellschaft.
Er wird aufbegehren, protestieren, revoltieren.
Es muss ein Ende sein mit Vorurteilen, Kastentrennung und Snobismus. Schluss mit Eitelkeit, Großspurigkeit, Dünkel.
Er wird ziehen. In den Kampf wird er ziehen gegen Hochmut und Angeberei, gegen Chauvinismus, Hochnäsigkeit und Selbstgefälligkeit.
Es muss Demonstrationen, Revolutionen geben. Gegen Ungebundenheit, für Anhänglichkeit. Gegen loses Herumtreiben, für gezieltes Herumhängen.
Ein für alle Mal muss aufgeräumt werden mit Überheblichkeit, Arroganz und Besserwisserei.
Er wird dafür sorgen, dass es Gleichberechtigung und Anerkennung geben wird für ihn und seinesgleichen.
So wie es ist, kann es jedenfalls nicht weitergehen. Diese Welt der Hierarchien, der Unterscheidung zwischen Unberührbaren und Oberklasse, muss sich ändern.
Die Benachteiligung, die ihm widerfährt, dieses Mobbing, wo immer er herumhängt, er wird das keinen Tag länger hinnehmen.
Wie es doch auch vollkommen unbegründet, so völlig aus dem heißen Wasser gegriffen ist, dass seine Art minderwertig sei, nur etwas „für eine schnelle Nummer”, wie es heißt.
Eine Frechheit ist das. Eine Beleidigung, anmaßend, herablassend und unverschämt.
Deswegen rüstet er jetzt auf.  Er wird sich reinhängen, mit aller Kraft und Energie, mit Achtsamkeit und Widerstandskraft. Sein Credo, mit dem er in die Welt zieht, wovon er die Welt überzeugen wird, ist, dass „die Anderen”, wie er sie nennt, nicht besser, nicht wert- oder gehaltvoller sind, dass seinesgleichen mindestens so voller Inhalt, Seele und Leben, mindestens so wohltuend, gesund und wirksam sind wie die lose Gesellschaft, die sich für etwas Besseres hält.
In dieser Aufgabe wird er aufgehen, auch wenn er sich dabei aufreibt oder gar auflöst.
Und jetzt geht es los.
Gleich.
Bald.
Zeitnah.
Demnächst.

„Aber erstmal ein heißes Bad”, sagte der Teebeutel und ließ sich in die Tasse fallen.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 20103

Vom Genuss der kleinen Dinge

Aus der Druckerei kommen stampfende, schlingernde Geräusche. Die Türe steht einen Spalt offen. Ein Plotter wirft großformatige glänzende Plakatbögen aus. Eingangs befindet sich eine rostige alte Schranke, sie sperrt den Weg in die Hofeinfahrt, doch diese Barriere ist höchstens symbolischer Natur, denn sie ist lediglich angelehnt. Es ist ein unscheinbares Anwesen, mit unansehnlichen niedrigen Hofgebäuden, wovon einige Mansarden schmücken, Relikte aus besseren Tagen. In der Luft liegt die süße Frische von Vorfrühling, doch die Botschaft ist trügerisch, es ist doch erst Ende Januar. Schränkung!, hatte Herr Friedrich notiert: Alles nur eine Frage der Schränkung! Zur Kurz-Info an mich selbst: ab sofort keine Softdrinks in der Betriebskantine.

Irene Müller hatte diese Notiz ihres Chefs aufgestöbert, zwischen den Blättern. Sie fand das gut. Gerade trat sie aus der Druckerei mit einem Stapel frischer Bögen im Arm. Irene lebte schon seit geraumer Zeit, seit einigen Jahren, in einem eigentümlichen Zustand von begnadeter Bitterkeit, den sie als ihr persönliches Streben nach Reinheit und Perfektion zu bezeichnen pflegte. Sie durchlebte ein beflügelndes Gefühl der süßen Entsagung: Wässer statt Limonaden. Roggen, Dinkel und Gerstenschrot in selbstgebackenen steinharten Laiben. Allenfalls aromatische Wohlfühl-Tees. Danach strebte Irene Müller, das war ihre Vorstellung von der Vollkommenheit, nur dass sie davon noch weit entfernt war, denn eigentlich … verspürte sie gerade im Moment ein heftiges Begehren.

Um es sich anschließend gleich wieder zu versagen: Irene träumt von einem großen saftigen Kebab. Heute Abend. Vor ihrem inneren Auge erblickt sie die Imbissbude an der Ecke, sie leuchtet in der Dämmerung. Der Verkäufer ist ein großer starker Mann, mit einer kleinen weißen, etwas infantil wirkenden Mütze auf dem Kopf. Er nimmt sein Fleischmesser und zieht es über den Schleifstock, die Klinge schwingt und zurrt unter jedem Streich. Die Schneide singt wie eine gespannte Saite, sie bebt, so wie Irene, die, ihre Schritte über das löchrige Pflaster im Hof der Druckerei lenkend, auf einem Luftkissen aus Vorfreude schwebt. Halb die Augen geschlossen, lässt sie die Bilder an sich vorbeiziehen: Endlich ist der Moment gekommen! Der Meister tritt an den heißen, dampfenden Kegel heran, das Messer gleitet in die Tiefe, teilt die Massen von Fleisch und löst feine Scheibchen ab, innen noch rosa und außen herrlich kross. Hauchzart, in Blattstärke, gekräuselt wie die Ringellocken, kullern sie in die Tiefe, wo der beherzte Fleisches Schnitter sie virtuos auf einer flachen Schaufel auffängt zwischen Wogen aus Dampf. Während des Meisters Gehilfe, ein schlanker Bursche mit dunklen feurigen Augen, mit sanften langen Wimpern, das warme Weißbrot zerschneidet, mit frischen Zwiebeln bedeckt, aus Tomaten und in Streifen zerteilten grünen Paprika, ein Bett bereitet für das weiche dampfende Fleisch …

Irene Müller schüttelt den Kopf. Zur Kurz-Info, sagt sie harsch, an mich selbst! Schluss, ein für alle Mal, mit diesem ganzen Fast-Food-Mist!

Kurz-Info, das hatte Friedrich geschrieben: an mich selbst! Keine Limos mehr. Kein Zucker. Schränkung ist geboten. Auf ein kleines Memoblättchen hatte er die Worte gekritzelt. Eine winzige Blattstärke nur zwischen dem Stoß aus Flugblättern, war es versehentlich haften geblieben, wo es nicht sollte. Dort hatte Irene Müller die Botschaft entdeckt, sie war nicht für sie bestimmt, aber sie mochte das. Sie, die sich so gerne Dinge ausmalte, um anschließend mit Nachdruck darauf zu verzichten: ihre persönliche, in Wollust getränkte Bitterkeit. Heißes dampfendes Fleisch. Irene Müller leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen, ohne das es ihr bewusst wurde. Sie spitzte den Mund: heute Abend! Sie schwelgte in Vorfreude auf ihren Kebab. Er wird so riesengroß sein wie ein Vollmond, innen weich und außen knusprig, sie verspürt schon den Duft von Salbei und Thymian. Nach Bratfett, und dazu der Geruch von Grillgewürz. Grillgewürz!

Jählings hält Irene Müller im Schritt ein, so abrupt, dass die Papierstöße auf ihrem Arm gefährlich in Schieflage geraten. Wie grauenhaft! Sie schüttelt sich vor Ekel: Grillgewürz. Mit einem Schlag ist ihr eingefallen, wie sehr sie das Zeug schon immer verabscheute, diese grässlichste Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Konservendose. Der Tod aller Sinnlichkeit, geistlose Einheitsgeschmacksbeglückung auf den Papptellern dieser Welt, zwischen pampigen Brotscheiben und fettiger Mayonnaise. Widerlich. Hastig ordnet sie den Stapel, die frischen glänzenden Plakate, die sie gerade noch in den Tiefen ihrer Armbeuge balanciert hatte. Aus der Mitte der Blätter hat sich ein gelbes Zettelchen gelöst. Die Botschaft, die Herr Friedrich nie an sie schrieb, gleitet sanft zu Boden und flattert wie ein Falter in der Frühjahrssonne über dem löchrigen Hofpflaster dahin. Irene achtet nicht darauf, sie ist beglückt. Darüber, dass sie widerstanden hat.

März 2020

Ulla Puntschart
https://ulla-puntschart.jimdo.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 20045

Eine Party auf der Wiese

Es war ein ungewöhnlich warmer, sonniger Samstag Anfang März im nördlichen Allgäu, als Mark auf die Veranda trat, um eine Zigarette zu rauchen. In Jeans und Polohemd schlenderte er an den großen Blumen- und Kräuterbeeten des geschmackvollen, etwas wild wirkenden Gartens vorbei. Seine dunklen Haare waren nass von der Dusche, die er zuvor genommen hatte. Aus der Küche drang geschäftiges Treiben, das Fenster stand weit offen und Mark beobachtete Maurizio und Sophie, die lachten und sich unterhielten.

Bunte Blumen reckten ihre Köpfe Richtung Sonne, er erkannte Schneeglöckchen, Leberblümchen, Märzenbecher, Schlüsselblumen und Löwenzahn. Die blühenden Kräuter waren ihm fremd, aber der Geruch, der von ihnen ausging, war betörend.

„Wunderschön, nicht wahr?“ Chiara, die Tochter von Maurizio, stand plötzlich hinter ihm. Ihr schulterlanges schwarzes Haar glänzte in der Sonne und ihre tiefblauen Augen strahlten Mark an. Sie trug ebenfalls Jeans und eine zartrosa Bluse, die ihren makellosen Teint unterstrich. In einigem Abstand folgte der Hund des Hauses ihr und beobachtete sie.
„Ja, bemerkenswert, was hier schon alles blüht um diese Jahreszeit“, entgegnete Mark.
„Der Winter heuer war sehr mild, darum ist die Natur schon weit fortgeschritten.“
„Aber was ist mit diesen Blumen hier, die sind wohl nicht ganz fit durch den Winter gekommen?“, fragte er und deutete auf einige krokusartige, verwelkte Blüten.
„Das ist Crocus sativus. Meine Großtante Sophie erntet daraus im Herbst Safran.“
Chiara schmunzelte bei dem verblüfften Gesichtsausdruck von Mark.

***

Maurizio und Sophie beobachteten die beiden und grinsten sich an.
„Was für ein schönes Paar sie abgeben würden, was?“, meinte Chiaras Vater.
„Es knistert gewaltig bei den beiden, aber sie sind viel zu schüchtern. Seit vier Wochen wohnt er nun bei uns hier im Gästezimmer, aber da rührt sich nichts. Ich denke, du wirst mit deinen Kochkünsten nachhelfen müssen, Maurizio. Immerhin bist du Italiener, also lass dir was einfallen!“

Sophie strich sich ihr langes, widerspenstiges Haar aus dem Gesicht und öffnete den Kühlschrank.
„Was führt ihr nun wieder im Schilde, ihr zwei?“ Katharina betrat die Küche und umarmte ihren Mann von hinten.
„Allora, dann lasst uns kochen aphrodisiaco!“.

***

Mark zündete sich eine weitere Zigarette an, und seine Gedanken schweiften ab. Er erinnerte sich gut, als er vor vier Wochen hier in Deutschland angekommen war aus Amerika und ein Zimmer suchte. Da war ihm Sophie das erste Mal begegnet. Wie aus dem Nichts stand da ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kam er auf Mark zu und hielt einige Meter vor ihm an, musterte ihn, sein Fellkleid schimmerte in allen Brauntönen. Mark nahm befremdliche Duftnoten wahr, es roch intensiv erdig, nach Myrrhe und Moschus. Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken, ihm wurde übel.

Dann vernahm er ein leises Zischen hinter ihm. Plötzlich stand sie da, ihre Augen geschlossen, ihre langen grauen Haare wehten im Wind, sie kräuselte fast unmerklich die Nase, ihre Nasenflügel bebten – als würde sie an Mark riechen, zog sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Dann lächelte sie und öffnete die Augen. Mark wich vor Schreck zurück, er hatte nie in seinem Leben solche Augen bei einem Menschen gesehen, bernsteinfarben!

„Deine Großtante ist eine sehr …, wie sagt man, eigenartige Person? Mir fällt das richtige Wort nicht ein.“
„Ist sie dir unheimlich?“, fragte Chiara amüsiert.
„Am Anfang schon, ja. Aber nun wirkt sie eher geheimnisvoll auf mich. Vor allem ihre Augen, die ständig die Farbe zu wechseln scheinen. Und ich frage mich, wie alt sie sein mag. Manchmal wirkt sie beinahe jugendlich, dann wieder ziemlich alt.“
„Manchmal Elfe, manchmal Hexe. So ist sie, unsere liebe Sophie“, entgegnete Chiara.

„Hey, Americano, hilf mal den Tisch rauszutragen, wir essen heute in der Sonne, sui prati!“, rief Maurizio aus der Küche. Schnell wurden Tisch, Bänke, Stühle auf die Wiese getragen, eine weiße Leinentischdecke glattgestrichen und Katharina brachte große Teller und Weingläser.
„Kommen Gäste?“, wollte Mark wissen, als er die Anzahl der Gedecke sah.
„Ganz sicher“, entgegnete Chiara.
„Was feiert ihr denn?“, fragte er.
„La dolce vita, Mark! Wer weiß, wie lange uns das noch möglich ist? Es könnte ganz schnell anders sein.“ Sophie richtete ihren Blick Richtung Himmel und ein paar Sorgenfalten waren auf ihrer Stirn zu erkennen.

Kurze Zeit später trafen tatsächlich Gäste ein. Nachbarn, Bekannte, Freunde. Sie brachten selbstgebackenes Brot und Süßigkeiten mit. Wie selbstverständlich nahmen sie am Tisch Platz und unterhielten sich. Einige von ihnen musterten Mark und Chiara, die nun nebeneinander auf einer der Bänke saßen. Die ersten Platten wurden von Katharina und Maurizio rausgetragen, marinierte Erdbeeren, frittierte Artischocken, Sellerie mit Frischkäse, süßsaurer Orangensalat mit Basilikum und noch vieles mehr, die Primi Piatti nahmen den gesamten Tisch ein. Sophie brachte gekühlten Vermentino Wein und reichte den Gästen die Flasche. Sie war barfuß und ihr bodenlanges orangefarbenes Kleid wehte im Frühlingswind. Um ihre Taille war ein breiter Ledergürtel geschlungen, an dem mehrere kleine Leinenbeutel mit Kordel hingen. Sie griff in einen hinein und verteilte unbekannte Gewürze auf den Gerichten.

„Esst und trinkt, Freunde! Ich habe alles letzte Woche frisch aus meiner Heimat Ligurien geholt!“ Maurizio hielt ein Glas Wein in die Höhe und prostete in die Runde. Dann holte er tief Luft und begann zu singen:
„Una festa sui prati
una bella compagnia
panini, vino un sacco di risate
e luminosi sguardi di ragazze innamorate
ma che bella giornata
siamo tutti buoni amici …“

Mark genoss diese herrliche Stimmung am Tisch, er fühlte sich nach Italien versetzt und blickte in die gesellige Runde.
„Ich möchte wissen, was er singt? Alle lachen und ich kann nichts verstehen.“ Mark beugte sich zu Chiara und nahm ihren verführerischen Duft wahr. Ihre Lippen glänzten vom Olivenöl und Aceto Balsamico.
„Mein Vater singt von einer Party auf der Wiese, von einer netten Gesellschaft bei Essen und Wein, von strahlenden Blicken verliebter Mädchen, von guten Freunden, …!“
„Und weiter?“, Mark sah ihr an, dass sie absichtlich nicht alles übersetzte.
„Nun ja, von diesem Fest, das nicht enden soll, es solle das ganze Leben lang dauern, denn ist ein Fest der Liebe und der Liebenden ….“ Chiara senkte ihren Blick auf den Teller, ein zartes Lächeln umspielte ihren Mund.

Mark rückte näher an sie heran, er wusste nicht, warum er plötzlich so beschwingt war. Vom Wein? Von Maurizios Gesang? Oder von Chiaras Anblick, der ihn mehr und mehr verzauberte. Eine wohlige Wärme erfasste ihn, und mit jedem Bissen dieser aromatischen Gerichte und mit jedem Glas Wein fühlte er sich glücklicher. So eine innere Zufriedenheit hatte er schon lange nicht mehr gespürt, dennoch war ihm auch etwas mulmig zumute.
„Ob sie ähnlich empfindet?“, fragte er sich. Um seine Beine schmiegte sich nun Sophies Hund, langsam legte er sich ins Gras, seinen Kopf auf Marks Turnschuh gebettet rollte er sich zusammen und schlief.

Nach einer Weile wurde feinstes Risotto Milanese gebracht. Sophie streute ihren selbst geernteten Safran über den Inhalt der riesigen Pfanne und aus einem anderen Beutel entnahm sie weitere Gewürze. Der Duft von Paprika, Kardamom, Chili, Ingwer und Koriander schwebte durch die Lüfte und die Gäste genossen mit „Aaah“ und „Ooooh“-Lauten und geschlossenen Augen dieses Aroma.
„Scharfe Sache!“, entfuhr es Mark, als er den ersten Bissen nahm und sich beinahe verschluckte.
„Ooooh ja, vorsichtig genießen, Mark. Sophie ist nicht zu unterschätzen“, flüsterte Chiara und zwinkerte ihm zu.

Immer näher rückten die beiden zusammen, zu fortgeschrittener Stunde, und nach einer betörenden Panna Cotta mit frischer Vanilleschote und Dessertwein betrachteten alle den prächtigen Sonnenuntergang.
„Wann ist dein Rückflug eigentlich geplant, Mark?“, wollte Katharina wissen.
„Meine Heimreise ist in zwei Tagen.“

Katharina reichte ihm eine Zeitung.
„Ich glaube nicht, dass das was wird. Dein Mister Präsident lässt keinen mehr ins Land reisen, der mit Ländern in Kontakt war, wo das Coronavirus umgeht.“
Mark überflog die Schlagzeile auf der Titelseite und musste lächeln.
„Willst du nicht hierbleiben, bei uns? Was hält dich in Amerika?“, fragte Sophie über den Tisch hinweg.
„Was mich hält? Wenn ich so recht überlege, hält mich dort gar nichts mehr. Mein Heimatland wird mir zunehmend fremd.“
Plötzlich spürte Mark die Hand von Chiara auf seinem Knie. Sie blickte ihm tief in die Augen:
„Bleibst du hier? Bei uns?“, flüsterte sie.
Mark legte seinen Arm um ihre Schultern und erwiderte ihren Blick.
Und aus dem Tiefblau ihrer Augen wurde unverhofft ein sattes Smaragdgrün mit einem bernsteinfarbenen Ring um den Rand der schwarzen Pupille.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 20039

Herbstbeginn

Die Marktgemeinde Hollstein stand vor einem Scheideweg, dessen einzuschlagende Richtung gänzlich in der Hand von drei Menschen lag. Die Hollsteiner wussten davon noch nichts, sondern ließen sich in den Abendstunden jenes warmen Septembertages an der Seepromenade treiben, begleitet von den Klängen der örtlichen, preisgekrönten Musikkapelle. Später gesellte man sich im Strandbad auf den Bierbänken zueinander, aß belegte Brote oder Bratwurst und trank allerlei Alkoholisches, bis die Gelsen zu lästig wurden und das Bier zur Neige ging.

Wie jedes Jahr am 21. September, feierte man den Einzug des Herbstes sowie den Abgang der Touristen, die jeden Sommer mehr und jeden Sommer etwas ungehobelter wurden. Vereinzelt trotteten noch einige von ihnen herum, fotografierten den Sonnenuntergang oder die Mädchen im Dirndl, die Tabletts mit zehn Halben trugen, als wären nur zwei darauf. Eine Gruppe Asiaten hatte sich den Tisch direkt neben der Musik gesichert und klatschte jeden Schlager begeistert mit.

Als besondere Spezialität wurde, wie bei jedem noch so kleinen Dorffest, die Kaszuzler serviert. Entweder im Ganzen oder als daumendicke Scheiben auf einem Holzbrett, daneben Senf, Kren und ein Kornwecken. Zu Weihnachten kam die Kaszuzler neben der Leberpastete und zu Ostern zum Frühstück mit frisch gekochten Eiern auf den Tisch. Auch als Pizzabelag war sie unschlagbar: Die „Kaszuzler Pizza“ war der Verkaufsrenner beim Wirt am Dorfplatz. Was wäre der Herbsteinzug ohne Kaszuzler? Was wäre Hollstein ohne Kaszuzler?

Die Kaszuzler ist eine sogenannte Rohwurst, deren Zutaten als auch Herstellungsprozess ein allgemein bekanntes Geheimnis in Hollstein und Umgebung waren. Gewürze und Muskelfleisch im Fleischwolf dreimal durchgedreht und mit Käsespezialitäten aller Art verfeinert. Dann genau 66 Minuten über Eichenholz geräuchert. So viel wusste man – nicht zuletzt durch einen teuren Werbespot, der zur besten Sendezeit im ORF lief und in dem eine berühmte Wiener Schauspielerin aus einer berühmten Wiener Schauspieldynastie herzhaft in die Wurst biss.

Die Kaszuzlerei lag am Rande des Dorfes und war ein modernes Gebäude auf einer kleinen Anhöhe. Davor fünfzig Auto- und zehn Busparkplätze und ein großer Kinderspielplatz mit Streichelzoo. Im Erdgeschoß ein Café mit Seeblick und eine Theke, an der man sechzehn verschiedene Arten von Kaszuzler zu unterschiedlichsten Preisen erwerben konnte. Es gab Putenkaszuzler und vegane Kaszuzler mit Tofu und Soja, Kaszuzler mit Emmentaler, Gouda und Mozzarella sowie allerlei Mischformen.

Im selben Gebäude befand sich ein interaktives Museum, in dem Kinder und Erwachsene sich sowohl über Herkunft und Haltung der Tiere als auch über Produktionsbedingungen auf unterhaltsamste Weise informieren konnten. Über die genauen Details der Schlachtung (den eigentlichen Sinn einer Metzgerei) schwieg man sich allerdings aus – nur dass sie „human“ erfolgte, was auch immer das hieß.

Dahinter, einige hundert Meter entfernt, lag die Produktionshalle. Eine von zwanzig in ganz Österreich. Natürlich produzierte man hier nicht nur das Original, sondern auch andere Wurstwaren und Fleischspezialitäten, deren Verpackungen jedoch immer das Siegel der Kaszuzler trugen: ein roter Kreis mit einem gelben Quadrat darin.

Die Anfänge der Kaszuzler waren folgende: Aloisyus Gerstner und Innocentia Habermann heirateten 1918, gleich nach Kriegsende. Der Bub übernahm die Metzgerei von Hubert Habermann, Innocentias Vater, im Dezember 1921, nachdem dieser aus nicht überlieferten Gründen das Zeitliche gesegnet hatte. Vielleicht war‘s ein Schlaganfall, vielleicht ein klug geplanter und eiskalt ausgeführter Mord? Da waren den Fantasien der Hollsteiner keine Grenzen gesetzt.

Ein halbes Jahr später gab es jedenfalls die ersten Aufzeichnungen über die Kaszuzler. Ein Produkt, das durch die Freundschaft mit einer nahegelegenen Käserei entstanden war. Die Käserei gab es bald nicht mehr, aber das tat der Erfolgsgeschichte der Zuzla, wie sie die Einheimischen liebevoll nannten, keinen Abbruch.

Namensgeber, so die Überlieferung, war Karl der Erste, letzter Kaiser von Österreich. Als dieser inkognito mit seinem Auto durch Österreich Richtung Ungarn fuhr, machte er in Hollstein halt und kehrte in die Metzgerei am Dorfplatz ein, um sich eine Jause zu gönnen. Das relativ neue Produkt wurde ihm, mit einer Halben Bier und einer Semmel, serviert. Begeistert von dessen Geschmack rief er aus: Da könnt‘ ich den ganzen Tag dran zuzeln, so fein ist das! Dass die Daten nicht ganz mit den offiziellen Reiseaufzeichnungen von Karl dem Ersten übereinstimmten, tat der Popularität dieser Geschichte keinen Abbruch. So gilt bis heute die Kaszuzler als Exportschlager von Hollstein, weit über die Grenzen Europas hinaus.

Anna Innocentia Gerstner-Junker feierte am 21. September ihren neunundzwanzigsten Geburtstag mit einer Flasche Wein im Beisein ihres 94-jährigen Großvaters, der zu Beginn wie immer über die Russen schimpfte, nach zwei Achterl Wein plötzlich ganz ruhig wurde und nach einem weiteren im Rollstuhl schnarchte. In der Villa der Gerstners, nur zweihundert Meter Luftlinie von der Produktionsstätte, hatte Anna Innocentia immer ihre Kindheitssommer verbracht. Außer ihrem Großvater, zwei Pflegerinnen und einem Gärtner wohnte niemand mehr darin.  Sie besaß nun selbst einen Prachtbau auf der anderen Seite des Sees, dessen dem See zugewandte Seite fast gänzlich aus Glas bestand. Rundherum vier Hektar Grund, abgegrenzt durch eine Betonmauer.

Anna Innocentia hatte allen Grund zu feiern. Morgen würden die Verhandlungen für eine bevorstehende Fusion der Kaszuzlerei mit einem chinesischen Unternehmen beginnen. Während ihr Großvater von einer der Pflegerinnen vorsichtig aus dem Zimmer gerollt wurde, stand Anna auf, ging zum Fenster, öffnete es und sog die kühle Nachtluft ein. Vom See her wehte die Musik der Hollsteiner Kapelle, die gerade Moon River ausklingen ließ.

Irgendwo dort unten beim Fest, in der Gruppe der Asiaten, die so fleißig im Takt der Musik klatschten, saß Meng Li, CEO von Kapsui, einer chinesischen Lebensmittelfirma. Einen Tisch weiter saß Julian Angelmaier, seines Zeichens Bürgermeister von Hollstein und Verhandlungsführer im Namen seiner Schäfchen, die noch nichts von ihrem Schicksal wussten. Sie prosteten sich im Schein der bunten Lichterketten heimlich zu. Der Herbst hatte begonnen.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19106

Fräulein der Früchte

Fräulein der vielen Früchte.
Schmecken so anders wie süß.
Wenn ich einmal in sie reinbeiße,
kann ich nicht mehr von ihnen lassen.
Schon jetzt doch brauch ich dich so sehr
wie der Fisch das Meer,
wie die Wolke den Wind.

Drei Früchte

Drei Früchte

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19072

Internet

Papua-Neuguinea. Die letzten Menschenfresser. Das Opfer ist ein weißer Mann. Er ist verschnürt und geknebelt. Gwob und Qualip legen los.

Gwob: Was meinst du, kochen oder braten?

Qualip: Besser kochen, würde ich sagen. Vielleicht hat er irgendwelche Bakterien. Kochen ist da sicherer.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Er ist so fett. Glaubst du, er passt überhaupt in den Topf?

Qualip: Ich denke schon. Aber wenn nicht, schneiden wir ihn halt zurecht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Gesund sieht er nicht aus. Ich hoffe, uns wird nicht von ihm schlecht.

Qualip: Wir haben schon andere Kaliber verdrückt, und sie haben uns nicht geschadet. Denk doch an den mit den Eiterbeulen.

Gwob: Okay, du hast Recht. Sag mal, weißt du, wie er gefüttert wurde?

Qualip: Gegessen, er hat selbst gegessen.

Gwob: Und was?

Qualip: Naja, Fast Food hauptsächlich.

Gwob: Fast Food, wasisndas?

Qualip: Burger. Du weißt schon, Fleischlaibchen in Sesamwecken.

Gwob: Nein, ich weiß nicht. Aber woher weißt du das? Das möchte ich jetzt wissen.

Qualip: Na, Internet.

Gwob: Internet?

Qualip: Ja, auf dem Notebook mit der Kurbel von unserem letzten Opfer.

Fußball im Internet

Fußball im Internet

Gwob: Dem Missionar?

Qualip: Genau.

Gwob: Jetzt hör mal. Wir sind eines der letzten unentdeckten Naturvölker der Welt. Wir beten Waldgeister und die Sonnengöttin an. Wir haben keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und keine Ärzte. Wir haben nicht einmal eine Schrift. Und du hast Internet?

Qualip: So ist es. Sag mal, du hast doch auch schon Hunger. Machen wir uns an die Arbeit.

Gwob: Betäubung?

Qualip: Nein, wir brauchen unsere Kräuter selbst. Und Alkohol kennen wir ja nicht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19066

Wie das Blut in die Orange kam

Ein Marmeladenmärchen

Auf der Halbinsel Krim wachsen seit Menschengedenken Orangen und Granatäpfel friedlich nebeneinander. Wie auch Mandarinen, Oliven, Weintrauben, Kirschen, Äpfel, Birnen, Feigen, Pfirsiche, Marillen, Nüsse, Mandeln, Pistazien, Physalis, Quitten, Erdbeeren und all die anderen Früchte und Kräuter. Schon den alten Völkern galt die Krim als ein Garten Eden. Aber es gab einmal eine schlimme Zeit. Die Orange und der Granatapfel gerieten in Streit darüber, wer die schönste Frucht sei, die älteste, die köstlichste, die echteste, die nützlichste, also die Urfrucht, die Urmutter oder der Urvater der Krim. Alle Obstsorten schlossen sich entweder der einen oder der anderen Partei an, und so spaltete sich die vermischte Fruchtgemeinschaft in zwei verfeindete Lager. Gegenseitige Unabhängigkeitserklärungen da und dort. Sie rissen einander die Wurzeln aus und vertrieben die anderen. So begann der sagenhafte Obstkrieg, an dem die Krim fast zugrunde gegangen wäre.

Was hatte zu diesem Streit geführt? In den Tälern zwischen dem Karadag, Ai-Todor und Ai-Petri hatte sich herumgesprochen, dass sich die Tatarenprinzessin Liwadija-Oreanda zur Hochzeit das schönste Obst der Krim wünschte. Wer sich zur Wahl stellte, sollte in den goldenen Palast von Bachtschissarei kommen. Ihr Bräutigam, der junge Khan Tschufut-Kale, hat sich als Geschenk das schönste Tier gewünscht. Der weiße Hirsch machte das Rennen, die Tiere waren klüger gewesen und hatten den Wettstreit friedlich entschieden.
Unter den Früchten glaubte sich die selbstbewusste Orange persönlich angesprochen und machte sich mit ihrer Gefolgschaft auf den Weg zum Palast. Der Granatapfel fühlte sich immer schon als der König der Früchte und hatte die selbe Idee. Aber im Tal des Ai-Todor kam es zu einem Zwischenfall. Die Orange traf auf den Granatapfel, beide hatten viele Anhänger um sich geschart. An der engsten Stelle, beim Wasserfall Ajudag am Abhang des Ai-Petri trafen die beiden Heere aufeinander. Die Schlucht des Ajudag ist hier so schmal und wild, dass keiner an dem anderen vorbeikommt. Eine Schlacht scheint unausweichlich.

Die Orange baut sich am Rande des Felsbeckens auf, in das der Wasserfall stürzt und ruft kämpferisch:
– He, du hässliche Lederhaut! Du Fetzenschädl! Komm her, trau dich! Wie kommst du dazu, dich für die schönste Frucht zu halten? Du wächst auf einem struppigen Besenstrauch oder höchstens auf einem Krüppelbaum in schlechter Erde und blühst völlig unscheinbar. Du schaust nicht viel mehr gleich als eine Heckenrose. Nicht einmal die Esel mögen deine Blätter rupfen! Höchstens die Kojoten pinkeln an deinen Stamm. Was ist das gegen die Schönheit meines Wuchses und meiner Blätter, und erst der himmlische Duft meiner Blüten! Mit mir träumt sich die halbe Welt in den Süden. Ich bin das Symbol ihres Südens, ich bin ihr Süden! Deine Haut ist ungenießbar, und innen bestehst du nur aus bitteren Fasern und Körndlzeug. Die kann man nicht beißen und nicht schlucken. Zum Auszutzeln zu sauer, nur zum Ausspucken. Pfui Teufel, du bist zu nichts nutze. Wie kannst du dir nur einbilden, dass die Prinzessin gerade dich wählen wird?

Der Zickenkrieg ist voll entbrannt.

Darauf der Granatapfel, auch nicht mundfaul:
– Na, red nicht so einen Blödsinn! Deine Schale mag niemand essen, nicht einmal die Tiere. Die lassen dich liegen und auf der Erde verrotten. Schönheit, pah, zu deiner eingedellten, grieseligen Haut sagt ja die ganze Welt Orangenhaut oder so grauslich medizinisch Cellulite. Manche halten das gar für eine Krankheit und lassen sich operieren, absaugen und implantieren. Damit wirst du bei der jungen, schönen Prinzessin nicht ankommen. Dein Fleisch ist zu sauer, als dass es ein Genuss wäre, weder auf der Zunge noch am Gaumen.
Immer und überall nur von Säure verzogene Gesichter. Und erst die Mühen des Abschälens. Brrrr, wie schmutzig und klebrig man sich da die Finger macht. Deswegen nehmen dich die meisten mit einer Maschine aus und sind nur hinter deinem Juice her. Hahaha, und von Kernen musst gerade du nicht reden. Alle suckeln nur darum herum und spucken. Wie unappetitlich! Mit meinem Saft dagegen haben schon die ältesten Völker ihre Stoffe, Felle und Häute gefärbt. Und die Höhlen ausgemalt. Hach, du mit deinem armseligen Vitamin C, ich habe alle diese Vitamine von 1 bis 12 und einige noch von A bis D. Und noch viel mehr!
Mit meinem Saft im Magen kann man essen und trinken, so viel man will, ohne satt oder betrunken zu werden.

Jetzt sind sie sich gleich an Beschimpfungen und Beleidigungen.
Unter den Anhängern der beiden kommt es in der engen Schlucht zur Unruhe und zu einem argen Gedränge. Für wen sollten sie sein? Und warum? Sie fuchteln mit ihren Waffen, schreien so wild bravooo oder buuuhh, dass sie durcheinander kullern und die sensibelsten unter ihnen schlimme Dellen abkriegen. Die kleinen, weichen Erdbeeren und Kirschen gehen als Erste unter, dann die zarte Physalis, die Mandeln werden am Boden zertreten, Marillen, Feigen und Pfirsiche, alles kugelt übereinander und zerquetscht sich aneinander. Äpfel und Birnen werden zwischen den griechischen Walnüssen und Melonen zermalmt. Nur die holzharte Quitte übersteht das Gemetzel einigermaßen unbeschadet. Aber die will ohnedies niemand, so kollert sie ins Abseits und bleibt am Grund des Beckens liegen. Ein grässlicher Anblick, dieses Schlachtenbummlergetümmel! Zermatschkert alles. Schon liegt Fäulnis in der Luft. Die Lage wird so bedrohlich, dass abzusehen ist: Wenn alle zusammen zu einem ungenießbaren Mus werden, genießen das nur noch die Wespen und Schmeißfliegen.

Der Granatapfel rückt bedrohlich näher, aufgeblasen in seiner Lederhaut und die verblühte Krone spitz aufgerichtet wie der Kamm eines Kampfhahns. Er versucht, die Orange zum Wasserbecken zu drängen und stößt immer wieder mit seiner Kampfkrone auf die Orange ein.
Noch eine Runde.
– Ätsch, und schwimmen kannst du auch nicht. Du saufst dich voll und gehst unter. Dann kommt nur noch der Hai für dich in Frage. Und der schluckt dich auch nur, weil er dich für eine Plastikflasche von Frucade hält. Das war‘s dann mit Bachtschissarei.
Er lacht höhnisch.
– Ich mit meiner Lederhaut, ja genau deswegen, kann einen ganzen Ozean überqueren und noch immer trocken an Land gehen. Die Indianer und Maori haben mit mir Fußballweltmeisterschaften gespielt. Und gewonnen, schau, ich bin immer noch da.
Nun zieht er das letzte, das unterste Register:
Und erst dein lächerlicher Name – O-r-a-n-g-e! So was Dummes, Ausländisches, kann doch keiner aussprechen.

Die Orange hat im Moment keine passende Antwort und keine Beleidigung parat, kann aber wegen ihrer Kugelgestalt gerade noch den Angriffen des Granats ausweichen. Da passiert es – sie strauchelt und stößt sich so stark am Beckenrand, dass ihre Haut eine tiefe Delle bekommt. Unwillkürlich gibt sie einige Spritzer aus ihrer Schale ab und trifft damit den Granatapfel. Sie sind so scharf und sauer, dass seine Haut sofort hässliche schwarze Flecken bekommt und platzt. Da quillt alles Körndlzeugs aus ihm heraus wie aus einer Blunzen und breitet sich ungustiös am Beckenrand aus.
Das ist ein Schock, ein heilsamer, der die Wende herbeiführt. Für eine Sekunde schauen sie sich selbst an, dann einander und fallen in eine Starre.
Wie lange, das weiß keiner und wird auch nicht herauszufinden sein.
– Lädiert, hässlich, gaga, kaka, zum Wegschmeißen. Wenn wir so weitermachen, sind wir alle Verlierer und höchstens Futter für Fliegen, Wespen und Würmer – so etwas Ähnliches muss ihnen durch den Kopf geschossen sein. Freiwillig Loser sein, also das geht gar nicht.
Es fällt ihnen gleichzeitig auf, dass sie beide, so übel zugerichtet, wie sie sind, nicht in den Palast gelassen werden, schon gar nicht vor das Angesicht der Prinzessin Liwadija-Oreanda.

Von der schönsten Frucht als Hochzeitsgeschenk kann keine Rede mehr sein. Sie überlegen, besinnen sich und kühlen ihre Kampfeswut im eiskalten Wasser des Ajudag. Auf dem Ai-Todor und dem Ai-Petri liegt auch im Sommer Schnee. Das Wasser hat nur sechs Grad über Null und ist so mineralhaltig, dass sich alle Wunden sofort schließen. Das Naturbecken heißt deswegen im tatarischen Volksmund „Brunnen der ewigen Jugend“. Der ganze weibliche Hofstaat von Bachtschissarei nimmt hier seine täglichen Bäder. Die Soldaten der Khans haben auf der anderen Seite des Ai-Petri einen ähnlichen Jungbrunnen „Für den Ewigkrieger“. In den Quellbecken des Grishaf bei Alushta baden sie ihre weltberühmten Pferde, mit denen die mächtigen Eroberer Tschingis Khan und Kublai Khahn mit der Goldenen Horde zwei Drittel der damaligen Welt erobert haben.

Als sie wieder an Land steigen, beschließen die Orange und der Granatapfel, dass sie etwas vom Besten, das sie so reichlich haben, dem anderen abgeben könnten. So schenkt die Orange dem Granatapfel etwas von ihrem Zucker, der Granatapfel gibt der Orange einen Teil seines roten Saftes ab. So kam der Granatapfel zu seiner Süße und die Orange zu ihrer Blutfarbe. Beide waren zufrieden mit diesem Austausch. Hand in Hand wanderten sie weiter durch das Tal des Ajudag bis zum tausendminarettigen Palast von Bachtschissarei.
Die Palastwachen waren beeindruckt von ihrer Schönheit und ließen sie passieren. Diener in rotgoldenen Rüstungen geleiteten sie in die Kemenate der Prinzessin Liwadija-Oeranda. Diese klatschte vor Freude in die Hände, dass sie auf einem so weiten und schwierigen Weg zu ihr gekommen waren und nahm beide auf. Da wurde sie noch liebreizender als das Märchen von ihr schon erzählte. Warum soll nur eine die schönste Frucht sein? Die Krim ist doch so reich an vielen guten Dingen.

Sie kühlte die Früchte im klaren Wasser des weißmarmornen Tränenbrunnens, sodass sie immer frisch und köstlich blieben. Die Orange versüßte von nun an das Leben der Krimtschaner, der Granatapfel gab ihnen unüberwindliche Kraft. Von Liwadija-Oreanda heißt es seither, dass sie die klügste Tatarenprinzessin war, die je gelebt hat. Zusammen mit ihrem Mann, dem Khan Tschufut-Kale, herrschte sie viele Jahre über die Krim und machte sie noch schöner und reicher.
Im Park von Bachtschissarei ließ sie auf der einen Seite des Ajudag einen Garten mit blutroten Orangen anlegen, auf der anderen einen mit süßen Granatäpfeln. Bis zu ihrem Lebensende liebte es Liwadija-Oreanda, mit ihren Hofdamen im Schatten der Bäume spazieren zu gehen, sich dort abzukühlen und ihrem Säuseln der Blätter zuzuhören. Wenn man genau hinhörte, klang es wie das Plätschern eines Brunnens, wenn Wind aufkam, wie das Rauschen eines Wasserfalls.
Die schönsten Vögel und Schmetterlinge der Krim ließen sich hier nieder, Khan Tshufut-Kale begründete eine Herde von weißen Hirschen, die alle auf den Namen Diana hörten und ein Horn zwischen dem Geweih trugen.

So blieb die Krim nach dem Obstkrieg geeint, und alle Menschen, Früchte und Tiere lebten fortan glücklich und in Frieden miteinander.

Ich habe gerade Blutorangen und Granatäpfel zu einer Marmelade verarbeitet, mein Geheimrezept gegen Verkühlungen.
Ich widme dieses von mir erdachte Märchen meinem lieben Nachbarn Carlos Sanchez, der mich gerade mit seiner Wunder-Zauber-Hühnchen-Gemüsesuppe gesund zu machen versucht.

31.1.18, 15h18

Veronika Seyr
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