Aus der Wiener Häuslbauer-Serie
max, der Bauherr, hatte es geschafft: Das Haus war fertig!!! Endlose Jahre der Grundstückssuche, der Würgerei mit den Kreditraten, der Planung und des mühsamen Stein-auf-Stein-Legens lagen hinter ihm. Gebaut hatte er größtenteils selbst, mit „erweiterter Nachbarschaftshilfe“ – und natürlich mit Hilfe von Verwandten und Freunden, denn jeder, der ihm am Wochenende als Maurer, Helfer, Elektriker oder Installateur gegen „Spesenersatz“ geholfen hatte, war mit der Zeit sein Freund geworden.
Was hatte es nicht für Schwierigkeiten gegeben: ewiger Geldmangel, chronische Überarbeitung (max freute sich jeden Sonntag aufs Büro, denn nach einem starken Tag Betonmischen oder Ziegelschleppen hatten seine Bandscheiben locker eine Woche Erholung gebraucht, bis er sich die Schuhe wieder schmerzfrei anziehen konnte), Ärger mit der Gemeinde, dem Baustoffhändler, den Handwerkern, die oft genug aussichtslose Terminkoordination, die er immer wieder mit der Geduld eines Stehaufmanderls irgendwie geschafft hatte – er wollte gar nicht mehr daran denken. Die gehabten Schmerzen sind die schönsten – aber nun aus, Schluss damit. Es war ihm mit Gottes Hilfe (denn es grenzte mehrmals an ein Wunder, dass alles doch noch geklappt hatte) gelungen, ein durchaus brauchbares und hübsches kleines Einfamilienhaus auf die Beine oder besser aufs selbstgegossene Fundament zu stellen. Ein Marathonläufer in der Zielgeraden ist ein ausgeschlafener Beamter gegen einen Häuslbauer, der fertig geworden ist. Alle Materialreste und sogar die Mischmaschine hatte max bereits an andere Leidensgenossen verschenkt, er konnte nichts mehr davon sehen.
Gestern abends hatte es eine sehr gelungene Fertigstellungs-Grillparty gegeben, wo alle am Werk Beteiligten mit ihren Familien eingeladen waren – das Buffet hatte max vom nächsten Heurigenwirt beistellen lassen, der ihm auch einige Bänke und Tische geliehen hatte. Auch dieser war sein Freund, denn er hatte dem wohlgelittenen langjährigen Stammgast mehrmals mit dem Traktor ausgeholfen, wenn nichts anderes mehr ging. Und um Mitternacht wurden in einem feierlichen Akt symbolisch die letzten Arbeitshandschuhe und die den ganzen Bau gebrauchte, von allerlei Rückständen schon „allein-stehende“ ehemals blaue Latzhose in einem großen Lagerfeuer aus kleingeschnittenem Bauholz verbrannt. Leider fiel dieses ziemlich groß aus, weshalb die von ängstlichen Nachbarn alarmierte Feuerwehr ausrückte, was größere Schwierigkeiten und Kosten verursacht hätte, wenn nicht deren Kommandant der Sohn des befreundeten Heurigenwirten gewesen wäre. Kurzerhand lud max den gesamten Löschzug ein mitzufeiern, was gerne angenommen wurde und neuen Schwung in die fröhliche Party brachte.
Die Kinder schliefen irgendwo in den improvisierten Matratzenlagern, nach und nach folgten deren Mütter, und schlussendlich fielen gegen drei Uhr früh auch die härtesten „Hackler“ todmüde, aber zufrieden zu den Frauen aufs Lager (wenn auch nicht immer zu den eigenen). max hatte vorsorglich einen großen Topf Gulaschsuppe und Brot für das Frühstück bereitgestellt und die Raumpflegerin aus seinem Büro für die morgendliche Kaffeeküche engagiert, sodass sich auch die „Wieder-in-Betriebnahme“ seiner Gäste geordnet vollzog. Alle versicherten ihm, dass dies die schönste Party gewesen wäre, an der sie je teilgenommen hätten, und verabschiedeten sich mit einem scherzhaften „Also bis zur nächsten Baustelle“, und dann war es soweit.
Das Haus stand, es hatte auch die Party unbeschadet überstanden, und nach den „Aufräumungsarbeiten“, die sich bis in den frühen Nachmittag hinzogen, waren alle Spuren getilgt, alles strahlte nagelneu, und auch der schön angelegte Garten war wie aus dem Schöner-Wohnen-Prospekt. Jetzt war es soweit, die Besitzerfreude und der Stolz auf das Selbstgeschaffene, der so lange ersehnte Genuss konnten stattfinden. max und seine Elli waren ganz gerührt, die große Terrassentüre wurde mit einer Girlande geschmückt, und max trug seine Gefährtin in guten und vielen weniger guten Tagen feierlich über seines Hauses Schwelle, küsste sie und sprach die bewegenden Worte: „Und jetzt hätt ich gern an g’scheiten Kaffee mit Schlag und an Guglhupf von deiner Muatter!“ Denn auf das hatte er sich jahrelang gefreut; immer, wenn es ihm schlecht ging (oder er nicht wusste, wie es weitergeht), hatte er sich ausgemalt, wie er künftig auf der Terrasse beim Kaffee sitzen würde und alles wäre geschafft.
Elli nickte und blitzte ihn mit strahlender Zustimmung an: „Jo, ich hab auch schon Zähnd‘ drauf, endlich einmal auf gepflegt und net auf einer dreckich’n Baustell’!“ Auch sie hatte viel entbehren müssen, bis es soweit war. Gemeinsam machten sie die paar Handgriffe in der Küche und trugen alles hinaus, um sich dann die wohlverdiente Jause in der neuen gelb-weiß gestreiften Sitzgarnitur auf der Terrasse schmecken zu lassen. Als krönenden Abschluss holte max eine Flasche Marillenschaumwein aus dem Kühlschrank und sie stießen auf den neuen, schönen Lebensabschnitt ohne schwere, schmutzige Arbeit an.
Und dann sagte die liebende Gattin mitten hinein in maxens blass werdendes Gesicht: „Ich fahr gach in die Wohnung noch ein paar Sachen holen, bist so lieb und hebst derweil die Waschbetonplatten unterm Garten-Wasserhahn um zwei, drei Zentimeter höher, weil da bleibt immer so eine Gatschlacken steh’n!“ Um Gottes Willen, das hieß ja schon wieder die schweren Platten heben (= Kreuzweh), vom Nachbarn einen Kübel Sand erbetteln (er hatte ja weder Arbeitsgewand noch Baumaterial mehr), in der ältesten Jean niederknien, mit Kelle und Wasserwaage herumhantieren und dann alles wieder saubermachen. Und wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel traf max die vernichtende Erkenntnis: Bisher hatte er geschuftet, um ein Haus zu haben. Und nun würde er sein Lebetag für sein Haus weiterarbeiten müssen. Und die einzige Erholung, die langersehnte schöne sorglose Zeit nach Bau-Ende – das war die Dreiviertelstunde beim Kaffee gewesen!
Man muss eine Frau sein, um nicht zu verstehen, warum sich max diesen Abend mit dem restlichen Maurerbier in den Schlaf trinken musste.
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 26054

Eine sehr nette Geschichte, lieber Robert, man bekommt direkt Mitleid mit dem armen Max …
Gerne gelesen!