Das Rehwild

Nimm an ein schwarzer Kater
Der im Größenwahn
Ja, im Wahn was tat er?
Er ging ein Rehwild an!

Er ging es an, ach wär’s nur das!
Er musst’ es auch gleich jagen
Die Leidenschaft am Herze fraß
Am Katerherzen will ich sagen

Er jagte und er legte es
In einem Wiesenneste
„Ach, dass ich nie mehr Rehwild fress!
Ich fraß mir weg das Beste!“

So maunzt’ geknickt der Wüterricht
Da hat man ihn gefangen
Und stellte ihn vors Tiergericht
Und wollt’ ihn auch gleich hangen

Nur dass er jung an Jahren
Hat ihm den Hals geschonet
Nach Trommeln und Fanfaren
Hat hohl die Eul getonet:

„Kater  fressen Rehlein nicht!
Nur Kleinvieh sei die Beute
Gattungsschranken sind hier Pflicht
Darum verkünd ich heute:

Weil Liebe ihn zur Schandtat trieb
Sei ihm die Lieb entzogen
Weder hab ihn jemand lieb
Noch sei er wem gewogen!“

Doch da der Kater gar so jung
Als er die Tat begangen
Erfährt das Urteil Milderung
In magischen Belangen

Gesetzt, dass es geschähe
Es liebt’ ihn wer so rein
Dass er die Seele sähe
Von uns’rem Katerlein

So sei er aufgehoben
Der Bann samt Fluch und Schwur
Die Klausel ist zu loben
Weil lehrhafter Natur –

Vielleicht in alten Zeiten
Gab es solch reine Liebe
Doch was wir uns bereiten
Das folgt vielmehr dem Triebe

Der arme schwarze Kater
Randvoll mit bitt’rer Reue
Als er dies hört’ verzagt er
Hier half ihm keine Schläue

Einst so frech und munter
Nach bösen Katerjahren
Kam der Kater runter
An Fell und Fang und Haaren

Er trug den Schweif gedrücket
Trüb wurden ihm die Augen
Die einst die Katz entzücket
Man mochte es kaum glauben

Es drückte ihm die Seele
Im Wachen und im Traume
Damit sie ihn nicht quäle
Hing er sie auf einen Baume

***

Ein Reh liebte zu pirschen
Früh fing es damit an
Es liebte vor allem die Hirschen
Was ihm gar übel bekam

„Rehwilder grasen und fressen
Nur Pflanzen grün und fad
Wie konntest du dich vermessen!?“
So sprach der Rehwildrat

Das Reh ward drum verstoßen
In den dunklen Tann
Es regnete Hagelschoßen
Es fror und weinte, doch dann …

Sah es des Katers Seele
An jenem Baume hangen
Ich will, dass man uns vermähle
Sprach es voll Wunderbangen

Es nahm die Seele vom Triebe
Und wickelt’ sich darin ein
Die Seele erglühte in Liebe
Und fuhr in den Kater ein

Der schoss aus dem Unterholze
Auf das Rehlein zu
Wir spar’n uns das Liebesgebolze
Sie heirateten im Nu!

Sie hielten sich in Ehren
Und ließen an sich alles dran
Höchstens – wer kann es verwehren?
Ein kleines Stück Ohr dann und wann

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21083

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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