Rudern Richtung Syrakus

Um dich in deiner Winter-Stadt
daran zu erinnern,
wie es ist, jetzt hier zu sein,
musst du lediglich

aufhören zu denken,
deine Augen schließen,
fühlen, wie die Sonne
die Tropfen Meerwasser
auf deiner gebräunten Haut trocknet,
das Salzwasser auf deinen
Lippen schmecken,
die Sonne warm die Härchen
auf deinen Armen,
einst dunkel, jetzt blond,
kitzeln lassen,

bevor du deine Augen wieder öffnest,
deinen Oberkörper
zur linken Seite neigst,
um mit den Armen
das Paddel deines Kajaks wieder
in das azurblaue Mittelmeer
einzutauchen,
um Richtung Syrakus zu rudern.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24048




Ilusión realista

Es war am Anfang keine Herzensentscheidung. Als ich im Sommer 2006 den Spanischkurs besuchte, war ich zunächst frustriert. Doch dann fiel mir eine junge Frau auf, die immer rechts von mir in der hintersten Reihe Platz nahm und dort allein saß. Es wurde für mich zu einer geliebten Beschäftigung, mich immer nach ihr umzudrehen und ihr heimlich beim Lernen zuzusehen.

Wochen vergingen und ich fühlte zunehmend Frust wegen des Kurses, der immer sehr früh begann, und wegen der anderen Teilnehmenden, die auf mich unsympathisch wirkten.

Unerfüllt blieb mein Verlangen nach der jungen Frau in der letzten Reihe.

(Eines Tages fasste ich aber den Entschluss, sie anzusprechen und etwas über meine Interessen zu erzählen. So erzählte ich ihr, dass ich anstelle von Spanisch lieber Griechisch gelernt hätte. Etwas, was mich an dieser Sprache immer faszinierte, war ihre Andersartigkeit. So ist das Wort „Wein“ in den meisten Sprachen dasselbe, beispielsweise „wine“ oder „vino“. Auf Griechisch heißt es hingegen „κρασί“ (Krasí).

Daraufhin entgegnete sie, dass es sie sehr neugierig mache und sie sich gerne tiefer darüber austauschen möchte. Ich bot ihr ein  Treffen an. Da ich bereits das Thema „Wein“ angesprochen hatte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Spaziergang in den Weinbergen außerhalb der Stadt vor. Ich machte den Vorschlage, dass wir uns am Freitagnachmittag am Bahnhof treffen und dann ein Stück mit dem Zug hinausfahren könnten. Als sie dann am Bahnhofsvorplatz ankam, war ich außer mir vor Freude. Sie strahlte noch denselben Charme aus, mit dem sie mich im Sprachkurs verzaubert hatte.

Unsere Gespräche während der Bahnfahrt gingen von ihrer Erfahrung in ihrem früheren Pädagogikstudium hin zu der fotorealistischen Kunst in den USA am Ende der 1960er-Jahre. Sie fand es interessant, dass mir diese neue Art, realistisch zu malen, gefiel denn sie ziehe gegenständliche und realistische Darstellungen den abstrakten und expressiven vor. Sie begeistere sich – so sagte sie mir – für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts – allen voran Vermeer van Delft.

Ich unterbrach sie und erzählte die Anekdote, dass ein antiker Autor von einem Maler berichtete, der Trauben so realistisch malen konnte, dass ein Vogel sich auf dem Bild niederließ und versuchte, die gemalten Trauben anzupicken. So wurde es jedenfalls überliefert.

Sie entgegnete mir, dass sie dieses Beispiel interessant fände, aber ein solcher Ansatz für die Malerei ihr noch nicht weit genug gehen würde. In den Werken der alten Meister sehe sie vielmehr eine ‚Aufbruchstimmung der Menschheit‘, wie sie es ausdrückte.

Abrupt war mit dem Halt des Zuges an dem kleinen Bahnhof des Weinbauernortes unser Gespräch zu Ende und es wäre für mich sicher nicht mehr ratsam gewesen, wieder den Faden aufzunehmen.

Wir beide stiegen aus und schauten uns etwas um, dann schlugen wir den Weg zu den Weinbergen ein. Meine Begleiterin merkte an, wie anmutig sie die Landschaft finde und wie sanft sich die Weinberge an den Hügel schmiegten, ähnlich einer Himmelsleiter.

Unser neues Gesprächsthema waren Reisen, was uns die erste Meinungsverschiedenheit bescherte. Meine Meinung war es, dass es sich lohnte, eher ungewöhnliche Reiseziele zu besuchen, und ich untermauerte meine These mit Ländern wie Bosnien-Herzegowina oder Tadschikistan, die nur wenige andere Menschen bereisten. Es sei daher ein großer Vorteil, dort gewesen zu sein.

Sie aber behauptete, dass es wichtiger sei, kulturelle Schätze gesehen zu haben, dies seien bedeutende Bauwerke und Kunstmuseen. Gleichzeitig sagte sie mir, dass es einen großen Unterschied zwischen Weinländern und Bierländern gäbe, wobei sie die Weinländer bevorzuge. Daraufhin wollte ich eine Begründung dafür wissen, sie sagte mir nur, der Unterschied sei die Leichtigkeit, mit der die Dinge des Lebens betrachtet würden.

Wir genossen beide noch die Aussicht und sie gestand mir, dass es das erste Mal überhaupt gewesen sei, dass sie einen Weinberg zu Gesicht bekam. Der Eindruck sei noch erhabener, als sie es sich vorgestellt hatte.

Wir setzen unsere Gespräche noch mit ein paar Belanglosigkeiten fort, die die Lesenden nicht interessieren dürften, danach fuhren wir mit einem alten Regionalzug, der ein paar Minuten Verspätung hatte, in unsere Universitätsstadt zurück.

Als wir uns am späten Nachmittag am Bahnhofsvorplatz verabschiedeten, fragte ich sie, wie es ihr gefallen habe, und sie entgegnete, dass es wie beim Wein sei, den man nur einmal wirklich genießen könne. Dies stimmte mich traurig und ich verlor jede Hoffnung.

Die Spanischstunde fing wieder früh an. Ich schaffte es gerade, mich in den Übungsraum zu schleppen, rechts von mir in der hintersten Reihe saß sie wieder. Auf den Unterrichtsstoff konzentrierte ich mich leidlich und blickte wieder heimlich ein paar Mal zu ihr herüber. Endlich war die Stunde vorbei und die anderen Studierenden verließen den Raum. Nur sie blieb sitzen und ich schaute wie gebannt zu ihr herüber. Sie öffnete ihre Jausenbox, entnahm eine Rispe mit roten Weintrauben und verschlang sie alle auf einmal.

Bei ihrem Anblick hoffte ich auf ein Wiedersehen im Griechischkurs im nächsten Semester.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26040




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Du bist eine tolle Frau, aber …

Das Fatale an solchen Abschieden, nennen wir es ruhig beim Namen: Trennungen, ist ja, dass man es nur falsch machen kann. Jedes Wort kommt einem zu viel, zu wenig oder zu wenig rücksichtsvoll vor – und ist es auch.

Die in solchen Fällen gern gebrauchte Floskel, es läge an mir und nicht an ihr, kommt mir nicht über die Lippen, sammelt sich in meinem Mund zu einem Wortmüllhaufen, was soll ich nur sagen? Sie hat bestimmt längst gemerkt, dass was nicht stimmt. Unsere Telefonate sind sonst so unbeschwert, luftig, launig, wie ein Sonnenstrahl im Grau des Alltags. Aber diesmal ist es anders für mich. Ich hab kurz vor unserem Gespräch online auf mein Konto geschaut, beinah hat mich der Schlag getroffen: Das alles soll ich gekauft haben???

Das Telefonat endet wie üblich, sie hat wohl doch nichts von meinen Zweifeln bemerkt, noch nicht. Doch danach denke ich länger drüber nach, wie das geschehen konnte. Ich weiß, sie wird bald wieder anrufen, alle paar Tage sind das Minimum, und ich möchte mich diesmal darauf vorbereiten. Ihre heitere, einladende Stimme macht es mir wohl nicht einfach, ihren Redefluss zu unterbrechen. Sonst hab ich immer lange zugehört, bevor sie bekommen hat, was sie wollte: meine volle Aufmerksamkeit und mein uneingeschränktes Ja zu ihren Vorschlägen.

Berechnend? Nein, das kann man so nicht sagen. Sie macht ja nur ihren Job. Dass ich so eingestiegen bin, liegt an mir und nicht an ihr. Aja, nun wären wir doch dort angelangt, bei der Floskel.

Es klingelt, ihre Nummer. Üblicherweise hüpft mir da schon das Herz vor lauter Vorfreude, diesmal sinkt es ganz tief hinab.  Schon während der Begrüßung pocht es in meinen Schläfen: Ich muss es ihr sofort sagen.

„Du bist eine tolle Frau, aber …“ Weiter komme ich nicht. Sie reagiert irritiert: „Was hast du gesagt?“
Ich rede weiter: „Und du machst deinen Job großartig, aber …“ Sie schweigt, ich hab angenommen, sie würde mich unterbrechen. „Aber ich muss dir was sagen“, fahre ich fort. „So geht es nicht weiter für mich. Deine Anrufe werden häufiger, und ich geb immer mehr Geld dabei aus. Mein Kellerabteil quillt über, alle meine Räume sind vollgestopft, ich kann deine Ideen nicht länger unterstützen, es geht einfach nicht. Bitte nimm mich aus eurem Verkaufsverteiler. Ich möchte nämlich auch nicht, dass mich wer anderer von eurer Firma anruft, so leid es mir tut …“
„Tuuuut“, hallt es in meinem Kopf wider, sie hat aufgelegt.

Drei Minuten später erhalte ich eine Nachricht auf mein Handy, gesendet von ihrer Nummer:
Danke, dass Sie uns geholfen haben, das Verkaufserlebnis mit unserer KI-Anwendung zu optimieren. Wir werden uns bemühen, künftig unseren Service Ihren Wünschen entsprechend auszubauen, und melden uns wieder bei Ihnen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26039




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Innig

Wie
Eine Wolke
Ein Blick
Ein Flüstern
Lächeln
Nur
Ein Hauch
In der Nacht
Innige Liebe
Überwindet
Alles

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

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Gegenwehr

Weihnachtliche Zielgerade
macht so müde, ist echt schade,
auf der Flucht in einen Traum
unterm Weihnachtstannenbaum.

Andere sind ganz erschöpft,
in ihren Energien geschröpft.
Vornehmlich durch miese Nachricht,
die niederprasselt, ohne Nachsicht.

Rückzug in den Familienkreis,
lockt die Jugend und den Greis.
Kokon häuslicher Behaglichkeit.
Wir haben uns. Sonst Einsamkeit.

Wenn’s noch so schlimm geht in der Welt,
Gemeinsamkeit uns wohl erhält.
Alles ringsherum verroht.
Fühlen uns dadurch bedroht.

Krisenszenario furchterregend,
Lichtblick rar, in jeder Gegend.
Das geht jetzt schon seit Jahren so.
Durch Frohbotschaft wird niemand froh.

Vergangenes kaum auszublenden,
denn das Schlechte will nicht enden.
Sind von Krisen stark geschüttelt,
vom Krieg, was an den Nerven rüttelt.

Man kommt uns neovisionistisch,
heimtückisch und imperialistisch.
Aus der Gosse aufgestiegen,
möchte man gern die Welt besiegen.

Scheint gefährlicher als das,
was hinter uns lag, wie nur was.
Mehr als damals jetzt bedrückt
nämlich das, was vor uns liegt.

Ein andrer Irrer will, verblendet,
dass sogar der Westen endet.
Und in endlos langen Listen
scharen sich Rechtspopulisten.

Den Leugnern wird der Klimawandel
zum Deal mit üblem Umwelthandel.
Umtriebige Pamphletiker!
Verschwörungstheoretiker!

Nichts kann man tun, na sowieso.
Für alle Zeit kein Weiter-so!
Den Typen mal das Handwerk legen
und sich heftig wehr’n dagegen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26037

 

 




Au Backe

Wenn sich die Zunge fühlend schlängelt
vorsichtig entlang der Zähne Reihen
und sie dabei nichts bemängelt,
liegt kein Grund vor, sich zu kasteien.

Dann gönn dir ein Steak, am besten medium,
und beiß hinein, nach Herzenslust.
Tu so, als wärst du im Elysium,
und nimm dir auch ein Bier zur Brust.

Ach Leut, ich wollt, ich könnte das,
doch schwärm ich nur davon.
Ich kann es nicht, das ist kein Spaß,
zu hart für mich ist ein Bonbon.

Da kau ich ahnungslos an einer Dattel,
neulich, so süß, das Blut wollt mir gerinnen.
Sie zog die Plombe jäh aus ihrem Sattel,
und übrig blieb ein Torso, ähnlich den drei Zinnen.

Naturgemäß geschieht das im Advent,
der stillen Zeit, ansonsten nie.
Für so was hab ich ein Talent,
jetzt führt der Zahnarzt dort Regie.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 26036




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