Annäherung an Schnittkes St. Florian

Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hieß der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.
In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matthäus sei verhindert, er müsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht bloß interessiere, sondern dass ich dafür auch Leidenschaft zeige.
Das stimmte. Ich zögerte nur kurz, weil ich im Kopf überschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.
Ich fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen würde, dann könnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.
Ich fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen würde, und befürchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu übernachten, was mich unangenehm berührt hätte. Als hätte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein Gästezimmer im Stift und habe am Montag in der Diözese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie spüre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.

Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von früher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien für die Übernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein Stück auf der Autobahn, dann auf der Straße bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert gehört hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel später, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich gehört. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivität der Geigerin angetan.

Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft fügt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkplätze gab es um das Stift noch genug, wie üblich würden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkplätzen suchen, je näher beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie möglich zu Fuß gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm für einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zunächst im Literaturgarten die Füße zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gemüse- und Gewürzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religiöse Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer Büste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gewächsen öffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Grüntönen leuchtete der Raps. Sein kräftiges Gelb blendete beinahe.

Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln ließ. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsgärtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Café der Stiftsgärtnerei lag zu ebener Erde eines großen Gewächshauses. Es war ein Gartengroßmarkt, und die Leute stellten die ausgewählten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Café fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgrüne Decke schützte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das nächste Konzert mit leichten Melodien an. Wir saßen zwischen exotischen Pflanzen, als wären wir in der Südsee, die Blätter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gewächsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit künstlicher Patina hervor. Es war heiß, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schweiß aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es draußen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen plätscherte laut und übertönte jede Unterhaltung, saß man in seiner Nähe. Die exotische Umgebung im Gewächshaus und das intensive Vogelgezwitscher ließen uns wie an einem entfernten Ort fühlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.

Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabstätte war schon geschlossen. Er hörte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine missa invisibilis. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er für einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er St. Florian nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie für ein großes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zurückhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenständig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterführung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.

Nur wenige Plätze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele flüsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives Räuspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, während das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als sänken die Klänge vom Himmel herab. Die sechs Sätze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schließlich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer – gleichsam dem Himmel näher – sang auf der Empore, für mich war er unsichtbar wie früher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als käme die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgelöst von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bemächtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.
Da mischte sich, zunächst nahezu unhörbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schließlich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes fühlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, höchstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der göttliche Zorn könnte sich wegen meines Unglaubens über mir entladen und, ohne Rücksicht auf die zahlreichen gottesfürchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und für einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der räumlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der überwältigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.
Ich spürte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religiösen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch körperlich, sie erschöpfte mich, sie schmerzte, als hätte ich eine physische Anstrengung überstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalität eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verflüchtigte.

Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte wären der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war erschöpft und wollte sich gleich ins Gästezimmer zurückziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die Rückfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.

Günther Androsch

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Besucher

Hinweis der Redaktion:
Dieser Text kann verstörend wirken, er thematisiert psychische Ausnahmesituationen.

 

„Warum kommst du mich eigentlich so oft besuchen? Wir waren doch nie befreundet, oder?“ Mario sieht mich nicht an, blickt vielmehr angestrengt aus dem Fenster, hinunter auf die gepflegten Grünflächen und die schmalen, gewundenen Kieswege der weitläufigen Spitalsanlage. Seine raue Stimme ist leise und lauernd. Vorsicht bei derart beiläufig gestellten Fragen!
Ich krame in meinem Rucksack, tue, als ob ich ihn nicht gehört hätte.
„War er heute Nacht wieder bei dir?“, erkundige ich mich sachlich.
Mario schweigt eine lange Minute, dann richtet er seinen dunklen, stechenden Blick auf mich.
„Siehst du ja!“, schnaubt er düster und hebt anklagend seinen linken Arm. Seine Mundwinkel zucken. Zwei frische hellrote Einschnitte verlaufen zwischen alten, verblassten vom Handgelenk bis zum Ellbogen.
„Er hat wieder verlangt, dass ich mich schneide. Teile meinen Schmerz, sagt er immer. Seine Stimme – seine bloße Gegenwart ist so beängstigend, unerträglich – dieses kalte, blaue Licht, eiskalt …“

Mario verstummt, setzt sich auf den Rand seines Bettes, krümmt den Rücken, schlägt die Arme um seinen Oberkörper, wiegt sich langsam hin und her.
„Du denkst wirklich, dass er real ist? Woher kommt er und warum ausgerechnet zu dir? Was will er von dir?“
Ich erschrecke, die so oft zurückgedrängten Fragen sind nun einfach aus mir herausgesprudelt.
„Weißt du, woher du kommst und ob du real bist?“, überschlägt sich Marios Stimme sogleich vor Ärger. „Ich weiß nicht, was oder wer er ist und warum er solche Macht über mich besitzt, dass ich mich sogar verletze, wenn er es mir befiehlt. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht! Ich weiß auch nicht, warum er zu mir kommt – und weiß genauso wenig, warum du andauernd zu mir kommst! Na, sag schon, Felix, warum bist du hier?“

Mario fixiert mich aus tief liegenden Augen. Ich versuche, seinem Blick standzuhalten, beginne zu schwitzen. Er weiß es, denke ich, er weiß, dass mich seine Mutter für meine wöchentlichen Besuche bei ihm bezahlt.
„Na hör mal, als ehemalige Schulkameraden ist das doch selbstverständlich.“
Ich stocke unsicher, als Mario plötzlich aufspringt und eine Sekunde später ganz nahe vor mir steht.
„Dann soll es so sein“, flüstert er. „Ein Lügner wie du verdient es nicht anders. Ich habe dich lange genug geschützt.“
Er greift in seine Hosentasche, nimmt etwas heraus und drückt es mir mit zitternden Fingern in meine rechte Hand.
„Dies ist – “, er presst seine Lippen zusammen. „Dies ist von dem blauen Wesen.“
Ein kleines, in Zellophanpapier gewickeltes, eisblaues Bonbon liegt auf meiner Handfläche.
„Hör zu, Felix!“ Marios bleiches Gesicht ist dicht vor mir, seine angsterfüllte Stimme ist kaum hörbar. „Da drinnen – “, sein Zeigefinger tippt kurz auf das Bonbon, „da drinnen ist seine gesamte Energie.“

„Das ist ja sehr praktisch“, sage ich laut, einen Lachreiz unterdrückend. „Dann werde ich seine gesamte Energie sofort vernichten.“
Rasch wickle ich das Bonbon aus dem Papier und nehme es in den Mund. Es schmeckt nach Pfefferminze. Marios Augen weiten sich, er wird noch blasser.
„Was, was tust du nur!“, sagt er matt. „Nun gehörst du ihm, du Vollidiot.“
Er sinkt auf den grauen Teppichboden. Angesichts dieser absurden Situation muss ich heftig lachen. Ich verschlucke mich, das Bonbon bleibt mir in der Kehle stecken. Ich huste und lache, spüre, wie mein Gesicht rot anläuft und mir der Schweiß ausbricht. Ich bekomme keine Luft mehr, gerate in Panik, huste und huste und schaffe es endlich, das Bonbon auszuspucken. Es fällt ausgerechnet Mario auf den Schoß, der gellend zu schreien beginnt, immer hysterischer schreit, nicht zu schreien aufhört, auch nicht, als ich das Bonbon längst von seiner Hose entfernt und in der ganzen Aufregung wieder in meinen Mund befördert habe.
Die Tür wird aufgerissen, eine Krankenschwester stürzt herein, spricht beruhigend auf den brüllenden Mario ein und winkt mir gleichzeitig, zu gehen. Ich nehme meinen Rucksack, verlasse das Zimmer, gehe, so schnell ich kann, den langen Gang entlang, laufe die Treppen hinunter, zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoß – hinaus, nur hinaus …

„Ich habe dir Bücher mitgebracht“, begrüße ich Mario eine Woche später.
Er reagiert nicht, sitzt aufrecht auf seinem Bett und schaut wie bei meinem letzten Besuch aus dem Fenster. Ich lege die Bücher, die mir seine Mutter gegeben hat, auf das Nachtkästchen. Mario schaut mich nun direkt an, auf seinem Gesicht ein Lächeln von solcher Wärme, dass ich erschrecke.
„Danke“, sagt er leise. „Vielleicht kann ich nun wirklich wieder lesen, so wie früher. Seit das blaue Wesen nicht mehr zu mir kommt, fühle ich mich absurderweise schrecklich leer. Vielleicht helfen mir Bücher über diese Leere hinweg.“
Er lehnt sich zurück, an die weiße Wand.
„Bist du mir böse, Felix?“, fragt er kindlich. Tränen laufen ihm über die Wangen.
„Warum sollte ich dir böse sein?“
„Weil ich dir das Bonbon mit seiner Energie darin gegeben habe, weil er mich nun in Ruhe lässt und sicherlich jetzt dich quält! Macht er dir große Angst?“
„Rede keinen Unsinn. Freu dich lieber, dass es dir besser geht! Du wirst sicherlich bald nach Hause dürfen, dein früheres Leben aufnehmen, wieder normal leben können. Um mich mach dir bitte keine Gedanken, da besteht absolut kein Grund.“

„Ist es sehr schlimm für dich?“, weint Mario.
„Was meinst du? Es ist alles in Ordnung.“
„Lüge nicht!“, schreit Mario.
„Ich lüge nicht“, lüge ich.
Mario fasst mich grob am linken Handgelenk, zerrt mir den Ärmel meines Pullovers hinauf. Fassungslos starrt er auf meinen Unterarm.
„Keine Schnitte?“, stammelt er. „Er verlangt nicht von dir, dich zu verletzen?“
„Bitte, vergiss diesen blauen Geist, er existiert nicht.“
Mario hört auf zu weinen, sein Gesichtsausdruck wird hart. Er lässt meinen Arm los.
„Ich möchte, dass du nie wieder zu mir kommst“, sagt er, geht zur Tür und öffnet sie weit. „Geh jetzt!“
Als ich nicht sofort reagiere, zischt er: „Verschwinde endlich, du verdammter Lügner!“

Ich verlasse das Krankenhaus, kaufe mir in der Spitalsapotheke noch eine Heil- und Wundsalbe. Die frischen Messereinschnitte an meinen Oberschenkeln schmerzen ein wenig, wenn beim Gehen der raue Hosenstoff an ihnen reibt.

Claudia Dvoracek-Iby

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Ohne Reue

Hatte man denn Mut genug,
für das eig’ne Leben?
Hat man, was erwartet wurde,
von einem, and’ren auch gegeben?

Oder hat man dieses Leben gar
nicht so geführt, wie man es wollte?
Nun ist es beinah schon vorbei,
es fragt sich bloß, was man noch sollte?

Für vieles ist es schon zu spät,
und ungenützt blieb manche Stunde.
Die Zeit, die zeigt in ihrem Bilde,
so viele Träume, unerfüllte.

War’s nicht an Arbeit viel zu viel?
Zu wenig Zeit für Spaß und Spiel?
Nie Zeit genug für die Gemeinschaft,
oft nur Hass, und Neid und Feindschaft?

Da war die Angst, Gefühl zu zeigen
und manchmal zum Konflikt zu neigen.
Dies und viele and’re Sachen,
die zu nichts führ’n und die krank machen.

Für Freundschaft blieb meist wenig Zeit.
Und hat man das nicht längst bereut?
Kontakte, die verloren gingen,
weg’n scheinbar wichtigeren Dingen.

Ein Vorfall, der sich aufgezwängt,
der hat das Glück stark eingeschränkt,
man hatte es wohl nicht bedacht,
und sich dadurch unfrei gemacht.

Durch die Gewohnheiten, die alten,
konnte man kaum was gestalten.
Anstatt den Moment genießen,
ließ man sich’s durch sie verdrießen.

Die Angst vor einer jähen Wende
birgt keinen Anfang, mehr das Ende.
Dann droht, wo es recht einsam wäre,
das Nichts, und es bleibt nur noch Leere.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

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Herlicek – Im Beisl

Die Sonne scheint, die Hitze naht –
da wird es in der Amtsstube fad
Lustiger ist’s im Beisl ums Eck
für’n ausgehfreudigen Herlicek

Sein Boss ist krank, lässt ihn in Ruh;
ausgebüxt ist Herlicek im Nu
Darauf trinkt er und schenkt sich ein
kräftigen Burgenländer Wein

Plötzlich geht die Türe auf –
’s Schicksal, das nimmt seinen Lauf:
Ein neuer Gast ist eingetreten,
und der schaut etwas betreten

Er zögert, zaudert, soll er’s wagen?
Hoch aufgestellt sein Mantelkragen
Unser Herlicek scheut wie ein Ross
der Neuankömmling ist – sein Boss!

(Nachsatz)
Man tut, als würd man sich nicht kennen,
so können beide den Wein sich gönnen

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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Herlicek – Urlaub im Süden

Die Hitze tobt auf Sizilien,
Sardinien und in Apulien
Touristen stöhnen und ächzen,
alle nach Erfrischung lechzen

Eine weit‘re Folge hat die Glut:
Sie tut dem Rebenfreund nicht gut
und verwandelt (hundsgemein!)
kühlen Vino bianco in – Glühwein

Für Herlicek wärs nicht zu ertragen,
darum muss er uns jetzt sagen:
„Einen Urlaub im Süden ich verbring –
maximal bis zum Semmering!“

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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Herlicek – Nachts im Park

Herlicek lebt gern autark,
deshalb geht er in den Park
Ein Sackerl hat er mitgebracht –
warum mitten in der Nacht?

Das Ausflugsziel ist rasch erreicht;
Herlicek wird ums Herz ganz leicht
Er kann es kaum erwarten –
vor ihm der Nachbarschaftsgarten!

Dort gibts Gurken und Paradeiser;
Herlicek fühlt sich wie ein Kaiser
„Bevor’s verfault, schreit‘ ich zur Ernte!“
Dann Herlicek sich rasch entfernte

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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Herlicek – Regenwolke

Im Sommer ist es viel zu heiß;
Herlicek sich zu helfen weiß,
indem er unter die Erfinder geht –
macht Experimente früh bis spät

Bald schon hat er was erschaffen;
Nachbarn kommen, um zu gaffen
Es ist eine kleine Regenwolke,
die Erfrischung bringt dem Volke

Ein Instant-Wölkchen für die Tasche;
man holt es raus, zieht an der Lasche,
ein Vierterl Wasser gießt man hinzu –
die Wolke steigt dann auf im Nu

Sie schwebt, groß wie ein Elefant
über ihrem Besitzer – allerhand!
Auf ihn herab prasselt der Regen,
bringt Abkühlung auf allen Wegen

Wie? Die Erfindung ist zu nass?
Der Herlicek verrät uns was:
Die Wolke gibt es auch im Set
mit Regenschirm – sehr adrett

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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Unsicher

Wie unsicher und wechselhaft
ist das, was diesen Menschen schafft.
Oft führt schon eine leichte Wende
zum schicksalhaft geword’nen Ende.

Das Schicksal hat’s, da hilft kein Flehen,
auf unser Ende abgesehen.
Es zeigt, mit Grinsen und in Kürze,
uns seine Macht, auf dass das stürze,
was in jahrelangen Plagen
wir alles angesammelt haben.

Nun gut, das End’ scheint unvermeidlich,
der Umgang damit mehr als leidlich.
Dadurch wird unser Lebensziel
so ziemlich klar, wohin es will.

Auch mag es letztlich sinnlos sein,
davor zu flieh’n, es holt dich ein.
Doch wie ihm die Exotik nehmen,
soll’n wir uns daran gewöhnen?

Um mit Geschick heranzukommen,
an das, was uns das Herz beklommen.
Also den Tod, der vis-à-vis.
Die Frage stellt sich dann, bloß wie?

Kann jeder Tag der letzte sein.
Und wie sich von dem Druck befrei’n?
Denn dann wird alles, was gescheh’n,
mit einem Male untergeh’n.

So bietet seine Exzellenz,
der Tod, ’ne neue Existenz.
Ein Eingliedern in die Struktur
der Weltenordnung ist es nur.

Und seiner Sorgen sich entledig,
ein jeder, denn Gott sei Dank, nichts dauert ewig!
Als Teil des Flusses sind wir nur
Partizipienten der Natur.

Mit der Geburt beginnt das Ende.
Ach, Tote sind wir, bloß lebende!
Den Sterbenden trifft’s, nicht den Toten.
Drum lebe sinnvoll, wär’ geboten.
Geht es ums Leben, denk nur dran,
hat man’s genützt oder vertan?

Beim Zweiten, gut, ihr Leut’, ich mein,
dem kann es auch gleichgültig sein.
Ein jeder Tag, der lebt sich’s gleich,
ist wie der andre, sag ich euch.

Die Dunkelheit sowie das Licht,
die wechseln bloß, aus meiner Sicht.
Der Tag und auch die Nacht, ihr Lieben,
sie sind bis heute gleich geblieben.

Mag sein, es leben manche länger,
doch auch für diese wird’s mal enger.
Was fängt man an mit diesem Leben?
Ihm möglichst viel Inhalt geben!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

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