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Aktuelle Bücher: „Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners“ (2026) und „Traum eines Chamäleons: Post-anthropozentrische Tiergedichte“ (2023)
(Bestellungen: wienpoesie@chello.at)




Sommer

Wunderlich wird mir, wenn Schwalben ziepend jagen.
Mich überkommt dann die Sehnsucht aus Kindheitstagen,
im Blau des Himmels zu verschwinden
und nur mehr dort mich wiederfinden:
wo der Sommer niemals endet.

Zwar spiele ich, seit alt geworden, mit der Hitze Verstecken.
Noch nie entging ich, trotz Erfahrung, dem Entdecken
das ich mit salzig feuchter Haut bezahlt,
auch im dunklen Haus, im kühlen Wald.

Der Glut entgegne ich mit kalten Güssen,
Vergeblich. Gleich werd’ ich wieder schwitzen müssen.
Meinen größten Fächer schnapp ich dann,
treib träge Luft gegen Gedankenschmelze an
und schelte den Sonnenschirm, der zu Unzeiten resignierte.

Der Freiheit und der Muße zugewendet,
bitte einen Sommer, der nie endet!
Kühles Nass, wohl temperierte Reisen
voller Erlebnisse, die auf Neues weisen.
Alles nehm ich, was Leib wie Herzens Mitte weiter wärmt.

Im Herbst sind wir beide müde, brauchen unsre Ruh,
das Jahr und ich, denn: Frische Memoiren
sind ein wenig steif wie neue Schuh’,
bis sie eingegangen sind auf Alltags-Trottoiren.
Die Schwalben sind … stumm. Längst nach Afrika verzogen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26188




neologisch

Ich sage dir, geliebte Daisy,
Sprache ist heut wirklich crazy.
Drum frag mich nicht, wie soll das geh’n,
denn du wirst zero mich versteh’n.

Zum Beispiel, checkst du?, steht am Ende,
ob du dieses rezipierst?
Und verzweifelt ringen Hände,
hoffend, dass du es kapierst!

Oidi!, löst bei dir ’nen Trigger,
hingegen, Oida steht für Mann.
Woanders sagt man, hallo, Diggah!,
im Norden, dort, beim Alleman.

Halt die Klappe, das ist komisch,
kürzt mit syban mancher ab.
Anglophil, sprachökonomisch.
Ist doch stimmig, kurz und knapp.

Geht einmal etwas daneben,
kann man hören, das ist tot!
Bedeutet langweilig und peinlich,
desolat oder marod.

Das Wort krass, ich sag nur uff!
Dieses Wort ist längst passé!
Heutzutage heißt das tuff,
Schon von gestern. Alter Schnee.

Baust du Mist, zeigst du die Schere,
and that means, ist deine Schuld.
Synonym leistet, das wäre,
so, wie hab mit mir Geduld!

Mit lowkey mahnt man, unauffällig!
Nur ein bisschen, nicht zu viel!
Damit meinen guys einhellig,
brems mal etwas dein Gefühl!

Ach, mit dieser Sonnenbrille
fühl ich mich wie Talahon.
Klingt aufs Erste nicht nur schrille,
und überdies, wer kennt das schon?

Hell no!, widerstrebt dir was,
entsetzt verziehst du dein Gesicht,
Simultan bedeutet das,
Hölle, nein!, das will ich nicht!

Yurr, fragt jemand, schon geseh’n?
Wird als Einleitung benutzt.
Knurr, sag ich, lass mich bloß geh’n.
Is’ kein Wunder, wenn du zuckst.

Das Wort des Jahres, das ist goofy,
albern, deppert oder blöd.
Vierzehn Nothelfer, die ruf i’!
Neologisch, das ist öd!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26190




Adina

Kennengelernt habe ich sie im Oktober 2006 in der ersten Stunde des Sprachkurses. Sie saß neben mir und sprach mich unvermittelt an. Dabei wusste sie, dass ich gerade von einem Auslandsaufenthalt zurückgekommen war, und ich war verblüfft, dass sie das wusste, weil es niemanden gegeben hätte, von dem sie es hätte erfahren können.

An ihr Aussehen erinnere ich mich noch, dass sie die Haare lang trug und an diesem Tag eine schöne weiße Jeanshose mit bunten Streifen anhatte.

Ich erfuhr, dass sie im Hauptfach Anglistik studierte, aber nicht, aus welchem Grund sie diesen Sprachkurs besuchte.

An den weiteren Einheiten des Sprachkurses nahm sie nicht mehr teil und ich begegnete ihr auch an anderen Orten nicht mehr.

Ich fand Jahre später ihre Adresse im Internet, zögerte aber zuerst, bis ich ihr dann – einige Jahre später –einen Brief schrieb, in dem ich ihr meine Kontaktdaten mitteilte.

Eine Antwort blieb aus, aber ich sah es schon als Erfolg, dass der Brief nicht retour geschickt worden war.

Sehr viel später möchte ich gerne wissen, was ihre Motivation dafür war mich anzusprechen und ob sie Interesse an mir gezeigt hätte. Im Gedächtnis habe ich diese Begegnung wie eine Miniatur gespeichert, ohne einen genauen Verwendungszweck dafür zu haben.

Adina – ihr Name wie eine Spur, ein Rätsel. Im Internet erfuhr ich – was eine gewisse Unschärfe hat –, dass der Name aus dem Persischen stammt und ein an einem Freitag geborenes Mädchen bezeichnen soll.

Wie ich auch noch später feststellte, hätte ich ihr gerne etwas von mir gegeben als Erinnerung an dieses kurze Gespräch. Dabei fiel mir mein Kugelschreiber mit der Werbeaufschrift Menjačnica Miljun ein, ein kleines Andenken an meinen unlängst beendeten Auslandsaufenthalt, den ich an diesem Tag stolz wie eine Trophäe verwendet hatte.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26187




Gedanken auf Papier

Gedanken auf Papier
sind die Sprache, wenn Reden zu laut ist
und um eine Haltung zu transportieren.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Anker
und machen das Unsichtbare im Kopf sichtbar.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Echo der Stille
und lassen das Chaos Muster bilden.

Gedanken auf Papier
sind die Gespräche, die wir oft verpassen,
und das Archiv der leisen Stunden.

Gedanken auf Papier
erlauben der Zeit durchzuatmen
und verwandeln Hektik in Rhythmus.

Gedanken auf Papier
sind die Spiegel, die nicht schmeicheln,
und zeigen uns, wer wir im Dunklen sind.

Gedanken auf Papier
schaffen Platz.

Manuela Johanna Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26183




Archiv 2025




Herlicek – Kühlung

Draußen hat’s fast vierzig Grad,
da kocht von selbst die Marmelad.
Zum Glück hat Herlicek eine Idee,
wie man der Hitze sagt Ade.

Er schlüpft hinein in seine fesche
alte Thermo-Unterwäsche
und füllt sie sogleich, o wie toll,
mit hundert Eiswürfeln – randvoll.

Kühlung braucht er auch in sich drin,
sonst hätt das Ganze keinen Sinn.
Also schenkt er sich munter ein
eisgekühlten Wiener Wein.

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26186




Herlicek – Dürre

Noch trockener als der Wiener Schmäh
sind Parks und Felder – ojemine!
Dürre grassiert in unserer Stadt,
verdursten muss bald jedes Blatt.

Künstlich müssen wir begießen
Blumenbeete und auch Wiesen
mit kostbarem Wiener Wasser.
Doch die Erwärmung, die wird krasser.

„Wenn wir die Dürre woll’n beenden,
muss jeder Bürger etwas spenden“,
sagt unser Herlicek und lacht,
hat einen Plan sich ausgedacht.

Er macht den Anfang (umweltbewusst)
nachts auf der Straße mit breiter Brust.
Er verrichtet dort, man glaubt es kaum,
sein kleines Geschäft bei einem Baum.

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26185