Die wahre Hölle

Ihr Herrschaften, so tretet ein,
lasst all die Hoffnung fahren.
Wir laden heut’ zum Festspiel ein,
zum Festival des Wahren.

Verloren irr’n, zwischen den Reihen,
Zuseher hinauf zur Galerie.
Da steh’n der Billetteure dreien,
in des Infernos Szenerie.

Und eh die Leute sich’s versehen,
rufen die drei aus einem Munde:
„Kehrt um, für dies Vergehen
büßt ihr, so will’s die Kunde!“

Vor Lachen biegen sich Betrug,
die Wollust und die Bosheit.
Und im Duett auch Hass und Lug.
Der Hölle Schlund klafft dreigeteilt.

Hier im Inferno stechen Wespen,
genauso wie Hornissen.
Es zittern Sünder wie die Espen,
wenn deren Blut und Eiter fließen.

Dort drüben geht es ebenso,
mit Würmern und mit Maden.
Das nennt sich Purgatorio,
zum Mahle ward geladen.

Schon tönet der gemischte Chor.
Der Bläser hell’ Geschmetter,
erreicht das vielgeplagte Ohr.
Wenn’s leiser wär’, wär’s netter.

Durch alle Kreise dieser Hölle
ist Böses kaum zu überbieten,
durchreist man, einfach auf die Schnelle,
der Hölle Qual’n und ihrer Riten.

Links davon drohen Dämonen,
dahinter jammern die Verdammten.
Die Wahrsager eilig betonen,
dass sie die Zukunft glatt verkannten.

Drei Köpfe der Verräter trägt er,
der einst gefall’ne Engel,
auf seinen Schultern, Luzifer,
erfreut an deren Mängeln.

Erst jaulend, schwefeliges Blech.
Dann Stille, komponiert das Schweigen.
Der Schmerz, vernichtend, höllisch, ja gar frech,
begleitet wird von sanftem Geigen.

Die Qual, die durch die Nerven jagt,
wenn Wespen und Hornissen summen.
Die wahre Hölle, wird gesagt, ist,
wo wir voreinand’ verstummen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26092

 




Jesu Gedanken

Ich bin nicht mehr das Wasser, das ewig fließt,
auch nicht das Licht, das niemals erlischt.
Ich bin mit Nägeln am Kreuz befestigt.
Das ist nicht gerecht, aber so ist die Welt.

Jesus am Kreuz an der Kirche St. Martin

Jesus am Kreuz an der Kirche St. Martin

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26091




Die Perchtenmaske

Oktober 2003

„Gib sie zurück, auf der Stelle! Ich will dieses unsinnige Ding nicht mehr im Haus haben. Nur Unglück bringt das“, keifte Katharina ihren Mann an. Der machte keine Anstalten dagegen zu reden. Er wusste, dass es nichts bringt, wenn seine Frau begann, sich aufzuregen. Da war es das Beste, sie einfach zu ignorieren.

„Das Klump kommt weg, raus aus unserem Haus. Keiner braucht das. Bringt nix!“

Katharina war so richtig in Fahrt. Der alten Perchtenmaske wohnte anscheinend ein böser Geist inne und sie hatten sich deswegen schon einige Male gestritten. Ständig kam jemand und wollte dieses grässliche Ding zurück. Manche meinten sogar ihrem Mann drohen zu müssen. Der war aber partout nicht zu bewegen, das Ungetüm herzugeben. Seit dieses Unding im Haus war, gab es nur Ärger mit dem hässlichen Stück. Doch je mehr sie dagegen wetterte, desto mehr lobte er die Maske in den Himmel. Sie verstand ihren Mann in diesem Punkt überhaupt nicht.

Willy reichte es jetzt. Er wollte seiner Frau soeben eine passende Antwort geben, als es an der Haustüre läutete. Ein wenig verstört blickte sich das Ehepaar an. Wer kam am Samstag um diese Uhrzeit, um halb neun in der Früh, vorbei? Katharina zuckte nichts wissend die Schultern. Willy erhob sich und ging zur Tür, um zu sehen, wer das war. Katharina hatte sich inzwischen etwas beruhigt und räumte das Frühstücksgeschirr vom Tisch in die Geschirrspülmaschine.

Sie verstaute das übrig gebliebene Essen im Kühlschrank und in den Küchenschränken. Von draußen hörte sie unverständliches Gemurmel und dann ein lautes „Nein!“ rufen.

„Willy, wer ist denn da?“, rief Katharina in Richtung Vorhaus. Dann hörte sie einen Schuss. Erstarrt blieb sie vor der Türe zum Vorhaus stehen. Was war da los? Sie legte das Geschirrtuch auf einen der Küchenschränke. Langsam und mit zittrigen Fingern öffnete sie vorsichtig die Küchentüre und lugte durch den Spalt. Alles war still. Ein leichter Windzug wehte durch den Vorraum, weil die Haustüre noch offenstand. Katharina ging langsam über den Teppich zum Schuhschrank, der sich neben der Eingangstüre befand. Es war niemand zu sehen. Hin zur Straße hörte sie noch ein Geräusch von hastig davoneilenden Schritten, konnte aber nichts erkennen. Willy saß auf der zweiten Stufe der Stiege zum ersten Stock, angelehnt an die Mauer, die Augen weit geöffnet. Er rührte sich nicht. „Willy?“, fragte Katharina. Keine Antwort.

„Willy, was ist mit dir?“

Katharina beugte sich zu ihrem Mann und berührte ihn leicht an der Schulter. Darauf fiel er im Zeitlupentempo auf die andere Seite, wo er mit dem Kopf am Schmiedeeisengeländer der Stiege hängen blieb. Jetzt sah Katharina die blutverschmierte Stelle an der Wand, welche von Willy‘s Kopf stammte. Auf der Stirn bemerkte sie ein rundes schwarz-rotes Etwas. Ein kleines rotes Rinnsal bahnte sich seinen Weg entlang der Wange hin zum Hals. Katharina stand mit weitaufgerissenen Augen vor ihrem Mann und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Der wird doch nicht tot sein! Es brauten sich dunkelschwarze Wolken in ihrem Kopf zusammen.

„Neeeeeiiiin!“ Ihr Schrei durchflog die Umgebung. Die Vögel in den Bäumen stoben erschrocken auseinander.

Gabriele Grausgruber

Auszug aus dem zweiten Regionalkrimi der Autorin:
„Die Perchtenmaske“ kann in jeder Buchhandlung, beim Innsalz-Verlag
oder über die Website www.grausgruber-gaby.com bestellt werden.

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26090

 




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29.3.26: Norbert Johannes Prenner: Das mit der Zeit
29.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Urlaubsziel
29.3.26: Johannes Tosin: Die vernünftige Tat
29.3.26: Johannes Tosin: Replikantin
21.3.26: Frank Joussen: Die Blüte der Magnolie
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21.3.26: Johannes Tosin: Die Stadt der tausend Fragen
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15.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Anstoßen auf die Inflation
15.3.26: Johannes Tosin: Bildstörung
15.3.26: Johannes Tosin: Dreaming
7.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Kleine Freuden des Lebens
7.3.26: Johannes Tosin: Auf der Welt
7.3.26: Johannes Tosin: Nichts Gutes




Das mit der Zeit

Oft denk ich dran, wie’s früher war,
und sag mir, lang ist’s her.
Dass nichts so bleibt, wie’s einmal war?
Das so zu glauben, fällt mir schwer.

Wieso bloß die Vergangenheit
mir mehr bedeutet als das Jetzt?
Mir scheint, als wäre alles Schlechte seit
damals wohl total ausgesetzt.

Verantwortung ein Fremdwort war,
was soll’s? Man war doch Kind.
Die Sorgen und das Drumherum
viel später erst gekommen sind.

Nie wieder Krieg, wurde gepredigt,
der Wohlstand hat gesiegt.
Das Thema schien vorerst erledigt.
Die Zeit der Änderung erliegt!

Wie hieß es damals, besser Schulden,
als arbeitslos, so durft’ es sein.
Die Schulden blieben, jetzt herrscht Krieg,
und – ist das nicht gemein?

Es war die Zeit des Widerspruchs,
es war alles im Wandel.
Kunst und Kultur, im wilden Wuchs,
in Kleidung, Art und Handel.

Die Hippies da, dort RAF.
Das Ziel war nonkonform.
Und knallig bunt, und Disco-Lärm.
Der war meistens enorm.

Die Jungen rebellierten krass
gegen die Bügelfalte.
Heut’ zittern wir um Öl und Gas,
die Grundangst blieb, die alte.

Ich wünscht’, es würde was geschehen,
vielleicht die Zeit zurückzudrehen?
Den Krieg abschaffen vielleicht gar,
und alles machen, wie es war.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26086




Herlicek – E-Moped

Herlicek stöhnt: „Das gibt’s ja ned –
schon wieder ein Elektro-Moped!“
Es nähert sich von der Seite
in seiner ungeheuren Breite

Lautlos pirscht es sich heran,
das ist, was es am besten kann
„Ich bin ein Fahrrad“, steht unterm Sitz –
für Herlicek ein schlechter Witz

„Und ich bin – ein Straßenpoller!“,
ruft Herlicek zum frechen Roller
Er stellt sich hin wie eine Säule,
gleich kriegt der Fahrer eine Beule:

Der bremst in allergrößter Not,
als ging’s um Leben oder Tod,
muss verreißen seinen Lenker,
stürzt vom Moped bei dem Schwenker

Nun liegt er da – und kocht vor Wut,
beschimpft Herlicek voll inn’rer Glut
Der Täter lächelt, das Spiel ist aus;
dreht sich um und geht nach Haus

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26084




Herlicek – Urlaubsziel

Herlicek möcht gern verreisen –
wohin, das wird sich weisen
Schön soll’s dort sein und auch warm,
und er will einen Ort mit Charme

Gutes Essen möcht er genießen,
Rotwein soll in Strömen fließen
Also, wo soll er bloß hin?
Ach, Herlicek – bleib in Wien!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26083




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