Atempause

Behutsam, leicht und leise
fall ich in deine Atempause.
Fühl mich auf ganz besond‘re Weise
von ihr beschützt, bin hier zuhause.
Schließ meine Poren,
werd ganz still, weil ich,
so inniglich an dich geschmiegt
die Hast besiegt, wie neugeboren
ganz in Ruh mit dir zusamm‘
die Zeit schaun will.
In liebender Nachinnensicht
besinnend auf der Herzen Schlag,
fühl ich auf ganz besond‘re Weise
wie schon im nächsten Atemlicht
ein neues Wunder blühen mag.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25207




Was auf verdichtet.at bisher geschah … 2025

30. Dezember 2025

Oh ja, es ist wieder Zeit …

… für (ein bisschen) verdichtete Statistik!

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Sie haben es vermutlich gemerkt: Heuer sind wir recht nüchtern in und durch die Feiertage gegangen, keine kerzenlichtbeschienenen Weihnachtswünsche oder Glitzerkugeln, keine  sternspritzerartigen Neujahrsvorsätze, nichts Liebliches und schon gar nichts Besinnliches ziert(e) unsere schöne Startseite zum Fest oder Jahreswechsel.

Dafür werden wir jetzt ein bisschen rührseliger, um nicht zu schreiben, sentimental: Unser Blick zurück auf verdichtet.at im Jahr 2025 verklärt sich, kaum dass wir den ersten Reiter der Excel-Tabelle geöffnet haben, die seit Jahren unseren verdichteten Werdegang begleitet. Weil eine von uns Redakteurinnen eine Leidenschaft für Statistik hegt, die sich der anderen nur rudimentär erschließt, wohnen nun zwei Seelen, ach! in der stolzgeschwellten Brust. 😊

Wir könnten Ihnen jetzt lang und weit und breit erklären, wie toll Sie und wir alle sind – das werden wir vermutlich auch machen. 😊😊😊
Oder wir könnten Ihnen ein paar Zahlen liefern, Fakten, die unsere Worte belegen: Statistik eben! 😊

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242: So viele Ihrer Einreichungen sind bei uns 2025 erschienen.
(2.019 Texte sind es seit Beginn von verdichtet.at im November 2013; diese wurden von 128 verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst.)
52 lautet (mathematisch wenig überraschend) die Anzahl der 2025 bei uns erschienenen „Schüttler der Woche“.
Dazu gesellen sich die Redaktionstexte auf der Startseite und manche „Gedanken aus dem Eck“, und so kommen wir auf die erstaunliche Anzahl von mehr als 300 Neuerscheinungen auf verdichtet.at im Jahr 2025. Sie sehen: Wir haben keine Pause – und auch keinen Grund, auf falsche Bescheidenheit zu setzen. 😊
……………………………………………………………………………………………………………

Zum Abschluss unseres schönen, wenn auch etwas kurzen 😊 Statistik-Ausfluges möchten wir uns bei unseren unverzichtbaren, einzigartigen, blitzgescheiten und literaturbegeisterten Mitgliedern der Testleserunde allerherzlichst bedanken: Ihr seid einfach die Besten! 😊

Wir freuen uns auf verdichtet.at im Jahr 2026: vieeeeeele Mails, Kommentare, … und Ihre Einreichungen natürlich! 😊

Es grüßt Sie im diesjährigen Abgang nun doch recht beschwingt
Ihre Redaktion am 30. Dezember 2025


2. November 2025

Was zum Schauen, Schmunzeln, Denken …

… und Kaufen!

Copyright: Gerhard Haderer, Scherz & Schund Fabrik e.U.

Copyright: Gerhard Haderer, Scherz & Schund Fabrik e.U.

Heuer, liebe Lesegäste, haben wir uns für den auf verdichtet.at alljährlich wiederkehrenden Aufruf, beim Schenken an Bücher und lokale Buchhandlungen zu denken, etwas Besonderes ausgedacht. 😊

We proudly present: einen echten Haderer! Das Titelbild, das unsere schöne Seite die nächsten Wochen zieren wird, hat uns sofort gepackt. Wie immer bei dem von uns hochgeschätzten Karikaturisten ist es so am Punkt, dass es fast schon schmerzt. Mit unserem Ansinnen, den Cartoon auch dazu zu verwenden, die heimischen Buchhandlungen zu unterstützen, haben wir dann in der Scherz & Schund Fabrik offene Türen eingerannt. Und so können wir voller Stolz (ja, wir wiederholen uns …) einen der ganz Großen des scharfen Blicks, des meisterlichen Pinselstrichs und der spitzen Feder als Gast und Blickfang auf unserer Seite begrüßen. 😊

Die redaktionelle Botschaft wird verdichtet.at-Kundige nicht überraschen: Kauft Bücher, liebe Mitmenschen, und zwar nicht beim Online-Riesen, sondern in der Buchhandlung ums Eck, so es noch eine gibt. Denn was wir nicht möchten: das nächste Zusperren einer dieser wichtigen Kulturvermittlerinnen bedauern müssen. Es ist tatsächlich kein Geheimnis: Die Buchhandlungen (und die Verlage) leben vom Weihnachtsgeschäft – wer weiterhin an einem dieser wunderbaren Orte schmökern möchte, sollte wohl auch ein bisschen was dafür tun.

Eine wärmste Empfehlung ist übrigens abgesehen davon das Angebot der Scherz & Schund Fabrik: Das Oktoberbild des Haderer-Kalenders 2025 brachte uns schließlich auf die Idee, diesmal dem Cartoon ebenso wie dem Buch zu huldigen. 😊

Aufs Lesen, aufs Lächeln, aufs Schlausein beim Schenken und noch vieles mehr! 😊

Es grüßt Sie sonnig
Ihre Redaktion


25. August 2025

Wie bei den Altvorderen …

… nur ein bisschen anders

Foto & Copyright: Christoph Kempter, lensflair.at

Foto & Copyright: Christoph Kempter, lensflair.at

… funktioniert das mit dem Einkochen bei uns auf verdichtet.at. Zumindest lässt sich dieser Schluss aus den zahlreichen Nachrichten ziehen, die uns erreichen. Jetzt fragen sich manche vielleicht, ob uns da was zu Kopf gestiegen sein könnte … 😊 Und die hätten auch vollkommen recht: Was da an Geistvollem und Herzerwärmendem in unserer Mailbox landet, ist dazu angetan, uns Redakteurinnen in einen deutlich euphorisierten Zustand zu versetzen. Für die eher nüchternen Charaktere unter unseren Lesegästen hier so eine Art Fazit: Wir bekommen sehr viel Lob für die liebevolle Betreuung der Einreichungen (Ihrer Texte!), und anscheinend ist auch der Schriftverkehr mit den Schreibenden nicht nur für uns ein Vergnügen, sondern vice versa (was ganz oft die beste aller Richtungen ist). 😊😊😊

Unser schönes gemeinsames Werk zeichnet sich durch eine besondere Fülle aus. Uns ist keine vergleichbare Plattform bekannt, auf der derart verschiedene Kurztexte – Prosa, Lyrik, Songs, Texte fürs Theater und Bonmots – so lange und konsistent gleichrangig des kostenlosen und werbefreien (!) Lesegenusses harren.
Die Ernte – Ihre von der Testleserunde goutierten Einreichungen – ist nach wie vor mehr als reichlich; unsere Regale, wenn Sie so wollen, sind bestens gefüllt, und für alle Lesehungrigen und Tatendurstigen ist etwas Gehaltvolles dabei. Sollten Sie noch nicht so genau wissen, wonach es Sie heute gelüstet, so laden wir Sie zur Degustation auf einen kleinen Ausflug in unsere Kategorien ein. 😊

Wohl bekomm’s, wir lesen uns! 😊

Es grüßt Sie spätsommerlich, frühherbstlich, wie auch immer, jedenfalls sehr freundlich
Ihre Redaktion


28. Juli 2025

Weiter geht’s natürlich …

… und das ohne Sommerpause!

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Heuer machen wir es mal anders. 😊 All die letzten Jahre – seit Bestehen von verdichtet.at, um genau zu sein – haben wir uns im Sommer oder Herbst für zwei, drei oder einmal sogar mehr Wochen ausgeklinkt aus der schönen digitalen verdichteten Welt, haben Sie, liebe Kreative, flott weiterarbeiten lassen – wobei Schreiben ja kaum Arbeit ist 😉 –, Ihnen unsere empfangsbereite Mailbox und Geduld anempfohlen und uns selbst ganz altmodisch analog (sinnbildlich und auch tatsächlich) irgendwo auf die faule Haut gelegt. Tja, werden Sie sich denken, und heuer? Nö. Nix da. Wir bleiben da und bei verdichtet.at an Bord. (Ein bisschen faul werden wir vielleicht trotzdem sein. 😊)

Allerdings möchten wir Sie um etwas Geduld bitten, falls wir etwas länger als sonst brauchen sollten für die Rückmeldungen zu Ihren Einreichungen. Die Testleserunde, das sind ja auch „nur“ Menschen, und so manches verdiente Mitglied frönt dem Luxus der Unerreichbarkeit, zumindest für ein paar Tage.
Aber wann, wenn nicht im Sommer, sollte die Entschleunigung zu ihrem Recht kommen?
Eben. 😊

In diesem Sinne ist auch unsere diesjährige sommerliche Botschaft eine unaufregende wie unaufgeregte: Weiter so! Zumindest was verdichtet.at betrifft. 😊

Wir wünschen Ihnen einen sehr schönen Sommer, freuen uns auf und über Ihre Nachrichten, und falls Sie Fragen oder Anmerkungen haben sollten zu diesem, jenem oder einigem anderen: redaktion@verdichtet.at ist weiterhin die Adresse Ihrer Wahl. 😉

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihre Redaktion


21. Juni 2025

Sommeranfang! 😊

… Und was geht sonst?

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Das sind ja überschaubare Neuigkeiten, werden Sie sich vielleicht denken. Aber warten Sie doch mal ab, was noch kommt! 😊😊😊

Abgesehen von lauschigen Abenden im (Gast-)Garten oder anderswo in schöner Umgebung erwarten wir in aller Vorfreude ein sommerliches Ereignis, das die Literatur und die Schauspielkunst gleichermaßen feiert: Die Literaturzeit ist wieder Teil des Theaterfestivals in Freistadt. Nie gehört? Dann wird es aber Zeit! 😊

Wer schon neugierig auf den Link geklickt hat, ist im Bilde: Vertreter der schreibfreudigen Zunft wie Tarek Leitner, Reinhold Bilgeri und Michael Stavarič treffen am 23. Juli in der Messehalle Freistadt auf ein literaturaffines Publikum, das sich auf einen fulminanten Abend bei freiem Eintritt freuen darf.

Auch die Schauspielriege der Theaterzeit gibt sich und uns die Ehre der Interpretation von literarischen Texten auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch selbst das war noch nicht alles: Diesmal macht die Truppe grenzübergreifend gemeinsame Sache mit „Literatura žije!“, dem Festival aus Budweis (České Budějovice). Passenderweise kommen Texte von verschiedenen tschechischen und österreichischen Schreibenden zum Vortrag, oder besser: zur Aufführung.

Dass wir so gespannt sind, wie die Texte auf der Bühne „landen“, hat auch einen höchst eigennützigen Grund: Haben wir, die Redakteurinnen von verdichtet.at, doch selbst wieder den einen oder anderen literarischen Beitrag zur Literaturzeit leisten dürfen. 😊

Na, das hat doch recht harmlos angefangen mit unserer sommerlichen Ankündigung und es doch ganz schön in sich: Wir werden berichten, wie es war und was sonst noch so geht, versprochen … 😉

Mit dem treffenden Motto aus unserer tschechischen Nachbarschaft wünschen wir Ihnen vorerst einmal einen schönen Sommerbeginn:
Literatura žije! – Literatur lebt!

Ihre Redaktion


1. Mai 2025

Wir stecken Ihre Texte in Kategorien …

… und nicht in Schubladen 

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Sie sind seit Anbeginn von verdichtet.at ein fixer Bestandteil: unsere Kategorien.
Damals, in unseren bescheideneren Anfängen im Herbst 2013, hatten wir zwar noch wenig zuzuordnen, aber die große Hoffnung, dass sich das bald ändern würde. 😊

Was sich bewahrheitet und auch ein bisschen etwas über unseren damaligen beruflichen Background als Bibliothekarinnen verraten hat: Nicht nur, dass wir mit den Kategorien eine Orientierung nach Themen geben, nein, wir haben auch den Anspruch, das ungefähre Erscheinungsdatum eines Textes immerwährend nachvollziehen zu können.

Dieses Kunststück schaffen unsere Inventarnummern: Die Zahl unter jedem bei uns erschienenen Text zeigt zuerst das Jahr (heuer 25), danach eine fortlaufende jährliche Nummerierung. Die Inventarnummer 25100 wird also der hundertsten Neuerscheinung des Jahres 2025 angehören, und diese Marke wird heuer schon Anfang Mai geknackt. 😊😊😊

Sie können sich kaum vorstellen, wie viel Freude es macht, so eine prosperierende Plattform ins Leben gerufen zu haben, und welch Genuss es ist, in der verdichteten Mailbox Ihre Gustostückerl vorzufinden, liebe Schreibende.
Da wir aber nicht neidig sind, teilen wir sie gern mit unseren Lesegästen. 😊

Wie auch diesen hübschen Fund, den Zettel am Titelbild. Er könnte uns viel erzählen, finden wir. Vielleicht schreiben wir bald was dazu – oder gern auch Sie. Und bis dahin landet er in einer Schublade. 😊

Aufs Schreiben, Lesen, ein bisschen Ordnung und Ihre Ideen! 😊

Mit sehr lieben Grüßen
Ihre Redaktion


9. März 2025

Frühjahrsputz! Oder:

Das Alter ist nur eine Zahl

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Gehören Sie auch zu jenen, denen die ersten frühlingshaften Tage eine umtriebige Phase bescheren?
Von uns aus können Sie gern lüften, putzen, abstauben und das reinigen, was Sie halt so über den Winter verdrecken haben lassen … 😊😊😊

Aber noch lieber wäre es uns, Sie würden mal Ihren Desktop sortieren, liebe Schreibende. Und auch Ordner mit Benennungen wie „Texte alt“ oder „Geschichten, noch zu überarbeiten“ gehören mal durchforstet, finden wir. Denn glauben Sie uns: Vom Herumliegen werden Texte, wie so vieles, nicht unbedingt besser. 😊

Vielleicht braucht es das Überarbeiten und Aufpolieren aber auch gar nicht und Sie haben versehentlich ein Juwel verschüttet wo liegen, wo es nicht hingehört?
Wissen Sie, wo der beste Platz für solche literarischen Fundstücke ist? Richtig geraten: ab damit an redaktion@verdichtet.at! 😊

Falls Sie den leisen Einwand erheben sollten, wer sich für das alte Zeugs denn noch interessieren soll, haben wir eine sehr süße Erkenntnis und jede Menge Erfahrungswerte für Sie: Auf verdichtet.at werden Schätze auch nach vielen Jahren noch gehoben, gelesen und sogar kommentiert. Jüngstes Beispiel: Eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 2015 fand so viel Anklang, dass ein anderer verdichteter Autor etwas Würdigendes dazu als Kommentar hinterlassen hat. Dann freuen wir uns, und prompt haben wir dem Schöpfer der Geschichte das verklickert und ihn gleich um was Neues gebeten. Was wir auch bekommen haben … mit der Erkenntnis, dass das Alter nur eine Zahl ist; zumindest in literarischer Hinsicht. 😊😊😊

Mit beschwingten Grüßen
Ihre Redaktion


8. Februar 2025

Selbst das geschulte Auge …

… muss manchmal scheitern

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Foto & Copyright: privat/verdichtet.at

Sie haben ja so recht, liebe verdichtete Lesegäste und Scheibende! Ja, das Lektorat macht uns Spaß und hat einen riesigen, unschätzbaren Anteil am Austausch zwischen Redaktion und Kreativen. Sie ahnen ja nicht, wie gern wir (und auch manche von Ihnen! 😊) Mails lesen, in denen es um einzelne Beistriche geht, oder um einen Gedankenstrich, wenn nicht sogar um eine ganze Formulierung … 😉

Ja, wir haben einen Vogel. 😊 Jedem Text die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, ist uns von Beginn an ein echtes Anliegen. Die Testleserunde tickt zu unserem Glück genauso. Wie schön, dass Sie dieses Ansinnen bemerken und schätzen. 😊

Und sollte uns einmal was durch die Lappen gegangen sein, so melden Sie sich bitte bei uns unter redaktion@verdichtet.at. Wir sind zwar neben Beruf, Berufung und Alltäglichem nicht jederzeit online und bereit, kümmern uns aber zumindest innerhalb weniger Tage darum. Auch Ihre Kommentare zu verdichteten Erscheinungen sind jederzeit willkommen und können direkt unter dem betreffenden Text platziert werden. Um etwas Geduld bitten wir hier ebenso, weil wir alle Kommentare zusätzlich händisch freischalten, um unerwünschte Werbung auszubremsen, was uns auch wichtig ist.

Haben wir noch was vergessen? In dem Fall erinnern Sie uns bitte … 😊😊😊

Mit höchst aufmerksamen und dankbaren Grüßen

Ihre Redaktion





Vocal-Bashing

Wir Vokale fragen uns, das A, das E und I , O, U:
Muss das sein, und echt, wozu?
Auch Zwielaute, au, eu, und ei,
fragen sich, was das denn sei?

Was haben wir bloß angestellt,
dass man uns so deformiert?
In Teilen uns’rer kleinen Welt
verbogen, dass man sich geniert!

Ötan hört man, war’n mal Eltern,
und nicht zum Arzt, man geht zum Oatzt.
Sogar das L wird auch schon selten,
dass wir glaub’n, man wird vahoatzt.

Da gibt es etwas, das uns stört,
darauf hab’n wir keinen Bock!
Wenn man plötzlich Wückö hört!
Im schlimmsten Falle, Wückörock!

Und nach einer langen Reise
freut man sich, ist man daheim.
Mit dahoam, auf diese Weise,
schafft man keinen reinen Reim!

Schickst du wen in deinen Garten,
etwas Grünzeug wär das Ziel!
Du musst kochen, kannst nicht warten,
wird’s ja doch bloß Pedasül.

Auch die Umlaute beschwer’n sich,
was vom Ü noch übrig bleibt,
heißen sollt’s, ich grüße dich,
nur noch griaß di!, wie sich zeigt.

Im Bratl ist das L ja wieder
so ganz plötzlich aufgetaucht!
Auch wenn’s so nicht vorgesehen,
immerhin, es wird gebraucht.

Noch einen Kilo Öpfö bitte!
Ach, ich kann Sie nicht versteh’n!
Äpfel, wenn ich richtig tippe?
Verzeih’n Sie, war wohl ein Verseh’n?

Je höher, dort, wo Berge waren,
ist selten jemand raufgeklommen.
Länger braucht’s, drum rumzufahren,
so ist wohl kaum wer hingekommen.

Wo der Schnee lang liegen bleibt,
bleibt auch Sprache lang erhalten.
Drum kommt’s, dass sich niemand dran reibt,
wenn man spricht so wie die Alten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25204




Archiv September 2025

28.9.25: Bernd Watzka: Die Wanze
28.9.25: Johannes Tosin: Remember Roy Black
28.9.25: Norbert Johannes Prenner: Helden
21.9.25: Norbert Johannes Prenner: Pop-up
21.9.25: Bernd Watzka: Die unfreiwillige Begegnung des analogen Kuckucks mit Social Media
21.9.25: Norbert Johannes Prenner: Prolog
21.9.25: Robert Müller: Nussdorfer Spaziergang
21.9.25: Johannes Tosin: Zeit
12.9.25: Frank Joussen: Die Seele des Reisens
12.9.25: Bernd Watzka: Wellensittich und Virus
12.9.25: Claudia Lüer: Herzblut
12.9.25: Norbert Johannes Prenner: Ecce Homo
12.9.25: Johannes Tosin: Schöne Träume
7.9.25: Frank Joussen: Kinder aus Sternenstaub
7.9.25: Antonia H.: Das Verschwinden der schönen Rose
7.9.25: Günther Androsch: Die kleine Stadt an der Moldau
7.9.25: Bernd Watzka: Der Guntramsdorfer Pudel
7.9.25: Norbert Johannes Prenner: Zur Dumpfbacke
7.9.25: Johannes Tosin: Lost




Marmot Dumpling Two

Meine Frau, unser Sohn und ich haben uns ein Murmeltier angeschafft. Wir planen, durch es zu Internetmillionären zu werden. Wir haben es nach dem legendären YouTube-Star Knödel benannt, der alles mit sich machen ließ. Es heißt Murmeltier Knödel Zwo, auf Englisch Marmot Dumpling Two. Es ist ein sehr putziges Kerlchen, fünfundfünfzig Zentimeter hoch und fünfeinhalb Kilo schwer, mit großen Schneidezähnen. Ursprünglich stammt es aus dem Himalaya. Es ist ziemlich dick.

Als es zu uns kam, wussten wir nicht, was es isst. Als wir in der Küche Schnitzel mit Bratkartoffeln und grünem Salat aßen, interessierte es sich nicht für das Fleisch. Aha, es ist Vegetarier, dachte ich. Wir ließen es dann über Nacht in der Küche herumlaufen, damit es sich akklimatisiert. In den Käfig wollten wir es erst in der zweiten Nacht geben.

Am nächsten Morgen sah es meine Frau als Erste. Sie hatte Blumen hingestellt, die auch Knödel Zwos Auge erfreuen sollten. Aber es waren keine mehr da. Die leuchtenden Pfingstrosen, bunten Tulpen und die weiße Lilie, alle bis auf ein paar Stängel verschwunden! In Knödel Zwos Bauch gelandet.

Na, macht ja nichts, dachte ich, wenn wir Millionen verdienen werden, kommt es auf die paar Blumen auch nicht an.

Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit
Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit

 

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25206




Helden

Es heißt, die in den Bloodlands sterben,
sie Gott gerufen hätt’.
Und mit Barmherzigkeit würde der werben,
um den, der sich dem Tod hingeb’n tät’.

Die Friedhöf’ wachsen schnell, so wie die Bäume.
Die Freiwilligen geh’n scheint’s nicht aus
Verkrüppelt oder tot, und ohne Träume,
es kommen alle nach der Schlacht nach Haus.

Den Söldnern ist das Leben wenig wert.
Der Tod, sagt man, der soll dort gar nichts gelten.
Der, der sein Leben hingibt, wird geehrt.
Am Ende sterben alle, eben wie die Helden.

Denn wer sich opfert, der reinigt sich von Sünden,
lügen die Priester, in scheinheil’ger Moral!
Für Freund und Vaterland zu sterben, finden
dieselben, wär Pflicht, und allemal normal.

Der nichts besitzt, wie leicht geht der!
Daheim schimmeln die Wände.
Der Ofen kalt, der Kühlschrank leer,
der Weg zur Front, das ist das Ende.

Am Bahnhof eine letzte Zigarette.
Die Antwort auf warum, ist schroff.
Auch wenn man was zu sagen hätte,
besser man schweigt, sonst gibt es Zoff.

Hier bleiben, das heißt nichts verdienen,
doch dafür trinkt man umso mehr.
Denn unterzeichnen bringt Zechinen,
und sein Säckel bleibt nicht leer.

Man kriegt fürs Morden jeden Monat Lohn.
Und hast du Schulden, oder du bist kriminell,
dann gibt’s ’ne Prämie. Dem Tod zum Hohn.
Sie zwingen dich zu gehen, und das ganz schnell.

Es tröstet die Mama den Jungen,
für diese Tat stirbst du als Mann.
Zur Witwe eines Helden
wird deine Gattin dann.

Und die Daheimgebliebenen sind stolz
auf die, die für sie anstelle sterben.
Und jeder sagt, ach Gott, ich wollt’s,
bloß keine Zeit, mich zu bewerben.

Wir haben keine Angst vorm Tod,
der Tod ist unausweichlich.
Noch ehe ihnen Elend droht,
nicht nur durch Schnaps, den gibt es reichlich.

Und, danke schön für eure Söhne,
der Kriegsherr winkt und zynisch lächelt.
Kein Wort von Schmerz, höchstens Gestöhne.
Man schweigt aus Tradition. Ein andrer röchelt.

Nur in der Hauptstadt wird das Sterben leicht verdrängt.
Der Propagandist, der feiert, wie der Profiteur.
Sie alle trinken auf das Leben,
Krimsekt, und es genießt der Connaisseur.

Hier tut der Tod nicht weh, wie an der Front.
In der Provinz endet das Leben oft mit dreißig.
Am Schlachtfeld klappt es meistens prompt.
Wertlos, verheizt, so endet es vorzeitig.

Man liegt im Sarg, so aufgebahrt, vor Langeweile,
zur Probe, quasi nur für kurze Zeit.
Und eine Grabsteinkollektion von einer Meile,
die inspiziert man gern, entspannt, im Cocktailkleid.

Doch hier, da macht man Selfies, in mit Velours geschmückten Särgen,
Chopin liefert den Trauermarsch dazu.
Tam, tam ta tam, ta ti, ta ta, ta ta, ta tamm!
Davor der Muskelprotz posiert, derweil die andren sterben,
mit Teufelshorn und Engelsflügel, als gäb es kein Tabu.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25203




Pop-up

Fernweh ist es, das mich plagt,
lässt im Netz mich krampfhaft suchen.
Bloß wohin?, was an mir nagt,
denn ich will ’ne Reise buchen.

Eins zwei drei, nun zeig schon her!
Klick, und ab in die Karibik!
Palmenstrand am blauen Meer!
Kuba oder Martinique?

Schnell mal sehen, was das kostet,
zack, da poppt ’ne Werbung auf!
Unverschämt, wer da was postet,
grad auf meine Website drauf!

Zack! Gleich wieder, kurz darauf!
Verflucht noch eins, was soll denn das?
Hört der Scheißmist gar nicht auf?
Herrschaften, das ist kein Spaß!

Miese kleine Browserfenster,
wer hat euch und überhaupt,
beinah Internetgespenster,
zu erscheinen hier erlaubt?

Als am Wasser war das Surfen,
fand ich mich ja noch zurecht.
Heute geht’s mir auf die Nerven,
Digital, da wird mir schlecht!

Hab mitnichten euch gerufen,
aufdringliches Werbepack!
Die das blöde Zeug da schufen,
geh’n mir ziemlich auf den Sack!

Was ist das, Advertisement?
Wo ich doch verreisen will.
Jetzt sag bloß noch, für ein Hemd?
Out und over, klick auf kill!

Zack, man will mir mit Gewalt
wohl ein Auto andreh’n, was?
Weg damit, ich schrei laut Halt!
Doch Moment, was war denn das?

Schmerzt Ihr Knie oder die Hüfte?
Seid ihr noch zu retten, Mann?
Zack, gleich geh ich in die Lüfte!
Billig fliegen! Wenn man kann!

So, das ist es jetzt gewesen!
Zack! Ich glaub, ich werd verrückt!
Bitte vorerst weiterlesen!
Cookies haben mich erdrückt!

Gib nicht auf, jetzt wirst du fündig,
Billigflüge, fast geschenkt!
Das Angebot scheint hintergründig,
hast’ ein Abo? Seid gehenkt!

Für den Zugriff fünfzig Cent.
Der verkauft eine Banane?
Alles das erscheint mir fremd.
Internet, eine Schikane!

Schließlich muss ein End’ hergeh’n,
der Preis ist wirklich ungeheuer!
Ein Flug, der ist mit Handgepäck,
gleich noch einmal so teuer.

Fliegen will ich! Fertigteil?
Da schau her, ich kauf ein Haus!
Neiiin, ich wollte doch verreisen!
Und jetzt reicht’s, ich steige aus!

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25202




Prolog

Habe nun, ach!
Leidender! Du musst es leidender sagen!
Habe nun aaach!
Noch mehr Ausdruck! Dein Gesicht!
Lass die Augen hervortreten!
So! Ja! Schmerzvoller Mund! Gut!
Okay, so ungefähr.
Also: Habe nun aaach! Deutsche Philologie,
Musik und auch Geschichte
leider studiert, mit Weh und Ach.
Da sitz ich nun, ich armer Greis,
der leider nicht mehr weiterweiß.
Nenn mich Magister, Doktor gar,
bin mehr als einundsiebzig Jahr
und quäl mich jahrelang vergebens
mit der Suche nach dem Sinn des Lebens.
Tag aus, Tag ein bemüh ich mich,
Migranten Deutsch zu lehren,
obwohl sich manche Teilnehmer
wohl die Bohne darum scheren.
Ich sehe ein, man kann nicht alles wissen,
und sich in allerlei verrennen,
wenn Träume in den Himmel schießen.
Ich will mir nicht den Mund verbrennen.
Das Mindeste soll jeder können müssen.
Ich bin nicht klüger als die and’ren,
versuch, im Sattel mich zu halten, so gut es geht.
Ich fürchte Krankheit, Krieg und Dummheit,
darüber ist mir alle Freud vergangen.
Bilde mir ein, ich wüsst’ drum heut,
wie’s gehen könnt, für mich allein, ganz unbefangen.
Es liegt mir fern, wen zu belehren,
ich will auch niemanden bekehren.
Noch eines sag ich, jetzt und hier,
bei mir war Geld nie in Quartier.
Wohl keiner möcht wie ich so leben,
drum hab ich mich dem Wort ergeben,
ob es mir nicht durch seine Kraft
so manche Linderung verschafft,
auf meiner Suche nach dem Sinn,
wie auch dessen, wer ich bin.
Durch die Gewalt gezielter Worte,
in den reinen Reim gepresst,
erhoff ich mir der Wahrheit Pforte.
Als Zugang, mehr, als dass mich Prosa fühlen lässt.
Auf diese Weise seh ich klar,
was auf dieser Welt scheint’s wahr.
Ich merke, manchmal deprimiert,
es punktgenau und komprimiert.
Verzichte auf in Prosa schweifen,
mit vielen Worten nach den Sternen greifen.
Ach, leuchte, teurer Sonnenschein,
in meine dunkle Seel’ hinein,
und dieses auch in finst’rer Nacht,
die ich am Laptop zugebracht!
Über den Texten endlos brütend,
wahrheitssuchend, müd und wütend.
Das viele Sitzen nährt die Gicht,
viel Lesen trübt das Augenlicht.
Der Geist gerät leicht in Bedrängnis
im körpereigenen Gefängnis.
Kein Lichtstrahl dringt durch diese Wohnung,
ich schreibe weiter, ohne Schonung.
Der Bücher Staub verrät mir nur
die Zeit meiner Registratur.
Warum, horch tief in mich hinein,
kann ich nicht so wie and’re sein?
Die Bier trinken und Fußball schau’n,
und blöde Witze machen über Frau’n?
Wie lang schon sitz ich hier herin’,
und suche nach des Lebens Sinn?
Drum end ich hier und höre auf,
und pfeife auf der Sterne Lauf.
Jag nicht mehr nach dem Sinn vom Leben,
es muss auch noch was and’res geben.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25199




Nussdorfer Spaziergang

Nussdorf ist Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, mit Weingärten am „Nussberg“.

Abends, nach dem Berufsstress, oder auch an ruhigen Sonntag-Vormittagen geht der Verfasser dieser Zeilen gerne am Nussberg spazieren. Der Weg ist festgelegt, die Zeit genau bemessen:

Vom „Nussdorfer Platzl“ geht es – durch einen „bis auf Widerruf gestatteten“ Durchgang – in die Hackhofergasse. Vor dem Haus Nr. 5 stehen drei Golf-GTI auf dem bisschen Gras herum, einer davon ohne Kennzeichen. Daneben das geschlossene Tor des ehemaligen Heurigen „Stift Schotten“,erbaut 1730, es weckt wehmütige Erinnerungen – wie an eine verlorene Geliebte. Viel zu selten ist man dort eingekehrt! Wie schön war es doch, mit der Frau bei einem Viertel Nussberger und einem saftigen Krautstrudel unter den großen alten Bäumen zu sitzen, ein gutes Wort zu reden, dem aufgehenden Mond zuzublinzeln und das Atmen der Zeit zu hören – eine blaue Stunde, eine Spanne der Schwerelosigkeit zu erleben. Was wird dem schönen alten Gebäude jetzt bevorstehen?

Links um die Ecke steht in der Nussberggasse 2b das „Schloss Dracula“. Als das Kind des Verfassers noch klein war und am Spaziergang teilnahm, war es ein beliebtes Spiel, den Häusern am Weg passende lustige Namen zu geben, und die wunderschöne Jugendstilvilla mit ihrer reichen Gliederung, den schmiedeeisernen Gittern und Laternen war infolge ihrer düsteren Lage hinter hohen Bäumen eben Schloss Dracula. Manchmal brannte ein einsames Licht oben im Dachgeschoß – da war Graf Dracula zu Hause. Seit einiger Zeit ist mehr Leben zu beobachten: Riesige Kristall-Luster brennen im großen Salon, schwere Limousinen fahren vor, an einem Sonntagvormittag drang sogar Klavierspiel aus einem offenen Fenster – eine neue Generation?

Nach der Hofeinfahrt des Schottenstifts in der Nussberggasse beginnt links das „Schiache-Leut-Ghetto“. Auf die Frage des Kindes, warum deren Reihenhäuser so tief unter dem abschüssigen Straßenniveau stünden, war die lustige Antwort, die Bewohner wären so hässlich, dass sie unterirdisch gehen müssten. Anschließend steht auf Nummer 11a-c das „Drei-Doktor-Haus“, ein brillant geplantes Dreifach-Reihenhaus, welches mit sehr wenig Platz in der Breite auskommt, aber vertikal und in die Tiefe des Areals genügend Raum bietet. Vom Beethovengang unten aus gesehen ist es ein stattlicher Besitz. Links wohnt ein praktischer Arzt. Der mittlere Bewohner hat keinen Titel am Türschild stehen, wird aber wohl auch ein Akademiker sein, um sich das schöne Haus leisten zu können, und rechts wohnt und residiert ein Augenarzt Dr. Heilig – welch ein schöner Name für einen Mediziner! Ein Heiliger hatte nichts mit Religion zu tun, sondern war ein Mann, der heilen, Kranke gesund machen konnte.

Gegenüber steht seit kurzem das „Stiegenhaus“, ein Neubau mit überdimensionaler Freitreppe, die aber auf einem winzigen Plateau mit je drei Stufen seitlich vom Hoftor endet – eine Freitreppe ohne freien Platz davor. Die gleichfarbige große Hundehütte daneben passt genau dazu. Neben dem „Drei-Doktor-Haus“ beginnt das „Schöne-Leut-Ghetto“, eine schöne weiße Wohnanlage mit viel braunem Holz, großen Fenstern und Loggien, extrovertiert auf Prestige gebaut. Es müssen hier – so der Verfasser zum Kind – lauter schöne Leute wohnen, die sich da wie in einer Auslage präsentieren. Die ehemalige Körperbehindertenschule vis-à-vis am Hang wird gerade abgerissen, vermutlich zugunsten einer neuen Bonzen-Siedlung an vornehmer Adresse.

Ein paar Schritte weiter steht (ohne Hausnummer) die „Arme-Leut-Villa“, eine große und einst stattliche, jetzt aber sehr verfallen und armselig wirkende Villa mit bis zum ersten Stock feucht abbröckelndem Verputz, die Fenster mit brauner Ölfarbe gestrichen. Die linke Mauer ist mit verwitterten Holzschindeln bedeckt, die Einfahrt vermoost.

Immer gut im Schuss ist hingegen – vor dem Friedhof – das „Milchreindl“, ein zeitlos moderner Bau: nahezu kreisrund, mit viel Glas und einem Flachdach. Die glaslosen Teile sind mit weißen Brettern vertikal verschalt. Souterrain und Erdgeschoß dienen Bürozwecken, der erste Stock ist Wohnung. Fallweise flattert – wie auf einem Bühnenbild – ein rotes Handtuch am Balkon.

An der Ecke Eroicagasse-Dennweg stößt man an das „Bettbrunzerhaus“, so genannt, weil vor einigen Jahren gegenüber ein offener Schacht gemauert wurde, in den lautstark ein Wasserstrahl plätschert. Krankenschwestern und Mütter wissen um die harntreibende Wirkung dieser Geräuschkulisse – und seither müssen, so die Vermutung, Bewohner mit schwacher Blase bei geschlossenem Fenster schlafen.

Das „Schwammerlhaus“ auf Dennweg 11a, das mit seiner gelblichen Farbe und dem dunklen, überstehenden Mansardendach an einen Herrenpilz erinnert, ist bei weitem schöner als die „Hatschek-Villa“ auf Nummer 15, die mit ihrer trostlosen Eternitverkleidung, dem Dach aus schwarzem Welleternit und mit rostigen Blechen eine negative Reklame für den bekannten Eternit-Hersteller macht.

Umso origineller ist das Nachbarhaus, der „Stadel“, dessen breite braune Holzverblendung über dem Eingang an eine Futterluke in einem Heustadel erinnert. Die „Garage“ mit ihrem großen orangefarbenen Blechschiebetor ist das sehr praktisch und raffiniert in den Hang gesetzte Nebenhaus des „Würfels“, der gleich breit wie hoch scheint und kein sichtbares Dach hat.

Das rustikale „Schweizerhäusl“ daneben würde wohl besser in den alpinen Raum über 1000 Meter Höhe passen und ist mit seinen rosigweißen, duftenden Rosenhecken ein Highlight des Dennweges. Das vorletzte Haus links ist die „Steuervilla“, in der – vermutlich wegen der steuerlichen Absetzbarkeit – gleich drei „Gesellschaften mit beschränkter Haftung“ ihre schwarzbesockten Managerzehen gegen den Kamin recken, während sie ihre abendliche Kartoffelsuppe schlürfen.

Der rosenstockbewachsene Bildstock des hl. Severin bildet den Abschluss des Dennweges gegen die Kahlenbergstraße. Rechts gegenüber liegt die „Hollywood-Villa“ in Schönbrunngelb und erinnert mit ihren vielen weißlackierten großen Terassentüren und Fenstern unter dem dunklen Mansardendach an eine nostalgisch-schöne Filmkulisse.

Nun ist der Umkehrpunkt erreicht, und beim Rückweg ist zu bedenken, ob nicht ein braunes „Whisky-Bier“ im Stüberl der Nussdorfer Brauerei ein passender Abschluss wäre. Bier ist ja bekanntlich gut gegen Herzinfarkt – und bei der Gesundheit sollte man besser nicht sparen!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25200




Herzblut

Es war still geworden auf dem Herzplaneten. Gefährlich still. Nicht wohltuend still oder erlösend still. Auch nicht nachdenklich still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Sturm zu sein, eine beunruhigende, herzzerreißende Stille. In der die Luft vor Anspannung knisterte, in der Kehle brannte, wenn man sie atmete, und das Herz nicht mehr sättigte, die Lebewesen nicht mehr füllte. Nicht mehr erfüllte, nicht mehr stillte.

Vielleicht war es ein Wechsel der Gezeiten, ein neuer Anfang, vielleicht aber auch das Ende von allem. Ein plötzlicher Herztod. Denn der Planet pulsierte nicht mehr, und das war schlimm, weil sein rhythmisches Schlagen nicht nur die blutrote Erde belebte, nährte und alles, was auf ihm existierte, miteinander verband, sondern auch für das gesamte Universum, dessen Zentrum er bildete, eine unverzichtbare Konstante war.

Durch das Weltall schallte sein Pochen, unverkennbar gleichmäßig und ungefähr sechzig bis siebzig Mal pro Minute. Es ordnete, stabilisierte, verband und versicherte, war die Basis für alles Leben und Wachsen im All, gab Zuversicht und die Sicherheit, dass alles gut war, so, wie es war.

Die Ausmaße der Stille waren verheerend, und deshalb konnte das Universum froh sein, dass es einen kleinen Funken Hoffnung gab, wenn der Wind sich noch drehte und die vorhergesagten Eisstürme ausblieben. Denn die Komplexität der sich eingestellten Veränderung hatte die Wettervorhersage massiv erschwert, in weiten Teilen des Herzplaneten sogar unmöglich gemacht, und man tat gut daran, sich nicht mehr auf sie zu verlassen.

So kam es, dass sich ein paar wenige, weise Urbewohner, Coresianer genannt, die sich die Demut vor dem Leben bewahrt und noch nicht verlernt hatten, auf den eigenen Herzschlag zu hören, zusammenschlossen, um etwas zu tun. Sie besaßen genug Mut und Lebendigkeit im Herzen, um aufzubegehren, weil sie einer Minderheit angehörten, die dem derzeit vorherrschenden, radikalen Trend, sich einen eisernen Herzpanzer zuzulegen, nicht unüberlegt folgten. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur das große Glück, dass ihr Herz noch nicht so oft gebrochen war. Und damit auch nicht ihr unerschütterlicher Glaube an das Gute.

Ihr Blick nach außen war offen und ungetrübt, was an ihrer frei beweglichen Herzspitze lag, die dafür sorgte, dass ihre Gedanken im Fluss blieben und sich nicht in starre Muster verirrten. Und weil sie regelmäßig ihren Herzmuskel trainierten, waren ihre beiden Herzhälften im Gleichgewicht. So blieben sie frei von Hass, hörten noch das Zwitschern der Vögel und standen im Licht der Sonne, die sie jeden Tag aufs Neue mit Herzenswärme betankte.

Natürlich waren sie sich der großen Gefahr bewusst, in die sie sich begaben, denn in den weit geöffneten Herzen, mit denen sie sich aufmachten, floss ihr Herzblut in einem tiefen, samtigen Rot. In einem Rot, so wie man es nur selten sah. Ein Rot, das sich nur zeigte, wenn man auf dem Zenit seiner Kraft stand. Wenn das Herz lauter war als der Kopf und man bereit war, sein Herzblut ungehindert fließen zu lassen. Dann, und nur dann, konnte das Undenkbare möglich werden. Weil man berührbar war und ungehaltene Freude ebenso tief empfunden wurde wie herzzerstörerische Verletzung.

„Genau das sollte unser Ziel sein“, sprach der Älteste in der Runde, einer der wenigen, die noch das Herz auf der Zunge trugen, „alle Coresianer sollten sich wieder im Herzen berühren lassen, um ihrer ureigenen Stimme zu folgen! Damit hätten wir schon viel erreicht.“

„Das ist wohl wahr“, stimmte ein anderer eifrig zu, einer, der ganz Herz geworden war, dem man die tiefe Berührbarkeit unmittelbar ansah, denn eine Vielzahl von Spuren und Abdrücken zierten seine Gestalt, ebenso wie klaffende Wunden und schmerzhafte Risse. „Genauso wichtig wäre es jedoch, wenn es ein Geben und Nehmen wäre, wenn man sich zum Ziel setzte, auch andere mit guten Gedanken, Worten und Taten zu berühren, sich zu verbinden und wieder verbindlicher zu werden.“

Was er sagte, fand großen Anklang. Einige nickten zustimmend, andere ließen ihre Herzen laut bis zum Hals klopfen, so begeistert waren sie.

Da meldete sich ein tränendes Herz zu Wort. „Dafür braucht man viel Mut“, gab es andächtig zu bedenken, während es aus allen Poren tropfte, denn sein Tränenfluss war unstillbar, „das wissen wir, die berührbar geblieben sind, am allerbesten.“

Und die anderen Coresianer senkten betreten den Blick, weil sie wussten, wie schwer es ist, Mut im Herzen aufzubringen.

Einer, der sein Herz in der Hand trug, nahm das tränende Herz in den Arm, streichelte es zärtlich und flüsterte ihm herzbewegende Worte ins Ohr, die es stärkten und aufrichteten, sodass seine Tränen nur noch in feinen Rinnsalen an ihm herabrannen.

Ein anderer, der sein Herz am rechten Fleck trug, gesellte sich dazu, um sein Mitgefühl kundzutun. Er konnte sich nicht verstellen, denn seine Augen verrieten stets, was in seinem Herzen vorging, deshalb tat er sich mit mutigen Worten leicht. „Wie oft ist es schon gebrochen?“, fragte er das tränende Herz, während er den schützenden Herzbeutel sanft massierte.

„Ich weiß es nicht mehr, unzählige Male“, antwortete es traurig. „Bisher ist es jedes Mal wieder zusammengewachsen, nur der letzte Riss, der will partout nicht heilen. Vielleicht ist es sogar so, dass ein Herz nicht unendlich oft brechen kann, dass es irgendwann zu Staub zerfällt und nicht mehr zu retten ist.“

Plötzlich machte sich Herzangst in ihm breit. Spitze Messer stachen auf es ein, sodass es immer schneller schlug, zu rasen begann, stolperte und bei jedem Stich hechelnd nach Luft rang.

„Was ist passiert?“, fragte der mit dem Herzen am rechten Fleck ruhig, ohne seine sprechenden Augen von ihm zu lösen. Dabei fühlte er sich so tief in das tränende Herz ein, dass sie sich anzogen wie Magneten und eins zu werden schienen.

Das tränende Herz ließ sich besänftigen, während es sich mit ihm verband, um seine ureigene Geschichte zu erzählen.

„Die Zeit wird ihr Übriges tun“, prophezeite der mit dem Herzen am rechten Fleck, nachdem er sie angehört hatte, und löste sich langsam wieder aus ihm heraus, um sich nicht zu verlieren, denn der Kummer saß tief in den Kammern. Dann fuhr er mit den Händen sanft über jede Bruchstelle, betropfte sie mit ein wenig Herzblut, verband sie mit Trost und hauchte ihm Zuversicht ein.

Die Szene war so anrührend, dass für einen Moment niemand sprach, noch wagte zu atmen, so schlossen sie lautlos ihre Augen, da sie ihr Mitgefühl fließen ließen und auf den eigenen Herzschlag hörten, der sich mit den anderen in einem stärkenden Rhythmus verband, sodass das Unfassbare geschah und der jüngste Bruch des tränenden Herzens ausheilte.

„Das ist es!“, erkannte in diesem Moment ein lachendes Herz, das schon viele Herzensbrecher in die Flucht geschlagen hatte, und es hüpfte vor Freude, wobei es Glücksfunken versprühte, „es ist nicht die Zeit, sondern die Liebe, die alle Wunden heilt!“

Daraufhin machte es eine bedeutsame Pause und wiederholte dann mit erhabener Stimme: „Die Liebe! Die Liebe muss wieder fließen!“, wonach er seine Worte mit dem samtigen Blutrot, das in ihm pulsierte, unterstrich, weil sie zu Herzen gehen sollten.

„Wie soll das gehen?“, raunten die anderen und blickten einander verdutzt in die fragenden Augen. Dann spannten sie ihren Herzmuskel an, so fest es nur ging, wobei sie versuchten, den einen oder anderen Glücksfunken zu erhaschen, bis sich endlich die Euphorie auf sie übertrug, ihr Herzblut zum Kochen brachte, sodass es gegen ihre Wände spritzte und sie einstimmig riefen: „Du sprichst uns aus dem Herzen!“

Dann wurde es still. Erwartungsvoll still. Nicht leblos still oder bedrückend still. Auch nicht geheimnisvoll still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Aufbruch zu sein, eine explosive, dicht gedrängte Stille, in der ein jeder mit herzerwärmenden Gedanken jonglierte, die der Anfang jener Taten waren, die eine verheißungsvolle, alles Leben rettende Wende einläuten sollten.

Jetzt trat das lachende Herz vor die anderen. Weil es ein Dutzend Kinder hatte, gab es immer einen Grund, heiter zu sein, deshalb schimmerte seine Herzhaut, gut durchblutet, in einem satten Burgunderrot, und der austrainierte Herzmuskel ließ es über sich selbst und die anderen hinauswachsen. Dieser innere Reichtum zog auch ein materielles Wachsen nach sich, weil es viel Geld sparte, wenn es auf teure Lachyogakurse verzichten konnte.

„Die Sache ist ganz einfach“, sprach es mit basstiefer, sonorer Stimme, die es einem ganz warm ums Herz werden ließ, dabei hörte es nicht auf, Funken zu sprühen, denn sein Herzfeuer loderte auf heißer Flamme, weil es für seine Worte brannte. „Unser Planet pulsiert nicht mehr, weil wir, seine Bewohner, aus dem eigenen Rhythmus gekommen, fremdgesteuert sind“, erklärte es und unterstrich das Gesagte mit einem schwungvollen Kreisen seiner Herzspitze.

Das Publikum nickte ehrfürchtig, während es sich bei jedem Schwung duckte, um sich mit den Köpfen in Sicherheit zu bringen.

„Wenn wir nicht mehr die Stimme unseres Herzens hören, können wir ihr auch nicht folgen, geraten aus dem Gleichgewicht und hören nur noch das, was unser Handy sagt, auf das wir ununterbrochen starren. Dabei laufen wir Gefahr, alles, was um uns herum passiert, aus den Augen zu verlieren“, führte es seine eindrucksvolle Rede fort.

Ein weiches Herz, das immer im Schatten der anderen stand, weil es ansonsten zu zerfließen drohte, meldete sich zu Wort: „Das stimmt!“, bestätigte es mit viel Gefühl in der Stimme, dabei atmete es unentwegt kühle Luft auf die eigene Haut, „auf unserem Planeten ist es auch deshalb so still geworden, weil wir uns nicht mehr in die Augen sehen, um ein Lächeln zu verschenken oder miteinander zu reden!“

Nun machte sich eine Unruhe unter den Zuhörern breit. Manche hielt es nicht mehr am Boden, weil ihr Herz in Flammen stand, und sie schossen wie spitze, brennende Pfeile in die Luft, denn das, was auf dem Planeten passierte, ging einem jeden tief zu Herzen.

„Die Luft um uns herum ist kalt geworden, nicht nur, weil sich Eisstürme angekündigt haben, sondern vor allem, weil die Worte fehlen, die sie warm und weich machen“, wusste ein erlöstes Herz zu berichten, das erst vor kurzem nach jahrelanger Therapie seinen eisernen Herzpanzer abstoßen hatte können.

„Richtig!“, stimmte das weiche Herz zu, „einige sind verstummt, weil sie nur noch auf das Handy starren, andere, weil man ihnen die Worte aus dem Mund genommen hat.“

Es hatte sich schon viel mit dem Thema beschäftigt, weil es vor langer Zeit selbst einmal die Sprache verloren hatte. „Weiterhin gebe ich zu bedenken, dass die Herzgewalt, aber auch die Herzenskälte in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat. Es wäre fatal, wenn die Herzlosen und die mit einem Herz aus Stein auf unserem Planeten langsam überhandnehmen“, mahnte es an, während es beim nächsten Herzschlag erschöpft in sich zusammensackte, weil die eigene Betroffenheit zu herzerweichend war und es ihm schwerfiel, seine Form zu bewahren.

„Dazu wird es nicht kommen, wenn wir unsere Rettungsaktion noch heute starten!“, gab das lachende Herz energisch den Ton an, während es vor Ungeduld hüpfte, denn die Zeit drängte.

Der mit dem Herzen am rechten Fleck kümmerte sich um das weiche Herz, schüttelte es auf wie ein Federkissen und bestrich seine dünne Haut mit einer stabilisierenden Paste, die es fester und unerschrockener machte, sodass es wieder beherzt für sich selbst und das gemeinsame Ziel, den Herzplaneten zu retten, einstehen konnte.

„Ich würde vorschlagen, wir bilden zwei Gruppen“, sagte das lachende Herz, das sich immer mehr als Leitherz hervortat, weil sein augenscheinlicher Frohsinn als leuchtender Funkenregen Euphorie in die Herzen säte und sein Strahlen sich wie wärmende Hände bis ins Weltall erstreckte. „Gruppe eins sollte etwas bergerfahren sein, denn sie wandert über das rechte Kammerfelsgebirge und die Herzfeldsteppe ins rechte Atrium. Dort befindet sich der Sinusknoten, das autonome Erregungszentrum unseres Planeten.“

Während es noch sprach, formierte sich eine Gruppe entschlossener Herzwesen, die sich dieser Aufgabe gewachsen fühlten, von Herzen bereit, den Weg durch die steinigen Kammerfelsen anzutreten.

Das lachende Herz beobachtete die Bewegung mit zufriedener Miene und ließ ein wenig von seinem Glück über die äußere Herzhaut auf die Gruppe schwappen, während es sich, bevor sie ihre weite Reise antraten, mit abschließenden Worten an sie wandte: „Unser Planet funktioniert nur noch im Notaggregat, er schlägt noch, doch der Puffer ist bald aufgebraucht. Kurz bevor ihr am Sinusknoten ankommt, gelangt ihr im rechten Atrium, ganz in der Nähe der Herzhaut hinter dem dritten Herzfeld, an die Quelle des Flusses, der uns Coresianer mit Liebe versorgt. Sie scheint verstopft zu sein, ihr müsst sie freischaufeln und das Flussbett von schadhaften Ablagerungen befreien. Wenn ihr das geschafft habt und die Liebe wieder tiefrot fließt, könnt ihr das Notaggregat im Sinusknoten abschalten, und unser Planet wird sich erholen.“

Voller Tatendrang und im sicheren Wissen, dass ihre Herzen im gleichen Takt schlugen, machte sich die Gruppe auf den Weg, während das lachende Herz bereits fröhlich auf die noch verbliebenen Herzwesen zusprang, um sie mit blutroter Farbe zu besprühen, die sie noch beherzter und lebendiger werden ließ, und alle trainierten noch einmal ihren Herzmuskel, denn man ahnte, dass die bevorstehende Aufgabe nicht einfach sein würde. Einer, dem dabei das Herz in die Hose rutschte, weil ihm die Verantwortung plötzlich zu groß wurde, wollte sich klammheimlich davonstehlen, doch dann hielt er inne, besann sich eines Besseren und nahm sein Herz in die Hand, während er sich wieder unbemerkt zu den anderen gesellte.

Nur ein sehendes Herz hatte den Fluchtversuch beobachtet, schmunzelte verschmitzt in sich hinein, verriet aber nichts, da sprach auch schon das Leitherz zu ihnen, aus tiefer Brust: „Ihr solltet nicht nur bergerfahren, sondern sogar sicher im alpinen Klettern sein“, dabei wanderten seine nur ausnahmsweise ernsten Augen bedächtig von einem zum anderen.

„Euer Weg führt euch durch das linke Kammerfelsgebirge, dessen Durchquerung weitaus gefährlicher ist als die des rechten, weil euch unvorhersehbare, wulstige Muskelvorsprünge überraschen und herausfordern können. Auch treiben sich hier vermehrt Herzensbrecher, die ihren eigenen Herzschmerz als Waffe benutzen, und verwilderte Herzlose herum, weil die Gegend so einsam ist. Seid also vorsichtig!“, warnte es sie, und sein forschender Blick bohrte sich direkt in ihre Herzen, doch hier wohnte so viel Mut, dass sie problemlos standhielten.

„Wenn ihr das Gebirge hinter euch gelassen habt, kommt ihr zur Quelle des Planetenhauptflusses, der das Universum mit Liebe betankt. Am Flussbett setzen feine, stabil gebaute Klappen an, die normalerweise den Rückfluss der Liebe verhindern und eine lebenserhaltende Versorgung des Universums garantieren. Ihre Funktion scheint eingeschränkt zu sein, ihr müsst alles daransetzen, sie zu reparieren, damit die Liebe wieder ungehindert fließt und das Universum gerettet ist.“

Gesagt, getan. Die Rettungsaktion verlief erfolgreich und ging als Meilenstein in die Geschichte ein. Noch heute, da die Zeitzeugen langsam aussterben, hängen die Jungen mit staunenden Augen an den Lippen der Alten, wenn die davon erzählen. Auch in den Schulen wird davon berichtet, in Büchern kann man es nachlesen, und man erschuf große Denkmäler, die als Mahnmale dafür sorgen, dass das, was damals geschah, niemals in Vergessenheit gerät, denn nur so kann man dafür Sorge tragen, dass sich auch in Zukunft der Wind wieder dreht und bedrohliche Eisstürme ausbleiben.

Somit ist es unmöglich geworden, die Fehler, die damals fast zum Untergang des Universums geführt hätten, zu wiederholen. Man richtet seinen Blick nicht mehr auf das Handy, sondern hoch zur Sonne, sodass die Herzen wieder wärmer sind und ihre eisigen Herzpanzer nach und nach abstoßen. Es tanzen wieder mehr Worte durch die Luft, die sie weicher werden lässt, weil man miteinander spricht und einander zuhört. Man hat wieder mehr Zeit für die, die einem am Herzen liegen, verschenkt hier und da ein Lächeln und teilt großzügig Herzlichkeiten aus. Ist berührbar und berührt andere. Und weil ein jeder wieder seinen eigenen Herzschlag fühlt, kann er sich auch in andere einfühlen, ihnen verzeihen und beherzter für sich und andere einstehen.

Und manchmal ist es ganz still auf dem Herzplaneten. Angenehm still und anrührend still. Es mutet an, eine Stille voller Glück und Leichtigkeit zu sein. Eine Stille vor dem größten Fest, das das Universum jedes Jahr dankbar zu feiern hat, einem Urknall gleich. Weil es weiterexistieren durfte. Und ein jeder ist bis in die Tiefen seines Herzens berührt, wenn er ausgelassen und fröhlich seinen schönsten Tanz tanzen darf.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 25201