Zweifel

Ein Zweifler bin ich, keine Frage,
komm ich einmal in die Lage,
zu entscheiden ja und nein,
fällt mir nie das Rechte ein.

Da erfassen mich Bedenken,
wem soll ich was diesmal schenken?
Gleich ob Ostern oder Weihnacht,
was mein Zögern neu entfacht.

Manchmal werd ich richtig heiß,
macht mir jemand etwas weis.
Dummes Zeug glaub’n fällt mir schwer,
das nährt meine Skepsis sehr.

Und voll Zwiespalt schau ich dann,
ich prüfe und erwäge, wann
genau, noch ehe ich was tu.
Denn vorher seh ich lieber zu.

Schon seh ich mich als Skeptizist,
der geg’n jed’n und alles ist.
Vor allem geg’n das Älterwerden,
und ebenso gegen das Sterben.

Ganz besonders regt mich auf,
hab ich nichts am Konto drauf.
Wurde auf mich ganz vergessen?
Woher krieg ich sonst mein Essen?

Und wenn ich schon von Krankheit hör
und mich darüber höchst empör,
zweifle ich am Sinn des Lebens
und suche ihn, wie’s scheint, vergebens.

Manche mögen zwar lancieren,
Zweifel auszubalancieren.
Ich weiß zwar nicht, wie man das macht,
doch ich versprech, ich geb drauf Acht.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26128




Caro Michele

Sowohl der Autor der Aufzeichnungen als auch die Aufzeichnungen selbst sind selbstverständlich erdacht. So stellt er sich vor, er wäre vor genau zwanzig Jahren in einem Italienischkurs gesessen, der ihn zwar nach einiger Zeit gelangweilt hätte, rückblickend aber doch eine der wichtigsten Momente seines Lebens gewesen ist.

Eine kleine Nebensächlichkeit durchbrach diese Langeweile: eine Kursteilnehmerin, die alleine in der letzten Reihe saß, und zu der ich immer wieder hinüberblickte.

So weit die Banalität. Das kann natürlich vielen geschehen, dass du irgendwo hinkommst, nichts Besseres mit dir anzufangen weißt und dann dein Blick schweift und irgendwo hängenbleibt.

Aus irgendeinem Grund saß ich dann einmal in der ersten Reihe. Das war zunächst auch nichts Besonderes. Aber dann geschah das Unerwartete. Die andere Teilnehmerin setzte sich unmittelbar neben mich, bat mich, für sie das nächste Mal mitzuschreiben, und gab mir zum Schluss auch ihre E-Mail-Adresse.

Hier könnte die Erzählung zu Ende sein und eventuell ihr Happy End gefunden haben. Das tat sie aber nicht. Stattdessen versuche ich zu erzählen, wie es weitergegangen ist:

Ich schrieb ihr eine pflichtgemäße E-Mail mit den Hausaufgaben der letzten Stunde. Sie antwortete mir und bedankte sich. Da mir der Kurs nicht sonderlich gefiel und ich Angst vor dem Nichtbestehen der Klausur hatte, meldete ich mich ab.

Und hier beginnt die Spurensuche: Warum fühlte ich mich nun auf einmal so pflichtbewusst, dass ich ihr nichts Privates geschrieben und die Adresse sogar gleich danach in meinem Postfach gelöscht hatte?
Der erste Grund war natürlich, dass ich mich ertappt gefühlt hatte und für den Fall gegenseitigen Interesses nicht vorbereitet gewesen war.

Der zweite Grund war natürlich das Fachliche: Schnell habe ich gemerkt, dass ich am Italienischen keine so große Lust empfand und ich zudem annahm, dass sich die andere Teilnehmerin brennend dafür interessierte. Ihr etwas vorzuspielen, empfand ich als unehrlich.

Der dritte Grund ist gleichzeitig der schwierigste. Beim besten Willen verstand ich nicht, was mich damals blockiert hatte. Nenne man es Schicksal oder Vorsehung oder was-auch-immer.

Nun präsentiert sich der Autor selbst und seine Anschauungsweise und möchte gewissermaßen die Gründe verständlich machen, warum er in unserer Mitte aufgetreten ist und hat auftreten müssen. Er meint, es sei letztendlich Sache der Lesenden, der Geschichte einen Schluss zu verleihen.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26131




Falscher Lorbeer

Den Irrtum mit der Lüge decken,
heißt, ein Loch ersetzen, bloß durch Flecken.
Nach Recht und Gleichheit sucht der Schwache,
für Starke ist’s ja doch bloß Mache.

Zufriedenheit ist dann geglückt,
bewusst, in dem, was selbst genügt.
Der Lohn des Zweifelns, der liegt in
der ganzen Wahrheit rechtem Sinn.

Die Gegenwart ist mir willkommen,
wenn was zu tun ich angenommen.
Was noch nicht ist, macht mich besinnen,
und das, was war, lässt mich erinnern.

Jedoch, wenn einer Lob dir hudelt,
ein Schmeichler, der dir unterjubelt,
mit Lorbeer’n grün dein Haupt bekränzt,
und du ihn fast nicht wiederkennst,
dir unterlegen sei, so wie er meint,
denn immer schon wär er dein Freund.
Sei auf der Hut, geh nicht drauf ein,
es könnte nicht ganz ehrlich sein.

Denn reden, sagt man, sei die Kunst,
der Glaube weckt oftmals die Gunst.
Doch, ohne Freundschaft sind nur Güter
auch kein Trost für die Gemüter.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 26127




Bisher auf verdichtet.at zu finden:




Der Unterschied

So unterschiedlich sind die Leut’,
das gilt für gestern und für heut.
Der eine groß, der andre klein,
denn alle soll’n verschieden sein.
Einer neigt oftmals zum Groben,
ein anderer zeigt sich verschroben.

Die einen leben nur fürs Jetzt,
wahrscheinlich für den Augenblick.
Und sparen sich zu guter Letzt
den Blick nach vorn, und den zurück.

Und wieder andre leben so,
als währte alles ewig.
Sie sammeln Güter an, en gros,
denn nur Besitztum macht sie selig.

Manch einer lebt gern anonym,
der andre braucht die Bühne.
Dem einen, dem genügt ein Wort,
ein anderer will Synonyme.

Die einen lieben die Natur,
die andern lieber Whisky pur.
Und was dem einen ist sein Glück,
dem andren wär’s sein Missgeschick.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenne

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26126




Billige Phrasen

Billige Phrasen
hängen wie fettige Gardinen
im Schlafzimmer,
nutzlos und schwer.

Die Stimmen aus dem Weitsender,
zu laut, zu nah,
sickern wie abgestandene Cola
in einen Eimer Erbrochenes,
dringen ins Ohr,
stören die Gedanken,
entwischen wieder.

In der Küchenecke tanzen Fliegen,
steigern sich in ein Crescendo,
als wollten sie endlich selbst ins Rampenlicht.

Aus dem Badezimmer
schwappt ein Gähnen herüber,
so widerlich,
dass selbst das Abflussrohr wohl überlegt,
den Dienst zu verweigern.
Die Luft trägt Seuche,
nachklingend wie der letzte Ton
einer gescheiterten Orgie.

Die Eingangstür knarrt,
nicht harmlos,
sondern wissend,
als hätte sie dich letzte Nacht beobachtet.
Draußen ringen Laub und Wind miteinander,
die Blätter siegen.

Der Linoleum-Boden gibt nach,
du stürzt zurück,
in die Laken,
schwer, endgültig,
wie ein Rentner,
der sich in seine Rheuma-Decke wickelt.

Es stinkt nach gescheiterten Leben,
nach leeren Bierflaschen und tagealtem Zigarettenrauch.
Ein Dienstag,
verloren,
bevor du überhaupt aufgestanden bist.

Tom Schwericke
tomschwericke.de

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26125

 




Tsunami in Aspen

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Der Champagnerschnee Colorados stob unter den Skispitzen weg und die Schneekristalle prickelten auf Wangen und Stirne. Das Rattern der Helikopterrotoren verhallte, während das Flugvehikel in der gleißenden Sonne sich aufzulösen schien. Tiefblauer, wolkenloser Himmel breitete sich über der jungfräulich weißen Piste aus.
Im Dreivierteltakt zog die Gruppe der Skifahrer lange Schwünge durch den Pulverschnee, begleitet vom Knirschen der Skier, das einzige Geräusch, das diesen Winterzauber begleitete.
Sanfte Hügel ließen die Körper im Rhythmus der Bodenwellen sich zusammenziehen und ausdehnen. Der Geruch von Trillionen Schneekristallen kitzelte in den Nasenlöchern.

In der Ferne donnerten kleine Lawinen zu Tal, jedoch keine, die hier den geschwungenen Spuren der Bretter gefolgt wäre.
Doch plötzlich stahl sich unvermutet ein zunächst fernes Geräusch in die moderate Stille der Winterszene. Ein fernes verhaltenes Knurren. In den Geruch des Schnees mischte sich etwas Fremdes. Einer der Skifahrer wandte den Kopf zu seinen Sportgefährten, von denen niemand etwas zu bemerken schien. Unbeirrt zogen diese ihre Schwünge ins Tal.
Das Knurren wurde zum leisen Grollen.
In der Luft verbreitete sich ein leiser Duft von salziger Feuchtigkeit.
Der Skifahrer, der als Letzter der Gruppe seine Bahn zum Fuß des Berges zog, schwang ab, um zu lauschen. Die Skibrille sandte Blitze von den Sonnenreflexen in die Landschaft, als der Sportler den Kopf wandte, um die Quelle des Geräusches zu suchen.

Die Piste begann sich zu verfärben, changierte ins Bläuliche, dann ins Grüne, unter den Füßen bewegten sich Wellen von grünlichen Farbkaskaden mit weißen Säumen, die sich verbreiterten, zerrissen und wieder mit leisem Zischen formierten.
Längst war die Gruppe der Skifahrer mit ihren bunten Anoraks aus dem Blickfeld verschwunden.
Der Untergrund begann zu beben und zu schaukeln. Zu schaukeln? Die sanften langgezogenen Stöße, die die kleinen Schneebuckel an Skier und Fahrer abgegeben hatten, waren großen Wellenbewegungen gewichen.
Unter den Beinen des Wintersportlers schien der Schnee zu entgleiten.

Der Himmel war immer noch tiefblau, doch der Farbton wechselte nun unmerklich von sattem Samtblau in einen Farbton, der kühler, um nicht zu sagen distanzierter wirkte.
Der Blick ins Tal verirrte sich angesichts der seltsamen Farbkaskaden.
Was im hellen Sonnenlicht noch Konturen besessen, und von Licht und bläulichen Schatten definierte Landschaftsformationen gezeigt hatte, verschwand.
Der Untergrund, auf dem der Skifahrer in seinem schicken cremefarbenen Overall stand, schien sich nun zu verfestigen, während wenige Meter unterhalb scheinbar alles in Bewegung geriet. Die seltsamen Wellen wanderten bergab.
Die Luft schmeckte nun eindeutig salzig wie in einem Badeort am Meer.

Den Mann, auch wenn es angesichts der seltsamen Vorgänge müßig erscheint, ihn näher zu beschreiben, Mitte dreißig, sonnengebräuntes Gesicht, gutverdienend, wohnhaft in einer jener Megacities, die sich im 21. Jahrhundert wie im Regen aufschießende Pilzkolonien gebildet hatten, beschlich ein ungutes Gefühl. Es schien ihm nicht ratsam, sich weiter fortzubewegen.
Doch wusste er sich angesichts der Ereignisse, die begannen, sich zu überstürzen, keinen anderen Rat, als abzuwarten. Es war sinnlos, ein Mobiltelefon zu zücken. Nicht, weil es in dieser Höhe keinen Empfang gegeben hätte. Dieses Problem war technisch längst bewältigt.
Es hätte einfach nichts verändert, nichts gebracht. Er stand wie angewurzelt da, während sich unter seinen Skiern der Boden verfärbte und körnig wurde. Körnig … wie Sand.
Dort wo die Talsohle gewesen war, schien sich nun der Boden verflüssigt zu haben. Kleine blaugrüne Wellenkämme, zunächst noch transparent, dann immer kompakter, schienen ihm entgegenzulaufen.
Obwohl er nichts in seinen Beinen oder seinem Rumpf verspürte, hatte er den Eindruck, langsam zu sinken. Es war, als schwebte er mit dem Untergrund in Tiefen, deren Begrenzungen er nicht ausmachen konnte.
Gebannt vom Geschehen blieb ihm nichts anderes übrig, als zu beobachten.
Er konnte nicht fassen, was ihm widerfuhr, und kein Instinkt riet ihm, was zu tun wäre.

Doch dann erhob sich in der Ferne eine riesige Welle. Als ob das Element Wasser von langem Schlaf erwacht sei, stieg es aus seinem Bett auf und reckte sich gegen den Himmel.
Was sich aus der Vogelperspektive geboten hätte, die kleine einsame Gestalt eines Mannes im Skianzug auf einer Sandbank … nein, das lässt sich nicht beschreiben, denn niemand sonst sah, roch, fühlte und hörte das Szenario, das leise Zischen des Wassers, das ferne Grollen anderer brechender Wellen, das immer lauter wurde, das sprudelnde Geräusch, wenn Wellen starben, niemand kann das beschreiben, niemand anderer sah dies als der namenlose Mann.
Die Riesenwelle wuchs und wuchs und machte sich auf den Weg, in Richtung des starr stehenden Menschen in der nun völlig inadäquaten Aufmachung für Wintersport.

Was passierte bloß? Wie geschah ihm?
Was ist denn, Himmel … dachte der Mann, hob seinen Unterarm, immer noch die Skibrille vor den Augen.
Er schaute auf seine Uhr, eine geradezu lächerliche Handlung, angesichts der Ereignisse!
Dann begann er, an der Uhr zu fingern, während ihm heiß wurde. War’s die Luft, die sich erwärmte, die kälteisolierende Bekleidung oder die aufsteigende Angst? An der reich ausgestatteten Uhr, mit Knöpfen und allerlei Schnickschnack, fand er mit seinen Handschuhen, die er vergessen hatte auszuziehen, kaum einen Knopf. Währenddessen kam die Welle bedrohlich nahe. Kein Zweifel, sie würde ihn verschlingen. Der Geruch von Salzwasser intensivierte sich. Trotz des Skianzuges spürte er die herannahende Feuchtigkeit auf seiner Haut, am ganzen Körper, nicht nur im Gesicht.
Er fingerte und fingerte an seiner Uhr, umgeben vom Tosen der Naturgewalt. Keine Gedanken, nur der Wille, etwas zu tun, um zu entkommen. Zu tun, ohne zu wissen, wie entkommen, während eine massive Wasserwand ihn bedrohte.

—————————————-

Ein sportlicher Mann, Mitte dreißig, mit braungebranntem Gesicht, leger gekleidet, betrat mit federndem Schritt ein Geschäft.
Es war ein seltsames Geschäft, clean, durchgestylt. Ohne Schnörkel, mit vielen Nebenräumen, die sich um den zentralen Verkaufsraum regelmäßig verteilten.
In Wahrheit waren es keine Geschäftsräume im klassischen Sinn. Man verkaufte hier nicht, man präsentierte, schulte ein, gab Proben. Klassische Geschäfte gab es nicht mehr. Dafür schicke Angestellte, die mit den Kunden in den Nebenräumen verschwanden, Nebenräume, die verschwenderisch bequem ausgestattet waren, mit ausladenden Sitzmöbeln, im Vergleich zum Verkaufsraum fast schon opulent.
Einer der Nebenräume hatte die Aufschrift: Implement. Ein anderer: Service.
Eine recht hübsche Angestellte empfing ihn. Die Firmenleitung hatte die Angestellten geschult, dass sich jeweils eine weibliche Person um einen männlichen Kunden und ein attraktiver Mann um weibliche Kundschaft zu kümmern hatte, wenn diese mit abgespannter Miene den Laden betraten. Denn dann galt es, Reklamationen abzufedern.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Gute Frage, nach dem, was ich erlebt habe. Oder sagen wir, überlebt habe.“
„Ach, wollen wir uns nicht in unseren speziellen Beratungs- und Serviceraum zurückziehen? Sie klingen, als ob Sie mir Wichtiges zu sagen hätten?“
Die hübsche Brünette deutete in Richtung des Raumes und beide begaben sich, er eher zögernd, sie subtil bestimmend, in den in sanftem Grün gehaltenen Beratungsbereich. Der zeichnete sich durch angenehmes Ambiente, bereitgestellte Getränke und Snacks aus.
Der Mann ließ sich in den Ohrensessel fallen, während die Frau sich auf einen nicht minder bequemen, aber einfacheren Stuhl an seine Seite setzte.
Dann lehnte er sich vor, durchaus bereit, jederzeit aufzuspringen.
Er fingerte an seinem Handgelenk. Dort befand sich eine schwarze, eher größere Uhr mit allerlei befingerbarem Beiwerk ausgestattet. Er öffnete den Verschluss, hielt sie ihr hin.

„Das Ding ist Müll. Das hat mich fast um den Verstand gebracht.“
„Was ist passiert?“, fragte sie mit geschulter, sanfter Stimme.
„Dieses verdammte Ding hat einen Programmkonflikt gehabt. Ich wäre fast in einem Tsunami umgekommen.“
„Unsere Naturkatastrophen sind ereignisstabil programmiert.“
„Ich hab kein Naturereignis eingestellt, sondern Heliskiing in Aspen.“
„Sind Sie sicher, dass dieses Steuerungsgerät verantwortlich ist und nicht der Mentalchip, der Ihnen von unserem Vertragspartner implantiert wurde?“
„Wieso soll ich das wissen? Das müssen Sie wissen“, sagte der Mann ungehalten und deutete mit beiden Händen energisch auf die Frau.
„Sie haben Recht. Abgesehen davon kann der sensorische Chip keine Probleme bereiten, er übermittelt ja nur neuronale Sinnesreize, die das Programm bereitstellt.“
„Hören Sie, Ihre Erklärungsversuche sind mir einerlei. Ich war in einer besch… gefährlichen Situation.“
„Ihnen kann nichts passieren. Sie haben es mit virtuellen Realitäten zu tun. Ziemlich realistisch, aber künstlich.“
„Mein Körper hat darauf ganz und gar nicht künstlich reagiert!“
„Bitte missverstehen Sie mich nicht, aber für Ihre körperlichen Reaktionen auf unsere Programme können wir keine Haftung übernehmen.“
„Ach, haben Sie das irgendwo in den Unterlagen angegeben? Haben Sie überhaupt Informationen zu Risiken bereitgestellt?“
„Welche Risiken? Nichts, was Sie erleben, passiert wirklich. Sie sind völlig sicher.“ Die junge, recht attraktiv gekleidete Frau reckte ihren Oberkörper und nahm ihre Schultern zurück, während sie ihren Kopf ein wenig senkte und leicht zur Seite neigte. Zudem kippte sie mit weiblichem Kalkül ihre Knie etwas nach links.

Er lehnte sich etwas zurück und rieb sein Kinn. „Nach dem, was mir passiert ist, nehme ich Ihnen das nicht ab. Bevor wir auf Detailfragen herumreiten, was können Sie mir als Kompensation anbieten?“
„Nun, wir haben ein neues Modell für die Programmsteuerung. Wir haben unsere Programmpalette diversifiziert. Wir bieten verschiedene Erlebnisszenarios nach ihrem Emotionsspektrum gesondert an. Ein Programmkonflikt sollte ausgeschlossen sein. Das Steuerungsgerät ist günstiger, Sie können außerdem verschiedene Erlebnisqualitäten austauschen, indem Sie einfach Module austauschen, die Sie bei uns erwerben können.“
„Kein Interesse. Mir reicht’s. Ich habe ohnedies einen Einkommensverlust, ich war eine Woche nicht arbeitsfähig. Adrenalinschock. Ich gebe Ihnen die Steuerung zurück und Sie ersetzen mir den halben Kaufpreis. Immerhin hatte ich das Ding vier Monate.“
„Das wäre schon möglich. Allerdings müssen Sie auch das sensorische Implantat bei uns entfernen lassen. Patentschutz.“
Der Mann erhob sich ruckartig vom Sessel. Ihm platzte offensichtlich der Kragen und wahrscheinlich hatte er ein Flashback, durchlebte also Teile des vergangenen Katastrophenszenarios. Jedenfalls rötete sich sein Gesicht: „Sie und Ihre virtuelle Realität. In meinem Hirn kramen Sie nicht mehr virtuell und auch nicht reell herum! Sie hören von meinem Anwalt!“

Der Mann verließ fluchtartig Beratungsraum und Geschäft. Auf dessen farblich changierender Fassade prangte die Aufschrift: Virtutrip. Wirklicher als die Wirklichkeit

Kurz darauf konsultierte der Mann, ein virtuell verunglückter Reisender, seinen Anwalt. Einen, der darauf spezialisiert war, Klienten auch bei Unfällen virtueller Art zu vertreten. 68% aller Reisen rund um den Globus wurden nun nicht mehr über Reisebüros, sondern über sogenannte Virtual-Reality-Companies gebucht. Die meisten Touristenattraktionen waren ökologisch ausgelaugt, leblose verschrumpelte Hüllen einstiger Reiseziele und nicht mehr in der Lage, im Entferntesten noch jene Klischees zu erfüllen, wie man sie in Reisemagazinen fand. Wer sich hinbegab, riskierte seine Gesundheit und psychische Stabilität.

Als der virtuelle Abenteurer, Namen sollen diskreterweise nicht genannt sein, seinen Anwalt in Kenntnis setzte, musste er natürlich genau darlegen, wie er der Katastrophe entkommen war.
Das hätte er lieber vermieden, es war ihm äußerst peinlich, aber dieses Detail durfte er seinem Rechtsbeistand nicht vorenthalten. Er hatte sich nämlich, als sich die Riesenwelle letztendlich unmittelbar vor ihm auftürmte, in die Hose gemacht. Sein vegetatives System hatte die virtuelle Realität auf der Stoffwechselebene umgangen.
Geruch und Wärme seiner Angstdiarrhö hatten einen Wahrnehmungskonflikt verursacht, der ausreichte, aus der künstlichen Wirklichkeit auszusteigen und sich für wenige Sekunden in seinem Wohnzimmer wiederzufinden, von dessen Couch aus er anfänglich die Hänge von Aspen hinuntergewedelt war, um albtraumhaft in ein hawaiianisches Tsunamiszenario hineinzukippen.
Er schleuderte instinktiv seine Steuerung weit genug von sich, dass sie, die mittels elektrischem Hautwiderstand arbeitete, ihr Programm nicht mehr an den implantierten Chip weiterleiten konnte. Seine Sinne leiteten nunmehr ungekünstelte Realität weiter, die weder angenehm roch noch sich erhebend anfühlte.
An diesem Punkt der Sachverhaltsaufnahme zuckte der Anwalt übrigens mit keiner Miene. Als Spezialist für virtuelle Desaster war er einiges gewohnt, besonders von männlichen Klienten …

Recht bald nach dem Erstgespräch machte sich der Advokat an die Arbeit.
Er konsultierte als Erstes einen technischen Sachverständigen, einen Ex-Computernerd.
Der Sachverständige für virtuelle Wirklichkeit forderte ein intaktes Set an, um dessen Funktionen zu testen. Dazu benötigte er übrigens kein Implantat, sondern er verwendete einfach eine jener verkabelten Hauben, mit denen man Hirnströme messen konnte und die er entsprechend präpariert hatte. Dann hörte man wochenlang nichts mehr von ihm.
Nach fast zwei Monaten versuchte der Anwalt, seinen Spezialisten zu erreichen.
Er wusste immerhin, dass selbst bei guter Auftragslage Tests nicht so lange dauerten, zumal Adrenalin die Zeitwahrnehmung ausdehnte, während die virtuellen Trips erstaunlich kurz waren.
Doch zwei Monate waren ungewöhnlich lange. Immerhin war es unmöglich, dass Virtureisende in das künstliche Szenario hineingesogen werden konnten, da ja die Abenteuer im Kopf abliefen und die perfekte Illusion für alle Sinne aufbereitet wurde, ohne dass jemand wirklich seine Fantasie bemühen musste. Es war kaum verwunderlich, dass der Anwalt so viele im Grunde langweilige Klienten ohne besondere Vorstellungskraft hatte …

Als der Spezialist für virtuelle Rechtsfragen seinen Sachkundigen endlich kontaktieren konnte, wurde er mit einer Überraschung konfrontiert. Der Ex-Nerd weigerte sich nämlich, mit seinem Auftraggeber zusammenzuarbeiten.
„Was heißt das, Sie wollen nicht mit mir kooperieren?“, fragte der Anwalt monoton am Telefon.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kooperiere mit Ihnen, aber nicht in diesem Fall. Ich kann Ihnen keine Expertise ausstellen.“
„Ich erinnere Sie daran, Sie sind vertraglich gebunden.“
„Ich bin vertraglich verpflichtet, Ihnen alles zuzutragen, was Ihrer Arbeit dienlich ist. Hier wäre es kontraproduktiv.“
„Inwiefern?“
„Nun, Ihr Klient hätte keine Chance auf Kompensation.“
„Das ist wohl meine Aufgabe, das zu beurteilen.“
„Nein, er wird nichts bekommen. Es gibt ein Faktum, das sich bei meinen Recherchen ergeben hat.“
„Und das wäre?“
„Nun, ich habe den Tsunami geritten.“

Der Anwalt konnte nicht sehen, wie der Computernerd, ein Mann mit Halbglatze und gewelltem rötlichen Haarkranz in braunem Cordanzug fröhlich auf seinen Zehen wippte.
„Was meinen Sie?“, fragte der Anwalt mit Nachdruck, während er sich vorbeugte, als könnte er der Person seines Sachverständigen habhaft werden.
„Ihr Klient hätte, statt sich in die Hose zu machen, den Tsunami reiten können …“
„Und?“, fragte der Anwalt, während er eine erfolgreiche Vertretung seines Klienten ihm gerade entgleiten sah.
„… Jeder nimmt wahr, was er will. Wer fantasielos ist, hat Pech gehabt.“
Dem Advokaten stieg Hitze ins Gesicht. Ihm schwante, dass sein Beruf, der so sehr auf Fakten aufbaute, angesichts der Hybris der Illusionen und Sinnestäuschungen auf verlorenem Posten stand.

(vor einigen Jahren veröffentlicht in der Literaturzeitschrift WHYNICHT?)

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26118




Herlicek – Heimweh

Herlicek könnt Urlaub nehmen,
doch leider weiß er nicht: wozu
Wegfahr’n? Nein, das würd ihn grämen –
das kostet Geld und stört die Ruh

Ferne Länder sind längst passé,
und dort leben nur Ausländer
Die versteh’n ihn nicht im Café
und kennen keinen Einspänner

Also bleibt er gleich zu Hause,
flüchtet in die Arbeit, ohne Schmäh
Bearbeitet Akten ohne Pause;
er leidet an Büro-Heimweh

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26124




Herlicek – Filmfestival

Beim Filmfestival am Rathausplatz
genießt Herlicek Gemischten Satz
Es ist viel los, wie jedes Jahr,
ein Auf- und Schaulauf, wirklich wahr

Es wird geflirtet, wohin man schaut,
gelacht, getratscht – es ist sehr laut
Partystimmung bei jedem Standl,
Köstlichkeiten schmor’n im Pfandl

Und doch gibts was, das ist nicht fein,
das stört Herlicek ungemein
Es ist diese Musik-Belästigung
durch Konzertfilme im Hintergrund!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26123




Herlicek – Sinn des Lebens

Herlicek denkt sich: ‚Mein Gott,
jeden Tag derselbe Trott
Es muss doch etwas geben,
das sich lohnt in diesem Leben.‘

Er geht runter auf die Straße;
gute Nacht sagen Fuchs und Hase
Hier wird er den Sinn nicht finden,
da kann er sich noch so schinden

Er geht weiter durch die Nacht,
bis jetzt hat ihm das nichts gebracht
Wie wär’s mit einem Päuschen –
da vorn, bei diesem Häuschen?

Es ist ein kleiner Würstelstand,
das Angebot ist allerhand
Er bestellt eine heiße Wurst;
davon kriegt man einen Durst

Zum Glück gibt es ein Gösser Bier;
gemütlich wird es langsam hier
Herlicek sagt unumwunden:
„Lebenssinn hab ich gefunden!“

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26122