Archiv Februar 2026

28.2.26: Frank Joussen: Hungrige-Möwe-Haiku
28.2.26: Bernd Watzka: Herlicek – Billigere Lebensmittel
28.2.26: Johannes Tosin: Die Katze Lady Strange im Geschäft „Fressnapf“
28.2.26: Johannes Tosin: Augenblick
22.2.26: Bernd Watzka: Herlicek – Olympische Augenringe
22.2.26: Norbert Johannes Prenner: Übers Metrum
22.2.26: Johannes Tosin: Der Bauer in der Stadt
22.2.26: Johannes Tosin: Die Nacht deckt zu
15.2.26: Antonia H.: Morgendliche Selbstbefragung
15.2.26: Johannes Tosin: Quantum
15.2.26: Claudia Dvoracek-Iby: Im Rucksack
15.2.26: Frank Joussen: Yin und Yang im Jahr 2099
15.2.26: Norbert Johannes Prenner: Nicht um den Block
15.2.26: Johannes Tosin: Das Helle und das Dunkle
7.2.26: Johannes Tosin: Die kalte Sonne
7.2.26: Norbert Johannes Prenner: Da wäre noch
7.2.26: Johannes Tosin: Dunst




Herlicek – Billigere Lebensmittel

Bald enden unsre Beschwerden:
Die Grundnahrungsmittel werden
endlich billiger – was für a Freud
für die Inflations-geplagten Leut‘!

Es gilt für Milch, Butter und auch
Erdäpfel, Rüben und den Lauch.
Paradeiser sind mit dabei
sowie Paprika und Hühnerei.

Hinzu kommen Äpfel und wohl
Rüben, Sellerie und Kohl.
Die Aktion gilt für vieles mehr,
doch Herlicek schimpft: „Bitte sehr –

die drei wichtigsten Sachen
vergaß man beim Listenmachen!
Welche Lebensmittel ich mein’?
Hopfen, Malz – und Trauben für’n Wein!“

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26069




Hungrige-Möwe-Haiku

Hungrig und durstig
pickt die Möwe durch das Eis
auf ihrer Ostsee

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26063




Herlicek – Olympische Augenringe

Herlicek schaut mit Veltliner
die Winterspiele in Cortina.
Er versäumt kein einziges Rennen,
man kann ihn nicht vom Sofa trennen.

Er liebt alle Wintersportarten –
kann’s nächste Rennen kaum erwarten.
Den ganzen Tag läuft’s TV-Gerät –
ohne Pause von früh bis spät.

Er ist schon erschöpft, die Birne weich,
sein Kreuz tut weh, er ist ganz bleich.
Unter den Augen hat er komische Dinge,
seh’n aus wie – olympische Ringe!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26062




Übers Metrum

Wenn von Poetik wer was weiß,
auf so was bin ich gar nicht heiß,
will sich mit vagem Wissen rüsten
und sich vor andr’en damit brüsten.

Erst in fremde Töpfe gucken,
hernach in deren Suppe spucken,
allen zeigen, was man kann,
das zieht mich echt nicht in den Bann.

Ob nun bei Schiller oder Goethe,
sei’s mit Triller oder Flöte,
der Jambus zeigt schon zu Beginn
als Auftakt klar, da will ich hin.

Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde,
verschneit liegt rings die ganze Welt.
Der Mond geht auf über der Erde,
ich glaube nicht, was der erzählt.

Denn eingangs stünde der Trochäus,
meint Uwe, Jens oder Thaddäus,
wenn Freude, schöner Götterfunken,
die Norm sei, das wär glatt erstunken.

Ich find das wirklich unerhört,
doch nicht nur das ist’s, was mich stört,
ich pfeif aufs Heben und das Senken,
man muss doch an den Inhalt denken!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26060




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Im Rucksack

Anfangs fanden wir ihn amüsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.

„Ich bin der Willi“, hatte er gesagt, ein zappeliger, älterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. Dünn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die Tür kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm geläutet hatte.

„Ich bin der Willi, jaja“, zwinkerte er unruhig, „und der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will – was weiß ich, warum! Aber!“, hob er den Zeigefinger, „Aber dafür besitzt der Willi viele, viele Schätze, und da drinnen“, wies der Finger Richtung Rucksack, „da sind neue Schätze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt“, verbeugte er sich leicht, „muss sich der Willi verabschieden und seine Schätze auspacken!“

Einige Tage später fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.

„Jaja!“, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.

Mit vereinten Kräften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungstür. „Sind da Steine drinnen?“, scherzte ich.

„Jaja!“, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die Tür auf, rief „Komm rein, komm rein!“, öffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tatsächlich Steine darin, verschieden große, gewöhnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stieß mit dem Fuß die Tür zu einem großen Zimmer auf.

„Komm rein!“, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unzählige andere. Sie lagen überall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei Bänken, in Regalen – massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.

„Jaja, das sind meine Schätze!“, rief er in trotzigem Tonfall, während er unermüdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. „Wenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegläuft, ihm die Pflanzen eingehen – was weiß ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!“

Und er erklärte, dass die besten Steine an der Donau lägen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur könne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrfürchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.

„Ein Spinner! Und furchtbar anstrengend“, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschwärmereien ebenfalls nur mit Mühe entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie schön, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.

„Dieser Verrückte passt absolut nicht in unser Haus“, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigentümer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Schätzen erzählte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer Tür war.

Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vorüber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die Hände klatschte, sich bückte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich später wie er in die Hände, hob einen großen Kieselstein auf, rief, „Ein Schatz, jaja, ein Schatz!“, und schenkte ihn Marie.

Vor drei Tagen läutete er spätabends bei uns, minutenlang. Als ich schließlich ärgerlich öffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:

„Der Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gekündigt, wieder einmal, was weiß ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und …“

„Dann wünsche ich dem Willi alles Gute!“, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die Tür.

Marie tat er leid, sie legte ihm am nächsten Tag den großen Kieselstein von mir vor die Tür.

Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir über den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.

Seitdem beschäftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Claudia Dvoracek-Iby
(Text und Zeichnung von 2015)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26061




Yin und Yang im Jahr 2099

Yins Tod war ein Unfall. Bedauernswert, aber leider nicht ganz zu vermeiden. Generalmajorin Yins Geheimhaltungscode war eventuell mit einer feindlichen Malware infiziert oder der ISR, der Interne-Sicherheits-Roboter, hatte ein falsches Signal erhalten. Fest steht, dass er dreimal auf Yin geschossen und sie lebensgefährlich verletzt hatte.

Die Generalmajorin war eine außerordentlich gute Ministerin für Intergalaktische Beziehungen gewesen, aber unersetzlich war in diesen Tagen natürlich niemand mehr. Die KI, die ihre Nachfolge antreten sollte, ‚stand‘ schon seit langem bereit.

Dennoch wurde Yins IT-Privatsekretär, Oberleutnant Philipp Dick, angewiesen, alle relevanten Informationen aus dem Gehirn der Generalmajorin zu extrahieren. Diese wurde so lange künstlich am Leben gehalten. Dick hatte seine Aufgabe fast erledigt, da bekam er unerwartet Besuch von Yins Adjutanten, Major Altmeier.

„Ehm, Philipp“, begann er zögernd, „kann ich dich kurz mal sprechen?“

„Ja, Moment! Lass mich gerade noch die letzten Geheimcodes aus dem Gehirn unserer Chefin runterladen. Dann können wir ihren Exitus freigeben.“

„Halt, stopp! Bevor du das tust, habe ich einen Vorschlag. Eine Bitte!“ Altmeier suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Dann setzte er noch einmal von vorn an: „Hast du mal an ihren Ehemann, den ehrenwerten Herrn Yang, gedacht? Der kommt nächste Woche von seiner einjährigen Marsexpedition zurück. Der Schock …“

„Ja, verstehe. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Ich dachte mir, dass du fix auch das private Gedächtnis runterladen könntest. Ich meine, einschließlich Empathie und das Empfinden von Zuneigung und so.“

Als Philipp schwieg, fuhr Altmeier fort: „Du könntest alles an unsere Roboterabteilung übergeben. Die würde dann Madame Yin nachbauen, sodass der Ehemann nichts merkt.“

Philipp schaute Altmeier nachdenklich an: „Und wer soll die Kosten dafür übernehmen?“

„Selbstverständlich ich“, antwortete Altmeier. „Ich habe Yin, ich meine der Generalmajorin viel zu verdanken.“

***

Gesagt, getan. Bei der Rückkehr von Flottenadmiral Yang stand der fertige Roboter am Rande der Landebahn. Nach erfolgtem Akklimatisierungsprogramm schloss Yang „seine“ Yin freudestrahlend in die Arme und fuhr mit ihr nach Hause. Dort lief aber alles aus dem Ruder. Geplant gewesen war, dass das Roboterpersonal die beiden mit maximaler Freundlichkeit bedienen und ihnen ein Candle Light Dinner herrichten sollte. Doch dann tauschten alle Roboter im Haus lediglich ein paar Daten aus. Denn ihnen war die Sache sonnenklar: Nicht nur Madame Yin, sondern auch ihr Ehemann war eine Fälschung. – Auch Flottenadmiral Yang war während seiner Marsmission verstorben und von seinen Freunden dort originalgetreu ersetzt worden.

***

Stattdessen bereiteten die Hausroboter für beide eine Trauerfeier vor. Zu dieser erschienen die wenigen verbliebenen menschlichen Freunde. Kein Satz der Ansprache, kein Wort der Gebete, die eine eigens dafür entwickelte KI zu diesem Anlass sprach, war fehl am Platz oder übertrieben. Breiten Raum nahmen die Lebensgeschichten des beruflich so erfolgreichen Ehepaars ein. Dennoch war keiner der Menschen gerührt. Sie bewegte im Fortgehen eine andere Frage. Der älteste Freund der beiden formulierte sie so: „Angenommen einer von beiden, also Yin oder Yang, wären noch menschlich gewesen: Wann hätte er oder sie die Täuschung bemerkt?“

 

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26059

 

 




Morgendliche Selbstbefragung

„Guten Morgen mein Herz, was willst du mir heute sagen?“
„Poch, poch.“
„Nicht mehr? Ist das alles, >>poch, poch<<? Verstehe ich dich richtig?“
„Poch, poch.“
„Begehrst du etwas … wonach steht dir der Sinn?“
„Poch, poch … poch, poch …“ (Und so weiter.)
„Aha. Du willst also einfach mein Alltagsleben mit mir fortsetzen: Frühstücken und so.“
Poch, poch, poch … poch, poch POCH*!

*Wofür soll ich denn sonst schlagen, als fürs Leben, du begriffsstutziges Wesen?

 

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26058




Nicht um den Block

Wenn sie dich sehen, die Behörden,
wie du da aufsteigst, sagt mein Herzblatt streng,
sie dich herunterholen werden,
und dann wird’s für dich echt eng.

Heiße Greise, die beim Geh’n schon wanken,
fahr’n mit ihrer Harley um den Block.
Bloß ein wenig, um zu tanken?
Ne, darauf hab’n die keinen Bock.

Einmal laut durch enge Gassen,
man gibt am Gashahn kräftig Saft.
Raus auf die belebten Straßen,
ein letztes Mal, mit voller Kraft.

So steht sie da, im hellen Schein,
chromblitzend, blank und feuerrot.
Metallic funkelnd muss sie sein,
und vollgetankt, eh Stillstand droht.

Vorbei an einer Herde Kühe,
die steh’n am Gatter stumm und schau’n.
Absteigen geht zwar mit Mühe,
doch die sind schwarz, gefleckt und braun.

Derweil der heiße Ofen knattert,
nimmt man eine Nase voll,
während dein rotes Halstuch flattert,
vom Geruch, von Kuh und Erde. Toll!

Dann aufgestiegen, Erste rein,
und weiter geht die wilde Fahrt.
Hügel, Wiesen, die sind dein,
für kurze Zeit, im Sonnenschein.

Der Auspuff! Klappen in den Kamin geknallt!
Raus aus dem Ort, wo dich nichts stört.
Die Dämpfer weg, auf dass es schallt!
Dann bist du wer, wenn man dich hört.

Wer nie ein solches Pferd geritten
und nie in diesem Sattel saß,
dem sag ich, es ist unumstritten,
es gibt keinen größ’ren Spaß!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26057