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Storytelling

Ein Kaffeehaus in Linz. Ein bisschen schäbig, ein bisschen heimelig. Schwarzweißfotos mit Zigarre paffenden Persönlichkeiten. Rauch ist seit dem allgemeinen Rauchverbot keiner zu erschnuppern. Und stets ein Sprachengewirr, bei dem der Turm von Babel lange Ohren bekommen könnte.
Hier finden nämlich auch Sprachencafés statt.

Ein Donnerstag im Monat: Da trudeln Leute aus Kanada, China, Mexiko, aus aller Herren und Frauen Länder (auch hiesige) ein, die alle dasselbe Ziel verfolgen: Schnurren aus dem Leben anderer zu hören und zum Besten zu geben. Erzählzeit: etwa sieben Minuten. Es gibt auch ein Thema und die Erzählsprache ist Englisch. Nicht meine Muttersprache, aber ich liebe „challenges“.

Themen sind solche wie: “Chefgehabe“, „Knapp vorbei ist auch daneben“; alles klingt in der Fremdsprache wie aus der Pistole geschossen. Zumindest für mich.

Also gut, mein erster Abend. Ich fühle mich wieder in meinen Beruf zurückgeworfen, in welchem ich ständig mit mehreren Zuhörern zu tun hatte. Dennoch, jede Person, die in den reservierten Raum mit der langen Tafel eintritt, ein Tropfen mehr Adrenalin.
Geradezu harmlos werden Getränke bestellt, man plaudert, macht Smalltalk, ach so, ja, viele Computerfachleute, ein Schauspieler, eine Psychiaterin … jugendliche Erscheinungen, manche wirken beruflich versiert, keiner, keine aber abgebrüht.

Sind die vielen roten Bäckchen der Aufregung oder der sich durch die vielen Menschen aufheizenden Atmosphäre geschuldet?

Sich auf Englisch treffen, entspannt mich irgendwie auch. Es erinnert mich an Amerika, mit unkomplizierten, manchmal ein wenig übertrieben überschwänglichen Begegnungen.

Endlich ist eine Menge zustandegekommen, die einer großen Schulklasse entspricht.

Die Moderatorin des Abends, eine kleine temperamentvolle Mexikanerin, begibt sich zur größten Leerstelle des Raumes. Dort steht einsam ein runder Tisch, an dem man sich, wenn man zu nervös ist, leider nur ein bisschen anlehnen kann.

Sie ergreift das Wort: „Willkommen, habt ihr zu essen und zu trinken? Heute iiist“, wie eine Zirkusansagerin gestaltet sie das Folgende, man hört vor jedem ihrer Sätze geradezu Trommelwirbel: „Heute iiist, Storytelling! Wie das funktioniert?“ Dann erklärt sie mit marktschreierischer Stimme das Motto und reicht einen Zettel herum, auf dem sich die Erzählenden der Reihe nach eintragen. Die Vorgabe sei frei interpretierbar und bitte, unterstützt die Redner und Rednerinnen tatkräftig! Nein, niemand müsse sich verpflichtet fühlen, witzig zu sein. Jeder/jede wie er/sie könne.

Ich bemühe mich, das Wichtigste mitzubekommen, zu sehr bin ich beschäftigt, innerlich Anlauf zu nehmen und einen Platz nicht zu weit vorne und auch nicht als Letzte der Liste zu erhaschen. Ich will es wirklich wissen, ob ich diese bunte Truppe fesseln kann.  Englisch ist im Grunde eine praktische Sprache, ich hoffe ich finde in der Kürze treffende Redewendungen … ich habe mich für dieses allererste Mal nicht vorbereitet … Kaltstart … ICH WILL ES WISSEN.

Die erste Erzählerin entfaltet ihre Geschichte über „Being bossy“. Fast alle haben oder hatten Chefs, über die sie eine Menge erzählen können. Werden das heute lauter Episoden aus der Arbeitswelt?

Ich schalte meine Aufmerksamkeit mindestens auf Quadrophonie: zuhören, nach innen Gefühlen lauschen, Beifall spenden, in meinen Geschichten kramen (bildlich und akustisch), die Reaktionen des Publikums erhaschen.
Was habe ich für schräge Erlebnisse aus meiner ein paar Jahre schon zurückliegenden Berufslaufbahn auf Lager? (Ha, da wäre dieses Arschloch, oder doch lieber der beste Chef von allen?) Natürlich werde ich keine Kraftausdrücke verwenden, sollen meine ZuhörerInnen sich das doch selber denken …

Während meine Gedanken innerlich Haken schlagen, merke ich, wie wunderbar dieses Storytelling doch ist.

Im Grunde ist es gar nicht so wichtig, brillant zu erzählen.
Es berührt bereits, wie die Persönlichkeiten der ErzählerInnen wie im Zeitraffer aufblühen, wie ihre Geschichte wieder lebendig wird, mit ihren Bewältigungsstrategien, die sie zur Verfügung hatten … ja, Gottseidank haben sie …

Manche Story ist zart gefärbt, manche ruckelt ein wenig, egal!  Bei jeder entsteht ein innerer Film. Ich schaue die Gesichter an, wie sie mimisch ihre eigene Vergangenheit nochmals durchleben, wie ihre Münder (manchmal sogar ganze Körper) nach Worten ringen, um Gefühle zu vermitteln, um sich verständlich zu machen: „Ja das war ich und das bin ich!“

Wenn diese Leute aus aller Welt von anderen Personen anonym erzählen, wird klar, was sie berührt hat, in welcher Beziehung sie zu ihnen und ihren Erlebnissen stehen. Gleich, woher sie stammen.
Letztendlich teilen sie immer sich selbst mit.

Der schüchtern wirkende, sehr junge Mann, körperlich ein Athlet, fragt seine ZuhörerInnen sanft, ob sie denn das und das schon gehört hätten, ob sie das schon von seiner Kultur wüssten? Er kommt aus China. Eine Erzählerin hat sich ihre Geschichte in ihr Handy getippt, liest sie, so lebendig, wie sie kann, vor und dirigiert sich mit einer Hand selber.
Die Psychiaterin gibt mit liebenswertem griechischen Akzent zu, wie nervös sie ist, und kommt dann in Fahrt, zu erzählen, wie sie ihre unwillige Chefin manipuliert hat. Auf nette Art natürlich und sinnvoll.
Nach ihrem Auftritt strahlt sie, vom Applaus liebkost, wie ein Honigkuchenpferd.

Irgendwie stelle ich mir vor, dass alle Episoden im schummrig beleuchteten Raum wie Wölken herumdriften. Wenn man will, kann man sich im Nachhinein noch einen Eindruck einfangen.

Kaum jemand überschreitet sieben Minuten Redezeit. Und wenn, dann wäre ich sauer gewesen, wenn sie es nicht getan hätten. Obwohl ich oder gerade weil ich immer wieder aus meinen Erinnerungen Fetzen zu erhaschen suche.

Oh, ich bin dran!

Schluck. Ein bisschen verliert mein Körper seine Festigkeit. Die Moderatorin sagt mich an, als wäre ich der bewährte Star der Manege. Das tut sie bei allen. Alle sind Gewinner, bevor sie den Mund aufgemacht haben. Alle werden immer noch von Zuwendung aufgefangen, wenn sie bereits wieder auf ihren Plätzen sitzen. Ich brauche mich nicht zu fürchten, beurteilt zu werden. Es geht nicht um Urteile oder Bewertung.

Soll ich wieder eine echte Chef-Geschichte erzählen? Ich habe bereits drei auf Lager, damit ich mich nicht nackt fühle. Welche kann hier am besten gedeihen? Ich muss mich entscheiden!

Alle sehen mich schon gespannt an. Eine Sekunde länger, und sie werden sich einander zuwenden.

Ich verwerfe, was ich vorbereitet habe. Die Redewendungen und Vokabel, die ich noch schnell online im Handy nachgeschlagen habe, kann ich nicht mehr verwenden. Ich bin entblößt, ohne Krücken, ohne Netz und doppelten Boden. Bleibt nur noch, mich zeigen, so wie ich bin.
„Oh Gosh, I am nervous“, hauche ich.

Da! Die Blicke beginnen von mir wegzuwandern. Ich schnappe nach Luft, suche einen Anker. Und fange an: MONGOLEI. Unendliche Weite. Hochsteppe. Stille. Nur das Säuseln des Windes, nur der Schrei des Milans. Alle hören zu. In diesem schummrigen Licht wirken sie alle milde gestimmt. Innerer Seufzer der Erleichterung, vorsichtig, ganz vorsichtig Jubel, zumindest mitten im Kopf.

Gut, dass ich mich geweigert habe, befahrene Wege zu benützen! Ich sehne mich, von der ersten Welle ihres Wohlwollens getragen, danach, meine ZuhörerInnen mit einem neuen Erlebnis zu beschenken, vielleicht ein bisschen jene Gefühle zu wecken, die ich hatte. Die erhebenden, die ängstlichen, die unsicheren. Hier bin ich und teile mit. Teile.

Die Erzählung ist nicht so wichtig. Sie dreht sich darum, wie man zur Chefin seines Reitpferdes wird. Vielleicht klingt das für Menschen, die nicht pferdeaffin sind, langweilig. Versierte Reiter wissen, was zu tun ist. Ja, eh.
Doch, warum soll man eine mongolische Stute nicht mit einem Bürohengst vergleichen können?
Eben.

Nachbemerkung:
Ich denke, ich bin damals in jedem Sinne des Wortes angekommen. Danke für eure Aufmerksamkeit. DANKE.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26257




Reisenotizen Südwestengland

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Saftig-urwüchsig und lieblich-schroff tauchen als Eindrücke aus den Untiefen meiner Erinnerung auf, wenn ich der nebeneinander liegenden Landschaften von Wales und Cornwall gedenke. Wales bietet zudem einen ziemlichen Kontrast zu „very british“: quasi Löwenzahn versus Zuchtrose. Im äußersten Westen, wo sich einst Kelten mit Wikingern herumschlugen, sind Zufallsbegegnungen kommunikativ, unverblümt und geradeheraus.

Cornwall hingegen kann scheinbar nicht ganz auf spitze Fingerchen verzichten, wenn hier Pflanzen- und Seelengärtnerei betrieben werden.

Wie praktisch auch, dass Mondänes und Archaisches hier nicht weit auseinanderliegen: Bath (wo Beau Brummel im von den alten Römern geschaffenen Wellnesszentrum französische Galanterie mit britischem Understatement vereinte) und Stonehenge, wo es den bedeutungsgeschwängerten neolithischen Steinsetzungen für immer versagt bleibt, einfach unter die Erde zu versinken, was ich ihnen manchmal als Auszeit gönnen würde.

Fazit: Es erleichtert mich ungemein, niemals als historischer Gegenstand zur Markierung von Zeitenwenden herhalten zu müssen.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Ein ziemlich anthropomorpher „Sarsen Stone“ aus Stonehenge …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26231




Reisenotizen London

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London fängt für die meisten damit an, von rechts auf links umdenken zu müssen, was für jene nicht leicht ist, die sich nicht im Klaren sind, ob sie rechts- oder linkslateral angelegt wurden, was übrigens nach neuesten Forschungsergebnissen im Embryonalstadium vom eigenen Rückgrat entschieden wird.

Der Verleihung der Bürgerrechte der „Inner City of London“ beigewohnt sowie ein altehrwürdiges Theatergespenst erspäht zu haben, bei dem ich bis heute nicht sicher bin, ob das denn nicht ein gebuchter, dem Hungertuch entkommener, in grauen Samt gehüllter Schauspieler war, und, von der Pracht der Hutkreationen im Harrods gerührt, den Fünfuhrtee zu schlürfen: Qualifiziert mich das schon zur Insiderin?

Immerhin geben die hier gewonnenen Eindrücke mir die Gewissheit, es sei möglich, lebenstechnisch äußerlich formvollendet, innerlich aber stets ein wenig messy (also schlampig) scheitern als auch reüssieren zu dürfen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26230




Reisenotizen England

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Es sollte von den schulischen Gehversuchen im Englischen fast bis zum Abgang Margaret Thatchers dauern, bis ich die Hauptstadt betrat, die dank Flugverspätung nach Mitternacht mir jeglichen öffentlichen Weitertransport verweigerte. Die letzten IRA-Terroristen hielten sich damals noch die Option offen, ihre Bomben in den dortigen städtischen Mistkübeln zu entsorgen: bei der allerersten Reise im Alleingang kein besonders anheimelndes Gefühl.

Kulinarisch machte ich die Erfahrung, dass man praktisch alle Geschmacksrichtungen miteinander kombinieren kann, man muss sich nur daran gewöhnen, wenn man denn will.

Es hat hier was für sich, positive wie weniger positive Interaktionen (etwa Ablehnung) höflich abgewickelt zu wissen. Auch empfand ich es als angenehm, dass schräge Bekleidung als Stil akzeptiert wird. Wenn man sich schon laut Verhaltensempfehlung auf unverfänglichen Smalltalk beschränken sollte, kann man ja immer noch die Garderobenwahl für sich sprechen lassen.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Dirndl von Vivienne Westwood

Antonia H.
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26195




Reisenotizen Nürnberg

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Kaiserlicher geht es nicht mehr. Alleine für ihren Anblick sei der Stadt der erste Preis für altehrwürdige Schönheit zuerkannt.

Wer sich wie ich in einem einstündigen Referat über die staufische Doppelkapelle eine der ersten Meriten der Kunstgeschichte erworben hat, darf das.

Allerdings ist mir seither klar, dass ich Mittelalter- und Ritternostalgie gegenüber stets skeptisch bleiben würde. Ich ziehe Gemütlichkeit schlechten hygienischen Verhältnissen wie kalten Burgmauern, Obst und Gemüse den Schlachtplatten und Gleichberechtigung der Frauen dem Minnefirlefanz vor. Man könnte mich allerdings mit den hiesigen Lebkuchen bestechen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26194




Reisenotizen Heidelberg

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Heidelberg hätte ich gerne unbefangen kennengelernt, doch das war mir verwehrt, weil ich meinen krebskranken Partner zu einer der weltweit besten Spezialkliniken für Pankreaskarzinome begleitete. Vielleicht schützte mich das vor den üblichen Heidelberg-Sentimentalitäten.

Was sich im Neckar spiegelte, wirkte auf mich wohltuend, und dass in dieser altehrwürdigen Universitätsstadt eine eigene literarische romantische Richtung erschaffen wurde, spricht für sich.

Königin Silvia von Schweden, eine gebürtige Heidelbergerin, scheint in ihrer Rolle wohl die besten hiesigen Eigenschaften zu verkörpern, die ich auch in der Klinik erfuhr:  Ordentlichkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit.

Ich fand sogar, dass die dortigen Radwege ähnliche Qualitäten widerspiegelten. Kein einziger von ihnen geriet in Konflikt mit Gehwegen und Autorouten …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26193




Reisenotizen Hamburg

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Tor zum Norden: eine Art Venedig, durch das nachts heimlich Putztrupps mit Kübeln schleichen, damit es am nächsten Tag zwar nicht zu Blankenese, aber doch eben blitzblank gerät.

Ich kam nie in die Nähe des Kiezes und die Elbphilharmonie gab es noch nicht; die Speicherstadt allerdings ragt so beeindruckend auf, dass sie unerreichte Sehenswürdigkeiten wettmacht. Vehement wetteifern hier Wasser, Erde, Luft und – in Backsteine eingebrannt – Feuer miteinander.

Ein Ort, der Macht und Reichtum durch Seehandel errungen hat, verlangt mir immer Respekt ab. Dass es Menschen aufs Meer zieht und stets gezogen hat, kann ich gut nachempfinden: eine feuchte Brise Salzgeruch, Brandungsrauschen, Nebelhörner, Möwengeschrei in einer großen Stadt mit einem Hafen wie ein Bollwerk gegen die Urkräfte der Elemente; dazu Aussicht auf Wohlstand würden sogar aus mir, Binnenländerin und Landratte, zumindest eine Schiffsratte machen. Wunderbar, dass ausgerechnet norddeutscher Dialekt Hansepathos konterkariert, werden doch S und T, obwohl an Wortanfängen zu neuem Laut vereint, getrennt ausgesprochen.

Der Gedanke an im Sand spielende Kinder lässt sich nach solch einer akustischen Wahrnehmung nur schwer aus dem Kopf schlagen. Aber, aus Kindern, die im Sand spielen, kann alles werden. Seefahrer, Modezaren, Münchhausendarsteller oder Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff …

Copyright: Antonia H.

echte Hamburger Möwen

 

Antonia H.
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26192




Sommer

Wunderlich wird mir, wenn Schwalben ziepend jagen.
Mich überkommt dann die Sehnsucht aus Kindheitstagen,
im Blau des Himmels zu verschwinden
und nur mehr dort mich wiederfinden:
wo der Sommer niemals endet.

Zwar spiele ich, seit alt geworden, mit der Hitze Verstecken.
Noch nie entging ich, trotz Erfahrung, dem Entdecken
das ich mit salzig feuchter Haut bezahlt,
auch im dunklen Haus, im kühlen Wald.

Der Glut entgegne ich mit kalten Güssen,
Vergeblich. Gleich werd’ ich wieder schwitzen müssen.
Meinen größten Fächer schnapp ich dann,
treib träge Luft gegen Gedankenschmelze an
und schelte den Sonnenschirm, der zu Unzeiten resignierte.

Der Freiheit und der Muße zugewendet,
bitte einen Sommer, der nie endet!
Kühles Nass, wohl temperierte Reisen
voller Erlebnisse, die auf Neues weisen.
Alles nehm ich, was Leib wie Herzens Mitte weiter wärmt.

Im Herbst sind wir beide müde, brauchen unsre Ruh,
das Jahr und ich, denn: Frische Memoiren
sind ein wenig steif wie neue Schuh’,
bis sie eingegangen sind auf Alltags-Trottoiren.
Die Schwalben sind … stumm. Längst nach Afrika verzogen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26188




Reisenotizen Berlin-Brandenburg

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Berlin: Dicke Mauern, die trennen und wieder eingerissen werden, Aufstieg und Fall, alles vor bedeutsamer Kulisse, wo immer irgendetwas bröckelt.

Checkpoint Charlie steht kompakt für den vergeblichen Wunsch fremder Mächte, ein Land zu kontrollieren, indem man die Bewegungen der Menschen überwacht.

Ausgerechnet den Besuch in den Babelsberger Filmstudios bei Potsdam empfand ich als besseres Resümee meiner Eindrücke als irgendeine Sehenswürdigkeit der Hauptstadt. (Der ruckelnde, triefende 1:1-Modellnachbau des Bootes neben dem Original-Set vom Kleinen Muck: preußische Marineverherrlichung neben preußischem Orientalismus.)

Inspiriert von der Filmgeschichte wagte ich eine kühne Assoziationscollage, um meine Berlin-Eindrücke einigermaßen unter einen Hut zu bekommen: Marlene Dietrich posiert mit Barbiepuppen in Kreuzberg, der große Fritz spielt statt Querflöte Saxophon in Sanssouci, Reinhard Mey beschallt den Reichstag. (Vielleicht täte der Stadt mehr Leichtigkeit gut?)

Für mich jedenfalls wurde das berühmte wie leidgeprüfte Regierungsgebäude zum augenfälligsten Symbol dafür, dass man im Glashaus nicht mit Steinen schmeißen und schon gar nicht Porzellan zerschlagen sollte.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Berlin Reichstag

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26182