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Schlechtwetter

Kleidung ohne Rücksicht auf draußen gewählt. Drinnen: schummrig fahl.

Ich bleibe hier, weil:
Diesem Wetter fehlt Brillanz. Kein Grund, ins Freie zu gehen.
Kein Licht. Kein Saft. Wenigstens entlädt sich bislang auch kein Himmelszorn.
Der schläft wohl noch und lässt nicht einmal einen Wind fahren.
Auch wenn es da oben jämmerlich graut, ist dem Wolkenzelt wenigstens noch nicht zum Heulen zumute.
Aber die Spatzen, die kleinen Drecksspatzen ziehen jetzt schon eine Schnute über das Sauwetter!

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.
(Foto und Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26130




Denke? Danke!

Heute sind die Worte viel zu schnell am Wege,
drängen durch den Korridor für Durchzugs-Gedanken.
Nicht, dass ich sie erkenne, geschweige denn, dass ich sie ad acta lege.

Sollen sie sich doch ohne mich um ihre Bleibe zanken!
Was mir noch so einfällt und dann sickert, ist gewiss kein Schlamm.
Wort und Bild sich mischen: phantastisch, rege, ja gar schwefelheiß.
Kann Vanille trösten, darf man verdammen einen Damm?
Wo liegt der Schmelzpunkt von Momenten, wann werden sie zu Eis?
Grade mal einen Trost ich kenne: Wenn ich ermüde, werden Kopfgeburten
nur noch träge dümpeln; wie ich hoffe, ungebraucht
von Ereignissen, die erzwingen wollen, gedanklich zu spurten,
bis dass der Schädel erneut faucht und raucht …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26129




Tsunami in Aspen

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Der Champagnerschnee Colorados stob unter den Skispitzen weg und die Schneekristalle prickelten auf Wangen und Stirne. Das Rattern der Helikopterrotoren verhallte, während das Flugvehikel in der gleißenden Sonne sich aufzulösen schien. Tiefblauer, wolkenloser Himmel breitete sich über der jungfräulich weißen Piste aus.
Im Dreivierteltakt zog die Gruppe der Skifahrer lange Schwünge durch den Pulverschnee, begleitet vom Knirschen der Skier, das einzige Geräusch, das diesen Winterzauber begleitete.
Sanfte Hügel ließen die Körper im Rhythmus der Bodenwellen sich zusammenziehen und ausdehnen. Der Geruch von Trillionen Schneekristallen kitzelte in den Nasenlöchern.

In der Ferne donnerten kleine Lawinen zu Tal, jedoch keine, die hier den geschwungenen Spuren der Bretter gefolgt wäre.
Doch plötzlich stahl sich unvermutet ein zunächst fernes Geräusch in die moderate Stille der Winterszene. Ein fernes verhaltenes Knurren. In den Geruch des Schnees mischte sich etwas Fremdes. Einer der Skifahrer wandte den Kopf zu seinen Sportgefährten, von denen niemand etwas zu bemerken schien. Unbeirrt zogen diese ihre Schwünge ins Tal.
Das Knurren wurde zum leisen Grollen.
In der Luft verbreitete sich ein leiser Duft von salziger Feuchtigkeit.
Der Skifahrer, der als Letzter der Gruppe seine Bahn zum Fuß des Berges zog, schwang ab, um zu lauschen. Die Skibrille sandte Blitze von den Sonnenreflexen in die Landschaft, als der Sportler den Kopf wandte, um die Quelle des Geräusches zu suchen.

Die Piste begann sich zu verfärben, changierte ins Bläuliche, dann ins Grüne, unter den Füßen bewegten sich Wellen von grünlichen Farbkaskaden mit weißen Säumen, die sich verbreiterten, zerrissen und wieder mit leisem Zischen formierten.
Längst war die Gruppe der Skifahrer mit ihren bunten Anoraks aus dem Blickfeld verschwunden.
Der Untergrund begann zu beben und zu schaukeln. Zu schaukeln? Die sanften langgezogenen Stöße, die die kleinen Schneebuckel an Skier und Fahrer abgegeben hatten, waren großen Wellenbewegungen gewichen.
Unter den Beinen des Wintersportlers schien der Schnee zu entgleiten.

Der Himmel war immer noch tiefblau, doch der Farbton wechselte nun unmerklich von sattem Samtblau in einen Farbton, der kühler, um nicht zu sagen distanzierter wirkte.
Der Blick ins Tal verirrte sich angesichts der seltsamen Farbkaskaden.
Was im hellen Sonnenlicht noch Konturen besessen, und von Licht und bläulichen Schatten definierte Landschaftsformationen gezeigt hatte, verschwand.
Der Untergrund, auf dem der Skifahrer in seinem schicken cremefarbenen Overall stand, schien sich nun zu verfestigen, während wenige Meter unterhalb scheinbar alles in Bewegung geriet. Die seltsamen Wellen wanderten bergab.
Die Luft schmeckte nun eindeutig salzig wie in einem Badeort am Meer.

Den Mann, auch wenn es angesichts der seltsamen Vorgänge müßig erscheint, ihn näher zu beschreiben, Mitte dreißig, sonnengebräuntes Gesicht, gutverdienend, wohnhaft in einer jener Megacities, die sich im 21. Jahrhundert wie im Regen aufschießende Pilzkolonien gebildet hatten, beschlich ein ungutes Gefühl. Es schien ihm nicht ratsam, sich weiter fortzubewegen.
Doch wusste er sich angesichts der Ereignisse, die begannen, sich zu überstürzen, keinen anderen Rat, als abzuwarten. Es war sinnlos, ein Mobiltelefon zu zücken. Nicht, weil es in dieser Höhe keinen Empfang gegeben hätte. Dieses Problem war technisch längst bewältigt.
Es hätte einfach nichts verändert, nichts gebracht. Er stand wie angewurzelt da, während sich unter seinen Skiern der Boden verfärbte und körnig wurde. Körnig … wie Sand.
Dort wo die Talsohle gewesen war, schien sich nun der Boden verflüssigt zu haben. Kleine blaugrüne Wellenkämme, zunächst noch transparent, dann immer kompakter, schienen ihm entgegenzulaufen.
Obwohl er nichts in seinen Beinen oder seinem Rumpf verspürte, hatte er den Eindruck, langsam zu sinken. Es war, als schwebte er mit dem Untergrund in Tiefen, deren Begrenzungen er nicht ausmachen konnte.
Gebannt vom Geschehen blieb ihm nichts anderes übrig, als zu beobachten.
Er konnte nicht fassen, was ihm widerfuhr, und kein Instinkt riet ihm, was zu tun wäre.

Doch dann erhob sich in der Ferne eine riesige Welle. Als ob das Element Wasser von langem Schlaf erwacht sei, stieg es aus seinem Bett auf und reckte sich gegen den Himmel.
Was sich aus der Vogelperspektive geboten hätte, die kleine einsame Gestalt eines Mannes im Skianzug auf einer Sandbank … nein, das lässt sich nicht beschreiben, denn niemand sonst sah, roch, fühlte und hörte das Szenario, das leise Zischen des Wassers, das ferne Grollen anderer brechender Wellen, das immer lauter wurde, das sprudelnde Geräusch, wenn Wellen starben, niemand kann das beschreiben, niemand anderer sah dies als der namenlose Mann.
Die Riesenwelle wuchs und wuchs und machte sich auf den Weg, in Richtung des starr stehenden Menschen in der nun völlig inadäquaten Aufmachung für Wintersport.

Was passierte bloß? Wie geschah ihm?
Was ist denn, Himmel … dachte der Mann, hob seinen Unterarm, immer noch die Skibrille vor den Augen.
Er schaute auf seine Uhr, eine geradezu lächerliche Handlung, angesichts der Ereignisse!
Dann begann er, an der Uhr zu fingern, während ihm heiß wurde. War’s die Luft, die sich erwärmte, die kälteisolierende Bekleidung oder die aufsteigende Angst? An der reich ausgestatteten Uhr, mit Knöpfen und allerlei Schnickschnack, fand er mit seinen Handschuhen, die er vergessen hatte auszuziehen, kaum einen Knopf. Währenddessen kam die Welle bedrohlich nahe. Kein Zweifel, sie würde ihn verschlingen. Der Geruch von Salzwasser intensivierte sich. Trotz des Skianzuges spürte er die herannahende Feuchtigkeit auf seiner Haut, am ganzen Körper, nicht nur im Gesicht.
Er fingerte und fingerte an seiner Uhr, umgeben vom Tosen der Naturgewalt. Keine Gedanken, nur der Wille, etwas zu tun, um zu entkommen. Zu tun, ohne zu wissen, wie entkommen, während eine massive Wasserwand ihn bedrohte.

—————————————-

Ein sportlicher Mann, Mitte dreißig, mit braungebranntem Gesicht, leger gekleidet, betrat mit federndem Schritt ein Geschäft.
Es war ein seltsames Geschäft, clean, durchgestylt. Ohne Schnörkel, mit vielen Nebenräumen, die sich um den zentralen Verkaufsraum regelmäßig verteilten.
In Wahrheit waren es keine Geschäftsräume im klassischen Sinn. Man verkaufte hier nicht, man präsentierte, schulte ein, gab Proben. Klassische Geschäfte gab es nicht mehr. Dafür schicke Angestellte, die mit den Kunden in den Nebenräumen verschwanden, Nebenräume, die verschwenderisch bequem ausgestattet waren, mit ausladenden Sitzmöbeln, im Vergleich zum Verkaufsraum fast schon opulent.
Einer der Nebenräume hatte die Aufschrift: Implement. Ein anderer: Service.
Eine recht hübsche Angestellte empfing ihn. Die Firmenleitung hatte die Angestellten geschult, dass sich jeweils eine weibliche Person um einen männlichen Kunden und ein attraktiver Mann um weibliche Kundschaft zu kümmern hatte, wenn diese mit abgespannter Miene den Laden betraten. Denn dann galt es, Reklamationen abzufedern.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Gute Frage, nach dem, was ich erlebt habe. Oder sagen wir, überlebt habe.“
„Ach, wollen wir uns nicht in unseren speziellen Beratungs- und Serviceraum zurückziehen? Sie klingen, als ob Sie mir Wichtiges zu sagen hätten?“
Die hübsche Brünette deutete in Richtung des Raumes und beide begaben sich, er eher zögernd, sie subtil bestimmend, in den in sanftem Grün gehaltenen Beratungsbereich. Der zeichnete sich durch angenehmes Ambiente, bereitgestellte Getränke und Snacks aus.
Der Mann ließ sich in den Ohrensessel fallen, während die Frau sich auf einen nicht minder bequemen, aber einfacheren Stuhl an seine Seite setzte.
Dann lehnte er sich vor, durchaus bereit, jederzeit aufzuspringen.
Er fingerte an seinem Handgelenk. Dort befand sich eine schwarze, eher größere Uhr mit allerlei befingerbarem Beiwerk ausgestattet. Er öffnete den Verschluss, hielt sie ihr hin.

„Das Ding ist Müll. Das hat mich fast um den Verstand gebracht.“
„Was ist passiert?“, fragte sie mit geschulter, sanfter Stimme.
„Dieses verdammte Ding hat einen Programmkonflikt gehabt. Ich wäre fast in einem Tsunami umgekommen.“
„Unsere Naturkatastrophen sind ereignisstabil programmiert.“
„Ich hab kein Naturereignis eingestellt, sondern Heliskiing in Aspen.“
„Sind Sie sicher, dass dieses Steuerungsgerät verantwortlich ist und nicht der Mentalchip, der Ihnen von unserem Vertragspartner implantiert wurde?“
„Wieso soll ich das wissen? Das müssen Sie wissen“, sagte der Mann ungehalten und deutete mit beiden Händen energisch auf die Frau.
„Sie haben Recht. Abgesehen davon kann der sensorische Chip keine Probleme bereiten, er übermittelt ja nur neuronale Sinnesreize, die das Programm bereitstellt.“
„Hören Sie, Ihre Erklärungsversuche sind mir einerlei. Ich war in einer besch… gefährlichen Situation.“
„Ihnen kann nichts passieren. Sie haben es mit virtuellen Realitäten zu tun. Ziemlich realistisch, aber künstlich.“
„Mein Körper hat darauf ganz und gar nicht künstlich reagiert!“
„Bitte missverstehen Sie mich nicht, aber für Ihre körperlichen Reaktionen auf unsere Programme können wir keine Haftung übernehmen.“
„Ach, haben Sie das irgendwo in den Unterlagen angegeben? Haben Sie überhaupt Informationen zu Risiken bereitgestellt?“
„Welche Risiken? Nichts, was Sie erleben, passiert wirklich. Sie sind völlig sicher.“ Die junge, recht attraktiv gekleidete Frau reckte ihren Oberkörper und nahm ihre Schultern zurück, während sie ihren Kopf ein wenig senkte und leicht zur Seite neigte. Zudem kippte sie mit weiblichem Kalkül ihre Knie etwas nach links.

Er lehnte sich etwas zurück und rieb sein Kinn. „Nach dem, was mir passiert ist, nehme ich Ihnen das nicht ab. Bevor wir auf Detailfragen herumreiten, was können Sie mir als Kompensation anbieten?“
„Nun, wir haben ein neues Modell für die Programmsteuerung. Wir haben unsere Programmpalette diversifiziert. Wir bieten verschiedene Erlebnisszenarios nach ihrem Emotionsspektrum gesondert an. Ein Programmkonflikt sollte ausgeschlossen sein. Das Steuerungsgerät ist günstiger, Sie können außerdem verschiedene Erlebnisqualitäten austauschen, indem Sie einfach Module austauschen, die Sie bei uns erwerben können.“
„Kein Interesse. Mir reicht’s. Ich habe ohnedies einen Einkommensverlust, ich war eine Woche nicht arbeitsfähig. Adrenalinschock. Ich gebe Ihnen die Steuerung zurück und Sie ersetzen mir den halben Kaufpreis. Immerhin hatte ich das Ding vier Monate.“
„Das wäre schon möglich. Allerdings müssen Sie auch das sensorische Implantat bei uns entfernen lassen. Patentschutz.“
Der Mann erhob sich ruckartig vom Sessel. Ihm platzte offensichtlich der Kragen und wahrscheinlich hatte er ein Flashback, durchlebte also Teile des vergangenen Katastrophenszenarios. Jedenfalls rötete sich sein Gesicht: „Sie und Ihre virtuelle Realität. In meinem Hirn kramen Sie nicht mehr virtuell und auch nicht reell herum! Sie hören von meinem Anwalt!“

Der Mann verließ fluchtartig Beratungsraum und Geschäft. Auf dessen farblich changierender Fassade prangte die Aufschrift: Virtutrip. Wirklicher als die Wirklichkeit

Kurz darauf konsultierte der Mann, ein virtuell verunglückter Reisender, seinen Anwalt. Einen, der darauf spezialisiert war, Klienten auch bei Unfällen virtueller Art zu vertreten. 68% aller Reisen rund um den Globus wurden nun nicht mehr über Reisebüros, sondern über sogenannte Virtual-Reality-Companies gebucht. Die meisten Touristenattraktionen waren ökologisch ausgelaugt, leblose verschrumpelte Hüllen einstiger Reiseziele und nicht mehr in der Lage, im Entferntesten noch jene Klischees zu erfüllen, wie man sie in Reisemagazinen fand. Wer sich hinbegab, riskierte seine Gesundheit und psychische Stabilität.

Als der virtuelle Abenteurer, Namen sollen diskreterweise nicht genannt sein, seinen Anwalt in Kenntnis setzte, musste er natürlich genau darlegen, wie er der Katastrophe entkommen war.
Das hätte er lieber vermieden, es war ihm äußerst peinlich, aber dieses Detail durfte er seinem Rechtsbeistand nicht vorenthalten. Er hatte sich nämlich, als sich die Riesenwelle letztendlich unmittelbar vor ihm auftürmte, in die Hose gemacht. Sein vegetatives System hatte die virtuelle Realität auf der Stoffwechselebene umgangen.
Geruch und Wärme seiner Angstdiarrhö hatten einen Wahrnehmungskonflikt verursacht, der ausreichte, aus der künstlichen Wirklichkeit auszusteigen und sich für wenige Sekunden in seinem Wohnzimmer wiederzufinden, von dessen Couch aus er anfänglich die Hänge von Aspen hinuntergewedelt war, um albtraumhaft in ein hawaiianisches Tsunamiszenario hineinzukippen.
Er schleuderte instinktiv seine Steuerung weit genug von sich, dass sie, die mittels elektrischem Hautwiderstand arbeitete, ihr Programm nicht mehr an den implantierten Chip weiterleiten konnte. Seine Sinne leiteten nunmehr ungekünstelte Realität weiter, die weder angenehm roch noch sich erhebend anfühlte.
An diesem Punkt der Sachverhaltsaufnahme zuckte der Anwalt übrigens mit keiner Miene. Als Spezialist für virtuelle Desaster war er einiges gewohnt, besonders von männlichen Klienten …

Recht bald nach dem Erstgespräch machte sich der Advokat an die Arbeit.
Er konsultierte als Erstes einen technischen Sachverständigen, einen Ex-Computernerd.
Der Sachverständige für virtuelle Wirklichkeit forderte ein intaktes Set an, um dessen Funktionen zu testen. Dazu benötigte er übrigens kein Implantat, sondern er verwendete einfach eine jener verkabelten Hauben, mit denen man Hirnströme messen konnte und die er entsprechend präpariert hatte. Dann hörte man wochenlang nichts mehr von ihm.
Nach fast zwei Monaten versuchte der Anwalt, seinen Spezialisten zu erreichen.
Er wusste immerhin, dass selbst bei guter Auftragslage Tests nicht so lange dauerten, zumal Adrenalin die Zeitwahrnehmung ausdehnte, während die virtuellen Trips erstaunlich kurz waren.
Doch zwei Monate waren ungewöhnlich lange. Immerhin war es unmöglich, dass Virtureisende in das künstliche Szenario hineingesogen werden konnten, da ja die Abenteuer im Kopf abliefen und die perfekte Illusion für alle Sinne aufbereitet wurde, ohne dass jemand wirklich seine Fantasie bemühen musste. Es war kaum verwunderlich, dass der Anwalt so viele im Grunde langweilige Klienten ohne besondere Vorstellungskraft hatte …

Als der Spezialist für virtuelle Rechtsfragen seinen Sachkundigen endlich kontaktieren konnte, wurde er mit einer Überraschung konfrontiert. Der Ex-Nerd weigerte sich nämlich, mit seinem Auftraggeber zusammenzuarbeiten.
„Was heißt das, Sie wollen nicht mit mir kooperieren?“, fragte der Anwalt monoton am Telefon.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kooperiere mit Ihnen, aber nicht in diesem Fall. Ich kann Ihnen keine Expertise ausstellen.“
„Ich erinnere Sie daran, Sie sind vertraglich gebunden.“
„Ich bin vertraglich verpflichtet, Ihnen alles zuzutragen, was Ihrer Arbeit dienlich ist. Hier wäre es kontraproduktiv.“
„Inwiefern?“
„Nun, Ihr Klient hätte keine Chance auf Kompensation.“
„Das ist wohl meine Aufgabe, das zu beurteilen.“
„Nein, er wird nichts bekommen. Es gibt ein Faktum, das sich bei meinen Recherchen ergeben hat.“
„Und das wäre?“
„Nun, ich habe den Tsunami geritten.“

Der Anwalt konnte nicht sehen, wie der Computernerd, ein Mann mit Halbglatze und gewelltem rötlichen Haarkranz in braunem Cordanzug fröhlich auf seinen Zehen wippte.
„Was meinen Sie?“, fragte der Anwalt mit Nachdruck, während er sich vorbeugte, als könnte er der Person seines Sachverständigen habhaft werden.
„Ihr Klient hätte, statt sich in die Hose zu machen, den Tsunami reiten können …“
„Und?“, fragte der Anwalt, während er eine erfolgreiche Vertretung seines Klienten ihm gerade entgleiten sah.
„… Jeder nimmt wahr, was er will. Wer fantasielos ist, hat Pech gehabt.“
Dem Advokaten stieg Hitze ins Gesicht. Ihm schwante, dass sein Beruf, der so sehr auf Fakten aufbaute, angesichts der Hybris der Illusionen und Sinnestäuschungen auf verlorenem Posten stand.

(vor einigen Jahren veröffentlicht in der Literaturzeitschrift WHYNICHT?)

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26118




Wenn es im Kopf rumpelt

Draußen rumpeln gummiharte Räder über einen Gehsteig. Das Echo pocht an die Wirbelfortsätze meines Rückgrats. Meine Ohren langweilen sich, weil sie schon zu oft dieses Geräusch gehört haben: Ein Skater fährt über die karierte Topographie des Pflasters heim.

Ach übrigens:
Kann man einen hilfreichen Satz wie ein Pflaster über zerrissene Gedanken kleben?

Copyright: Antonia H.

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Antonia H. (Foto und Text)

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Pi-Gedicht

Copyright: Antonia Traugott-Hajdu

Copyright: Antonia Traugott-Hajdu

Antonia H.

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Morgendliche Selbstbefragung

„Guten Morgen mein Herz, was willst du mir heute sagen?“
„Poch, poch.“
„Nicht mehr? Ist das alles, >>poch, poch<<? Verstehe ich dich richtig?“
„Poch, poch.“
„Begehrst du etwas … wonach steht dir der Sinn?“
„Poch, poch … poch, poch …“ (Und so weiter.)
„Aha. Du willst also einfach mein Alltagsleben mit mir fortsetzen: Frühstücken und so.“
Poch, poch, poch … poch, poch POCH*!

*Wofür soll ich denn sonst schlagen, als fürs Leben, du begriffsstutziges Wesen?

 

Antonia H.

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Jahreswechsel

Höhen, Tiefen, die gewesen, misst der letzte Blick.
Alter Kummer bleib beim Alten, lass das neue Jahr in Ruh!
Krach erschallt, Musik ertönt, schau nicht mehr zurück.
Lachen wir uns an, nicht aus, prosten wir uns zu!
Umringt von Lieben ist am besten: Jetzt genießen!

Worte, Taten, gute Saaten muss man zeitig säen,
sollen sie gedeihen und zur Erntereife sprießen.
Wünsche hat man schon gesehen,
welche übermütig über Horizonte wehen
Vogelschwärmen gleich, lassen sie sich säuselnd nieder.
Picken kleine, feine Keime, sprenkeln spröde Böden fruchtbar.

Was verschwindet, was bleibt – was kehrt wieder?
Sorge? Immer kommt und vergeht: Was ist, was wird und war.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25134




Rallye mit Marcello

Ein Oldtimertraum mit Emanzipationsbestrebungen

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Marcello hat zugesagt! Ja, der alterslose Schauspieler mit triefendem Blick, der dem hungrigsten Dackel Konkurrenz macht, begleitet mich mit seiner Tochter Chiara auf der wohl ungewöhnlichsten Rallye Frankreichs, der Bonnecar, von Saint Malo bis Cassis.

Wir befinden uns in einem fantastischen Oldtimer, einem eleganten Raubtier, das, von mir gezähmt, ohne Hektik über den Asphalt gleitet. Ein Mercedes 540 K? Ein Peugot 300?  Im Leben kenne ich mich mit Autos nicht aus, Hauptsache, sie sind hübsch und machen was her. Der Motor rattert, als habe ihn ein Tontechniker der Nouvelle Vague getrimmt.

Das Singen der Räder verrät, ob die Straßen gepflastert oder geteert sind. So kann ich, nachdem mein Auto mit lässigen 35 km/h durch Saint Malo defiliert, gemütlich die altmodischen Auslagen, die sich entlang des Trottoirs unter gestreiften Markisen aneinanderreihen, betrachten. Sie zeigen allesamt ein Repertoire der Dinge aus den Fünfzigerjahren und die Beschattung lässt sie wie eine Gemäldereihe aus lauter Stillleben mit nachgedunkeltem Firnis erscheinen.

Marcello und seiner Tochter scheint es zu gefallen. Ja, der alte Marcello grinst sogar in meinen Rückspiegel, weil ihn die Fahrt an längst vergangene Drehtage erinnert.

Als wir das Stadtgebiet verlassen und den Sammelparkplatz für die Rallyeteilnehmer ansteuern, tuckert vor uns ein ganzer Konvoi oranger 2CVs, von denen jeder mit Nonnen in weißem Habitus bestückt ist. Die Nonnen tragen lichte gigantische Flügelhauben und es ist verwunderlich, dass sie in ihren Entencabrios nicht abheben, denn die Ausmaße ihrer Hauben machen Segelfliegertragflächen gewaltig Konkurrenz. Wäre lustig, sie so über die lieblich gewölbten Grashügel schweben zu sehen. Vor dem dunklen Grün des dahinter gelegenen Mischwaldes kommt das Orange der Citroens besonders gut zur Geltung.

Während die weiteren Autos wohl die nobelste und kreativste Ahnengalerie des KFZ-Designs vertreten, scheinen deren Chauffeure einem surrealen Film entsprungen zu sein.

Das wird ein Rennen, denke ich und schiele zu meinem Latin-Lover-Insassen, der keine Miene verzieht, während mich ausgerechnet eine von einer Bulldogge gesteuerte blaugraue Isetta überholt.

Vom Parkplatz aus geht es nach der Verteilung der Startnummern und einem ordentlichen Chaos zum Hafen.

Marokkaner  lauern entlang der Straße, um ein paar Centimes mit Windschutzscheibenputzen zu verdienen. Der Anblick altmodisch gekleideter Flics scheint allerdings ihren Eifer zu dämpfen. Dabei wirken diese mit ihren tonnenförmigen Schirmmützen und den mit weißen Streifen abgesetzten, nicht uncharmanten Uniformen geradezu fröhlich. Ihre weißen Stulpenhandschuhe blitzen im gleißenden Sommersonnenlicht.

Chiaras und Marcellos amüsierte Mienen verraten, dass sie an diesem Sommertagereignis ihren Spaß haben. Chiaras dunkle Augen wetteifern mit ihrem Muttermal am Kinn, das Gesicht zu interpunktieren.

Da ertönt der Startschuss zu einem Trip von Saint Malo über Rennes, Le Mans, Tours, Bourges, Lyon, Avignon bis nach Cassis, alles auf den hübschesten Nebenstraßen, welche die Nord-Südroute zu bieten hat.

Ich fasse mir ein Herz und frage die Tochter der Deneuve, wie ihr Papa denn privat so sei. Er sei doch als Schauspieler anders als als Mensch?

Marcello hebt seine Hände, die im Fahrtwind zu flattern scheinen, und grinst. Die Landschaft zieht nun als eine Art bunter Schliere an uns vorüber.

„Fragen Sie Papa oder Maman“, meint Chiara. Marcello dreht seinen Kopf zur Frucht seiner Lenden und blickt sie bewundernd an. Ansonsten beschränkt er sich optisch darauf, der italienische Prototyp von Mann zu sein, und ich wünsche, seine etwas rasselnde Stimme würde es mit dem Motorgeräusch meines Fahrzeugs über eine längere Wegstrecke aufnehmen. Er wie seine Tochter scheinen von dem Szenario der Oldtimer und ihrer Fahrer gefesselt.

Nach einer kurzweiligen Kilometerfresserei rollt der Konvoi verlangsamt kurz vor Le Mans an Bauschächten vorbei. Ich springe fast abrupt auf die Bremse meines ohnedies im Schritttempo fahrenden Oldtimercabriolets. Marcello und Chiara, die hinter mir im Fond sitzen, stützen sich an den Lehnen der Vordersitze ab und schauen so verdutzt, wie sie es nie in irgendeiner Filmrolle je getan hatten.

Neben uns klettert ein rothaariger Mann aus einem Schacht, der seine etwas zu langbeinig geratenen Bermuda-Shorts beinahe verliert. Die Taschen sind ausgebeult und sehen grad so aus, als habe der Mann ein Arsenal an Bleigewichten darin deponiert. Ich habe keine Lust, die Ansätze seiner Pobacken zu betrachten, von denen ich mir mit Schauder ausmale, dass noch knapp vor der Pofurche ein Büschlein roter Haare sprieße.

Chiara verdreht die Augen, lacht aber dann. Die Flügel der Nonnenhauben, welche aus den 2CVs vor uns ragen, wackeln kaum, während uns die völlig ungerührte Bulldogge in ihrer Isetta überholt, als ob sie noch nie an uns vorbeigezogen wäre. (Wo bitte ist dieses Tier abgefallen?) Der plattschnäuzig am Steuer klebende Hund würdigt den Bauarbeiter, der nun abseits der Straße hinter ein paar Bäumen verschwindet, keines Blickes.

Es geht weiter mit jenem sanften Gleiten, das vielen Reiseträumen zu eigen ist, aber ein wenig das Vibrieren rassiger Chassis vermissen lässt.

Das alte Le Mans, das kurz nach dem Zwischenfall auftaucht, entschädigt mich für die prosaische Rückenansicht.

Marcello bedeutet mir, er wolle in der milden Sommerwärme ein Stück neben dem Wagen herlaufen und sich dabei eine Zigarette anrauchen.

Die Reise setzt sich dennoch zügig fort, nachdem der Schauspieler ohne Mühe und sich mit seiner Tochter unterhaltend das Tempo Zigarettenlänge für Zigarettenlänge bewältigt. Tours, Bourges und Lyon sind passiert, ohne dass das kleine Rauchpäuschen des Italieners sonderlich Auswirkungen auf unser Fortkommen gehabt hätte.

Seit einiger Zeit begleitet uns ein fliederfarbenes Wolkengebilde auf unserer ruhigen Fahrt.

Obgleich die Landschaft zwischendurch außerordentlich lieblich ist und die Städtchen und Ortschaften echte Erlebnisse bieten, wünsche ich mir doch mehr Abwechslung. Die gesamte Strecke von tausend Kilometern ist zwar wie im Flug geschafft, doch an den Kontrollpunkten bin ich außer den Nonnen und der Bulldogge niemandem begegnet. Es gibt keine Überholduelle, kein großartiges Kurvendriften; die Dramaturgie meines Traumes schwächelt.

Doch da blitzt etwas Silbriges am Horizont auf.  Mit geradezu rasender Geschwindigkeit nähert sich uns auf der hügeligen Landstraße ein Aston Martin DB 5.

Im Rückspiegel sehe ich, wie der orange Konvoi nervös zu beben scheint, während vor mir die Isetta, dieses entzückende Stückchen BMW, das mich wieder einmal unbemerkt überholt zu haben scheint, durch die Luft fliegt, und ich bilde mir ein, dass abwechselnd links und rechts aus den Seitenfenstern Bulldoggenohren zucken.

Kaum bei mir angelangt, stellt sich der silberne Blitz auf der Straße quer. Eine erneute Vollbremsung ist angesagt, welche in traumhaftem Zeitraffer Marcello und Chiara gegen die vordere Sitzreihe wirft.

Doch es ist weder ein Hund noch eine Nonne (welche für einen derartigen Schlitten selbst in meinen skurrilsten Träumen völlig unpassend wären), auch kein smarter Engländer in grauem Spionsflanell, der sich so rasch wie möglich aus dem Wagen schraubt. Sondern der Bauarbeiter mit den blitzenden Pobacken.

„Leute, die Rallye ist zu Ende“, meint er schnaufend, und ich wundere mich, wie dieser doch etwas korpulente Mann in den Aston-Martin gelangen konnte.

Er steuert auf unseren Wagen zu, dessen Karosserielack stumpf wird, als weigere er sich, diesen unadäquaten Fahrer widerzuspiegeln. Auch meine Mitfahrer scheinen nicht angetan zu sein.

„Was heißt, die Rallye ist zu Ende“, erwidere ich.

„Die Bonnecar wird hier abgebrochen.“

„So ein Blödsinn. Das ist mein Traum.“

„Ihr Traum? Sie sind nicht befugt, einen Automobiltraum zu träumen.“

„Bin ich nicht?“

„Sie sind eine Frau, die sich mit Autos nicht auskennt, zwei-CVs mit Nonnen mit Flügelhauben besetzt und Isettas mit Bulldoggen.“

„Na und? In der Fantasie ist alles erlaubt.“ Ich drehe mich zu meinen Fahrgästen.

Marcello schweigt, doch Chiara mischt sich ein. „ Wir freuen uns, in so einem hübschen Wagen zu sein.“

„Abgesehen davon“, setze ich mit schneidend scharfer Stimme fort, „was haben Sie in dem geschmacklosen Aufzug im Aston-Martin zu suchen?“

„Das Gleiche, was Sie in dem Hybrid von Peugeot und Mercedes verloren haben.“

„Wie gesagt, ich setzte mich in die Karosse, die mir gefällt. Und wenn eine Mischung aus Peugeot und Mercedes besser aussieht als jedes dieser Vehikel für sich, dann ist das der Rallyeteilnehmer meiner Wahl.“

„Sie sind wohl blöd? Keine Ahnung von Autos, aber unmögliche Hirngespinste!“

„Ja genau. Als ob ihr Kerle keine bescheuerten Fantasien hättet.“

Der Mann steht jetzt ungemütlich nahe an meinem Seitenfenster. Ich wünsche mir, ich hätte die kleinen Zusatzgeräte, die die Bond-Fahrzeuge haben, um diesen Kerl wegzupusten.

„Frau und Automobiltraum geht gar nicht“, blafft der Mann.

„Geht doch, wie Sie sehen. Wieso Sie drin vorkommen, ist mir allerdings ein Rätsel.“

„Mir nicht. Klasseautos ohne Kerle gibt es nicht. Sie haben sich ja sogar einen Papagallo in den Fond gesetzt. Hätten Sie ihn wenigstens ans Steuer gelassen.“

Der Mann deutet anklagend auf Marcello.

„Sonst noch was.“ Ich schüttele mich. Herrn Mastroianni selbst im Traum als Papagallo zu bezeichnen, ist nicht nett. Der Prolo hat wirklich keinen Stil.

„Ich wette, Sie würden sich eine Blondine in Ihren Aston setzen, wenn Sie könnten. Aber nochmal. Das ist mein Traum.“

Der Bauarbeiter, oder wer immer er auch sein mochte, zuckt mit den Schultern und guckt mich schief an.

„Wenn das Ihr Traum sein sollte, warum zum Teufel komme ich drin vor?“

„Eingeschlichen?“, vermute ich.

„Nö. Vielleicht Männerquote.“

Es ist nach längerem das erste Mal, dass der Traum mir wieder gefällt. Vielleicht, weil in einer klassischen Männerdomäne endlich ein Quotenmann vorkommt. Ich beschließe, diesen Typen in meinem Traumgespinst zu belassen.

Als ich in Cassis einfahre, mich nicht darum scherend, ob ich nun Erste, Platzierte oder Letzte bin, steht mein Quotenkerl mit dem eigentlich tadellos konservativen Autogeschmack an der Straße und winkt mir freundlich zu.

Seine Shorts hat er auch hochgegürtet.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 25224

 




Das Verschwinden der schönen Rose

 

1480 – 1990
Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende

Es fing recht banal an: Giorgione Faltrelli di Montemarche erwachte ungewohnt schweißgebadet und setzte sich mit einem Ruck auf, so dass der Baldachin über seinem Kopf erzitterte und das Holzgestell seiner Schlafstätte unversehens ächzte. Der Weg vom Liegen zum Sitzen war nicht weit gewesen, die damals üblichen Polsterberge hatten ihn ohnedies in Steillage schlafen lassen. Ihm hatte von grauen, moosüberwachsenen Ruinen geträumt, die sich im zähem, mahlendem Zeitstrom den schroffen Felsformationen der Gebirgszüge des Monte Falterona angeglichen hatten. Dieses Gebirgsmassiv bot seiner Stammburg Rückendeckung, welche sich zwischen dem Berg und dem Casentiner Tal befand und von durchaus dichten Kastanienwäldern umringt war. Bestürzt erkannte er in den Ruinen die Überreste seines ehemals praktisch unzerstörbaren Heims, welches schon gut seit Generationen Angriffen, Erdbeben und Unwettern getrotzt hatte. Auf einer Felserhebung, an die sich vereinzelt ein paar zähe Büsche klammerten, hatte sich bis zu jenem fatalen Traum sein Bergfried schier unverwüstlich aufgetürmt!

Giorgione, Sohn des ehrenwerten Conte Nicolo Faltrelli, war eben der Jugend entwachsen (die in seiner Epoche bloß eineinhalb Jahrzehnte währte), ein hübscher kräftiger junger Mann mit rötlich braunen, sauber geschnittenen Haaren. Der heftige Traum jedoch hatte zur Folge gehabt, dass sein Haupthaar mehr einem von Hagel verwüstetem Feld als dem akkuraten Pagenkopf eines toskanischen Edelmannes seiner Zeit, des ausgehenden Quattrocento, glich.

Jenseits des Rundbogenfensters seines Schlafgemaches dämmerte es und die Vögel zwitscherten um die Wette den Frühlingshimmel an. Als es an der kräftig gemaserten Nussholztür klopfte, strich er sein wadenlanges weißes Leinenhemd vorsorglich glatt. Als angehender Ritter, allerdings einer der letzten seiner Art, befolgte er die ihm gebotenen Anstandsregeln, sich keine Blößen zu geben.

Seine in die Jahre gekommene Amme, deren Rundungen die beinahe verflossenen drei Lebensjahrzehnte besonders aus ihrem Mondgesicht plätteten, betrat schlurfend, in einem sauberen, steifen, selbstzufrieden knisternden braunen Kittel mit einer Kanne und einem Becher in der Hand das Schlafgemach des jungen Adeligen.

„Guten Morgen mein Herr“, schnarrte sie, „Eure kuhwarme Milch. Vergesst mir nicht, wie Euer Herr Vater aufgetragen, euch ansehnlich herzurichten.“ Dann kicherte sie verschämt. „Seine Durchlaucht Ivo di Selvascuro ist mit seinem Töchterchen eingetroffen. Ein properes Ding. Hihi!“ Sie zog ihre rundlichen Schultern hoch und erglühte unter ihrer Dienstbotenhaube.

Giorgione räusperte sich, was wie eine ungeschmierte Wagendeichsel klang, und winkte schlaff ab. „Schon gut, schon gut.“

Die Amme verstand und machte sich im Rückwärtsgang fort.

„Cara Mamma Cibo, es langweilt mich“, murmelte er der Verschwundenen nach. Was er wohl mit der dreizehnjährigen kleinen Selvascuro anfangen solle? Wahrscheinlich könne sie leidlich sticken, etwas lesen und schreiben, aber: Mit dieser unbekannten Lebensform zu kommunizieren, und dass er so ein fragiles Wesen auf seine geliebten Jagden mitnehmen könne, konnte er sich nicht vorstellen.

Natürlich war der Besuch aus dem Piemont mehr als ein Anstandsbesuch. Er war zum Zwecke der Begutachtung, nein, der Bekanntmachung der Tochter des Hauses als Heiratskandidatin. Da beide Familien befreundet waren und man sonst keine Grafschaft mit Eheschließungsbedarf berücksichtigen musste, war wohl die kleine Bellarosa fix für Giorgione vorgesehen.

Giorgiones Mutter mit dem schönen Namen Viola war geradezu aus dem Häuschen gewesen, dass ihr Sohn sich mit den durchaus vermögenden Selvascuros verbinden sollte. Immerhin war Bellarosas Mutter Sofia ihre Kusine, welche eigentlich aus bäuerlichen Verhältnissen aus dem Val Pellice stammte, allerdings war dort die Landbevölkerung seit Jahrhunderten sowohl mächtig als auch finanzkräftig gewesen und hatte es sogar zur Herrschaft über eine eigene Bauernrepublik gebracht.

Auf der Apenninenhalbinsel war es gerade en vogue, sich Güter und bestenfalls sogar Stadtherrschaften per Verschwägerung einzuverleiben.

Als sich der junge Ehekandidat im Rittersaal einfand, erwarteten ihn seine Eltern an der langen dunklen Eichentafel ungewöhnlich würdevoll, jedoch vom aufsteigenden Geruch aus den Rüstkammern, einer Mischung aus Ammoniak und Schweinefett, umweht. Wenigstens wussten sie die prächtigen Plattenpanzer berühmter toskanischer Machart zu Ehren von Bellarosas Papa, einem Condottiere, mit abgestandenem Urin und Sand geputzt und mit Fett eingelassen und aufpoliert. Geeichte Jungneuzeit-Nasen störte sowas wenig. Die Vögelchen aus Zypern, wie man das beliebteste Parfum der Städter nannte, hatten hier keine Einflugschneise genommen und wurden auch gar nicht vermisst. Sie wären ohnedies vom Rußgeruch, welcher zwei Eisenkandelaber und einen Kronleuchter umwehte, gefressen worden.

Giorgiones Vater war wie immer recht einfach und geradezu farblos gekleidet, allerdings mit einer schweren Silberkette behangen und an den Händen prächtigst beringt, seine Mutter hatte eine ausladende Tracht aus Samt und Seide angelegt, was er ziemlich übertrieben fand. Der Sohn hatte sich an seinen Vater gehalten und sich nach einer raschen Waschung in ein braunes Wams mit engen Beinkleidern geworfen.

Conte Nicolo mochte den Repräsentationsdrang seiner Frau Viola bei derlei Treffen gerne missen, aber die Sitten der Zeit verlangten, dass man sich als Familie offiziellen Besuchern entsprechend adjustiert präsentierte, selbst wenn sie zur Verwandtschaft zählten.

Die bereits von den Reisestrapazen erholten und entsprechend restaurierten Gäste konnten beim Eintreffen durchaus beeindrucken. An der anderen Seite der Tafel ließ sich der düster gewandete Ivo auf dem Ehrenplatz, einem dunklen, reichlich verzierten Eichenstuhl, mit seiner ganzen Gewichtigkeit nieder. Neben seinen ausladenden schwarzen Puffärmeln ging ein kleines, recht lebendiges Püppchen, seine Tochter mit rundlichem Gesichtchen, rosa Wangen und unter einer weißen Mädchenhaube herausquellenden kastanienfarbenen Haarzöpfen beinahe unter, obwohl ihre Zofe sie in ein leuchtend grünes Kleidchen aus Samt und Zendal aus Lucca gesteckt hatte. Die doch eher beschwerliche Reise, die auch durch dichte und nicht ungefährliche Wälder führte, hatte Mama Sofia di Selvascuro vermieden, zumal sie ihre Residenz, das Castel Solelonghi in der Nähe von Asti, persönlich in Schuss halten hatte wollen.

Man sah der Kleinen an, dass sie sich Besseres gewusst hätte, als eine lange beschwerliche Reise zu Pferd anzutreten, um als Verschwägerungspfand feil gehalten zu werden. Ihre braunen Knopfaugen blickten starr geradeaus. Ihren potenziellen Verlobten würdigte sie keines Blickes.

Alle saßen etwas steif an der Tafel. Das schwache Licht, das durch die nicht verhangene obere Fensteröffnung fiel, trug nichts zur Aufheiterung dieser Szene bei. Der Austausch der Höflichkeiten begann entsprechend steif: „Welch eine Freude, Euch so wohlbehalten anzutreffen. Wir hätten es uns nicht verziehen, wenn wir nicht trotz des jugendlichen Alters unserer Kleinen den Weg gescheut hätten. Dass sich unsere Nachkommen recht bald kennenlernen, kann für später nicht schaden.“

„Dass Ihr solch eine zarte Knospe dieser Reise ausgesetzt habt, zeugt von Eurer Freundschaft zu uns“, antwortete der Gastgeber. Ganz geheuer war dem alten Faltrelli di Montemarche nicht dabei, denn derlei Stilblüten pflegte ihm seine Gattin einzuflüstern, die bei derartigen Anlässen das Reden dem Hausherrn zu überlassen hatte. Er drehte sich zu Giorgione. Der machte ein unbeteiligtes Gesicht.

Unter Cinquecento-Teenagern gab es keinen unbefangenen Umgang. Bis zur eigentlichen Hochzeit würde man zu beider Erleichterung noch zuwarten; verbindlich beschlossen war sie ja. Zu baldige Ehearrangements für Kindsvolk waren zwar im ausgehenden 15. Jahrhundert bereits verpönt, doch gewisse Ewiggestrige, und dazu zählten die Selvascuros, ignorierten, was gewinnbringenden Interessen im Weg stand.

Giorgione überließ gelangweilt seine Mimik der Schwerkraft und Bellarosa schien müde zu sein. Anders konnten ihre gesenkten Lider nicht gedeutet werden, war sie doch zu jung, um ihre Augen mit Arroganz zu beschatten.

Ein herrlicher, mit Kastanien garnierter Wildschweinbraten beendete den Austausch von Floskeln. Nicolo lauschte den nun wieder vernehmbaren Geräuschen von in der Festung ein und ausgehenden Menschen mit Genugtuung, klangen sie doch nach präsentabler Geschäftigkeit. Im Nu entspannten sich wirklich alle und langten heiter zu. Ivo mit ausladender Geste, Viola zwar mit spitzen, aber lustvoll bebenden Fingern, und Bellarosa schien Spaß zu haben, ihre Schwiegermutter in spe zu imitieren.

Der Gastgeber stellte einen Ausritt für den nächsten Tag in Aussicht, um seinen Besitz den Besuchern zu zeigen. Obstgärten und Felder sowie ein Forst wollten im Verlauf eines Halbtagesrittes präsentiert werden, Fasane oder gar ein Damwild waren fürs nächste Bankett mit eingeplant.

Der folgende Morgen hatte an diesem Maientag mit ungewöhnlich warmen Temperaturen aufgewartet. Der Hausherr stellte seinen Gästen die besten Reittiere zur Verfügung. Alle Vorzeichen schienen selbst für als abergläubisch geltende Toskaner hervorragend. Pflanzengrün und Blütenfarben leuchteten miteinander um die Wette. Amseln und Stare unterhielten sich angeregt und ließen sich auch nicht von der lebhaften Reitgesellschaft unterbrechen. Giorgione, Niccolo, Ivo und sogar Bellarosa ritten mit zwei Leuten Gefolge einen Pfad, der in den Felshang geschlagen worden war, hinab. In den Hufschlag der Reittiere mischte sich leises Rauschen vom nahen Bach und Klatschen von Holzpaddeln auf nasse Wäsche. Giorgione musste anerkennen, dass sich Bellarosa im Seitensitz prächtig auf ihrem Zelter hielt. Ein recht steiles Stück musste nun von den nickenden, tapsenden, aber selten stolpernden Rössern überwunden werden, doch bald verlief sich das Gestein in einer buckligen Grasfläche, die ihren Platz erfolgreich gegen Fels und Baum behauptet hatte.

Das Versprechen, einen beschaulichen Ritt genießen zu können, wurde jäh durchkreuzt, als ein unerwarteter Blitz zischend über den Himmel raste. Eben noch durch Baumkronen blitzendes Blau wich zusehends rasenden, finsteren Wolken. Die Reiter legten ihre Schenkel dichter an die Flanken ihrer Rösser und versicherten sich ihrer Zügel. Die Reittiere verdrehten Augen und Ohren, vergeblich nach der Gefahrenquelle und gleichzeitig nach einem Fluchtweg suchend. Die Luft roch fremd, süßlich und schwer, das Himmelsdunkel verdüsterte und erhellte sich zusehends im Stakkato.

Gastgeber Niccolo offerierte eine Jagdhütte in der Nähe. „Da finden wir Zuflucht.“ Ivo verriet mit keiner Miene, dass er trotz seiner Militärkarriere abergläubischer war als der furchtsamste Toskaner, atmete aber sichtbar auf. Giorgione blieb jugendlich lässig, während Bellarosas Köpfchen aufflammte. Ihre Miene zeigte nicht, ob sie sich erschreckt hatte. Schon zausten Windböen die Pferdemähnen und fuhren in die stoffreichen Wämser mit den gestopften Ärmeln. Haare standen ob der geladenen Luft zu Berge und das Reitkleid der Kleinen blähte sich so mächtig auf, dass ihr Vater sich sorgte, sie würde demnächst vom Pferd segeln. Dann donnerte es und darauf folgte der erste heftige Regenguss.

Der sonst so sanfte und etwas träge Zelter Bellarosas scheute, gegen sein phlegmatisches Naturell, äußerst heftig und ging durch. Giorgione riss seinen Rappen unverzüglich herum, dass Wasser aus Mähne und Schweif spritzte und folgte ihr Richtung Wald. Er galoppierte mit aller Kraft; einer der Männer vom Gefolge, der sich ihm an die Fersen geheftet hatte, um ihm beizustehen, kam nicht mehr nach und konnte nurmehr das Verhallen der feucht schmatzenden Galoppschläge auf dem Waldboden hören.

Giorgione, ein kühner, manchmal auch etwas übermütiger Reiter, holte die Fliehenden alsbald ein, bekam das schweißgebadete Pferd an den Zügeln zu fassen, die die Kleine schleifen hatte lassen, um sich an der Mähne festzuhalten.

Als sie sich umsahen, wussten beide nicht mehr, wo sie sich befanden. Sie mussten wohl im Kreis geritten sein, da das Gelände felsig anstieg, vermutete Giorgione. Immerhin fanden die Durchnässten unter einem Steinvorsprung Zuflucht.

Der Cavalliere wollte die Kleine zu sich ziehen, als sie sich dem Griff seiner Hand scheu entwand.

„Fräulein, habt Vertrauen.“

Das Mädchen riss die Augen auf und schüttelte den Kopf: „Die Masca stellt mir nach“, flüsterte sie. Giorgione überhörte zunächst den Namen, den er nicht kannte, war die Masca doch ein piemontesisches Zauberweib, das sich in allerlei Tiere verwandeln konnte. „Ich tu euch gewiss nichts anhaben. Eure Ehre ist die meine.“

„Hier können wir nicht bleiben“, drängte sie und schrie plötzlich laut auf: „Masca, Masca!“ Vor Giorgiones Nase schoss eine schwarze Krähe vorbei und verschwand im Gebüsch.

„Meint ihr etwa den Badalisco?“, fragte er nach. Der toskanische Basilisk trieb sich unten im Casentiner Tal herum, hier herauf würde er doch nicht finden. Immerhin, dieses Mischwesen aus Hahn und Schlange konnte mit seinen Blicken tödlich lähmen.

„Sagt Ihr so hier?“, murmelte sie, ihre schweren, nassen Kleider glattstreichend, während sie sich ruckartig umblickte.

„Ihr braucht schon einen triftigen Grund, warum wir uns dem Unbill des Wetters aussetzen sollen. Mir scheint, Ihr seid ein wenig eigensinnig.“

Bellarosa schwieg, während sich Starkregen über die Landschaft ergoss, unzählige Rinnsale von den Haarspitzen über Kleidung und Pferdeleiber dem Boden zustrebten und die Feuchtigkeit nun sogar begann, alles in Nebelschwaden einzuhüllen.

„Ich muss Euch wohl nötigen. Es ist zu eurem Besten.“

Er versuchte die Zügel, die er Bellarosa gelassen hatte, erneut zu ergreifen, sie aber machte mit dem massiven Ross einen Satz zur Seite und war im nächsten Moment von Gelände und Dunst verschlungen. Er jagte ihr sofort sein Pferd, das beinahe am glitschigen Stein ausglitt, nach. Doch nicht einmal das dampfende Fell ihres Reittieres war noch zu riechen.

Antonia H.

Auszug aus dem Roman „Das Verschwinden der schönen Rose. 1480–1990.
Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende“, der hoffentlich bald erscheinen wird.
Wir danken der Autorin für die Möglichkeit der Vorveröffentlichung
und reichen die Bestelldaten nach, wenn das Werk erschienen ist.

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