Dein Ziel

Was ist schon berechenbar, wenn du unterwegs bist? Abseits der asphaltierten Straßen ist das nicht viel. Jeder Forstweg mag mitten im Wald enden, und du mit ihm. Es ist vorteilhaft, wenn du auch das wenig Wahrscheinliche in deine Planung einbeziehst. Du wirst es schaffen, obwohl du dein Ziel erst herausfinden musst, aber dann wirst du es erreichen.

Die Bogenschützin - Wanderer und Spaziergänger werden gebeten die markierten Wander- bzw. Forstwege nicht zu verlassen

Die Bogenschützin – Wanderer und Spaziergänger werden gebeten die markierten Wander- bzw. Forstwege nicht zu verlassen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26068




Sternenfahrer

Ich verlasse mit meiner Raumfähre den Erdorbit, fliege auf die Venus zu, vollführe zwei Slingshots um sie und nehme Fahrt für drei Umrundungen des Merkurs auf, die mich weiter in Richtung Sonne katapultieren. Jedes Manöver funktioniert planmäßig und einwandfrei. Während dieser Reise gerate ich ins Denken. Weshalb ist mir das Weltall anscheinend gewogen, doch die Erde ist es nicht? Meine Bestimmung ist es wohl, ein Sternenfahrer zu sein.

Der Flipchart mit unter anderem dem Planetarium - DIE EINZIGE KONSTANTE IM UNIVERSUM IST VERÄNDERUNG.

Der Flipchart mit unter anderem dem Planetarium – DIE EINZIGE KONSTANTE IM UNIVERSUM IST VERÄNDERUNG.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26067




Wanderer

Nun gehst du. Ich wünsch dir Glück auf all deinen Wegen. Zuversicht und Gottvertrauen, falls es dir hilft. Mögest du ankommen, wohin du strebst! Die Kraft sei mit dir. Wirst du manchmal an mich denken, den du zurückgelassen hast? Aber es geht hier um dich, nicht um mich. Meine Umstände werden ziemlich gleich sein, du hingegen bist der Wanderer ins wenig Berechenbare, ins wohl Ungewisse.

Das gelbe Strichmännchen im gelben Kreis in der Nacht des 1. Dezember 2025

Das gelbe Strichmännchen im gelben Kreis in der Nacht des 1. Dezember 2025

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26066




Katze

Die sternenklare Jännernacht bringt den Eiswind. 
Aber im Haus ist es warm, und du musst nicht hinaus,
bist ja nicht die Katze, die jagend im Dunklen sieht.

Die beleuchtete provisorische STW-Bushaltestelle Lannerweg der Linie 20 zur beginnenden Nacht des 11. Jänner 2023

Die beleuchtete provisorische STW-Bushaltestelle Lannerweg der Linie 20 zur beginnenden Nacht des 11. Jänner 2023

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26065




So froh!

Ich hab auf dich gewartet,
den Nachmittag und die halbe Nacht.
Als ich mich dann schlafen legte,
dachte ich: Du untreue Seele!

Aber als es später läutete, ich öffnete,
und du vor der Tür standst,
hatte ich all das vergessen.
So froh war ich, dass du endlich bei mir warst!

HIGH By Claire Campbell - Die Frau mit Hut hinter den Türen

HIGH By Claire Campbell – Die Frau mit Hut hinter den Türen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26064




Hungrige-Möwe-Haiku

Hungrig und durstig
pickt die Möwe durch das Eis
auf ihrer Ostsee

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26063




Herlicek – Olympische Augenringe

Herlicek schaut mit Veltliner
die Winterspiele in Cortina.
Er versäumt kein einziges Rennen,
man kann ihn nicht vom Sofa trennen.

Er liebt alle Wintersportarten –
kann’s nächste Rennen kaum erwarten.
Den ganzen Tag läuft’s TV-Gerät –
ohne Pause von früh bis spät.

Er ist schon erschöpft, die Birne weich,
sein Kreuz tut weh, er ist ganz bleich.
Unter den Augen hat er komische Dinge,
seh’n aus wie – olympische Ringe!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26062




Übers Metrum

Wenn von Poetik wer was weiß,
auf so was bin ich gar nicht heiß,
will sich mit vagem Wissen rüsten
und sich vor andr’en damit brüsten.

Erst in fremde Töpfe gucken,
hernach in deren Suppe spucken,
allen zeigen, was man kann,
das zieht mich echt nicht in den Bann.

Ob nun bei Schiller oder Goethe,
sei’s mit Triller oder Flöte,
der Jambus zeigt schon zu Beginn
als Auftakt klar, da will ich hin.

Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde,
verschneit liegt rings die ganze Welt.
Der Mond geht auf über der Erde,
ich glaube nicht, was der erzählt.

Denn eingangs stünde der Trochäus,
meint Uwe, Jens oder Thaddäus,
wenn Freude, schöner Götterfunken,
die Norm sei, das wär glatt erstunken.

Ich find das wirklich unerhört,
doch nicht nur das ist’s, was mich stört,
ich pfeif aufs Heben und das Senken,
man muss doch an den Inhalt denken!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26060




Im Rucksack

Anfangs fanden wir ihn amüsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.

„Ich bin der Willi“, hatte er gesagt, ein zappeliger, älterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. Dünn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die Tür kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm geläutet hatte.

„Ich bin der Willi, jaja“, zwinkerte er unruhig, „und der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will – was weiß ich, warum! Aber!“, hob er den Zeigefinger, „Aber dafür besitzt der Willi viele, viele Schätze, und da drinnen“, wies der Finger Richtung Rucksack, „da sind neue Schätze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt“, verbeugte er sich leicht, „muss sich der Willi verabschieden und seine Schätze auspacken!“

Einige Tage später fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.

„Jaja!“, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.

Mit vereinten Kräften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungstür. „Sind da Steine drinnen?“, scherzte ich.

„Jaja!“, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die Tür auf, rief „Komm rein, komm rein!“, öffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tatsächlich Steine darin, verschieden große, gewöhnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stieß mit dem Fuß die Tür zu einem großen Zimmer auf.

„Komm rein!“, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unzählige andere. Sie lagen überall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei Bänken, in Regalen – massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.

„Jaja, das sind meine Schätze!“, rief er in trotzigem Tonfall, während er unermüdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. „Wenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegläuft, ihm die Pflanzen eingehen – was weiß ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!“

Und er erklärte, dass die besten Steine an der Donau lägen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur könne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrfürchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.

„Ein Spinner! Und furchtbar anstrengend“, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschwärmereien ebenfalls nur mit Mühe entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie schön, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.

„Dieser Verrückte passt absolut nicht in unser Haus“, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigentümer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Schätzen erzählte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer Tür war.

Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vorüber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die Hände klatschte, sich bückte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich später wie er in die Hände, hob einen großen Kieselstein auf, rief, „Ein Schatz, jaja, ein Schatz!“, und schenkte ihn Marie.

Vor drei Tagen läutete er spätabends bei uns, minutenlang. Als ich schließlich ärgerlich öffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:

„Der Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gekündigt, wieder einmal, was weiß ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und …“

„Dann wünsche ich dem Willi alles Gute!“, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die Tür.

Marie tat er leid, sie legte ihm am nächsten Tag den großen Kieselstein von mir vor die Tür.

Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir über den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.

Seitdem beschäftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Claudia Dvoracek-Iby
(Text und Zeichnung von 2015)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26061




Yin und Yang im Jahr 2099

Yins Tod war ein Unfall. Bedauernswert, aber leider nicht ganz zu vermeiden. Generalmajorin Yins Geheimhaltungscode war eventuell mit einer feindlichen Malware infiziert oder der ISR, der Interne-Sicherheits-Roboter, hatte ein falsches Signal erhalten. Fest steht, dass er dreimal auf Yin geschossen und sie lebensgefährlich verletzt hatte.

Die Generalmajorin war eine außerordentlich gute Ministerin für Intergalaktische Beziehungen gewesen, aber unersetzlich war in diesen Tagen natürlich niemand mehr. Die KI, die ihre Nachfolge antreten sollte, ‚stand‘ schon seit langem bereit.

Dennoch wurde Yins IT-Privatsekretär, Oberleutnant Philipp Dick, angewiesen, alle relevanten Informationen aus dem Gehirn der Generalmajorin zu extrahieren. Diese wurde so lange künstlich am Leben gehalten. Dick hatte seine Aufgabe fast erledigt, da bekam er unerwartet Besuch von Yins Adjutanten, Major Altmeier.

„Ehm, Philipp“, begann er zögernd, „kann ich dich kurz mal sprechen?“

„Ja, Moment! Lass mich gerade noch die letzten Geheimcodes aus dem Gehirn unserer Chefin runterladen. Dann können wir ihren Exitus freigeben.“

„Halt, stopp! Bevor du das tust, habe ich einen Vorschlag. Eine Bitte!“ Altmeier suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Dann setzte er noch einmal von vorn an: „Hast du mal an ihren Ehemann, den ehrenwerten Herrn Yang, gedacht? Der kommt nächste Woche von seiner einjährigen Marsexpedition zurück. Der Schock …“

„Ja, verstehe. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Ich dachte mir, dass du fix auch das private Gedächtnis runterladen könntest. Ich meine, einschließlich Empathie und das Empfinden von Zuneigung und so.“

Als Philipp schwieg, fuhr Altmeier fort: „Du könntest alles an unsere Roboterabteilung übergeben. Die würde dann Madame Yin nachbauen, sodass der Ehemann nichts merkt.“

Philipp schaute Altmeier nachdenklich an: „Und wer soll die Kosten dafür übernehmen?“

„Selbstverständlich ich“, antwortete Altmeier. „Ich habe Yin, ich meine der Generalmajorin viel zu verdanken.“

***

Gesagt, getan. Bei der Rückkehr von Flottenadmiral Yang stand der fertige Roboter am Rande der Landebahn. Nach erfolgtem Akklimatisierungsprogramm schloss Yang „seine“ Yin freudestrahlend in die Arme und fuhr mit ihr nach Hause. Dort lief aber alles aus dem Ruder. Geplant gewesen war, dass das Roboterpersonal die beiden mit maximaler Freundlichkeit bedienen und ihnen ein Candle Light Dinner herrichten sollte. Doch dann tauschten alle Roboter im Haus lediglich ein paar Daten aus. Denn ihnen war die Sache sonnenklar: Nicht nur Madame Yin, sondern auch ihr Ehemann war eine Fälschung. – Auch Flottenadmiral Yang war während seiner Marsmission verstorben und von seinen Freunden dort originalgetreu ersetzt worden.

***

Stattdessen bereiteten die Hausroboter für beide eine Trauerfeier vor. Zu dieser erschienen die wenigen verbliebenen menschlichen Freunde. Kein Satz der Ansprache, kein Wort der Gebete, die eine eigens dafür entwickelte KI zu diesem Anlass sprach, war fehl am Platz oder übertrieben. Breiten Raum nahmen die Lebensgeschichten des beruflich so erfolgreichen Ehepaars ein. Dennoch war keiner der Menschen gerührt. Sie bewegte im Fortgehen eine andere Frage. Der älteste Freund der beiden formulierte sie so: „Angenommen einer von beiden, also Yin oder Yang, wären noch menschlich gewesen: Wann hätte er oder sie die Täuschung bemerkt?“

 

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26059