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wie seltsam

noch zögern wir, sie abzulegen,
wir brauchen sie doch,
versichern wir uns gegenseitig,
wir brauchen unsere bunten Schichten,
die eng an eng um uns liegen,
die uns abschirmen, wärmen, schützen

noch negieren wir, wie seltsam
es sich anfühlt innen,
wie abgestorben, sehr lange schon,
seltsam taub, als wäre da
ein Fremdkörper im eigenen Körper
sehr lange schon, wie lange schon?

noch verweigern wir, alles freizulegen,
warum sollten wir auch?
es ist doch völlig still innen.
völlig still und totenbleich, vermuten wir,
schwammig vielleicht, der Kern aufgeweicht,
vielleicht aber auch nicht, wir wissen es nicht

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 26256




Inseln

Zweimal bin ich mit dem Zug nach Berlin gefahren. Das erste Mal für mehrere Tage im Sommer. Du hast mich eingeladen, einige Wochen, nachdem du mit Sonja in diese Stadt gezogen bist, zeigst mir bei tropischen Temperaturen all deine Lieblingsplätze, führst mich in Museen und Galerien, durch Parkanlagen und in Geschäfte. Einmal gehen wir auf schmalen Wegen die Grabsteinzeilen des Friedhofs Wannsee entlang.

– Hier werde ich auch einmal landen, Jana, sagst du, und wirkst dabei glücklich, beinahe euphorisch, auf keinen Fall in Wien. In Wien bin ich geboren, in Berlin werde ich begraben.

Abends dann lange Spaziergänge an der Spree. Wir setzen uns in eines der Lokale dort, essen, trinken und reden bis tief in die Nacht. Sonja ist nie dabei.

– Sie besteht darauf, dass wir diese Zeit für uns haben, sagst du, Sonja versteht uns.

Und vielleicht ist das tatsächlich so, auf alle Fälle ist Sonja die erste deiner Frauen, die nicht eifersüchtig ist. Ihre Vorgängerinnen sind es gewesen, wohl deshalb, weil sie nicht einordnen konnten, welche Rolle ich in deinem Leben spiele. Ich bin diejenige, die schon immer da war, diejenige, die du von klein auf kennst. Das behagte ihnen nicht, es verunsicherte sie.

Das zweite Mal überrasche ich dich zu deinem Geburtstag im Oktober. Sonja ist eingeweiht. Du öffnest die Tür, ich entnehme der Musik, dem Stimmengewirr und Lachen hinter dir, dass deine Geburtstagsfeier bereits voll im Gange ist, du bist momentan sprachlos, mich zu sehen, dann fallen wir uns in die Arme und lachen unsere Freudentränen weg.

Und jetzt also fliege ich zu dir. Ich sitze am Fensterplatz, angegurtet, regungslos, habe meine Augen geschlossen. So halte ich der Erinnerungsflut, die mich überschwemmt, seitdem ich den Platz eingenommen habe, am besten stand. Paradoxerweise sind gerade diese Erinnerungen innerliche Inseln für mich, weil sie von den Ereignissen der Gegenwart unberührt bleiben.

In Gedanken sitze ich gemütlich im Cafe Eiles. Es ist ein Sonntagmorgen im Mai, und ich warte auf dich. Wie so oft verspätest du dich, wirkst leicht gehetzt, aber bestens gelaunt, wir frühstücken gemeinsam, lesen Zeitung, unterhalten uns. Ganz nebenbei erwähnst du, dass du und Sonja von Wien weg und nach Berlin ziehen werdet, sprichst dann schnell von irgendetwas anderem, erst als ich nachfrage, einmal, zweimal, stelle ich fest, dass es dir tatsächlich ernst ist damit.

– Du weißt ja, Freunde von ihr leben dort, auch ihre Schwester, außerdem hat sie in Berlin tolle Job-Möglichkeiten, ich übrigens ebenfalls. Ich bin flexibel, sagst du, ich muss nicht unbedingt mein ganzes Leben in Wien verbringen. Und schließlich, sagst du, Sonja ist die Frau, die mich gerettet hat.

Ein Satz, der mir einen leichten Stich versetzt, bin doch immer ich deine Retterin, deine Beschützerin gewesen.

Als ich auf die Welt komme, ist deine Mutter, die beste Freundin meiner Mutter, eine der Ersten, die uns besucht. Sie hält dich auf dem Arm. – Sieh nur, David, sieh nur, flüstert sie in dein Ohr, zeigt entzückt auf mich schlummernden Winzling, das ist deine kleine Freundin, Jana. Und du, soeben in dem Alter, in dem du dich in ersten Wörtern versuchst, lautierst vergnügt: Ja-ja-na.

Viele Jahre später stellst du mich deinen jeweiligen Freundinnen stolz mit jener Begebenheit vor.

– Das ist Jana, und, stell dir vor, ihr Name war das erste Wort, das ich gesprochen habe.

Du übertreibst natürlich wie so oft, mein Name war sicherlich nicht dein erstes Wort, eventuell eines der ersten, aber ich korrigiere dich nicht, ich lächle nur sanft, und schon sehe ich erhöhte Aufmerksamkeit und Eifersucht in den Augen deiner Freundinnen aufblitzen.

Leichte Turbulenzen. Ein Rütteln geht durch den Flugzeugbauch. Ich blicke auf, wechsle ein paar Worte mit meiner Sitznachbarin, die ihre langen Beine in dem Zwischenraum zwischen ihrem Platz und Vordersitz auszustrecken versucht. Sehr schlank, helles langes Haar. Sie würde dir gefallen, bleiben meine Gedanken bei dir. Du hast immer den ätherischen Typ, Elfenfrauen, also eigentlich das Gegenteil von mir, gesucht. Ich denke an die Zeiten, in denen ich mich fragte, ob du ausschließlich die Freundin in mir siehst, mich nicht doch auch als Frau wahrnimmst.

Mein 22. Geburtstag. Ich habe mir beim Tennis den linken Knöchel verstaucht, darum feiere ich in keinem Lokal, sondern habe ein paar Freunde zu mir eingeladen. Später dann schicke ich sie weg: Geht tanzen, tanzt für mich. Gegen Mitternacht sind sie alle gegangen, alle außer dir.

– Ich lasse dich doch zu deinem Geburtstag nicht allein, flüsterst du mir ins Ohr, bist wie ich schon ziemlich betrunken, komm, trinken wir, auf dich, aufs Leben, auf uns, Jana. Und schließlich, wir küssen uns, wie seltsam sich das anfühlt, unerwartet und unerwartet schön, doch später dann, schwach steigt wieder das Gefühl von damals in mir auf, diese Mischung aus Belustigung und Wut, als ich hilflos auf deinen nackten Rücken einhämmere. Aus Spaß natürlich, du lachst, und ich lache ebenfalls, aber mit dem Lachen übertöne ich auch die Trauer darüber, dass es nicht funktioniert mit uns. Ein Kuss noch, ein langer, zärtlicher, dann sagst du leise:

– Lassen wir das, Jana. Ich lieb dich viel zu sehr, als mit dir – nein, das mit dem Sex, das ist nichts für uns beide.

Zwei Monate später ziehe ich aus unserer WG aus, indem ich einen Streit mit Anna provoziere, der blonden Mitbewohnerin, mit der du dann eine Zeit lang liiert bist. Spätestens als ich Faris kennenlerne, ist längst wieder alles in Ordnung zwischen uns. Natürlich erklärst du auch Faris, dass mein Name dein erstes Wort war.

– Er hasst mich, sagst du im Laufe der Jahre immer wieder, beinahe stolz, dein Mann hasst mich.

Wieder eine deiner typischen Übertreibungen. Faris hasst dich nicht, er mag dich allerdings auch nicht besonders. Das starke Band zwischen uns weckt wohl auch in ihm Skepsis.

Es ist mein erster Schultag. Ich bin aufgeregt, ich habe Angst vor dem Neuen, Unbekannten, und du bist es, der mich an der Hand nimmt und sie ermutigend drückt, nicht meine Mutter, die mich, mit der Schultüte in der einen, deiner Hand in der anderen Hand, fotografiert.

– Du brauchst vor nichts Angst haben, wenn dich jemand ärgert, holst du mich. Ich bin immer in deiner Nähe, in der Klasse gegenüber, sagst du.

Doch schon damals als knapp Sechsjährige weiß ich, dass ich die Stärkere von uns beiden bin. Als Jugendliche dann, als junge Erwachsene bin ich es, die alles organisiert, wenn wir gemeinsam mit Freunden auf Reisen oder auf Wohnungssuche sind. Von klein auf habe ich mir die Rolle der Zupackenden zugelegt, du dir die des Fantasievollen, des Sensiblen.

Ein Bild in mir: Du und ich in unserer 5er-WG, an einem Wochenende, wir frühstücken gegen Mittag, lesen Zeitungen. Ich höre seltsame Geräusche aus deiner Richtung, blicke an deiner Zeitung vorbei in dein Gesicht. Du weinst.

– Was ist denn los, frage ich erschrocken. David, was ist?

Du schluchzt laut auf, legst die Zeitung auf den Tisch, zeigst auf einen Artikel. Die Schlagzeile lautet: ‚Jugendliche begeht Selbstmord. Die Welt ist so schön und ich bin so hässlich, schrieb sie in einem Abschiedsbrief.‘

– Hast du das Mädchen gekannt? frage ich dich vorsichtig, du schüttelst weinend den Kopf, sagst leise, man muss doch einen Menschen nicht kennen, um um ihn zu trauern.

Unbeabsichtigt berührt mich das Knie meiner Sitznachbarin, ich sehe auf den Stoff ihrer helle Leinenhose, ein anderes Bild blitzt in mir auf. Du und ich, wir sind Teenager, sind wie so oft in deinem Zimmer, gemeinsam mit deiner kleinen Schwester Marion.

Marion, die mich vorgestern angerufen hat.

– Bitte, Jana, bitte komm zu uns, zu David. Von dir wünscht er sich das mehr als von allen anderen, das weißt du doch, hat sie gesagt.

Die kleine Marion damals, sie verlässt irgendwann dein Zimmer und wir beide sind allein. Du liest in einem deiner Astronomie-Bücher, ich betrachte mich im Kastenspiegel, streiche meine dunklen Haare aus dem Gesicht, drehe mich vor dir in meiner neuen, weißen Jeans.

– Was meinst du, wie passt die mir?, versuche ich dich zu locken. Du siehst nicht auf von deinem Buch. Ich setze mich dicht zu dir, und dann umarme ich dich von der Seite, länger als sonst, anders als sonst. Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter, schmiege mich eng an dich und du lässt es zu, lässt auch zu, dass ich dich küsse. Es ist mein erster Kuss und auch dein erster Kuss, behauptest du danach zumindest. Dann schiebst du mich sanft von dir, und ich nehme verlegen den Stoffhasen, der seit deiner Kleinkinderzeit auf dem Bett sitzt, der schon bei dir im Gitterbett gelegen ist, meine Mama hat ihn dir geschenkt, als du ein Baby warst. Ich drücke ihn aus Verlegenheit, und du sagst: Er gehört dir, ich schenke ihn dir, ich brauche ihn nicht mehr, jetzt bin ich ja ein Mann. Du bringst mich damit zum Lachen und wenig später spielen wir wie so oft Tischtennis im Hof.

Am nächsten Tag sehe ich dich in der Pause Hand in Hand mit Nicole, eine der blonden Tussis aus deiner Klasse. Du sagst, dass du mit Nicole gehst, und ich sage mein Beileid zu ihr und sehe dich an und verdrehe die Augen und zeige dir heimlich den Mittelfinger, flüstere, Arschloch, feiges. Und am Nachmittag rufst du mich an und willst eine Tischtennis-Revanche, und schon bin ich wieder bei dir und wir spielen Tischtennis, und ein paar Wochen später bist du wieder solo und ich gehe mit Lukas.

Die längste Kontaktpause zwischen uns dauert beinahe ein Jahr. Sie fällt in die Zeit, als meine beiden Kinder noch sehr klein sind. Ich bin naturgemäß voll eingespannt, ständig übermüdet, du hingegen befindest dich in einer Phase, in der du jede Nacht durchmachst, sehr viel trinkst. Du nennst dich nun Dave, rufst mich mitten in der Nacht betrunken an, du kündigst deine Arbeit, kündigst deine Wohnung, ich streite mit Faris wegen dir, weil ich dich nach wie vor verteidige, und dann, eines Nachts, es ist halb drei Uhr morgens, dein Blick, dein fassungsloser Blick, als ich dich nicht in die Wohnung lasse, dir einen Geldschein zustecke:

– Geh, bitte, geh, David, suche dir ein Hotel, du kannst nicht bei uns übernachten.

Am Morgen finde ich den Geldschein am Fußabstreifer.

In den darauffolgenden Monaten höre ich von gemeinsamen Freunden, dass du nach wie vor zu viel trinkst, nichts arbeitest, dass du unzugänglich bist, dich verändert hast. Meine Anrufe nimmst du nicht an. Und dann, irgendwann, unerwartet, endlich: Du rufst mich an, gut gelaunt, herzlich wie immer, als ob keine lange Funkstille, als ob nichts zwischen uns gewesen wäre, noch am selben Tag treffen wir uns im Cafe Eiles, du trinkst Mineralwasser, und später dann stellst du mir Sonja vor.

– Seit ich sie kenne, geht es wieder aufwärts mit mir, sagst du zu mir, und zu Sonja sagst du:

– Das ist Jana.

Mehr sagst du nicht.

Die Erinnerungsbilder verschieben sich, fließen ineinander, verschwimmen, du bist nun alles zugleich, Jugendlicher, Kind, Erwachsener, erst bei der Landung wache ich wieder auf.

Und jetzt. Jetzt steht da ganz still Marion mitten im geräuschvollen Getriebe des Flughafengeländes. Ich sehe in ihr Gesicht, das deinem ähnlich ist, gehe auf sie zu, bleibe zwei Meter vor ihr stehen und realisiere schlagartig: Du wirst mich nie wieder abholen. Du wirst mich nie wieder umarmen. Bitter bricht es aus mir heraus:

– Wie konnte das passieren … warum … ich konnte mich nicht einmal verabschieden …

Und Marion sagt leise:

– Ja, es ist nicht zu fassen – und will beginnen, mir Details von deinem Unfall zu erzählen, und abwehrend hebe ich die Hände und jetzt liegen wir uns in den Armen, deine Schwester und ich, wir weinen beide, hier, mitten, am Flughafen, weinen um dich, halten einander, und noch vor kurzem warst doch du es, der mich umarmt hielt.

– Meine Jana, hast du leise gesagt, pass gut auf dich auf.

Ein paar Leute höre ich flüstern hinter meinem Rücken, als ich nicht wie Sonja eine rote Rose oder wie andere ein Häufchen Erde zu dir fallen lasse, ich gebe dir den Stoffhasen mit, im Wissen, dass du dich über diese Geste freust, hast doch gerade du öfters, wenn wir anderen ernst unsere Lebenskonzepte, Karrierepläne besprachen, gesagt:

– Ach, jetzt lasst doch diese Erwachsenenthemen, wir sind doch alle nur älter und alt werdende Kinder.

Und meine Hand greift wieder in die Tasche, berührt wieder die bauchige, prall gefüllte rote Mappe, die mir Marion noch am Flughafen gegeben hat, auf der in deiner vertrauten Handschrift ‚Jana‘ steht und es ist tröstlich, zu denken, dass es alle Zeit der Welt hat, zu lesen und anzusehen, was du in all den Jahren von mir aufbewahrt hast.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 26238




Und immer ist nie

Immer ist alles hell und immer ist alles Sommer und
Immer ist alles leicht und alles leicht träge und
Immer ist alles und nichts und immer ist da ein Ich und
Nie ist da ein Du und
Nie ist da ein Wir

Immer liege ich und immer liege ich am Strand und
Immer liege ich inmitten der Sachen deines Sommers und
Immer liege ich zwischen deinem Flip und deinem Flop und
Nie liege ich allein und
Nie liege ich mit dir

Immer bist du im Meer und immer bist du bei den Möwen und
Immer bist du auf Booten und barfuß und wahnsinnig schön und
Immer bist du Eis holen und Muscheln und den Sommer und
Nie bist du hier und
Nie bist du bei mir

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26146




Besucher

Hinweis der Redaktion:
Dieser Text kann verstörend wirken, er thematisiert psychische Ausnahmesituationen.

 

„Warum kommst du mich eigentlich so oft besuchen? Wir waren doch nie befreundet, oder?“ Mario sieht mich nicht an, blickt vielmehr angestrengt aus dem Fenster, hinunter auf die gepflegten Grünflächen und die schmalen, gewundenen Kieswege der weitläufigen Spitalsanlage. Seine raue Stimme ist leise und lauernd. Vorsicht bei derart beiläufig gestellten Fragen!
Ich krame in meinem Rucksack, tue, als ob ich ihn nicht gehört hätte.
„War er heute Nacht wieder bei dir?“, erkundige ich mich sachlich.
Mario schweigt eine lange Minute, dann richtet er seinen dunklen, stechenden Blick auf mich.
„Siehst du ja!“, schnaubt er düster und hebt anklagend seinen linken Arm. Seine Mundwinkel zucken. Zwei frische hellrote Einschnitte verlaufen zwischen alten, verblassten vom Handgelenk bis zum Ellbogen.
„Er hat wieder verlangt, dass ich mich schneide. Teile meinen Schmerz, sagt er immer. Seine Stimme – seine bloße Gegenwart ist so beängstigend, unerträglich – dieses kalte, blaue Licht, eiskalt …“

Mario verstummt, setzt sich auf den Rand seines Bettes, krümmt den Rücken, schlägt die Arme um seinen Oberkörper, wiegt sich langsam hin und her.
„Du denkst wirklich, dass er real ist? Woher kommt er und warum ausgerechnet zu dir? Was will er von dir?“
Ich erschrecke, die so oft zurückgedrängten Fragen sind nun einfach aus mir herausgesprudelt.
„Weißt du, woher du kommst und ob du real bist?“, überschlägt sich Marios Stimme sogleich vor Ärger. „Ich weiß nicht, was oder wer er ist und warum er solche Macht über mich besitzt, dass ich mich sogar verletze, wenn er es mir befiehlt. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht! Ich weiß auch nicht, warum er zu mir kommt – und weiß genauso wenig, warum du andauernd zu mir kommst! Na, sag schon, Felix, warum bist du hier?“

Mario fixiert mich aus tief liegenden Augen. Ich versuche, seinem Blick standzuhalten, beginne zu schwitzen. Er weiß es, denke ich, er weiß, dass mich seine Mutter für meine wöchentlichen Besuche bei ihm bezahlt.
„Na hör mal, als ehemalige Schulkameraden ist das doch selbstverständlich.“
Ich stocke unsicher, als Mario plötzlich aufspringt und eine Sekunde später ganz nahe vor mir steht.
„Dann soll es so sein“, flüstert er. „Ein Lügner wie du verdient es nicht anders. Ich habe dich lange genug geschützt.“
Er greift in seine Hosentasche, nimmt etwas heraus und drückt es mir mit zitternden Fingern in meine rechte Hand.
„Dies ist – “, er presst seine Lippen zusammen. „Dies ist von dem blauen Wesen.“
Ein kleines, in Zellophanpapier gewickeltes, eisblaues Bonbon liegt auf meiner Handfläche.
„Hör zu, Felix!“ Marios bleiches Gesicht ist dicht vor mir, seine angsterfüllte Stimme ist kaum hörbar. „Da drinnen – “, sein Zeigefinger tippt kurz auf das Bonbon, „da drinnen ist seine gesamte Energie.“

„Das ist ja sehr praktisch“, sage ich laut, einen Lachreiz unterdrückend. „Dann werde ich seine gesamte Energie sofort vernichten.“
Rasch wickle ich das Bonbon aus dem Papier und nehme es in den Mund. Es schmeckt nach Pfefferminze. Marios Augen weiten sich, er wird noch blasser.
„Was, was tust du nur!“, sagt er matt. „Nun gehörst du ihm, du Vollidiot.“
Er sinkt auf den grauen Teppichboden. Angesichts dieser absurden Situation muss ich heftig lachen. Ich verschlucke mich, das Bonbon bleibt mir in der Kehle stecken. Ich huste und lache, spüre, wie mein Gesicht rot anläuft und mir der Schweiß ausbricht. Ich bekomme keine Luft mehr, gerate in Panik, huste und huste und schaffe es endlich, das Bonbon auszuspucken. Es fällt ausgerechnet Mario auf den Schoß, der gellend zu schreien beginnt, immer hysterischer schreit, nicht zu schreien aufhört, auch nicht, als ich das Bonbon längst von seiner Hose entfernt und in der ganzen Aufregung wieder in meinen Mund befördert habe.
Die Tür wird aufgerissen, eine Krankenschwester stürzt herein, spricht beruhigend auf den brüllenden Mario ein und winkt mir gleichzeitig, zu gehen. Ich nehme meinen Rucksack, verlasse das Zimmer, gehe, so schnell ich kann, den langen Gang entlang, laufe die Treppen hinunter, zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoß – hinaus, nur hinaus …

„Ich habe dir Bücher mitgebracht“, begrüße ich Mario eine Woche später.
Er reagiert nicht, sitzt aufrecht auf seinem Bett und schaut wie bei meinem letzten Besuch aus dem Fenster. Ich lege die Bücher, die mir seine Mutter gegeben hat, auf das Nachtkästchen. Mario schaut mich nun direkt an, auf seinem Gesicht ein Lächeln von solcher Wärme, dass ich erschrecke.
„Danke“, sagt er leise. „Vielleicht kann ich nun wirklich wieder lesen, so wie früher. Seit das blaue Wesen nicht mehr zu mir kommt, fühle ich mich absurderweise schrecklich leer. Vielleicht helfen mir Bücher über diese Leere hinweg.“
Er lehnt sich zurück, an die weiße Wand.
„Bist du mir böse, Felix?“, fragt er kindlich. Tränen laufen ihm über die Wangen.
„Warum sollte ich dir böse sein?“
„Weil ich dir das Bonbon mit seiner Energie darin gegeben habe, weil er mich nun in Ruhe lässt und sicherlich jetzt dich quält! Macht er dir große Angst?“
„Rede keinen Unsinn. Freu dich lieber, dass es dir besser geht! Du wirst sicherlich bald nach Hause dürfen, dein früheres Leben aufnehmen, wieder normal leben können. Um mich mach dir bitte keine Gedanken, da besteht absolut kein Grund.“

„Ist es sehr schlimm für dich?“, weint Mario.
„Was meinst du? Es ist alles in Ordnung.“
„Lüge nicht!“, schreit Mario.
„Ich lüge nicht“, lüge ich.
Mario fasst mich grob am linken Handgelenk, zerrt mir den Ärmel meines Pullovers hinauf. Fassungslos starrt er auf meinen Unterarm.
„Keine Schnitte?“, stammelt er. „Er verlangt nicht von dir, dich zu verletzen?“
„Bitte, vergiss diesen blauen Geist, er existiert nicht.“
Mario hört auf zu weinen, sein Gesichtsausdruck wird hart. Er lässt meinen Arm los.
„Ich möchte, dass du nie wieder zu mir kommst“, sagt er, geht zur Tür und öffnet sie weit. „Geh jetzt!“
Als ich nicht sofort reagiere, zischt er: „Verschwinde endlich, du verdammter Lügner!“

Ich verlasse das Krankenhaus, kaufe mir in der Spitalsapotheke noch eine Heil- und Wundsalbe. Die frischen Messereinschnitte an meinen Oberschenkeln schmerzen ein wenig, wenn beim Gehen der raue Hosenstoff an ihnen reibt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26142




Im Rucksack

Anfangs fanden wir ihn amüsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.

„Ich bin der Willi“, hatte er gesagt, ein zappeliger, älterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. Dünn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die Tür kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm geläutet hatte.

„Ich bin der Willi, jaja“, zwinkerte er unruhig, „und der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will – was weiß ich, warum! Aber!“, hob er den Zeigefinger, „Aber dafür besitzt der Willi viele, viele Schätze, und da drinnen“, wies der Finger Richtung Rucksack, „da sind neue Schätze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt“, verbeugte er sich leicht, „muss sich der Willi verabschieden und seine Schätze auspacken!“

Einige Tage später fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.

„Jaja!“, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.

Mit vereinten Kräften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungstür. „Sind da Steine drinnen?“, scherzte ich.

„Jaja!“, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die Tür auf, rief „Komm rein, komm rein!“, öffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tatsächlich Steine darin, verschieden große, gewöhnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stieß mit dem Fuß die Tür zu einem großen Zimmer auf.

„Komm rein!“, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unzählige andere. Sie lagen überall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei Bänken, in Regalen – massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.

„Jaja, das sind meine Schätze!“, rief er in trotzigem Tonfall, während er unermüdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. „Wenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegläuft, ihm die Pflanzen eingehen – was weiß ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!“

Und er erklärte, dass die besten Steine an der Donau lägen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur könne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrfürchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.

„Ein Spinner! Und furchtbar anstrengend“, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschwärmereien ebenfalls nur mit Mühe entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie schön, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.

„Dieser Verrückte passt absolut nicht in unser Haus“, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigentümer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Schätzen erzählte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer Tür war.

Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vorüber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die Hände klatschte, sich bückte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich später wie er in die Hände, hob einen großen Kieselstein auf, rief, „Ein Schatz, jaja, ein Schatz!“, und schenkte ihn Marie.

Vor drei Tagen läutete er spätabends bei uns, minutenlang. Als ich schließlich ärgerlich öffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:

„Der Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gekündigt, wieder einmal, was weiß ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und …“

„Dann wünsche ich dem Willi alles Gute!“, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die Tür.

Marie tat er leid, sie legte ihm am nächsten Tag den großen Kieselstein von mir vor die Tür.

Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir über den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.

Seitdem beschäftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Claudia Dvoracek-Iby
(Text und Zeichnung von 2015)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26061




Der Marillenbaum

„Was wollen Sie von mir?“, fragt er misstrauisch die Frau, die, ohne anzuklopfen, in sein Schlafzimmer kommt.

„Nur etwas erzählen“, antwortet sie mit sanfter Stimme. „Darf ich?“

Zögernd nickt er und sie setzt sich zu ihm an den Bettrand.

„Also, ich beginne“, sagt sie, atmet einmal tief ein und aus. „In einem kleinen, sonnengelb gestrichenen Haus lebt ein altes Paar. Anna und Peter. Seit über fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Natürlich haben sie viel zusammen erlebt in dieser langen, langen Zeit. Sehr viel Schönes und auch Schwieriges. Als Anna in jungen Jahren zwei Fehlgeburten erleiden muss, ist Peter ihr ganzer Halt. Und Jahrzehnte später hilft Anna ihrem Peter, so gut sie kann, mit seiner altersbedingten Erkrankung umzugehen.“

„Das ist gut “, sagt er. „Erzählen Sie weiter!“

„Anna und Peter lieben ihren kleinen Garten, in dem ein prächtiger Marillenbaum steht. Und sie sind vernarrt in ihr Haustier, einen lustigen, schwarzen Kater mit grünen Augen.“

„Wie heißt denn der Kater?“, fragt er interessiert.

„Oskar“, antwortet sie.

Er lacht auf.

„Ein schöner Name! Genau so würde ich meinen Kater auch nennen!“

„Oskar klettert oft auf den Marillenbaum. Im Sommer trägt der Baum schwer an seinen vielen Früchten. Und Anna und Peter genießen jeden Morgen ihre selbstgemachte Marillenmarmelade auf ihrem Frühstücksbrot.“

„Ja, ja“, ruft er begeistert, „ich mag Marillenmarmelade auch sehr gerne!“

„Von ihrem Schlafzimmerfenster aus können Anna und Peter den Marillenbaum sehen.“

Verwirrt sieht der Mann die Frau an. Sie nickt ihm zu. Er richtet sich in seinem Bett auf und schaut angestrengt durch die Fensterscheibe gegenüber. Sieht die dichten Zweige und grünen Blätter eines Baumes. Spürt die warme Hand der Frau auf seiner Hand.

„Ist das ein Marillenbaum?“, fragt er aufgeregt.

„Ja“, sagt sie und lächelt.

Und plötzlich blitzt etwas in ihm auf. Ein Name. Eine Erkenntnis.

„Anna“, flüstert er. „Bist du meine Anna?“

„Ja, Peter“, sagt sie.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26050




Ich war einmal 

Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besaß ich ein prächtiges Gefieder, ein stolzes Gemüt und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein schöner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem großen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle wäre mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.

Es waren unerwünschte Gefühle, die regelmäßig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gefühlen, war wohl die Möwe Jonathan unter dem Geflügel – zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifersüchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.

Mich quälte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine Körner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vorüber. Obwohl ich Tag für Tag zuverlässig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen pünktlich mit meinem Hahnenschrei weckte – nie wurde ich gelobt, nie getätschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.

Eines Tages war mein Frust so groß, dass ich mich beim Hund über diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schließlich: „Mache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.“

Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen dermaßen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und übte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.

Schon am nächsten Morgen schaffte ich es, hundeähnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tatsächlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vorüberzugehen, und betrachtete mich verwundert.

„Hast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln“, prahlte ich vor dem Hund.

Am darauffolgenden Tag begrüßte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerreißend. Lange, lange beobachtete er mich kopfschüttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!

„Er kann es nicht fassen, mich so lange übersehen zu haben“, erklärte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. „Er beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.“

„Kikeriwau, Kikeriwau-wau!“, schrie ich meinem Herrn durchdringend am nächsten Tag entgegen, spreizte sämtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis und warf mich ihm schließlich zu Füßen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich berühre.

Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kräftigen Arme. Überglücklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.

‚Jetzt, endlich, jetzt streichelt er mich‘, dachte ich voll Freude.

Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.

 (Erstveröffentlichung: Anthologie Zwischendurchgeschichten, 2020)

 

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25237




Bilder

Du stehst vor dem Spiegel, zupfst dir ein paar Haarsträhnen zurecht, vermeidest dabei, auf deine Spiegel-Hände zu sehen. Nicht schon wieder kontrollieren, ob sie zittern! Du zwingst dich, stattdessen in deine Spiegel-Augen zu schauen, was es nicht besser macht, dir sieht pure Angst und Aufregung entgegen, du zwinkerst, massierst dir kurz die Schläfen, bemühst dich, dir einen unaufgeregteren Ausdruck zuzulegen.

„Reiß dich gefälligst zusammen“, flüsterst du deinem Spiegelbild zu, „du triffst dich mit Freunden. Das ist etwas Schönes, etwas Schönes! Nichts, wovor du Angst zu haben brauchst“, kommst dir lächerlich vor, wendest dich abrupt von dir selbst ab, gehst aus dem Badezimmer.
‚Was hast du denn erwartet?‘, rügst du dich innerlich streng. ‚Dass du zu einem neuen Menschen mutiert bist? Zu einem mit einem anderen Wesenskern, frei von Angst und Selbstzweifel? Dummkopf! Du musst deine Emotionen aushalten, sie annehmen, gutheißen. Wie oft hast du dies in den Therapien gehört und besprochen? Und doch hoffentlich auch verstanden?! Heute – jetzt! – geht es darum, bereit zu sein, wieder bei null zu beginnen.‘

Aber: Heute –  jetzt! – fühlst du dich genauso unsicher wie seit frühester Kindheit, wie deine ganze Jugendzeit hindurch. Einzige Ausnahme: rund fünf Jahre, in denen du völlig anders gewesen bist. Und die vor vier Monaten mit einem Zusammenbruch geendet haben.

Für den Einstieg in diese fünf Ausnahmejahre hat es keinen bestimmten Auslöser gegeben. Du wolltest und konntest diese diffuse Angst einfach nicht mehr ertragen, die sich in all deinem Tun, bei sämtlichen Anlässen alles übertünchend in den Vordergrund gedrängt hat. Hast begonnen, Tranquilizer zu nehmen. Ab Mittag mit Alkohol gemischt. Was für eine Befreiung: du – entspannt, angstfrei! Mit der richtigen Dosis, der richtigen Mischung:
Endlich dem Ich-Bild entsprechen, welches du von dir selbst hast!
Endlich dieses Ich leben können, weil die verdammte Gehemmtheit, unter der es vergraben war, nun verdrängt ist!
Endlich das Gefühl haben, ‚normal‘ und unbeschwert zu sein!
Endlich wie all die anderen – die Selbstbewussten, die Lebensfrohen – leben!
Endlich sein, wie andere dich haben wollen!

Und ja, wie witzig und schlagfertig, wie beliebt du nun warst! Im Handumdrehen hast du dir den Ruf einer Lustigen, Verrückten, Überdrehten erworben, auch den einer Unberechenbaren, die sich zeitweise rar – und damit interessant – macht, eine, die man oft tage-, wochenlang nicht erreicht, und die dann plötzlich wieder auftaucht. Was du in den Tagen, an denen du verschollen warst, durchgemacht hast, hat niemand erfahren.
Denn natürlich konnte es auf Dauer nicht gutgehen. Der Klassiker: Wie unzählige andere Süchtige brauchtest du mehr und mehr, hast die Dosis gesteigert, hast versucht, dir deine Sucht zurechtzubiegen, sie vor den anderen verborgen.

Keiner deiner Freunde wusste von deiner Medikamentenabhängigkeit, niemand von deiner Verzweiflung, deinem Suizidversuch. Nur deinen übermäßigen Alkoholkonsum haben sie alle miterlebt. Deine Exzesse waren legendär. Außer David hat dich jedoch niemand darauf angesprochen. David, der Freund seit Kindertagen, hat oft versucht, dir ins Gewissen zu reden, woraufhin du ihn gemieden hast. Du hast nicht mehr mit ihm telefoniert, ihm nicht mehr geschrieben, ihn nicht mehr zu zweit, sondern nur mehr inmitten der Gruppe getroffen.

Und jetzt eben. Alles auf Anfang. Anne weiß als Einzige davon. Gestern hast du es ihr erklärt, nur kurz am Telefon, als du das erste Mal seit Monaten wieder einen Anruf von einem der Freundesgruppe angenommen hast. Es war zufällig ihrer.

„Ich bin mir nicht sicher“, hast du gemeint, als Anne dich drängte, du müsstest unbedingt endlich wieder mit ihnen ausgehen, alle würden dich vermissen, sich Sorgen um dich machen, Jonas, Max, Ines, Mira, Jan, vor allem David.
„Aber das ist es ja“, hast du leise gesagt. „Sie werden wissen wollen, wo ich gewesen bin, warum ich anders bin, warum ich keinen Alkohol mehr trinke. Ich weiß nicht, ob mir das nicht zu viel werden wird.“
„Aber du musst dich doch niemandem erklären“, hat Anne entgegnet. „Alle werden sich freuen, dich wieder zu sehen. Wir sind deine Freunde, Malin, und nicht deine Richter.“
Schließlich hast du halbherzig gesagt: „Okay, vielleicht schau ich morgen bei euch vorbei.“
Doch Anne hat gelacht: „Nicht vielleicht! Ich hole dich morgen um 20 Uhr ab, wir gehen gemeinsam. Und wenn du nur für ein Stündchen mitkommst.“

Nun ist es 20 Uhr. Nun läutet es an der Tür. Nun rast dein Herz. Du läufst in den Vorraum, räusperst dich, drückst auf den Knopf der Gegensprechanlage, sagst:
„Hi, Anne, ich komme runter!“
Hörst Anne sagen: „Malin, lass mich kurz rauf bitte, es ist dringend …“
So war es zwar nicht ausgemacht, aber du öffnest Anne die Haustür, siehst dich im Wohnzimmer um. Ein paar Zeichnungen von dir liegen ausgebreitet auf dem Tisch. Zu spät, sie wegzuräumen, du hörst Anne die Stufen rauflaufen, schon steht sie vor dir, gerade rechtzeitig setzt du ein Begrüßungslächeln auf.

„Hey, Malin“, umarmt sie dich kurz, eilt, während du nach Worten suchst, schon an dir vorbei in deine Wohnung, Richtung Klo. Wenig später hörst du sie im Badezimmer laut singen.
Lächelnd, ihr Makeup aufgefrischt, kommt sie retour, lässt sich entspannt und theatralisch seufzend auf deine Couch fallen. „Du, Malin, ich weiß eh, dass du nicht mehr trinkst, aber ich brauche jetzt voll dringend einen Schnaps! Jonas will nämlich eine Aussprache – ach, weißt du überhaupt, dass wir seit Tagen Stress miteinander haben?!“
Du schüttelst den Kopf, sagst leise: „Ich habe keinen Alkohol zuhause.“
„Och, shit, ja, klar – kein Drama – obwohl“, sie kichert, „das ist sowas von ungewohnt, Malin, du und kein Alkohol. Dir ist wohl tatsächlich ernst damit?“, ruft, bevor du antworten kannst: „Hey, hast die du gezeichnet?“, nimmt kurz eine deiner Zeichnungen in die Hand, sagt: „Echt cool.“

Du holst Luft, um Anne zu erzählen, wie froh du darüber bist, nach vielen Jahren wieder zu dieser Kraftquelle gefunden zu haben, dass du beim Zeichnen und Malen entspannen kannst, du dabei vergisst, zu beobachten, ob deine Hände zittern …
Doch Anne ist inzwischen aufgesprungen, geht schnellen Schrittes in den Vorraum. „Dann wollen wir jetzt los, nicht, Malin? Das mit Jonas und mir erzähle ich dir unterwegs.“
War sie schon immer so? Dass sie keine Antworten abwartet? Dich kaum ansieht, dich nicht wirklich wahrnimmt? Du wunderst dich.

Und während du Anne zuhörst, die dir auf dem Weg zum Lokal ausführlich das Problem – unbegründete Eifersucht – zwischen ihr und Jonas erläutert, konzentrierst du dich zugleich darauf, deine Angst unter Kontrolle zu haben, registrierst unerwartet einen Funken Gelassenheit in dir, freust dich darüber.

Doch der Funken verfliegt sofort, als ihr ‚euer‘ Lokal betretet. Zu viele bekannte Gesichter, zu laut, zu grell, zu viel. In Sekundenschnelle verschwindet Anne, stürzt sich auf Jonas und in seine Umarmung, ist nicht mehr vorhanden für dich, ist nun die Hälfte eines ausschließlich auf sich selbst konzentrierten Paares. Du zwingst dich, in die Runde zu lächeln, antwortest angestrengt auf Begrüßungen und Fragen:
„Jep, bin wieder da.“
„Ja, gut geht’s.“
Setzt dich zwischen Mira und Jan, die dich zu ihnen winken, dir Platz machen. Fängst einen warmen Blick von David auf, der vis-a-vis von dir sitzt, erwiderst unsicher sein Lächeln.

Annalena, die Kellnerin, kommt, fragt dich: „Wie immer?“
Du schüttelst den Kopf. „Ein Mineral, bitte.“
„Was ist denn mit dir los?“, fragt Jan sofort laut. „Alles okay mit dir, Süße?“
„Aber ja, natürlich.“ Du bemühst dich um eine klare Stimme.
„Du wirkst so anders. Du bist doch nicht etwa krank“, steigt Mira jetzt in Jans Tenor ein.
„Mann, checkt ihr es nicht“, ruft Max, der sichtlich betrunken ist. „Malin ist schwanger!“
„Ihr spinnt ja alle“, sagt Anne, sich kurz von Jonas’ Lippen lösend, „lasst Malin in Ruhe, sie ist weder schwanger noch krank.“
Du nickst verlegen, antwortest Mira, die dich etwas leiser, aber vorwurfsvoll fragt, warum du auf keine ihrer Nachrichten geantwortet hast, mit:
„Sorry, es tut mir leid.“ Mehr fällt dir nicht ein. Mira sieht dich stirnrunzelnd an, sagt dann: „Schon okay“, dreht sich von dir weg und Ines zu, flüstert ihr etwas ins Ohr, Ines lacht laut auf, die beiden prosten sich zu, trinken.

 Es wird nicht leichter für dich, du bleibst angespannt, hältst die Stimmen und Stimmungen der anderen nur schwer aus. Alle reden durcheinander, Anne und Jonas streiten nun lautstark und lustvoll, Wortfetzen dringen zu dir. Du bemühst dich, aber dir gelingt kein Einstieg in ein Gespräch, zu sprunghaft sind die Themenwechsel. Wohltuend sind einzig Davids Blicke, die dir jedes Mal, wenn du zu ihm siehst, signalisieren, dass er sich freut, dass du da bist – so, wie du bist.

Von den anderen aber fühlst du dich unangenehm beobachtet. Speziell von Jan und Mira. Beide starren auf deine rechte Hand, die stark zittert, als du dir Mineralwasser einschenkst. Du umklammerst das Glas mit beiden Händen, stellst es dann wieder hin, ohne davon getrunken zu haben, ziehst die Ärmel deines Pullovers über deine Hände.

Als Max Annalena zuruft: „Eine Runde Tequila für alle!“, stehst du auf, flüchtest aufs Klo, siehst mehr Erschöpfung als Angst in deinem Spiegel-Gesicht, überlegst, wie du am unauffälligsten gehen kannst. Dass du dich nicht wieder zu ihnen setzen wirst, ist dir klar. Keine Sekunde hältst du es mehr aus in dieser Runde.

Du bleibst hinter Mira stehen, sagst: „Ich muss jetzt gehen.“ Der Satz kommt einfacher als gedacht über deine Lippen.
„Kommt nicht in Frage“, sagt Mira, „du setzt dich sofort wieder hierher zu uns“, sagt es aber in einem spaßig-strengen Tonfall, dem du dich leicht widersetzen kannst.
„Warum schon jetzt, Malin?“, fragt Jan. „Ich will jetzt echt wissen, was mit dir ist. Du bist ja nicht wiederzuerkennen.“
„Malin ist dir keine Rechenschaft schuldig“, sagt David bestimmt, „und sie kann gehen, wann sie will.“ Du siehst ihn dankbar an, wirfst dann ein rasches Tschüss in die Runde, und gehst.

Zuhause nimmst du einen Stift und deinen Zeichenblock, skizzierst Anne, wie sie sich vor wenigen Stunden entspannt auf deiner Couch ausgestreckt hat, zeichnest dich selbst ihr gegenüber, deine hochgezogenen Schultern, deine verschränkten Arme.

Am nächsten Blatt entstehen Mira und Jan im Lokal, zwischen ihnen, wie eingeklemmt, du, dein Wasserglas mit beiden Händen umklammernd. Erst jetzt fällt dir auf, dass du keine Sekunde daran gedacht hast, Alkohol zu trinken. Unerwartet durchflutet dich Stolz und Freude. Als du Max biertrinkend zeichnest, ist für dich klar, dass du dich in dieser Gruppenkonstellation nie wieder treffen wirst. Das passt nicht mehr. Einzig zu David gibt es eine gute Verbindung. Dir wird innerlich warm, während du ihn zeichnest, seinen strahlenden Blick, sein Lächeln, denkst daran, wie oft er und du als Kinder gemeinsam gemalt habt, damals beide am liebsten Pferde, Katzen, Hunde. Ob David auch jetzt noch zeichnet? Du weißt es nicht. So lange Zeit bist du ihm ausgewichen, hast nicht mit ihm geredet. Viel zu lange.

Du nimmst dein Handy, fotografierst die Zeichnung, die du von ihm gemacht hast, schickst sie ihm nach kurzem Zögern, gehst dich dann duschen, schaust danach aufs Handy. Eine Nachricht von David. Du öffnest sie.
David hat dein Gesicht skizziert. Es wirkt sensibel, verletzlich. So, wie du bist. Deine Gesichtszüge auf seiner Zeichnung sind zart, der Ausdruck deiner Augen klar und – ja, schön. Im unteren linken Eck des Bildes steht das heutige Datum und zwei Worte: stay strong.

Dir kommen die Tränen. Du fühlst dich verstanden. Du fühlst dich erkannt. Überlegst nur ganz kurz, schreibst ihm: David, möchtest du telefonieren? Und spürst, wie dein Herz nicht angst-, sondern freudvoll etwas schneller schlägt, als gleich darauf dein Handy läutet.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25227




Schneefall

Um Punkt sechs Uhr morgens stehe ich auf. Auch diese Nacht habe ich allein auf der Couch im Wohnzimmer verbracht, und auch diese Nacht hat mich die Sorge um dich kaum schlafen lassen.

Bedrückt registriere ich das unter der geschlossenen Schlafzimmertür durchschimmernde Licht, als ich leise daran vorbei Richtung Küche gehe. Dass du neuerlich nachts das Licht eingeschaltet lässt, ist ein weiteres alarmierendes Zeichen für mich. Unweigerlich muss ich an meine Mutter denken, die ebenfalls eine Zeitlang nur bei Licht schlafen konnte. Auf mich, den damals Siebenjährigen, wirkte das irritierend, ja, bedrohlich: Erwachsene sollten keine Angst im Dunkeln haben.

Ich verzichte auf ein Frühstück, öffne die Balkontür, gehe hinaus, um draußen zu rauchen. Aufseufzend lasse ich mich in den Schaukelstuhl sinken, wickle eine Decke um mich, suche, während ich mir eine Zigarette anzünde, nach etwas Blau am Himmel, vergeblich; suche ebenso vergeblich nach etwas Leichtigkeit in mir selbst. Es gibt kein Entrinnen. Die Welt draußen spiegelt offensichtlich meine Innenwelt. Bedrückendes Grau beherrscht das Außen und lastet schwer in meinem Inneren. Dabei will ich doch vor allem jetzt, in deinem Zustand, heiter, voll Zuversicht, will der berühmte Fels in der Brandung sein.

Ich dämpfe die Zigarette aus, hole tief Atem – und atme plötzlich Schneeluft. Ja, es riecht eindeutig nach Schnee. Verwundert schüttle ich den Kopf. Ich muss mich täuschen, schließlich ist doch erst Ende September. Doch da – es beginnt tatsächlich leicht zu schneien. Aus dieser dunklen Wolkendecke so völlig überraschend zartes Weiß fallen zu sehen, wirkt sich seltsam tröstend auf mich aus. Zuversicht beginnt sich in mir auszubreiten, je länger ich die tanzenden Flocken betrachte.

Es scheint mir inzwischen unmöglich, den Blick von dem weißen Schauspiel vor mir zu wenden, unmöglich, aufzustehen, unmöglich, ins Büro zu fahren, so wie gestern mit dir vereinbart, eigentlich vehement von dir gefordert.

„Ich ertrage es nicht, dass du die ganze Zeit an mir klebst, Oskar“, hast du mich plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, beim Abendessen angefahren. „Keine Sekunde lässt du mich allein, obwohl es dazu überhaupt keinen Grund gibt. Ich bin schwanger und nicht krank, also bitte, bitte, geh ab morgen wieder arbeiten!“

Deine Stimme ist immer schriller, immer unangenehmer, jedes deiner Worte zu schmerzhaften Stichen in meinem Gehörgang geworden, wimmernd habe ich mir schließlich die Ohren zuhalten müssen, habe dich angefleht: „Bitte, Anna, ich bitte dich, schrei doch nicht so.“

Doch du bist umso lauter geworden, hast gebrüllt, was das nun wieder solle, die Lautstärke deiner Stimme sei doch dieselbe wie immer, du hast dich hineingesteigert, wie so oft in letzter Zeit, hast das Besteck auf den Tisch geknallt, bist aufgesprungen, hast geschrien, dass das nicht mehr so weitergehe, du willst normal mit mir reden können und nicht flüstern müssen, dass die Kommunikation zwischen uns generell nicht mehr funktioniere, dass meine Harmoniesucht völlig überzeichnet und abnormal sei, ich sämtlichen, auch völlig harmlosen Auseinandersetzungen panisch ausweiche, vor jeder noch so kleinen Reibung flüchte, dass du – ja, dass du meine Art nicht mehr erträgst, meine übertriebene Fürsorge, meine unerträgliche Sanftheit, meine ständige stille Anwesenheit – und dann, als ich dich beruhigen wollte: „Anna, bitte, reg dich doch nicht so auf, denke an unser Baby“, hast du sogar vor Wut ein paar Bücher aus einem Regal gerissen und zu Boden geschleudert.

Wieder fällt mir die Parallele zu meiner Mutter auf, denke an deren Gereiztheit und Unberechenbarkeit. Manchmal, wenn das Nachbarskind zu Besuch war und wir in meinem Zimmer spielten, hat sie uns lächelnd Saft und Kuchen gebracht, war herzlich und fröhlich, doch nur Minuten später hat sie die Tür aufgerissen und uns böse angebrüllt, dass wir gefälligst leiser sein sollen, sie halte diesen Lärm nicht aus. Und wie oft, wenn ich ihr irgendetwas erzählen wollte, hat sie mich hysterisch angeschrien: „Sprich mich jetzt ja nicht an, Oskar! Lass mich in Ruhe, geh weg von mir, ich will allein sein“, um sich dann kurz darauf weinend bei mir zu entschuldigen.

Mir ist kalt, ich wickle die Decke enger um mich, denke wieder an dich, an den schönen Beginn unserer Beziehung, und daran, dass du dich doch gerade wegen meiner ruhigen Art, die dir nun so missfällt, in mich verliebt hast. Endlich jemand, der nicht ständig diskutieren und recht haben muss, hast du damals gesagt, endlich jemand, der zuhören kann. Noch vor wenigen Monaten verliefen unsere Tage harmonisch – nie hast du Streit mit mir gesucht, im Gegensatz zu jetzt.  Wie sehr du dich doch verändert hast, speziell in den letzten Wochen. Wieder steigt heiß Sorge um dich in mir auf, und ich fasse den Entschluss, mich weiterhin im Büro krankzumelden, bei dir zuhause zu bleiben, auf dich achtzugeben, auch wenn du das nicht möchtest. Auf keinen Fall werde ich dich alleinlassen. Der Fehler von damals wird sich nicht wiederholen.

Damals – da hatten die Eltern alles für eine Woche Winterurlaub vorbereitet, das Hotel war reserviert, die Koffer gepackt, doch dann, kurz vor der Abfahrt, hat die Mutter zum Vater gesagt: „Sei mir nicht böse, aber ich möchte zuhause bleiben. Ich bin müde, schrecklich müde, ich brauche Ruhe – brauche dringend ein paar Tage nur für mich. Bitte fahrt ohne mich, lasst es euch gutgehen in den Bergen, du und Oskar.“

Als der Vater gezögert hat, ist sie wie so oft wütend geworden: „Jetzt lasst mich doch endlich mal allein! Du und Oskar, ihr klebt ja die ganze Zeit über förmlich an mir. Und immer deine unnötige Sorge um mich, das macht mich fertig! Kapier doch endlich: Ich bin schwanger und nicht krank!“

„Stopp. Aus. Stopp“, sage ich jetzt halblaut, und die inneren Bilder der Vergangenheit verblassen und verschwinden folgsam, ich schließe die Augen, ziehe die Decke bis übers Kinn, schrecke auf, als du plötzlich mit wirrem Haar im Morgenmantel vor mir stehst. Offensichtlich bin ich trotz der Kälte eingenickt.

„Was ist mit dir, warum bist du nicht im Büro?“ Du klingst müde, abgekämpft.

„Ach, Anna – also, ich bleibe doch noch zwei, drei Tage zuhause. Ich gebe im Büro Bescheid, das ist kein Problem“, stottere ich, sehe, wie du deine Lippen zusammenpresst, die Stirn in Falten legst.

„Aber was sagst du zu diesem Wunder: Schneefall im September.“ Ich werfe die Decke von mir, stehe auf, strecke meine Hand über die blühenden Balkonpflanzen, um ein paar Flocken aufzufangen, sehe hinunter in den glitzernden Innenhof. „Der Schnee bleibt sogar liegen, schau!“

Du schaust nicht. Du starrst mich an, lange und sonderbar fassungslos, dann fauchst du: „Jetzt spinnst du also komplett!“

Du wendest dich ab, gehst hinein. Ich folge dir, doch du durchquerst schnell die Küche, gehst, die Tür vor mir zuknallend, ins Wohnzimmer. Deprimiert höre ich dich schimpfen: „… vollkommen übergeschnappt … wird immer ärger, redet von Schnee bei diesem schönen Wetter …“

Dann ist kurze Zeit Stille, und nun vernehme ich gedämpft deine veränderte, ruhige Stimme: „Hi, ich bin’s, Anna …“

Mehr verstehe ich nicht, offensichtlich bist du telefonierend weiter ins Nebenzimmer gegangen. Kurz darauf kommst du zurück, würdigst mich keines Blickes, während du eine Tasse aus dem Küchenschrank nimmst, den Wasserkocher einschaltest, dann Tee aufgießt und sagst: „Oskar, ich habe vorhin Mark angerufen. Wir haben Glück, ein Patient hat abgesagt, um zehn Uhr können wir zu ihm in die Praxis.“

Das kommt völlig unerwartet. Ich muss mich bemühen, meine Erleichterung nicht allzu offen zu zeigen. Ich habe dich unterschätzt: Es ist dir also sehr wohl bewusst, wie gefährdet du bist. Sicher hat es dich enorme Überwindung gekostet, Mark anzurufen, deinen Cousin, der ein paar Straßen von uns entfernt seine psychiatrische Praxis hat.

„Ich finde das großartig von dir“, sage ich und bemühe mich, meine Stimme fest und nicht allzu bewegt klingen zu lassen. „Ich meine, eben auch im Hinblick auf unser Baby.“

Du meidest meinen Blick, nippst nervös an deinem Tee, gehst unruhig hin und her.

„Ich ziehe mich dann mal an, wir sollten bald losgehen“, sagst du, verschwindest im Badezimmer. Während ich mich anziehe, nehme ich mir fest vor, dir eine Stütze zu sein, vor allem nichts zu tun oder zu sagen, was dich reizen könnte.

Als du jedoch kurze Zeit später im dünnen Kleid und Sommerschuhen vor mir stehst, kann ich mich nicht zurückhalten und sage so sanft wie möglich: „Entschuldige, Anna, ich will dich sicher nicht bevormunden, aber du hast doch nicht ernsthaft vor, bei diesem Wetter so gekleidet rauszugehen?“

Ich deute zum Balkonfenster, hinter dem es unentwegt schneit. Ich selbst habe mir dem Wintereinbruch angemessen Daunenjacke und Stiefel angezogen.

Deine grüne Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. „Es ist September, es ist warm draußen, blauer Himmel, herrlichster Sonnenschein. Zieh du an, was du willst, Oskar, aber bitte, bitte, sag ja nichts Verrücktes mehr von Schnee, sag am besten gar nichts mehr, bis wir bei Mark sind!“

Du schnappst deine Tasche, öffnest die Wohnungstür. Ich bin versucht, dir zu widersprechen, greife nach meinem Smartphone, um wetter.com einzugeben und dir die frühwinterlichen Tatsachen, die du einfach leugnest, die du ins Gegenteil verkehrst, in digitaler Form zu präsentieren, denke dann aber an deinen Zustand, an das Baby, und sage nichts, binde mir einen Schal um und folge dir die Treppe hinunter.

Unten im Eingangsbereich wartest du, legst mir kurz deine Hand auf die Schulter.

„Ach, Oskar“, sagst du nun leise. „Ich möchte nicht ständig mit dir streiten, mir ist – mir ist einfach alles zu viel. Wir werden mit Mark reden, er wird uns hoffentlich helfen können. Gehen wir jetzt.“

Ich nicke dir betont aufmunternd zu und öffne die Haustür, was mir Mühe bereitet, denn ein starker Schneesturm wirft sich dagegen, und weht mir eiskalt ins Gesicht, als ich nach draußen trete. Ich blinzle, kann kaum die Augen offenhalten, teils wegen dem Sturm, teils wegen dem strahlenden Weiß, das die ganze Umgebung bedeckt und mich blendet. Du gehst vollkommen unbeeindruckt von all dem an mir vorbei, obwohl du beinahe bis zu den Knöcheln im Schnee versinkst, hältst deinen Kopf aufrecht wie immer, als ob du den eisigen Wind nicht spüren würdest, nicht das Nass, das er dir ins Gesicht, auf dein Haar, in deinen Nacken weht.

„Was ist denn? Nun komm doch!“, drehst du dich zu mir.

Ich schlinge den Schal enger um meinen Hals, stemme mich gegen den Sturm und stapfe zu dir. Der Schnee knirscht laut unter meinen Schuhen.

„Wahnsinn, nicht? Plötzlich Winterwetter!“, entschlüpft es mir. „Frierst du nicht, Anna? Soll ich dir eine Jacke holen?“ Angst um dich steigt in mir auf. Ich kann dich kaum ansehen in deinem dünnen Kleid, das nass an deinen Beinen klebt.

„Oskar, ich warne dich: kein Wort mehr übers Wetter! Mir ist warm, ich brauche keine Jacke“, ist deine böse Antwort, du drehst sich weg, gehst weiter.

Verzweifelt bemühe ich mich, mit dir Schritt zu halten. Ein Radfahrer fährt vorbei. Wie kann man nur zu diesen Bedingungen mit dem Rad unterwegs sein, in kurzen Hosen noch dazu?  Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich muss mich Schritt für Schritt vorwärtskämpfen, der Sturm lässt nicht nach, stellenweise ist es auch sehr rutschig. Unter der Schneedecke liegt anscheinend eine gefährlich glatte Eisschicht, sodass ich alle Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten. Das Tröstliche, das der Schneefall am Morgen in mir ausgelöst hat, hat sich längst in Bedrohliches gewandelt. Wie gerne hätte ich dies einfach ausgesprochen. Früher hättest du mich verstanden, hättest meine Gedanken aufgegriffen und sie weitergesponnen, nun aber geht du ein paar Meter vor mir, gefühllos, eine Fremde, die weder Kälte und Nässe noch meine stetig wachsende Angst und Verzweiflung zu spüren scheint.

Als ich um die Ecke biege, passiert es. Ich rutsche aus, lande mit dem Gesicht voran unsanft im Schnee. Ich höre jemanden schreien, laut und anhaltend schreien. Ich halte mir die Ohren zu, presse mein Gesicht in den Schnee. Und jetzt steigt unaufhaltsam und eiskalt die Erinnerung in mir auf. Genauso wie ich jetzt daliege, der Länge nach, das Gesicht im Schnee, genauso ist meine Mutter gelegen, genauso haben mein Vater und ich damals die Mutter vorgefunden. Nach den Tagen in den Bergen das Heimkommen in ein verlassenes Haus, auf dem Küchentisch leere Tablettenschachteln, leere Schnapsflaschen. Hinterm Haus, im schneeweißen Garten, die Mutter – so ruhig, so still, so alleine – die Mutter, in einem viel zu dünnen Kleid regungslos auf einer Schneedecke liegend. Ich sehe vor mir, wie mein Vater sich über sie beugt, panisch immer wieder ihren Namen ruft, wie er hektisch ins Haus läuft, drinnen den Notruf wählt, sich gleich darauf wieder neben die Mutter in den Schnee kniet, laut schreit und weint, sehe mich starr und stumm daneben stehen und denken: ‚Nein, Papa, hör auf zu schreien, Mama möchte doch ihre Ruhe haben‘, sehe mich still auf meine Mutter schauen, auf den Schnee, der sanft zu fallen beginnt und mich seltsam tröstet, auch noch, als mich irgendjemand in die Arme nimmt und wegträgt …

Aber jetzt, jetzt –, registriere ich plötzlich, jetzt bin ich nicht still, jetzt schreie und weine ich, ähnlich wie damals Vater, verzweifelt und laut. Ja, derjenige, wegen dessen markerschütternden Schreien ich mir die Ohren zuhalten muss, bin ich selbst.

Von weit weg höre ich eine fremdklingende erschrockene Stimme: „Oskar! Oskar, sag mir, was ist mit dir? Komm, steh bitte auf, ich stütze dich. Hast du dir wehgetan?“

Du? Ja, du bist es. Anna. Ach, du weißt ja nicht, warum ich schreie und nicht damit aufhören kann, du kannst nicht wissen, dass mich durch meinen Sturz in den Schnee die Erinnerung soeben dermaßen überwältigt hat, dass ich schreien muss wie noch nie in meinem Leben, mich nicht unter Kontrolle habe. Nie habe dir davon erzählt, kein Wort von meiner toten Mutter im Schnee, nichts von ihren Depressionen, ihrer Schwangerschaft – nur dies: „Meine Mutter hatte einen Unfall als ich sieben Jahre alt war.“

Du hilfst mir auf, sagst nichts, als ich mir schließlich benommen den Schnee, den Schreck, die Erinnerung von der Kleidung klopfe, nimmst mich liebevoll stützend in den Arm, als wir langsam und schweigend weitergehen, jeder Schritt eine Qual für mich.

Zitternd nehme ich meinen nassen Schal ab, ziehe die schneeschwere Jacke aus, als wir endlich das Vorzimmer von Marks Praxis betreten. Du stehst neben mir, wischt dir mit einem Taschentuch die Nässe aus dem Gesicht, ich sehe dich an – aber nein, das ist kein Schnee, das sind Tränen, die du wegtupfst. Mark kommt uns entgegen. Hinter ihm dröhnen in unangenehmer Lautstärke Stimmen aus einem Radio, automatisch halte ich mir schützend die Ohren zu. Dennoch dringt eine fröhlich klingende Frauenstimme in meinen Gehörgang:

„Die Wetteraussichten: Es ist und bleibt ungewöhnlich mild heute, wolkenloser Himmel, Sonnenschein, bis zu 28 Grad.“

Claudia Dvoracek-Iby

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