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Eine Erinnerung an Saint Andrews, Herbst

Wir fanden eine verfallene Burg
an der Ostküste Schottlands bei Saint Andrews.
Die einzigen intakten Teile
waren Stacheldraht auf einer Mauer
und ein eisernes Tor Richtung Meer.

Du wartetest am Brunnen.
Was hast du dir gewünscht?
Dass er nicht ausgetrocknet wäre?
Unsere Freunde waren durch einen
angeblich geheimen Tunnel verschwunden.
Ich kann immer noch
den blau-violetten Himmel sehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  26241




Eine Kostprobe von Schottland

Schottland ist
wie sein Whisky.
Wenn du die erste Kostprobe nimmst,
denkst du dir:
Werde ich das wirklich mögen?
Das muss ich erst mal sacken lassen!

Schottland ist ein harter Windstoß,
der dir die Tränen in die Augen treibt,
deine Wangen rötet;
oder wie ein Jig,
den du mittanzt,
ohne ihn zu beherrschen.

Schottland wärmt nur ein wenig
wie die launige Sonne,
deren hexenartige Schwestern
eisige Regenschauer
früh am nächsten Morgen sind.

Aber du fällst nicht nur jetzt,
sondern nur zu gerne auf kommenden
Reisen darauf rein:
Wenn du Schottland einmal im Blut hast,
geht’s dir direkt ins Herz
und du kehrst
immer wieder zurück.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  26240




Menetekel im Sommer 2026

Verbranntes Gras, wohin das Auge schaut.
Vertrocknete Feldfrüchte vielerorts.
Ein verblasstes „Schwere Schäden am Radweg“-Schild;
keinen kümmert’s,
außer einen verschwitzten Radfahrer.

Zur Auswahl stehen: Waldbrände oder Überflutungen,
Hungersnöte oder Flüchtlingsströme.
Die großen Menetekel nicht nur dieses Sommers
erscheinen immer pünktlich um 20 Uhr
wie von Geisterhand erzeugt vor uns.
Kaum ein Politiker kümmert sich darum.
„Gewählt wird hier ja erst im Herbst“, sagt der Experte.

Verbranntes Kind scheut das Feuer?
Mitnichten!
Belsazar hatte kaum eine Chance,
das Menetekel zu verstehen und
entsprechend zu handeln.
Direkt danach kam seine letzte Nacht.
Wir haben viele Chancen
– gehabt!
Ein paar bleiben uns noch,
bevor bei uns die Lichter ausgehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26217




Das Meer

das Meer ist ein Symbol
…………………………………….für das Kommen und das Gehen
…………………………………….für das Überwinden weiter Entfernungen
…………………………………….für Unendlichkeit

es steht
für zu vieles
um eine Metapher zu werden
oder ein konkretes Symbol zu sein

wir Menschen brauchen Symbole Metaphern
wir brauchen das Meer
das Meer braucht uns nicht

das Meer verweigert sich
keiner Kreatur
…………………….. groß oder klein
…………………….. hässlich oder schön
…………………….. keinem Schiff
…………………….. keinem Müll
…………………….. keinem Menschen schwimmend in Not
…………………….. keinem Menschen ertrinkend in Gier

das Meer kann dich umarmen oder verschlingen
zu unterschiedlichen Zeiten
zur gleichen Zeit

…………… sprechen wir von ‚Umarmen‘ oder ‚Verschlingen‘
machen wir eine Metapher mit ‚Meer‘
das Meer ist keine Metapher
…………… weder ein Symbol für das Leben
…………… noch für den Tod
…………… das Meer ist ‚einfach nur‘
…………… das unvergleichliche
…………… unendlich scheinende
…………… alternativlose Meer

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer:  26197




Zurück zu meinem ältesten Freund

Den ganzen Tag über
haben sie Mauern errichtet,
Fensterläden geschlossen,
um mich von dir fernzuhalten.
Die ganze Nacht über
haben sie mir Buffets vorgesetzt,
mich in Boutiquen und Bars geschleppt,
mich mit Partyspielen, Kino und Karaoke
zugedröhnt,
um dich mir vorzuenthalten,

bis der Barkeeper von „Ye Olde Ocean“,
dieser spanischen Bar für englische Touristen,
herausfindet, dass ich meine letzten Pesos
ausgegeben habe,
mich in die tiefschwarze Nacht hinauswirft,
was eine meiner frühesten Erinnerungen
aus dem Langzeitgedächtnis auftauchen lässt:
mein Kleinkind-Ich, mich an jedem
Sommerwochenende aufs Neue
mit dem großen, blauen Ozean anfreundend.

Endlich ziehe ich mir die Sandalen aus,
laufe vergnügt über den erst noch trockenen,
dann nassen Sand
schnurstracks hinein
in eine neue Berührung mit meinem
ältesten Freund, dem Ozean.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  26196




Rehe im Weizenfeld

Große, braune Augen,
Sinnbild für Schönheit und Unschuld,
blicken mich an, nur einen Augenblick lang.
Dann flieht das Reh, springt grazil
über goldene Ähren,
die sich sanft
in der Sommerbrise wiegen.

Stunden vorher,
kurz nach Anbruch der Morgendämmerung,
zog mein Sohn los mit seinen Drohnen,
um Rehkitze zu suchen,
um letztlich drei zu finden,
die sich im Weizenfeld versteckt hatten,
all diese Schönheit, all diese Unschuld
vor dem Mähdrescher zu retten.

Wohingegen ich nicht mehr tun kann,
als all das aufzuschreiben,
um diese Bilder zu bewahren.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26171




Das Nähkästchen

Eine Nadel!
Schnell!
Der Holzsplitter sitzt nicht tief,
ist nicht lang.
Nadel ansengen, Hand aufritzen,
Splitter herausziehen.
Mit einer Nadel oder einer Pinzette?
Wie hat Oma Martha das immer gemacht?
Ich kann sie nicht mehr fragen.
Ich habe mir den Splitter
aus ihrem alten Gartenstuhl,
der sie um Jahre überlebt hat,
in die linke Hand gerammt.
Selber schuld!
„Das kriegst du hin“,
hat sie immer gesagt.

Ihre Worte führen mich
schnurstracks in den Keller
zu ihrem alten „Nähkästchen“.
Eher ein ausgewachsener Nähkasten!
Aus dunklem Holz, uralt, unverwüstlich.
Wie viele Fächer er hat!
Keine Nadel in Sicht.
Stattdessen: fein säuberlich sortierte Knöpfe –
Knöpfe für jedes Kleidungsstück.
„Komm, Jung, gib mir …“
die Hose, das Hemd, die Jacke.
Oma Martha reparierte alles im Handumdrehen.
Darunter Wolle auf Rollen,
Wolle jedweder Farbe.
Oft sah ich ihr zu,
wie sie unsere Socken stopfte,
meine „Spiel- und Kletterhosen“ flickte.
Immer ruhig, konzentriert, entspannt
dabei plaudernd.

„Aus dem Nähkästchen“ plauderte sie nie.
Die harten Nachkriegsjahre,
ihre schwierige Ehe,
Alter und Krankheit –
alles hat sie erduldet
ohne ein Wort der Klage,
immer im Reinen
mit ihrem Herrgott,
immer im Hintergrund,
immer für mich da.

Die letzte Nadel
liegt ganz unten.
Die Wunde in der Hand –
nicht der Rede wert.
Eine Wunde anderer Art
versetzt mir Nadelstiche ins Herz,
bis ich das Pflaster dafür finde:
meine bleibende Erinnerung
an Oma Martha.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26133




Im Imperial War Museum, London

Auf der Galerie hoch über den berühmten Panzern, Raketen,
der Nachbildung der ersten Atombombe
wendet sich der junge Kriegsveteran ab
von den Glastüren zur Kunstgalerie
mit ihren Gemälden
…….von vergasten, verkrüppelten Soldaten,
…….von verwundeten, verhungerten Zivilisten,
…….von gewöhnlichen Menschen,
…….hingeschlachtet in sinnlosem Zorn
…….gewöhnlicher Menschen
und steuert seinen Rollstuhl
abrupt in Richtung „Behindertentoilette“.

Wie hoch:
…….die Kosten für die Kriege des britischen Empires?
…….die Kosten, um die Schmerzen dieses jungen Mannes zu lindern?
Wie gering:
…….unser Engagement, um alle Kriege zu beenden?

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26112




“Napalm Girl” mit Junge

für meinen Sohn Julian

Dad, Daad! schreit er,
seinen Kopf gegen meine Schulter gedrückt,
zittert er am ganzen Körper,
schlägt er mit seiner rechten Hand
auf meinen Rücken,
ohne Kraft, aber voller Empörung.
Wie konnten die Amerikaner das tun?
Wir stellen uns vor, genau dort zu stehen,
wo der Fotograf stand
und sein berühmtes Foto „Napalm Girl“
wirkt dreidimensional:
Das abgemagerte, nackte, verstümmelte Kind
rennt auf uns zu
und meine Tränen beginnen zu fließen,
für das weinende vietnamesische Mädchen,
für meinen weinenden deutschen Jungen.

Wir können, wir brauchen uns den Rest
der Ausstellung des Terrors nicht anzusehen.
Wir treten hinaus in den erbarmungslosen Sonnenschein,
um demütig auf den friedlichen Straßen Saigons
zu unserem Hotel im westlichen Stil zu gehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26111