Herlicek – Italien daheim

In Wien ist’s grau, es nervt der Regen
Herlicek muss sich erregen
Er starrt zum Küchenfenster raus
„Dieser Sommer ist ein Graus!“

„Es ist nicht auszuhalten hier —
mein eignes Italien mach ich mir!
Er holt sein altes Heizgerät,
lässt es laufen früh bis spät

Den Raum würzt er mit Knoblauchduft,
trocknet Rosmarin an der Luft
Die Ramazotti-CD läuft heiß,
Herliceks Hemd füllt sich mit Schweiß

Er macht Spaghetti und sagt „Uff!“
Der Topf, der kocht wie der Vesuv
Mit Chianti sitzt er am Sofa –
das edle Tröpferl stammt vom Hofer!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26153




Abschied von Wien

Wenn ein älterer Herr bei Pensionsantritt seine gewohnte Großstadt verlässt und sich „am Land“ (in einem etwa 30 km von Wien entfernten Dorf) niederlässt, geht er nicht nur über die Stadtgrenze seiner geliebten bisherigen Heimat. Er gibt seinen urbanen Lebensstil auf, verlässt seine Freunde und Verwandten, die liebgewonnenen Straßen und Plätze, Gebäude, Lokale, Kulturstätten und Verkehrsmittel, und liefert sich schutzlos den Gegebenheiten und den Bewohnern der neuen Wahlheimat aus. Er ist aber dort nicht mehr „daheim“, sondern eben nur „zu Hause“. Es ist ein ganz anderes Leben dort – jenseits der Stadtgrenze. Er verliert sehr viel Gewohntes und Vertrautes. Ein Städter hingegen, der in eine andere Stadt zieht, oder ein Bauer, der 100 Kilometer weiter in einen anderen Bauernhof einheiratet, hat keinen derartigen „Kulturschock“, sondern lebt mit kleinen Änderungen „wie ge-wohnt“ weiter.

Morgen ist es so weit – morgen verlasse ich die Stadt. Ab morgen bin ich kein Wiener mehr. Endgültig – für immer! Nach knapp 60 Jahren – das ist mehr als ein halbes Jahrhundert! Kann so ein alter Baum noch Wurzeln schlagen – in fremde Erde verpflanzt? SIE sagt JA. „Im Bett“ – sagt SIE scherzhaft – „in meinem Bett hast du noch immer eine starke Wurzel!“ Weiber! Seit Eva sind wir aus dem Paradies geworfen worden. Wien ist auch ein Paradies – oder zumindest das Vorzimmer zum Paradies! Ich weiß das – ich bin ein Teil von Wien – und Wien ist ein Teil von mir. Auch jetzt – mit einem kleinen Bauch und Glatze und einer langen Virginia-Zigarre im Gesicht (sie schmeckt mir eh nicht, viel zu scharf und beißend, aber es schaut so imposant-gemütlich aus), habe ich mich noch nicht abgenabelt von Wien, bin ich noch immer kein Erwachsener, der selbstbewusst dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufhält.

Als ein Junger – das war anfangs der 60er-Jahre – war ich einmal Provinzreisender, aushilfsweise für ein paar Wochen. Untertags war’s ja lustig – mit der dicken Tasche die Eisenhandlungen von Niederösterreich, Burgenland und der Steiermark besuchen, aber am Abend – tödlich!! Ein billiges Zimmer suchen, dann ins Dorfwirtshaus – was gibt’s zum Essen: „Schnitzel, Schweinsbraten, Gulasch“ – ewig dasselbe. Und dann ein, zwei Bier und etwas lesen, bis man müde ist. Ein Zigeunerleben, aber ohne Romantik! Und was das Schlimmste war – die Entfremdung von zu Hause. Auf einmal ist man nur Besuch – die Freunde ‚fremdeln‘, weil man sie jetzt so selten sieht –, der nicht mehr automatisch weiß, was los ist, infolge zu langer, zu häufiger Abwesenheit nicht mehr richtig dazu gehört. So muss an einem Baum ein Ast absterben – immer weiter vom Saftstrom abgeschnitten – immer schlechter durchblutet wie ein Raucherbein, genauso wird’s mir gehen – ab morgen!

„Grübel  nicht so viel“, sagt SIE. „Das Leben ist viel zu kurz für nostalgischen Trübsinn“, sagt SIE, „die paar guten Jahre, die wir noch haben! Du bist doch ein Widder“, sagt SIE, „du bist es doch, der immer vorwärtsstürmt, der nicht warten kann. Hast du nicht immer gesagt, du bist gut, wenn du ein Ziel hast und weißt, wo es langgeht?“.

JA, JA, stimmt ja alles – aber wie soll man eine neue, schwere Aufgabe angehen – ohne Boden unter den Füßen? Kann man einen Sack Zement aufheben, wenn man in der Luft hängt? Kann man mehr in der Luft hängen als ich? Vor zwei Jahren die Frau verloren, dann in die Frühpension wegen Firmenpleite, und gleichzeitig die Wohnung aufgeben, die man so mühsam erspart, so liebevoll eingerichtet hat, in der man ein Kind aufgezogen, Freunde bewirtet, gefeiert, gestritten, geschlafen, gearbeitet, eben gelebt hat wie in einer zweiten Haut! Das erste Drittel des Lebens im Elternhaus in Wien – das zweite in eben dieser Wohnung in Wien – und jetzt Abschied von dem allem, was mir so vertraut ist, auf ins letzte Drittel – in die Fremde!

„Red doch nicht so einen Unsinn“, sagt SIE, „als ob 30 Kilometer von Wien am Nordpol wäre! Jedes Ende ist ein neuer Anfang, ein neues Spiel – und wir haben doch prima Karten. Ein neuer, schöner Lebensabschnitt beginnt jetzt“, sagt SIE, „Endlich vom Joch befreit, Zeit für sich selbst haben. Keine Verantwortung, keine ungeliebten Pflichten mehr!“

Das macht es ja soviel schwerer – dieses „Nicht-mehr gebraucht-Werden“! Wenn man sagen wir von der Firma in eine entfernte Niederlassung geschickt würde, um dort etwas Neues aufzubauen – ja, da wäre man den ganzen Tag gefordert und könnte abends müde und zufrieden zur Frau nach Hause – jawohl, nach Hause – kommen, dorthin, wo man halt jetzt wohnt, wo einem die Tür aufgemacht wird mit „Bussi“ und „setz dich schon zum Tisch, die Suppe ist gleich fertig“. Dann wäre es auch in Timbuktu schön – oder noch besser drüber der Donau im Weinviertel – dort, wo ich jetzt hin soll – morgen. Das wäre ein gleitender Übergang in eine neue Heimat – aber so?

Von heute auf morgen alle Brücken abbrechen – in eine kleine Ortschaft ziehen, mit misstrauischen Nachbarn, einem Wirtshaus und einem ADEG, das war’s? Meine paar Freunde werden mich bald vergessen haben, meine Schwester wird mich einmal im Jahr besuchen und Weihnachten eine Karte schreiben, das war’s. Der gewohnte Spaziergang auf den Nußberg, fallweise ein Bier im Nussdorfer Bräustüberl, die Sauna in Oberlaa, das gute Himbeer-Eis beim Tichy, die verregneten Sonntagnachmittage im Cafe Hummel – alles aus? Wie weggeblasen, wenn ich morgen in den Möbelwagen steige?

Herrgott, jetzt tu ich mir aber schon selber leid – wo ist mein logisches Denken geblieben, auf das ich so stolz bin, mein rationelles Handeln? Hab ich nicht so oft zu IHR gesagt, dass mich der Straßenlärm vor meinen Fenstern immer mehr stört? Dass ich so gerne im Grünen wohnen würde, im Garten beim Jausenkaffee den Vogerln zuhören, nach dem Abendessen Hand in Hand mit IHR durch die Weingärten spazieren möchte?

Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen! Gott sei Dank, mein Hirn funktioniert wieder! Hab ich IHR nicht dauernd vorgejammert, dass ich die Einsamkeit nicht mehr ertrage, von Montag bis Freitag allein in der Wohnung? Und nun kann ich jeden Morgen neben IHR aufwachen? Und überhaupt – mit unserem Theaterabonnement kommen wir oft genug nach Wien. Ich kann ja als Pensionist jede Woche ins Thermalbad Oberlaa fahren – untertags sind eh weniger Leute – und mich nachher in der Konditorei mit meiner Schwester treffen – sie wohnt ja gleich ums Eck dort. Mit dem blöden Rauchen hör ich auch auf ab morgen – ich brauch keinen Schnuller mehr.

Jetzt geht das Telefon – das wird SIE sein: „Hallo Haserl, ja, ich hab schon alles eingepackt. Eine traurige Stimme hab ich? JA, bin ich auch – nach so vielen Jahren hier. Das hast du lieb gesagt – es ginge dir auch so. Nur ein kalter, egoistischer Mensch geht durchs Leben wie eine Maschine. Was sagst du da – das ist ja das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe – du hast mir einen Marillenbaum gekauft, den wir morgen gemeinsam vor DEINEM – nein, jetzt ist es ja UNSER Haus – pflanzen werden? Ich hab noch nie einen eigenen Baum gehabt. Und gerade Marillen – wo ich doch so gerne Marillenknödel esse. Weißt du was – wir laden meine Schwester und den Schwager ein, dass sie am Abend mit uns feiern – die Übersiedlung, meinen 60er und den Pensionsantritt – alles auf einmal! JA? Womit wir anstoßen sollen? Mit Marillensekt natürlich! BUSSI, jetzt kann ich endlich einschlafen. Gute Nacht, Haserl, bis morgen!“

Eigentlich war ich als Wiener ja immer schon in Niederösterreich, geografisch, nicht?

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 26149

 




Sauerstoff

In den Tanks meines Raumanzugs sind nur noch zwei Prozent Sauerstoff. Bei meinem derzeitigen Verbrauch komme ich damit vier Minuten aus. Bis zur Marsstation sind es fünf Komma zwei Kilometer. Diese Daten teilt mir der Computer in meinem Helm mit.

Ich bin allein und zu Fuß unterwegs. Würde ich laufen, stiege mein Sauerstoffverbrauch. Ich würde im Stress sterben. Sterben muss ich sowieso. Ich werde mich an Ort und Stelle niederlegen und an etwas Schönes denken, bis mich der Tod ereilt.

Der Tod auf PR-Tour - 13. September 2023 - BLACK COMEDY mit MARIO KUTTNIG

Der Tod auf PR-Tour – 13. September 2023 – BLACK COMEDY mit MARIO KUTTNIG

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26148




nachtdanachschwer

Allstündlich war ich wach,
in durchgewachter Krippennacht.

Der Regen fällt, mir ist ganz schaurig,
macht mich so richtig kindertraurig.

Ein Blick hinaus, in Leer und Öd,
nicht wach, vielmehr noch morgenblöd.

Nur lidweit, blass und madenbleich,
fühl mich mehr tot, wie Morgenleich.

In dunklen Pfützen quaken Unken,
die Seele mir, schattenversunken.

Da vor dem Haus gurgelt ein Bach,
den hör von fern ich, schwindelschwach.

Ein Rest vom Mond, wie sichelschwebend.
Ich mach Kaffee, mehr tot als lebend.

Eselmännisch, mehr als gröblich,
die Nacht durchzecht, was wenig löblich.

Und rings um mich nur Finsterblau,
so weit ich seh, so weit ich schau.

Angstkalt, müd und alltagsblass,
saumselig ich ins Wasser fass.

Quellwasserhell und unverdrossen,
über Gesicht und Brust vergossen.

Im Spiegel glänzt nassglatt die Backe,
steh augenblickskurz in ’ner Lacke.

In morgengold’ner Luft, oh Herz!
Reicht nichts zu mundverzog’nem Scherz.

Mehr plankenstarr, so viel ich weiß,
zu gestern, da war’s echt lachheiß.

Höhlenheimelig, dampfdurstig,
Schluck Wasser, alles and’re wurstig.

Das Haar nach vorn, ganz fett und wirr,
der Oberkörper grätendürr.

Es brummt der Kopf gar bienenöse,
der Magen stimmt ein, Leergetöse.

Was tintenschön war, und geeint,
scheint heute wutblass, rotgeweint.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer:  26150

 




Memento vivere

Sich nicht in Sorgen zu verlieren,
in Aufschieben und Funktionieren.
Leben ist nicht bloße Pflicht.
Lebe, und vergiss das nicht!

Jedoch bedenke, nichts währt ewig,
mach dir das zunächst bewusst
und verfolge es zielstrebig,
dass du erst mal leben musst.

Überlass dein teures Leben
nicht der Gewohnheit und dem Frust.
Verleg es besser nicht auf morgen,
sondern leb es jetzt, mit Lust.

Und aufgrund der Lebensdauer,
der begrenzten, schau genauer,
trenne Wichtiges von dem,
was dir höchst unangenehm.

Nutz den Tag, der schnell vergeht,
wenn unverhofft sich Glück einstellt.
Verdränge und vergiss, was quält,
das dein Leben nicht erhellt.

Mache deine Leidenschaft,
zu leben, dir als Eigenschaft.
Schade ist’s, den Tag verschwenden,
und ihn ungenützt beenden.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenne

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26151




1972er Cortina

Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bläue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist.

In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. Zu meiner Überraschung holte er mich mit einem relativ ungewöhnlichen Gefährt ab. „Das ist ein 1972er Cortina, ein Fahrzeug, wie es nur damals gebaut werden konnte. Amerikanisches Styling, englischer Motor, italienischer Name. Anfangs machte ich mir nichts aus Autos, aber später, so um das Jahr 2016, wuchs meine Nostalgie für die 1970er Jahre“, sagte er. Ich entgegnete ihm, dass ich das merkwürdig fände, da er zu dieser Zeit noch gar nicht geboren war, überlegte aber, ob ich selbst schon einmal für etwas Nostalgie empfunden hätte. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir ein, dass ich alte Filme aus den USA sehr mochte. Und das auch erst nach einer Zeit, in der ich – um es mit Pathos zu sagen – das Sehen gelernt hatte.“

Robert, der inzwischen das Fahrzeug gestartet hatte, um mit mir einen Ausflug zu machen, hörte mir gerade nur zu, ohne mich zu unterbrechen. Während ich um Worte für meinen nächsten Satz rang, fiel mir auf, dass das Interieur des Wagens den Zeitgeist verkörperte, der mir an den Filmen so gut gefiel: das etwas betulich Biedere, das einem andererseits auch das Gefühl von Geborgenheit und heiler Welt gab.

„Das Sehen lernen“, setzte ich meinen letzten Gedanken fort, „ist etwas, was sich bei mir mit der Zeit ergeben hat. Etwa mit der andächtigen Betrachtung des Himmels während einer Kaffeepause oder auch dem Fotografieren scheinbar belangloser Gegenstände wie dem eines Serviettenspenders in einer Eisdiele.“

„Das ist ein Sehen, das übrigens durch die amerikanische Kultur konditioniert worden ist“, sagte Robert, „wir alle denken, wenn wir von Sonnenuntergängen sprechen, an Bilder aus amerikanischen Western oder wenn wir – um deinen Gedanken wieder aufzunehmen – Serviettenspender sehen, an die Arbeiten der Fotorealisten. Ich möchte dem gerne hinzufügen, dass wir für solche Bilder umso empfänglicher sind, wenn wir einen gewissen Hunger danach verspüren.“ „Das klingt ja interessant“, unterbrach ich ihn. „Könntest du vielleicht einmal ein Beispiel dafür nennen?“ „Beispiele dafür wären ein Western am Freitagabend nach einer erschöpfenden Arbeitswoche oder die langersehnte Mittagspause in einem Diner. So etwas macht uns achtsamer für die kleinen, aber essentiellen Dinge des Lebens.“ „So wie im Zen?“, entgegnete ich. „Ja, so ähnlich könnte man es beschreiben.“

„Weißt du übrigens noch etwas?“, fuhr er fort. „Ja, lass es mich hören“, erwiderte ich.
„Als dieses Fahrzeug, in dem wir uns jetzt fortbewegen, präsentiert wurde, war das amerikanisierte Styling noch etwas Ungewöhnliches. Und weißt du, was der Hersteller getan hat?“, fragte mich Robert. „Etwa das Aussehen wieder europäisiert?“, mutmaßte ich. „Nein, die haben sich etwas viel Klügeres einfallen lassen. Nämlich eine Werbekampagne mit dem Slogan ‚The closer you look, the better it looks‘, so dass – um es mit deinen Worten zu sagen – die Kunden das Sehen gelernt haben.“

Für den Rest der Fahrt schwiegen wir uns an und genossen die Fahrt in Roberts 1972er Cortina. Dann fiel mir ein weiterer Gedanke ein, was ich mit den beschriebenen Gegenständen verbinde.

„Weißt du …“, begann ich zaghaft, „Weißt du, was mir von damals noch in Erinnerung geblieben ist? Als ich im Frühjahr 2007 in einem kleinen American Diner saß, öffnete sich für einen Moment die Tür zu den Räumen des Personals und heraus kam eine junge, freundliche Bedienung, die mir sehr gefiel und die mich anlächelte. Aber ich wusste leider nicht, wie ich mit ihr in Kontakt treten konnte.“

„Das ist immer schwierig, gerade wenn es sich um das Verhältnis zwischen einem Gast und einer Bedienung handelt. Die gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln sind da in der Regel zu abgedroschen und eine romantische Bemerkung wäre fast wieder zu aufdringlich.“ Robert konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, dann setzte er zur Antwort an: „Aber sicher wirst du noch einen Weg finden, dieser Situation von damals einen Sinn zu geben. Übrigens, wir sind gleich am Ziel, bei einem kleinen Adventmarkt in einem Dorf.“

Als wir ankamen, war alles verschneit, aber Robert hatte es nicht schwer, einen Parkplatz zu finden. Wir stiegen aus und mich überraschte das satte, mechanische Geräusch, das das Schließen der Türen verursachte.

„Das sah jetzt aus wie in einem Film“, rief uns jemand zu, der vor einer Glühweinhütte stand. „Ein sehr schönes Kompliment“, entgegnete ihm Robert. „Wie sind Sie denn darauf gekommen?“, fuhr er interessiert fort. „Ich dachte an den Wagen. So etwas sieht man heute nur noch in Filmen. Und mit einem modernen Fahrzeug wirkt das Ganze so unspektakulär“, bekam er zur Antwort. Da setzte ich mit einem Gedanken ein, den ich schon auf der ganzen Fahrt gesponnen hatte. „Wenn es für Sie wie im Film gewesen ist. Könnten Sie uns dann wenigstens erzählen, wie dieser Film ausgeht?“ Von diesem Moment an begann die Person zu fabulieren.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26147

 




Und immer ist nie

Immer ist alles hell und immer ist alles Sommer und
Immer ist alles leicht und alles leicht träge und
Immer ist alles und nichts und immer ist da ein Ich und
Nie ist da ein Du und
Nie ist da ein Wir

Immer liege ich und immer liege ich am Strand und
Immer liege ich inmitten der Sachen deines Sommers und
Immer liege ich zwischen deinem Flip und deinem Flop und
Nie liege ich allein und
Nie liege ich mit dir

Immer bist du im Meer und immer bist du bei den Möwen und
Immer bist du auf Booten und barfuß und wahnsinnig schön und
Immer bist du Eis holen und Muscheln und den Sommer und
Nie bist du hier und
Nie bist du bei mir

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26146




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Annäherung an Schnittkes St. Florian

Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hieß der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.
In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matthäus sei verhindert, er müsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht bloß interessiere, sondern dass ich dafür auch Leidenschaft zeige.
Das stimmte. Ich zögerte nur kurz, weil ich im Kopf überschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.
Ich fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen würde, dann könnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.
Ich fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen würde, und befürchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu übernachten, was mich unangenehm berührt hätte. Als hätte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein Gästezimmer im Stift und habe am Montag in der Diözese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie spüre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.

Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von früher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien für die Übernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein Stück auf der Autobahn, dann auf der Straße bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert gehört hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel später, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich gehört. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivität der Geigerin angetan.

Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft fügt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkplätze gab es um das Stift noch genug, wie üblich würden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkplätzen suchen, je näher beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie möglich zu Fuß gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm für einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zunächst im Literaturgarten die Füße zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gemüse- und Gewürzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religiöse Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer Büste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gewächsen öffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Grüntönen leuchtete der Raps. Sein kräftiges Gelb blendete beinahe.

Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln ließ. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsgärtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Café der Stiftsgärtnerei lag zu ebener Erde eines großen Gewächshauses. Es war ein Gartengroßmarkt, und die Leute stellten die ausgewählten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Café fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgrüne Decke schützte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das nächste Konzert mit leichten Melodien an. Wir saßen zwischen exotischen Pflanzen, als wären wir in der Südsee, die Blätter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gewächsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit künstlicher Patina hervor. Es war heiß, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schweiß aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es draußen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen plätscherte laut und übertönte jede Unterhaltung, saß man in seiner Nähe. Die exotische Umgebung im Gewächshaus und das intensive Vogelgezwitscher ließen uns wie an einem entfernten Ort fühlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.

Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabstätte war schon geschlossen. Er hörte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine missa invisibilis. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er für einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er St. Florian nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie für ein großes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zurückhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenständig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterführung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.

Nur wenige Plätze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele flüsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives Räuspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, während das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als sänken die Klänge vom Himmel herab. Die sechs Sätze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schließlich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer – gleichsam dem Himmel näher – sang auf der Empore, für mich war er unsichtbar wie früher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als käme die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgelöst von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bemächtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.
Da mischte sich, zunächst nahezu unhörbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schließlich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes fühlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, höchstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der göttliche Zorn könnte sich wegen meines Unglaubens über mir entladen und, ohne Rücksicht auf die zahlreichen gottesfürchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und für einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der räumlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der überwältigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.
Ich spürte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religiösen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch körperlich, sie erschöpfte mich, sie schmerzte, als hätte ich eine physische Anstrengung überstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalität eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verflüchtigte.

Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte wären der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war erschöpft und wollte sich gleich ins Gästezimmer zurückziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die Rückfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26144




Der nullte Tag

Heute ist der nullte Tag.
Die Zeit beginnt erst morgen.

Wie die Zeit vergeht

Wie die Zeit vergeht

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26145