Jesu Gedanken

Ich bin nicht mehr das Wasser, das ewig fließt,
auch nicht das Licht, das niemals erlischt.
Ich bin mit Nägeln am Kreuz befestigt.
Das ist nicht gerecht, aber so ist die Welt.

Jesus am Kreuz an der Kirche St. Martin

Jesus am Kreuz an der Kirche St. Martin

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26091




Übers Metrum

Wenn von Poetik wer was weiß,
auf so was bin ich gar nicht heiß,
will sich mit vagem Wissen rüsten
und sich vor andr’en damit brüsten.

Erst in fremde Töpfe gucken,
hernach in deren Suppe spucken,
allen zeigen, was man kann,
das zieht mich echt nicht in den Bann.

Ob nun bei Schiller oder Goethe,
sei’s mit Triller oder Flöte,
der Jambus zeigt schon zu Beginn
als Auftakt klar, da will ich hin.

Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde,
verschneit liegt rings die ganze Welt.
Der Mond geht auf über der Erde,
ich glaube nicht, was der erzählt.

Denn eingangs stünde der Trochäus,
meint Uwe, Jens oder Thaddäus,
wenn Freude, schöner Götterfunken,
die Norm sei, das wär glatt erstunken.

Ich find das wirklich unerhört,
doch nicht nur das ist’s, was mich stört,
ich pfeif aufs Heben und das Senken,
man muss doch an den Inhalt denken!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26060




Der Code der Farben

Der Code der Farben.
Rot ist die Liebe, aber auch der Hass, und auch der Fehler ist rot.
Schwarz ist die Trauer.
Weiß ist die Unschuld und der Tod.
Violett ist die Trauer der Kirche.
Rosarot ist der Jungmädchencharme,
gelb ist die Sonne,
und blau ist die Kälte.

Das Wiener Riesenrad in der Nacht in Violett, Weiß und Kupfer

Das Wiener Riesenrad in der Nacht in Violett, Weiß und Kupfer

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25211




Vocal-Bashing

Wir Vokale fragen uns, das A, das E und I , O, U:
Muss das sein, und echt, wozu?
Auch Zwielaute, au, eu, und ei,
fragen sich, was das denn sei?

Was haben wir bloß angestellt,
dass man uns so deformiert?
In Teilen uns’rer kleinen Welt
verbogen, dass man sich geniert!

Ötan hört man, war’n mal Eltern,
und nicht zum Arzt, man geht zum Oatzt.
Sogar das L wird auch schon selten,
dass wir glaub’n, man wird vahoatzt.

Da gibt es etwas, das uns stört,
darauf hab’n wir keinen Bock!
Wenn man plötzlich Wückö hört!
Im schlimmsten Falle, Wückörock!

Und nach einer langen Reise
freut man sich, ist man daheim.
Mit dahoam, auf diese Weise,
schafft man keinen reinen Reim!

Schickst du wen in deinen Garten,
etwas Grünzeug wär das Ziel!
Du musst kochen, kannst nicht warten,
wird’s ja doch bloß Pedasül.

Auch die Umlaute beschwer’n sich,
was vom Ü noch übrig bleibt,
heißen sollt’s, ich grüße dich,
nur noch griaß di!, wie sich zeigt.

Im Bratl ist das L ja wieder
so ganz plötzlich aufgetaucht!
Auch wenn’s so nicht vorgesehen,
immerhin, es wird gebraucht.

Noch einen Kilo Öpfö bitte!
Ach, ich kann Sie nicht versteh’n!
Äpfel, wenn ich richtig tippe?
Verzeih’n Sie, war wohl ein Verseh’n?

Je höher, dort, wo Berge waren,
ist selten jemand raufgeklommen.
Länger braucht’s, drum rumzufahren,
so ist wohl kaum wer hingekommen.

Wo der Schnee lang liegen bleibt,
bleibt auch Sprache lang erhalten.
Drum kommt’s, dass sich niemand dran reibt,
wenn man spricht so wie die Alten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25204




Die Krise

Immer schon bin ich, ohne tierischen Instinkt, mit dieser Welt zurechtgekommen.
Um nicht in der Empfindung Ozean zu ertrinken, an der Sprache emporgeklommen.
Jeder Welle, die heranrollt, hab ich ein Gefühl mit ihr benannt,
und so die Möglichkeit, mich auszudrücken, in ihr erkannt.

Heute denk ich, vielleicht dran zweifeln?
Und Sprache, etwa als Heer von Bildern nur verteufeln?
Sind deren Wahrheiten oft nur noch Illusionen, und die als solche schon vergessen?
Und deren Werte, gibt es welche? Wonach sollte man sie ermessen?

Pass auf! Wo ein Heer, dort findet sich ein Commandante!
Der schickt die Wörter bloß zum Lügen an die Front, ganz infernante.
Dort steh’n sie stramm, um alle zu vergiften,
Und alles steckt im Dreck, hinauf bis zu den Hüften.

Der Wert der Wahrheit wird so lange attackiert,
bis dass Worte schon im Mund zerfall’n und nichts bedeuten.
Und wenn das Grauen vor ihr langsam kulminiert,
dann kommt der Wunderheiler, die tote Sprache aufbereiten.

Er spricht mit Hass vom linken Ungeziefer
und fletscht die Zähne, mit von Zorn erfüllten Kiefern.
Die Krise wird zum Wort der dunklen Stunde,
und niemand wird verschont, geh’n alle vor die Hunde.

Auch wenn’s ganz still ist, ist’s überall zu hören.
Die Existenzkrise, die will uns echt verstören.
Die Wachstumskrise des Kapitalismus.
Die Fieberkrise der Natur. Der Fetischismus.
Das Völkerrecht, Krise der Akzeptanz.
Uns bleibt Verständigung, oder die Ignoranz.

Ein Unbehagen zeigt die Krise, endlos wiederholt.
Fast wie zur Abwehr, und zum Schutz seelischer Not.
Zum Schutz seelischer Immunität.
Was für Gefahrenmanagement gutsteht.

Ich denk, so oft ich sie auch repetiere,
die fünf Buchstaben, die halten mir die Welt vom Leib.
Dieses Gefühl, als ob ich kollabiere,
mir als erdrückend’ Lebensgefühl bleib`.

Wie zur Beschwörung sag ich’s vor mir her,
das Wort Krise sei, so oft es geht, benannt.
Denn was benannt ist, glaubt man leicht, es ist gebannt.
Ich sage es so oft, es wirkt hypnotisch.
Dabei fühl ich mich beinah schon neurotisch.

Es bringt Gemeintes umso leichter zum Verschwinden,
ohne die Ursachen damit noch zu verbinden.
Die Probleme sind’s, die oft an Wörtern kleben.
Es irrt, der glaubt, sie los zu sein, jetzt eben.
Durch Wiederholungen verschleißt ein Wort auf Dauer,
die Wahrheit stirbt, was bleibt, ist oftmals nur noch Trauer.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25181




Und das wäre?

Fällt einem gar nichts and’res ein?
Müd’ vom dauernden Gerede?
Kann das wirklich alles sein?
Ich find’s manchmal arm und blöde.

Jeder sagt, dass er’s drauf ist,
meist von purer Lust getrieben.
Dominant, dass keiner es vergisst.
Ein and’res Wort macht unzufrieden.

Denn schließlich kann es alles sein,
ein Ding, ein Auto, auch ’ne Tussi.
Hinterhältig und gemein,
die Bezeichnung, doch das muss sie.

Wenn was üppig wächst und wuchert,
nicht zuletzt unter der Tuchent,
wie die Triebe einer Pflanze,
gar die Schrittfolge beim Tanze?

Sei’s die Musik oder der Boden,
Typen mit und ohne Hoden.
Alles kann dem Wort entsprechen,
ohne seinen Sinn zu brechen.

Die Fantasie erscheint mir weichlich,
ist das Angebot nicht reichlich?
Da wär’ gierig, lüstern, brünstig.
Sogar faunig scheint mir günstig.

Heftig, lustig, übermütig,
sinnlich, triebhaft, oftmals wütig.
Und das Wörtchen liebestoll
macht das Maß so richtig voll.

Vor langer Zeit hieß es erfreuen,
ob bei Untreu’n, oder Treuen.
Noch eins drauf heut’, als Erreger,
mehr als in gilt jetzt noch mega.

Gut und cool daneb’n verblassen,
darauf kannst du einen lassen.
Wenn ein Motorrad nicht so ist,
landet’s besser auf dem Mist.

Dieses Wort, das adelt richtig,
ohne es ist alles nichtig.
Jeder sagt es einmal, weil
es ist schlicht und einfach geil.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25148




Cool

Was, zum Henker, ist bloß cool?
Verdammt, woll’n alle jetzt so sein?
In Kindergarten oder school?
Ist nicht geil oder gemein.
Locker, souverän und lässig,
ganz leger und übermäßig,
autonom und trotzdem hip.
Weltweit ein Verhaltenstyp.

Gut und nett? Das kommt nicht hin.
Ein Geschmack? Das trifft es nicht.
Nicht genug, so wie ich bin,
Coolness nimmt mich in die Pflicht.

Heißt, hat Lust auf Abenteuer,
zeigt sich offen, ungeheuer!
Was die andern von dir halten,
um dein Image zu verwalten,
ist dir ziemlich einerlei,
und geht dir am Arsch vorbei.

Verpönt ist trotzdem asozial,
bloß nur Kumpel sein, fatal.
Jedoch geg’n den Strom zu schwimmen,
hört sich gut an und könnt’ stimmen.

Ist von globaler Gültigkeit,
und nicht bloß Erscheinung.
Schon gar nicht eine Modetorheit,
lustbetont, frei in der Meinung.

Cool ist, was man hier so nennt,
selbstbewusst und kompetent.
Nach außen äußerst attraktiv,
im Inneren bloß nicht naiv.

Nur so tun als ob, geht gar nicht,
dass das keiner merkt, glaub ja nicht!
Cool sein ist man aus Passion.
Ist einer cool, das merkt man schon.

Wer beim Shooting dämlich lächelt,
hat sein Image längst verspielt.
Noch dazu mit Händchen fächelt,
geg’n die Regel sich verhielt.

Cool sein, zeigt sich vehement,
als beliebtes Kompliment.
Gelassen, lässig, en passant,
Geisteshaltung nonchalant.
Abgeklärt, beherrscht, besonnen,
wer so ist, hat schon gewonnen.

Mit zweiundsiebzig auf der Harley.
His Headphones reproduce Bob Marley.
Mit Fischers Helen geht das nicht,
da verlierst du das Gesicht.

Cool sein ist mitunter stressful,
funktioniert oft nicht successful.
Es streikt der Zygomaticus,
weil er dabei nichts leisten muss.

Es scheint, dass Coolness unerreichbar,
im Modetrend mit nichts vergleichbar.
Ein Trugbild scheint’s, und nicht zu fassen.
Vielleicht wär’s besser, sie zu lassen.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25135




Schreibenkleister

Und ewig kreisen die Gedankenwelten … wollen sich einfach nicht niederlassen.
Ihre Landefläche ist zu klein: A vier, Papier.

Erst später rinnt es wieder. Meine verstopfte Fantasie staute Ideen für Geschichten zurück.
Am Morgen plätscherte sie noch, am Abend werde ich sie aus meinem Staubecken ablassen und in Geschriebenes gießen können, damit sie in anderen Köpfen neue Bilder und Wörter austreiben lässt.

Grapheme verwandeln sich in inneren Schall und der Schall verwandelt sich in Bild und löst sich in Empfindung auf, schiebt die Wehen an, welche Kopfgeburten einleiten.

Komme ich gar nicht weg von der Syntax, welche meine Gedanken mit den Tauen kultureller Voreingenommenheit festzurrt?
Ohne Syntax wird’s andererseits eine stolpernde Parade der Nonsenswörter.
Anscheinend kann ich nicht ohne Syntax denken, muss unentwegt den Sinn taxieren.
Jedoch: Die Sinntaxe entspricht meines Erachtens nicht dem Wert der Äußerungen.

Derweilen ich drinnen schreibe, verwässert draußen Schnee bereits Angefeuchtetes.
Er fällt nicht, sondern tropft; es ist zu warm.
Alles frische Weiße wandelt sich unversehens in Verbrauchtes … ihm graut.
Dem Papier graut nicht, ihm wird nur ein bisschen schwarz; aber vor meinen Augen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25134




Der Deutschtrainer

Ihr Leut’, ich habe einen schweren Stand!
Kommen Fremde in unser Land,
lern’ ich ihnen erst Manieren
und danach das Diskutieren.

Am Anfang steht zunächst das Grüßen,
weil das alle können müssen.
In der Nacht oder bei Tage,
gegrüßt muss werden, keine Frage.

Ich höre, wie ihr bei euch grüßt,
Salam Alaikum, weil ihr müsst.
Guten Morgen heißt sabach,
hört man, seid ihr morgens wach.
Ist man fremd, dann sagt man Sie,
Servus sagt man, kenn ich die.

Oh Gott, sagt man, geht etwas schief,
Allah ruft ihr, wenn was schlecht lief.

Es suchen Schutz beim Himmelvater
Weltliche nicht nur, auch Pater.
Trotzdem kommt man ziemlich schnell
in den Himmel oder d’Höll.

Jetzt steh’n wir hier in der Künetten
und müssen uns mit Deutsch abgfretten.
Zuerst einmal das Alphabet,
dann schau’n wir, ob das eh schon geht.

Schwarz und gelb, das sind die Wespen.
Dunkelblau hernach die Zwetschken.
Schweine braten heißt hier grillen,
seit Neuestem heißt Nichtstun chillen.

Joggen meint, man ist gelaufen,
shoppen tut man statt einkaufen.
Ist was fertig, sagt man gar,
da wirst deppert! Wirklich wahr.

Bei euch färbt man die Haar’ mit Henna,
stirbt man, kommt man in die Dschenna.
Wenn ich von euch nun einer bin,
sagt Achmed, und ich wäre hin,
kriegte ich, bei euch im Himmel,
siebzehn Frau’n und einen Schimmel.
Da tät’ ich sagen, eine reicht,
und ohne Schimmel kann ich leicht.
Siebzehn Frauen! Muss schon bitten!
And’re Länder, and’re Sitten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25116




Das lyrische Ich

In seinem Inneren, ganz tief,
in anderen Sphären verborgen,
lag sein lyrisches Ich geborgen,
es zog sich zurück und schlief.

Eine der Musen, Göttin der Poesie,
erschien dem Schlafenden im Traum,
sie sang ihm ein Lied, er glaubte es kaum,
von neuen Ideen und Fantasie.

Der Träumer begann zu schreiben und lachte,
denn an jenem Morgen spürte er voller Heiterkeit,
wie sein lyrisches Ich nach langer Zeit
wieder zu neuem Leben erwachte.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25085