Gesicht

Das Gesicht,
nicht meines,
nicht deines,
nicht ihres,
nicht seines,
das andere Gesicht,
das fremde,
das unbekannte.

Das blasse lachende Gesicht an der Betonwand in Krumpendorf am 17. August 2024

Das blasse lachende Gesicht an der Betonwand in Krumpendorf am 17. August 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 26001




frühmorgens

Wie bin ich hierhergekommen? Ich weiß nicht, habe nicht die geringste Ahnung. Meine letzte Erinnerung reicht bis zu dem Zeitpunkt, als ich mich nachts ins Bett legte, um einzuschlafen.

Jetzt sitze ich hier, an meinem mittelalterlichen IKEA-Eisentisch, auf dem eine weiße Tischdecke mit floralen Elementen liegt. Vor mir eine halbvolle Kaffeetasse, der Asche enthaltende Aschenbecher, darin eine glosende Zigarette.

Ich greife nach der Zigarette, doch ich verfehle sie. Der Graue Star auf meinem linken Auge lässt mich Entfernungen schlecht abschätzen, darum wohl. Nun greife ich nach dem Aschenbecher, aber meine Hand geht durch ihn hindurch.

Fuck! Ich wusste gar nicht, dass ich ein Hologramm bin.

Kirlian Camera - Holograms live in München

Kirlian Camera – Holograms live in München

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25209




Die Zeitungsenten

Bekannt ist er dafür, dass er ständig Flausen im Kopf hat.

Oft hat er erzählt, dass seine Lieblingsbeschäftigung Zeitungsenten füttern sei, was ihm den Ruf einbrachte, dass er keinen Docht in seiner Lampe hat.

Amüsant für die meisten Bekannten seiner Umgebung ist, dass er sich in einer Ecke seines Gartens einen kleinen Teich angelegt hat, um seine Zeitungsenten anzulocken!

Oft sitzt er stundenlang mit einem Riesenstapel an Zeitungen, die er penibel durchstöbert.

Man fragte ihn auch, ob ihm das auf Dauer nicht zu teuer wäre?

Dies verneinte er stets mit Empörung und der Antwort, dass dies doch seine Lieblingsbeschäftigung sei!

Auf seine Zeitungsenten wartet er jedoch immer noch vergeblich.

Erst nach einem kleinen Lottogewinn soll sich sein Zustand wieder gebessert haben.

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25131




In der Teebox

Du stinkst schon wieder, Minze des Pfeffers.
Sei schweig, du Blüte der Kamille!
Du glaubst wohl, etwas Besseres zu sein mit deiner vermeintlichen Heilkraft.

Schon wieder ihr zwei, stellt kopfschüttelnd die Blüte des Hopfens ganz ruhig fest.

Streitet euch nicht, mahnt der Earl von Grey. Das brauchen wir nicht in unserer Box.

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25080




Vikings

Das Neugeborene wird vor Haldur dem Wikinger auf den Boden gelegt. Wenn er es annimmt, hebt er es hoch, wenn nicht, wird es ausgesetzt.

Haldur:      Er sieht aus wie unser Briefträger.

Der Bub strampelt kräftig, um zu zeigen, dass er stark ist.

Dorf-Jarl:   Aber Haldur, bei uns gibt es keinen Briefträger.

Haldur:      Wieso haben wir denn keinen Briefträger?

Dorf-Jarl:   Weil es bei uns keine Post gibt, deshalb.

Haldur:      Und weshalb gibt es bei uns keine Post?

Dorf-Jarl:   Weil wir keine Briefe schreiben. Oder hast du schon einmal einen Brief geschrieben, Haldur?

Haldur:      Nein, habe ich nicht. Aber es wäre ja möglich, dass andere Briefe schreiben.

Dorf-Jarl:   Niemand von uns schreibt Briefe, weil wir nämlich keine Schrift haben.

Haldur:      Keine Schrift? Und was ist mit den Runen?

Dorf-Jarl:   Die brauchen wir nur für praktische Dinge.

Haldur:      Um aufzuschreiben, dass wir siebenunddreißig Helme erbeutet haben etwa?

Dorf-Jarl:   Nicht, ganz, wir drücken nur einstellige Zahlen aus. Alles über neun sind viele.

Der Bub weint jetzt bitterlich und sieht Haldur an. Er hebt ihn hoch.

Haldur:      Er soll Olaf heißen.

Baumarbeiten mit Wikinger

Baumarbeiten mit Wikinger

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25013

 




Der ewige Zug. (Sonett)

Auf butterweichen Schienen in der hellen Nacht,
da steht ein leerbesetzter Zug in voller Fahrt;
es murmelt in dem glattrasierten Schaffnerbart,
das stört des weißen Amselvogels Morgenwacht.

Dann bremst der Zug, dass das Geleise leise kracht.
Ein stummer Schrei ertönt von Hans und Hildegard,
die sich getrennt im Triebwagen haben gepaart;
derweil am Himmel strahlt der Sonne finst’re Pracht.

Indes der Zug fährt jäh vorbei am Tunnel – Schluss!
Er zerschellt am Felsen, zerspringt wie eine Nuss.
Die Lok dann trank vor Schreck ein Schlückchen Baldrian.

So fährt und fährt der Zug, was er im Reim wohl muss;
Doch hört, das Schlimmste, das passiert erst ganz am Schluss:
Der Zug erreicht sein Ziel – und kommt am Anfang an.

Bernd Watzka
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 24158




So ist er einfach

Habe von einem Bekannten die Nachricht bekommen, dass er mich am 35. Juli um 17 Uhr 90 im Cafe „Geht’s eh“ treffen will.

Als cleverer Mensch habe ich gleich für den 4. August um 18 Uhr 30 einen Tisch im „Geht’s eh“ für vier Personen bestellt.

Für mich, meinen Bekannten und unsere „Über-Ichs“.

 

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorien: schräg & abgedreht und Wortglauberei | Inventarnummer: 24132




Schneckilein

Schneckilein, Schneckilein
Willst du für mich mein Vorbild sein?
Kein Rasen – und ohne Eile
Gutes Ding braucht Weile
Immer langsam ohne Hast
trägst du deine Last
Um die vier Meter machst du in der Stunde
Sagt die Schneckenkunde
Dein Häuschen trägst du auf dem Rücken
Es ist so schön und zum Verzücken
wirst du müde, bist du gleich daheim
Ich beneide dich, denn das ist fein
Du brauchst kein Fahrzeug und kein Taxi
Du hast dein Häuschen immer „Buckelkraxi“

Copyright: Wilfried Ledolter

Copyright: Wilfried Ledolter

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 24130




„Smørrebrød“

Das Handy läutet. Peter Halacek nimmt das Gespräch entgegen. „Hello, here is Stockholm. Am I speaking to Mr Peter Halacek?” „Yes, you are.” Der Mann aus Stockholm spricht schlecht verständlich weiter. Da sagt Herr Halacek „Smørrebrød“. Warum, bitte, sagen Sie „Smørrebrød“? „Smørrebrød“ ist das einzige schwedische Wort, das ich kenne. Ich hatte auch „Hm“ oder „Ah“ sagen können. „Smørrebrød“ klingt da schon besser. Soll ich gegenüber Herrn Halacek anmerken, dass „Smørrebrød“ gar nicht schwedisch, sondern dänisch ist? Nein, besser nicht.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass der Anrufer Herrn Halacek nicht über den Gewinn des Literaturnobelpreises informieren will, sondern er Telefonverkäufer für eine irische Firma namens „Stockholm“ ist, die Badezimmerfliesen vertreibt.

Weiße Graffiti-Fliesen in der U-Bahnstation Landstraßer Hauptstraße

Weiße Graffiti-Fliesen in der U-Bahnstation Landstraßer Hauptstraße

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 24116




Der Esel furzt

Ich bin in einer äußerst unerfreulichen Situation. Was habe ich nur eingeworfen? Ich hätte meinen Dealer nicht wechseln sollen. Habe ich aber, ist passiert. Ich bestehe nur noch aus meinem Kopf, der so groß wie der Jupiter ist, also riesengroß. Ich schwebe im Weltraum. Ich frage mich, warum ich atmen kann, wenn es rund um mich keine Luft gibt. Das muss ein Traum sein, natürlich, ganz bestimmt! Ich kneife mich. Ich spüre Schmerz und wache nicht auf, weil ich nicht träume.

Man muss immer das Beste daraus machen, sagt mein Schwager stets. Er hat leicht reden, er schwebt nicht als Riesenkopf im Weltraum. Wenn das so weitergeht, werde ich noch an Langeweile sterben.

Doch es geht nicht so weiter. Ein gewaltig großer Esel nähert sich mir. Neben mir kommt er zum Stillstand. „Hallo“, sagt er. „Hallo“, sage ich, „Sag mal, warum kann ich dich eigentlich verstehen?“ „Keine Ahnung“, antwortet der Esel, „aber das ist ja gut. Dann können wir uns unterhalten.“ „Da hast du Recht“, sage ich, „wie lange bist du denn schon hier?“ „Weiß ich nicht“, sagt der Esel, „ich habe ja keine Uhr.“ „Aha“, sage ich.

„Isst du auch so gerne Heu?“, fragt der Esel. „Nein, das würde meine Ernährung billig machen“, sage ich, „aber mein Magen verträgt das nicht.“ „Meiner verträgt es auch nicht, wenn ich zu viel davon gegessen habe“, sagt der Esel. „Ich habe jetzt echt schlimme Verdauungsprobleme.“ „Wie äußern sich denn deine Verdauungsprobleme?“, frage ich. „Das wirst du gleich bemerken“, sagt der Esel. Er dreht seinen Hintern Richtung Sonne und furzt. Der Furz ist gewaltig laut. Das ist wieder so eine Anomalie, denn Schall breitet sich im Vakuum nicht aus.

Allerdings ist etwas Fürchterliches geschehen, das Sonnenfeuer ist ausgegangen! Unsere Sonne ist nun ein gigantisch großes Stück Holzkohle. Jetzt ist die Kacke am Dampfen, nun aber wirklich! Wie viel Pech ich habe, ist unglaublich!

Der hellbraun-weiße Esel in der Koppel in Nötsch am 29. Juli 2023

Der hellbraun-weiße Esel in der Koppel in Nötsch am 29. Juli 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 24111