1972er Cortina

Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bläue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist.

In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. Zu meiner Überraschung holte er mich mit einem relativ ungewöhnlichen Gefährt ab. „Das ist ein 1972er Cortina, ein Fahrzeug, wie es nur damals gebaut werden konnte. Amerikanisches Styling, englischer Motor, italienischer Name. Anfangs machte ich mir nichts aus Autos, aber später, so um das Jahr 2016, wuchs meine Nostalgie für die 1970er Jahre“, sagte er. Ich entgegnete ihm, dass ich das merkwürdig fände, da er zu dieser Zeit noch gar nicht geboren war, überlegte aber, ob ich selbst schon einmal für etwas Nostalgie empfunden hätte. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir ein, dass ich alte Filme aus den USA sehr mochte. Und das auch erst nach einer Zeit, in der ich – um es mit Pathos zu sagen – das Sehen gelernt hatte.“

Robert, der inzwischen das Fahrzeug gestartet hatte, um mit mir einen Ausflug zu machen, hörte mir gerade nur zu, ohne mich zu unterbrechen. Während ich um Worte für meinen nächsten Satz rang, fiel mir auf, dass das Interieur des Wagens den Zeitgeist verkörperte, der mir an den Filmen so gut gefiel: das etwas betulich Biedere, das einem andererseits auch das Gefühl von Geborgenheit und heiler Welt gab.

„Das Sehen lernen“, setzte ich meinen letzten Gedanken fort, „ist etwas, was sich bei mir mit der Zeit ergeben hat. Etwa mit der andächtigen Betrachtung des Himmels während einer Kaffeepause oder auch dem Fotografieren scheinbar belangloser Gegenstände wie dem eines Serviettenspenders in einer Eisdiele.“

„Das ist ein Sehen, das übrigens durch die amerikanische Kultur konditioniert worden ist“, sagte Robert, „wir alle denken, wenn wir von Sonnenuntergängen sprechen, an Bilder aus amerikanischen Western oder wenn wir – um deinen Gedanken wieder aufzunehmen – Serviettenspender sehen, an die Arbeiten der Fotorealisten. Ich möchte dem gerne hinzufügen, dass wir für solche Bilder umso empfänglicher sind, wenn wir einen gewissen Hunger danach verspüren.“ „Das klingt ja interessant“, unterbrach ich ihn. „Könntest du vielleicht einmal ein Beispiel dafür nennen?“ „Beispiele dafür wären ein Western am Freitagabend nach einer erschöpfenden Arbeitswoche oder die langersehnte Mittagspause in einem Diner. So etwas macht uns achtsamer für die kleinen, aber essentiellen Dinge des Lebens.“ „So wie im Zen?“, entgegnete ich. „Ja, so ähnlich könnte man es beschreiben.“

„Weißt du übrigens noch etwas?“, fuhr er fort. „Ja, lass es mich hören“, erwiderte ich.
„Als dieses Fahrzeug, in dem wir uns jetzt fortbewegen, präsentiert wurde, war das amerikanisierte Styling noch etwas Ungewöhnliches. Und weißt du, was der Hersteller getan hat?“, fragte mich Robert. „Etwa das Aussehen wieder europäisiert?“, mutmaßte ich. „Nein, die haben sich etwas viel Klügeres einfallen lassen. Nämlich eine Werbekampagne mit dem Slogan ‚The closer you look, the better it looks‘, so dass – um es mit deinen Worten zu sagen – die Kunden das Sehen gelernt haben.“

Für den Rest der Fahrt schwiegen wir uns an und genossen die Fahrt in Roberts 1972er Cortina. Dann fiel mir ein weiterer Gedanke ein, was ich mit den beschriebenen Gegenständen verbinde.

„Weißt du …“, begann ich zaghaft, „Weißt du, was mir von damals noch in Erinnerung geblieben ist? Als ich im Frühjahr 2007 in einem kleinen American Diner saß, öffnete sich für einen Moment die Tür zu den Räumen des Personals und heraus kam eine junge, freundliche Bedienung, die mir sehr gefiel und die mich anlächelte. Aber ich wusste leider nicht, wie ich mit ihr in Kontakt treten konnte.“

„Das ist immer schwierig, gerade wenn es sich um das Verhältnis zwischen einem Gast und einer Bedienung handelt. Die gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln sind da in der Regel zu abgedroschen und eine romantische Bemerkung wäre fast wieder zu aufdringlich.“ Robert konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, dann setzte er zur Antwort an: „Aber sicher wirst du noch einen Weg finden, dieser Situation von damals einen Sinn zu geben. Übrigens, wir sind gleich am Ziel, bei einem kleinen Adventmarkt in einem Dorf.“

Als wir ankamen, war alles verschneit, aber Robert hatte es nicht schwer, einen Parkplatz zu finden. Wir stiegen aus und mich überraschte das satte, mechanische Geräusch, das das Schließen der Türen verursachte.

„Das sah jetzt aus wie in einem Film“, rief uns jemand zu, der vor einer Glühweinhütte stand. „Ein sehr schönes Kompliment“, entgegnete ihm Robert. „Wie sind Sie denn darauf gekommen?“, fuhr er interessiert fort. „Ich dachte an den Wagen. So etwas sieht man heute nur noch in Filmen. Und mit einem modernen Fahrzeug wirkt das Ganze so unspektakulär“, bekam er zur Antwort. Da setzte ich mit einem Gedanken ein, den ich schon auf der ganzen Fahrt gesponnen hatte. „Wenn es für Sie wie im Film gewesen ist. Könnten Sie uns dann wenigstens erzählen, wie dieser Film ausgeht?“ Von diesem Moment an begann die Person zu fabulieren.

Michael Bauer

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Die Blüte der Magnolie

Mit dem Glück
ergeht’s mir manchmal
wie’s mir gerade eben
an meiner Magnolie
ergangen ist:
Ein Spiel des Winds
pflückte mir eine Blüte –
vollständig erhalten,
tulpenförmig, von
weiß-rosa, seidig-weicher
Schönheit.

Sie aufzufangen, in eine Vase
zu stellen, tagelang zu bewundern
schien mir lächerlich einfach.
Ich konnte mein Glück
kaum fassen!
Gerade breitete ich
meine Hände aus für
ihre ungefährdete Landung,
da wehte ein kräftiger Windstoß
die Blüte auf die Straße.

Traurig für die Magnolienblüte.
Traurig für mich.
Ein Glück für uns beide,
dass meine Magnolie
noch einen riesigen Strauß
voller Blüten besitzt.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen (Text und Foto)

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Katze

Die sternenklare Jännernacht bringt den Eiswind. 
Aber im Haus ist es warm, und du musst nicht hinaus,
bist ja nicht die Katze, die jagend im Dunklen sieht.

Die beleuchtete provisorische STW-Bushaltestelle Lannerweg der Linie 20 zur beginnenden Nacht des 11. Jänner 2023

Die beleuchtete provisorische STW-Bushaltestelle Lannerweg der Linie 20 zur beginnenden Nacht des 11. Jänner 2023

Johannes Tosin (Text und Foto)

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Im Bann des Windes

Der milde Hauch des Windes umweht mich,
ich lasse mich von der sanften Brise umgarnen.
Ruhig laufe ich durch einen Hain,
die Blätter einer Walnuss rascheln,
die Sonne durchtränkt die Baumkrone mit Licht.

Indes singen die Grillen ihr fröhliches Lied.
Ich lausche ihren Klängen,
glaube, darin alte Geschichten zu vernehmen,
von fruchtbaren Landschaften
und weitläufigen Tälern.

Ein Bach fließt neben meinem Pfad,
ich folge ihm, lasse mich treiben,
stets den Wind im Haar und im Rücken spürend.

Am alten Steinbrunnen halte ich inne,
in der Tiefe gurgelt die Quelle.
Das Echo beruhigt mich.
Ich drehe die rostige Winde,
der Holzeimer erscheint.
Das Wasser stillt meinen Durst,
es befreit mich vom Ballast der Sorgen.

Alles Schwere scheint vorüber,
alles um mich wirkt ruhig.
Nur das Flattern der Blätter ertönt.
Ich lasse mich weiter treiben,
vom Hauch des Windes.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

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Die Stadt der tausend Fragen

Es ist die Stadt der tausend Fragen. Ich muss achthundertfünfzig davon richtig beantworten, damit ich eingelassen werde. Ist die Stadt das wert? Die Stadt der Lichter, die der Neonreklamen, hell leuchtend auch in der Nacht.

Danke, ich verzichte, da lebe ich lieber in einer Jurte in der Mongolei. Dort sind mir die Sterne nah.

Die Discokugel in der Szene Wien am 6. Mai 2023

Die Discokugel in der Szene Wien am 6. Mai 2023

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26021




Das Helle und das Dunkle

Ich komme zurück.  
Langsam, aber bestimmt.
Ich erhelle jeden Raum, in dem ich stehe,
und lösche sein Licht, wenn ich ihn wieder verlasse.

Schnee hell unter Fichten dunkel

Schnee hell unter Fichten dunkel

Johannes Tosin (Text und Foto)

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Nussdorfer Spaziergang

Nussdorf ist Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, mit Weingärten am „Nussberg“.

Abends, nach dem Berufsstress, oder auch an ruhigen Sonntag-Vormittagen geht der Verfasser dieser Zeilen gerne am Nussberg spazieren. Der Weg ist festgelegt, die Zeit genau bemessen:

Vom „Nussdorfer Platzl“ geht es – durch einen „bis auf Widerruf gestatteten“ Durchgang – in die Hackhofergasse. Vor dem Haus Nr. 5 stehen drei Golf-GTI auf dem bisschen Gras herum, einer davon ohne Kennzeichen. Daneben das geschlossene Tor des ehemaligen Heurigen „Stift Schotten“,erbaut 1730, es weckt wehmütige Erinnerungen – wie an eine verlorene Geliebte. Viel zu selten ist man dort eingekehrt! Wie schön war es doch, mit der Frau bei einem Viertel Nussberger und einem saftigen Krautstrudel unter den großen alten Bäumen zu sitzen, ein gutes Wort zu reden, dem aufgehenden Mond zuzublinzeln und das Atmen der Zeit zu hören – eine blaue Stunde, eine Spanne der Schwerelosigkeit zu erleben. Was wird dem schönen alten Gebäude jetzt bevorstehen?

Links um die Ecke steht in der Nussberggasse 2b das „Schloss Dracula“. Als das Kind des Verfassers noch klein war und am Spaziergang teilnahm, war es ein beliebtes Spiel, den Häusern am Weg passende lustige Namen zu geben, und die wunderschöne Jugendstilvilla mit ihrer reichen Gliederung, den schmiedeeisernen Gittern und Laternen war infolge ihrer düsteren Lage hinter hohen Bäumen eben Schloss Dracula. Manchmal brannte ein einsames Licht oben im Dachgeschoß – da war Graf Dracula zu Hause. Seit einiger Zeit ist mehr Leben zu beobachten: Riesige Kristall-Luster brennen im großen Salon, schwere Limousinen fahren vor, an einem Sonntagvormittag drang sogar Klavierspiel aus einem offenen Fenster – eine neue Generation?

Nach der Hofeinfahrt des Schottenstifts in der Nussberggasse beginnt links das „Schiache-Leut-Ghetto“. Auf die Frage des Kindes, warum deren Reihenhäuser so tief unter dem abschüssigen Straßenniveau stünden, war die lustige Antwort, die Bewohner wären so hässlich, dass sie unterirdisch gehen müssten. Anschließend steht auf Nummer 11a-c das „Drei-Doktor-Haus“, ein brillant geplantes Dreifach-Reihenhaus, welches mit sehr wenig Platz in der Breite auskommt, aber vertikal und in die Tiefe des Areals genügend Raum bietet. Vom Beethovengang unten aus gesehen ist es ein stattlicher Besitz. Links wohnt ein praktischer Arzt. Der mittlere Bewohner hat keinen Titel am Türschild stehen, wird aber wohl auch ein Akademiker sein, um sich das schöne Haus leisten zu können, und rechts wohnt und residiert ein Augenarzt Dr. Heilig – welch ein schöner Name für einen Mediziner! Ein Heiliger hatte nichts mit Religion zu tun, sondern war ein Mann, der heilen, Kranke gesund machen konnte.

Gegenüber steht seit kurzem das „Stiegenhaus“, ein Neubau mit überdimensionaler Freitreppe, die aber auf einem winzigen Plateau mit je drei Stufen seitlich vom Hoftor endet – eine Freitreppe ohne freien Platz davor. Die gleichfarbige große Hundehütte daneben passt genau dazu. Neben dem „Drei-Doktor-Haus“ beginnt das „Schöne-Leut-Ghetto“, eine schöne weiße Wohnanlage mit viel braunem Holz, großen Fenstern und Loggien, extrovertiert auf Prestige gebaut. Es müssen hier – so der Verfasser zum Kind – lauter schöne Leute wohnen, die sich da wie in einer Auslage präsentieren. Die ehemalige Körperbehindertenschule vis-à-vis am Hang wird gerade abgerissen, vermutlich zugunsten einer neuen Bonzen-Siedlung an vornehmer Adresse.

Ein paar Schritte weiter steht (ohne Hausnummer) die „Arme-Leut-Villa“, eine große und einst stattliche, jetzt aber sehr verfallen und armselig wirkende Villa mit bis zum ersten Stock feucht abbröckelndem Verputz, die Fenster mit brauner Ölfarbe gestrichen. Die linke Mauer ist mit verwitterten Holzschindeln bedeckt, die Einfahrt vermoost.

Immer gut im Schuss ist hingegen – vor dem Friedhof – das „Milchreindl“, ein zeitlos moderner Bau: nahezu kreisrund, mit viel Glas und einem Flachdach. Die glaslosen Teile sind mit weißen Brettern vertikal verschalt. Souterrain und Erdgeschoß dienen Bürozwecken, der erste Stock ist Wohnung. Fallweise flattert – wie auf einem Bühnenbild – ein rotes Handtuch am Balkon.

An der Ecke Eroicagasse-Dennweg stößt man an das „Bettbrunzerhaus“, so genannt, weil vor einigen Jahren gegenüber ein offener Schacht gemauert wurde, in den lautstark ein Wasserstrahl plätschert. Krankenschwestern und Mütter wissen um die harntreibende Wirkung dieser Geräuschkulisse – und seither müssen, so die Vermutung, Bewohner mit schwacher Blase bei geschlossenem Fenster schlafen.

Das „Schwammerlhaus“ auf Dennweg 11a, das mit seiner gelblichen Farbe und dem dunklen, überstehenden Mansardendach an einen Herrenpilz erinnert, ist bei weitem schöner als die „Hatschek-Villa“ auf Nummer 15, die mit ihrer trostlosen Eternitverkleidung, dem Dach aus schwarzem Welleternit und mit rostigen Blechen eine negative Reklame für den bekannten Eternit-Hersteller macht.

Umso origineller ist das Nachbarhaus, der „Stadel“, dessen breite braune Holzverblendung über dem Eingang an eine Futterluke in einem Heustadel erinnert. Die „Garage“ mit ihrem großen orangefarbenen Blechschiebetor ist das sehr praktisch und raffiniert in den Hang gesetzte Nebenhaus des „Würfels“, der gleich breit wie hoch scheint und kein sichtbares Dach hat.

Das rustikale „Schweizerhäusl“ daneben würde wohl besser in den alpinen Raum über 1000 Meter Höhe passen und ist mit seinen rosigweißen, duftenden Rosenhecken ein Highlight des Dennweges. Das vorletzte Haus links ist die „Steuervilla“, in der – vermutlich wegen der steuerlichen Absetzbarkeit – gleich drei „Gesellschaften mit beschränkter Haftung“ ihre schwarzbesockten Managerzehen gegen den Kamin recken, während sie ihre abendliche Kartoffelsuppe schlürfen.

Der rosenstockbewachsene Bildstock des hl. Severin bildet den Abschluss des Dennweges gegen die Kahlenbergstraße. Rechts gegenüber liegt die „Hollywood-Villa“ in Schönbrunngelb und erinnert mit ihren vielen weißlackierten großen Terassentüren und Fenstern unter dem dunklen Mansardendach an eine nostalgisch-schöne Filmkulisse.

Nun ist der Umkehrpunkt erreicht, und beim Rückweg ist zu bedenken, ob nicht ein braunes „Whisky-Bier“ im Stüberl der Nussdorfer Brauerei ein passender Abschluss wäre. Bier ist ja bekanntlich gut gegen Herzinfarkt – und bei der Gesundheit sollte man besser nicht sparen!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25200




Gegenweiß

In der Welt ohne Licht
sind alle Farben eins.
Die Fingerspitzen sind die Augen.
Landschaften entstehen an der Rinde eines Baums.
Unbegrenzt ist die Sicht auf der flachen Erde.

Bäume am See
Bäume am See

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25145




Zwei belanglose Geschichten

Eins

Manchmal denke ich noch an damals, es muss ein Sommertag gewesen sein, zu Beginn der 2010er Jahre. Ich stieg in Heiligenstadt in die U4 und sah, dass eine junge Frau links von mir Platz nahm. Von ihr ist mir in Erinnerung geblieben, dass sie sich gleich auf die erste freie Bank hinter der Tür setzte und dass ihre Wangen rot waren. Ob ich sie damals angesprochen habe, weiß ich nicht, und wenn ja, dann sicher nur etwas Belangloses. Ich könnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob es eine Touristin oder eine Wienerin gewesen ist. Sie wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen, wenn nicht ihr Kleidungsstil dem einer guten Bekannten ähnlich gewesen wäre. Wohin sie fuhr, weiß ich leider nicht.

 

Zwei

An einem warmen Sommertag kam ich aus dem vierten Bezirk zurück. An einer Ampel sah ich eine junge Frau in Plateausandalen, die über die Straße ging. Dabei waren die Bässe aus einem vor der Ampel stehenden Auto zu hören. Die junge Frau schien im Rhythmus dieser Musik über die Straße zu gehen und stieg in die U4 in der Kettenbrückengasse ein. Ich weiß nicht, warum ich ein solches Glück hatte, aber sie stieg gemeinsam mit mir an der Haltestelle Friedensbrücke aus. Als sie die Station verließ, ging sie wieder bei einer Ampel über die Straße. Diesmal fehlte mir die Musik. Aber ich spürte ein kleines Glücksgefühl, sie in einem anderen Bezirk noch einmal sehen zu dürfen.

Ich bin mir bewusst, dass es so viele Menschen gibt, die nur an einem einzigen Tag die U4 benützen. Und ich weiß auch, wie flüchtig die Begegnungen der Menschen zueinander in der U-Bahn sind. Rückblickend hätte ich gerne den beiden Frauen etwas Nettes gesagt, aber ein ungeschriebenes Gesetz hält die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Distanz.

Natürlich weiß ich auch nicht, ob es den beiden Frauen gefallen hätte, angesprochen zu werden.

Gerne hätte ich ihnen aber die Wertschätzung zuteilwerden lassen, die sie verdient haben.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25122

 

 

 

 

 

 




Grau, schwarz, rot

Grau, schwarz, rot.
Willst du hier leben?
Rot, schwarz, grau.
Willst du nicht hier leben?
Gelb, grün, blau.
Sonne, Fotosynthese, Wasser.
Von hier stammt der Mensch.

Lichteffekte im Raum in Blau, Weiß und Rot

Lichteffekte im Raum in Blau, Weiß und Rot

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25106