Tsunami in Aspen

Copyright: Antonia H.

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Der Champagnerschnee Colorados stob unter den Skispitzen weg und die Schneekristalle prickelten auf Wangen und Stirne. Das Rattern der Helikopterrotoren verhallte, während das Flugvehikel in der gleißenden Sonne sich aufzulösen schien. Tiefblauer, wolkenloser Himmel breitete sich über der jungfräulich weißen Piste aus.
Im Dreivierteltakt zog die Gruppe der Skifahrer lange Schwünge durch den Pulverschnee, begleitet vom Knirschen der Skier, das einzige Geräusch, das diesen Winterzauber begleitete.
Sanfte Hügel ließen die Körper im Rhythmus der Bodenwellen sich zusammenziehen und ausdehnen. Der Geruch von Trillionen Schneekristallen kitzelte in den Nasenlöchern.

In der Ferne donnerten kleine Lawinen zu Tal, jedoch keine, die hier den geschwungenen Spuren der Bretter gefolgt wäre.
Doch plötzlich stahl sich unvermutet ein zunächst fernes Geräusch in die moderate Stille der Winterszene. Ein fernes verhaltenes Knurren. In den Geruch des Schnees mischte sich etwas Fremdes. Einer der Skifahrer wandte den Kopf zu seinen Sportgefährten, von denen niemand etwas zu bemerken schien. Unbeirrt zogen diese ihre Schwünge ins Tal.
Das Knurren wurde zum leisen Grollen.
In der Luft verbreitete sich ein leiser Duft von salziger Feuchtigkeit.
Der Skifahrer, der als Letzter der Gruppe seine Bahn zum Fuß des Berges zog, schwang ab, um zu lauschen. Die Skibrille sandte Blitze von den Sonnenreflexen in die Landschaft, als der Sportler den Kopf wandte, um die Quelle des Geräusches zu suchen.

Die Piste begann sich zu verfärben, changierte ins Bläuliche, dann ins Grüne, unter den Füßen bewegten sich Wellen von grünlichen Farbkaskaden mit weißen Säumen, die sich verbreiterten, zerrissen und wieder mit leisem Zischen formierten.
Längst war die Gruppe der Skifahrer mit ihren bunten Anoraks aus dem Blickfeld verschwunden.
Der Untergrund begann zu beben und zu schaukeln. Zu schaukeln? Die sanften langgezogenen Stöße, die die kleinen Schneebuckel an Skier und Fahrer abgegeben hatten, waren großen Wellenbewegungen gewichen.
Unter den Beinen des Wintersportlers schien der Schnee zu entgleiten.

Der Himmel war immer noch tiefblau, doch der Farbton wechselte nun unmerklich von sattem Samtblau in einen Farbton, der kühler, um nicht zu sagen distanzierter wirkte.
Der Blick ins Tal verirrte sich angesichts der seltsamen Farbkaskaden.
Was im hellen Sonnenlicht noch Konturen besessen, und von Licht und bläulichen Schatten definierte Landschaftsformationen gezeigt hatte, verschwand.
Der Untergrund, auf dem der Skifahrer in seinem schicken cremefarbenen Overall stand, schien sich nun zu verfestigen, während wenige Meter unterhalb scheinbar alles in Bewegung geriet. Die seltsamen Wellen wanderten bergab.
Die Luft schmeckte nun eindeutig salzig wie in einem Badeort am Meer.

Den Mann, auch wenn es angesichts der seltsamen Vorgänge müßig erscheint, ihn näher zu beschreiben, Mitte dreißig, sonnengebräuntes Gesicht, gutverdienend, wohnhaft in einer jener Megacities, die sich im 21. Jahrhundert wie im Regen aufschießende Pilzkolonien gebildet hatten, beschlich ein ungutes Gefühl. Es schien ihm nicht ratsam, sich weiter fortzubewegen.
Doch wusste er sich angesichts der Ereignisse, die begannen, sich zu überstürzen, keinen anderen Rat, als abzuwarten. Es war sinnlos, ein Mobiltelefon zu zücken. Nicht, weil es in dieser Höhe keinen Empfang gegeben hätte. Dieses Problem war technisch längst bewältigt.
Es hätte einfach nichts verändert, nichts gebracht. Er stand wie angewurzelt da, während sich unter seinen Skiern der Boden verfärbte und körnig wurde. Körnig … wie Sand.
Dort wo die Talsohle gewesen war, schien sich nun der Boden verflüssigt zu haben. Kleine blaugrüne Wellenkämme, zunächst noch transparent, dann immer kompakter, schienen ihm entgegenzulaufen.
Obwohl er nichts in seinen Beinen oder seinem Rumpf verspürte, hatte er den Eindruck, langsam zu sinken. Es war, als schwebte er mit dem Untergrund in Tiefen, deren Begrenzungen er nicht ausmachen konnte.
Gebannt vom Geschehen blieb ihm nichts anderes übrig, als zu beobachten.
Er konnte nicht fassen, was ihm widerfuhr, und kein Instinkt riet ihm, was zu tun wäre.

Doch dann erhob sich in der Ferne eine riesige Welle. Als ob das Element Wasser von langem Schlaf erwacht sei, stieg es aus seinem Bett auf und reckte sich gegen den Himmel.
Was sich aus der Vogelperspektive geboten hätte, die kleine einsame Gestalt eines Mannes im Skianzug auf einer Sandbank … nein, das lässt sich nicht beschreiben, denn niemand sonst sah, roch, fühlte und hörte das Szenario, das leise Zischen des Wassers, das ferne Grollen anderer brechender Wellen, das immer lauter wurde, das sprudelnde Geräusch, wenn Wellen starben, niemand kann das beschreiben, niemand anderer sah dies als der namenlose Mann.
Die Riesenwelle wuchs und wuchs und machte sich auf den Weg, in Richtung des starr stehenden Menschen in der nun völlig inadäquaten Aufmachung für Wintersport.

Was passierte bloß? Wie geschah ihm?
Was ist denn, Himmel … dachte der Mann, hob seinen Unterarm, immer noch die Skibrille vor den Augen.
Er schaute auf seine Uhr, eine geradezu lächerliche Handlung, angesichts der Ereignisse!
Dann begann er, an der Uhr zu fingern, während ihm heiß wurde. War’s die Luft, die sich erwärmte, die kälteisolierende Bekleidung oder die aufsteigende Angst? An der reich ausgestatteten Uhr, mit Knöpfen und allerlei Schnickschnack, fand er mit seinen Handschuhen, die er vergessen hatte auszuziehen, kaum einen Knopf. Währenddessen kam die Welle bedrohlich nahe. Kein Zweifel, sie würde ihn verschlingen. Der Geruch von Salzwasser intensivierte sich. Trotz des Skianzuges spürte er die herannahende Feuchtigkeit auf seiner Haut, am ganzen Körper, nicht nur im Gesicht.
Er fingerte und fingerte an seiner Uhr, umgeben vom Tosen der Naturgewalt. Keine Gedanken, nur der Wille, etwas zu tun, um zu entkommen. Zu tun, ohne zu wissen, wie entkommen, während eine massive Wasserwand ihn bedrohte.

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Ein sportlicher Mann, Mitte dreißig, mit braungebranntem Gesicht, leger gekleidet, betrat mit federndem Schritt ein Geschäft.
Es war ein seltsames Geschäft, clean, durchgestylt. Ohne Schnörkel, mit vielen Nebenräumen, die sich um den zentralen Verkaufsraum regelmäßig verteilten.
In Wahrheit waren es keine Geschäftsräume im klassischen Sinn. Man verkaufte hier nicht, man präsentierte, schulte ein, gab Proben. Klassische Geschäfte gab es nicht mehr. Dafür schicke Angestellte, die mit den Kunden in den Nebenräumen verschwanden, Nebenräume, die verschwenderisch bequem ausgestattet waren, mit ausladenden Sitzmöbeln, im Vergleich zum Verkaufsraum fast schon opulent.
Einer der Nebenräume hatte die Aufschrift: Implement. Ein anderer: Service.
Eine recht hübsche Angestellte empfing ihn. Die Firmenleitung hatte die Angestellten geschult, dass sich jeweils eine weibliche Person um einen männlichen Kunden und ein attraktiver Mann um weibliche Kundschaft zu kümmern hatte, wenn diese mit abgespannter Miene den Laden betraten. Denn dann galt es, Reklamationen abzufedern.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Gute Frage, nach dem, was ich erlebt habe. Oder sagen wir, überlebt habe.“
„Ach, wollen wir uns nicht in unseren speziellen Beratungs- und Serviceraum zurückziehen? Sie klingen, als ob Sie mir Wichtiges zu sagen hätten?“
Die hübsche Brünette deutete in Richtung des Raumes und beide begaben sich, er eher zögernd, sie subtil bestimmend, in den in sanftem Grün gehaltenen Beratungsbereich. Der zeichnete sich durch angenehmes Ambiente, bereitgestellte Getränke und Snacks aus.
Der Mann ließ sich in den Ohrensessel fallen, während die Frau sich auf einen nicht minder bequemen, aber einfacheren Stuhl an seine Seite setzte.
Dann lehnte er sich vor, durchaus bereit, jederzeit aufzuspringen.
Er fingerte an seinem Handgelenk. Dort befand sich eine schwarze, eher größere Uhr mit allerlei befingerbarem Beiwerk ausgestattet. Er öffnete den Verschluss, hielt sie ihr hin.

„Das Ding ist Müll. Das hat mich fast um den Verstand gebracht.“
„Was ist passiert?“, fragte sie mit geschulter, sanfter Stimme.
„Dieses verdammte Ding hat einen Programmkonflikt gehabt. Ich wäre fast in einem Tsunami umgekommen.“
„Unsere Naturkatastrophen sind ereignisstabil programmiert.“
„Ich hab kein Naturereignis eingestellt, sondern Heliskiing in Aspen.“
„Sind Sie sicher, dass dieses Steuerungsgerät verantwortlich ist und nicht der Mentalchip, der Ihnen von unserem Vertragspartner implantiert wurde?“
„Wieso soll ich das wissen? Das müssen Sie wissen“, sagte der Mann ungehalten und deutete mit beiden Händen energisch auf die Frau.
„Sie haben Recht. Abgesehen davon kann der sensorische Chip keine Probleme bereiten, er übermittelt ja nur neuronale Sinnesreize, die das Programm bereitstellt.“
„Hören Sie, Ihre Erklärungsversuche sind mir einerlei. Ich war in einer besch… gefährlichen Situation.“
„Ihnen kann nichts passieren. Sie haben es mit virtuellen Realitäten zu tun. Ziemlich realistisch, aber künstlich.“
„Mein Körper hat darauf ganz und gar nicht künstlich reagiert!“
„Bitte missverstehen Sie mich nicht, aber für Ihre körperlichen Reaktionen auf unsere Programme können wir keine Haftung übernehmen.“
„Ach, haben Sie das irgendwo in den Unterlagen angegeben? Haben Sie überhaupt Informationen zu Risiken bereitgestellt?“
„Welche Risiken? Nichts, was Sie erleben, passiert wirklich. Sie sind völlig sicher.“ Die junge, recht attraktiv gekleidete Frau reckte ihren Oberkörper und nahm ihre Schultern zurück, während sie ihren Kopf ein wenig senkte und leicht zur Seite neigte. Zudem kippte sie mit weiblichem Kalkül ihre Knie etwas nach links.

Er lehnte sich etwas zurück und rieb sein Kinn. „Nach dem, was mir passiert ist, nehme ich Ihnen das nicht ab. Bevor wir auf Detailfragen herumreiten, was können Sie mir als Kompensation anbieten?“
„Nun, wir haben ein neues Modell für die Programmsteuerung. Wir haben unsere Programmpalette diversifiziert. Wir bieten verschiedene Erlebnisszenarios nach ihrem Emotionsspektrum gesondert an. Ein Programmkonflikt sollte ausgeschlossen sein. Das Steuerungsgerät ist günstiger, Sie können außerdem verschiedene Erlebnisqualitäten austauschen, indem Sie einfach Module austauschen, die Sie bei uns erwerben können.“
„Kein Interesse. Mir reicht’s. Ich habe ohnedies einen Einkommensverlust, ich war eine Woche nicht arbeitsfähig. Adrenalinschock. Ich gebe Ihnen die Steuerung zurück und Sie ersetzen mir den halben Kaufpreis. Immerhin hatte ich das Ding vier Monate.“
„Das wäre schon möglich. Allerdings müssen Sie auch das sensorische Implantat bei uns entfernen lassen. Patentschutz.“
Der Mann erhob sich ruckartig vom Sessel. Ihm platzte offensichtlich der Kragen und wahrscheinlich hatte er ein Flashback, durchlebte also Teile des vergangenen Katastrophenszenarios. Jedenfalls rötete sich sein Gesicht: „Sie und Ihre virtuelle Realität. In meinem Hirn kramen Sie nicht mehr virtuell und auch nicht reell herum! Sie hören von meinem Anwalt!“

Der Mann verließ fluchtartig Beratungsraum und Geschäft. Auf dessen farblich changierender Fassade prangte die Aufschrift: Virtutrip. Wirklicher als die Wirklichkeit

Kurz darauf konsultierte der Mann, ein virtuell verunglückter Reisender, seinen Anwalt. Einen, der darauf spezialisiert war, Klienten auch bei Unfällen virtueller Art zu vertreten. 68% aller Reisen rund um den Globus wurden nun nicht mehr über Reisebüros, sondern über sogenannte Virtual-Reality-Companies gebucht. Die meisten Touristenattraktionen waren ökologisch ausgelaugt, leblose verschrumpelte Hüllen einstiger Reiseziele und nicht mehr in der Lage, im Entferntesten noch jene Klischees zu erfüllen, wie man sie in Reisemagazinen fand. Wer sich hinbegab, riskierte seine Gesundheit und psychische Stabilität.

Als der virtuelle Abenteurer, Namen sollen diskreterweise nicht genannt sein, seinen Anwalt in Kenntnis setzte, musste er natürlich genau darlegen, wie er der Katastrophe entkommen war.
Das hätte er lieber vermieden, es war ihm äußerst peinlich, aber dieses Detail durfte er seinem Rechtsbeistand nicht vorenthalten. Er hatte sich nämlich, als sich die Riesenwelle letztendlich unmittelbar vor ihm auftürmte, in die Hose gemacht. Sein vegetatives System hatte die virtuelle Realität auf der Stoffwechselebene umgangen.
Geruch und Wärme seiner Angstdiarrhö hatten einen Wahrnehmungskonflikt verursacht, der ausreichte, aus der künstlichen Wirklichkeit auszusteigen und sich für wenige Sekunden in seinem Wohnzimmer wiederzufinden, von dessen Couch aus er anfänglich die Hänge von Aspen hinuntergewedelt war, um albtraumhaft in ein hawaiianisches Tsunamiszenario hineinzukippen.
Er schleuderte instinktiv seine Steuerung weit genug von sich, dass sie, die mittels elektrischem Hautwiderstand arbeitete, ihr Programm nicht mehr an den implantierten Chip weiterleiten konnte. Seine Sinne leiteten nunmehr ungekünstelte Realität weiter, die weder angenehm roch noch sich erhebend anfühlte.
An diesem Punkt der Sachverhaltsaufnahme zuckte der Anwalt übrigens mit keiner Miene. Als Spezialist für virtuelle Desaster war er einiges gewohnt, besonders von männlichen Klienten …

Recht bald nach dem Erstgespräch machte sich der Advokat an die Arbeit.
Er konsultierte als Erstes einen technischen Sachverständigen, einen Ex-Computernerd.
Der Sachverständige für virtuelle Wirklichkeit forderte ein intaktes Set an, um dessen Funktionen zu testen. Dazu benötigte er übrigens kein Implantat, sondern er verwendete einfach eine jener verkabelten Hauben, mit denen man Hirnströme messen konnte und die er entsprechend präpariert hatte. Dann hörte man wochenlang nichts mehr von ihm.
Nach fast zwei Monaten versuchte der Anwalt, seinen Spezialisten zu erreichen.
Er wusste immerhin, dass selbst bei guter Auftragslage Tests nicht so lange dauerten, zumal Adrenalin die Zeitwahrnehmung ausdehnte, während die virtuellen Trips erstaunlich kurz waren.
Doch zwei Monate waren ungewöhnlich lange. Immerhin war es unmöglich, dass Virtureisende in das künstliche Szenario hineingesogen werden konnten, da ja die Abenteuer im Kopf abliefen und die perfekte Illusion für alle Sinne aufbereitet wurde, ohne dass jemand wirklich seine Fantasie bemühen musste. Es war kaum verwunderlich, dass der Anwalt so viele im Grunde langweilige Klienten ohne besondere Vorstellungskraft hatte …

Als der Spezialist für virtuelle Rechtsfragen seinen Sachkundigen endlich kontaktieren konnte, wurde er mit einer Überraschung konfrontiert. Der Ex-Nerd weigerte sich nämlich, mit seinem Auftraggeber zusammenzuarbeiten.
„Was heißt das, Sie wollen nicht mit mir kooperieren?“, fragte der Anwalt monoton am Telefon.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kooperiere mit Ihnen, aber nicht in diesem Fall. Ich kann Ihnen keine Expertise ausstellen.“
„Ich erinnere Sie daran, Sie sind vertraglich gebunden.“
„Ich bin vertraglich verpflichtet, Ihnen alles zuzutragen, was Ihrer Arbeit dienlich ist. Hier wäre es kontraproduktiv.“
„Inwiefern?“
„Nun, Ihr Klient hätte keine Chance auf Kompensation.“
„Das ist wohl meine Aufgabe, das zu beurteilen.“
„Nein, er wird nichts bekommen. Es gibt ein Faktum, das sich bei meinen Recherchen ergeben hat.“
„Und das wäre?“
„Nun, ich habe den Tsunami geritten.“

Der Anwalt konnte nicht sehen, wie der Computernerd, ein Mann mit Halbglatze und gewelltem rötlichen Haarkranz in braunem Cordanzug fröhlich auf seinen Zehen wippte.
„Was meinen Sie?“, fragte der Anwalt mit Nachdruck, während er sich vorbeugte, als könnte er der Person seines Sachverständigen habhaft werden.
„Ihr Klient hätte, statt sich in die Hose zu machen, den Tsunami reiten können …“
„Und?“, fragte der Anwalt, während er eine erfolgreiche Vertretung seines Klienten ihm gerade entgleiten sah.
„… Jeder nimmt wahr, was er will. Wer fantasielos ist, hat Pech gehabt.“
Dem Advokaten stieg Hitze ins Gesicht. Ihm schwante, dass sein Beruf, der so sehr auf Fakten aufbaute, angesichts der Hybris der Illusionen und Sinnestäuschungen auf verlorenem Posten stand.

(vor einigen Jahren veröffentlicht in der Literaturzeitschrift WHYNICHT?)

Antonia H.

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Wolke

Ich ziehe mit einer Wolke über den Himmel. 
Ich bin so leicht, dass ich auf ihr sitzen kann,
aber nicht noch leichter, sonst würde ich weiter aufsteigen.
Über mir scheint die Sonne.
Es ist wunderschön.
Ich bin völlig mit mir im Reinen.
Ich muss auch nicht essen oder trinken, weil ich bereits tot bin.
Dafür kann ich schlafen, wenn ich will, um meine Gedanken zu ordnen.

Die Sonne über dem Wörthersee mit dem Wolkenband am 15. Januar 2020

Die Sonne über dem Wörthersee mit dem Wolkenband am 15. Januar 2020

Johannes Tosin (Text und Foto)

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Geräte

„Schalten Sie bitte nicht die Geräte aus, sonst sterbe ich“, sagte der Patient. „Wir haben die Geräte bereits ausgeschaltet. Sie sind schon tot“, sagte der Arzt. „Wenn wir nun die Verbindungen der Geräte zu Ihnen lösen, werden Sie zur Decke schweben.“

Der Arzt kappte die Verbindungen. Der Patient schwebte langsam hoch. Als er an der Decke angekommen war, lachte er, wie er in seinem Leben niemals gelacht hatte.

Die beleuchteten Parkplätze im Landeskrankenhaus Klagenfurt im Schnee des 21. Januar 2023

Die beleuchteten Parkplätze im Landeskrankenhaus Klagenfurt im Schnee des 21. Januar 2023

Johannes Tosin (Text und Foto)

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Rallye mit Marcello

Ein Oldtimertraum mit Emanzipationsbestrebungen

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Marcello hat zugesagt! Ja, der alterslose Schauspieler mit triefendem Blick, der dem hungrigsten Dackel Konkurrenz macht, begleitet mich mit seiner Tochter Chiara auf der wohl ungewöhnlichsten Rallye Frankreichs, der Bonnecar, von Saint Malo bis Cassis.

Wir befinden uns in einem fantastischen Oldtimer, einem eleganten Raubtier, das, von mir gezähmt, ohne Hektik über den Asphalt gleitet. Ein Mercedes 540 K? Ein Peugot 300?  Im Leben kenne ich mich mit Autos nicht aus, Hauptsache, sie sind hübsch und machen was her. Der Motor rattert, als habe ihn ein Tontechniker der Nouvelle Vague getrimmt.

Das Singen der Räder verrät, ob die Straßen gepflastert oder geteert sind. So kann ich, nachdem mein Auto mit lässigen 35 km/h durch Saint Malo defiliert, gemütlich die altmodischen Auslagen, die sich entlang des Trottoirs unter gestreiften Markisen aneinanderreihen, betrachten. Sie zeigen allesamt ein Repertoire der Dinge aus den Fünfzigerjahren und die Beschattung lässt sie wie eine Gemäldereihe aus lauter Stillleben mit nachgedunkeltem Firnis erscheinen.

Marcello und seiner Tochter scheint es zu gefallen. Ja, der alte Marcello grinst sogar in meinen Rückspiegel, weil ihn die Fahrt an längst vergangene Drehtage erinnert.

Als wir das Stadtgebiet verlassen und den Sammelparkplatz für die Rallyeteilnehmer ansteuern, tuckert vor uns ein ganzer Konvoi oranger 2CVs, von denen jeder mit Nonnen in weißem Habitus bestückt ist. Die Nonnen tragen lichte gigantische Flügelhauben und es ist verwunderlich, dass sie in ihren Entencabrios nicht abheben, denn die Ausmaße ihrer Hauben machen Segelfliegertragflächen gewaltig Konkurrenz. Wäre lustig, sie so über die lieblich gewölbten Grashügel schweben zu sehen. Vor dem dunklen Grün des dahinter gelegenen Mischwaldes kommt das Orange der Citroens besonders gut zur Geltung.

Während die weiteren Autos wohl die nobelste und kreativste Ahnengalerie des KFZ-Designs vertreten, scheinen deren Chauffeure einem surrealen Film entsprungen zu sein.

Das wird ein Rennen, denke ich und schiele zu meinem Latin-Lover-Insassen, der keine Miene verzieht, während mich ausgerechnet eine von einer Bulldogge gesteuerte blaugraue Isetta überholt.

Vom Parkplatz aus geht es nach der Verteilung der Startnummern und einem ordentlichen Chaos zum Hafen.

Marokkaner  lauern entlang der Straße, um ein paar Centimes mit Windschutzscheibenputzen zu verdienen. Der Anblick altmodisch gekleideter Flics scheint allerdings ihren Eifer zu dämpfen. Dabei wirken diese mit ihren tonnenförmigen Schirmmützen und den mit weißen Streifen abgesetzten, nicht uncharmanten Uniformen geradezu fröhlich. Ihre weißen Stulpenhandschuhe blitzen im gleißenden Sommersonnenlicht.

Chiaras und Marcellos amüsierte Mienen verraten, dass sie an diesem Sommertagereignis ihren Spaß haben. Chiaras dunkle Augen wetteifern mit ihrem Muttermal am Kinn, das Gesicht zu interpunktieren.

Da ertönt der Startschuss zu einem Trip von Saint Malo über Rennes, Le Mans, Tours, Bourges, Lyon, Avignon bis nach Cassis, alles auf den hübschesten Nebenstraßen, welche die Nord-Südroute zu bieten hat.

Ich fasse mir ein Herz und frage die Tochter der Deneuve, wie ihr Papa denn privat so sei. Er sei doch als Schauspieler anders als als Mensch?

Marcello hebt seine Hände, die im Fahrtwind zu flattern scheinen, und grinst. Die Landschaft zieht nun als eine Art bunter Schliere an uns vorüber.

„Fragen Sie Papa oder Maman“, meint Chiara. Marcello dreht seinen Kopf zur Frucht seiner Lenden und blickt sie bewundernd an. Ansonsten beschränkt er sich optisch darauf, der italienische Prototyp von Mann zu sein, und ich wünsche, seine etwas rasselnde Stimme würde es mit dem Motorgeräusch meines Fahrzeugs über eine längere Wegstrecke aufnehmen. Er wie seine Tochter scheinen von dem Szenario der Oldtimer und ihrer Fahrer gefesselt.

Nach einer kurzweiligen Kilometerfresserei rollt der Konvoi verlangsamt kurz vor Le Mans an Bauschächten vorbei. Ich springe fast abrupt auf die Bremse meines ohnedies im Schritttempo fahrenden Oldtimercabriolets. Marcello und Chiara, die hinter mir im Fond sitzen, stützen sich an den Lehnen der Vordersitze ab und schauen so verdutzt, wie sie es nie in irgendeiner Filmrolle je getan hatten.

Neben uns klettert ein rothaariger Mann aus einem Schacht, der seine etwas zu langbeinig geratenen Bermuda-Shorts beinahe verliert. Die Taschen sind ausgebeult und sehen grad so aus, als habe der Mann ein Arsenal an Bleigewichten darin deponiert. Ich habe keine Lust, die Ansätze seiner Pobacken zu betrachten, von denen ich mir mit Schauder ausmale, dass noch knapp vor der Pofurche ein Büschlein roter Haare sprieße.

Chiara verdreht die Augen, lacht aber dann. Die Flügel der Nonnenhauben, welche aus den 2CVs vor uns ragen, wackeln kaum, während uns die völlig ungerührte Bulldogge in ihrer Isetta überholt, als ob sie noch nie an uns vorbeigezogen wäre. (Wo bitte ist dieses Tier abgefallen?) Der plattschnäuzig am Steuer klebende Hund würdigt den Bauarbeiter, der nun abseits der Straße hinter ein paar Bäumen verschwindet, keines Blickes.

Es geht weiter mit jenem sanften Gleiten, das vielen Reiseträumen zu eigen ist, aber ein wenig das Vibrieren rassiger Chassis vermissen lässt.

Das alte Le Mans, das kurz nach dem Zwischenfall auftaucht, entschädigt mich für die prosaische Rückenansicht.

Marcello bedeutet mir, er wolle in der milden Sommerwärme ein Stück neben dem Wagen herlaufen und sich dabei eine Zigarette anrauchen.

Die Reise setzt sich dennoch zügig fort, nachdem der Schauspieler ohne Mühe und sich mit seiner Tochter unterhaltend das Tempo Zigarettenlänge für Zigarettenlänge bewältigt. Tours, Bourges und Lyon sind passiert, ohne dass das kleine Rauchpäuschen des Italieners sonderlich Auswirkungen auf unser Fortkommen gehabt hätte.

Seit einiger Zeit begleitet uns ein fliederfarbenes Wolkengebilde auf unserer ruhigen Fahrt.

Obgleich die Landschaft zwischendurch außerordentlich lieblich ist und die Städtchen und Ortschaften echte Erlebnisse bieten, wünsche ich mir doch mehr Abwechslung. Die gesamte Strecke von tausend Kilometern ist zwar wie im Flug geschafft, doch an den Kontrollpunkten bin ich außer den Nonnen und der Bulldogge niemandem begegnet. Es gibt keine Überholduelle, kein großartiges Kurvendriften; die Dramaturgie meines Traumes schwächelt.

Doch da blitzt etwas Silbriges am Horizont auf.  Mit geradezu rasender Geschwindigkeit nähert sich uns auf der hügeligen Landstraße ein Aston Martin DB 5.

Im Rückspiegel sehe ich, wie der orange Konvoi nervös zu beben scheint, während vor mir die Isetta, dieses entzückende Stückchen BMW, das mich wieder einmal unbemerkt überholt zu haben scheint, durch die Luft fliegt, und ich bilde mir ein, dass abwechselnd links und rechts aus den Seitenfenstern Bulldoggenohren zucken.

Kaum bei mir angelangt, stellt sich der silberne Blitz auf der Straße quer. Eine erneute Vollbremsung ist angesagt, welche in traumhaftem Zeitraffer Marcello und Chiara gegen die vordere Sitzreihe wirft.

Doch es ist weder ein Hund noch eine Nonne (welche für einen derartigen Schlitten selbst in meinen skurrilsten Träumen völlig unpassend wären), auch kein smarter Engländer in grauem Spionsflanell, der sich so rasch wie möglich aus dem Wagen schraubt. Sondern der Bauarbeiter mit den blitzenden Pobacken.

„Leute, die Rallye ist zu Ende“, meint er schnaufend, und ich wundere mich, wie dieser doch etwas korpulente Mann in den Aston-Martin gelangen konnte.

Er steuert auf unseren Wagen zu, dessen Karosserielack stumpf wird, als weigere er sich, diesen unadäquaten Fahrer widerzuspiegeln. Auch meine Mitfahrer scheinen nicht angetan zu sein.

„Was heißt, die Rallye ist zu Ende“, erwidere ich.

„Die Bonnecar wird hier abgebrochen.“

„So ein Blödsinn. Das ist mein Traum.“

„Ihr Traum? Sie sind nicht befugt, einen Automobiltraum zu träumen.“

„Bin ich nicht?“

„Sie sind eine Frau, die sich mit Autos nicht auskennt, zwei-CVs mit Nonnen mit Flügelhauben besetzt und Isettas mit Bulldoggen.“

„Na und? In der Fantasie ist alles erlaubt.“ Ich drehe mich zu meinen Fahrgästen.

Marcello schweigt, doch Chiara mischt sich ein. „ Wir freuen uns, in so einem hübschen Wagen zu sein.“

„Abgesehen davon“, setze ich mit schneidend scharfer Stimme fort, „was haben Sie in dem geschmacklosen Aufzug im Aston-Martin zu suchen?“

„Das Gleiche, was Sie in dem Hybrid von Peugeot und Mercedes verloren haben.“

„Wie gesagt, ich setzte mich in die Karosse, die mir gefällt. Und wenn eine Mischung aus Peugeot und Mercedes besser aussieht als jedes dieser Vehikel für sich, dann ist das der Rallyeteilnehmer meiner Wahl.“

„Sie sind wohl blöd? Keine Ahnung von Autos, aber unmögliche Hirngespinste!“

„Ja genau. Als ob ihr Kerle keine bescheuerten Fantasien hättet.“

Der Mann steht jetzt ungemütlich nahe an meinem Seitenfenster. Ich wünsche mir, ich hätte die kleinen Zusatzgeräte, die die Bond-Fahrzeuge haben, um diesen Kerl wegzupusten.

„Frau und Automobiltraum geht gar nicht“, blafft der Mann.

„Geht doch, wie Sie sehen. Wieso Sie drin vorkommen, ist mir allerdings ein Rätsel.“

„Mir nicht. Klasseautos ohne Kerle gibt es nicht. Sie haben sich ja sogar einen Papagallo in den Fond gesetzt. Hätten Sie ihn wenigstens ans Steuer gelassen.“

Der Mann deutet anklagend auf Marcello.

„Sonst noch was.“ Ich schüttele mich. Herrn Mastroianni selbst im Traum als Papagallo zu bezeichnen, ist nicht nett. Der Prolo hat wirklich keinen Stil.

„Ich wette, Sie würden sich eine Blondine in Ihren Aston setzen, wenn Sie könnten. Aber nochmal. Das ist mein Traum.“

Der Bauarbeiter, oder wer immer er auch sein mochte, zuckt mit den Schultern und guckt mich schief an.

„Wenn das Ihr Traum sein sollte, warum zum Teufel komme ich drin vor?“

„Eingeschlichen?“, vermute ich.

„Nö. Vielleicht Männerquote.“

Es ist nach längerem das erste Mal, dass der Traum mir wieder gefällt. Vielleicht, weil in einer klassischen Männerdomäne endlich ein Quotenmann vorkommt. Ich beschließe, diesen Typen in meinem Traumgespinst zu belassen.

Als ich in Cassis einfahre, mich nicht darum scherend, ob ich nun Erste, Platzierte oder Letzte bin, steht mein Quotenkerl mit dem eigentlich tadellos konservativen Autogeschmack an der Straße und winkt mir freundlich zu.

Seine Shorts hat er auch hochgegürtet.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 25224

 




Transparency

Du vergehst.
Die Sonne scheint durch dich.
Ich höre nichts mehr von dir,
keinen Laut, kein Geräusch.

In längstens zwei Minuten bist du nicht mehr hier,
oder du bist hier, aber ich nehme dich nicht mehr wahr.
„Komm zurück!“, würde ich dir gern zurufen,
doch es wird nichts nützen.

Hängende durchsichtige und dunkelblaue Flaschen im Südpark

Hängende durchsichtige und dunkelblaue Flaschen im Südpark

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26002




Smartphonefotos

Ich mache gern Fotos, wenn ich von meinem Dorf in die Stadt gehe, vom Kleinen See, von Plakaten, von Schaufenstern, natürlich von Leuten. Ich fotografiere alles, was mir interessant scheint. Ich sehe mir diese Fotos in der Galerie meines Smartphones aber nie an.

Erst als ich sie auf meinen Computer gespielt hatte, bemerkte ich es: Sie waren alle entweder komplett weiß oder völlig schwarz. Auf ihnen war nichts außer Licht oder Finsternis. Offensichtlich machte ich die weißen am Tag und die schwarzen in der Nacht. Natürlich ist mir klar, dass nicht alles nur weiß oder nur schwarz sein kann. Zumindest muss es Abstufungen geben.

Was war mit meinen Eindrücken passiert? Wahrscheinlich hatte ich gar keine. Wie kann das sein? Kann das sein? Ihr Leute, die ihr draußen seid, helft mir, wenn ihr könnt!

Oder ist hoffentlich nur mein Smartphone defekt? Schließlich ist es ein billiges Modell.

Hinter dem Marterl geht am 3. Mai 2025 die Sonne auf

Hinter dem Marterl geht am 3. Mai 2025 die Sonne auf

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26030




Herzblut

Es war still geworden auf dem Herzplaneten. Gefährlich still. Nicht wohltuend still oder erlösend still. Auch nicht nachdenklich still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Sturm zu sein, eine beunruhigende, herzzerreißende Stille. In der die Luft vor Anspannung knisterte, in der Kehle brannte, wenn man sie atmete, und das Herz nicht mehr sättigte, die Lebewesen nicht mehr füllte. Nicht mehr erfüllte, nicht mehr stillte.

Vielleicht war es ein Wechsel der Gezeiten, ein neuer Anfang, vielleicht aber auch das Ende von allem. Ein plötzlicher Herztod. Denn der Planet pulsierte nicht mehr, und das war schlimm, weil sein rhythmisches Schlagen nicht nur die blutrote Erde belebte, nährte und alles, was auf ihm existierte, miteinander verband, sondern auch für das gesamte Universum, dessen Zentrum er bildete, eine unverzichtbare Konstante war.

Durch das Weltall schallte sein Pochen, unverkennbar gleichmäßig und ungefähr sechzig bis siebzig Mal pro Minute. Es ordnete, stabilisierte, verband und versicherte, war die Basis für alles Leben und Wachsen im All, gab Zuversicht und die Sicherheit, dass alles gut war, so, wie es war.

Die Ausmaße der Stille waren verheerend, und deshalb konnte das Universum froh sein, dass es einen kleinen Funken Hoffnung gab, wenn der Wind sich noch drehte und die vorhergesagten Eisstürme ausblieben. Denn die Komplexität der sich eingestellten Veränderung hatte die Wettervorhersage massiv erschwert, in weiten Teilen des Herzplaneten sogar unmöglich gemacht, und man tat gut daran, sich nicht mehr auf sie zu verlassen.

So kam es, dass sich ein paar wenige, weise Urbewohner, Coresianer genannt, die sich die Demut vor dem Leben bewahrt und noch nicht verlernt hatten, auf den eigenen Herzschlag zu hören, zusammenschlossen, um etwas zu tun. Sie besaßen genug Mut und Lebendigkeit im Herzen, um aufzubegehren, weil sie einer Minderheit angehörten, die dem derzeit vorherrschenden, radikalen Trend, sich einen eisernen Herzpanzer zuzulegen, nicht unüberlegt folgten. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur das große Glück, dass ihr Herz noch nicht so oft gebrochen war. Und damit auch nicht ihr unerschütterlicher Glaube an das Gute.

Ihr Blick nach außen war offen und ungetrübt, was an ihrer frei beweglichen Herzspitze lag, die dafür sorgte, dass ihre Gedanken im Fluss blieben und sich nicht in starre Muster verirrten. Und weil sie regelmäßig ihren Herzmuskel trainierten, waren ihre beiden Herzhälften im Gleichgewicht. So blieben sie frei von Hass, hörten noch das Zwitschern der Vögel und standen im Licht der Sonne, die sie jeden Tag aufs Neue mit Herzenswärme betankte.

Natürlich waren sie sich der großen Gefahr bewusst, in die sie sich begaben, denn in den weit geöffneten Herzen, mit denen sie sich aufmachten, floss ihr Herzblut in einem tiefen, samtigen Rot. In einem Rot, so wie man es nur selten sah. Ein Rot, das sich nur zeigte, wenn man auf dem Zenit seiner Kraft stand. Wenn das Herz lauter war als der Kopf und man bereit war, sein Herzblut ungehindert fließen zu lassen. Dann, und nur dann, konnte das Undenkbare möglich werden. Weil man berührbar war und ungehaltene Freude ebenso tief empfunden wurde wie herzzerstörerische Verletzung.

„Genau das sollte unser Ziel sein“, sprach der Älteste in der Runde, einer der wenigen, die noch das Herz auf der Zunge trugen, „alle Coresianer sollten sich wieder im Herzen berühren lassen, um ihrer ureigenen Stimme zu folgen! Damit hätten wir schon viel erreicht.“

„Das ist wohl wahr“, stimmte ein anderer eifrig zu, einer, der ganz Herz geworden war, dem man die tiefe Berührbarkeit unmittelbar ansah, denn eine Vielzahl von Spuren und Abdrücken zierten seine Gestalt, ebenso wie klaffende Wunden und schmerzhafte Risse. „Genauso wichtig wäre es jedoch, wenn es ein Geben und Nehmen wäre, wenn man sich zum Ziel setzte, auch andere mit guten Gedanken, Worten und Taten zu berühren, sich zu verbinden und wieder verbindlicher zu werden.“

Was er sagte, fand großen Anklang. Einige nickten zustimmend, andere ließen ihre Herzen laut bis zum Hals klopfen, so begeistert waren sie.

Da meldete sich ein tränendes Herz zu Wort. „Dafür braucht man viel Mut“, gab es andächtig zu bedenken, während es aus allen Poren tropfte, denn sein Tränenfluss war unstillbar, „das wissen wir, die berührbar geblieben sind, am allerbesten.“

Und die anderen Coresianer senkten betreten den Blick, weil sie wussten, wie schwer es ist, Mut im Herzen aufzubringen.

Einer, der sein Herz in der Hand trug, nahm das tränende Herz in den Arm, streichelte es zärtlich und flüsterte ihm herzbewegende Worte ins Ohr, die es stärkten und aufrichteten, sodass seine Tränen nur noch in feinen Rinnsalen an ihm herabrannen.

Ein anderer, der sein Herz am rechten Fleck trug, gesellte sich dazu, um sein Mitgefühl kundzutun. Er konnte sich nicht verstellen, denn seine Augen verrieten stets, was in seinem Herzen vorging, deshalb tat er sich mit mutigen Worten leicht. „Wie oft ist es schon gebrochen?“, fragte er das tränende Herz, während er den schützenden Herzbeutel sanft massierte.

„Ich weiß es nicht mehr, unzählige Male“, antwortete es traurig. „Bisher ist es jedes Mal wieder zusammengewachsen, nur der letzte Riss, der will partout nicht heilen. Vielleicht ist es sogar so, dass ein Herz nicht unendlich oft brechen kann, dass es irgendwann zu Staub zerfällt und nicht mehr zu retten ist.“

Plötzlich machte sich Herzangst in ihm breit. Spitze Messer stachen auf es ein, sodass es immer schneller schlug, zu rasen begann, stolperte und bei jedem Stich hechelnd nach Luft rang.

„Was ist passiert?“, fragte der mit dem Herzen am rechten Fleck ruhig, ohne seine sprechenden Augen von ihm zu lösen. Dabei fühlte er sich so tief in das tränende Herz ein, dass sie sich anzogen wie Magneten und eins zu werden schienen.

Das tränende Herz ließ sich besänftigen, während es sich mit ihm verband, um seine ureigene Geschichte zu erzählen.

„Die Zeit wird ihr Übriges tun“, prophezeite der mit dem Herzen am rechten Fleck, nachdem er sie angehört hatte, und löste sich langsam wieder aus ihm heraus, um sich nicht zu verlieren, denn der Kummer saß tief in den Kammern. Dann fuhr er mit den Händen sanft über jede Bruchstelle, betropfte sie mit ein wenig Herzblut, verband sie mit Trost und hauchte ihm Zuversicht ein.

Die Szene war so anrührend, dass für einen Moment niemand sprach, noch wagte zu atmen, so schlossen sie lautlos ihre Augen, da sie ihr Mitgefühl fließen ließen und auf den eigenen Herzschlag hörten, der sich mit den anderen in einem stärkenden Rhythmus verband, sodass das Unfassbare geschah und der jüngste Bruch des tränenden Herzens ausheilte.

„Das ist es!“, erkannte in diesem Moment ein lachendes Herz, das schon viele Herzensbrecher in die Flucht geschlagen hatte, und es hüpfte vor Freude, wobei es Glücksfunken versprühte, „es ist nicht die Zeit, sondern die Liebe, die alle Wunden heilt!“

Daraufhin machte es eine bedeutsame Pause und wiederholte dann mit erhabener Stimme: „Die Liebe! Die Liebe muss wieder fließen!“, wonach er seine Worte mit dem samtigen Blutrot, das in ihm pulsierte, unterstrich, weil sie zu Herzen gehen sollten.

„Wie soll das gehen?“, raunten die anderen und blickten einander verdutzt in die fragenden Augen. Dann spannten sie ihren Herzmuskel an, so fest es nur ging, wobei sie versuchten, den einen oder anderen Glücksfunken zu erhaschen, bis sich endlich die Euphorie auf sie übertrug, ihr Herzblut zum Kochen brachte, sodass es gegen ihre Wände spritzte und sie einstimmig riefen: „Du sprichst uns aus dem Herzen!“

Dann wurde es still. Erwartungsvoll still. Nicht leblos still oder bedrückend still. Auch nicht geheimnisvoll still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Aufbruch zu sein, eine explosive, dicht gedrängte Stille, in der ein jeder mit herzerwärmenden Gedanken jonglierte, die der Anfang jener Taten waren, die eine verheißungsvolle, alles Leben rettende Wende einläuten sollten.

Jetzt trat das lachende Herz vor die anderen. Weil es ein Dutzend Kinder hatte, gab es immer einen Grund, heiter zu sein, deshalb schimmerte seine Herzhaut, gut durchblutet, in einem satten Burgunderrot, und der austrainierte Herzmuskel ließ es über sich selbst und die anderen hinauswachsen. Dieser innere Reichtum zog auch ein materielles Wachsen nach sich, weil es viel Geld sparte, wenn es auf teure Lachyogakurse verzichten konnte.

„Die Sache ist ganz einfach“, sprach es mit basstiefer, sonorer Stimme, die es einem ganz warm ums Herz werden ließ, dabei hörte es nicht auf, Funken zu sprühen, denn sein Herzfeuer loderte auf heißer Flamme, weil es für seine Worte brannte. „Unser Planet pulsiert nicht mehr, weil wir, seine Bewohner, aus dem eigenen Rhythmus gekommen, fremdgesteuert sind“, erklärte es und unterstrich das Gesagte mit einem schwungvollen Kreisen seiner Herzspitze.

Das Publikum nickte ehrfürchtig, während es sich bei jedem Schwung duckte, um sich mit den Köpfen in Sicherheit zu bringen.

„Wenn wir nicht mehr die Stimme unseres Herzens hören, können wir ihr auch nicht folgen, geraten aus dem Gleichgewicht und hören nur noch das, was unser Handy sagt, auf das wir ununterbrochen starren. Dabei laufen wir Gefahr, alles, was um uns herum passiert, aus den Augen zu verlieren“, führte es seine eindrucksvolle Rede fort.

Ein weiches Herz, das immer im Schatten der anderen stand, weil es ansonsten zu zerfließen drohte, meldete sich zu Wort: „Das stimmt!“, bestätigte es mit viel Gefühl in der Stimme, dabei atmete es unentwegt kühle Luft auf die eigene Haut, „auf unserem Planeten ist es auch deshalb so still geworden, weil wir uns nicht mehr in die Augen sehen, um ein Lächeln zu verschenken oder miteinander zu reden!“

Nun machte sich eine Unruhe unter den Zuhörern breit. Manche hielt es nicht mehr am Boden, weil ihr Herz in Flammen stand, und sie schossen wie spitze, brennende Pfeile in die Luft, denn das, was auf dem Planeten passierte, ging einem jeden tief zu Herzen.

„Die Luft um uns herum ist kalt geworden, nicht nur, weil sich Eisstürme angekündigt haben, sondern vor allem, weil die Worte fehlen, die sie warm und weich machen“, wusste ein erlöstes Herz zu berichten, das erst vor kurzem nach jahrelanger Therapie seinen eisernen Herzpanzer abstoßen hatte können.

„Richtig!“, stimmte das weiche Herz zu, „einige sind verstummt, weil sie nur noch auf das Handy starren, andere, weil man ihnen die Worte aus dem Mund genommen hat.“

Es hatte sich schon viel mit dem Thema beschäftigt, weil es vor langer Zeit selbst einmal die Sprache verloren hatte. „Weiterhin gebe ich zu bedenken, dass die Herzgewalt, aber auch die Herzenskälte in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat. Es wäre fatal, wenn die Herzlosen und die mit einem Herz aus Stein auf unserem Planeten langsam überhandnehmen“, mahnte es an, während es beim nächsten Herzschlag erschöpft in sich zusammensackte, weil die eigene Betroffenheit zu herzerweichend war und es ihm schwerfiel, seine Form zu bewahren.

„Dazu wird es nicht kommen, wenn wir unsere Rettungsaktion noch heute starten!“, gab das lachende Herz energisch den Ton an, während es vor Ungeduld hüpfte, denn die Zeit drängte.

Der mit dem Herzen am rechten Fleck kümmerte sich um das weiche Herz, schüttelte es auf wie ein Federkissen und bestrich seine dünne Haut mit einer stabilisierenden Paste, die es fester und unerschrockener machte, sodass es wieder beherzt für sich selbst und das gemeinsame Ziel, den Herzplaneten zu retten, einstehen konnte.

„Ich würde vorschlagen, wir bilden zwei Gruppen“, sagte das lachende Herz, das sich immer mehr als Leitherz hervortat, weil sein augenscheinlicher Frohsinn als leuchtender Funkenregen Euphorie in die Herzen säte und sein Strahlen sich wie wärmende Hände bis ins Weltall erstreckte. „Gruppe eins sollte etwas bergerfahren sein, denn sie wandert über das rechte Kammerfelsgebirge und die Herzfeldsteppe ins rechte Atrium. Dort befindet sich der Sinusknoten, das autonome Erregungszentrum unseres Planeten.“

Während es noch sprach, formierte sich eine Gruppe entschlossener Herzwesen, die sich dieser Aufgabe gewachsen fühlten, von Herzen bereit, den Weg durch die steinigen Kammerfelsen anzutreten.

Das lachende Herz beobachtete die Bewegung mit zufriedener Miene und ließ ein wenig von seinem Glück über die äußere Herzhaut auf die Gruppe schwappen, während es sich, bevor sie ihre weite Reise antraten, mit abschließenden Worten an sie wandte: „Unser Planet funktioniert nur noch im Notaggregat, er schlägt noch, doch der Puffer ist bald aufgebraucht. Kurz bevor ihr am Sinusknoten ankommt, gelangt ihr im rechten Atrium, ganz in der Nähe der Herzhaut hinter dem dritten Herzfeld, an die Quelle des Flusses, der uns Coresianer mit Liebe versorgt. Sie scheint verstopft zu sein, ihr müsst sie freischaufeln und das Flussbett von schadhaften Ablagerungen befreien. Wenn ihr das geschafft habt und die Liebe wieder tiefrot fließt, könnt ihr das Notaggregat im Sinusknoten abschalten, und unser Planet wird sich erholen.“

Voller Tatendrang und im sicheren Wissen, dass ihre Herzen im gleichen Takt schlugen, machte sich die Gruppe auf den Weg, während das lachende Herz bereits fröhlich auf die noch verbliebenen Herzwesen zusprang, um sie mit blutroter Farbe zu besprühen, die sie noch beherzter und lebendiger werden ließ, und alle trainierten noch einmal ihren Herzmuskel, denn man ahnte, dass die bevorstehende Aufgabe nicht einfach sein würde. Einer, dem dabei das Herz in die Hose rutschte, weil ihm die Verantwortung plötzlich zu groß wurde, wollte sich klammheimlich davonstehlen, doch dann hielt er inne, besann sich eines Besseren und nahm sein Herz in die Hand, während er sich wieder unbemerkt zu den anderen gesellte.

Nur ein sehendes Herz hatte den Fluchtversuch beobachtet, schmunzelte verschmitzt in sich hinein, verriet aber nichts, da sprach auch schon das Leitherz zu ihnen, aus tiefer Brust: „Ihr solltet nicht nur bergerfahren, sondern sogar sicher im alpinen Klettern sein“, dabei wanderten seine nur ausnahmsweise ernsten Augen bedächtig von einem zum anderen.

„Euer Weg führt euch durch das linke Kammerfelsgebirge, dessen Durchquerung weitaus gefährlicher ist als die des rechten, weil euch unvorhersehbare, wulstige Muskelvorsprünge überraschen und herausfordern können. Auch treiben sich hier vermehrt Herzensbrecher, die ihren eigenen Herzschmerz als Waffe benutzen, und verwilderte Herzlose herum, weil die Gegend so einsam ist. Seid also vorsichtig!“, warnte es sie, und sein forschender Blick bohrte sich direkt in ihre Herzen, doch hier wohnte so viel Mut, dass sie problemlos standhielten.

„Wenn ihr das Gebirge hinter euch gelassen habt, kommt ihr zur Quelle des Planetenhauptflusses, der das Universum mit Liebe betankt. Am Flussbett setzen feine, stabil gebaute Klappen an, die normalerweise den Rückfluss der Liebe verhindern und eine lebenserhaltende Versorgung des Universums garantieren. Ihre Funktion scheint eingeschränkt zu sein, ihr müsst alles daransetzen, sie zu reparieren, damit die Liebe wieder ungehindert fließt und das Universum gerettet ist.“

Gesagt, getan. Die Rettungsaktion verlief erfolgreich und ging als Meilenstein in die Geschichte ein. Noch heute, da die Zeitzeugen langsam aussterben, hängen die Jungen mit staunenden Augen an den Lippen der Alten, wenn die davon erzählen. Auch in den Schulen wird davon berichtet, in Büchern kann man es nachlesen, und man erschuf große Denkmäler, die als Mahnmale dafür sorgen, dass das, was damals geschah, niemals in Vergessenheit gerät, denn nur so kann man dafür Sorge tragen, dass sich auch in Zukunft der Wind wieder dreht und bedrohliche Eisstürme ausbleiben.

Somit ist es unmöglich geworden, die Fehler, die damals fast zum Untergang des Universums geführt hätten, zu wiederholen. Man richtet seinen Blick nicht mehr auf das Handy, sondern hoch zur Sonne, sodass die Herzen wieder wärmer sind und ihre eisigen Herzpanzer nach und nach abstoßen. Es tanzen wieder mehr Worte durch die Luft, die sie weicher werden lässt, weil man miteinander spricht und einander zuhört. Man hat wieder mehr Zeit für die, die einem am Herzen liegen, verschenkt hier und da ein Lächeln und teilt großzügig Herzlichkeiten aus. Ist berührbar und berührt andere. Und weil ein jeder wieder seinen eigenen Herzschlag fühlt, kann er sich auch in andere einfühlen, ihnen verzeihen und beherzter für sich und andere einstehen.

Und manchmal ist es ganz still auf dem Herzplaneten. Angenehm still und anrührend still. Es mutet an, eine Stille voller Glück und Leichtigkeit zu sein. Eine Stille vor dem größten Fest, das das Universum jedes Jahr dankbar zu feiern hat, einem Urknall gleich. Weil es weiterexistieren durfte. Und ein jeder ist bis in die Tiefen seines Herzens berührt, wenn er ausgelassen und fröhlich seinen schönsten Tanz tanzen darf.

Claudia Lüer
Informationen zu Veröffentlichungen und Buchbestellungen

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Der schöne Traum, der Austausch und der Schmerzensmann 

Der Traum fängt an zu laufen.

Gern würdest du wissen, dass du träumst, aber für dich ist es die Realität. Die zwei üblen russischen Zuhälter, die beim Praterstern mit ihrem schwarzen Mercedes die Vorfahrt vor deinem roten VW Jetta beanspruchen, obwohl du vorschriftmäßig fährst. Der Beifahrer zeigt dir obszöne Gesten. Da bekommst du wirklich Angst und fährst ganz freundlich auf die rechteste Spur, damit er dich mit überhöhter Geschwindigkeit überholen kann, was er auch sofort macht.

Plötzlich fährt links ein älteres, blondgelocktes, hübsches Blumenmädchen mit ihrem Fiat Cinquecento. Sie sieht zu dir, winkt und lacht ohne Grund. Das war ein nettes kleines Zeichen, das deinen Traum verschönerte.

Nun taucht der fiese Chef auf, der dich, als du in deiner Jugend als Kohleträger arbeitest, hinauswirft, weil du zu schwache Muskeln hast.

Stattdessen gewährt er dir eine Lohnerhöhung, weil du plötzlich stark bist wie Dolph Lundgren.

Ihr könnt mir nicht wehtun!, denkst du beim Anblick deiner Feinde ohne Zahl, wobei die verborgenen zusätzlich als Schemen hinter ihnen stehen.

Doch natürlich tun sie dir weh, auf tausend Arten, was du wegsteckst, als wärst du Jesus, der Schmerzensmann, der du nicht bist und auf keinen Fall sein möchtest.

Während des Aufwachens legst du deine Haut ab.

 

BARTEL-BARKOPA mit Graffiti im Februar 2023
BARTEL-BARKOPA mit Graffiti im Februar 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

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Fragmente der Erinnerung

Eine Kurzgeschichte in Briefform

5. 7. 2031

Meine liebe Fernanda,

endlich finde ich Zeit, dir zu schreiben. Ich bin schon mehr als sieben Monate in dieser Einrichtung, meine Gedächtnislücken und Bewusstseinseintrübungen werden immer weniger. Am besten gefällt mir die Lage. Die Insel ist idyllisch und das Anwesen luxuriös. Internet und Smartphones sind hier untersagt, doch mein neuer Freund Art bringt meine Briefe zur Post, bis ich wieder laufen kann. Der Chefarzt hat mir gesagt, dass ich den Rollstuhl in spätestens fünf Wochen nicht mehr brauche.

Die anderen Patienten sind freundlich und wir unternehmen viel gemeinsam. Stell dir vor, gestern waren wir an einem weißen Sandstrand. Er sah aus wie auf einer Postkarte. Nur du fehlst!

In ewiger Liebe
dein Grimaldo

 

9. 7. 2031

Lieber Herr Esposito,

ich freue mich, dass Sie sich gut eingelebt haben, nur Ihr lückenhaftes Gedächtnis macht mir immer noch Sorgen. Sie haben mich gebeten, stets ehrlich zu sein, daher muss ich etwas richtigstellen: Ich bin nicht Ihre Lebenspartnerin, sondern seit drei Jahren Ihre Therapeutin. Nach dem Unfall haben die Ärzte und ich Sie in die Klinik von Professor Sterling bringen müssen. Sein besonderes Projekt hilft Patienten wie Ihnen. Der Professor wird weiter unsere Briefe weiterleiten. Ich freue mich, wieder von Ihnen zu lesen.

Weiterhin gute Genesung
Dr. Fernanda Summers

 

2. 8. 2031

Lieber Herr Esposito,

warum antworten Sie nicht? Haben meine Worte Sie verletzt? Bitte schreiben Sie mir.

Freundlich grüßt Sie
Dr. Fernanda Summers

 

6. 8. 2031

Liebe Frau Dr. Summers,

nein, Ihr Brief hat mich nicht verletzt. Ihre offenen Worte haben mir geholfen, mich zu erinnern. Danke dafür. Mir ist wieder eingefallen, warum ich in dieser Einrichtung bin. Die Bruchstücke der Erinnerung kehren zurück: der schreckliche Autounfall, die vielen Verletzten und Toten.

Jetzt weiß ich auch wieder, wer Sie sind. Ich habe nur ein Foto mit Ihrer Adresse bei mir entdeckt und Sie für meine Freundin gehalten. Mein Gedächtnis spielt mir weiter Streiche.

Alle sind sehr freundlich, doch es ist zu schön, um wahr zu sein. Das Wetter ist stets sonnig und das Klinikpersonal ist immer gleich und zu gut gelaunt. Und was ist das für ein Projekt? Niemand gibt mir eine vernünftige Antwort.

Allerbeste Grüße
Grimaldo Esposito

 

7. 8. 2031

Lieber Herr Esposito,

ich habe mit der Wahrheit gewartet, um Ihnen den Schock zu ersparen. Beim Autounfall haben nur Sie überlebt, aber schwerstverletzt. Dann haben wir Sie an Professor Sterling überwiesen, der ein experimentelles Projekt leitet.

Sterling hat Ihr komplettes Gedächtnis in eine virtuelle Realität hochgeladen und Ihren Körper in ein künstliches Koma versetzt.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen keine erfreulichere Antwort geben kann. Hoffentlich werden Sie auf der Insel glücklich.

Ich wünsche Ihnen alles Glück der beiden Welten, bitte passen Sie auf sich auf.

Alles Gute
Dr. Fernanda Summers

 

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

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Auf der Uni

                                                           Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Einige meiner Kommilitonen auf der Uni muten mich seltsam an. Sie sind wie immer, grüßen natürlich, sind mehr oder weniger gesprächig, sie sind unauffällig – kann man sagen. Aber gerade das, dass einige von ihnen so wie immer sind, ist das Merkwürdige, denn ihr Verhalten ist ständig gleich, es ändert sich überhaupt nichts, sie sind nie wütend oder missmutig, sie agieren genauso, wie man sich es von ihnen erwartet, roboterhaft.

Und die, die wirken wie menschliche Automaten, werden mehr. Was soll das, was ist da los? Meine ursprünglich gebliebenen Kommilitonen und ich tauschen uns aus. Das ist doch nicht normal, ist der Tenor. Gerade Lizzy, die gestern noch am misstrauischsten war, ist heute wie die, die wie Humanoide wirken – nett, freundlich, unverbindlich. „Weißt du nicht mehr, worüber wir gestern gesprochen haben?“, frage ich sie. Nein, sie hat keine Ahnung.

Ich gehe zu meinem üblichen Platz im Hörsaal. Auf dem Pult liegt mein Federpennal – könnte man meinen. Aber es ist nicht meines, denn meines befindet sich noch in meinem Rucksack.

Die Uni-Mensa am Morgen des 16. August 2023, Nahaufnahme von Süden

Die Uni-Mensa am Morgen des 16. August 2023, Nahaufnahme von Süden

Johannes Tosin
(Text und Foto)

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