Metatrons Nachricht

Als ich erfuhr, dass ein Erzengel eine dringende Nachricht für mich hatte, war es kurz nach zwei Uhr morgens. Ich saß im Nachthemd auf dem Sofa und trank Rotwein. Für den Empfang höherer Wesen war ich damit vermutlich ausreichend vorbereitet. Für Besuch von meiner Mutter hätte ich noch aufräumen müssen.

Ich war beim Zappen an einer Frau hängen geblieben, die hinter einem Tisch saß und anderen Menschen erklärte, weshalb ihr Leben gerade nicht funktionierte. Sie hatte lange Fingernägel, war entschlossen geschminkt und sah aus wie jemand, der auch ohne Hilfe des Universums eine ganze Hells-Angels-Gang zur Ordnung rufen konnte. Die Frau hieß Angelina. Unter ihrem Namen stand „TV-Beraterin“. Vor ihr lagen Karten, Kristalle und ein Pendel. Ich nahm an, dass sie diese Dinge als Arbeitsmittel brauchte.

Eine Anruferin wollte wissen, ob ihr Mann zu ihr zurückkäme. Angelina schloss die Augen. Nach etwa fünf Sekunden öffnete sie sie wieder und erklärte, dass sie zwischen den beiden Schwierigkeiten spüre. Die Frau bejahte das. Er sei bereits ausgezogen und wohne jetzt bei einer anderen. Angelina nickte. Sie habe auch die räumliche Trennung gespürt. Und dass es da jemand anderen gebe. Zwar könne die Anruferin ihren geliebten Manfred zurückholen, ganz einfach über eine Umprogrammierung ihres derzeitigen Mangeldenkens, das müssten sie aber in einer gesonderten Sitzung machen. Tarif und Termin würden noch bekanntgegeben.

Die Anruferin verabschiedete sich hörbar erleichtert.

Je länger ich zusah, desto interessanter wurden die Gespräche. Und desto leerer die Weinflasche. Nach dem dritten Glas begann ich zu verstehen, wie die Sendung funktionierte. Nach dem vierten hielt ich mich für ausreichend vorbereitet, um selbst als Anruferin teilzunehmen.

Plötzlich schloss Angelina die Augen und legte zwei Finger an ihre Schläfe. Erzengel Metatron sei jetzt ganz nah. Ich stellte vorsichtshalber den Wein ab. Metatron habe eine dringende Nachricht für eine Frau vor dem Fernseher. Diese Frau wisse bereits, dass sie gemeint sei. Ich hatte zwar bis eben nichts davon gewusst, aber nun kam ich natürlich infrage.

Angelina sagte, die Frau solle ihrem Impuls vertrauen und anrufen. Auf dem Bildschirm erschien eine Telefonnummer. Darunter stand, dass eine Minute neunzig Cent koste. Das war für einen Engelskontakt in diese Entfernung vermutlich in Ordnung.

Eine freundliche Mitarbeiterin fragte nach meinem Vornamen und wollte wissen, was mich beschäftige. Ich sagte, ich hätte eigentlich ins Bett gehen wollen, aber nun sei offenbar etwas dazwischengekommen. Sie stellte mich durch.

Angelina begrüßte mich mit meinem Namen und erklärte, sie habe gewusst, dass ich anrufen würde. Ich fand es angenehm, dass wenigstens eine von uns vorbereitet war.

Wegen der Rückkopplung stellte ich den Fernseher stumm und das Telefon auf Lautsprecher. Mein Mikrofon schaltete ich nur ein, wenn ich etwas sagen wollte.

„Metatron hat dich heute zu mir geführt“, sagte Angelina. Ich erwähnte vorsichtshalber den Rotwein. Sie erklärte, auch solche Umwege könnten Teil einer Führung sein. Zunächst müsse sie klären, wo ich im Leben stehe. Sie spüre einen Mann, der emotional nicht erreichbar sei. Ich sagte, ich hätte keinen Partner. Angelina nickte. „Genau diese Abwesenheit zeigt sich mir.“ Bei Angelina fühlte ich mich wirklich verstanden.

Sie zog eine Karte und betrachtete sie lange. „Du wartest auf etwas.“

„Auf die Nachricht von Metatron“, sagte ich.

„Du darfst jetzt nicht ins Fordern gehen“, entgegnete Angelina besorgt.

Direkt neben mir sagte plötzlich jemand: „Die ist gut.“

Am anderen Ende des Sofas saß ein Mann in einer braunen Jacke. Aus seinem schütteren Haar ragten zwei kleine Hörner. Er betrachtete den Fernseher mit dem konzentrierten Interesse eines Wesens, das gerade herausfindet, weshalb die Konkurrenz mehr verdient. Ich sah ihn an. Dann roch ich an meinem Weinglas.

„Am Wein liegt es nicht“, sagte er. „Ich bin wirklich da.“

Ich stellte das Glas ab. „Wie sind Sie hereingekommen?“

„Ich bin erschienen.“

Eine Erscheinung war er zweifellos. Trotzdem wartete ich auf eine genauere Auskunft.

„Ich heiße Kurt“, sagte er schließlich. „Ich bin ein Dämon.“

Ich zog die Fernbedienung näher zu mir. Zwar würde ich mich damit kaum verteidigen können, dennoch schien es mir wirkungsvoller, sie nach ihm zu werfen als einen Plüschpolster.

Angelina fragte, ob ich noch da sei. Meine spirituelle Offenheit konnte wohl kaum jemand infrage stellen, und das sogar in zwei Richtungen. Ich schaltete mein Mikrofon ein, bejahte und schaltete es wieder aus.

„Wollen Sie mir etwas Böses?“, fragte ich Kurt.

Er legte einen Arm über die Couchlehne. „Haben Sie mich gerufen?“

„Nein.“

„Haben Sie einen Pakt geschlossen?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Er deutete auf den Fernseher. „Dann würde ich vorläufig dort vorsichtig sein.“

Angelina erklärte inzwischen, ich sei ein Mensch, der viel für andere tue, aber selbst oft zu kurz komme. Ich fragte Kurt, ob ich ihn mit dieser Sendung angelockt hätte.

„Angelina“, sagte er. „Ich wollte wissen, wie sie arbeitet.“

„Sie kennen sie?“

„Ich kenne ihre Zahlen.“

Er sagte das mit einer bewundernden Wärme, die mich mehr beunruhigte als die Hörner.

Angelina erklärte, ich müsse mich von alten Bindungen lösen, um die Fülle in mein Leben zu lassen. Kurt zog einen Kugelschreiber aus der Jacke und begann auf der Rückseite meiner Fernsehzeitschrift zu schreiben.

„Lassen Sie bitte das Kreuzworträtsel frei“, sagte ich. „Mir fehlen nur noch zwei Wörter.“

„Selbstverständlich.“

Immerhin hatte er gute Umgangsformen.

Angelina fragte, ob ich in letzter Zeit häufig müde sei. Ich sah auf die Uhr. „Jetzt gerade schon.“ Sie nickte ernst. „Das hat einen Grund.“ Ich fragte, ob Metatron diesen Grund kenne. Sie sagte, wir müssten erst mein Feld öffnen.

„Ist es denn noch geschlossen?“

„Zum Teil.“

Angelina hob die Hände über ihre Karten. Dann hielt sie inne. „Da ist etwas.“ Kurt hörte auf zu schreiben. Ich sah zu ihm. Er sah zu mir. „Etwas in deiner Nähe“, sagte Angelina. „Eine männliche Präsenz.“

Kurt legte den Kugelschreiber ab. „Das ist jetzt allerdings interessant.“

„Du bist nicht allein“, erklärte Angelina.

Ich schaltete mein Mikrofon ein. „Das stimmt.“

Ihr Blick wurde scharf. „Hast du in letzter Zeit mit Energien gearbeitet?“

„Ich habe hauptsächlich staubgesaugt und Wäsche gewaschen.“

„Auch über Gegenstände können sich fremde Energien übertragen.“

Kurt betrachtete die Fernsehzeitschrift auf seinen Knien und legte sie vorsichtig neben sich.

Angelina beugte sich vor. Möglicherweise, sagte sie, habe sich eine niedere Wesenheit an mich angeheftet. Kurt richtete sich auf.

Ich stellte mein Mikrofon ab. „Kann die Sie tatsächlich wahrnehmen?“

Er schwieg einen Moment. „Fragen Sie sie, was ich tue.“

Ich tat es. Angelina schloss die Augen. „Er versucht, dich zu beeinflussen.“ Kurt nickte anerkennend.

Ich fragte, ob sie ihn entfernen könne. Selbstverständlich könne sie das. Allerdings müsse ich mich für eine energetische Reinigung entscheiden.

„Was kostet die?“

„Deine seelische Unversehrtheit sollte dir etwas wert sein.“

„Ist sie mir auch. Ich hätte nur gerne eine Zahl.“

Auf dem Bildschirm erschien ein Angebot über hundertneunundvierzig Euro. Kurt griff sofort wieder nach der Zeitschrift. „Warten Sie“, sagte er. „Ich brauche eine frische Seite.“

Angelina erklärte, ich müsse rasch handeln. Eine solche Wesenheit könne erheblichen Schaden anrichten. Ich stellte das Mikrofon ab. „Was haben Sie eigentlich vor?“, fragte ich Kurt.

„Ich wollte noch bis zum Ende der Sendung bleiben.“

„Und danach?“

„Das hängt davon ab, was noch kommt.“

Er sah aus wie jemand, der bei einem Vortrag endlich etwas Brauchbares hörte.

Ich wandte mich wieder Angelina zu. „Was passiert bei dieser Reinigung genau?“

Sie werde die fremde Energie aus meinem Feld lösen.

„Und wohin kommt sie dann?“

Angelina blinzelte. „Sie wird dorthin zurückgeführt, wo sie hingehört.“

Kurt schüttelte entschieden den Kopf. „Ich habe bis Montag Urlaub.“

Ich fragte ihn, ob er nicht auch einfach freiwillig gehen könne. „Wenn Ihnen meine Anwesenheit unangenehm ist, selbstverständlich.“ Das brachte mich in eine schwierige Lage. Kurt hatte sich bislang äußerst höflich verhalten. Er saß auf meinem Sofa und schrieb in meine Fernsehzeitschrift. Ich hatte schon anstrengenderen Besuch gehabt.

„Sie können noch bleiben.“

Er bedankte sich. Angelina erklärte inzwischen, ich müsse selbst entscheiden, ob ich weiterhin in Angst leben wolle. „Bisher hatte ich eigentlich keine“, sagte ich. „Das ist oft das Gefährliche.“ Kurt schrieb den Satz auf und unterstrich ihn zweimal.

Ich fragte Angelina, woran ich erkennen würde, dass die Reinigung funktioniert habe. „Du wirst eine Veränderung spüren.“

„Und wenn nicht?“

„Dann sitzt die Belastung tiefer.“

„Müsste man die Reinigung dann wiederholen?“

Angelina lächelte. „Du verstehst den Prozess.“

Kurt ließ den Kugelschreiber sinken. Dann begann er zu lachen. Er lachte erst lautlos, dann etwas rasselnder, schließlich so heftig, dass ich mein Weinglas festhielt. Angelina fragte, ob ich bereits eine Reaktion wahrnehme.

„Ja“, sagte ich. „Ziemlich deutlich sogar.“

Sie nickte zufrieden. Kurt presste sich die Zeitschrift vor den Mund.

Ich sagte Angelina, ich wolle über die Reinigung erst nachdenken. Ihr Gesicht veränderte sich kaum. „Manchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.“ Kurt hörte schlagartig auf zu lachen und schrieb wieder.

Ich wartete, bis Angelina die Augen geschlossen hatte. „Was ist daran so interessant?“, fragte ich ihn.

Er wischte sich über die Augen. „Wir stellen uns unten derart umständlich an.“

„Wobei?“

„Beim Verführen. Wir suchen uns jemanden aus, beobachten seine Schwächen, machen ihm ein Angebot. Dann kommen die Verhandlungen. Und am Ende die verbindliche Unterschrift.“ Er deutete mit dem Kugelschreiber auf den Fernseher. „Sie lässt die Leute selbst anrufen.“ Er sah auf den eingeblendeten Minutentarif. „Und sie zahlen dafür.“

Angelina hatte inzwischen einen Anhänger hervorgeholt. „Gerade sensible Menschen“, erklärte sie, sollten ihr Feld dauerhaft absichern. „Neunundsiebzig Euro“, sagte sie. „Du investierst damit in deine Freiheit.“ Kurt schrieb 79 unter 149.

„Unser System ist veraltet. Upskilling im Sales steht grade hoch im Kurs“, murmelte er.

Ich fragte Angelina, wie lange der Schutz halte. „Grundsätzlich dauerhaft.“ Ich entspannte mich. „Du musst ihn lediglich regelmäßig energetisch nachladen lassen.“

„Kann ich das selbst machen?“

Angelina lächelte nachsichtig. „Dafür biete ich gesonderte Sitzungen an.“

Kurt blätterte auf eine freie Seite und schrieb oben: „Nachladen“. Dann sagte er: „Ich habe einmal dreißig Jahre auf ein Erstgeborenes gewartet.“

Ich sah ihn an. „Und?“

„Wurde mir nur widerwillig ausgehändigt.“ Er deutete auf Angelina. „Das hier ist besser.“

„Ich hätte jetzt trotzdem gern die Nachricht von Metatron“, sagte ich zu Angelina. „Das wird hier langsam etwas teuer.“

Angelina atmete tief ein. „Du denkst sehr materiell.“

„Ich habe angerufen, weil Metatron dringend mit mir sprechen wollte. Es wäre mir recht, wenn wir das noch vor drei Uhr erledigen könnten.“

Sie erklärte, ich müsse lernen, dem richtigen Zeitpunkt zu vertrauen. Dann schloss sie die Augen. Ihre Hände ruhten über den Karten. Ich wartete. Kurt wartete ebenfalls. Nach einer Weile nahm er den Kugelschreiber wieder auf.

Angelina atmete hörbar aus. „Es geht um Vertrauen.“

„In wen?“

„In die Führung.“

„Durch wen?“

„Du gehst schon wieder in den Verstand.“

Ich stellte das Mikrofon ab. „Darf man bei Ihnen unten eigentlich Fragen stellen?“

Kurt zuckte mit den Schultern. „Vor der Unterschrift schon.“

Sein Telefon vibrierte. Er nahm es aus der Jackentasche, las die Nachricht und tippte etwas zurück.

„Ist es dringend?“, fragte ich.

„Metatron.“

Ich sah ihn an. Kurt betrachtete noch einmal sein Display. „Er fragt, ob Sie immer noch in der Leitung sind.“

Ich setzte mich aufrecht hin. „Sie kennen Metatron?“

„Selbstverständlich.“

„Hat er eine Nachricht für mich?“

„Ja.“

Ich wartete. Kurt räusperte sich. „Sie dürfen auflegen.“

Ich legte auf.

Im Zimmer war es plötzlich angenehm still. Kurt schrieb etwas in die Zeitschrift.

„Seit wann versucht er, mir das auszurichten?“

„Seit einer Weile.“

„Sie wussten es?“

„Ja.“

Ich wartete. Kurt deutete auf seine Notizen. „Beim Anhänger wollte ich noch wissen, wie sie mit Reklamationen umgeht.“

Ich nahm mein Glas. „Und?“

„Offenbar äußerst geschäftstüchtig.“

Ich stellte den Fernsehton wieder an. Angelina erklärte den übrigen Zuschauern gerade, dass die Frau vorhin leider noch nicht bereit gewesen sei, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Kurt griff nach dem Kugelschreiber. Ich legte meine Hand auf die Zeitschrift.

„Es reicht jetzt, denke ich.“

Er sah mich an. Dann legte er den Stift auf den Tisch.

„Gehen Sie jetzt?“

Er bejahte. Es sei spät geworden und er müsse einiges überdenken. Die Fernsehzeitschrift würde er sich allerdings gerne bis morgen ausleihen.

„Das Kreuzworträtsel.“

„Selbstverständlich.“

Dann ging er. Diesmal durch die Tür.

Am nächsten Abend blieb ich beim Durchschalten wieder an dem Sender hängen. Hinter dem Tisch saß Kurt. Er trug ein schwarzes Hemd und hatte sich die Haare über die Hörner gekämmt. Vor ihm lagen Karten, ein Pendel und meine Fernsehzeitschrift. Unter seinem Namen stand: „Kurt – spiritueller Berater“.

Er begrüßte eine Anruferin und erklärte, er habe gewusst, dass sie anrufen würde. Ich drehte den Fernseher lauter. „Ich spüre einen Mann, der emotional nicht erreichbar ist.“ Die Frau sagte, sie hätte keinen Partner. Kurt sah kurz in die Fernsehzeitschrift. „Genau diese Abwesenheit zeigt sich mir.“ Ich kannte den Satz. Ich kannte auch die Seite, auf der er stand.

Die Anruferin erklärte, dass sie sich tatsächlich oft allein fühle. Kurt nickte und blätterte um. „Du musst dich fragen, warum es dir so schwerfällt, dir selbst etwas Gutes zu tun.“ Dann hob er einen Anhänger hoch. Die Frau fragte nach dem Preis. „Neunundsiebzig Euro.“ Sie schwieg. „Das ist viel Geld“, sagte sie schließlich. „Ich muss darüber nachdenken.“

Kurt blätterte in der Fernsehzeitschrift. Er fand die richtige Stelle sofort. „Manchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.“

Die Frau schwieg. Ich ebenfalls.

Verena Tretter

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