Ein Sommer zwischen meiner Wohnung und Tokio

Es ist jedes Jahr die Zeit, in der es langsam immer heißer wird. So von Tag zu Tag immer ein bisschen mehr. Die Diplomarbeit schob sich in die Länge, und es gab noch genug Gelegenheiten, die Leerzeiten auszufüllen. Mit den beginnenden Hundstagen verlagerte sich der Fokus meiner Arbeitszeit gänzlich in den Bereich der Dunkelheit.

Und mit der Dunkelheit kamen auch die Fragen: nach dem Ventilator, nach der gähnenden Leere im Kühlschrank, nach Geselligkeit.

Ersteres konnte ich relativ gut in den Griff kriegen, das Zweite klappte nicht ganz so gut, aber es stimmte mich doch relativ zufrieden, dass in meiner Stadt meistens ein Lieferservice aufzutreiben war, der die gröbste Not beseitigen konnte. Letzteres war das Schwierigste in meiner Aufzählung.

Schreibpausen verbrachte ich zunächst vor dem Fernseher. Doch konnte mich das Programm nur punktuell befriedigen und ich war auf der Suche nach einer länger andauernden Erfahrung.

In der kurzen Zeit, die ich in diesem heißen und trockenen August des Jahres zweitausenundvierzehn noch in der Stadt verbrachte, sah ich unter anderem das Schaufenster einer Filmgalerie. Das Thema war „Japan“, und obwohl anfangs eher desinteressiert, bekam ich doch Lust, einige Filme auszuleihen.

Jetzt müsste ich den Lesenden beschreiben, was das typisch Japanische denn so ausmacht. Dies wäre aber zu lang für diese Kurzgeschichte. Eher kann ich die Namen aufzählen, die in mir dieses Erleben auslösten: Ôzu, Kurosawa, Imamûra, Miyasaki. Und das sind gewiss noch nicht alle.

Aber die schwülen Augustnächte verbanden mich auf wundersame Weise mit Tokio. Gemeinsam einsam. Hier. Und achttausend Kilometer von hier entfernt. Und ich wusste, dass es genau das war, das diesem Sommer einen Sinn gab.

Nach einem Japanmarathon, der sich über drei Wochen hinzog, begann langsam schon der Herbst und damit kam ich mitten in die Abgabefrist meiner Diplomarbeit hinein, die bis Oktober fertig sein musste.
In den ersten kühleren Tagen verblasste meine Erinnerung an den Sommer. Ich kam wieder in meine Routine herein und bald verschob sich mein Leben auf die hellere Seite des Tages.

Nach der Abgabe meiner Diplomarbeit suchte ich als Erstes ein kleines Café im Universitätsviertel auf. Mir blieb die Zeit, es mir den ganzen Nachmittag gemütlich zu machen. Ich nahm meinen Zeichenblock heraus und zeichnete Dinge, die vor dem Fenster des Cafés zu sehen waren.

Plötzlich bemerkte ich eine asiatische Touristin, die elegant am Café vorbeispazierte. Meine Japanbegeisterung hat damit ihre erste Bestätigung erhalten.

Michael Bauer

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