Erben gesucht

Wenn heutzutage ein deutlich älterer Mensch stirbt, womöglich noch der letzte seiner Generation in der Familie, dann hat er/sie keine Erben. Auch wenn Kinder da sind, Enkelkinder, und Cousins oder Nichten/Neffen und deren Nachkommen. Denn keiner, wirklich niemand will seinen Kram, der sicher zwei, drei große Container ausmacht, aussortieren und womöglich das eine oder andere Stück behalten oder weitergeben an jemanden, der das noch brauchen kann.

Nein, nein, wir reden hier nicht von Leibwäsche, getragenen Schuhen und Kleidern und Alltagsgeschirr, oder Kleinkram und abgenützten Möbeln. Das ist sowieso Container-Futter. Desgleichen Bettwäsche, Radio, TV-Apparat, Fotoalben etc.

Obschon das eine oder andere hinterlassene Stück noch auf Jahre hinaus gute Dienste tun könnte: der kaum getragene „Schladminger Überrock“ aus grauem Loden, die neuwertigen Waldviertler Schuhe, der heute nicht mehr erhältliche grüne Hubertusmantel, der stabile Regenschirm und die seinerzeit teure Omega-Seamaster-Armbanduhr? Der gut erhaltene türkische Teppich, die drei „schönen“ Bilder mit Goldrahmen? Der Laptop und das Handy? Die beiden Pendeluhren und der kleine Kristallluster?

Problematischer wird es bereits bei hinterlassenen Büchern: Die „Donauland-Qualität“ kommt sowieso ins Altpapier, aber was tun mit „höherwertigen“ Werken? Nicht einmal die Caritas nimmt mehr Bücher an, der Mitarbeiter vor Ort kann oft kaum Deutsch. Wohin mit den Klassikern, den deutschen Romantikern, den Waggerls und Rilkes, den Nobelpreisträgern der Moderne, den guten Sachbüchern und zeitgeschichtlichen Romanen der letzten zwei Jahrhunderte? Als der Autor letzthin die Bibliothek einer großen Volksschule fragte, ob Platz für gut erhaltene Märchen- und Kinderbücher wäre, war die „zurechtweisende“ Antwort: „Aber nur nach der neuen Rechtschreibung!“ Da rotieren Wilhelm Busch und die Gebrüder Grimm wohl noch heute im Grab!

Und geradezu traurig schaut es beim Werkzeug aus. Wer will heute noch die vielen eisernen „Gehilfen“ wie Zangen, Hämmer, Stecknussgarnituren, Maurer-, Schmiede- und Tischlerwerkzeug und all das, was „man“ seit ewig für Garten und Haus in Verwendung hatte? Der heutige Laptop-Athlet kann wohl nicht einmal den schweren dreiteiligen Werkzeugkasten auch nur hochheben! Die Axt im Haus erspart den Zimmermann, hieß es früher, die jungen Leute von heute wissen wohl nicht einmal, was eine Axt ist. Wer braucht heute noch eine Wasserwaage, ein gewaltiges Schraubensortiment? Und selbst „Holz machen“ und damit einen Ofen heizen – oh Gott, wer tut das noch – wir haben doch eine Wärmepumpe!

Nein, es ist schlimm genug – wenn man zurückdenkt, wie schön und kreativ man „damals“ gearbeitet, ein Werk mit eigenen Händen geschaffen hat – Handwerk eben. Und nun rosten Schaufel, Mörtelschöpfer, Maurerpfandln, Lot, Kellen und Streichbretter, Schiebetruhe, Schotterrechen, die elektrische Mischmaschine, Spannzwingen, Schiebelehre und Tischlerwinkel, etliche Schleif- und Bohrmaschinen und sowie Fliesenleger- und Bodenleger-werkzeug vor sich hin. Da warten Kilometer an Stromkabeln für 220 und 380 Volt in Bündeln oder Rollen, Zimmermannsbleistifte, Maßbänder und Gliedermaßstäbe (somit eine unüberschaubare Woge an Trainingsgeräten für Körper und Geist, möchte man sagen) vergeblich auf ihren Einsatz! Um „entsorgt“ zu werden! Da graust einem schon bei diesem Wort!!! Gutes, brauchbares Werkzeug entsorgen, verbrennen, vernichten, im besten Fall einschmelzen!! Einen Mann der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration schüttelt es bei diesem Gedanken!

Tja, was gibt es sonst, was den vorigen Generationen begehrenswert, nützlich und wertvoll war, was die neuen Generationen aber ganz einfach als unnötig empfinden, eher als störend, nur Arbeit erfordernd und nicht mehr „zeitgemäß“:  Da wären die handwerklich solide gearbeiteten Sitz- und Liegemöbel, mit Massivholzgestell und aufwendiger Meistertapezierung, die Hartholzschränke mit fein poliertem Innenleben, die Kredenz aus Großmutters Zeiten, in Fichte Vollholz, mit verglastem Oberteil und Porzellanknöpfen. Auch der schwere Esstisch und die Stühle aus Eiche finden nur selten einen „Abnehmer“, während der mit grünem Leder bespannte große Ohrenfauteuil und die Bodenstanduhr mit Schlagwerk, diese beiden Glanzstücke gutbürgerlicher Wohnkultur, zumeist als langjähriges Inventar von Altwarenhändlern auf den Holzwurmtod warten.

Tja, und dann sind noch die „Erbstücke“ der Frauen zu betrachten:
Da wären die mühsam ersparte Kenwood-Küchenmaschine, der Miele-Herd mit etlichen Finessen, die erst achtjährige Waschmaschine mit Trockner, das „gute“ Porzellan, die teuren AMC-Töpfe für alle Herdarten, der starke Dyson-Staubsauger, um nur mal den Haushalt zu nennen. Dazu die beiden Pelzmäntel, an die 36 Paar kaum getragene Schuhe und Handtaschen und etwa sechs Laufmeter Kleidung.
Und letztendlich der Inhalt der Schmuckkassette, in Gold, Silber und Mode. Nun, das Edelmetall lässt sich wenigstens leicht verteilen oder verkaufen.

Ob wohl mancher diese Welt verlassende Mensch leichter Abschied nehmen würde, wenn er keine Berge an „Restmüll“ zu hinterlassen hätte? Ein großzügiger Haus-Flohmarkt zum 70er wäre da sicher keine schlechte Idee.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 26214