Die erste Schrift
Wir leben in der Steinzeit, bis Christi Geburt werden 4700 Jahre vergehen. Wir wohnen in gedrungenen Hütten, die meisten in einem Familienverband, manche aber, so wie ich, sind allein. Die anerkanntesten Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft sind die besten Jäger. Es gibt noch Wollhaarmammuts. Wenn unsere Jäger ein solches erlegen, haben wir lange Zeit zu essen. Gern richten wir dann auch Feste aus, mit einfacher Musik und Tanz und meinen Vorträgen, ich bin nämlich der Künstler unseres Dorfs, da ich für die Jagd zu feig und für das Sammeln und den Ackerbau zu faul bin, was ich natürlich niemandem sage.
Einmal kam mir eine Idee. Ich hatte gerade ein längliches Holzstück in der Hand, das am Ende brannte. Ich löschte das Feuer, das zu Kohle wurde. Damit zeichnete ich Kringel auf ein größeres, flaches Holzstück. Auf diese Art könnte ich meine Vorträge für die zukünftigen Menschen festhalten. Ich nannte diesen Zusammenhang der Kringel „Schrift“.
Ich erzählte unserem Dorfvorsteher von meiner Erfindung, worauf er sagte: „Das hast du sehr gut gemacht, Knut. Es freut mich ja immer sehr, wenn du beim Festfeuer über meine Ruhmestaten berichtest. Und du meinst wirklich, auch unsere Nachkommen könnten davon erfahren? Was müssten sie dazu tun?“
„Verehrter Harald“, entgegnete ich, „es ist dieserart: Sie müssen dafür „lesen“ lernen.“ „Lesen?“, fragte der Dorfvorsteher. „So ist es“, fuhr ich fort. „Lesen bedeutet, meine Schrift zu verstehen.“ „Ist das aufwendig“, fragte der Dorfvorsteher. „Eher schon“, erwiderte ich, „meine Schrift ist auch noch nicht fertig entwickelt.“ „Das klingt sehr interessant, kluger Knut, doch wir brauchen die Jungs und Mädchen für die Feldarbeit und das Beerensammeln, hast du daran gedacht?“, fragte er. „Ja schon“, sagte ich, „ich weiß, dass das Entziffern einer Schrift Zeit benötigt und kompliziert ist.“
„Gut“, sagte Harald, der Dorfvorsteher, „dein Projekt klingt toll, aber wir sollten es um 1300 Jahre verschieben. Jetzt sind wir noch nicht entwickelt genug, um es umzusetzen. Ich zolle dir großes Lob, Knut. Beim nächsten Festmahl bekommst du das beste Stück vom Wild, du wirst auf dem Ehrenplatz sitzen und neben dir unsere hübsche unverheiratete Astrid.“
Und genau so geschah es. Inzwischen haben Astrid und ich zwei Buben und ein Mädchen und bewohnen die extravaganteste Hütte des Dorfes.
Johannes Tosin (Text und Foto)
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