Das Nähkästchen

Eine Nadel!
Schnell!
Der Holzsplitter sitzt nicht tief,
ist nicht lang.
Nadel ansengen, Hand aufritzen,
Splitter herausziehen.
Mit einer Nadel oder einer Pinzette?
Wie hat Oma Martha das immer gemacht?
Ich kann sie nicht mehr fragen.
Ich habe mir den Splitter
aus ihrem alten Gartenstuhl,
der sie um Jahre überlebt hat,
in die linke Hand gerammt.
Selber schuld!
„Das kriegst du hin“,
hat sie immer gesagt.

Ihre Worte führen mich
schnurstracks in den Keller
zu ihrem alten „Nähkästchen“.
Eher ein ausgewachsener Nähkasten!
Aus dunklem Holz, uralt, unverwüstlich.
Wie viele Fächer er hat!
Keine Nadel in Sicht.
Stattdessen: fein säuberlich sortierte Knöpfe –
Knöpfe für jedes Kleidungsstück.
„Komm, Jung, gib mir …“
die Hose, das Hemd, die Jacke.
Oma Martha reparierte alles im Handumdrehen.
Darunter Wolle auf Rollen,
Wolle jedweder Farbe.
Oft sah ich ihr zu,
wie sie unsere Socken stopfte,
meine „Spiel- und Kletterhosen“ flickte.
Immer ruhig, konzentriert, entspannt
dabei plaudernd.

„Aus dem Nähkästchen“ plauderte sie nie.
Die harten Nachkriegsjahre,
ihre schwierige Ehe,
Alter und Krankheit –
alles hat sie erduldet
ohne ein Wort der Klage,
immer im Reinen
mit ihrem Herrgott,
immer im Hintergrund,
immer für mich da.

Die letzte Nadel
liegt ganz unten.
Die Wunde in der Hand –
nicht der Rede wert.
Eine Wunde anderer Art
versetzt mir Nadelstiche ins Herz,
bis ich das Pflaster dafür finde:
meine bleibende Erinnerung
an Oma Martha.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26133