{"id":9941,"date":"2019-07-19T10:56:30","date_gmt":"2019-07-19T10:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9941"},"modified":"2022-09-06T16:20:09","modified_gmt":"2022-09-06T16:20:09","slug":"da-hilft-auch-selbstreflexion-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9941","title":{"rendered":"Da hilft auch Selbstreflexion nicht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9941&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9941&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein Verriss von Olga Flors aktuellem feministisch sein wollenden Roman Klartraum.<\/em><\/p>\n<p>\u201eDu, sagt sie, ich bin zur\u00fcckgetreten von dieser Liebe!, doch sie glaubt sich selbst schon lang nicht mehr.\u201c \u2013 Was sich Protagonistin P gegen Ende von Olga Flors Neuling Klartraum eingesteht, hat die Erz\u00e4hlerin, die mit der Hauptfigur verschmilzt, an diesem Punkt der Geschichte bereits gef\u00fchlte hundert Male sich und ihrem Publikum eingestanden. Es liegt die Vermutung nahe, dass in diesem Werk bewusst Aggression gegen ebenjene Frauenfigur gesch\u00fcrt wird, deren Selbstmitleid und scheinbar aufgekl\u00e4rt-feministische Selbstbetrachtung sich 281 Seiten lang im Kreis drehen.<\/p>\n<p><strong>Liebe, Selbsthass, Trennung und so<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der ansonsten namenlosen Protagonistin P und ihres Antagonisten A ist so banal, wie es nur vorstellbar ist: Die beiden haben eine leidenschaftliche Aff\u00e4re auf Kosten anderer oder eine durch Au\u00dfenumst\u00e4nde eingeschr\u00e4nkte Liebesbeziehung neben ihren jeweiligen lieblos gewordenen eheartigen Beziehungen \u2013 je nach erz\u00e4hltem Zeitpunkt und psychischer Verfassung der h\u00f6chst beteiligten Interpretin. Beide haben Kinder, die sie als Rechtfertigung f\u00fcr das Verbleiben in der Ehe vorschieben, und sie sind sich zumindest oberfl\u00e4chlich einig, dass nicht mehr aus dieser Beziehung werden kann, die aus Zweifeln genauso besteht wie aus heftiger Verliebtheit und abgrundtiefer Leidenschaft. Der Kampf zwischen Vernunft und Gef\u00fchl wird immer weiter, immer wieder, einzeln und gemeinsam, ausgetragen \u2013 ohne zufriedenstellende L\u00f6sung. Die Protagonistin hasst sich daf\u00fcr, dass sie, wie sie sich selbst eingesteht, undankbar ihrem verst\u00e4ndnisvollen Ehepartner gegen\u00fcber ist und sich nicht willentlich von A entlieben kann, aber sie schafft immer aufs Neue die Selbstrechtfertigung durch Romantisierung. Nicht haupts\u00e4chlich der Betrug an den \u201aAnderen\u2018 macht ihr zu schaffen, sondern ihre eigene Unterwerfung unter A in der gef\u00fchlten Hauptbeziehung, schlie\u00dflich ist dieser nicht nur emotional unnahbar, sondern auch noch am Finanzmarkt t\u00e4tig. Nach mehreren Krisen kommt es schlie\u00dflich zum Bruch, nachdem A beschlie\u00dft, dass er P nicht geben kann, was sie zu brauchen angibt: nur ein bisschen Verl\u00e4sslichkeit und offene Kommunikation \u2013 Sicherheit in der Unsicherheit. Zum Trennungsmoment an einer Vierfachkreuzung wandern Ps Gedanken so wieder-holend und schleifenartig zur\u00fcck, dass die hartn\u00e4ckige Leserin die Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Frauenfigur am Leseerlebnis authentisch miterleben kann.<\/p>\n<p><strong>Kitsch im Denken und Schreiben<\/strong><\/p>\n<p>P, die schon der (Eigen-)Bezeichnung nach symbolisch f\u00fcr alle Frauen in einer \u00e4hnlichen Lebenssituation stehen muss, schreibt nun Abschiedsbriefe und Abschiedsnachrichten, macht sich Abschiedsgedanken. Inhalt und Form sind nicht voneinander zu trennen, wenn P zur Feder oder in die Tasten greift und \u201eich\u201c und \u201esie\u201c und H\u00f6flichkeitsformen und Anreden des Lesepublikums aufeinanderprasseln. Episodisch und sprunghaft tr\u00f6stet diese durchaus mutige und psychologisch realistische Komposition fast \u00fcber die inhaltlichen Schwierigkeiten und den oft kitschigen Gedankenstil hinweg, der (immerhin passend, da P zumindest teilweise auch als Erz\u00e4hlerin vermutet werden kann) auch als Schreibstil die ganze Erz\u00e4hlung flutet \u2013 aber eben nur fast.<\/p>\n<p>Es kann vermutet werden, dass die Flachheit des Erz\u00e4hlten beabsichtigt ist, zumal sich selbst die Hauptfigur der Klischees ihres Lebens bewusst ist. \u00dcberhaupt ist dieser Frau so einiges klar: die Heuchelei ihres Handelns, die symbolische Unterwerfung unter ihren Partner, die Aussichtslosigkeit ihrer Gedanken, deren mangelndes Fortschreiten, ihre unterlegene Ratio. Es ist ein Hadern mit \u201aweiblichen\u2018 Schw\u00e4chen, mit der gef\u00fchlten Unm\u00f6glichkeit der Vereinbarung von anerzogenen Geschlechterrollen mit feministischen Selbstanspr\u00fcchen. Leider best\u00e4tigt die Erz\u00e4hlung selbst im Hadern ebenjene Stereotype, da jede M\u00f6glichkeit des Triumphs des Verstandes in diesem ungleichen Kampf bei der Frauenfigur bereits aufgehoben ist, sobald sie zum wiederholten Mal angedacht wird, und indem Antagonist A selbst in seiner verletzlichsten Phase noch kalt und berechnend erscheinen muss.<\/p>\n<p>Weil die Erz\u00e4hlinstanz, sofern sie \u00fcberhaupt von P unterschieden werden kann, sich in der erlebten Rede dauerhaft wohlf\u00fchlt, \u00fcbernimmt sie auch die Denkweise der pseudo-emanzipierten Protagonistin und greift gerne zu allzu kitschigen Formulierungen, die \u2013 wie bei P \u2013 als authentischer pr\u00e4sentiert werden als die sich selbst zeitweise sehr gek\u00fcnstelt auferlegte Rationalit\u00e4t: \u201e[\u2026] sie ist mit sich selbst besch\u00e4ftigt und mit der Frage, warum die Liebe in ihrer pursten Form (keine Forderungen, keine Sicherheiten, keine Assets, nur N\u00e4he und \u00d6ffnung) so weh tun muss, und vor allem: warum ihr?\u201c<\/p>\n<p><strong>Metafiktion ist nicht immer die L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Wie Figur und Erz\u00e4hlerin ist auch die Geschichte mit sich selbst besch\u00e4ftigt: Die mittlerweile im Literaturbetrieb Mainstream gewordene Selbstreflexivit\u00e4t \u2013 also die Anregung zum Nachdenken \u00fcber den Text bzw. das literarische Schreiben selbst \u2013 greift der Roman bereitwillig auf, was im Fall der eigent\u00fcmlichen Erz\u00e4hlhaltung durchaus gelingt, wenn die Leser_innen gezwungen werden, die Klammerung an eine gesicherte Erz\u00e4hlinstanz aufzugeben. Bei der intendierten Spiegelung der Leseerwartungen auf der inhaltlichen Ebene sieht das anders aus, weil der wohl auch auf struktureller Ebene gemachte Versuch, Klischees durch ihre Hervorholung gerade nicht zu bedienen, scheitert. Gesteht man zu, dass eine gek\u00fcnstelte Nebenhandlung sowie fehl am Platz wirkende Einsch\u00fcbe zum Weltgeschehen die typischen Elemente von Romanen ironisieren, ist sp\u00e4testens die in einem bem\u00fchten Exkurs auf die Spitze getriebene \u00d6konomisierung des Schreibens zu viel des Guten. Die kritisierte \u00d6konomie scheint letztlich aufseiten der Vernunft zu stehen \u2013 eine weitere Sympathielenkung zugunsten der Emotion in diesem davon schon inhaltlich \u00fcberladenen Werk.<\/p>\n<p><em>Klartraum. Jung und Jung, Herbst 2017, 281 Seiten<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Emil Eva Rosina<br \/>\n<a href=\"https:\/\/oeh.univie.ac.at\/zeitgenossin\/da-hilft-auch-selbstreflexion-nicht\" target=\"_blank\">Erstver\u00f6ffentlichung in ZEITGENOSSIN, Ausgabe 03\/18<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 19088<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Verriss von Olga Flors aktuellem feministisch sein wollenden Roman Klartraum. \u201eDu, sagt sie, ich bin zur\u00fcckgetreten von dieser Liebe!, doch sie glaubt sich selbst schon lang nicht mehr.\u201c \u2013 Was sich Protagonistin P gegen Ende von Olga Flors Neuling Klartraum eingesteht, hat die Erz\u00e4hlerin, die mit der Hauptfigur verschmilzt, an diesem Punkt der Geschichte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[60],"tags":[124],"class_list":["post-9941","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rosina-emil-eva","tag-about"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9941","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9941"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14440,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9941\/revisions\/14440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}