{"id":9811,"date":"2019-06-07T14:39:45","date_gmt":"2019-06-07T14:39:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9811"},"modified":"2019-06-09T06:45:23","modified_gmt":"2019-06-09T06:45:23","slug":"piano-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9811","title":{"rendered":"Piano Man"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9811&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9811&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein d\u00fcnner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.<\/p>\n<p>\u201eMist, ich brauche eine M\u00fctze voll Schlaf\u201c, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems l\u00e4sst seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine H\u00e4user, g\u00e4hnende Leere und \u00d6de rundherum. Er tritt aufs Pedal.<\/p>\n<p>In der Ferne pl\u00f6tzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar B\u00e4ume s\u00e4umen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.<\/p>\n<p>\u201eMotel\u201c steht auf einer verrosteten, altert\u00fcmlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Geb\u00e4ude mit schwarzen Fensterl\u00e4den ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgescho\u00df. Tom greift nach seiner Reisetasche am R\u00fccksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gem\u00fctliches Bett.<\/p>\n<p>Ein leiser Klingelton ist zu h\u00f6ren, als er die knarzende Holzt\u00fcr \u00f6ffnet. Ein schwach beleuchteter Gang f\u00fchrt zu einem Pult, dahinter steht mit dem R\u00fccken zu Tom ein wei\u00dfhaariger Mann, er tr\u00e4gt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eOh!\u201c, entf\u00e4hrt es ihm unabsichtlich. \u201aDer Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins\u2018, denkt er bei sich.<\/p>\n<p>\u201eGuten Abend, Sir. Sie sehen m\u00fcde aus. Ein Zimmer gef\u00e4llig?\u201c, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den W\u00e4nden, er nimmt einen eigent\u00fcmlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke h\u00e4ngt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, r\u00fcckenlangen Haaren in einem wei\u00dfen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, gro\u00dfe Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verf\u00fchrerisch die prallen Br\u00fcste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.<\/p>\n<p>\u201aKein B\u00fcstenhalter, krass!\u2018, denkt er sich. Die Frau l\u00e4chelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.<\/p>\n<p>\u201eIch zeige dir gleich das Zimmer!\u201c W\u00e4hrend sie von Anthony einen alten Schl\u00fcssel mit einem gro\u00dfen Holzanh\u00e4nger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.<br \/>\n\u201aCannabis, oder?\u2018, fragt er sich und schmunzelt.<\/p>\n<p>Tom folgt der Frau wortlos \u00fcber die Treppe, sie schlie\u00dft Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die wei\u00dfen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und \u00f6ffnet einen Fensterfl\u00fcgel. Die Musik ert\u00f6nt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgl\u00e4ser, f\u00fcllt ein tiefrotes Getr\u00e4nk in die Gl\u00e4ser und reicht ihm eines.<br \/>\n\u201eHerzlich willkommen, Fremder!\u201c, haucht sie ihm ins Ohr, \u201edu kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.\u201c Sie leert das Glas in einem Zug und verl\u00e4sst das Zimmer.<\/p>\n<p>,Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?\u2018 Tom sch\u00fcttelt den Kopf und nimmt einen gro\u00dfen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, an der R\u00fcckseite des Motels, sitzen einige M\u00e4nner um einen gro\u00dfen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und \u00e4rmellosen Pullis \u00fcber bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildsch\u00f6ne Frau an, die soeben wieder zu ihnen zur\u00fcckgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Scho\u00df eines Mannes und k\u00fcsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.<\/p>\n<p>Hinter dem Gr\u00fcnstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos \u00e4lteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs St\u00fcck. Die Autos scheinen zu den M\u00e4nnern zu passen. ,Maskenball oder Junggesellenabschied?\u2018, fragt er sich. Die Musik wird lauter, und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.<\/p>\n<p>Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dr\u00f6hnt in seinen Ohren, die Ger\u00fcche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgem\u00e4lde. Tom stolpert aus der T\u00fcr, \u00fcber die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs M\u00e4nner am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und l\u00e4cheln, die Fee h\u00e4lt im Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n, dass du bei uns bist, Fremder!\u201c, haucht sie in den Sommerabend.<\/p>\n<p>\u201eWas wird denn hier gefeiert?\u201c, fragt Tom, noch immer au\u00dfer Atem. Ein br\u00fcnetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:<br \/>\n\u201eWir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!\u201c<\/p>\n<p>Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbeh\u00e4lter mit mehreren H\u00e4hnen, sieben antike Kristallgl\u00e4ser mit einer gr\u00fcnen Fl\u00fcssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gl\u00e4sern liegen gelochte Silberl\u00f6ffel mit einem St\u00fcck Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbeh\u00e4lters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas f\u00e4llt, hinterl\u00e4sst in der gr\u00fcnen Fl\u00fcssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelf\u00e4den, die langsam mit dem Gr\u00fcn verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen \u00fcber seinen R\u00fccken, gleichzeitig ist ihm hei\u00df, und er f\u00fchlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingern\u00e4geln langsam \u00fcber die nackte Haut seines Unterarmes, \u00fcber seine Schulter hinweg bis zum Hals und h\u00e4lt an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und fl\u00fcstert:<br \/>\n\u201eL\u2018heure verte\u201c. Tom versteht nur Bahnhof. Die Ber\u00fchrungen machen ihn halb verr\u00fcckt. \u201eTrink, Fremder!\u201c, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kr\u00e4utern, irgendwie nach Anis, Fenchel \u2026<\/p>\n<p>Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Fl\u00fcssigkeit, nach mehr Ber\u00fchrung.<br \/>\n\u201eKomm! Setz dich ans Piano und spiele f\u00fcr uns!\u201c<br \/>\n\u201eEs ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe \u2026 aber woher wei\u00dft du \u2026?\u201c, will Tom einwenden.<br \/>\n\u201eSing us a song, you\u2018re the piano man \u2026\u201c, fangen die M\u00e4nner am Tisch zu singen an.<\/p>\n<p>Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen R\u00fccken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber die Tasten zu fliegen, machen sich selbst\u00e4ndig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.<br \/>\n\u201e\u2026 well we\u2019re all in the mood for a melody and you\u2019ve got us feelin\u2019 alright \u2026 la la la \u2026\u201c, stimmen nun alle mit ein.<\/p>\n<p>Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verf\u00fchrt, neckt die M\u00e4nner. Ein lauer Nachtwind k\u00fchlt die erregten Gem\u00fcter, l\u00e4sst Toms Schwei\u00dfperlen trocknen. Er wei\u00df nicht, wie sp\u00e4t es ist, er wei\u00df nicht, wo er ist, er wei\u00df gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, dr\u00fcckt sich fest an ihn, er sp\u00fcrt jede Faser ihres schlanken K\u00f6rpers, er ist elektrisiert.<\/p>\n<p>\u201eWirst du mich retten, Piano Man?\u201c, fragt sie ihn pl\u00f6tzlich mit trauriger Stimme. \u201eJa \u2026 ja, nat\u00fcrlich. Aber \u2026?\u201c, stottert Tom.<br \/>\nStille.<br \/>\nTom \u00f6ffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte \u00dcbelkeit \u00fcberkommt ihn. Er sieht zerw\u00fchlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.<br \/>\n\u201eWas zum Geier \u2026?\u201c<\/p>\n<p>Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum drehen k\u00f6nnte. Er l\u00e4uft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der blo\u00df dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Sch\u00f6nheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie tr\u00e4gt einen geflochtenen Korb und pfl\u00fcckt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied &#8230; \u201ePiano Man\u201c \u2026<br \/>\n\u201eMein Gott, sie ist so wundersch\u00f6n!\u201c Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.<\/p>\n<p>Er l\u00e4uft durchs Zimmer, zieht sich an und verl\u00e4sst mit Reisetasche und zerw\u00fchlten Haaren den Raum.<br \/>\n\u201eIch muss weg von hier, verflucht!\u201c, fl\u00fcstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschl\u00fcssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und dr\u00fcckt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.<br \/>\n\u201eVerdammt! Hallo? Ist hier jemand?\u201c<\/p>\n<p>Anthony kommt aus einer Seitent\u00fcr und l\u00e4chelt ihn an.<br \/>\n\u201eSir, wie kann ich Ihnen helfen?\u201c<br \/>\n\u201eIch will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschl\u00fcssel?\u201c Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, l\u00e4chelt ihn an, k\u00fcsst ihn auf den Mund.<br \/>\nWortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.<br \/>\nAnthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und fl\u00fcstert:<br \/>\n\u201eDu bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du geh\u00f6rst jetzt ihr, f\u00fcr immer!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-maerz-2019\/piano-man\" target=\"_blank\">Erstver\u00f6ffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag<\/a><a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-januar-2019\/hey-mercedes\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><em>(Die Geschichte hat im Schreiblust-Verlag Monat M\u00e4rz zum Thema \u201eSchneewittchen\u201c unter 40 Geschichten <a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-maerz-2019\" target=\"_blank\">Platz 1<\/a> erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt \u2013 erscheint voraussichtlich Anfang 2020).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 19080<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein d\u00fcnner Schleier vor ihm aus. 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