{"id":9397,"date":"2019-02-09T18:00:26","date_gmt":"2019-02-09T18:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9397"},"modified":"2019-02-10T15:41:13","modified_gmt":"2019-02-10T15:41:13","slug":"tod-einer-radfahrerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9397","title":{"rendered":"Tod einer Radfahrerin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9397&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9397&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1)<\/p>\n<p>Manuel stand in der K\u00fcche und kochte eine Tomatensuppe. Drau\u00dfen schien die Wintersonne herein und er h\u00f6rte an diesem Freitagnachmittag das \u00d61-Mittagsjournal und dachte, dass die Welt sich nie \u00e4ndern w\u00fcrde. Dass alles immer so bleiben w\u00fcrde, die Dramaturgie des Weltgeschehens wiederkehrend w\u00e4re, und die Menschen nicht schlauer w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Er freute sich auf seine Frau Larissa, die bald von der Arbeit zur\u00fcck sein m\u00fcsste. Seit Kurzem arbeitete sie als Assistentin bei einem praktischen Arzt. Sie hatte ihm oft erz\u00e4hlt, dass sie ihre neue Arbeit gl\u00fccklich mache. Aufgrund ihrer medizinischen Ausbildung d\u00fcrfe sie nicht nur die Terminvereinbarungen mit Patienten treffen, sondern st\u00fcnde dem Arzt bei Untersuchungen assistierend zur Seite.<br \/>\nEr wunderte sich, dass sie nicht schon zu Hause war. Mittlerweile war das Mittagsjournal zu Ende und die K\u00fcchenuhr zeigte auf ein Uhr. Nachdem die Ordination am Freitag um zw\u00f6lf Uhr mittags sperrte und nicht weit von ihrer Wohnung entfernt lag, war die Strecke mit dem Rad in gut f\u00fcnfzehn Minuten zur\u00fcckzulegen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger er auf Larissa wartete, desto mehr dachte er an das Telefonat, das er in den letzten Wochen immer wieder verdr\u00e4ngt hatte. Doktor Gronau, der neue Arbeitgeber von Larissa, hatte ihn angerufen, als sie bereits ein paar Tage bei ihm in der Ordination gearbeitet hatte. Der Arzt hatte etwas ausgesprochen, was Manuel nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, zumindest konnte er die Zeichen in der Vergangenheit nicht deuten. Er war mit Larissa seit zwei Jahren verheiratet, aber es war f\u00fcr ihn schwer vorstellbar, dass hinter ihrem fr\u00f6hlichen Wesen noch eine andere Seite existierte.<br \/>\n\u201eHaben Sie schon mal beobachtet, dass ihre Frau heimlich weint, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?\u201c, fragte ihn der Arzt, der seine Mutma\u00dfung ohne Umschweife und ganz direkt aussprach. \u201eIch bin kein Seelenklempner, aber manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass ihre Frau auch eine ziemlich depressive Seite hat, die sie ganz gut kaschieren kann\u201c, sagte Gronau. Er sagte, er h\u00e4tte ihr Weinen dann beobachtet, wenn gerade keine Patienten in der Praxis gewesen w\u00e4ren, sie alleine hinter dem Anmeldetresen sa\u00df, und glaubte, nicht beobachtet zu werden.<\/p>\n<p>Insbesondere fiel ihm ihr trauriges Verhalten dann auf, wenn wenig los war, als bedeutete die Arbeit einen gewissen Grad an Ablenkung f\u00fcr sie. Manuel war \u00fcberrascht, als er diese Beobachtungen geschildert bekommen hatte. Anderseits aber l\u00f6ste sich ein fragw\u00fcrdiges Verhalten seiner Frau etwas auf, das er stets zur Seite geschoben, immer wieder verdr\u00e4ngt hatte. Dachte er an seine Ehe, dann kam es ihm vor, dass Larissa immer dann zu H\u00f6chstform auflief, wenn bei ihnen zu Hause ein m\u00f6glichst gro\u00dfes Tohuwabohu vorherrschte. Je mehr Besuch bei ihnen zugegen war, sei es, dass ihre Freundinnen mit ihren Kindern l\u00e4rmend bei ihnen einfielen oder Larissas Geschwister unangemeldet zu Besuch kamen, umso fr\u00f6hlicher und extrovertierter wurde sie.<br \/>\nSie zog sich immer nur dann zur\u00fcck, oder ging ihm aus dem Weg, wenn es bei ihnen besonders ruhig geworden war. Wenn sie nur zu zweit waren, oder wenn sie an verregneten Sonntagnachmittagen nicht wussten, was sie mit sich anfangen sollten, erinnerte sich Manuel.<\/p>\n<p>2)<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte, wie Larissa die Eingangst\u00fcre \u00f6ffnete, sich ihre Schuhe auszog und ihre Jacke auf der Kleiderablage aufh\u00e4ngte. Sie trat in die K\u00fcche ein und riss ihn vollends aus seinen Gedanken heraus. \u201eNa endlich, ich warte schon die l\u00e4ngste Zeit auf dich. Die Tomatensuppe ist schon fertig\u201c, sagte er, und w\u00e4hrend des Sprechens begriff er, dass seine Begr\u00fc\u00dfung nicht gerade herzlich ausfiel. \u201eVon Arbeit hast du wohl keine Ahnung\u201c, sagte Larissa, die ihre Miene verzog. Er sagte ihr, dass es im leidtue, sie etwas forscher begr\u00fc\u00dft zu haben, aber er habe sich eben Sorgen gemacht, wo sie denn bleiben w\u00fcrde. Sie erwiderte ihm, dass er sich seine Entschuldigung auf den Hut picken k\u00f6nne, n\u00e4mlich das, was gesagt wurde, k\u00f6nne nicht mehr zur\u00fcckgenommen werden.<br \/>\nEr war ob Larissas Reaktion vollkommen perplex und konnte sich nicht erkl\u00e4ren, warum sie so gereizt war. Er fragte sich, ob in der Ordination etwas vorgefallen sei, h\u00fctete sich aber, sie darauf anzusprechen. Als ob seine vorherigen Gedanken, seine Erinnerung an das Telefonat mit Dr. Gronau etwas ausgel\u00f6st h\u00e4tten. Vielleicht gab es ja telepathische Gedankenassoziationen, dachte er sich. Einer dachte was, und der andere f\u00fchlte sich unbewusst angesprochen.<\/p>\n<p>\u201eMir ist die Lust auf deine Tomatensuppe eigentlich vergangen\u201c, sagte Larissa, die sich von ihm abwandte und die K\u00fcche wieder Richtung Flur verlie\u00df, sich eilends Schuhe und Jacke anzog und die Eingangst\u00fcre krachend ins Schloss fallen lie\u00df. Manuel konnte es nicht glauben, dass ihr Verhalten so aufbrausend war. Er blickte zum K\u00fcchenfenster hinaus und beobachtete sie, wie sie ihr rotes Fahrrad aus dem Radst\u00e4nder hob und in Richtung Bahnhof davonfuhr. Er erinnerte sich daran, dass ihr Lieblingskaffee in der N\u00e4he des Bahnhofs war. Seitdem sie von der Gro\u00dfstadt in die Kleinstadt verzogen waren, waren die Wege f\u00fcr sie beide kurz und nachvollziehbar geworden. Sie musste nur den Bahn\u00fcbergang queren, und schon w\u00fcrde sie zum Bahnhof mit dem kleinen Einkaufszentrum gelangen.<\/p>\n<p>3)<\/p>\n<p>Manuel l\u00f6ffelte lustlos die Tomatensuppe direkt aus dem Topf und \u00fcberlegte, was er mit dem Freitagnachmittag anfangen sollte, und ob seine Frau tats\u00e4chlich depressiv sei. Der Beginn des Wochenendes hatte f\u00fcr ihn einen fahlen Beigeschmack, und obwohl drau\u00dfen die Sonne schien, hatte er das Gef\u00fchl, dass sich ein grauer Schleier \u00fcber der Stadt ausbreitete. Er wollte nicht gr\u00fcbelnd mit negativen Gedanken den Nachmittag zu Hause verbringen, denn das w\u00fcrde an der Situation, dass Larissa scheinbar eine Laus \u00fcber die Leber gelaufen war, nichts \u00e4ndern.<br \/>\nEr wollte immer schon mal in die Gro\u00dfstadt fahren, um wieder ein paar Runden durch die Altstadt drehen zu k\u00f6nnen. Er beschloss, das zu tun und mit dem Zug zu fahren. Vielleicht w\u00fcrde er ja Larissa am Bahnhof \u00fcber den Weg laufen, und sie k\u00f6nnten sich zu einem Vers\u00f6hnungskaffee zusammensetzen. Das w\u00e4re eigentlich sein Wunsch, gestand er sich ein, denn in die Stadt zu fahren, war zwar sch\u00f6n, aber doch nur ein fauler Kompromiss.<\/p>\n<p>4)<\/p>\n<p>Manuel sa\u00df im Regionalexpress, der langsam anrollte und in etwa einer dreiviertel Stunde am Ziel sein w\u00fcrde. Er hatte einen Fensterplatz und die Sonne schien herein. Larissa war er am Bahnhof nicht begegnet, was ihn etwas traurig stimmte. Der Zug entfernte sich mit immer schneller werdender Geschwindigkeit aus dem Bahnhofsbereich und n\u00e4herte sich dem Bahn\u00fcbergang, den Larissa und er von zu Hause immer nehmen mussten, wenn sie zum Bahnhof wollten. Er wollte gerade aufstehen, um sich seinen Mantel auszuziehen, als der Zug unversehens bis zum Stillstand abbremste. Er konnte sich gerade noch an der Gep\u00e4cksablage festhalten, um nicht zu Fall zu kommen.<\/p>\n<p>Der Zug stand nun au\u00dferhalb des Bahnhofs, inmitten von einem Gewirr aus Weichen und Geleisen. Es vergingen einige Minuten, die Manuel endlos vorkamen. Seitens des Schaffners gab es keine Information, warum der Zug zum Stehen gekommen war. Die Fahrg\u00e4ste schauten sich betreten und ratlos an und keiner wusste, wann es weitergehen w\u00fcrde. Er blickte nochmals aus dem Fenster, um sich zu orientieren, wo der Zug zum Stehen gekommen war. Er sah, dass die Lokomotive in etwa bei dem Bahn\u00fcbergang stand. \u201eWir bitten um Ihr Verst\u00e4ndnis, aber aufgrund eines Rettungseinsatzes kann der Zug derzeit seine Fahrt nicht fortsetzen\u201c, verlautbarte der Schaffner nach einer halben Stunde \u00fcber die Lautsprecheranlage. Dass aber heute auch gar nichts auf die Reihe zu bekommen ist, dachte sich Manuel, dem es immer noch an die Nieren ging, am Nachmittag im Streit mit Larissa auseinandergegangen zu sein. Drau\u00dfen h\u00f6rte man die Signalh\u00f6rner der Einsatzfahrzeuge und die Reflexe der drehenden Blaulichter drangen in den Zug hinein. Manuel war es mittlerweile vollkommen gleichg\u00fcltig, wie lange der Zug stillstehen w\u00fcrde, von Bedeutung war f\u00fcr ihn nur, sich mit Larissa so schnell wie m\u00f6glich wieder auszus\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Er presste sein Gesicht an das Zugfenster, konnte jetzt die Umrisse des Bahn\u00fcbergangs schemenhaft erkennen, das verstreute Stehen der Einsatzfahrzeuge, und ein demoliertes und verbeultes rotes Rad, das von einem Feuerwehrmann zur Seite gelegt wurde. Noch ehe er Larissa anrufen konnte, bekam er auf seinem Handy einen Anruf, dessen Nummer als anonym angezeigt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Dorner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 19048<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1) Manuel stand in der K\u00fcche und kochte eine Tomatensuppe. 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