{"id":9328,"date":"2019-01-14T16:30:56","date_gmt":"2019-01-14T16:30:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9328"},"modified":"2019-03-24T17:51:08","modified_gmt":"2019-03-24T17:51:08","slug":"x-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9328","title":{"rendered":"Blamage im Billa"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9328&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9328&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Am Praterstern, Samstag, 19. Mai, kurz nach 18 Uhr, auf dem R\u00fcckweg von einem Badetag im G\u00e4nseh\u00e4ufel, Kleinigkeiten einkaufen f\u00fcr den Sonntag, f\u00fcr Montag auch noch, das Pfingstwochenende. Nach der Kasse an der langen Bank vor dem Ausgang packe ich meine Eink\u00e4ufe in den Rucksack. Nicht weit davon sitzt ein alter, arm und sehr mager aussehender Mann. Der erste Blick. Mir f\u00e4llt der altert\u00fcmliche, schwarze Anzug mit einem dem bis zum letzten Knopf geschlossenen wei\u00dfen Hemd auf, die Kragenspitzen aufgestellt, keine Krawatte vor der eingefallenen Brust.<\/p>\n<p>Der hei\u00dfeste Tag dieses hei\u00dfen Jahres. Das Sakko ist eng, langgeschnitten und wirft am unteren Rand Falten. Fast ein Frack. Er sitzt auf dem Bord und schneidet mit einem Taschenfeitel Scheiben einer Wassermelone in kleine St\u00fccke und spie\u00dft sie auf die Klingenspitze.<br \/>\nSo eine vorgeschnittene Packung kaufe ich auch \u00f6fters, weil f\u00fcr mich allein eine ganze Melone meist zu viel ist. Langsam, gen\u00fcsslich und mit einer leichten Eleganz in den Bewegungen verleibt er sie sich ein. Er zelebriert, das ist kein gew\u00f6hnliches Essen, sondern ein Ritual, es ist ein Verzehr, wie sich ein Priester im Gottesdienst bei der Verwandlung die Hostie, den Leib Christi, auf die Zunge legt. Dabei \u00f6ffnet er den zahnlosen Mund, legt den Kopf in den Nacken und f\u00fcttert sich selbst mit gespitzten Lippen, wie Vogeljungen von ihren Eltern einen Wurm in den Schnabel gestopft bekommen. Dazu passt sein Vogelgesicht, ein eingetrockneter Habicht, oder nein, sagt meine Gehirnkamera, eher das von einer ausgetrockneten Eidechse mit riesenhaftem Adamsapfel.<\/p>\n<p>Der Mann l\u00e4sst die Melonenst\u00fcckchen von der Klinge direkt in den offenen Mund gleiten. Dabei schlie\u00dft er gen\u00fcsslich die Augen. Wenn es um den Eingang nicht so laut gewesen w\u00e4re \u2013 um diese Zeit herrscht beim Billa Blockabfertigung \u2013 h\u00e4tte ich ihn vor Genuss vielleicht st\u00f6hnen und schmatzen h\u00f6ren k\u00f6nnen. Wie alle Zahnlosen st\u00fclpt er die Lippenw\u00fclste weit vor und dehnt sie wieder aus; innen in der Mundh\u00f6hle zermalmen die Kiefer gegen den Gaumen die Melone zu einem Brei, der sich leicht schlucken l\u00e4sst. So erkl\u00e4rt sich das alte Wort \u201eMahlzeit\u201c. An den Mundwinkeln rinnen kleine, rote B\u00e4che von Saft in die Falten und tropfen vom Kinn in den Hemdkragen.<br \/>\nWie viel man mit einem einzigen, schnellen Blick erfassen kann, wundere ich mich noch, oder ist es nur meine Angewohnheit des Fotografierens beim Schauen. Klickklickklick &#8211; festgehalten.<\/p>\n<p>Sein Anzug ist von einem Aussehen, das es in der Wirklichkeit nicht mehr gibt. Nur auf vergilbten Fotos oder im Fundus f\u00fcr Zwischenkriegsfilme, ein Fl\u00fcchtling mit einem K\u00f6fferchen, auf den letzten Zug wartend, um in die Tschechoslowakei zu entkommen, mit einem K\u00f6fferchen neben sich. Nerv\u00f6s in Gm\u00fcnd, der letzte Emigrant. Sicher muss ich so eine alte Fotografie einmal gesehen haben, sonst w\u00e4re sie jetzt nicht wieder aufgetaucht. Dieser Anzug. Urspr\u00fcnglich aus gutem Stoff, aber durch die Zeiten gewellt und gebrochen, spiegelig d\u00fcnn, mit Gelbstich, Gr\u00fcnspan. Sogar den Geruch konnte man ihm ansehen: Mottenkugeln, Tabak, Schwei\u00df und M\u00e4nnerurin. Neu nur der Melonenduft. Die aufgebogenen Hemdkragenspitzen \u00fcber den Revers kamen ebenfalls aus diesem Bild, wie ausgeschnitten oder eingefroren in einem Kader.<\/p>\n<p>Ich hatte neben anderen Dingen eine Packung Pfirsiche gekauft, diese von der flachen Art, Marke Saturn, ich habe sie immer f\u00fcr lachhaft gehalten und erst vor kurzem f\u00fcr mich als k\u00f6stlich entdeckt. Da dachte ich mir, dieser genie\u00dferische Typ k\u00f6nnte ein paar gebrauchen und genauso verspeisen wie seine Melone. Aber es war kein Denken und kein bewusstes Entscheiden. Was hat mich dazu veranlasst? Mein alter Sozialreflex auf offensichtliche Armut? Er hatte in der Tasse neben sich eine weitere dreieckige Scheibe, noch von der Folie \u00fcberzogen. Ich brach mein K\u00f6rbchen mit Saturn auf, nahm spontan drei von den sechs Pfirsichen heraus und wandte mich an meinen Nachbarn: \u201eDarf ich? Guten Appetit.\u201c Damit legte ich ihm die Fr\u00fcchte in seine Tasse.<\/p>\n<p>So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie der Alte die Fr\u00fcchte, eine nach der anderen, aufnahm und sie mit ungeahnter Wucht in den neben ihm stehenden Mistk\u00fcbel schleuderte, dass die darin liegenden Plastikfetzen und zerkn\u00fcllten Rechnungen aufspritzten. Entsetzt sprang ich dazu, holte sie blitzschnell heraus, hielt sie ihm unter die Nase und fragte ihn, mich aufrichtend, warum er so b\u00f6se sei, was ich ihm angetan h\u00e4tte. Es folgte ein Schwall von nicht ganz verst\u00e4ndlichen Schimpfw\u00f6rtern, von denen das deutlichste \u201eDrecksau\u201c war.<\/p>\n<p>Ist das mein feines Geh\u00f6r f\u00fcr Sprachnuancen oder eine political incorrectness, dass ich heraush\u00f6rte, dass er \u201eb\u00f6makelte\u201c, also einen tschechischen Akzent hatte. Kann auch slowakisch gewesen sein. Von dort kommen viele Sandler nach Wien, oder Menschen, die in Wien zu Sandlern werden. Ich kenne sie gut aus der Gruft von der Caritas. Wie auch immer, ich registrierte, dass er nicht auf rein Wienerisch schimpfte, was ich besser verstanden und replizieren h\u00e4tte k\u00f6nnen, zumindest a bissl besser.<br \/>\nMein Puls war sicher schon auf 180, als ich aus dem Billa st\u00fcrzte und mich durch die Halle durch die Menschenmassen k\u00e4mpfte.<br \/>\nGeradeaus U2, Rolltreppe runter, U1, links Richtung Oberlaa, rechts Leopoldau, noch einmal fast endlose G\u00e4nge und Rolltreppen. Die Lifte haben sie noch nicht erfunden oder ich habe sie vergessen. Aber sie kommen ohnedies nicht in Betracht, dort warten immer die Kinderw\u00e4gen.<\/p>\n<p>Der Rucksack schwappt auf meinem R\u00fccken, und die Badetasche schl\u00e4gt mir in die Knie. Schon ganz unten auf meinem Bahnsteig beuge ich mich tief nach unten-vorne, um Atem zu sch\u00f6pfen.<br \/>\nDa packt mich eine so unm\u00e4\u00dfige Wut, dass ich umkehre, mit allen meinen schweren Taschen die Rolltreppe wieder hinauf, irgendeinen Junkie-Aufstand in der Halle mit Polizei und Hunden ignorierend, mich durch die Massen dr\u00e4nge und noch einmal den Billa-Markt betrete \u2013 absoluter Irrsinn, denn ich schleppe nicht nur meine schwere Badetasche aus dem G\u00e4nseh\u00e4ufel, sondern auch die nicht geringen neuen Eink\u00e4ufe mit mir, und das alles am hei\u00dfesten Tage des bisherigen Jahres mit 32,3 Grad in Wien.<\/p>\n<p>Der Praterstern ist ja sowieso der irrste Punkt von Wien, das kenn ich ja, normalerweise gehe ich mit wissenden, aber gn\u00e4dig geschlitzten Augen durch, angeblich alles unter der Beobachtung von offensichtlicher oder bedeckter Polizei und unauff\u00e4lligen Streetworkern. Noch habe ich kein Gef\u00fchl daf\u00fcr, ob das vor kurzem ausgesprochene Alkoholverbot die Lage beruhigt hat oder das Gegenteil. Ob es sinnvoll war oder nur deppert.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit, w\u00e4hrend des Taschenschleppens und des K\u00f6rpergedr\u00e4ngels, zwischen den zumeist h\u00e4sslichen, zu kurzen H\u00f6schen mit angeschnittenen Arschbacken oder zu engen Leggings, was man sich da alles ansehen muss von Fett und Wabbelbeinen, was ich nie im Leben sehen wollte, jagt ein Shitstorm durch mein Gehirn, wie ich den schimpfenden Vogel ansprechen, beschimpfen, ja, bestrafen sollte. Er musste seine Strafe erhalten! Wie leicht, ihm einfach den Hals umzudrehen. Ich entscheide mich f\u00fcr das Naheliegendste, dass er sehr alt war, krank, unterern\u00e4hrt und nicht mehr lange zu leben h\u00e4tte. Himmel oder H\u00f6lle. Gut oder b\u00f6se. Nix davon.<\/p>\n<p>Die Vogelscheuche im schwarzen Anzug sa\u00df noch immer auf der Bank und verzehrte seine letzte Melonenscheibe. Alles Obsz\u00f6ne, dessen ich m\u00e4chtig bin, verwarf ich. Ich entschied mich f\u00fcr eine kurze, mir pr\u00e4zis und entsprechend der Abweisung erscheinende Aussage.<br \/>\n\u201eWenn Sie so b\u00f6s sind, werden Sie bald sterben!\u201c Spricht der Racheengel. Damit beugte ich mich zu ihm hinunter und legte ihm noch einen Pfirsich namens Saturn auf die Tasse, in meinem moralischen Koordinatensystem war es das Schlimmste, jemandem den Tod zu w\u00fcnschen oder ihn anzuk\u00fcndigen. Das kann ich.<br \/>\nWie er all das aus seinem zahnlosen, b\u00f6makelnden, melonenmummelnden Mund herausgebracht hat, und noch dazu in einer ungeahnten Lautst\u00e4rke, die Stimme so hoch und schrill, dass es den allgemeinen Supermarktl\u00e4rm durchdrang, zumindest im Eingangsbereich: \u201eDu Dreckschwein, krepier, i brauch nix, du oedes Dreckschwein, oedes! Ich brauch nix, du krepier, krepier, oede Vettel, du Sau du, dreckige, oede, stinkade Fut du. Du Fut du, oede Fettl, weg do.\u201c<\/p>\n<p>Und vieles mehr, was ich nicht so genau verstand. Irgendwas von Teufeln und H\u00f6llen und Hurenb\u00f6cken. Und das in Wiederholungen, immer lauter und h\u00f6her, sodass sich die Menschen im Eingangsbereich uns zuwandten, sich schon eine leichte Mauer aus Menschenk\u00f6rpern und Einkaufswagen aufbaute, bis ich gerade noch an den Security-M\u00e4nnern in die Halle entwischen konnte.<br \/>\nLetztlich war ich eine Illegale mit schweren Lasten auf beiden Schultern, stolpernd und im Wackelgang und einem wie wahnsinnig schlagenden Herz und explodierendem Gehirn. Angstangstangst macht Beine. Aber die hinter mir bellenden Hunde galten nicht mir, sondern waren Teil einer Razzia, wahrscheinlich im Zuge der neuen Anti-Alkoholbestimmungen.<\/p>\n<p>Trotzdem machte ich einen R\u00f6sselsprung, dass die Flaschen im Rucksack gef\u00e4hrlich aneinander schepperten. Hundegebell, Trillerpfeifen, Schrittetrappeln hinter mir. Pl\u00f6tzlich war ich ein afghanischer Asylwerber, eine albanische Roma-Bettlerin, ein Wiener Junkie und ein slowakischer Alki, alles gleichzeitig. Das macht Beine, und wie! Irgendwie entkam ich runter in die U1, wo ich mit Gl\u00fcck einen Sitzplatz ergatterte, auf dem sich mein Puls bis zur Taubstummengasse beruhigte, mein Herz-Gem\u00fct aber bis jetzt nicht.<br \/>\nDas kann einfach eine Begegnung mit einem Kranken gewesen sein, der in Ruhe seine Melone verzehren wollte, und ich habe ihn dabei gest\u00f6rt. Oder ein ehemals nobler Herr, der sich durch meine ungeschickte, aber mild gemeinte Gabe gedem\u00fctigt f\u00fchlte. Wieder einmal ein Beweis daf\u00fcr: Gut gemeint muss nicht gut sein. So versuchte ich mich zu tr\u00f6sten. Mein Schenk-Reflex traf bei ihm auf einen ganz anderen, der genauso wie meiner aus seiner Geschichte kommen musste. Was f\u00fcr eine Geschichte?<\/p>\n<p>Aber wenn ich etwas wei\u00df, dann ist es ganz sicher, dass die erste Assoziation beim Anblick dieses \u201eHerren\u201c im Billa-Markt die Fotos des Nazis und M\u00f6rders Oskar Gr\u00f6ning war, gesehen und gelesen dar\u00fcber online in der FAZ. Der 94-j\u00e4hrige \u201eBuchhalter von Auschwitz\u201c, eben in einem Prozess in L\u00fcneburg zu vier Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre f\u00fcr einen 94-J\u00e4hrigen! Im Billa am Praterstern war sein Zwillingsbruder gesessen. Irrsinn oder Erbe? Irrsinniges Erbe. Auf jeden Fall war das Ende meines Badeausflugs ein lebendiger Albtraum.<\/p>\n<p>18.5.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 19043<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Praterstern, Samstag, 19. Mai, kurz nach 18 Uhr, auf dem R\u00fcckweg von einem Badetag im G\u00e4nseh\u00e4ufel, Kleinigkeiten einkaufen f\u00fcr den Sonntag, f\u00fcr Montag auch noch, das Pfingstwochenende. Nach der Kasse an der langen Bank vor dem Ausgang packe ich meine Eink\u00e4ufe in den Rucksack. 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