{"id":8832,"date":"2018-11-02T08:27:45","date_gmt":"2018-11-02T08:27:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8832"},"modified":"2018-11-04T18:19:12","modified_gmt":"2018-11-04T18:19:12","slug":"die-zdf-hitparade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8832","title":{"rendered":"Die ZDF-Hitparade"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8832&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8832&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin ein Gewohnheitstier. Sp\u00e4testens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon fr\u00fcher ein, wenn ich meine W\u00e4sche f\u00fcr morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. Ganz gern schalte ich ab 18:45 Uhr zur ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Es sind Aufzeichnungen. Er moderierte sie von 1969 bis 1984. Zu Beginn rief er stets: \u201eHier ist Berlin!\u201c Dieter Thomas machte viele Witzchen und sorgte f\u00fcr gute Laune. Heutzutage mutet die Show total retro an. Allein deshalb gef\u00e4llt sie mir \u2013 weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich wurde 1970 geboren.<\/p>\n<p>Gerade heute ist wieder solch ein Tag. Seit 19:10 Uhr sitze ich vor dem Fernseher. Es l\u00e4uft die ZDF-Hitparade vom 5. November 1979. Dieter Thomas k\u00fcndigt Luv\u00b4 an, das sind drei junge Damen in Uniformen aus sehr wenig Stoff. Das mittlere M\u00e4dchen ist blond, die beiden au\u00dfen dunkelhaarig. Sie tanzen und singen zu ihrem Song \u201eOoh, Yes I Do\u201c. Es ist typische 1970er-Jahre-Musik. Heute w\u00e4re das wohl Musik f\u00fcr \u00e4ltere Herren, die gern junge h\u00fcbsche Frauen betrachten und denen die Musik gleichg\u00fcltig ist. Ich denke, damals war das noch etwas anders. Die Zielgruppe f\u00fcr diese Art von Kaugummi-Musik war breiter.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich zeigt die Kamera zu den Zuschauern im Saal. Dieter Thomas Heck stellt sich neben eine Frau, die gegen Ende drei\u00dfig sein d\u00fcrfte. Sie tr\u00e4gt einen roten Rollkragenpullover. Da sie au\u00dfen sitzt, sieht man ihren karierten Rock, ihre Brille ist gro\u00df und rund. Schwarze Wallem\u00e4hne, ein eher schmaler Mund, Perlenohrringe. Sie sieht aus wie ich! Sie sieht genauso aus wie ich zurzeit, abgesehen von der Kleidung und der Frisur. \u201eHat Ihnen das Lied gefallen?\u201c, fragt Dieter Thomas. Er h\u00e4lt das Mikrofon unter ihren Mund. \u201eJa, sehr sch\u00f6n wirklich, ganz toll!\u201c, sagt die Frau, die aussieht wie ich mit meiner Stimme und meiner K\u00f6rperhaltung. \u201eWie ist Ihr Name, gn\u00e4dige Frau?\u201c, fragt Dieter Thomas weiter. Wieder h\u00e4lt er das Mikrofon knapp unter ihren Mund. \u201eHertha K\u00f6nig.\u201c \u201eUnd Sie kommen aus \u2026?\u201c \u201eKassel\u201c, sagt die Frau ins Mikrofon. \u201eDer Herr neben Ihnen ist Ihr Gatte, nicht?\u201c, fragt Dieter Thomas wiederum und h\u00e4lt ihr das Mikrofon entgegen. \u201eNein, ich kenne ihn gar nicht. Ich bin alleine hier\u201c, sagt die Frau. \u201eNa, wenn Sie alleine hergekommen sind, bedeutet das noch nicht, dass Sie auch alleine nachhause gehen, wa?\u201c, flachst Dieter Thomas.<\/p>\n<p>Die Frau im Fernsehen lacht. <em>Ich <\/em>lache. Hertha K\u00f6nig ist mein Name, mein Wohnort ist Kassel. Ich, in meinem derzeitigen Alter, bin die Frau im Fernsehen.<\/p>\n<p>Wie kann das sein?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8838\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space.jpg\" alt=\"Lost in Space\" width=\"2907\" height=\"2736\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space.jpg 2907w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space-300x282.jpg 300w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space-1024x964.jpg 1024w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Lost-in-Space-624x587.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 2907px) 100vw, 2907px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieter Thomas Heck schmunzelt. Er geht auf die Kamera zu. Jetzt bleibt er stehen und k\u00fcndigt Costa Cordalis an, der als N\u00e4chster auf die B\u00fchne treten und dort sein Lied \u201eKeine liebt wie du\u201c zum Besten geben wird. Ich schalte den Fernseher aus. F\u00fcr Nachrichten habe ich jetzt keinen Kopf.<\/p>\n<p>Nochmals: Wie kann das sein?<\/p>\n<p>Ich suche nach einer Erkl\u00e4rung. Das nicht ich das in der ZDF-Hitparade gewesen sein kann, ist klar. Vielleicht, m\u00f6glicherweise, eventuell war es eine Schwester von Mama, mit der sie sich zerstritten und deren Existenz sie mir deshalb vorenthalten hat. Das klingt doch gar nicht so unlogisch. Aber warum gab sie mir dann ihren Namen Hertha? Man gibt doch seinem Kind nicht den Namen von jemandem, den man nicht leiden kann. Das passt \u00fcberhaupt nicht zusammen. Und wenn es einfach nur eine Frau war, die aussah, sich bewegte, sprach wie ich und in derselben Stadt wohnte? Es gibt ja die Theorie, dass jeder einen Doppelg\u00e4nger habe. Gut, mag sein, aber gilt das auch generationen\u00fcbergreifend?<\/p>\n<p>Die einfachste Erkl\u00e4rung ist nat\u00fcrlich die, dass ich mich versehen habe, eingenickt bin beispielsweise und kurz getr\u00e4umt habe. Ich kann es nicht herausfinden, da ich die Sendung ja nicht wie bei einer alten VHS-Videokassette zur\u00fcckspulen kann, aber ich meine, das denke ich wirklich, dass ich von dieser Frau, die ich sein soll, nur getr\u00e4umt habe, wom\u00f6glich fantasiert, was auf einen schlechten Gem\u00fctszustand von mir schlie\u00dfen lassen w\u00fcrde, das w\u00e4re aber ebenso m\u00f6glich, \u00a0jedenfalls habe ich diesen Vorfall nicht in Wirklichkeit gesehen.<\/p>\n<p>Ich lege mich bald ins Bett, in mein Einzelbett, ich lebe alleine. Dort lese ich noch ein wenig, einen Weltbestseller. Der bringt mich auf andere Gedanken \u2013 nein, das stimmt nicht so ganz, diese Folge der ZDF-Hitparade h\u00e4lt mich immer noch gefangen.<\/p>\n<p>Als ich dann eingeschlafen bin, tr\u00e4ume ich etwas ganz anderes, keine Spur von einer Musikshow. Ich tr\u00e4ume davon, wie ich durch den Wald gehe, einen Wald, den ich nicht kenne, schlie\u00dflich erreiche ich einen Teich. Ich sehe in ihn, weil ich mein Spiegelbild sehen m\u00f6chte, aber sein Wasser ist braun von Erde und wirft kein Bild zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag ist ein ganz normaler Tag, der 9. November 2016, Mittwoch. Arbeit bei Charles V\u00f6gele, Mode verkaufen, eher versuchen, Mode zu verkaufen. Im Gesch\u00e4ft ist nicht so viel Frequenz. Die Marke gilt offensichtlich als angestaubt, fast kein \u2013 potenzieller \u2013 Kunde ist unter vierzig. Bald einmal muss wohl ein neuer Job her. Ich bin achtunddrei\u00dfig. Das wird schon hinhauen, da mache ich mir nicht solche Sorgen, ich bin ja auch eine t\u00fcchtige Verk\u00e4uferin. Ein neuer Job w\u00e4re gar nicht schlecht, denn weniger als bei Charles V\u00f6gele kann man doch bestimmt nirgendwo verdienen.<\/p>\n<p>Auch Donnerstag und Freitag sind ganz normale, unspektakul\u00e4re Tage. Diesen Samstag habe ich frei. Erst einmal bleibe ich so lange im Bett, bis ich v\u00f6llig ausgeschlafen bin. Das ist ein guter Start in den Tag. Dann ein \u00fcppiges Fr\u00fchst\u00fcck mit Radio hr3. Danach ein Spaziergang im Novembernebel, etwas unfreundlich, bald wieder nachhause. Ich lese meinen Weltbestseller weiter. Dabei brauche ich nicht viel zu denken, das ist sehr entspannend. Nachmittags backe ich mir eine Tiefk\u00fchlpizza auf. Sie schmeckt ganz gut, besser als fr\u00fcher, die Lebensmittelindustrie hat Fortschritte gemacht. Dazu trinke ich ein Bier, das tue ich nicht oft. Und weil das erste so gut geschmeckt hat, trinke ich ein zweites, und ein drittes, dann ist aber aus. Eineinhalb Liter Bier ist eine hohe Dosis f\u00fcr eine zarte Frau wie mich, ich bin ganz sch\u00f6n anged\u00fcdelt. Ich lege mich ins Bett, alsbald schlafe ich ein.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume, dass ich im All schwebe. Ich trage keinen Raumanzug, trotzdem kann ich atmen, und die Temperatur liegt bei ungef\u00e4hr dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Gestirne um mich innerhalb der Schw\u00e4rze drehen sich langsam, und ich drehe mich im selben Tempo. Ich kann nichts greifen. Es gibt nichts zu tun. Ich bin lost in space.<\/p>\n<p>Ich wache auf. Es ist bereits Nacht, drau\u00dfen ist es dunkel, bis auf die Stra\u00dfenbeleuchtung. Im Schlafzimmer ist es hell. Ein leise singender sph\u00e4rischer Ton liegt in der Luft. Ich sehe nach, sowohl die Deckenlampe wie auch die Nachtk\u00e4stchenlampe sind ausgeschaltet, also m\u00fcsste es dunkel sein. Es ist aber hell. Ebenso in der K\u00fcche, im Wohnzimmer, im Vorzimmer, im WC und im Bad, es ist \u00fcberall hell bei ausgeschalteten Lampen. Jetzt sehe ich, wie sich der Vorraum biegt, er wird niedriger, rundet sich, dehnt sich in der L\u00e4nge. Er bildet einen Schlauch, dessen W\u00e4nde wie Perlmutt schimmern.<\/p>\n<p>Will ich zur\u00fcck ins Wohnzimmer, Schlafzimmer oder in die K\u00fcche, muss ich durch diesen Schlauch klettern. Und das tue ich auch: Auf allen vieren krabble ich diesen Schlauch entlang. Der sph\u00e4rische Ton ist verschwunden. Nach dem Ende des Schlauchs stehe ich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nun ist es ganz anders eingerichtet. Statt meines Einzelbetts steht dort eine Liege mit geschwungenem Kopfteil. In der K\u00fcche sind Prilblumen auf dem altert\u00fcmlichen K\u00fchlschrank und dem antiquierten Herd. Ein Flokati-Teppich bedeckt einen Teil des Bodens im Wohnzimmer, ein Kalender mit Palmen h\u00e4ngt an der Wand. Eine rote Markierung auf einer Kunststoffschiene zeigt den 4. Tag des Novembers im Jahr 1979.<\/p>\n<p>\u00dcber den Stuhl aus gebogenem Holz im Schlafzimmer sind ein karierter Rock und ein roter Rollkragenpullover geh\u00e4ngt. Ich blicke in den ovalen Spiegel mit Goldfarbeinfassung, der vorhin nicht hier war. Ich sehe mich selbst, nat\u00fcrlich, mit schwarzer Wallem\u00e4hne und einer gro\u00dfen, runden Brille.<\/p>\n<p>Auf dem Sideboard im Wohnzimmer liegen zwei Perlenohrringe und eine Eintrittskarte f\u00fcr die ZDF-Hitparade am 5. November 1979, morgen, sowie ein Zettel, auf dem in meiner Schrift: \u201eAbfahrt des Zuges nach Berlin um 12:21 Uhr\u201c steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\"><span style=\"color: #0066cc;\">fantastiques<\/span><\/a> | Inventarnummer: 18147<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin ein Gewohnheitstier. Sp\u00e4testens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon fr\u00fcher ein, wenn ich meine W\u00e4sche f\u00fcr morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. 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