{"id":8489,"date":"2018-08-10T11:25:28","date_gmt":"2018-08-10T11:25:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8489"},"modified":"2018-08-16T09:23:11","modified_gmt":"2018-08-16T09:23:11","slug":"erwarten-koennen-buehnenversion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8489","title":{"rendered":"Erwarten k\u00f6nnen (B\u00fchnenversion)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8489&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8489&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Drei Personen:<br \/>\nSprecher\/in (Text in Schwarz)<br \/>\nMarek, der tschechische Kellner (Text in Blau)<br \/>\nJana, der Gast (Text in Rot)<\/em><\/p>\n<p>Auch heute wurde Jana wieder der kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste Blick in das Lokal, von hier aus konnte man die anderen G\u00e4ste beobachten, aber auch hinaus auf den Hauptplatz blicken.<br \/>\nDas Pflaster der schmuck herausgeputzten Kleinstadt gl\u00e4nzte an diesem nasskalten, sp\u00e4ten Winterabend. Die pittoresken, liebevoll beleuchteten H\u00e4user mit ihren Fassaden, an denen die Jahrhunderte abzulesen waren, im Hintergrund der Turm des imposanten Schlosses.<\/p>\n<p>Sie hatte sich h\u00fcbsch gemacht, ihr festliches kirschrotes Jerseykleid brachte Rundes auf schmeichelhafte Weise zur Geltung.<br \/>\nSie trug es nicht oft, denn meist war die Farbe st\u00e4rker als sie selbst. Sie w\u00e4hlte das Kleid also nur, wenn sie dem Rot Kontra geben konnte. Etwa durch jene seltenen Gef\u00fchle von Ausgelassenheit und \u00dcbermut, die zu b\u00fcndeln ihr in jungen Jahren gut gelungen war.<br \/>\nHeute war dem Rot aber auch beizukommen, mit ausgepr\u00e4gter Gem\u00fctsruhe n\u00e4mlich.<br \/>\nGenau so ein Abend war heute, mit innerer Balance bot sie dem Rot die Stirn.<\/p>\n<p>Jana bl\u00e4tterte nahezu erwartungsvoll in der Getr\u00e4nkekarte, als ob diese heute ein g\u00e4nzlich neues Angebot f\u00fcr sie beinhalten k\u00f6nnte.<br \/>\nDer Kellner n\u00e4herte sich ihr nach einigen Minuten und fragte mit tschechischem Akzent: <span style=\"color: #0000ff;\">\u201eM\u00f6chten Sie bestellen, gn\u00e4dige Frau, oder warten Sie noch auf jemanden?\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">\u201eJa, ich warte. Aber ich w\u00fcrde dennoch gerne bestellen.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Das Restaurant war gut gef\u00fcllt. Die kleinen Tische waren fast ausschlie\u00dflich mit jeweils zwei oder drei Personen besetzt, darunter einige, die Jana als Touristen zu erkennen meinte.<br \/>\nDer Kellner stellte einen Gin Tonic auf Janas Tisch und machte dabei eine angedeutete Verbeugung.<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eIch habe mir erlaubt, ein kleines St\u00fcck Limette zu erg\u00e4nzen. Und wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Eine Dame wie Sie sollte man keinesfalls warten lassen.\u201c<\/span><br \/>\nSein Gesicht blieb dabei seltsam entspannt und er l\u00e4chelte sie offen an.<\/p>\n<p>Jana erwiderte \u00fcberrascht:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eDanke sehr, schon gut. Aber ich warte gern. Noch dazu bei dieser pr\u00e4chtigen Aussicht.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Er nickte und meinte zustimmend:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eJa, wir alle haben gelernt zu warten, schon als Kinder, auf die Ferien, auf das Christkind, auf die Geburtstagsfeier. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Der Sehnsucht war man ja recht hilflos ausgeliefert. Es war richtig schwer zu warten. Aber es hat die kindliche Vorfreude nicht getr\u00fcbt.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Jana antwortete freundlich:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eTja, so war es. Aber mittlerweile habe ich einen langen Atem. Man lernt schlie\u00dflich dazu, die Leerl\u00e4ufe im Alltag mit Gleichmut hinzunehmen: bis der neue Badezimmerschrank geliefert wird, der PC hochgefahren ist, oder der tr\u00e4ge Aufzug endlich eintrifft.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Jana f\u00fchlte sich hier wohl. Sie a\u00df ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren und trank ein Seidel Bier dazu. Danach genoss sie die Stille im Warten und das Nichts-zu-tun-Haben.<br \/>\nSie sah von ihrem Tisch aus durch das gro\u00dffl\u00e4chige Fenster auf die beleuchtete Stadt hinaus. Und sie hatte ausreichend Zeit, die h\u00fcbschen H\u00e4user der Stadt einzeln auszumachen und mit ihrem Blick am weihnachtlich beleuchteten Brunnen am Hauptplatz zu verharren.<br \/>\nDann gab ihr Smartphone ein kleines Signal und sie hatte Zeit, eine Nachricht ihrer Tochter Tereza, die in Budweis auf sie wartete, in aller Entspanntheit zu beantworten.<\/p>\n<p>Aus dem Nebenraum kommend, trug der Kellner einen Aschenbecher voller Zigarettenstummel an ihr vorbei, auf die Janas Blick fiel.<br \/>\nEr bemerkte es und fl\u00fcsterte ihr zu:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eSchlechthin <em>das<\/em> Synonym f\u00fcrs Warten.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Er blieb kurz stehen und sinnierte laut weiter:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eUnd es ist beileibe nicht immer Sehnsucht, die das Warten so schwer macht. Oft ist man dabei auch voller Furcht, beim Warten auf ein Pr\u00fcfungsergebnis, auf den Pannendienst, die Polizei, auf Asyl in einem friedlichen Land.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Jana setzte fort:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eJa, oft ist die Furcht existenziell beim Warten auf eine Diagnose, eine Spenderniere, auf Regen bei D\u00fcrre, auf den Wasserh\u00f6chststand bei \u00dcberschwemmung.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Er wirkte best\u00fcrzt angesichts der genannten Beispiele:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eMenschen warten praktisch immer auf bessere Zeiten, auf die gro\u00dfe Liebe, das Gl\u00fcck.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlte:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eIch fragte mich als junge Frau oft: Wann beginnt endlich das richtig sch\u00f6ne Leben, jetzt wo ich so viel abgenommen habe?\u201c<\/span><\/p>\n<p>Er lachte und sagte:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eOder das Warten auf Antwort von dem M\u00e4dchen, in das ich mich als Jugendlicher verliebt hatte \u2013 das war schwerer zu ertragen als die sp\u00e4tere Erkenntnis, dass sie mich gar keiner Antwort f\u00fcr w\u00fcrdig hielt.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Jana sah den Kellner erstaunt an, als dieser verschw\u00f6rerisch fortfuhr:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eUnd nicht zu vergessen, das Warten auf meine Frau, bis die sich endlich f\u00fcr die richtige Theatergarderobe entschieden hat.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Er entfernte sich z\u00fcgig Richtung K\u00fcche und Jana konnte gerade noch sehen, dass kleine Schwei\u00dftropfen auf seiner Stirn gl\u00e4nzten. Die Arbeitskleidung war hochgeschlossen, die bodenlange dunkle Sch\u00fcrze sah zwar professionell aus, musste aber unpraktisch sein, so mutma\u00dfte sie.<br \/>\nEin Gro\u00dfteil des Personals ist der Gastronomie kam aus Tschechien.<br \/>\nKellnern war harte Arbeit, viele G\u00e4ste blieben nur auf ein Getr\u00e4nk, die Tische wurden etwa halbst\u00fcndlich neu vergeben, es wurde bestellt und serviert und kassiert, alles mit ausgesuchter H\u00f6flichkeit und dennoch hielt der Kellner immer wieder einmal auf einem seiner Wege bei Jana an (oder schlug sogar einen kleinen Umweg \u00fcber ihren Tisch ein), um ihr gemeinsames kleines Gespr\u00e4ch \u00fcber das Warten fortzuf\u00fchren. Sei es auch nur mit einem Satz, dem sie aus Zeitmangel ihres Gespr\u00e4chspartners manchmal gar nichts entgegnen konnte:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eDas Gef\u00fchl, wenn der Installateur nicht und nicht daherkommt.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Ein paar Minuten sp\u00e4ter:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eHatten wir eigentlich das banale Wartezimmer schon? Und den Zug? Auf Bahnsteigen steht die Zeit ja oft scheinbar still.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Abservieren am Nebentisch:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eVom endlosen Warten auf den Sommer ganz zu schweigen.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Abkassieren einer aufw\u00e4ndig zu teilenden Zeche einer Gruppe Touristen murmelte ihm Jana zu:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eNicht zu vergessen das Warten auf den Zahlkellner.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">\u201eOh, Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, gn\u00e4dige Frau?\u201c<\/span><br \/>\nEr wirkte m\u00fcde, es war 23 Uhr.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">\u201eNein, nein, aber ich h\u00e4tte noch gerne ein K\u00e4nnchen gr\u00fcnen Tee, bitte, wenn Sie so nett w\u00e4ren.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Das Warten war f\u00fcr Jana heute kein unliebsamer Zustand. Sie f\u00fchlte sich nicht passiv oder einer Langeweile ausgesetzt, sondern es erm\u00f6glichte ihr auf eine entschleunigte, fast poetische Art, in sich selbst hineinzuhorchen und r\u00fcckwirkend das nun schon fast vergangene Jahr zu betrachten.<\/p>\n<p>Da sah sie den Kellner, der mit dem Tee auf sie zusteuerte und ihr beinahe keck zuraunte:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eUnd erst das Warten auf die <em>eine<\/em> Gelegenheit!\u201c<\/span><br \/>\nEr entfernte sich beinahe triumphierend angesichts ihres verdutzten Blicks.<\/p>\n<p>Als die Glocken der Stadtpfarrkirche begannen, mit ihrem mahnenden Gel\u00e4ut zur Mette zur rufen, ging Jana kurz vor die T\u00fcr.<br \/>\n<em>Diese<\/em> Glocken luden nicht froh zum Feiern, nein sie forderten vehement die Disziplin zum Kirchgang ein. Und diesem \u00fcberm\u00e4chtigen Klang war nichts hinzuzuf\u00fcgen oder entgegenzusetzen, er erf\u00fcllte den Raum und die Zeit aller, egal ob katholisch oder nicht.<\/p>\n<p>Als sie wieder zur\u00fcckging, hatte sich das Lokal beinahe geleert und die mittern\u00e4chtliche Sperrstunde nahte.<br \/>\nDer Kellner sah auf seine Armbanduhr und l\u00f6ste seine Arbeitssch\u00fcrze, w\u00e4hrend er \u2013 abwechselnd mit Jana \u2013 heiter und zusammenhanglos die eine oder andere Wartesituation aufz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich fasste Jana den Kellner spontan am Arm, er drehte sich \u00fcberrascht zu ihr und folgte ihrem Blick durch das gro\u00dfe Fenster hinaus auf den Hauptplatz:<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">\u201eOh, sieh nur, Marek, jetzt ist er da, der Schnee! Er kommt stets nach Belieben einfach irgendwann. Oder man wacht auf, und er ist pl\u00f6tzlich da, \u00fcber Nacht.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">\u201eOder man rechnet nicht mit ihm, bis dich pl\u00f6tzlich jemand an der Schulter fasst und aus dem Fenster deutet.\u201c<\/span><br \/>\nDer Kellner Marek fuhr Jana liebevoll \u00fcber den Kopf:<br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u201eAber jetzt komm, Jana meine Liebe, lass uns nach Hause fahren, Zeit f\u00fcr <em>unser<\/em> Weihnachten. Tereza wartet schon so lang auf uns. Ich m\u00f6chte jetzt wirklich gerne meine Beine hochlegen. Wir haben doch noch die gestern angebrochene Flasche von dem Rotwein? Und Hunger habe ich auch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Wie sch\u00f6n, dass du mir Gesellschaft geleistet hast und auf mich gewartet hast.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<br \/>\nSzenisch dargeboten bei <a href=\"http:\/\/www.theaterzeit.at\/\" target=\"_blank\">Theaterzeit Freistadt 2018<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 18132<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Personen: Sprecher\/in (Text in Schwarz) Marek, der tschechische Kellner (Text in Blau) Jana, der Gast (Text in Rot) Auch heute wurde Jana wieder der kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste Blick in das Lokal, von hier aus konnte man die anderen G\u00e4ste beobachten, aber auch hinaus auf den Hauptplatz blicken. 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